Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes

Part 9

Chapter 93,762 wordsPublic domain

Wenn das Fuhrwerk einmal das Weichbild der Garnison verließ und auf Feldwege kam, begann Dauphin heftig die Luft in die Nasenlöcher zu zerren, der Hals bog sich steil vom Kummet in die Höhe, und es ist wahrscheinlich, daß vor seinem geistigen Auge sich die Bilder seiner frühesten Jugend zeigten, das Glück der Einfachheit im kleinumzirkten Leben hinter den Bergen. Alsdann ging's aber jeweils wieder zur Stadt zurück, in die Kaserne, und die stolze Kurve des Halses sank wieder.

Der Koch der dritten Kompagnie, der es gut mit Dauphin meinte, hielt ihm oft eine Handvoll Kartoffeln unter die Nase, aber Dauphin wollte sich nicht gerne öffentlich mit Kartoffeln füttern lassen und biß nur selten an, wenn er nicht gerade ganz großen Hunger hatte, und oft geschah es, daß der Koch ihm die weichen Kartoffeln in die Nüstern stumpfte. Da schreckte Dauphin wie aus Träumen auf, ließ entsetzt die Kartoffeln fallen und sah den Spatzen zu, die sogleich sich drüber hermachten und zwilchten und zankten, bis alles aufgefressen war.

Auch die Kinder umjubelten Dauphin immer seltener und schließlich gar nicht mehr. Ja, es kam so weit, daß sie, wenn sie ihn bei seinem Balthasar sahen, zu rufen begannen:

„E Zigga! e Zigga!” als ob dieser Laut Dauphins neuer Name gewesen wäre, Dauphins Soldatenname!

XV

Einmal aber geschah dies: Dauphin trottelte so auf dem Pflaster hin durch den Schatten und hört plötzlich seinen wirklichen Namen rufen:

„Dauphin!”

Er reißt den Kopf hoch, -- spürt er nicht den Husarenschweif zwischen den Ohren schwanken? --, stößt kümmerlich, aber voller Ungeduld die Luft aus den Lippen und biegt den Kopf zurück und sieht um sich.

Wieder ruft jemand:

„Dauphin!”

Auf einem mit alten Schuhen hoch beladenen Wagen vorm offenen Tor der „Kammer” steht ein Soldat, hält einen Stiefel in der Hand und ruft „Dauphin”. Der Soldat lacht laut und ruft etwas, kommt aber nicht, und Dauphin trottelt weiter, indeß Balthasar zu dem Soldaten zurückguckt und auch weitergeht. Dauphin aber läßt den Kopf nicht mehr sinken und reißt die Augen weit auf und strengt sich an, die Ohren hoch zu halten. Er spürt, wie er mit dem Kopfe heftig nickt, den Husarenbusch wirklich an die Ohren wedeln, er sieht nach den Rippen, die wie Faßreifen um seinen Bauch liegen, und sieht ein goldbordiertes Purpurmantelettchen. Das sieht er ganz gewiß! Und er hört die liebe Stimme seines ersten Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen. Balthasar guckt zurück, was heißen soll: „Na los!”, aber Dauphin bleibt stehen und nickt mit dem Kopfe heftig auf und ab.

„Los!” kreischt Balthasar neben der Zigarre heraus und klatscht in die Hände, wartet einen Augenblick, kommt zurück, nimmt Dauphin am Zügel und will ihn mit sich ziehen.

Aber Dauphin hebt keinen Fuß und läßt sich nicht so mir nichts dir nichts fortzerren.

Der Soldat auf dem Schuhwagen lacht, sieben Bäume weit entfernt, und wirft einen Stiefel nach Dauphin, der aber nicht trifft, und ruft:

„Ganz recht, Schwammbruder, das hast du nicht nötig!”

„Wer ist Dauphin?” fragt Balthasar den Soldaten neben der Zigarre heraus und stützt die Fäuste in die Hüften, und der Soldat erzählt allerhand von Dauphin, indeß Dauphin mit dem Kopfe nickt und auch schon mit dem linken Vorderfuße krampfhaft scharrt.

„So, so, so!” sagt Balthasar, daß die Zigarre zwischen den Lippen tanzt, und gibt ihm einen gelinden, freundlichen Handschlag auf den Schenkel, worauf Dauphin anzieht und den Kopf sinken läßt und mit seinem Spülicht zum Tor hinausgeht.

Balthasar sagt kein Wort und ist still wie immer und hat die Hände auf dem Rücken liegen wie immer.

Am Horizonte des tierischen, vom Leide erregten Bewußtseins aber schnitt weiterhin gleich einer Sternschnuppe die Erinnerung an große Tage vorbei. Die Kinder vorm Kasernentor hatten Dauphins wirklichen Namen noch nicht vernommen, und Balthasar schritt wortlos neben Dauphins Kopfe. Niemand hatte seither Dauphin erkannt. Niemand wußte oder ahnte, wen er da eigentlich vor sich hatte.

Im Fortnicken berührte Dauphin bisweilen, wie er sonst nie getan, mit seinem Maule des Mannes schmutzigen Aermel; dauernd knapperte er an seinem Zaum herum, der ihm viel zu groß war, den Gott weiß welcher Klepper schon zerkaut hatte!

Sie hielten an einem Wirtshaus an, und Balthasar, der noch nie ein Wirtshaus aufgesucht hatte, ließ Dauphin mit seinem Wagen in den Schatten der Gartenbäume treten, die da in Reih und Glied, noch ziemlich jung, aufwuchsen, und trat in das Haus.

Nebenan saßen an einem Tisch zwei Arbeiter und vesperten.

Dauphin sah in einem von innen verhängten Schaufenster sein Bild und zog den Wagen sogleich hin, um sich näher zu betrachten.

Richtig, die Blesse! Die Blesse auf der Stirne leuchtete förmlich aus der dunkeln Scheibe: der Kuß der Königin, die Erinnerung an den glorreichen Tag Dauphins.

Und nun begann Dauphin sich wieder zu recken, ward größer, und seine Haut umstraffte die Rippen, und seine Augen füllten sich wie Königslogen in zwei erhabenen Halbkugeln mit jungem Glanz.

Er sah sich um: Es machte den Eindruck, als sähe er nach seinem ersten Direktor oder nach der Königin. Er sah, wie Kinder am Zaune des Biergartens gleich Soldaten exerzierten und sangen: „Wer will unter die Soldaten”, und: „Büblein, wirst du ein Rekrut”.

Da streckte Dauphin den Kopf wagrecht von sich und wieherte durch die breiten Nüstern und entblößte die Zähne, schüttelte den Kopf in der Längsachse und stieß seinen Freudenschrei aus, den alle hören mußten.

Die Kinder hörten das auch, und Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe und scharrte mit dem linken Vorderfuß, daß alle Kinder zu ihm hinkamen. Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe und scharrte dann so heftig mit dem linken Vorderfuß, daß der Kies auf- und davonsprühte.

Die Kinder kamen auf den richtigen Gedanken und begannen mit Dauphin zu plaudern.

„Hast du Hunger?” Dauphin nickte.

„Hast du Durst? Dann beiß in die Wurst! Kannst du Bier trinken?”

Dauphin konnte alles, jawohl ihr Kinder, warum etwa nicht?!

Ein Bübchen lief zu den vespernden Arbeitern, kletterte, so klein war es noch, auf einen Stuhl, wischte mit den Händen in den Bierkringeln herum, die von den Gläsern dalagen, und kam zurück. Es hielt sein bierbefeuchtetes Händchen Dauphin an die Nase, und Dauphin, dem das ungeheuer Spaß machte, -- es war so fröhlich wie früher im Zirkus --, nieste dreimal hintereinander.

Hellauf lachten die Kinder.

Dauphin spürte deutlich den Husarenbusch zwischen den Ohren.

Er sah in den Spiegel, aber den Husarenbusch sah er nicht: der war ihm abgenommen worden, den hatte man ihm soeben abgenommen!

Und etwas seitab sah er, als die Arbeiter gerade fortgingen, eine Leiter stehen, die vor der Stalltür ziemlich steil zum Heuschober hinaufgelegt war.

Da wußte Dauphin, was nun kommen müsse, denn hinter der Leiter sah seine Seele auch seinen geliebten Direktor stehen: Nun müsse das große, halsbrechende Kunststück kommen, das allen Zuschauern, -- wißt ihr's noch, ihr lauten Kinder? --, den Atem nahm.

Er zog sein Wägelchen hin und trat mit dem linken Vorderfuß auf die erste Sprosse der Leiter.

Da sahen die Kinder, daß das kluge Pferdchen von seinen Strängen sehr beengt war, und sie spannten es aus.

Wie nun Dauphin frei aus den Sielen tritt, wird's ihm ganz leicht zumute. Er hebt die Beine auf die erste und die zweite und dann das linke Vorderbein gar auf die dritte Sprosse.

Und wie Dauphin sich gerade abdrücken will, um frei aufrecht zu stehen, kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus, und die Kinder zerstieben zwischen den Bäumen hinaus auf die Straße.

Da läßt Dauphin die Beine langsam von der Leiter hinab und wird eingespannt, und es geht in die Fabrik mit den hohen und niedrigen Schornsteinen. Ganz fröhlich trottet Dauphin hinter Balthasar drein ...

Unterwegs sagt Balthasar wieder einmal etwas zu Dauphin! Er sagt:

„Ich weiß genau, was du willst, Zirkusmann: zur Leiter willst du hinauf, zur Hühnerleiter! Willst über mich hinaus und schließlich auch von oben auf mich herabkotzen! Aber ich will dir schon helfen, wenn's auf mich ankommt!”

Als sie ins Kasernentor eingebogen waren, schritt Balthasar quer übern Kies, der wie gefrorene Tränen dalag, auf die Kammer zu.

Dauphin stellte die Ohren, um vielleicht wieder seinen Namen rufen zu hören, der Hals schweifte steil auf, am linken Vorderbein erzitterte eine Muskel.

Gar nicht lange verweilte Balthasar in der Kammer; der Feldwebel kommt mit ihm heraus, und trägt in der Hand eine Peitsche, die anscheinend für schwere Artillerie bestimmt ist, gibt sie Balthasar, und sie treten zu Dauphin her.

„Wie ist er sonst im Dienst?” fragt der Feldwebel, und Balthasar entgegnet:

„Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm noch im Kopf!”

Jedoch der Feldwebel nimmt dem Alten die Peitsche wieder ab, schlägt ihm leichthin auf die Achsel und sagt:

„Wenn's sonst nichts ist: uns allen steckt der Zirkus noch im Kopf, Balzer, los, vertragt euch miteinander! Wir haben halt allerhand Kostgänger!”

Sie vertrugen sich noch über zwei Jahre!

Ewig dasselbe spielte sich in Dauphins Umgebung ab: Menschen kamen, wurden entmenscht, für den Tod uniformiert, mit dem Tode vielgestaltig ausgestattet, gingen hell bekränzt irgendwohin, den Tod bringen, kamen nicht mehr oder kamen, vom Tode gestreift und gezeichnet, wieder zurück. Menschen fluchten ihres Daseins, wenn sie knirschend auf dem Angesichte lagen und den Kies zwischen den Zähnen zerbissen, um sich vor dem Zuchthaus zu bewahren. Männer fielen und schnellten wieder auf wie an Schnüren aufgereiht, und das Kommando schwirrte über sie her wie Säbelstreiche. Frauen und Kinder standen außen hinter dem Gitter und sahen zu und weinten ob der Erniedrigung. Wenn Dauphin Kinder weinen sah, ließ er den Hals noch tiefer sinken, so daß das weite Kummet fast herabgleitete auf das Tränental. Schaum troff hernieder aus seinem hungrigen Maul.

Ein Frühling kam, und die Kinder sangen nicht und spielten nicht Ringelreihen auf den Plätzen! Die Vögel sangen in den Büschen, aber die Platzpatronen auf den Schießständen verschlangen den Vogelruf! Die Blumen blühten an den Rainen, aber die jungen Mädchen kamen nicht, sie zu pflücken! Die Fleischfuhren wurden leichter, die Spülichtfuhren schwerer. Der Gesang der Glocken verstummte, und nur ein jämmerliches Gestammel blieb übrig! Keine Fahne flog mehr über die Dächer, und die Straßen füllten sich mit Krüppeln. Die Schreie erregter Generale tobten um die Stadt, und in allen Häusern weinten Frauen und Kinder! Leichenzüge schlängelten sich in den winkeligen Straßen. Aus den Spülichtfässern zog Balthasar Brotreste und Knochen und aß daran.

Ein Sommer kam, und die Leichenzüge begegneten sich an den Portalen der Friedhöfe! Hauptleute schrien Siege aus, aber die Soldaten stimmten nicht mit ein und wandten die Augen zu Boden! Immer noch lagen Männer mit grauen Bärten vor jugendlichen Gecken im Staub und bissen an den Kieseln des Jammertales! Der Sommer kam, und die Ernte blieb im Regen sitzen, weil die Frauen zermürbt waren von der schrecklichen Arbeit und weil die Kühe müde waren von der schrecklichen Arbeit! Eine Kuh schlappte, wo früher zwei Pferde galoppierten.

Ein Herbst kam, und Soldaten wurden korporalschaftsweise in das vergitterte Haus geführt, weil sie zu Hause ihre Ernte einbringen wollten anstatt tagelang zu üben, wie man den Herrn Leutnant grüßt! Kinder stürmten ans Rathaus der Stadt und schrien um Brot. Da Soldaten Maschinengewehre herbeibrachten statt Brot, liefen die Kinder wieder heim. Unheimlich mehrten sich die Verstümmelten! Die Soldaten standen beisammen und redeten leise. Balthasar blieb bei ihnen stehen; sie hefteten ihm ihre eisernen Kreuze an! Balthasar ließ sich's gefallen, und als er auf der Brust keinen Platz mehr hatte und auf dem Rücken auch nicht, da zog er Dauphin in die Schar der Soldaten, und sie banden Dauphin ein eisernes Kreuz über die Stirn, daß es gerade in die weiße Blesse hing.

Ein Offizier geht vorüber, sieht genau, was da geschieht, schwenkt seitab und nestelt die klingenden Ehrenzeichen von seiner wattierten Brust. Und sogleich rennen bewaffnete Kameraden herzu, umstellen die Schar und führen sie samt Balthasar ins vergitterte Haus.

Dem kleinen Dauphin reißt man das Kreuz von der Stirn, tritt ihn in die Seiten und stößt ihn gegen die Mitte des Hofes, wo er hinstürzt in den scharfen Kies. Er erhebt sich wieder von selbst, Blut sickert aus seinen Knien, er trottelt seinem Stalle zu und zieht das Wägelchen an einem Strang hinter sich her. Ein anderer Balthasar kommt zu ihm an den Stall, ein junger, starker Kerl, der statt des rechten Auges eine eingefältelte Narbe in der Höhle hat.

Er trägt Balthasars Mütze: er raucht Zigaretten, er fängt gleich am ersten Tage an, Dauphin zu striegeln, putzt die Krippe aus und mistet und schmiert Dauphins Hufe mit Schmalz, das er aus der Küche der Offiziere brachte. Die Herren Feldwebel beginnen auf einmal Dauphin zu kennen, streicheln sein reinliches Fell, rufen ihn Maxel und lassen ihre Kinder auf ihm reiten. Selbst Offiziere kommen im Stall zu Dauphin her; wenn sie mit dem neuen Herrn irgend etwas Wichtiges geredet haben, ziehen sie ihre Handschuhe an und tätscheln seine festlich sauberen Backen und tätscheln auch ohne Handschuhe. Etliche sagen zu dem einäugigen Herrn „Du” und stecken ihre Zigaretten an der seinen an.

Da zieht Dauphin eines Tages sein Wägelchen übern Hof, und tausende von Soldaten haben sich hier versammelt, wirr durcheinander, hochgerüstet, und auf den Dächern steigen rote Fahnen in die Höhe, die Soldaten stürmen aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder heraus, rote Fetzen, schwingen sie und stecken sich kleine Rosetten in die Knopflöcher. Dauphin wird vielfach rot bewimpelt, und ein Rosettchen baumelt in der Blesse und in den Zöpfen der glänzenden Mähne.

Tische werden aufgestellt, auf die Tische wird ein Tisch geschoben, und der Einäugige steigt hinauf und beginnt mit weithin schallender Stimme, daß zwischen den Mauern ein Echo wach wird, seine Rede zu halten.

Als er sagte, der deutsche Kronprinz müsse einem süddeutschen Schuster in Erziehung gegeben werden, da löste sich ein Soldat, der schon oft zu Dauphin hergesehen hatte, aus seiner Umgebung und kam zu ihm. Er legte den Arm um den festlich geschmückten Hals des Tieres und flüsterte ihm in die gespitzten Ohren:

„Dauphin, Dauphin! Ist's das Mißgeschick aller Dauphins, daß sie zu Schustern in die Lehre kommen müssen? Auch du bist nach deiner Glanzzeit in rauhe Wirklichkeit verstoßen worden, aber du hast keine Schuld an deinem Geschick!”

Hände wurden gen Himmel ausgestreckt, Schreie wuchsen wie Bergzüge hinan, vereinzelt krachten Schüsse gegen die kalten Wolken. Ein Wind hub an; manche Sätze des Redners waren unverstehbar, manche deutlich zu hören:

„Als das Bübchen vierzehn Jahre alt war, versprach ihm sein kaiserlicher Papa: wenn du dereinst wirst dreißig sein, darfst du an der Spitze meiner Truppen ~au milieu de mes troupes~ in Paris einziehen!”

„Hörst du's, Dauphin? Denkst du an den Kuß der Königin, wie auch du an der Spitze unserer, ach, so fröhlichmachenden Truppe durch die Arena triumphiertest? Keine Menschen mußten unsertwegen sterben, und manche vergrämte Seele hat sich an uns wieder gesund gefreut! Weißt du's noch, Dauphin?”

Dauphin stand entzückt da, und der Geist, der aus den Soldaten aufbegehrte, riß den seinen mit sich fort. Er streckte den Kopf hochauf, er entblößte die Zähne, er scharrte mit dem linken Vorderfuß, und die Kiesel schwirrten den Soldaten, die um ihn standen, ins Gesicht. Sie wußten, daß das Gäulchen sich nicht gut anders freuen konnte und ertrugen die Kiesel, und einer reichte ihm ein Stück Zucker hin. Dauphin schüttelte plötzlich den Kopf und nickte mit dem Kopfe, und der Soldat, der ihn vom Zirkus her kannte, besänftigte seine Freude, indem er ihm sachte über die Blesse strich.

„Auf Vater und Mutter schießen!” schrie der Redner und wiederholte: „Auf Vater und Mutter schießen!”

„Auf Vater und Mutter schießen!” tobte die ganze Versammlung, und Dauphin, in dessen Herz unter allerlei Unrat noch mehr Natur lebte als in vielen Menschenherzen, stellte sich plötzlich, als sei dieses verruchte Wort der Weckruf seiner tiefsten Erlebnisse, all seiner Freuden, all seiner Schmerzen, auf die Hinterbeine und stieß einen klagenden Laut zum Himmel.

„Das unvernünftige Tier,” rief der Redner, „seht, seht, es bäumt sich auf angesichts solcher Schändlichkeiten! Die Natur, die Natur bricht über jene herein, weil wir selber jene Unnatur nicht gerichtet haben! Und nun werden wir, weil wir's nicht getan haben, mitgerichtet werden! Seht dem Junker, der uns peitschte, hier in Berlin, in Straßburg, in Köln, in Regensburg und in Stuttgart, seht ihm in die Augen! Was seht ihr da? ... Das Tier!!”

„Das Tier!!” krischen die Mannschaften, und das Echo wollte nicht enden.

„Nein!” begann der Redner wieder, „nicht das Tier! Nicht das Tier!”

„Den Teufel” schrie einer. „Den Teufel!” erwiderten etliche.

„Ja, den Teufel! Den Bösen! Das Böse! Den Feind des Guten! Den Feind der Menschheit, den Feind alles Menschlichen! Sie kommen mit dem Mordgewehr zur Taufe! Mit vierzehn Jahren stehen sie als Leutnant auf dem Kasernenhof, den sie zeitlebens nicht mehr verlassen! Menschen dressieren, Menschen schikanieren, drangsalieren, von Kasernengeneration zu Kasernengeneration! Die Peitsche, die Peitsche über das deutsche Volk! Sie wollen Frankreich vernichten, England an Zeppelinen verankern, lichten und im Ozean draußen niederlassen! Kaiser, Könige, Fürsten aller Schattierungen ließen sich von ihnen und von ihren Hohenzollern ihren Glanz und ihre Macht garantieren und verschrieben sich und ihre Landeskinder ihrem Blutwahn! Hohen Zoll zahlten wir ihnen und ihren Hohenzollern! Ihre Namen kann man nicht aussprechen, man zerbricht sich die Zunge! Die meisten endigen auf ow! O W! O weh!! rufe ich aus, o weh!! gutes deutsches Volk! Herrliches Volk des Gemüts, des Herzens, armes, zerschundenes Volk, gekreuzigtes Volk! Und doch wieder: Törichtes Volk! Dummes Volk! Was gingst du nur zu gern in ihre Schützengräben! Der dich so gleich hineinjagte, hat von jeher das Wort verachtet! Diese Diplomaten -- das ist ein echtes Hohenzollernwort -- verdarben uns den Braten! Uns, uns, Männern des Schwertes! Was ließest du dich so leicht betören!”

Der Einäugige hielt inne und fuhr dann fort:

„Aber Revolution ist Tat!: Auf! Auf, zur Revolution!”

Er riß sein Seitengewehr heraus, schwang es in die Luft, deutete nach der Fahne, die auf dem Hauptgebäude flatterte, und schrie:

„Schwarz, weiß, rot! Was daran junkerisch ist, schwarz und weiß, das reißt ab! Was übrig bleibt, sei unsere Fahne: Das Rot der wahren Freiheit ... Versteht mich nicht falsch: Das Rot der befreiten Menschenliebe, die Farbe unseres Blutes, des Lebens, des heiligen Geistes, der in Flammen über uns kommen möge! Auf zur Tat! Auf zur befreienden Tat!”

Der Einäugige sprang von dem Tisch herab, und nun folgten ihm alle zum Tor hinaus, und auch Dauphin lief mit.

Am Kasernentor aber sieht Dauphin Balthasar, und Balthasar zieht das Gäulchen aus dem begeisterten Soldatenknäul und nimmt es wieder zurück in seinen neuen Alltag.

Jedoch dieser neue Alltag blieb wie der alte. Was ging Balthasar die Revolution an? Kehricht, Spülicht, ab und zu ein duftendes Pfuhl! Mit Fleisch versehen, mag sich, wer will! Ganze Länder gibt's, die sich nicht wollen revolutionieren lassen: was braucht Balthasar eine Revolution?

Dauphin aber, dem die Revolution also nicht bessere Zeiten zu bringen schien, hatte unverhofft Glück!

XVI

Er stand am Ladenfenster eines Herrenschneiders und träumte in das helle Glas. Weil er letzter Tage schon öfter dagestanden, indeß der Balthasar drinnen im Laden weilte, sah er mehr nach den goldenen Buchstaben des Schneidernamens als nach seiner Blesse.

Plötzlich schollern schwerste Räder übers Pflaster der Straße, erschreckt sieht Dauphin um und sieht wuchtige Kanonen daherkommen, von wuchtigen Pferden gezogen. Maskiert sind Pferde und Kanonen, mit Schmutz beschmiert, mit Oelfarben aller Art, und die Kanoniere sitzen oben, und ihre Köpfe hängen tief auf die Knie herab, und auch die Gäule schreiten müde dahin. Wenn ganz einmal einer der Soldaten den Kopf hochträgt und die Augen in die Zuschauer sinken läßt, sieht man unendliche Traurigkeit in diesen Augen, und die Menschen, die da stehen, gehen heim und verwinden die Tränen.

In der Ladentür steht Balthasar bei dem Schneidermeister und hat eine dunkle Weste an, die mit weißen Reihfäden allerlustigst durchsprenkelt ist, und über die gelblichen Hemdsärmel hängt das Metermaß.

Dauphin hat keine Ruhe mehr. Den Balthasar konnte er kaum erkennen, wollte ihn vielleicht auch nicht recht erkennen, und als er wieder im Laden verschwunden war, zog Dauphin sein Wägelchen an und zog es neben einer gestutzten Abwehrkanone her, die mit vier Füchsen bespannt war. Der Lärm der schweren Geschütze verschlang natürlich das Gekläpper des Wägelchens vollauf, und Balthasar merkte nichts.

Als die versunkenen Kanoniere erst weit draußen vor der Stadt den kleinen Abenteurer neben sich entdeckten, stiegen sie ab und banden ihn kurzerhand, ohne zu beachten, wie sehr er widerstrebte, an den nächsten Apfelbaum, der am Wege stand. Sie liefen eiligst ihrem Fuhrwerk, das unterdessen nicht halten konnte, nach und sprangen auf, und Dauphin flehte die, die unausgesetzt an ihm vorüberzogen, um Erbarmen an, daß sie ihn doch seiner Fessel entledigen und mitnehmen sollten. Und weil Soldaten sich auf die Pferdesprache manchmal recht gut verstehen, wenn sie wollen, geschah es, daß einer sich von seinem Protzkasten schwang und Dauphins Fessel löste und auch die Stränge des Wagens loskettete. Just im selben Augenblick, als Dauphin ausreißen wollte in die unsichere Freiheit des Nichtmehrganzjungen, da stand Balthasar hinter ihm und kettete die Stränge wieder ein, drehte das kleine Fuhrwerk stadtwärts, und Dauphin ließ den Kopf wieder hängen, denn er schämte sich vor den großen Gäulen sehr.

In die Kaserne ging's!

„Noch ein Weilchen Geduld, feiner Herr!” sprach Balthasar zu Hause, „die Hühnerleiter ist zwar schon herumgedreht: was unten war, ist heute oben, aber wir müssen nicht tollkühn sein und uns noch einen Tag gedulden können!”

Dieser Tag kam nach drei Tagen!

Balthasar trug einen neuen Anzug, einen schwarzen, steifen Hut und einen Spazierstock mit Silberkrücke. Dauphin ward nicht eingespannt, sondern durfte, nur mit dem Halfter bekleidet, an dem ein Lederriemen hing, mitgehen. Sie machten Halt in einer Wirtschaft der Stadt, und Dauphin ward in einen Stall geschoben, wo noch drei große Gäule standen, die vor Hunger stampften.

Kaum war Balthasar in der Wirtschaft verschwunden, so kamen zwei Burschen in den Stall, banden eilig den kleinen Dauphin los und führten ihn durch ein Hintertürchen -- Dauphin verstand es wohl, sich zu bücken -- davon.

Die drei Burschen liefen querfeldein und kamen nach einer Stunde auf einem großen Platze an, wo anscheinend der ganze Zug, der gestern durch die Stadt sich träg und ermattet hingeschlängelt, aufgelöst sich ausbreitete.

Da gab's offenbar etwas Neues! Dauphin reckte den vom Joch befreiten Hals mit glorreichem Schwunge in die Höhe, um nicht übersehen zu werden, denn er war doch daran gewöhnt, geachtet und sogar ausgezeichnet zu sein!

Kannte Dauphin nicht einen dieser dicken Kerle da? Hatte er nicht mit einem dieser roten Hengste einst sogar Freundschaft? Er zerrte an seiner Leine, und einer der Füchse legte seinen starken Hals über Dauphins Mähne ... Dauphin wibberte, indeß er so in dieser Liebkosung verharrte, am Heu eines Protzkastens, fraß nicht, hälmelte nur so und war seit langer Zeit wieder einmal durchaus beglückt!

Bauern, die Dauphin schon oft neben müden Kühen durch die Stadt hatte schlendern sehen, ergingen sich zwischen den abgeschirrten Pferden, rieben die Hände aneinander und lachten sich an und guckten den starken Gäulen in die aufgerissenen Mäuler. Dauphin hätte sich nicht so von jedermann in den Mund gucken lassen!