Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes
Part 7
„Da guck, da guck! Dauphin, verfluchtes Sauvieh, guck dir den Jochem an!”
Er setzt Jochem auf Dauphins Rücken, und der ganze Zirkus ist im siebenten Himmel. Dauphin trabt einher, eine kleine Tänzerin hoppst herbei wie ein Flugzeug, das angekurbelt ist, schwingt sich auf Dauphins schmalen Rücken, nimmt das Kindchen auf den Schoß und reitet so dahin, wirft's in die Luft, fängt's wieder, küßt es, drückt es an sich und jauchzt wie die Menschen hinter den Bergen vor Freiluft und Freude. Wer jauchzt da mit? Wer schweigt da noch?
Dauphin, Dauphin, du hättest die Freude der Freiluft schon vergessen?
Ha, Dauphin streckt, indes er wacker weiterläuft, den Kopf weit nach vorn und stößt einen Schrei aus, der seltsam klingt wie eine Schalmei aus Weiden, wie ein Hirtenlied auf der „Zeil”.
Nur ein Viertelstündchen währt das fröhliche Zwischenspiel, die kleine Tänzerin seilt sich an, klappst Dauphin auf den Schenkel und sagt:
„Fort, Kleinzeug, mach' morgen deine Sache besser!”
XI
Dauphin machte am nächsten Tage seine Sache wieder besser, wie er überhaupt ein gelehriger Schüler war! Allein trotz aller Gelehrigkeit, trotz alles besten Willens geschah es sehr oft, daß Dauphin die große und die kleine Peitsche zu verspüren hatte, und wenn die Menschen, da er seine Errungenschaften ihnen darbot, Freude empfanden an ihm, wenn die Kinder ihn bejubelten mit ihren kleinen Händen, so dachten sie nur selten daran, daß hinter dieser Stellung vielleicht hundert Geißelhiebe staken, daß dieser so überaus lustige Sprung vielleicht tausend Geißelhiebe beansprucht hatte! „Mit Wunden ganz bedecket”, zerschlagen, zerschunden an Leib und Seele kam Dauphin oftmals in die fröhliche Arena, aus den Händen der Häscher, aus dem verruchten Lederriemengesicht des Direktors in die überzuckerte freundliche Miene des Abends angesichts der Menschen, die ergötzt sein wollten! Hundert Stunden höchste Qual für ein Viertelstündchen Menschenbelustigung! Hundert Stunden Erniedrigung für ein Viertelstündchen kleinfrohe Menschenlaune!
Trotz aller Qual behielt Dauphin doch den inneren Frieden, die Freude: den Menschen Freude zu bereiten, sei es, daß durch eine überaus glückliche Veranlagung seine Seele all ihre Leiden, die zur Freude der Menschen führen sollten, leicht ertrug und leicht verwand, sei es, daß die göttliche Meinung des Bauern Klaus: glücklich machen heiße glücklich sein! in dieser Seele Dauphins heilsam wirkte!
Untrüglich und jedem zugänglich, der Sinn für Seele hat, lebte ein großes Mitleid in Dauphin, eine Lust, Leiden tragen zu helfen, Leiden mindern zu helfen, und es muß gesagt sein, daß die meisten Schläge, die er erhielt, freiwillige Schläge waren, indem er oft und immer wieder die entfesselte Wut des Dresseurs von seinen Kameraden auf sich ablenkte.
Es fiel dem Direktor bald auf, daß alle Dressuren, die er mit Dauphin allein vornahm, rasch und bestens sich erledigten, während die Korporationsdressuren, anstatt durch Dauphins Mitwirkung sich zu erleichtern, keineswegs einen Vorteil von ihm hatten.
So kam es, daß, als Dauphin die elementarsten Begriffe der Kunst besaß, daß er an einen Zirkus verkauft wurde, der sich einen Solisten seiner Art eher leisten konnte.
Als Dauphin abgeholt wurde, lag Frühlingsschnee auf den Zelten, und Burschen gingen mit langen Stangen, an die oben quer ein Brett genagelt war, umher und schüttelten die Schneemassen von den tief hereinhängenden Dachzelten. Dauphin mußte, bevor er abgeführt wurde, sein gesamtes Können vor den Augen des neuen Herrn entfalten, und vor Eifer und Freude brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Die Burschen, die ihn liebgewonnen hatten, rieben ihm den Schweiß aus den Haaren, und der neue Herr wunderte sich und fragte, ob Dauphin überhaupt so leicht schwitze?
„Keineswegs!” entgegnete der alte Herr, „der Eifer steckt in ihm, es rumort überhaupt allerlei Gutes in dem Kind; er eignet sich zum Steiger, er hat Musike im Bauch, und wenn es gut geht, bringt er's zu was ordentlichem!”
Auch Wallenstein, der die Elementarschule erledigt hatte, zog mit Dauphin zusammengekoppelt fort in den größeren Zirkus, der in der Nachbarstadt weilte. Sie fuhren nicht mit der Eisenbahn, sie marschierten zu Fuß der Stadt entgegen, die kaum drei Stunden entfernt lag.
An einem Abhang pflügte ein Bauer mit zwei dicken Ackergäulen. Wallenstein ward unruhig, drehte oft den Kopf nach der Feldarbeit und zog leise aber stets an der Koppel, so daß Dauphin gar nicht leicht zu gehen hatte. Was wollte er nur? Er wieherte, daß dem kleinen Dauphin der Speichel an die Nüstern spritzte, er peitschte mit dem Schweif, er trug die Ohren hochgestellt, und endlich geschah etwas: Wallenstein riß so heftig an der Koppel, daß Dauphin nicht widerstehen konnte, vielleicht auch nicht widerstehen wollte, und im Nu feuern die beiden Freunde seitab und rasen über die Aecker den Abhang hinan in hellem Galopp querfeldein. Der zierliche, weißgebleßte Dauphin spürte zwar Schmerzen am Munde, aber was sind denn Schmerzen gegen Freude? eine Wonne, mit dem starken Wallenstein auf- und davonzugehen! Er möchte größer sein, stärker sein, hurra, er möchte den starken Wallenstein selber noch fortreißen können, irgendwohin fort, er möchte Führer sein, Verführer, er möchte den großen Kerl verführen zu allerlei losen Streichen!
Die Häscher kamen natürlich! Wallenstein wurde gepeitscht, Dauphin nicht! Dauphin sah großäugig und neidisch zu, wie Wallenstein angesichts der Ackergäule gepeitscht wurde, und blieb verschont! Ordentlich mitleidig sahen die schweren Kerle aus den Augenwinkeln auf Dauphin herab, als sei er der Verführte, als sei er nur mitgezerrt worden und sei schuldlos wie ein Kind.
In diesem neuen Leben gefiel es Dauphin besser als früher. Nur selten brauchte er mit den übrigen Pferden zu exerzieren, um so öfter aber und um so länger mußte er vor dem neuen Direktor seine Uebungen machen. Mit großer Leichtigkeit erlernte er alles, was man von ihm verlangte: er stellte sich auf die Hinterbeine, und es dauerte nicht lange, so entwöhnten sich die herabhängenden Vorderbeine, lästig zu zucken, zu schlagen und überängstlich zu tasten nach einer Stütze! Musik begann oft zu erschallen, wenn er so stand, der Direktor fuchtelte graziös mit den Händen in der Luft herum und summte die Melodie mit und sang dazu:
„~L'amour est l'enfant du bohême,~ ~Elle n'a jamais, jamais connu de loi!~”
Heisa, wenn auch noch die Peitschenspitze an Dauphins Hinterhufen herumzutrommeln anfing, so konnten sich diese Füße nicht mehr halten und trippelten dahin und dorthin und erhaschten bald den Taktschlag der Weise! Da konnte der Herr Direktor getrost seine Peitsche beiseite werfen und näherkommen! Konnte ganz nahekommen, konnte seinen linken Arm über Dauphins rechtes Bein, den rechten unters linke Bein schieben, so daß seine Brust des Pferdchens Brust berührte, und: Kinder! Kinder! habt ihr schon so etwas gesehen? Sie tanzen miteinander, sie tanzen miteinander, der Direktor tanzt mit eurem kleinen Freunde Dauphin!
Das vollbrachte Dauphin! Er vollbrachte, was man von ihm verlangte: er zählte die Jahre seines jungen Lebens, und wenn er dabei sieben angab und also log, so war das seine Lüge nicht! Er zählte die Stunden des Tages, die Lebensjahre eines jeden Menschen, der sein Alter nicht mehr zu wissen schien, er holte aus dem Publikum jenen Kerl heraus, der seinen Namen „Dauphin” norddeutsch ausgesprochen hatte „Dauphäng!” Er fand den versteckten Gänsedieb, wo immer auch er sich versteckt haben mochte, er schoß mit dem linken Vorderfuß eine Kanone ab und mehr, er verbeugt sich höchst manierlich vor seiner Königin!
Kinder, Kinder, so etwas habt ihr noch nirgends gesehen! Euer Spielzeug daheim hat eine Feder im Bauch, aber Dauphin hat eine Seele! Kein Wunder, daß die Kinder das kleine Gäulchen mit der weißen Blesse so gern hatten! Die Kinder des ganzen Reiches kannten ihn, liebten ihn, träumten von ihm wie vom Weihnachtsbaum! In den Zeitungen lasen sie über ihn, wenn er kam, wenn er gastierte, wenn er ging. An den Plakatsäulen sahen sie ihn in hellen, fröhlichen Farben, und vergaßen ihre Schule und ihren Mittagstisch. Wenn sie mit ihren Eltern im Zirkus saßen, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Wenn sie die Ställe besuchen durften, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Väter photographierten Dauphin. Ein ganz kleines Kind kam einmal im Stall auf Dauphin zu und sagte: „Ich heiße Tarl Tnöpfle!”
So also sprang Dauphin Abend für Abend im Lichte der Arena umher durch den Beifall der von ihm beglückten Menschen, bald in dieser, bald in jener Stadt.
XII
Den tollsten Abend aber, zugleich den glorreichsten und erkenntnisreichsten, erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch des Krieges in jener rheinischen Stadt, die sich wie eine Braut in den liebenden Arm des Flusses schmiegt.
Als er seine Kunst so weit beendet hatte, daß er meinte, nun müsse er hinaus aus der feierlichen Arena, da kam der Direktor nochmals auf ihn zu, zog ihm vor allem Volk das goldbetreßte Purpurmantelettchen aus und nahm den weißen Husarenbüschel von seiner Stirn, so daß er schließlich ganz nackt dastand. Vom hohen Thron herab fragte der König laut und mit großer Handbewegung schräg nach oben, daß all seine Ringe aufblitzten:
„Was kannst du noch, Freund Dauphin?”
Dauphin schüttelte den Kopf.
„Sonst kannst du nichts?” fragte schelmisch die sanfte Königin und lächelte und schüttelte das gekrönte Haupt, als wisse sie genau, daß Dauphin noch etwas ganz Besonderes könne, und zu ihrem hohen Gemahl sagte sie hinüber:
„Versprachen Sie mir nicht: Dauphin übertreffe seinen Ruf?”
Da kam zum Glück der Direktor mit seiner Leiter, und nun fiel es dem kleinen Gäulchen ein, daß es noch etwas könne: Es stieß heftig den Atem durch die Nüstern, sah zu den zwei Buben, die bei einem Offizier saßen, die es schon öfter betrachtet hatte, als spiele es nur für sie, und schritt so seinem Direktor entgegen. Dieser stützt die Leiter auf, und Dauphin hebt den linken Vorderfuß auf die erste Sprosse der Leiter, dann den rechten und steigt so Sprosse um Sprosse hinauf bis zur fünften. Nun wirft er den Kopf hoch, drückt sich ab, steht frei, fest und stabil, ohne den Schwung der Freidressur, auf den Hinterbeinen und marschiert so im raschwechselnden Rhythmus der volldröhnenden Musikkapelle in allen Gangarten durch die Arena hin. (Die Kinder denken an ihr Spielzeug, das eine Feder im Bauch hat!)
Der Marsch bricht ab! Dauphin steht wieder auf den vier Beinen. Einen Augenblick nur steht er so da und rennt nun im Kreise herum, toll vor Glück, schießt nacheinander sieben Kanonen ab, auf denen der kaiserliche Adler prangt, und rast durch den Vorhang hinaus.
Kommt sofort wieder, läuft schnurstracks auf die beiden Buben zu, biegt kurz ab, als habe er sich geirrt, und kniet plötzlich vor dem Thron des Königs und der Königin nieder.
Und nun geschieht's: Die Königin erhebt sich von ihrem Thron! Mit einem blauen Seidentüchlein wischt sie sich über die feuchten Augen, kommt herab zu Dauphin, beugt sich weit vor, daß ihre Gewänder steil von den schmalen Schultern herunterfließen, daß ihre Krone fast wankt, und küßt Dauphin auf die weiße Blesse ...
Dauphin hört und sieht nichts mehr, hält die Augen geschlossen und spürt diesen warmen Kuß auf der Stirn. Er reckt geschlossenen Auges den Kopf steil in die Höhe, entblößt die Zähne von den Lippen, läßt den Kopf niedersinken, läßt ihn tief herabsinken und weiß offenbar nicht, was er tun soll.
Zwar hört er allerlei Geklopf und Getick, aber er verharrt in seiner Verzückung, und die Menschen klatschen ihm und lächeln sich an vor Glück und Freude über das geküßte Kind.
Als Dauphin dann doch die Augen aufschlägt, schleppen Sklaven und Sklavenpferde den Thronsaal, ein werktägiges Balkengerüst, fort, eine Dame hängt am Trapez, und alle Leute sehen nach der Dame! ...
Da springt Dauphin auf und davon und schämt sich, weil er es so eilig hat! Der Wärter empfängt ihn draußen, die Menge klatscht wieder, die Kinder rufen nach ihm, aber der Wärter zerrt ihn an den Ohren am großen Spiegel vorbei nach dem Stalle zu.
Vor den Ställen stehen fünfundsechzig Pferde beisammen. Mit Ehrfurcht in den Augen sehen sie den kleinen Dauphin kommen, lassen die Köpfe hängen, bewegen sich nicht, heben die Augen und sehen gleich wieder weg. Wallenstein steht auch da; er knappert mit den Zähnen am Randblech eines Wagendaches. Dauphin schiebt sich zu ihm hin. Der Große läßt den Kopf über den Hals des Kleinen sinken, als wolle er das Wunderkind beschützen, und dieses reibt die Stirn an den straffen Lippen Wallensteins: der Kuß der Königin brennt ihn!
Der Direktor kommt herzu, gibt Dauphin ein Stück Zucker und sagt:
„Heut Nacht darfst du bei Wallenstein schlafen!”
Der starke Wallenstein tritt mit dem feinnervigen Künstler Dauphin in sein Stallzelt. Sie fressen aus einer Krippe und legen sich bald zum Schlafe nieder, und Dauphins Köpfchen ruht auf Wallensteins festem Halse.
Dauphin kann nicht einschlafen: er spürt den Kuß der Königin auf der Stirn und sieht auch wohl den großen Spiegel vor Augen. Dann schläft er doch ein Weilchen: es ist ihm, als kämen tausend Kinder zu ihm in die Arena, als streichelten sie ihn, als küßten sie ihn alle auf denselben Fleck der Stirn.
Er erwacht wieder, schiebt den Kopf nach Wallensteins Ohren und reibt dort hin und her, und Wallenstein schnarcht, hebt den Kopf und läßt ihn wieder sinken und schnarcht weiter.
Steif hochauf reckt Dauphin den schlanken Kopf in die stille Nacht der Genossen und läßt die schweren Lippen von den Zähnen weghängen und die breiten weißen Zähnchen aufleuchten.
Am Morgen, da Dauphin, allen Schmuckes bar, zur Probe am Spiegel vorübergeht, sieht er auf seiner Stirn sicher zum erstenmal in seinem Leben die weiße Blesse!
In dieser Stadt überraschte den zarten Dauphin der garstige Krieg.
XIII
Eines Abends fehlen bei der Vorstellung die bunten Offiziere, die Menschen reden lauter und kargen mit Beifall. Und mitten in der Nacht, da alles schon schläft, werden plötzlich in allen Zeltställen die Lichter angedreht, alle Pferde werden in die Arena geführt, und Offiziere suchen die stärksten und schönsten aus und stellen sie zu Paaren.
Wie Dauphin sieht, daß auch Wallenstein mit ausgemustert ist, läuft er zu ihm hin.
Ein Offizier aber schlägt ihm verächtlich auf die Backen, sagt: „Na Kleiner, dich wollen wir hier lassen,” und zerrt ihn weg. Dauphin aber möchte bei Wallenstein bleiben! Und wie die Pferde mit den Offizieren fortziehen, läuft er nochmals zu Wallenstein hin und wird wieder fortgejagt.
„Fort zurück, ihr da, in den Stall!” ruft der Direktor, und Dauphin geht in seinen Stall. Die Löwen brüllen in den Käfigen, die Affen kratzen an ihren Holzwänden, auf dem Pflaster der Straße vorm Eingang zum Zirkus tuten und schollern Automobile, und Pferde trappeln in endlosen Prozessionen durch die Nacht. Das Getrappel foltert den kleinen Dauphin.
Morgens fand keine Probe statt. Wenn die Sacktür des Stalles sich hob, sah Dauphin den blauen Wohnwagen des Direktors stehen. Künstler fütterten, Künstler halfen das große Zelt abschlagen, Künstlerinnen trugen die Schürzen der Wärter.
Wenn Dauphin sich die übriggebliebenen sieben Pferde ansah, ward er traurig: Keiner von ihnen wußte anzugeben, etwa wie alt er sei, wieviel Uhr es sei, keiner konnte auf den Hinterbeinen laufen; es waren simple, halbstarke Reitpferde für Akrobatinnen, Sklavenpferde, Sklaven samt und sonders! Der kleine, überaus hellweiße Schimmel, dessen Fußhaare über die Hufe gekräuselt herabhingen, der äußerst oberflächlich in Kunst und Wissenschaft war, konnte wenigstens durch einen Reif springen! Dauphin war sehr traurig.
Was mochte nur los sein? Warum durfte Dauphin nicht dabei sein?
Dauphin wurde mit seinen sieben Genossen zu zweimal Vieren zusammengekoppelt und gleich einer Kinderschule ausgeführt. Alle Straßen der Stadt und alle Straßen außer der Stadt waren voller Soldaten; Regimenter marschierten dahin und dorthin und sangen, Automobile, mit dem roten Kreuz geschmückt, rasten, hundert hintereinander, die Hauptstraße hin, Pferde und immer wieder Pferde, mehr Pferde als Menschen!
Auf der Brückenrampe sah Dauphin seinen Freund Wallenstein, der mit fünf dicken Gäulen eine riesige Kanone die Rampe hinaufzog. Als Wallenstein Dauphin sah, wieherte er, schlug einen leichten Trab an und zog ganz mörderisch an seinen Strängen. Welch eine Wonne mußte das sein für ihn!
Wie gern hätte Dauphin geholfen, mit der Kraft seiner Muskeln die Kanone ziehen, -- er hatte in der Arena schon manche Kanone gezogen --, aber er war an den schäbigen Rest der einstigen Zirkusherrlichkeit gefesselt und konnte sich nicht befreien. Seine Augen wölbten sich und bettelten: „Wallenstein!! Komm, Großer, Starker, hilf, hilf doch deinem kleinen Freunde!” Aber der hatte keine Zeit, und Dauphin mußte zurück, heimzu, hinter seine Sacktür.
Täglich wurden die Acht ausgeführt. Die Sieben foppten Dauphin, rissen, wenn er außen ging, die Koppel nach links, daß er mit den Hinterbeinen aus dem Glied treten mußte und vom Wärter einen Schlag bekam. Wenn er innen ging, zerrten sie sich nach den Seiten von ihm weg, daß die Wärter meinen mußten, er, Dauphin, sei der Störenfried, der seine Nachbarn belästige. Ging er im vorderen Glied, so wurde er gekitzelt, ging er im hinteren, so flog ihm irgendein Pferdeschweif über die Augen. Es geschah selbst, daß der oberflächliche Schimmel, nur um dem Wärter darzutun, er sei belästigt worden, aufs Geratewohl nach hinten gegen Dauphin ausfeuerte und zurücksah, und der Wärter, der seine Pferde nicht kannte -- und besonders Dauphin nicht kannte --, sah seitab nach den lauten Dingen der Straße, und hieb ohne weiteres immer auf Dauphin ein. Oh, wenn Wallenstein dabei gewesen wäre!
Eines Tages kam ein Offizier mit breiten, roten Streifen an den Beinkleidern. Er hielt eine Zeitung in der Hand und sagte:
„Wo ist Dauphin?”
Dauphin wurde losgebunden und aus dem Stall geführt, und die sieben Gesellen mußten zurückbleiben. Der Offizier strich ihm über die Ohren und sagte:
„Stark genug ist er schon!”
„Er hat Qualitäten und steht auf dem Höhepunkt seiner Kraft,” entgegnete der Direktor, und Dauphin, der die Stunde der Befreiung, die Stunde seiner Tauglichkeit ahnte, nickte lebhaft mit dem Kopfe und scharrte mit dem linken Vorderbein, spürte fast den stolzen Husarenbusch, den er seit Wochen nicht mehr getragen, zwischen seinen Ohren schwanken und streckte die Nüstern gegen des Befreiers braunbekleidete Hand.
„Wie alt bist du, Dauphin?” fragte der Offizier freundlich, und der Direktor machte sein Geheimzeichen und sprach:
„Na, sag's dem Herrn General, wie alt du bist!”
Und Dauphin nickte siebenmal mit dem Kopfe.
Dann sah er von der Straße her zwei Buben am blauen Wohnwagen vorbei herzulaufen. Die Buben riefen schon von weitem:
„Der Dauphin, der Dauphin!” und schwangen die Mützen und kamen herbei, und Dauphin reckte den Kopf längs zu ihnen hin und zeigte seine Zähne.
Der eine konnte Dauphin die weiße Blesse streicheln, den anderen mußte der General heben, daß er es auch tun konnte.
Der Große zog seine Uhr aus dem Matrosenblüslein, hielt sie Dauphin hin und sagte:
„Na, wieviel?”
„Können Sie bis zwanzig zählen, Dauphin?” fragte der Kleine.
„Geduld, Jungens!” sagte der General, und der Direktor ließ Dauphin bis zwanzig zählen und ließ ihn die Uhr ablesen, und der Große beobachtete genau das Geheimzeichen des Direktors.
Dann mußte Dauphin mit den Buben übern Platz laufen, rundum, so schnell er konnte, und dann lief er noch lange allein, da die Buben schon müde waren und auf den im Erdboden steckengebliebenen Zeltpfählen hockten.
Der General hob nunmehr die Sacktür, und Dauphin schlüpfte in den Stall. Der General kam, der Direktor, der Wärter und die Buben kamen; aber Dauphin wurde angebunden, und alle gingen wieder fort.
Dauernd sah Dauphin nach der Sacktür, und alle seine Gefährten sahen hin und machten große, glotzige Augen wie Kühe.
Und siehe, gegen Abend -- Dauphin war ganz allein im Stalle -- schlüpften die Generalsbuben herein, banden sich Dauphin los und stürmten mit ihm, der stets zu tollen Streichen aufgelegt war, übern Platz an den Wohnwagen, und am Wohnwagen hob ein Soldat aus einem zweiräderigen, gelbgestrichenen Kastenwägelchen ein Kummet und schob es Dauphin übern Kopf. In die Schere ward Dauphin eingeschoben, die Buben sprangen auf, der Soldat sprang auf -- Dauphin hatte in der Arena schon allerhand Wagen gezogen und sogar schon Kanonen -- und husch gings übern Platz hin und her und rundum und dann hopp, hopp, übers Pflaster in die Stadt hinein durch alle Straßen hin, an hunderttausend Menschen vorbei und zur Stadt hinaus an den Fluß. Eine Wonne war's, mit eigener Muskelkraft solche Dinge zu vollbringen! Dauphin achtete, ob nicht der weiße Husarenbüschel an seine Ohren wedele, ob nicht seine goldverbrämte Purpurdecke ihn jucke oder sonstwie sich bemerkbar mache.
Eine winzige Kaserne war in die Erde gebaut, und nur die Seite, wo Drilchsoldaten Pfeife rauchten, war zu sehen. Ueber dem Portale stand dick in schwarzen Lettern: Fort Großherzog von Hessen! Der größere Preußenbub bog sich zum Soldaten und sagte:
„Nach Fort fehlt ein Komma oder ein Ausrufezeichen!”
„Oho!” entgegnete der Soldat, „das werd' ich aber Madame sagen, daß du nicht weißt, was ein Fort ist, und daß du gar einen gekrönten Fürsten aus seinem Reich vertreiben willst!”
Draußen am Fluß stellten sich die Buben im Wagen auf und nahmen Leine und Peitsche, und der Soldat blieb sitzen. Sie schlugen Dauphin an die Lenden, aber das tat nicht weh! Dauphin lief wie noch nie in seinem Leben, und sein Herz flog vor ihm her.
Drüben im Schatten trottelte die verwahrloste Kleinkinderschule. Als Dauphin sie kaum gesehen, war sie schon hinter ihm. Dauphin wieherte laut, was heißen konnte:
„Schreit doch, ihr Generalsbuben, lacht doch, schlagt mich doch, tobt euch doch aus an mir, ich bin auf dem Höhepunkt meiner physischen Kraft!”
Ein großer Sandplatz schob sich in den Wald hinein zu beiden Seiten der Straße. Ein Flieger stieg hinten auf, ließ Leuchtkugeln rudelweise in die Dämmerung fallen; Kanonen, die auf Wällen standen, richteten ihre Rohre nach ihm, und Kommandos erschallten weithin. Infanteristen gingen, ausgeschwärmt, durch die Gräben über die Straße, rasselten an den Schlössern ihrer Gewehre, und viele verloren, weil sie vor dem rasenden Dauphin förmlich flüchten mußten, in der Eile etliche ihrer Patronenhülsen.
Tausend Gäule -- war nicht Wallenstein dabei? -- trabten am Waldrand, indeß Kanoniere, an langen Seilen geschultert, schwere Geschütze durch den Sand zogen. Hinterm Wall aus dem Wald kam heftiges Geknatter, und Dauphins Fußeisen knatterten nicht minder heftig auf der Steinstraße.
Plötzlich stand der General da mitten auf der Straße, Dauphins Befreier!
Dauphin rannte zu ihm hin und blieb halten. Aus seinen Nüstern stieß sich sein Atem, sein ganzer Körper dampfte, die Adern am Kopf waren fingerdick geschwollen: Das war die Kraft, die in ihm stak, die sich freimachte und ihn so beglückte, so überaus beglückte! Doch plötzlich senken sich die Lider über die jungfrohen Augen und Dauphin bricht zusammen, kugelt auf den Rücken und streckt die vier Beine zum Himmel.
Als er daheim im Stall wieder erwachte, fühlte er sich so von allem Physischen befreit, daß seine Seele wie in Gedankenanflügen sich ergehen konnte. Er, Dauphin, gehörte doch gleich Wallenstein unter die Soldaten, in die Menge, in die körperliche Arbeit, zu den Strapazen! Was ist Kunst, und was ist Wissenschaft, was ist selbst der Kuß einer Königin?