Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes
Part 6
Alle fielen auf die Knie, mühsam zwar, doch rasch und fast gleichmäßig! Nur Miezi kam nicht herunter. Die Peitschenspitze züngelte herbei; trommelte an den Schienbeinen des kleinen Gäulchens umher, unausgesetzt wie Spechtgehämmer, aber das Kleine konnte nicht herabkommen. Es sank zur Hälfte und strauchelte und sprang wieder auf. Die Peitsche knallte heftig. Die anderen Tiere konnten aber solange nicht auf den Knien liegen und turnten auf. Wieder erschallte die erregte Stimme:
„~À genoux!~”
Glatt sanken die sechs Tiere, und Miezi blieb unterwegs hocken; die Peitsche trommelte.
„~À genoux, à genoux!~” trommelte die Peitsche von weit her, wo der Direktor stand. Sie trommelte wider die Beine, wider die Knie, sie kletterte an Miezi empor, bis an Hals und Augen, sie tickte an seine Ohren!
Plötzlich aber flog die Peitsche seitab in den Sand, die sechs größeren Tiere bogen nach dem Ausgang und durften hinterm Vorhang verschwinden, und nur Miezi blieb zurück!
Der Direktor bekam eine kurze Lederpeitsche, einen Riemen eigentlich, und trat zu den zwei Neulingen, zu Riesele und seinem Freund, hielt diese Peitsche steil vor deren Augen und sagte:
„Die Wünschelrute! Die Wünschelrute der Ordnunk, der Schönheit und alles Glückes!”
Er lachte dazu, und seine Augen und sein Mund verschwanden in einem Gemisch von tiefen Falten, die wie in Leder gezogen sein Gesicht zergeißelten.
„~À genoux, à genoux, à genoux!~” schrie er, indes er sich Miezi näherte, die unbeweglich stehen blieb, obwohl sie doch lieber fortgelaufen wäre! Er faßte ihren linken Vorderfuß, ihren Unterschenkel, bog ihn mit aller Kraft zur Erde, zog und drückte zugleich das winzige Körperchen nach unten, das willig folgte, wenn auch der Kopf ängstlich sich aufreckte, wie bei einem Kind, das man in den Fluß taucht. Ganz sachte berührte schließlich das zierliche Knie den Sand, und der Dresseur tat seine Hand weg. Jedoch sogleich federte Miezi in die Höhe. Aeußerst in Liebe ließ er die kurze Peitsche an seiner freien Hand herabhängen, streichelte den Unterschenkel wieder, sagte:
„Miezerl, Miezerl, Schnuckerl!” und bog und drückte wieder sanft und bestimmt nach unten. Wieder setzte Miezi keinen Widerstand und sank herab, indes ihr Kopf sich aufreckte.
„Muß ich den Kadett wieder durch den Kakao schleifen!” knirschte der Direktor.
Riesele stand an seinem Balken, straff alle Muskeln angespannt, und rührte sich nicht. Doch als Miezi wieder aufschnellte, zuckte es heftig zusammen wie von einem Schlag erschreckt. Der Fuchs regte sich nicht; er zerrte bisweilen an seiner Leine, um an einer Stuhllehne, die vor ihm stand, zu knuppern.
Der Dresseur aber nahm nun die kurze Peitsche in die andere Hand und schlug zweimal auf Miezis Rücken. Wieder schmeichelte er, wieder bog und drückte er den willigen Fuß zum Sande, wieder entfernte er die helfende Hand, und Miezi sprang auf. Wieder zuckte die Peitsche auf, aber diesmal legte sie nicht zwei Schläge auf den Rücken, sondern klatschte an die Seiten, an die empfindlichen Seiten, und das kleine Ding blieb stehen, ohne sich zu regen und ließ sich peitschen, und nur die Haut zuckte erschüttert nach den Hieben.
Riesele streckte den Kopf lang vor sich aus und schüttelte ihn.
Die Qual in der Manege begann wieder. Diesmal wollte sich das Knie nicht so bereitwillig beugen lassen, schien schon vor der umfassenden Liebkosung der Hand sich wehren zu wollen und gab erst nach, als ein Faustschlag es zwang. Die Augen des Dresseurs hoben sich von unten herauf zu Miezis Augen, und Miezi erkannte vielleicht die vielen Ruten in dem verhaßten Gesicht und streckte das halbgebeugte Knie wieder. Da ließ sich der Dresseur auf seine beiden Knie herab, schlug mit der kurzen Peitsche hinauf gegen Maul, Nase und Ohren, und das Tierchen hob sich auf die Hinterbeine, und seine überaus kindlichen Vorderhufe schwebten über des Dresseurs Schultern wie Trommelschlägel. Dieser zuckte auf, als seien diese Hufe gefährlich für ihn und schleuderte das Körperchen rücklings von sich, so daß es überstürzte und platt auf den Rücken plumpste!
Er stand, der Dresseur! Er schwang die kurze Peitsche hochauf, er ließ sie niedersausen auf den sich darbietenden Leib, holte mit dem Fuße aus und schlug den Fuß, der mit schweren Schuhen bekleidet war, dem kleinen Gäulchen in die Rippen, daß der leichte Körper ein Stückchen davonrutschte im Sand. Nochmals bohrte sich dieser Fuß in die Seiten, und der Ruck, den er verursachte, ließ das Tierchen aufspringen auf seine vier Beine.
Schaum spritzt von dem Pferdemund gegen den Dresseur, und dieser faßt das dünne Halfter, rafft alles Geriem zusammen in seiner großen Hand, zerrt Miezi etwas zu sich heran, murmelt vor sich hin:
„Junk, Junk, du hast keene Ahnunk nisch!” und faßt die Peitsche fester. Sein Mund sprudelt über, indes er zu schlagen beginnt:
„Ein Lama biste nisch! Nisch? biste Lama, das speecht? Nee! Nee! Scheeler Minister!”
Und dann, da die Hiebe rascher niedersausen, kreischt er unausgesetzt zur Musik der Hiebe:
„~À genoux! À genoux! À genoux!~”
Man weiß nicht, wer die Laute schreit, ob der Mund des Dresseurs sie klatscht, ob die Peitsche den französischen Laut zischt!
Riesele streckte den Kopf steil in die Höhe und schrie. Der Direktor kam daraufhin zu ihm her, ließ unterwegs die Peitsche fallen, holte aus der Rocktasche ein Stück Zucker und hielt es Riesele hin, und indes Riesele das Stück nahm, streichelte er über seinen Hals und sagte:
„Recht so, recht so, du wirst einmal besser, nisch?”
Und dann legte er seine überschweißte Wange an Rieseles Wange und sagte liebreich:
„Dauphäng, Dauphäng!”
Miezi rührte sich nicht; Schaum stand vor ihrem Munde.
„~À genoux, À genoux!~” trällert der Direktor wieder und kommt näher zu Miezi, hebt die Peitsche auf, bückt sich, erfaßt den Unterschenkel und läßt sich auf ein Knie nieder.
„Rudolf herbei!” kreischt er.
Aus der Reihe von Burschen, Männern und Mädchen, die da umherstehen und gucken, springt einer in die Manege und wirft die Zigarette von sich. Er trägt eine kurze Peitsche mit sich und stellt sich mit gespreizten Beinen neben seinen Direktor und neben Miezi.
„~À genoux!~” schreit dieser wieder, und Miezi hebt gefällig den Huf in die hingehaltene Hand, gibt bereitwillig dem Druck und dem Zug dieser Hand nach und senkt den vorderen Körper zur Erde herab. Jedoch, da das Knie den Sand berührt, zuckt der Kopf auf, und das ganze Körperchen zuckt mit. Rudolf, der Bursche, reißt einen Schlag über diesen Kopf, daß Riesele zusammenzuckt und an seiner Leine zerrt. Umsonst, der Kopf Miezis turnt weiter, aber das Knie ruht fest im Sand, fest in der Hand. Einen Augenblick ruht auch der Kopf, und:
„Brav, brav!” ruft der Direktor, „so ist's brav, Miezi!”
Ueber des Tierchens Kopf steht ein kleiner, dreispitziger Stahl aus der Hand Rudolfs herab. Berührt fast die Haut zwischen den Ohren!
Festgeklemmt zwischen Hände, Peitschen, Stahl und Menschenwillen, steht Miezi und rührt sich nicht mehr.
Die Hand des Dresseurs will sich unten vom Schenkel lösen.
„Miezerl, Miezerl, liab Dingele, Zuckerle gibt's, Zuckerle! So isch's brav, liabs, so isch es liab!”
Miezi aber wird, da die Finger sich lösen, unruhig, der Kopf stößt, stößt in die drei Stahlspitzen, das ganze Körperchen wirft sich auf, der Dresseur fällt um, Rudolf haut mit Fäusten drein, Miezi stürzt über den Dresseur, wird hinweggerissen, rast, den Dreizack in der Stirn, nach dem Ausgang, wo die Knechte stehen, und wird dort aufgefangen und auf Armen zurückgetragen zu seinen Quälern. Rudolf reißt den Stahl aus der Haut und steckt ihn ein, der Direktor hebt die beiden Fäuste über sich, als schleppe er einen Felsen, und geht so auf Miezi los, und in seinem Antlitz schwirren die Lederriemen umher.
Ein Strömlein roten Blutes sickert Miezi über die weiße Nase herab.
Der Direktor achtet nicht darauf, er streckt die Hände aus, Rudolf reicht ihm die Peitsche, er flüstert für sich:
„Immer feste druff! Immer feste druff!” Er sagt laut zu den Umstehenden:
„Jibt man ihm seinen Hafer ~pour~ nisch?”
Die Sklaven lächeln im Chor:
„~Pas du tout!~” und:
„Nur die Ruhe kann es machen!” sagt der Dresseur und nähert sich Miezi. Er spreizt die Beine, stößt sich die Fäuste in die Hüften, beugt den Oberkörper gegen Miezi und spuckt ihr ins Gesicht, hebt den Zeigefinger weit übern Kopf, wirft ihn nach dem Ausgang zu und gibt Miezi einen Tritt, daß sie etliche Schritte machen muß, und die Sklaven holen das Tier ab in den Stall.
Der Dresseur zieht wieder sein rotes Schnupftuch, wischt sich über die Stirn und geht auf Riesele zu und sagt:
„Die kleine Dame, die du eben kennen jelernt hast, meint, sie habe jetzt ihren Willen durchjesetzt, aber sie wird erst morgen erfahren, wie sie sich täuscht! Ich sehe es dir an, du bist von anderem Schrot und Korn. Aber da bist du jerade recht jekommen! Und du Großer: na, wir werden uns ooch noch zu sprechen haben!”
Er wandte sich ab:
„Wo stecken die Oojuste?”
Sie sprangen vor, die Auguste, drei Stück! Der Dresseur schnalzte mit der Zunge, sie warfen ihre leichten Körper zum salto mortale zurück und standen auch schon wieder in Reih und Glied.
„Auf die Hände!” schrie der Dresseur. Sie schwangen sich auf die Hände und liefen im Kreise, die lange Peitsche schleifte hinter ihnen drein.
„~Changez!~” Sie wechselten die Richtung.
„Ab, gut!”
Der Direktor wandte sich und schrie:
„Dauphäng! Hast du das gesehen? -- Kein Schlag!”
Er wandte sich.
„Tierschutzverein?” rief er dann, „wer fragt?”
Der dickste von den dreien fragte den Direktor:
„Sind Sie im Tierschutzverein?”
„Sind -- Sie -- im -- Tier -- schutz -- ver -- ein?” äffte der Direktor nach, „wer wird so damlich fragen?”
Alle drei schrien sie nun, jeder in seiner Art und mit fröhlichen Bewegungen der Hände, der Augen, der Beine auf ihn ein:
„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”
„Aha, natürlich! Natürlich bin ich im Tierschutzverein! Wie könnt ihr fragen? Wißt ihr nisch, daß ich ein Freund des Kronprinzen bin?”
„Laß doch den Kronprinzen beiseit!” flötete eine Frauenstimme aus dem Hintergrund, und der Direktor starrte stumm nach der Stimme.
„Immer Reklame für den Kronprinzen, der jibt dir en Dreck dafür!”
„Iß er etwa nisch Protektor des Tierschutzvereins? -- Iß er wohl!”
„Laß ihm doch sein Pläsier!”
„Pläsier? Sein Pläsier schaut anders aus!”
„Er liebt die Jagd! ... Weißt: von wegen Tierschutzverein! Aber laß ihn aus unsrer Manege, er hat genug mit der seinen! Und zudem: uns Kunstbagage steht wie überhaupt armen Leuten der Patriotismus der Gasse nicht recht zu Mund!”
„Gut, nehm ich das Warenhaus des Westens!”
„Natürlich, nimm doch das Warenhaus des Westens!”
„Also nochmal Aujust: Sind Sie ...”
„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”
„Aha, natürlich! Natürlich bin ich im Tierschutzverein! Wie kannst du fragen? Weißt du nisch, daß ich ein Freund des Kaufhauses des ...”
„Ja, verehrter Gatte, nur heraus damit: daß ich ein Freund vom Kaufhaus ...”
„... also, daß ich ein Freund vom Kaufhaus des Westens ... nein! das paßt nisch, Rosa! Das, das, das paßt nisch!”
„Nu, dann nimm ihn, deinen Kollegen, den Kronprinzen, voran also! Nochmals von vorn!”
„Gut, gut, also, wir wollen nicht nochmal von vorn anfangen, sonst machts die Madame wieder entzwei! Wenn du sagst, Oojust, daß du Mitglied ... halt: du sagst das überhaupt nisch vom Automobilschutzverein, du springst gleich auf deinen Menschenschutzverein und stellst dich so hin, kuck! Diese Geste!!!”
„Gehste mir mit deiner Geste!” krisch die Frauenstimme, „du verdirbst mir mit deiner Kronprinzenmoral das ganze Geschäft! Ab!! Los!! Hol wieder dein Faß, alter Diogenes und deine Laterne, wenn ihr Witze machen wollt! Witze müssen rollen wie Erbsen aus dem Faß, müssen Knallerbsen sein und keinen Pulvergestank verbreiten! Los, ins Faß, alte Erbse, vertrockneter Diogenes!”
Der Direktor lachte aufdringlich, als wolle er glauben machen, seine Frau spaße, und dies Gespaß sei eher eine Liebkosung als ein Tadel, und er begann, laut nach seinem Faß zu schreien und klatschte dabei heftig in die Hände ... Das Faß rollte heran, der Dresseur verkroch sich!
X
Gleich am anderen Tage begannen für Riesele, das nunmehr Dauphin genannt wurde, die Dressuren im Sande der Manege. Dauphin freute sich darauf, war ordentlich stolz, konnte gar nicht abwarten, bis, da er angeseilt in der Hand des Direktors seinen sicheren Halt hatte, bis die lange Peitsche mit ihrem harmlosen Geknall den Befehl, zu marschieren, gab! Eine Kleinigkeit, eine Leichtigkeit, ein Kinderspiel, so im Kreise langsam und sicher zu schreiten, den Kopf ungezwungen hochzuhalten, immer innen an den abgerundeten Bretterkasten der Barriere entlang!
Wenn er anders laufen sollte, entgegengesetzt dieser Richtung, ha, so trat der Direktor etwas nach hinten, was man deutlich sah, und die Peitsche, deren Riemen da irgendwo im Sande lag, zuckte leicht auf!
„~Changez!~” sprach dann immer der Direktor! Das war nicht mehr mißzuverstehen!
Fertig, Dauphin! Abgeseilt, ein Stück Zucker in den Mund, hinaus aus der Schule, in den Stall zurück! Das war der erste Tag!
Lang ward die Zeit bis zum nächsten Morgen, und was brachte dieser Morgen? Nichts Neues, nichts Neues! Noch einmal und noch zum Überdrusse oft das alte Spiel mit „~Changez!~”
Am dritten Tage sprach der Direktor:
„Ist die Kleine fertig? Bringt sie!” Wer kam da zu Dauphin? Die kleine Miezi, die vor drei Wochen so verpeitscht worden war. Sie wurde vor Dauphin gestellt, mußte also ihm gleichsam den Weg weisen, denn Dauphin war schon nicht mehr angeseilt! Sie trippelte gar possierlich vor dem doch größeren Dauphin her und sah nicht nach rechts, nicht nach links ... sie hatte sicher schon oft solch Leithammelspiel getrieben ... und Dauphin brauchte nur hinter ihr dreinzumarschieren. Machte der Direktor nur eine leise Bewegung, so wußte sie gleich, daß er nun „~Changez~” sagen würde, und sie changierte auch schon! Das hätte Dauphin unstreitig so glatt nicht fertiggebracht ohne sie! Aber sie trippelte ihm zu langsam! Er konnte das nicht leiden: wiederholt setzte er den Huf seitab nach vorn, um vielleicht selber an die Tete zu kommen, um wenigstens zu zeigen, daß er hin wolle ... aber immer zuckte die Peitsche auf, und Dauphin blieb gehorsam!
Als die Lektion zu Ende war, lief Dauphin vor Freude allein nochmals die Runde, aber der Direktor beachtete es nicht, und als er's endlich doch beachtete, zuckte die Peitsche, und Dauphin konnte nicht schnell genug draußen sein: Gehorsam ist das erste!
Am vierten Tage geschah dasselbe wieder, am fünften machte Dauphin sein Lektiönchen ganz allein und bekam zwei Stückchen Zucker. Aber am Abend zu den Vorstellungen durfte er nicht! Zwar riß er an seiner Kette, als er sah, wie seine Kameraden aufgeputzt wurden und hinausgehen durften in den grellen Lichterschein, allein niemand kümmerte sich um ihn.
Bald kamen zu den allmorgendlichen Uebungen noch andere Pferde, auch große, ganz große selbst, und auch der Freund Fuchs trabte eines Tages mit Dauphin in die Manege und machte sein „~Changez~” ohne jeden Tadel.
Er hieß Wallenstein! Ha, welch eine Wonne für Dauphin, so in der Schar der Großen und Kleinen, inmitten, denn Dauphin war größer als Miezi und kleiner als Wallenstein ... so in der Schar als Jüngster sein Kunststück zeigen zu können, nicht aufzufallen, nicht überzutreten, sich vor allen Dingen nicht vorzudrängen! sein „~Changez~” rechtzeitig, nicht zu früh wie hinten die kleine Miezi und nicht zu spät wie fast alle zu erkennen! Und durch nichts zu verraten, daß man doch der Jüngste war!
„Wallenstein und Dauphäng!” schrie dann der Direktor, und die zwei Freunde mußten hinaus, indes die anderen weiterüben durften!
Ach, wie bald wurden die Uebungen schwerer! Dauphin sollte erst den linken, dann den rechten Vorderfuß auf die Barriere heben und stehen bleiben und zu den Leuten gucken, die da saßen: Madame, Turnerinnen in nachlässigen Lumpen, Burschen, Sklaven, Männer mit scharfen Scheiteln und gradlinig zugeschnittenen Koteletts! Nonchalant alle mit Zigaretten zwischen den Lippen und lächelnden Publikumsgesichtern!
Das war nicht so leicht, wie es sich ansieht! Jedoch: keine Schläge gab's dabei! Aber dann sollten auch die Hinterbeine auf die so schmale Barriere! Dann mußte gegangen werden, gelaufen werden! Links eine Peitsche, rechts eine Peitsche!! Wenn die Stunde vorüber war, wußte Dauphin nie mehr, ob diese Peitschen ihn geschlagen hatten! Wenn diese Stunden vorüber waren, so klopfte jeweils Dauphins Herz, der Schweiß stand ihm in den Haaren, und der Schaum fiel in Schwaden von seinem Munde.
Nicht einmal vierzehn Tage dauerte es, da konnte Dauphin auf der Barriere schreiten und laufen, wie die Peitsche es wünschte! Das war aber durchaus kein großes Stück; das konnte Miezi fast im Schlaf. Immerhin mußte es für Dauphin eine bedeutende Leistung sein, denn an einem der nächsten Abende durfte er hinterm braunen Samtvorhang stehen und durch den Spalt hineinsehen in die Menge der fröhlichen Menschen. Ja, als er seinen Kopf einmal recht weit vorstreckte, als der Bursche, der ihn hielt, ihn sogar einen Schritt vortreten ließ, da fingen etliche Kinder, die da in der Nähe saßen, an zu jauchzen und zu toben: „Da Mama, sieh dies kleine Kerlchen, eben kommt's!”
Nein, es kam nicht!
Am andern Tage aber geschah es, daß dem kleinen Dauphin, bevor der Unterricht begann, ein roter Sattel aufgeschnallt wurde, ein Sättelchen aus rotem Tuch, das von roten Bändern festgehalten wurde. So in diesem Staat durfte es alle seine Fertigkeiten zeigen: Rundlauf mit Changez, Beine auf Barriere und -- sich nicht vor dem Publikum fürchten, Rundlauf auf Barriere!
Herrjeh, herrjeh! Und am Abend geschah es wirklich: Dauphin wurde mit den anderen Gäulen geschirrt, bekam etwas auf dem Rücken angeschnallt, das er noch nicht kannte, und mußte am Vorhang freilich recht lange warten, bis alle Leute vom „Tableau” aus der Manege verschwunden waren.
Husch, hinaus! Auf die Barriere!
Spar' deine Peitsche, Direktorle!
„Ah, aah, aaah!” rief die Menge, und Kinder krischen: „Pause!”
Dauphin lief rundum und schlüpfte wieder hinter den Vorhang, indes die Leute von ihren Plätzen sich erhoben.
Dieses Schild, das die Pause ankündigte, mußte Dauphin von nun an immer hinaustragen.
Aber das blieb keineswegs seine Hauptbeschäftigung, deshalb hatte man ihn nicht eigens angekauft, wie man Kräfte für allerhand Dienste braucht! Nein, nein! Dauphin war zu anderen Sachen auserlesen, wußte das offenbar und trug sein Schild so gern hinaus, wie Agnes Sorma mit dem Staubtuch einst an der Fensterbank stand.
Es geschah, daß die kleine Miezi wieder ihren schlimmen Tag hatte! Sie lief wie gewöhnlich am Ende der Reihe, die von einer halbgroßen Stute namens Lore geführt wurde. Rief der Direktor: „Komm her!” so hieß es rasch in höchster Ordnung nach der Mitte zu einschwenken und daselbst zu Seiten des Dresseurs zu stehen, bis ein neuer Befehl kam. Dieser neue Befehl hieß gewöhnlich -- wer wüßte das nicht schon! -- „~à genoux!~” Beim ersten Rufen klappte alles sehr gut, und die sieben Tiere standen Schulter an Schulter nebeneinander im verjüngten Maßstab, Dauphin in der Mitte, Miezi am äußeren Ende. „~À genoux!~” knallte der Befehl, und die Peitschenschmicke züngelte vor den vierzehn Knien, bereit, ein jedes und alle zugleich zu stechen.
Dauphin, der in diesem Stück fast noch ein Neuling war, fiel zuerst auf die Knie und jubelte um sich her mit den Augen, ob er's vielleicht nicht schon am besten mache? Nacheinander und mit großer Mühe sanken die Genossen, aber die Miezi draußen kam nicht herunter! Die Peitsche trommelte an ihren Unterschenkeln, die Stimme des Direktors stieß wie aus Karnevalstrompeten an Dauphins Ohren vorbei und umher in allen erregten Tonlagen: sie kam nicht nieder, und die Reihe ward unruhig und konnte nicht länger unten bleiben.
„Auf! An die Plätze! Die ganze Familie!” donnerte der Dresseur, und sogleich schoß die Führerin nach der Barriere, und die übrigen folgten.
Miezi, gänzlich verwirrt, konnte ihren Platz nicht finden, lief neben, außer der Reihe, wollte sich erst vor Dauphin, dann hinter ihm eindrängen, und die Peitsche knallte umher, traf Dauphin, verzögerte seinen eiligen Schritt, und Miezi schob sich vor ihn und raste mit voran. Die Peitsche züngelte nicht mehr, surrte vielmehr von oben herab auf Miezis Kopf, immer heftiger, immer heftiger im rasenden Rundlauf.
Miezi feuert nach hinten aus, trifft Dauphin an den Kinnbacken. Dieser hat nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, rast weiter in der wirren Runde, stößt gar den Kopf an Miezis Backen, um sie, das unglückliche Kind, aus der Reihe zu bringen, und im selben Augenblick springt ein Bursch herzu, packt Miezi am Halfter und zerrt sie zurück auf ihren Platz.
Daselbst aber fängt für Miezi erst recht die Drangsal an. Der Bursche rennt mit und haut unausgesetzt auf das Tierchen drein mit der kurzen Peitsche.
Der Führerin vorn an der Tete knirschen die Zähne, Dauphin trägt Schaum am Munde, die lange Peitsche knallt, die kurze klatscht.
Soll der tolle Wirbel nicht enden? Kann Miezi überhaupt noch mittollen? Lebt sie noch? Dauphin dreht im Laufen die Augen zu ihr hin, und sogleich schneidet die Peitschenschmicke über seine beiden Ohren. Laut kreischt der Dresseur, was man nicht mehr verstehen kann. Oft zischt das Wort: „So siehste aus!”
Plötzlich aber zerreißt Dauphin die Kette; die Peitschen verlassen die arme Miezi und stürzen sich auf Dauphin. Er spitzt nach dem Ausgang, er sieht, wie Miezi nunmehr ohne Tadel ihren Platz innehält und sucht auch den seinen wieder.
„So, so, so ist's gut, so ischt's guat!”
Des Direktors Stimme flutet in wohligem Wellenschlag durch das Zelt, bald hoch, bald tief, wie ein Lied, ein schmeichelnder Gesang!
„Komm her!” heißt es nun wieder.
Die Führerin biegt ein, die Schultern reihen sich aneinander:
„~À genoux!~” ertönt's jetzt wieder streng und roh.
Miezi kommt nicht herunter, und Dauphin hockt auch in halber Senkung und kommt nicht nieder.
„Schluß!!”kreischt der Direktor, und seine Stimme zerflattert wie eine Fahne alter Veteranen.
„Dauphin und Miezi bleiben! Die andern ab!”
Die Gasse am Ausgang öffnet sich, eiligst strömen die fünf Befreiten hinaus. Er wirft die lange Peitsche von sich, der Herr Direktor, der Bursch gibt ihm die kurze.
Miezi torkelt; ein Schlag hält sie aufrecht! Auf ihrer Stirn scheint die Wunde aufgebrochen zu sein: ein Strömlein Blut rinnt über die weiße Nase. Der Direktor wendet sich an Dauphin: „Soll ich auch dich durch den Kakao schleifen?” kreischt er.
„Soll ich Miezi fortführen?” fragt der Bursche. Der Direktor winkt: fort!
„Na, und du, Proletarier, was ist denn dir in den Schädel jestiegen, he, wat?”
Dauphin scharrt mit dem linken Vorderfuß, der Lederriemen klatscht darauf: „Hab' ich wat jesagt, he? Willst wohl zeigen, daß du's jutmachen willst, Jünklink! Hast Angst vor Haue, wat?”
Aller Augen richten sich auf Dauphin, dem anscheinend kein gutes Stündlein bevorsteht. Ein Bursch zieht die Kappe, nimmt zwei Zigaretten heraus, gibt eine einer Dame und zündet beide an.
„Hast nisch ooch eene pour moi?” fragt der Direktor, und der Bursch holt eine dritte aus der Mütze und gibt Feuer. Schweißtropfen hängen in den Lederriemen des Direktorengesichts. Er tut ein paar Züge und wirft die Zigarette von sich, er faßt die kurze Peitsche und spuckt nochmals in die Hände ...
Da geschieht ein Wunder! Am Eingang erscheint eine Frau und trägt ein halbjähriges Kind auf den Armen.
„Ah! Aaah Aaah!” schreit alles, was da ist in dem Zelt, alles bewegt sich nach dem Kinde hin, und selbst der Direktor läßt die Peitsche sinken, streckt, indes er zu Mutter und Kind geht, die Hand nach dem Burschen, der ihm eine Zigarette gegeben, bekommt eine, zündet sie an und nimmt das Kind auf seinen garstig tätowierten Arm.
Trägt's in die Manege, sagt:
„Da guck, Jochem, was eine liebes Gäulchen!”
Und zu allen rundum sagt er:
„Dieser Dauphin gehört meinem Jochem!” worauf der Vater des Kleinen hinterher ruft:
„Ich halte Sie beim Wort, Direktor!”