Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes
Part 4
Die Unfreiheit schmerzte. Zwar kam niemand vorüber, der nicht dem Riesele ein Stückchen Brot schenkte, ein Klümpchen Zucker, eine Handvoll Klee, aber es gab doch so viele Stunden, da mußte es allein sein und wußte nichts zu tun, als an der Rinde knuppern, als mit den Hufen scharren. Oft legte es sich mitten in sein enges Reich und schlief oder träumte mit offenen Augen in den blauen Himmel.
Die Augen, die unendlich groß und unendlich dunkel und unergründlich waren, spiegelten alsdann den Hag, die Wiesenhalme, das ferne Wäldchen wider, als ergingen sich diese Schönheiten in der jungen Tierseele, und Trudel konnte sich an diesem Glanze gar nicht satt sehen. Ach, so oft schlüpfte sie durch das Gehege hinein und legte sich neben den Freund und half ihm träumen und scharren und knuppern, wenn's nötig war. Es geschah aber auch, daß andere Kinder ins Bereich schlüpften, um mit Riesele im Gefängnis herumzutollen, und diese Stunden des Spiels waren dann die wenigen Feststunden, da Riesele sein Elend vergessen konnte.
Die Mutter Trudel mochte in sich fühlen, daß ihr Kind schon Verständnis habe für die Arbeit, oder doch, daß nun die Zeit gekommen sei, ihm dieses Verständnis beizubringen, und immer, wenn sie angespannt wurde, zerrte sie an ihren Strängen nach dem Kinde hin, das freilich, seit es eingesperrt war, mehr nach der Mutter umsah als ehedem. Ja, die Mutter wollte sogar nicht mehr ziehen, blieb stehen und ließ sich mit der Peitsche schlagen und stieß klagende Schreie aus und ward bei der erzwungenen Arbeit unruhig und wirr. Der Bauer wußte ja gleich, was sie wollte; aber er vermeinte, das Zwerggäulchen noch ein Weilchen wachsen lassen zu sollen, bevor ihm der Ernst des Lebens könne gezeigt werden.
Wahrscheinlich aber ist, daß die Mutterstute -- man weiß, wie Mütter sind -- ihr Kind nicht deshalb bei sich haben wollte, daß es lerne, den Wagen und auch den Pflug zu ziehen, sondern daß sie es nur deshalb bei sich haben wollte, um es eben bei sich zu haben! Der Bauer Klaus ließ also das Gäulchen vorerst noch ein Weilchen in seinem Hag und achtete der flehentlichen Muttersorgen nicht. Der Raps war zudem reif und mußte heimgefahren werden, im Rindenwald, gegenüber vom Birkenwäldchen, kläpperten Eichenschäler seit drei Tagen die jungfrischen Rinden von den Stecken, und: eine Fuhre Rinden nach dem Bahnhof im Nachbarstädtchen bringen, das trug schon etwas ein! Da konnte man einen Schüler nicht ohne weiteres nebenher laufen lassen!
Riesele blieb also in seinem Gefängnis und hatte nichts zu tun als auf die Kinder warten, bis die Schule aus war, als an der Rinde zu nagen wie eine Maus, als den Boden zu zertrampeln wie ein Töpferlehrling. Die Leute des Dorfes beachteten Riesele von Tag zu Tag weniger, sei es, daß sie ihm aus irgendeinem Grund feindlich gesinnt waren, sei es, daß sie seiner überdrüssig wurden! Wer brachte noch ein Stück Brot? Wer ein Klümpchen Zucker? Selbst die Kinder des Hauses kamen seltener und liefen lieber den Seifenblasen nach, die sie doch nicht erreichen konnten, denn Seifenblasen schweben in den Himmel!
Der Pfarrer, wenn er vorüberging, rieb wie die Kinder mit dem Zeigefinger auf dem Daumen und ging vorüber! Der Lehrer, wenn der vorüberging, blieb wenigstens einen Augenblick stehen, griff herein ins Gefängnis, holte sich den willigen, ach, den der Liebe so sehr bedürftigen Kopf des Riesele, streichelte über die Blesse, streichelte über die warmen Augen, hob mit beiden Händen des Gäulchens volle Lippen auseinander und befühlte die Zähne! Der Bürgermeister, der offenbar eifersüchtig war, weil das Riesele nicht ihm gehörte, guckte immer, wenn er in die Nähe des Hauses geriet, in irgendein Schriftstück, als könne er nur ganz langsam lesen, und ging vorüber ohne Gruß, ohne Blick! Vom Polizeidiener nicht zu reden! Dieser Mensch hatte Humor in sich, hatte wiederholt mit seiner Schelle am Hag ein kleines Konzert zusammengeläutet, hatte wiederholt mit dem Stiel seiner Schelle das Riesele am Bauch gekitzelt: dieser Mensch wollte oder durfte, sicher, weil der Bürgermeister eifersüchtig war, mit Riesele sich nicht mehr abgeben!
Nur ein Freund blieb treu, und das war Cornel, der Schweinehirt! Er trieb, seit er aus dem Wachtstübchen wieder entlassen war, allmorgendlich seine Schar Schweine auf einem großen Umweg an Rieseles Hag vorüber, er kam heran, erzählte etwas, was ihn gerade erfüllte, und das Riesele tat sich die Musik seiner Worte, deren tiefen Inhalt es ja nicht erfassen konnte, ins Herz und bewahrte sie getreulich auf für die leeren Stunden des Tages, da es allein sein mußte mit seiner Armut. Oft, wenn es den Freund nicht sah, hörte es die Lieder seines Waldhornes aus den Häusern hinter der Kirche schweben und hatte genug der Freude für ein paar Stunden.
Eines Morgens aber sieht der Bauer den Cornel mit seinen Schweinen vorm Haus halten und wird über die Maßen wütend.
„Was hältst du hier mit deinen Säuen!” fährt er ihn an, „ist mein Hof etwa ein Weidplatz für deine Säue? Willst du machen, daß du fortkommst, du Faulenzer! Willst du mir auch das Riesele versauen?”
Cornel sagte nichts dagegen und trieb seine Herde, die gar nicht groß war, den Weg hinunter, indes Riesele traurig ihm nachsah und seinen Säuen.
Die Gänse kamen herein, schritten überaus stolz am Gäulchen vorbei, als wollten sie sagen: jag uns doch fort, wenn du den Mut dazu hast! und sie schlüpften wieder hinaus in die Wiese. Die Enten kamen herein und schritten schnurgerade auf der anderen Seite wieder hinaus. Sie hatten nicht Eile, denn sie brauchten keine Angst zu haben vor dem Riesele, das seine Hörner, wie man so sagt, für Enten schon genügend abgestoßen hatte. Oft, sehr oft, wenn Riesele dalag und träumte, kamen sie unversehens herein, setzten sich zu ihm und steckten die Schnäbel in die Flügel zurück. Auch die Hühner kamen alsdann, die jungen, die schon von ihren Hähnen umworben wurden, scheuten sich nicht, dem Riesele die Haferkörner vor der Nase wegzupicken, und in ihrem Uebermut hüpften sie sogar auf seinen immerhin breit gewordenen Rücken und streckten die Flügel von sich. Aber der alte Hahn ging nicht mit in den Verschlag; war seine Schar drinnen, so flog er auf den obersten Querbalken und blieb wie ein Wächter da sitzen.
Trudel, die Mutter, die zwischen Pflicht und Neigung anscheinend nicht recht unterscheiden konnte wie viele Mütter und nicht wußte, was für ihren Liebling gut war, hatte schwere Stunden auszuhalten, weil sie sich bei der Arbeit in ihrer Sehnsucht verzehrte, sich ablenken ließ und obendrein manchen Peitschenhieb verspüren mußte. Das eingesperrte Riesele war doch ihr Kind! Wenn es auch ein Gassenbub gewesen, wenn es auch noch so viel Liebe seiner Mutter verschmäht hatte: es war doch ihr Kind! Jeden Peitschenhieb ertrug Trudel mit einem bestimmten Gefühl, das dem Schmerz ein bißchen Süßigkeit verlieh.
Aber diese Tage waren gezählt; Riesele durfte, als die Körnerfrüchte in der Scheune saßen, mit hinaus! Das Wägelchen steht leer vorm Stall, der Bauer spannt die Trudel ein, Trudel, das Mädchen, riegelt das Gefängnis auf, die beiden Buben bringen Halfter und Leine, und nun, da die Mutterstute so zappelig nach dem Riesele hinstarrt, streifen die Buben das Halfter an den kleinen Kopf, schleift der Bauer die Leine ans Halfter, klatscht Trudelchen in die Hände, und wahrhaftig, Riesele wird seiner Mutter an den Zügel geledert! Links an den Ring des eisernen Zaumes wird der Lederriemen eingeschlauft, und -- o Herrlichkeit! -- sonst nichts, sonst bekommt das Kind keine Fessel und keinen Strang und darf also nebenherlaufen wie Menschenkinder an Mutterschürzen. Steil standen die Ohren der Stute, fromm unbeweglich ruhten die Hufe im Sand der Geleise, züchtig hing der überaus lange Schweif nach unten, obgleich die Mücken an den Lenden saßen und soffen.
Aufgestiegen, ihr Buben! Trudelchen, voran, neben den Vater gehockt und die Peitsche hinten liegen gelassen! Die Bäuerin stand oben auf der Treppe, stützte die Fäuste in die breiten Hüften und konnte den Mund nicht zusammenhalten vor Freude. Nicht anders als ihr erging es den dreißig Hühnern und dem Herrn Hahn, erging es den Gänsen, den Enten und gar dem Hasenvater, der ausnahmsweise heute Häsinnen um sich herum hatte, unter denen sicherlich etliche seine eigenen Kinder waren. Alle Hühner saßen auf den Balken des Hages und hielten die Köpfe zur Seite geneigt, um besser sehen zu können. Alle Gänse standen am Gartenzaun beisammen, und wenn sie unter sich über ein ganz fernliegendes Thema zu diskutieren schienen, so war das eine bewußte Täuschung: ihre kurzen Blicke zum Gespann, gerade diese ablenkenden Blicke verrieten nur zu deutlich, was in den reduzierten Gänsehirnen vorging! Gänserich, es gilt nicht, wenn du in deinen Federn zu picken vorgibst! Alte Stammutter, es gilt nicht, wenn du dich mit dem Fuß am Halse kratzest, als hättest du einen Wasserfloh! Sie kratzt sich nämlich, -- das muß gesagt sein -- nur, um unauffällig einen Blick zum Riesele werfen zu können! Offen neugierig und ehrlich wie immer glotzten die Enten mit beiden Augen hinter den breiten, biederen Schnäbeln hervor, und ihr Enterich stand ganz nahe bei Rieseles linkem Hinterbein. Überaus zierlich lag von diesem Beinchen weg ein Schatten überm zertretenen Weggras, aber er verkroch sich alsbald in den größeren Schatten, den der Leib der Mutter warf, und dieser große Fleck verschlang den ganzen Schatten Rieseles, so daß nur ein Ohr noch daraus hervorragte.
Seht es euch an, das Riesele! Ganz Ordnung, ganz straffes Bewußtsein von Würde und Kraft, steht es da in Erwartung der Dinge, die kommen sollen! Keiner von den kleinen, erdgrauen Hufen, die sonst so unruhig sind, getraut sich, zu mucken, keins der Muskelchen, die sonst in fröhlichem Gezwitscher an ihren Knochen umherzitterten, als hätten sie einen Kitzel im Blut, wagt sich, zu wippen, obgleich sie eben, da die Schnaken kitzelten, doch schon einmal tanzen dürften! Kein Haar an Mähne oder Schweif, kein Ohr, keine Lippe, nicht einmal ein Auge untersteht sich, sich zu bewegen! Ganz Ordnung, ganz Kraft, ganz Würde, ganz Wille zur Wohlerzogenheit und Vollendung!
Das Riesele, dessen seelische Regungen verträumt irgendwo umherschweiften, so, als sei dieses Stillestehen schon eine große Tat, schrak heftig zusammen, als der Bauer hinten aus dem Wagen rief:
„Hü, voran!”
Es war sogleich schon einen Schritt zurück und mußte schon laufen. Es lief, und die Mutter nahm ihren Schritt kürzer; das Riesele aber schoß voraus. Unsanft zerrte die Leine am Halfter. Nach drei Schritten war Riesele wieder zurück, nach drei weiteren wieder voraus. Seine Hinterbeine blieben nicht bei der Mutter; sie wandten seitab, und der Kopf drückte gegen den Kopf der Mutter, die gewaltsam an sich hielt. Ja, es geschah, daß das Riesele an seiner Leine riß, die Hinterbeine nach vorn rennen ließ, so daß die beiden Pferdeköpfe fest aneinander standen, und die Deichsel das Riesele arg bedrohte.
Es wäre gern wieder zurückgeturnt an seinen Platz, aber es konnte nicht! Die Mutter durfte nicht ausweichen, weil die Leine dies nicht zuließ (sie selber hätte in diesem Fall fünf gerade sein lassen, wie man so sagt, und wäre dem Drängen des Kindes auf den Kleeacker gefolgt, diese Mutter!) und so blieb sie stehen, und Mutter und Kind sahen sich hilflos an!
Der Weg bog auf die breite Landstraße, und das war ein Glück!
Es darf nicht verschwiegen werden, daß Riesele zur Seite der Mutter, als nun die breite Landstraße verführerisch genug auch noch in den Schatten des Waldes einbog, allzusehr geneigt war, Bocksprünge zu machen, daß der Bauer Klaus, in der Meinung, diese Tollheiten würden schon bei der zweiten Reise aufhören, allzu nachsichtig war (Gustav dachte ein übers andere Mal für sich: bei seinen Kindern war er nicht so gutmütig!) und daß auch die Mutter, eingedenk der eigenen Jugend dem Gäulchen Freiheiten gestattete, die sie (und der Bauer Klaus und noch viele Kläuse und wohl fast alle) vom Standpunkt ihrer Wohlerzogenheit durchaus nicht mehr Freiheit nennen konnte!
Eichenschälholz sollte geholt werden! Es saß in einer Schneise rechtsab von der Straße im frischentblößten Schälwald. Die Schneise war aufgeweicht, und schmutziggelbes Wasser stand in Lachen beisammen, und Wasserschneider, Libellen und Stechmücken umschwirrten den Schmutz. Vereinzelt warfen alte Tannen, riesige Eichen etwas Schatten über'n Weg, und das Riesele scheute vor den Lachen, scheute vor den Libellen, vor den gigantischen Bäumen, selbst vor den Schatten! Die Peitsche schwirrte auf, aber die Peitsche machte die Unruhe noch größer und verschwand wieder. Die Mutterstute begann schließlich auch zu bockeln und kam nicht mehr von der Stelle.
„Wart, Bürschele!” sagte der Vater, „du kommst mir wieder einmal mit, Holz holen, bevor du übern Zaun gucken kannst!”
Er stieg ab; auch die Kinder stiegen ab, das Riesele ward von der Seite seiner Mutter genommen und neben im Wald an einen Pfahl, der zwei Meter Schälholz hielt, angebunden. Allein mußte es hier zurückbleiben, ganz allein, so sehr die kleine und die große Trudel auch flennen mochten. Das Fuhrwerk schob sich tiefer in den Wald hinein und blieb an der langen, leuchtenden Schälholzreihe halten.
Riesele sah und hörte, wie die gelben Prügel aufgeladen wurden, wie selbst das Mädchen eifrig bei der Arbeit war und sich nicht um seinen Freund kümmerte. Es riß an seiner Leine: sie war stark! Sie war stärker als das Riesele, aber der eingerammte Pfahl erbarmte sich und gab nach und fiel schließlich um, so daß der Holzstoß zusammenrutschte. Niemand hörte den Schall!
Riesele sieht sich noch einmal um, weiß nicht recht, soll es zu der Mutter laufen und zu ihren Peinigern -- oder soll es heimzu rennen? Es rennt schließlich heimzu und schleift den Eichenprügel, der an seiner Leine hängt, hinter sich her, den Prügel, der sich seiner erbarmt und ihm die Freiheit gegeben hatte.
Es lief nicht die Landstraße, die es hergekommen; querfeldein lief es wieder wie ehedem, denn der ausgetretene Weg der Ackergäule und der Ackerkühe widerte sein ursprüngliches Gefühl an, das eigene, wenn möglich: verbotene Wege zu gehen wünschte!
Da lag im Schatten eines alleinstehenden Buchengesträuchs Cornel, der Hirt, und seine Schweine grunzten weitaufgelöst im warmen Schlamm, der von blühenden Ginsterbüschen grell durchtupft war. Cornel hatte hinterm Ohr eine Kuckuckslichtnelke stecken und las im Buch der Droste. Wie er das Riesele kommen sieht, stützt er sich auf und sagt:
„Na, Riesele, heute merkst du's noch, wie dir der Knüppel zwischen den Beinen herumfällt! Morgen schon wirst du's nicht mehr merken, und übermorgen, -- solltest du ohne deinen Knüppel laufen, wirst du schon schreien: ‚Wo ist mein Knüppel, wo ist mein Knüppel?’ Ade, Riesele, ade! Wenn ich dich von dieser Freiheit befreien könnte, gern tät ich's, Riesele, ach so gern!”
Das Riesele trat dicht vor seinen Freund hin; er löste die Leine von dem Eichenholz, band sie fürsorglich am Halfter oben fest und sprach tiefernst:
„Was nutzt es dir, Riesele, daß ich dich jetzt ganz fragwürdig frei mache? Deinem Schicksal kannst du nicht entgehen, es sei denn, daß du gleich am Anfang deiner Laufbahn über deinen Knüppel stolperst, das Bein brichst und stirbst! Riesele, Riesele, soll ich dir von deinen Voreltern erzählen, wie die einst so glücklich waren?”
Riesele mißachtete der Worte des Freundes und lief, des Prügels ledig, davon.
„Will halt nicht wissen, wie seine Voreltern glücklich waren,” sagte Cornel für sich, und zu seinen Schweinen sagte er:
„Seht ihn euch an, er läuft dahin im Segen seiner Freiheit!”
Als Riesele heimkam, war der Hag verschlossen, die Stalltür zugeklappt, die Scheune verriegelt. Es wußte nicht, was es tun sollte, und da es am liebsten in seinen Hag gegangen wäre, streckte es den Kopf zwischen den Balken hindurch und hob das Bein, konnte aber durchaus nicht hineingelangen in sein Gefängnis. Schließlich starrte es den Weg hin, den es gekommen, und da auch die Gänse nicht zu Hause waren und die Enten nicht, und nur einige Hühner im Sand badelten, lief es unter den Schuppen, wo die kleine, überdächelte Kutsche stand, und legte sich zwischen die Deichseln der Schere, zu dieser auf den Boden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es sich hier als ein erwachsenes Pferd fühlte, dem man die Kutsche anvertrauen kann, daß es kühne Träume hegte! Träume, wie sie Kindern eigen, die so gerne groß wären und so gerne einen Beruf erfüllten!
Die Mücken umschwärmten zwar das Riesele, setzten sich aber nicht auf sein schwarzes Fell, und als die Holzfuhrleute heimkamen, sahen sie das Riesele also liegen und freuten sich sehr.
VII
Indessen gewöhnte sich Riesele an die Deichsel und durfte schließlich überallhin mit. Eines Tages wollte ein Fremder an den Bahnhof gefahren werden. Der Kutscherbock war zweisitzig; der feine Herr kam, wie er Riesele sah, aus der überdächelten Chaise hervor und setzte sich neben den Bauer Klaus, um das Riesele genau beobachten zu können.
Es lief erst züchtig, wie wenn es ziehen würde, neben der Mutter her und nickte gleich ihr mit dem Kopf nach unten, als sei die Last gar nicht so leicht, wie es scheinen mochte! Aber schon gleich auf der Landstraße riß es an seinem Halfter, schob die Hinterbeine seitaus und machte seiner Mutter große Beschwerden. Trudel, die Mutter, ließ sich nicht beirren und vermochte immer wieder durch gütiges Zureden, das den Menschen leider nicht erkennbar ist, den kleinen Burschen in Zucht zu halten. Jedoch nie lange! Trudel selbst begann aufgeregt zu werden, man sah ihr den Angstschaum am Maule stehen.
Als das Riesele aber wieder einmal am Halfter zerrte und gar zu bockeln anfing, sagte der Fremde zum Bauern Klaus:
„Würden Sie mir einmal Ihre Peitsche und Ihre Leine anvertrauen? Ich will mal meine Kunst probieren!”
Er schnalzte ein seltsames Gezisch mit der Zunge, und sogleich stellte Trudel die Ohren aufrecht, und sogleich drehte der Student die großen Augen einmal zurück nach dem Kutscherbock und lenkte die Hinterbeine ein.
Die Leine straffte, die Peitschenschmicke flatterte hochauf.
„Das ist ein seltenes Feuer, Herr, woher haben Sie es?” fragte der Fremde.
„Die Mutter brachte mir der Jude, das Kleine ist ein Gelegenheitskind: der Vater war bei einer Seiltänzergesellschaft!”
„Aha! Passen Sie auf!”
Der Fremde sprang ab, besah sich der Stute Gebiß, griff ihr an die Muskeln des Vorderbeines und tupfte dann mit dem Zeigefinger auf ein Plätzchen über der Kniescheibe, worauf die Haut, wie wenn eine Mücke dasäße, leicht erzitterte.
„Sie ist ein braver Ackergaul, nicht? Sie hat zwar Qualitäten gehabt, ist aber in falsche Hände gekommen und hat's zu nichts gebracht! Wollen mal beim Kleinen sehen!”
Er nahm Rieseles Kopf in die Hände, reckte ihn wie einen Rekrutenkopf zu sich in die Höhe, schnitt mit dem Fingernagel hinter den beiden Ohren zwei Halbkreise, und die beiden Ohren schlugen fast aneinander. Er tupfte an den Knien herum, und die beiden Vorderbeine knickten ein, und fast wäre Riesele hingefallen.
Der Fremde sah den Bauern lange an, nickte und sagte:
„Er ist wohl auch ein toller Bruder, was? Hören Sie, verkaufen Sie mir den Studenten, ich bezahle ihn gut!”
„Was soll aus ihm werden, Herr?” entgegnete der Bauer, „er ist ein einfaches Tier, das weder große Kraft noch große Arbeitslust haben wird. Anlagen hat er, ja, aber Anlagen zum Taugenichts, zum Guckindieluft, und da er Sternkundiger wohl nicht werden kann, muß er in stramme Zucht genommen werden für den Wagen!”
„Es gibt außer körperlicher Arbeit und außer der hohen Wissenschaft noch andere Dinge in der Welt, mit denen man die Menschen beglücken kann, mit denen man schließlich auch sein Brot verdienen kann, Dinge, die dem grauen Alltag ferne liegen!”
„Soll er etwa das lebendige Spielzeug werden verwöhnter Fürstenkinder, soll er Kinderschlachten schlagen helfen auf den umhegten Spielplätzen, vor denen wirkliche Soldaten Wache stehen? Soll er den Kopf senken vor den Herrschaften dieser Erde, wie wenn er ein Sklave wäre gleich den meisten unserer Mitmenschen?”
„Die Freiheit, Herr, steckt ihm zu sehr im Blut, als daß er sich hierzu eigne! Er soll, in Freiheit dressiert, ein großer Künstler werden zum Heil der Menschen!”
„Ich seh mein Gäulchen meiner Treu schon auf dem Hochseil tanzen! Nein, nein, wollten Sie gar einen Künstler aus ihm machen, gäb ich es erst recht nicht her. Auch in meinem Haus wird mehr gelacht als geweint.”
Riesele schritt indes züchtig einher, da die Schmicke der Peitsche über seinen Ohren drohte und nicht verschwinden wollte!
Am Bahnhof stieg der Fremde aus, nahm Rieseles Köpfchen zwischen die Hände und sagte zu ihm:
„Wir sehen uns wieder!” und zum Bauern sagte er:
„Glücklich sein oder glücklich machen: was dünkt Ihnen am schönsten, Herr?”
Der Bauer sah dem Fremden in die Augen, wußte nicht, was er sagen sollte, und wiederholte schließlich dieselbe Frage:
„Glücklich sein oder glücklich machen? Ja! Ja! Glücklich machen, natürlich! Aber was ist Glück?”
„Hahaha!” entgegnete der Fremde, „Sie gehen mir schon wieder zu weit! Zu tief, zu tief in die Erde, zu tief an die Wurzeln! Wir Menschen des Kaiserreichs treiben gern oben auf dem Wasser unserer Zukunft entgegen, leben über der Erde, wo die Blumen blühen und die Vögel singen!”
„Verstehen aber die Blumen nicht und die Vögel nicht und haben überhaupt die Wurzeln verloren! Nicht wahr?”
„Möglich, Herr, möglich; aber wer die Wurzel nun einmal verloren hat, wie Sie sagen, soll dem für die kurze Zeit, da seine Blüte noch standhält, das Glück versagt sein?”
„Das Glück wird ihm versagt sein müssen, denn Glück bedeutet: Wurzel haben! Aber den Schimmer soll man dem Schimmer lassen!”
„Den Schimmer soll man dem Schimmer lassen,” wiederholte spöttisch und nachdenklich der staunende Fremde, und fuhr dann fort: „Doch genug der leeren Worte: ich komme nach drei Wochen wieder und werde dann das Riesele abholen! und wie gesagt: Sie werden keinen Schaden haben bei der Sache!”
Als der Vater zu Hause erzählte, was ihm begegnet war, öffneten sich die drei kleinen Mäulchen und schlossen sich schier nicht mehr an diesem Abend. Der Vater hatte beim Militär allerhand interessante Stückchen gesehen: der Rittmeister war ein Narr gewesen: Kerle! sagte er oft zur Schwadron, ich bin der Teufel! Ich liebe meine Frau nicht und meine Kinder nicht: wie soll ich etwa euch lieben? Ein vollendeter Narr war der Rittmeister! Dazu ein Pferdenarr, der neunzehn Reitpferde besaß und sie dressieren konnte. Im Walzertakt ritt er an zum Appell; Schottisch auf den Hinterbeinen konnten zwei seiner Gäule flott tanzen! Einmal erschien er mit einem Rappen, dessen Hufe vergoldet waren, zum Appell.
„Vergoldet?” rief das Trudelchen, das in der Mutter Schoß lag, „und die Hufeisen, waren die auch von Gold?”
„Die waren natürlich auch von Gold!” erwiderte der Vater und erzählte weiter, wie dieser Rittmeister einmal in einem Zirkus ganz plötzlich, ohne daß irgend jemand zuvor davon gewußt hätte, angeritten sei mit einem schneeweißen Hengst, wie er nur einfach rundum geritten sei, und wie die Menge vor Begeisterung geschrien hätte. Alles habe geschrien „Bravo, bravo!” und er, der Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst geschrien und zuerst geklatscht, und nachher hätte jeder drei Tage Urlaub bekommen und zwanzig Mark!
„Zirkus?” sagte die Mutter, „ja, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da weiß ich auch Bescheid! Doch will ich heut abend nichts mehr erzählen, ich heb meine Sach auf bis zum Sonntag! Ja, wenn's Riesele in einen Zirkus soll, da ging ich auch mit!”
„Ich auch, ich auch!” versetzten die Buben und knöpften schon die Hosenträger ab, und Trudel, die schon halb geschlafen hatte, rieb sich die Augen und flüsterte:
„Ich auch, Mutter, gelt, ich auch?”
„Freilich, freilich, wir alle gucken, wenn das Riesele Walzer tanzt, oder auf dem Hochseil läuft, oder wenn es dem König sagt, wie lange er noch zu leben habe!”