Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes
Part 2
Sie lachten schon wieder, aber Trudel griff den Namen herzhaft auf und rief ein übers andere Mal:
„Riese heißt es, Riesele, Riesele!”
„Riesele!” schrien die Buben, „Rieselein, der kleine Gernegroß!” und sie trieben ihre Reifen an und rasten mit dem Namen davon, die Wegspur hinunter. Trudel aber holte am Brunnen eine Handvoll Wasser, trug sie fürsorglich in den Stall, goß sie dem Gäulchen übern Kopf und sagte immerzu: „Riesele, Riesele!”
Alle Welt war mit dem Namen einverstanden, und das Füllchen Riesele ward der Freund und Genosse der ganzen Dorfjugend und die stille Freude aller Erwachsenen.
Es lief im Dorf umher, auf den Straßen, in den Bauernhöfen, über die Wiesen, selbst über die Felder durfte es laufen, und niemand verwehrte es ihm. Junge Rinder und Kälber, die des Morgens in großen Scharen auf die gemeinsame Weide getrieben wurden, ließen stillschweigend geschehen, daß das Gäulchen sich ihnen anschloß und mitlief, ließen geschehen, daß das Gäulchen, das freilich viel wilder war als die Kälber, die großen Rinder, die schon fast ausgewachsen waren und schon fast eingespannt werden konnten, anrannte und seinen Kopf in ihre Lenden stieß, als wenn es saufen wollte!
Die Gänse, die auch allmorgendlich gemeinsam auf die Weide auszogen, die Gänse mußten stets gewärtig sein, daß ihre Unterhaltungen während des Ausmarsches oder während der Heimkehr plötzlich aus einem Hof heraus von dem Riesele gestört wurden. Zwar fürchteten sich die Gänse keineswegs, rannten auch nicht davon, wenn der Wildfang angetrippelt kam, aber da es doch unliebsam war, mitten im Gespräch auseinandergerupft zu werden, so haßten die Gänse das Riesele heimlich, und immer wieder konnte man wahrnehmen, wie einige ihrer beherztesten die Schnäbel hoben, schnatterten, sogar laut krischen und dem Störenfried an die Beine wollten.
Auch die Schweine grunzten des Morgens, wenn Rinder und Gänse fort waren auf ihrem gemeinsamen Weideplatz, und der Hirt, ein verlorener Sohn aus Nirgendwo, war ein guter Mensch von Anbeginn und konnte das Riesele recht leiden, weil es ein so sauberes, freundliches Kerlchen war. Zwar die Schweine gewöhnten sich nicht an die Freiheit des Gäulchens, verstanden sie nicht und verziehen sie deshalb auch nicht und stoben immer wieder verscheucht auseinander, wenn sie es nur von ferne trappeln hörten.
III
Natürlich stürmte es auch in den Schulhof, denn Kinder waren ja seine besten Freunde, und es war ja selber ein Kind! Die dreiunddreißig Schüler der kleinen Dorfschule brauchten den Freund nicht zu fürchten, brauchten auch nicht neidisch zu sein seiner Zartheit und Sauberkeit wegen und hegten keinerlei schlimme Absichten gegen den ausgelassenen Gassenbuben, es sei denn, daß sie ihn für die paar Schulstunden, die sie an Freiheit weniger hatten, doch leise beneideten. Sie hörten das Gäulchen an den Fenstern des Schulsaales vorüberspringen und durften nicht mit hinaus; sie sahen es am Abhang der Schulwiese grasen und durften nicht hinaus; sie hörten aus dem Birkenwäldchen sein tolles Wiehern, und sie durften nicht einmal „Riesele” rufen! Da mußten sie hocken und lesen, rechnen, rechteckige Aecker zeichnen und ausrechnen, was, wenn ein Quadratmeter eine Mark und siebenundzwanzig Pfennig koste, was der ganze Acker wert sei! Anstatt mit dem Riesele drüber hin zu rennen über den Acker! Da mußten sie Quadratwurzeln ausziehen, und niemand wußte, wozu, da doch Quadratwurzeln auf keinem Acker wuchsen, kein Unkraut waren und auch kein Kraut und was also denn eigentlich? Da mußten sie die Preußenkönige kompagnienweise vorreiten können und genau die Spanne Zeit abgrenzen können, die einem jeden von ihnen und ausschließlich diesem ihre militärische Größe verdankt und ausschließlich ihre militärische Größe, weil es offenbar eine andere nicht gibt!
Und draußen im Sonnenschein verjubelte das Riesele seine Jugendkraft und durfte anstellen, was es wollte!
Aber der Herr Lehrer, obgleich er ein Preußenfreund war, war doch kein Ungerader! War doch so kein ganz Ungerader!
Es kam einmal vor, daß das Riesele in seinem Uebermut ins Schulhaus stürmte, über die vier Treppenstufen kletterte und den Hausgang betrappelte. Das hörten Lehrer und Schüler! Da blieb weder Lehrer noch Schüler auf dem Platz: dies Getrommel auf den Steinplatten des Hausganges zertrampelte alle Wissenschaft, weil es ein Stückchen Kinderweisheit war: der Preußenkönig flog in die Ecke, die Quadratwurzel trieb Schößlinge aus dem Acker, dessen Quadratmeter so schrecklich teuer war, ... und der Herr Lehrer sprang vom Pulte auf, schnitt munter, schalkhaft lächelnd mit den beiden heftig ausfahrenden Händen die Unruhe entzwei, daß die Kinder wieder auf die Sitze herabsanken und ging auf den Zehen an die Tür und hob leise die Klinke aus der Nase. Und wahrlich: das Riesele stieß die Tür mit dem Maule auf, daß sie zurückknallte wider den Schrank.
Da stand es nun, das Riesele, die buttergelben Vorderhufchen auf der Schulschwelle, und blieb stehen! Kam nicht näher in den Saal, kam nicht in den Saal herein! Alle Kinder standen, standen gar auf den Bänken, hielten dem Gäulchen ihr Brot hin, riefen, kosten, -- allein, es kam nicht näher. Es drehte einmal den Kopf zur Seite, als wolle es den Herrn Lehrer sehen, den es offenbar fürchtete, allein, der Lehrer hielt sich vielleicht aus sicherer Kenntnis elementar fühlender Seelen hinter dem schwarzen Ofen verborgen! Er stieß den Zeigefinger vor, deutete auf das Trudelchen, das Kind solle von seinem Platz aufstehen, hervortreten und das Riesele hereinholen. Aber Trudel getraute sich nicht, und da die Buben wild wurden und jeder das Pferdchen holen wollte, streckte dieses seine Nase weit vor, wie wenn es niesen wolle, nieste wirklich und nahm Reißaus! Die ganze Klasse aber stürmte hinterdrein, und für diesen Tag war die Schule aus.
„Ganz recht, Riesele!” sagte der Lehrer, als er sein preußisches Geschichtsbuch ins Pult einschloß, „unsere Weisheit ist keine Einfalt mehr und deshalb keine Weisheit mehr! Wer weise werden will, der muß uns fliehen!”
Am nächsten Morgen erzählte der Pfarrer den Kindern von dem kleinen David und dem Riesen Goliath. Er erzählte da, wie der kleine David als Hirtenbub auf den Bergwiesen sich umhertrieb, wie's just eben das Riesele tue, wie er aber doch emsiger gewesen sei als das Riesele, wie er gelernt habe, die Harfe spielen, wie er selber neue Lieder gesungen habe aus seinem Herzen heraus: Lieder, wie sie vor ihm und nach ihm kein Mensch mehr habe singen können, wie er sich zugleich geübt habe, die Schleuder zu führen, um im Falle der Not das Vaterland zu verteidigen, und wie er alsdann später seiner Lieder wegen dem kranken König Saul habe singen dürfen! Wie der König ihn habe liebgewonnen und wie er nicht mehr habe leben können ohne ihn, den Hirtenknaben, wie dann auch wirklich die Feinde gekommen seien, und wie just er, der Hirtenknabe, den mächtigsten der Feinde, ihren Riesen, den Riesen Goliath, eben mit der Schleuder erlegt habe, indem er ihm einen spitzen Stein mitten in die Stirn getrieben habe, so daß der ungeheure Kerl umgefallen sei, um sich zu verbluten!
„Ihr Buben!” sprach der Pfarrer, „ich frage euch: ist das nicht eine echte Bubengeschichte? Das ist die schönste Bubengeschichte der Welt! Oder kennt ihr eine schönere?”
„Robinson!” rief einer; jedoch der Pfarrherr wehrte ab und antwortete:
„Sei mir still mit deinem Robinson, mit deinem unfolgsamen Engländer!”
„Joseph!” meinte ein anderer, „Joseph von Aegypten!”
„Aha!” sagte darauf der Pfarrer, „und warum denn Joseph?”
„Weil er verkauft wurde, weil er ins Gefängnis gesteckt wurde und nachher doch König wurde!”
„Gut, er hat gelitten und wurde erhöht!”
„David wurde auch erhöht, David wurde auch König!” rief ein Großer dazwischen.
„Wurde auch König,” wiederholte der Geistliche, „David wurde auch König, freilich, und was für einer! Aber: welcher von den beiden gefällt dir nun am besten, der aus Aegypten, der zuerst leiden mußte, oder der von den Fluren Bethlehems, der niemals litt und immer siegte und sang und Flöten blies und Harfen schlug?”
Die Kinder zischelten; aus den neun Bänken schossen die Finger wie Pfeile gegen des Pfarrers Antlitz, und mitten in dem Gezisch schlug plötzlich ein kleiner Mädchenkopf knallend auf die Bank: das Trudelchen heulte laut auf und schnippste und holte den Schürzzipfel an die nassen Augen. Der Pfarrer trat zu ihm hin, ergriff sein Händchen und sagte:
„Was ist los, Trudel? Komm, los! Sag mir's rasch?”
Das Kind erhob sich nicht, sondern rief mitten in seine Tränen hinein:
„Das Riesele soll David heißen, nein, Joseph, Joseph soll es heißen!”
„Na, wie soll's nun eigentlich heißen, Trudel?”
Das Kind begann, aus seinen Tränen zu lachen, erhob sich, sah dem Pfarrer über die Maßen vertraut ins Gesicht und sagte:
„David!!”
„David?” antwortete der Pfarrer, „es soll König werden, ohne daß es zuvor von seinen Brüdern wäre verkauft worden; es soll sich immer nur freuen, ohne daß es gelitten hätte! Ihr Großen dahinten: wie ist's mit König David gewesen: hat er schließlich nicht auch sein Bündelchen zu tragen gehabt?”
„Aber er war doch stärker als der Riese, und ich hab's doch nicht gewußt!” heulte Trudel.
„Gewußt, gewußt! Trudelein! Du hast's doch selbst getauft! Und getauft ist getauft! Oder willst du dein Gäulchen dreimal taufen lassen, wie's dem Schalk aus Braunschweig geschah, und willst du haben, daß Riesele gleich diesem Schalk ein Taugenichts werde und ein Tagdieb? Sei stille, sei stille!”
Trudel, von der Unabänderlichkeit zerschmettert, ließ sich niederfallen und ihr Geschluchz hub stärker an.
Da wieherte draußen das Riesele, da knallten auch schon die kleinen Hufe wieder im Hausgang! Die ganze Klasse begann zu schreien vor Freude, der Gustav und der August liefen an die Tür, den kleinen Frechdachs fernzuhalten, hinauszuführen, aber dieser schlüpfte unter ihren Händen durch zum Saal herein und schnurstracks auf das Trudelchen zu, das bei den Kleinsten in der vordersten Bank saß.
Diesmal, weil der Pfarrer im Saale war, zögerte das Mädchen nicht. Es schämte sich nicht! Allein es hatte gar nicht Zeit, sich zu schämen, sein kleines, ungestümes Herzchen hüpfte von selbst auf die Bank, nahm das kleine, sechsjährige Körperchen mit in die Höhe, es legte die nackten Arme um des Riesele schwarzen Hals, es küßte das Riesele auf die weiße Blesse und riß es an der in Jugendwuchs strotzenden Mähne mit sich fort, zur Schule hinaus und rief immerzu:
„Dävidele, Dävidele!”
Der Lehrer, der im Hofe auf- und abging und seinen Aufsatz auswendig lernte, kam eiligst herein, aber die zwei Kleinen waren schon draußen.
„Riesele hat einen sehr gesunden Drang nach -- nach -- nach, Herr Pfarrer, nach Weisheit in sich!” meinte der Lehrer, „gestern war es auch hier!”
„Es weiß nicht, was es tut!” erwiderte der Pfarrer pfiffig, „ihm soll verziehen werden! ... Uebrigens, wenn das Riesele ein Esel wäre und nicht ein kluges Ding, ein Pferd, man könnte versucht sein, mit der Schrift zu sagen: er kam in sein Eigentum, aber die Seinen ... Nix für ungut, Herr Lehrer, guten Morgen!!”
IV
Ein Viertelstündchen abseits vom Dorf wohnte der Großbauer Michael, der sieben Pferde und dreiundzwanzig Rinder hatte. Riesele sah einmal vier dieser Gäule an einem mit Steinen beladenen Wagen ziehen, zwei Peitschen knallten über ihnen, die Siele gerrten, Funken stoben aus den Hufeisen, und dies Spiel der Kraft mochte ihm so sehr gefallen, daß es sich den Pferden zugesellte und mit ihnen lief in den großen Hof. Sie konnten es gut leiden, die dicken Gäule, sie drehten allesamt die Köpfe nach ihm, sie ließen es an ihrem Trog Wasser saufen, ja, sie schoben es förmlich zu sich in den Stall, so daß Riesele mit ihnen fressen mußte aus ihren hohen Krippen. Ha, wie fühlte sich das Zwergfüllchen so wohl! Die sieben Kerle standen da in Reih und Glied nebeneinander, Knechte putzten an ihnen herum, daß die vollen Backen zu blinken anfingen, warme Dämpfe stiegen von den breiten Rücken in die Höhe, und die Schweife tanzten nur so!
Riesele begann den Schweiß zu lecken, Riesele lief von dem einen zum anderen, Riesele ließ sich von allen liebkosen und streckte den Kopf auch den Knechten zu, die es liebreich tätschelten. Ueberallhin sprang Riesele in dem ungeheuren Stall, schlüpfte gar durch einen schmalen Verschlag hinüber in den Kuhstall, und die sieben Gäule drehten die schweren Köpfe an den dicken Hälsen hinzu nach dem Verschlag, sei es, daß sie selber gern einmal hindurchgeschlüpft wären zu den Kühen, sei es, daß sie das Gäulchen den plumpen Milchkühen nicht gönnten. Dies Kerlchen, -- man war selber einmal so lieblich und klein, man hätte selbst gern solch ein Kind gezeugt, solch ein Kind sein eigen genannt -- dies Kerlchen sprang nun zwischen den Kühen herum, und keine Magd jagte es fort! Sie standen beisammen, die Mägde, und schwatzten.
Die Knechte gingen gar hinüber und stellten sich zu ihnen, und der kleine Mann war nicht mehr zu sehen! Ein Hinterbein nur, ein Stück des linken Ohres: die Gäule wurden unruhig, wieherten, rissen an ihren Ketten, schlugen mit den Hinterhufen auf, als sei ein Bienenschwarm über sie hergefallen.
Da auf einmal gab's ein Geschrei:
„Er wirft mir die Milch um!”
Sie stoben auseinander, die Mägde, die Knechte lachten laut auf, ein Eimer kollerte übern Steinboden, und Riesele kam in großen Sätzen durch den Verschlag in den Pferdestall zurück. Ha, wie freuten sich die Gäule!
Aber da stand plötzlich ein kleines Mädchen in der Tür, wagte sich nicht näher, rief: „Riesele, Riesele,” und alle Herrlichkeit hatte ein Ende, denn das Riesele wandte sich von den alten Gaulmännern ab und lief zu dem Kind und lief mit dem Kind davon, ohne sich nochmals umgeguckt zu haben.
Es kam wieder, das Milchkind! Es kam schon am nächsten Tage wieder! Zwei der Gäule zogen hinterm Haus den Pflug, zwei zerrten die Egge hinterdrein, zwei trabten mit dem leeren Steinwagen den Hügel hinauf, und der siebente, der dickste, hatte eine Fuhre Mist hinter sich hängen und stand noch im Hof, an der Mistkaute. Dieser allein sah das Riesele an sich vorüberspringen, sah es ohne Gruß an sich vorüberspringen, als wenn ein Gaul, der das Unglück hat, Mist ziehen zu müssen, deshalb keiner Achtung würdig wäre! Das eingebildete Aeffchen rannte schnurstracks in den Pferdestall, und da es niemand zu Hause fand, legte es sich ein Weilchen auf den Platz in der Mitte und schlief in dem großen Bette ein, wie alle Kinder es so gerne tun! Es wachte auf, als draußen der Mistwagen den Hof hinausratterte. Eiligst hob es sich auf die Beine, lief hinter dem Wagen drein, kehrte aber, noch bevor es ihn erreicht hatte, um und erblickte die Pflüger und die Egger und rannte nun, so schnell es konnte, hinters Haus, um sich den Pflügern zugesellen zu können.
Schräggestellt wie ein Hund, tänzelte es nunmehr vor, neben und hinter den schweißigen Ackergäulen einher über die frischen Schollen wie eine flinke Meise, und seine aufstarrende Mähne bog sich schwer nach beiden Seiten. Die Schimmel, die hinterdrein die Egge zogen, begannen zu traben, der Knecht zerrte die Leine an und schrie unausgesetzt: „hü, hü!”, aber die Schimmel ließen sich nicht halten und eilten voran, wenn auch die Schollen nicht recht zereggt waren. Munter und stolz mit hochaufgestreckten Ohren nickten indessen die Füchse, die vorm Pfluge gingen, ihre Schar durch den harten Boden, wie wenn sie dem Kinde hätten zeigen wollen, was für ehrenfeste Kräfte sie seien, oder wie wenn sie ihm hätten ein gutes Beispiel geben wollen. Kein Blick abseits, kein Schritt abseits, gleichmäßig zerrten die Lederriemen an den Kummeten. Ja, der Knecht, der Soldat gewesen war und Sinn für maschinenhafte Ordnung hatte, gewahrte, daß die Schritte der Füchse, die sonst nach jedem fünften Tritt zum Gleichschritt kamen, eben fortgesetzt gleichmäßig im Takte blieben, und da er diesen Takt von der Kaserne her so sehr liebte, freute er sich über die Maßen wie beim fertigen Parademarsch und sah selber bisweilen wie ein Kompagniechef hinüber zum General, der heute sogar ein ganz junges Prinzlein aus vielleicht höchstem Hause war.
Als wieder einmal die Furche zu Ende war, durften die Füchse warten, bis die Schimmel kamen, und nun stellten sich die Schimmel in dem Abstand, der ihnen ihrer Arbeit entsprechend zukam, seitlich von den Füchsen auf, um gleichzeitig und gleichmäßig ans andere Ende des Ackers die Arbeit zu ziehen. Ja, auch die Schimmel hoben nun die Köpfe und stellten die Ohren steil auf! Und wenn ihre Hufe auch nicht den gleichen Schlag bewahren konnten, -- vielleicht weil die Egge ein unordentliches Gezerr verursacht, -- so blieben sie doch, von der Hand des Knechtes gelenkt, in gleichem Abstand und in gleicher Höhe.
Riesele aber, wie es da einen einheitlichen Willen erfühlt, hüpft wie ein abgerichteter Zirkusgaul von hinten her zwischen die vier Pferde und marschiert nun wie an der Tete mit fröhlichem Getrippel einher und tollt nicht mehr seitab und tänzelt nicht mehr und bockelt nicht mehr und ist ganz Ordnung und Würde.
Jedoch gleich am Ende der Furche, als gewendet wurde, mochte ihm etwas anderes besser gefallen haben, und es lief vom Acker der Arbeit, dem es ein Stückchen Schönheit eigener Art verliehen hatte, davon.
Es lief in eine neue Schönheit hinein: ein Weizenfeld stand oben, wo sich der Hügel hinabzu biegt, und Millionen von knallroten Mohnköpfen leuchteten, wie wenn sie als Wolke am blauen Sommerhimmel einhergingen, zwischen den steilen, kurzen Halmen dicht gedrängt, als stünde der Acker in Feuer.
Riesele rannte drauf zu. Jedoch, wie es oben war, sah es sein Dörfchen unten, sah alle Schornsteine rauchen, -- kerzengerade ringelten sich feine Rauchsäulen in die heiße Luft -- und dann sah es noch am anderen Abhang eine Schafherde grasen. Der Pferch stand weiter unten im Tal, und die Hütte des Schäfers lehnte an einem Nußbaum.
Diese Schafherde gefiel offenbar dem Riesele am besten, es lief deshalb zu ihr hin. Die Schafe hoben die Köpfe von der Erde auf und drehten sie. Der Schäfer pfiff, riß, wie wenn Gott weiß welche Gefahr gedroht hätte, die Schippe hoch, und der Hund stürzte sich heulend Riesele entgegen, so daß dies nichts besseres tun konnte, als eiligst umzukehren zu seinem Mohnfeld. Richtig erschreckt hatte es der garstige Hund: es legte sich um in dem Weizen und schlief fünf Minuten.
Es erwachte wieder, blieb aber liegen, hob den schwarzen Kopf aus dem roten Feuer und nieste einmal kräftig in den Tag hinein.
Sogleich, wie es geniest hatte, hörte es seine Mutter wiehern. Es duckte sich wieder zwischen die Halme, guckte aber doch nach allen Seiten um sich und sah schließlich den Kopf seiner Mutter oben am Himmelsrande des Hügels aus dem Rot auftauchen, wie er eine Last, die noch nicht zu sehen war, hinter sich hernickte. Die Mutter erschien ganz, die Last erschien: es war der leichte, überdächelte Stuhlwagen, den sie, wer weiß wohin, zu ziehen hatte, vielleicht den Pfarrer abzuholen oder den Gerichtsvollzieher.
Riesele blieb liegen und duckte den Kopf. Als aber die Mutter wieder wieherte und nochmals, konnte es sich nicht halten und sprang auf und ihr entgegen.
Die Mutter aber war durchaus nicht lieb zu ihm! Sie sah mit einem fernen Blick, der keine Liebkosung heischte, nach ihm hin, und Riesele getraute sich deshalb gar nicht so nahe zu ihr, obwohl es Durst hatte und gern an die Mutterbrust gestürzt wäre! Der Bauer nahm sogar die Peitsche, die am Kummet der Trudel stak, schwang sie hoch und riß dem Riesele die dünne Schmicke über die Ohren, daß es, obwohl die Schmicke nicht traf, sich rasch herumwarf und heimwärts lief.
Als es einmal stehen blieb und nach der Mutter umsah, war das Fuhrwerk verschwunden.
Im Stall des Großbauern brüllten etliche Kühe, deren Euter zu schwer geworden waren, nach den Mägden. Allein Riesele hörte den Peitschenknall und zog es vor, heimzutrippeln. Es sah sich nicht mehr nach den Gäulen um, nicht mehr nach den kleinen Kindern und selbst am Schulhof, wo gerade Pause war, raste es vorbei und mißachtete des Brotes und der lauten Rufe.
Je näher es seinem Stalle kam, um so rascher sprang es, es hörte den Peitschenknall an den Ohren, und vielleicht vermeinte es, die Peitsche schwebe noch über ihm wie ein Engel über Kindern ... es rannte, rannte und sah nicht auf, nicht um, ja, der junge Mund, der schlaff nach unten hing, füllte sich mit schaumigem Geifer, und ein weißer Fetzen troff herab und klatschte auf den gelben Huf.
Ein Kind stand da, sah das Riesele den Weg daherrasen; es trug in der Hand einen irdenen Krug mit Milch und erschrak vor solcher Kindeswut im kleinen Gäulchen und konnte nicht ausweichen und blieb stehen mitten auf dem Weg.
Jedoch das Riesele konnte heute nicht bei dem Kind verweilen wie sonst, konnte überhaupt nicht achthaben auf ein Kind. Es rannte das Kind an, daß der Milchkrug fiel, daß er zerbrach und daß die Milch sich weithin ergoß.
Der Schlag schreckte aber nun das Riesele auf aus seinen Träumen; es drehte sich um, blieb einen Augenblick stehen, kam zaghaft näher an das Kind und besah sich die Milch, die in Rinnseln dahinfloß. Einen Augenblick nur, wohl bis es sich überzeugt hatte, daß es diese Milch doch nicht trinken könne, besah es sich das Unglück; dann drehte es sich wieder, schlug sich überaus leichtfertig mit dem lichten Schwänzchen über die Hinterbacken und ging gemächlich weiter.
Ein blütenweißer Gänserich stand da auf einem Bein und schielte zu den Gänsefrauen, die einen Steinwurf entfernt im Sande lagen. Im vergangenen Winter war er der einen Liebster gewesen; offenbar konnte er nicht so rasch vergessen, als er vergessen ward, und er stand da und träumte, und Riesele tappte auf ihn zu, daß er ganz verschreckt die Flügel aufriß und halb flog, halb hoppste und nun, gesammelt, heftig dem Gäulchen nachschimpfte. Die Weiber lachten ihn aus.
Die Hühner hockten vorm Stall; sie standen auf, wie Riesele kam, und setzten sich wieder, als hätten sie nur grüßen wollen! Sapperlott saß auf der Schwelle und hoppste langsam zurück. Drei junge Schwalben zwitscherten auf der nach innen aufgedrehten Tür, eifrig wie alte.
Riesele legte sich seitab von den Hühnern an das Wässerchen, leckte, erhob sich, ging an den Trog und versuchte mit der Zunge zu lecken wie ein Hund und trank dann regelrecht wie ein erwachsenes Pferd. Aeußerst stolz sahen die großen Augen rings auf das Geziefer herab, das doch meinte, Riesele sei noch ein Brustkind! Das Wasser tat ihm gut; es hätte schier nicht mehr aufhören mögen, zu trinken!
Ein Fuhrwerk, mit zwei Kühen bespannt, schob sich in dem tiefgleisigen Weg vorbei; Riesele, das großen Hunger hatte, begann aus irgendeinem Grund, vielleicht aber auch ohne jeden Grund, hinter dem Wagen herzulaufen, bis es die Entenschar daherkommen sah. Der Enterich, dessen Gefieder schillerte, wie wenn er's frisch für einen Feiertag geölt hätte, warf den Kopf rückwärts zur nächsten Ente, sagte: „wack wack”, drehte den eitlen Kopf wieder vor, und eine Ente sagte der anderen dieses Wort, das sicher eine mißliebige Bemerkung gegen Riesele war, denn eine jede zog, nachdem sie gesprochen, den Unterschnabel zurück und lachte auf diese Weise, wie es Enten tun, und wackelte weiter. Riesele schien von diesem verschmitzten Lachen beleidigt zu sein, tappte in die Schar, zerstreute sie und freute sich seiner Tat so sehr, daß es in wilden Sätzen auch die Hühner aus ihrem trägen Brüten aufjagte und wunder meinte, was für ein Held es sei! Denn es turnte wieder an den Wassertrog, tunkte ungestüm den Kopf bis fast zur Hälfte hinein und schüttelte die Wassertropfen nun über die Hühner hin, die schon wieder beisammen saßen. Das schien in der Tat ein Heldenstück, war aber keineswegs ein solches, war Not, nicht Tugend, sofern ein Heldenstück dieser Art überhaupt Tugend sein kann.