Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes
Part 10
Seine zwei Begleiter hatten's eilig! Ein Judenbübchen, kaum fünfzehn Jahre alt, kam auf sie zu, klatschte Dauphin auf den Schenkel, trat aber wieder rasch beiseite, als fürchte er sich vor den Zweien. Es legte die eine Hand vorsichtig auf seine Mütze, die sonderbare Wülste hatte, als verhülle sie einen verbeulten Kopf.
„Na, willst du nicht anbeißen?” fragte der eine von Dauphins Begleitern, und der andere fügte gleich hinzu:
„Kannst ihn billig haben!”
„Der Fuchs hier,” antwortete das Judenbübchen, „kostet fünfundsiebzig Mark!”
Es zog aus seiner tiefen Innentasche ein Pfund Butter und stülpte die Mütze seines Kopfes und hielt in der Mütze den beiden zehn reinweiße Eier vor die Nasen. Der Knabe sah sogleich, daß sie's zufrieden seien und sagte, indem er ihnen seine Kostbarkeiten überreichte und die Leine ergriff:
„Emma heißt sie doch, gelt?”
Der eine steckte die Butter in seine Innentasche, der andere kippte am Wagenrad ein Ei auf, und beide sagten sie zugleich:
„Emma! Freilich, wie denn sonst!”
Auch der andere schlug ein Ei auf, und während der Judenknabe das Gäulchen schon fortführte, flogen die Eierschalen um ihre Ohren, aber sie beide achteten nicht darauf!
Sie entfernten sich weiter von der Stadt, überschritten die Brücke, die Dauphin noch nie überschritten hatte, und kamen auf eine Landstraße, die links und rechts mit alten Apfelbäumen bestellt war. An einem Steinhaufen mußte Dauphin stehen bleiben, und der Knabe schwang sich auf seinen Rücken.
Heisa! Heisa! Ein Kind auf Dauphins Rücken, draußen in der Freiheit, unter Apfelbäumen, zwischen Aeckern und Wiesen! In leichtem Trab lief er dahin über die Steinstraße, ledig der Siele, ledig der Stadt, ledig des mürrischen Balthasar!
Ein Apfel hing allein auf einem Baum: der Knabe stieg ab, warf mit einem Stecken in die Krone, der Stecken blieb hängen, der Apfel fiel, und der Knabe gab den Apfel dem Gäulchen, das auf einmal wieder einen Namen hatte!
„Will Emma auch ein Stück Brot?”
Jawohl, Emma will auch ein Stück Brot!
Aber Emma will auch den Knaben wieder auf ihrem starken Rücken tragen! Am nächsten Steinhaufen blieb Emma wieder stehen, und der Knabe schwang sich wieder bäuchlings auf den schmalen Pferderücken, und der Pferderücken schwebte nur so dahin, einer ungewissen Zukunft entgegen!
Die große Glocke der Stadtkirche flutete hinterdrein, und als das Gewoge nicht mehr zu hören war, verzögerte Emma den Schritt! Schweiß stand auf ihrer Haut. Durchs nächste Dorf führte der Knabe sein Tierchen an der Leine, und hinterm Dorf stieg er nicht wieder auf, und der Schweiß verkroch sich wieder.
Ein Gebirge hob sich aus der Ebene auf, und in den Fichtenspitzen des Bergkammes schwang sich ein leiser Wind. Die Sonne senkte sich gerade in diese zart bewegte Ruhe, und der Knabe sprach und deutete:
„Siehst du, Emma, dort oben hinter diesem Buckel ist unsere Heimat! Gehst du gerne mit? Du sollst es gut bei uns haben! Weißt, wir haben noch richtigen Hafer! Bei uns kannst du dich richtig erholen, da wird dein Wasserbauch verschwinden und die Faßreifen hier, und deine Backen werden sich füllen und deine Augen: zeig mal deine Augen! Aha! das ist eine Kleinigkeit für dich, die werden glänzen wie die Sonne am Berge Garizim! Zu schaffen ist ja nicht viel bei uns: du gehörst übrigens mir, und wenn sie dich einspannen wollen zu Dreckarbeiten, so werd ich auch ein Wörtchen mitzureden haben! Es ist ja richtig: wir haben einen Stall voll Kinder, und die Dienstboten bleiben nicht lang bei uns; aber bist du etwa ein Dienstbote? Nein, Emma, du bist kein Dienstbote! Und unter uns gesagt: Dienstboten sollte es fortan überhaupt nicht mehr geben!”
Gänse ergingen sich, Schweine grunzten im Chausseegraben, eine Dreschmaschine brummte irgendwo, und man sah sie nicht.
An all diesen Herrlichkeiten raste Emma vorüber, ohne verweilen zu wollen, und der Weg führte, wie sie wünschte, den Berg hinan, der Sonne entgegen! Die Sonne versank vollends, der Weg führte wieder talab, ein Dörflein hockte unten beisammen wie eine Hühnerschar. Im Dorf stand ein neues Haus neben der Kirche, beschattet von der Kirche: das Schulhaus natürlich, und hundert Kinder rasten an die Gitterstäbe, als Emma kam. Aber der Knabe hielt nicht an und eilte, ins Vaterhaus zu kommen, das am Ende der Straße in Fachwerk leuchtete.
„Vater, Vater!” rief der Knabe in den Hof, „Hans im Glück ist heimgekehrt! Komm rasch heraus und sieh, was ich dir bringe für die Butter und für die Eier!”
Die Mutter erschien, schlug die Hände überm Kopf zusammen, drei kleine Kinder wackelten herzu, vier größere rissen das Hoftor auf und warfen ihre Schulbücher in die Ecke, und dann kam auch der Vater mit dem Federhalter hinterm Ohr, und in das Gejubel der Kinder streckte sich seine sonore, hastige Stimme:
„Uebermorgen, Sigmund, ist sie tausend Mark wert unter Brüdern!”
Emma stand sehr erregt da, sah sich nach allen Seiten um, musterte besonders die Kinder und freute sich, daß nacheinander alle, und drei auf einmal sich auf ihren Rücken setzten.
„Tausend Mark unter Brüdern,” entgegnete Sigmund, „aber Emma wird nicht wieder verkauft! Emma gehört mir!”
„Und mir! Und mir!” krischen die Kleinsten durcheinander, und der Vater sagte:
„Versteht sich, Sigmund, daß er dir gehört!”
„Und wenn du ihn verkaufen solltest: nicht unter tausend Mark, und diese tausend Mark für mich auf die Kasse!”
„Versteht sich! Futtergeld abgerechnet!”
„Versteht sich!” erwiderte Sigmund und führte sein Gäulchen in den Stall des Vaters. Ein altes, ausgemergeltes Kühlein drehte gar freundlich den Kopf nach Emma und schien ihn nicht mehr wegwenden zu wollen! Sigmund fing an zu putzen und striegelte Emma blitzblank. Diese schüttelte sich einmal der ganzen Länge nach vom Halse bis zum Schweif und schien über die Maßen beglückt zu sein.
Am nächsten Morgen wurde das Kühlein geholt, und am Abend kamen zwei Kälber in den Stall. Emma, die den ganzen Tag über mit den Kindern und mit allen Kindern des Dorfes auf den herbstlichen Wiesen umhergetollt war, wie sie's seit ihrer Jugend nicht mehr getan, traf am Abend die beiden Milchkälber neben sich und mußte sehen, wie die acht Kinder sich eher mit diesen Neulingen beschäftigten als mit ihr. Denn die Neulinge waren noch so jugendlich, daß sie ihre Milch nicht aus der Schüssel trinken wollten, und daß sie also aus Flaschen mit Gumminapf trinken mußten.
Sie blieben nur eine Nacht im Stall, die Milchkinder, wurden geholt, und Emma war allein. Emma durfte ein Wägelchen ziehen, das kleiner und leichter war als das Kasernenwägelchen. Zum nächsten Dorf gings, an den Bahnhof! Ein Sack Grieß wurde aufgeladen, und diesen Sack zog Emma heim. Es ging am selben Tag nochmals an diesen Bahnhof, und diesmal gab's eine Kiste Zucker und ein Faß Marmelade.
Doch siehe! Ein Militärzug rauschte heran, und Sigmund stellte sich an die Sperre, indes Emma an der Straße stehen mußte. Sogleich waren Kinder um sie her. Aber die Kinder blieben nicht lange bei ihr, denn die Straße her kamen etwa zwanzig Soldaten zu vieren im Gleichschritt mit fliegenden Mänteln und pfiffen. Als sie an dem Wägelchen vorüberschritten, löste sich einer aus dem Glied, blieb einen Augenblick stehen und stürzte sich dann mit weitgeöffneten Armen auf das Gäulchen und schrie:
„Riesele! Riesele!”
Die Kameraden hörten auf zu pfeifen, der Trupp verwirrte auseinander, und der eine Soldat rief unausgesetzt:
„Freut euch mit mir, ich habe mein Riesele wiedergefunden, das verloren war!”
Alle umstellten sie Riesele, alle grinsten vor fröhlichem Lachen, alle legten die schweren Hände auf Rieseles Rücken! Etliche spannten schon aus, das Kummet flog auf das Marmeladenfaß, und jetzt erst kam Sigmund und schrie und tobte:
„Mein Gäulchen, mein Gäulchen! Tausend Mark ist es wert unter Brüdern!”
„Die Revolution hebt auch den Hilfsdienst auf, Gustav,” sagte ein Feldwebel, „du nimmst dein Riesele mit heim, wohin es gehört!”
„Tausend Mark! Tausend Mark!” schrie Sigmund.
Gustav zog seinen Geldbeutel, leerte ihn in die Hand und zählte; er hatte noch vierundzwanzig Mark und siebenzig Pfennige.
„Hier hast du die Barschaft eines geschlagenen Soldaten!”
Sigmund weinte heftig; Kinder kamen hinzu und viele Erwachsene, und niemand hatte gegen das Wort des Soldaten etwas einzuwenden. Die Soldaten aber zogen alle ihre Geldbeutel, und jeder gab dem Sigmund noch einen Markschein, so daß dieser die Lippen vorwulstete, das Geld einsteckte und sich getrost vor sein Wägelchen spannte und schließlich zu schmunzeln begann.
Riesele aber zog mit. Es hatte den Handel still über sich ergehen lassen und wohl dem alten, längst vergessenen, trauten Laute sich hingegeben, ohne der süßen Dinge gedenken zu können, die sich an diesen Namen hefteten. Da es ausgeschirrt wurde, mochten zudem allerlei zukunftsfrohe Bilder das verträumte Herz beschlichen haben, das auch ohne Künstlerschaft stets zu einem Abenteuer bereit war! Der alte Name Riesele aber brauchte nicht lange in dem zerquälten Kinderherzen umherzuirren, bis er sich selber wiederfand, denn die Jugend ist alleweil der ewige Nährboden der Seele.
Der Soldatentrupp nahm Riesele in seine Mitte und schob sich weiter die Landstraße hin. Man sang, man pfiff; einer trommelte geräuschvoll ins Land hinein, und Riesele trappte inmitten einer Herrlichkeit, die es noch nicht durchkostet hatte. In den Dörfern kamen Kinder, ritten eine Strecke auf Rieseles Rücken und liefen wieder zurück. Junge Mädchen kamen, hingen sich den Soldaten in die Arme, ließen sich küssen und lachten und sangen mit, hell, wie Kinder singen, und ihre Stimmen drangen Riesele ins Herz, als gehörten sie dorthin!
Keines ging, ohne Riesele gestreichelt zu haben, und viele schenkten ihm etwas: ein Stück Zucker, einen Bissen Brot, eine Handvoll Gras, das sie in der Eile neben an den Wiesen abrissen! Eines dieser Mädchen, das besonders übermütig sein mochte, ließ sich sogar auf Rieseles Rücken heben, als wär es selber noch ein Kind und ritt so eine gute Strecke mit.
Ehrenpforten taten sich auf, da der Trupp weiter ins Land kam, schwarz gekleidete Bürgermeister standen auf Balkonen und sprachen Gedichte von Schiller, und Riesele nahm alles ruhig und ernst entgegen. Rote Bänder flatterten wieder an seinen Schläfen, und der Hals reckte sich, und die Ohren spitzten fast so hoch als die der Soldaten.
Eine alte Frau sah zum Fenster heraus, schlug, da sie die heimkehrenden Soldaten sah, die Arme überm Kopf zusammen und schrie wild hinaus.
Indessen wurde noch an diesem Abend der Trupp kleiner und kleiner, und als man sich zum Schlafen anschickte, waren nur noch sieben Mann beisammen und Riesele. Sie schliefen in einem warmen Stall. Sie schliefen auch am nächsten Abend wieder in einem warmen Stall. Am folgenden Tag aber stiegen sie in die Eisenbahn; und nun gings rasch dahin, rechts die Ebenen, links das Gebirge, über einen Fluß, über Bäche, zu den zwiebeligen Kirchtürmen, und man stieg aus an einem Bahnhöfchen, das Riesele schon einmal gesehen hatte. Etliche Soldaten blieben zurück, zwei stiegen aus.
Nun wanderten die drei die Bergstraße hinan, wo Riesele alles schon gesehen hatte. Das Birkenwäldchen hob sich in den blauen Himmel, die Wiesen dehnten sich hin, und viele Kühe weideten den letzten Wuchs ab. Am Eingang des Dorfes prangten wie überall grüne Fichtenkränze, Tafeln mit Sprüchen, die noch im Kaiserreich geboren waren, und rote Papierfetzen flatterten hin und her, durchzittert von bangen Hoffnungen um die bessere Zukunft.
Ha, eben, wie Riesele den Weg links einbog nach dem Mutterhaus, ging etwas in seiner Seele vor: es blieb stehen! Es hob langsam den Kopf, es pendelte die Ohrenspitzen gegeneinander, es entblößte die Zähne, und nun begann es zu rennen, daß Gustav nur mit Mühe ihm folgen konnte.
Auf den Steinstufen der hohen Treppe saß die Familie des Bauern Klaus: er, der Bauer, Katherin, seine Frau, der rothaarige August und Trudel, die ein großes Mädchen geworden war. Sie tranken aus weiten tönernen Schalen ihre Abendmilch und aßen weißes Brot, das dick mit Butter bestrichen war.
Als sie erkannten, wer da heimkehrte, liefen sie von der Treppe herab, eine Schale zerklirrte in Scherben, und mitten auf dem Weg fielen sich alle nacheinander um den Hals, und auch Riesele ward geherzt und verstohlen geküßt. Als der Bauer sich überzeugt hatte, daß die beiden Zurückgekehrten unverletzt und gesund vor ihm standen, nahm er seine Frau an der Hand und führte die Seinen heim.
XVII
In dem Heimathause Rieseles hatte sich nicht viel verändert. Trudel, die Mutter, stand noch im Stall, eine Kuh ihr zur Seite, zwei Ziegen meckerten hinten, ein Hasenvater hoppste an seinen vernachlässigten Jungen vorbei, die Schwalbennester prangten in vergilbendem Rot, auf der Stallschwelle saßen Hühner mit ihrem Hahn, Enten wackelten einher, die Gänse erzählten sich die Neuigkeiten der Zeit, und das fleißige Lieschen schnurrte dünn und abgearbeitet die Stunden aus der Stube herunter in den Stall.
Die Mutter Trudel war alt und mager geworden, und es dauerte etliche Tage, bis sie sich ihres Kindes erinnern konnte. Riesele, im ganzen etwas schmächtiger gebaut als die Mutter, strotzte von Jugendkraft, und es kam dem Bauern Klaus gleich am ersten Tag der Gedanke, die alte Trudel irgendwie zu verkaufen und Riesele ihren Dienst versehen zu lassen.
Seltsamerweise war die ganze Familie mit diesem Plane gleich einverstanden, und auf der Straße sagten die Leute:
„Na Klaus, jetzt wirst du die Alte abschaffen!”
Es gab sich Gelegenheit, sie nicht einem Pferdehändler, auch nicht einem Roßschlächter überantworten zu müssen, indem ein Bäuerlein des Dorfes sie um ein Geringes erstand und sie neben sein schwaches Kühlein spannte.
Die Hauptarbeit des Jahres war geschafft, als Riesele frischen Mutes in die heimatlichen Siele trat. Am ersten Tag ließ sich Gustav von seinem Bruder August ins Städtchen zu seinem Meister fahren, wo er das Wagnerhandwerk erlernen wollte; und am Abend trabte Riesele nochmals hinunter, den Gustav wieder abzuholen!
Jeder Schritt, den Riesele tat, war Freude; jeder Atemzug war Freude! Das Birkenwäldchen drüben, das mächtig in die Höhe geschossen war, goß Freude in Rieseles Seele; das leere Feld goß Freude in seine Seele! Die kahlen Obstbäume, die wie abgearbeitete alte Männer den Hang hinan standen, als mühten sie sich, hinaufzukommen, als wollten sie jederzeit niedersinken auf ihren ausgebreiteten Schattenteppich, sie erfüllten die Seele des Gäulchens mit Freude! Das Wässerlein rieselte nicht größer, nicht kleiner, nicht lauter, nicht leiser inmitten der Wiesen, und war so hell und so klar wie ehemals, ließ sich auf den letzten Grund gucken und verheimlichte nichts von seinem Wesen, und gab bereitwillig und munter schwatzend dem Riesele, wenn dieses über das Brückelchen stapfte, den Schattenriß seines Kopfes wieder. Welch eine Freude tat das Wässerlein in Rieseles Herz, wenn es die weiße Blesse schimmern ließ!
Als Riesele am Abend mit dem Wagnergesellen heimkehrte, kamen ihm schon ein paar Kinder entgegen, setzten sich zu den Burschen aufs Wägel, und zu Hause hinter den Fensterscheiben winkte Trudel, das Mädchen, das ein blaues Band im Krönchen seiner Haare trug, und öffnete das Fenster und hörte nicht auf zu singen. Es kam sogar heraus zu Riesele, liebkoste es und sprach:
„Aber wo sind deine goldenen Hufe, Riesele, wo sind sie denn geblieben? Ich für mein Teil, wenn ich fortzöge in ein Märchenland wie du, ich käme nicht heim ohne goldene Schuhe!”
„Geh du lieber gar nicht fort!” sagte Gustav, „sonst kann es geschehen, daß du barfuß wiederkehrst, denn der Krieg macht Deutschland zum Aschenbrödel der Welt!”
Gustav schirrte Riesele ab; am rechten Brustbein hatte das Kummet der Mutter, das dem Riesele zu weit war, eine Wunde aufgeschürft, die Trudel mit essigsaurer Tonerde sofort auswusch. Sie sang dazu das Lied von den drei Lilien, und Riesele spürte keinen Schmerz und trat in seinen Stall und legte sich.
Ueber Nacht schneite es ein wenig. Am andren Morgen bekam Riesele vom Sattler ein weiches Unterkummet an, und nun zog es den Wagen in den Fichtenwald. Der Bauer saß oben und klapperte mit der Peitsche in die kalte Morgenluft, und immer fiel der Knall in den weiß beladenen Fichtenwald und kam zurück und traf niemals Rieseles Ohren!
Hat Riesele je einen solchen Wald gesehen? Die Stämme stehen zu tausenden im Lot nebeneinander, versinken nach der Tiefe zu im Dunkeln, die saftgrünen Aeste hängen breit herab übern Weg, und ihr Schnee bedroht Mensch und Tier, sich zu nahe an sein Geheimnis zu wagen! Unendlich schier senkt sich der dicht ineinander verwucherte Fichtenwald ins Tal hinab, steigt wieder empor und verliert sich ins Weite. Hie und da bricht eine Schneelast vom Zweig und zerstäubt, denn die Sonne stochert durch die brüchigen Wolken.
Als Riesele an einer Lichtung stehen bleibt, wo der Bauer kleine Fichten schlägt, da ballt sich das Düster zusammen und flieht in großen Fetzen über den weißen Hang hinan, und die Sonne greift in langen Strichen durchs Düster zwischen den grünweißen Fichten. Von den Spitzen herab tropft das Schneewasser, schneidet durch das Sonnenlicht und jauchzt tiefblau auf für ein Sekündchen. Was hängt, zittert und quirlt aus seiner Unruhe alle Farben dieser Erde, und entblößt die Schönheit der Sonne und ihre Seele. Rasch sinken die Schneemassen hernieder, die tiefhängenden Schalen heben sich der Sonne entgegen und lassen den Schnee über die Ränder gleiten, und behalten tausend Wassertropfen an den grünen Nadeln, in denen die Sonne ihr Geheimnis millionenfach offenbart.
Geblendet von der schillernden Farbenpracht, läßt Riesele hin und wieder die Lider sich über die großen Augen herabwölben und hebt sie sogleich wieder, die Pracht in sich einzutrinken und keinen Tropfen zu verlieren! Der Duft der Fichten mischt sich drein; die frisch umgehauen wurden, strömen ihr aufgeritztes Blut umher, und Riesele saugt diesen würzigen Duft durch die weiten Nüstern in sich ein.
Der Wagen ist schwer beladen, ein leichter Dampf schwebt über dem kleinen Pferderücken, als der Bahnhof sichtbar wird! Aber Kinder sind da, Kinder! Sie schreiten neben Riesele drein und rufen:
„Weihnachten, Weihnachten!” und es ist, als freue sich auch das Riesele auf Weihnachten, und als freuten sich auch die erschlagenen Fichten ihres frühen Todes, da sie für das Glück der Kinder sterben durften ...
Oft und jeden Tag fast mußte Riesele diesen Weg wieder machen und mußte Christbäume an den Bahnhof fahren.
Indeß wurde es kälter, und das Wasser, das über den Wiesen stand, ward zu Eis. Die Kinder warfen ihre Schlittschuhe über die Schultern und gingen, die Hände in den Hosentaschen, hinaus und schnallten die Schlittschuhe an und fegten über die glatte Fläche, hielten die Arme seitab und die roten Nasen hochauf.
Riesele durfte auch zu den Kindern! Der Bauer Klaus brach das Eis, um es in die Brauerei des Städtchens zu fahren, und Riesele durfte lange neben der Eisfläche stehen und gucken, und die Kinder kamen zu ihm, wärmten ihre Hände an seinem Leib und unter seiner Rückendecke und umstanden das liebe Gäulchen wie die Stadtkinder den Maronimann.
Was mußte Riesele nicht alles schaffen in der stillen Winterszeit!
War etwa der Herr Doktor aus dem Nachbardorf zu holen: wer anders als Riesele hätte das so eilig besorgen können? Weilte der Herr Amtsrichter im Dorf, und er wollte, nachdem er am Abend noch ein dunkles Geschäft erledigt hatte, samt der schweren Tasche, die das dunkle Geschäft verhüllte, rasch an den Bahnhof gebracht werden: wer anders als Riesele, und wer diskreter als Riesele hätte den Herrn Amtsrichter über den Berg gezogen?
Sollte der Herr Pastor ins Gebirg hinauf, und Glatteis klebte an den Steinen, oder der Schnee sauste, vom Nordwind zerpeitscht, hernieder: wer anders als Riesele wäre mit dem Herrn Pastor durch Nacht und Wind gestürmt, zu denen, die es eilig hatten auf dem Weg zu ihrem ewigen Glück?
Weihnachten kam und die Neujahrsnacht! In dieser Nacht betrat Cornel, der Schweinehirt, den Stall und setzte sich vor Riesele auf dessen steinerne Krippe und sprach:
„Ich will dir Prosit Neujahr sagen, Riesele, alter Freund! Nichts weiß ich von dir aus deiner Zeit der Fremde! Nur eine schlimme Spur von der Menschen Hand trägst du an deiner Seite, die ich erkennen kann: sie haben dir das Geheiligte der Irdischkeit entrissen, um mehr Arbeit von dir, um größere Freude an dir haben zu können. Sie ließen nicht zu, daß du jemals Mutter werdest! Sie, die sich Krone der Schöpfung nennen, treiben Raubbau mit Gottes Angesicht, wo immer sie es antreffen. Zum Glück, ach ja, zum Glück werden sie ja von Tag zu Tag blinder für die Herrlichkeiten der Schöpfung, wie zu des alten Noe Zeiten! Damals kam die gewaltige Sintflut von oben herab über die Menschen! Später, als sie wieder alles vergessen, aber nichts gelernt hatten, da schickte Gott sogar seinen eigenen Sohn herunter, sie zu erlösen von ihren Narreteien und von ihrer Vernichtungswut gegen Gott! Das war doch wohl das letzte Mittel, das gegen sie zur Verfügung stand: Gott selber kam und -- erlöste sie nicht! Riesele, Riesele! Sei froh, daß du kein Mensch bist! Kein Gott könnte dich erlösen! Aber du könntest dich auch nicht selber erlösen, Riesele, wenn du ein Mensch wärst, obwohl du alsdann doch den Ekel an dir und die Sehnsucht nach Erlösung in dir trügest! Siehe, ihr lieber Gott hat sie sich selber überlassen, da er offenbar nicht wußte, was geschehen sollte! Nun, was haben sie getan? Aus sich heraus, aus ihrer famosen Freiheit haben sie eine neue Sintflut geboren, eine Sintglut aus Blut und Eisen! Aber auch diese Flut war nicht schrecklich genug, sie zu bessern, nicht groß genug, sie zu vertilgen, und nun stehen sie, zu Stahl geworden, wieder da und wissen nicht, was jetzt geschehen soll! Frieden! kreischen sie, überdrüssig des Stahles, an allen Ecken und Enden der Welt! Weißt du, Riesele, was das ist: Frieden? Und wann erst wieder Frieden werden wird auf Erden, wann der liebe Gott wieder sichtbarlich -- freilich nicht mehr in Gestalt der Menschen -- auf Erden wandeln wird, wann, wann, Riesele? Ich will es dir sagen, denn ich weiß es: wenn die Zeiten der Menschen abgelaufen sein werden! Dann und nicht eher!
Soll ich dir sagen, was mir neulich unser Pastor, den du gut kennst, den du noch aus deiner Jugendzeit kennst, was der zu mir sprach? Er sprach, und er ist ein weiser Mann und hat das Herz auf dem rechten Fleck:
„Pfaffen herbei!” hat er gesagt, „Hohenzollernsches Brimborium herbei! Diesem Geschlecht kann die Hölle nicht heiß genug gemacht werden!” So hat er gesagt, aber er irrt gewaltig! ... Er ist keiner von jenen, die er herbeiwünscht, er verwünscht alle Peitschen, die über die Menschheit geschwungen werden: ja, Pfaffen seiner Art ließe ich mir noch gelten, aber er ist gar kein Pfaffe!
Einst, Riesele, wollte ich dir erzählen, wie die Menschen sich die Tiere zu Haustieren machten, und ich will es dir jetzt rasch erzählen!
Als die Menschen noch so einfach und noch so gut waren wie die Tiere, lebten deine Vorfahren frei und fröhlich draußen in den großen Wiesengärten, die sich endlos über die Erde erstrecken. Sie lebten vereinzelt, zu zweien und in großen Herden, sie fraßen das Gras vom Erdboden, sonnten sich und pflegten der Minne. Sie lebten der Liebe wegen. War im Winter die Erde überschneit, so scharrten sie mit breiten Hufen das Gras bloß und warteten auf bessere Zeiten. Feinde lauerten manchmal auf die Jungen, auf die Mütter, auf die starken Väter. Blutgierige Raubtiere brachen aus den Hecken, aus den Wäldern hervor, sprangen geschickt an ihre Kehlen und soffen ihr Blut.