Chapter 8
Richard. Ein andres Pferd! verbindet meine Wunden! Erbarmen, Jesus!--Still, ich träumte nur. O feig Gewissen, wie du mich bedrängst!-- Das Licht brennt blau. Ist's nicht um Mitternacht? Mein schauerndes Gebein deckt kalter Schweiß. Was fürcht ich denn? mich selbst? Sonst ist hier niemand. Richard liebt Richard: das heißt, Ich bin Ich. Ist hier ein Mörder? Nein.--Ja, ich bin hier. So flieh.--Wie? vor dir selbst? Mit gutem Grund: Ich möchte rächen. Wie? mich an mir selbst? Ich liebe ja mich selbst. Wofür? für Gutes, Das je ich selbst hätt' an mir selbst getan? O leider, nein! Vielmehr haß ich mich selbst, Verhaßter Taten halb, durch mich verübt. Ich bin ein Schurke--doch ich lüg, ich bin's nicht. Tor, rede gut von dir! Tor, schmeichle nicht! Hat mein Gewissen doch viel tausend Zungen, Und jede Zunge bringt verschiednes Zeugnis, Und jedes Zeugnis straft mich einen Schurken. Meineid, Meineid, im allerhöchsten Grad, Mord, grauser Mord, im fürchterlichsten Grad, Jedwede Sünd', in jedem Grad geübt, Stürmt an die Schranken, rufend: Schuldig! schuldig! Ich muß verzweifeln.--Kein Geschöpfe liebt mich, Und sterb ich, wird sich keine Seel' erbarmen. Ja, warum sollten's andre? Find ich selbst In mir doch kein Erbarmen mit mir selbst. Mir schien's, die Seelen all, die ich ermordet, Kämen ins Zelt, und ihrer jede drohte Mit Rache morgen auf das Haupt des Richard.
(Ratcliff tritt auf.)
Ratcliff. Mein Fürst--
Richard. Wer ist da?
Ratcliff. Ratcliff, mein Fürst; ich bin's. Der frühe Hahn des Dorfs Tat zweimal Gruß dem Morgen; Eure Freunde Sind auf und schnallen ihre Rüstung an.
Richard. O Ratcliff, ich hatt' einen furchtbarn Traum!-- Was denkst du? halten alle Freunde stand?
Ratcliff. Gewiß, mein Fürst.
Richard. O Ratcliff! ich fürcht, ich fürchte--
Ratcliff. Nein, bester Herr, entsetzt Euch nicht vor Schatten.
Richard. Bei dem Apostel Paul! es warfen Schatten Zu Nacht mehr Schrecken in die Seele Richards, Als wesentlich zehntausend Krieger könnten, In Stahl und angeführt vom flachen Richmond. Noch wird's nicht Tag. Komm, geh mit mir, Ich will den Horcher bei den Zelten spielen, ob irgendwer von mir zu weichen denkt.
(König Richard und Ratcliff ab.)
(Richmond erwacht. Oxford und andre treten auf.)
Lords. Guten Morgen, Richmond.
Richmond Bitt um Verzeihung, Lords und wache Herrn, Daß Ihr einen trägen Säumer hier ertappt.
Lords. Wie schliefet Ihr, Mylord?
Richmond Den süß'sten Schlaf und Träume schönster Ahndung, Die je gekommen in ein müdes Haupt, Hab ich gehabt, seit wir geschieden, Lords. Mir schien's, die Seelen, deren Leiber Richard Gemordet, kämen in mein Zelt und riefen: Wohlauf! zum Sieg! Glaubt mir, mein Herz ist freudig In der Erinnrung solchen holden Traums. Wie weit schon ist's am Morgen, Lords?
Lords. Auf den Schlag vier.
Richmond So ist es Zeit, daß man sich rüst' und ordne.
(Er tritt vor zu den Truppen.)
Mehr als ich sagte, teure Landsgenossen, Verbietet darzulegen mir die Muße Und Dringlichkeit der Zeit. Jedoch bedenkt: Gott und die gute Sache ficht für uns; Gebete Heil'ger und gekränkter Seelen, Wie hohe Schanzen, stehn vor unserm Antlitz; Die, gegen die wir fechten, bis auf Richard, Sähn lieber siegen uns, als dem sie folgen. Was ist er, dem sie folgen? Wahrlich, Herrn, Ein blutiger Tyrann und Menschenmörder; Erhöht durch Blut und auch durch Blut befestigt; Der, was er hat, auf krummem Weg erlangt' Und die erwürgt, die ihm dazu verholfen; Ein schlechter Stein, erhoben durch die Folie Von Englands Stuhl, betrüglich drein gesetzt; Ein Mensch, der stets gewesen Gottes Feind. Nun, fechtet ihr denn wider Gottes Feind, So schirmt euch billig Gott als seine Krieger; Vergießt ihr Schweiß, den Dränger zu erlegen, So schlaft ihr friedlich, wenn der Dränger fiel; Führt ihr den Streit mit eures Landes Feinden, So wird des Landes Fett die Müh' euch zahlen; Führt ihr den Streit zur Obhut eurer Weiber, So grüßen eure Weiber euch als Sieger; Befreit ihr eure Kinder von dem Schwert, So lohnen's Kindeskinder euch im Alter. In Gottes Namen denn und dieser Rechte, Schwingt eure Banner, zieht eu'r willig Schwert. Mein Lösegeld für diese kühne Tat Sei diese kalte Leich' auf kalter Erde; Doch wenn's gelingt, soll am Gewinn der Tat Sein Teil auch dem Geringsten eurer werden. Schallt, Trommeln und Trompeten, froh zum Krieg! Gott und Sankt George! Richmond und Heil und Sieg!
(Alle ab.)
(König Richard und Ratcliff kommen zurück mit Gefolge und Truppen.)
Richard. Was hat Northumberland gesagt vom Richmond?
Ratcliff. Er sei nicht auferzogen bei den Waffen.
Richard. Er sagte wahr. Was sagte Surrey drauf?
Ratcliff. Er lächelte und sprach: Um desto besser.
Richard. Er hatte recht, so ist es in der Tat.
(Die Glocke schlägt.)
Zählt da die Glocke.--Gebt mir den Kalender. Wer sah die Sonne heut?
Ratcliff. Ich nicht, mein Fürst.
Richard. So weigert sie den Schein, denn nach dem Buch Müßt' sie im Ost schon eine Stunde prangen. Dies wird ein schwarzer Tag für jemand werden.-- Ratcliff--
Ratcliff. Mein Fürst?
Richard. Die Sonne läßt sich heut nicht sehn; Der Himmel wölkt sich finster unserm Heer. Die tau'gen Tränen möcht ich weg vom Boden.-- Nicht scheinen heut! Ei nun, was gilt das mir Mehr als dem Richmond? Denn derselbe Himmel, Der mir sich wölkt, sieht trüb herab auf ihn.
(Norfolk tritt auf.)
Norfolk. Auf, auf, mein Fürst! Der Feind stolziert im Feld.
Richard. Kommt, tummelt, tummelt euch! Mein Pferd gezäumt!-- Ruft Stanley auf, heißt seine Schar ihn bringen.-- Ich führe meine Truppen in die Ebne, Und so soll meine Schlacht geordnet sein: Die Vorhut soll sich in die Länge dehnen, Aus Reitern und aus Knechten gleich gemischt; Die Schützen sollen in der Mitte stehn; John, Herzog Norfolk, Thomas, Graf von Surrey Soll'n dieser Knecht' und Reiter Führer sein. Die so geordnet, woll'n wir folgen Mit unserm Hauptheer, das auf beiden Flügeln Verstärken soll der Kern der Reiterei. Dies, und Sankt George dazu!--Was meinst du, Norfolk?
Norfolk. Eine gute Ordnung, kriegrischer Monarch. Dies fand ich heut in meinem Zelt.
(Gibt ihm einen Zettel.)
Richard (liest). "Hans von Norfolk, laß klüglich dir raten! Richerz dein Herr ist verkauft und verraten." Das ist ein Stück, vom Feinde ausgedacht.-- Nun geht, ihr Herrn, auf seinen Posten jeder. Laßt plauderhafte Träum' uns nicht erschrecken; Gewissen ist ein Wort für Feige nur, Zum Einhalt für den Starken erst erdacht: Uns ist die Wehr Gewissen, Schwert Gesetz. Rückt vor! dringt ein! recht in des Wirrwarrs Völle! Wo nicht zum Himmel, Hand in Hand zur Hölle! Was hab ich mehr euch vorzuhalten noch?
Bedenkt, mit wem ihr euch zu messen habt: Ein Schwarm Landläufer, Schelme, Vagabunden, Bretagner Abschaum, niedre Bauernknechte, Die ausgespien ihr übersättigt Land Zu tollen Abenteuern, sicherm Untergang. Ihr schlieft in Ruh': sie bringen Unruh' euch; Ihr seid mit Land, mit schönen Frau'n gesegnet: Sie wollen jenes einziehn, diese schänden. Wer führt sie als ein kahler Bursch, seit lange Von unsrer Mutter in Bretagn' ernährt? Ein Milchbart, einer, der sich lebenslang Nicht über seine Schuh' in Schnee gewagt? Peitscht dies Gesinde! übers Meer zurück! Stäupt fort dies freche Lumpenpack aus Frankreich, Die Bettler, hungrig, ihres Lebens müde, Die schon gehängt sich hätten, arme Ratzen, Wär' nicht der Traum von dieser läpp'schen Fahrt! Soll'n wir besiegt sein, nun, so sei's durch Männer, Und nicht durch die Bastarde von Bretagnern, Die unsre Väter oft in ihrem Lande Geschlagen, durchgedroschen und gewalkt Und sie der Schand' urkundlich preisgegeben. Solln diese unsre Länderei'n besitzen? Bei unsern Weibern liegen? unsre Töchter Bewält'gen?--Horcht! ich höre ihre Trommeln.
(Trommeln in der Ferne.)
Kämpft, Englands Edle! kämpft, beherzte Sassen! Zieht, Schützen, zieht die Pfeile bis zum Kopf! Spornt eure stolzen Ross' und reit't im Blut! Erschreckt das Firmament mit Lanzensplittern!--
(Ein Bote tritt auf.)
Was sagt Lord Stanley? bringt er seine Schar?
Bote. Mein Fürst, er weigert sich zu kommen.
Richard. Herunter mit dem Kopfe seines Sohns.
Norfolk. Mein Fürst, der Feind ist schon den Moor herüber; Erst nach dem Treffen laßt George Stanley sterben.
Richard. Wohl tausend Herzen schwellen mir im Busen: Voran die Banner! setzet an den Feind! Und unser altes Wort des Muts, Sankt George, Beste!' uns mit dem Grimme feur‘ger Drachen! Ein auf sie! Unsre Helme krönt der Sieg. (Alle ab.)
VIERTE SZENE
Ein andrer Teil des Feldes.
(Getümmel. Angriffe. Norfolk kommt mit Truppen; zu ihm Catesby)
Catesby. Rettet, Mylord von Norfolk, rettet, rettet! Der König tut mehr Wunder als ein Mensch Und trotzt auf Tod und Leben, wer ihm steht; Ihm fiel sein Pferd, und doch ficht er zu Fuß Und späht nach Richmond in des Todes Schlund. O rettet, Herr, sonst ist das Feld verloren!
(Getümmel. König Richard tritt auf.)
Richard. Ein Pferd! ein Pferd! mein Königreich für ein Pferd!
Catesby. Herr, weicht zurück! Ich helf Euch an ein Pferd.
Richard. Ich setzt' auf einen Wurf mein Leben, Knecht, Und will der Würfel Ungefähr bestehn. Ich denk, es sind sechs Richmonds hier im Feld: Fünf schlug ich schon an seiner Stelle tot. Ein Pferd! ein Pferd! mein Königreich für ein Pferd!
(Alle ab.)
(Getümmel. König Richard und Richmond treten auf. Sie fechten, Richard fällt. Rückzug und Tusch. Hierauf kommen Richmond, Stanley mit der Krone, verschiedne andre Lords und Truppen.)
Richmond Preis Gott und euren Waffen, Freunde, Sieger! Das Feld ist unser und der Bluthund tot.
Stanley. Wohl hast du dich gelöst, beherzter Richmond. Sieh hier, dies lang geraubte Königskleinod Hab ich von des Elenden toten Schläfen Gerissen, deine Stirn damit zu zieren. Trag es, genieß es, bring es hoch damit.
Richmond Zu allem spreche Gott im Himmel Amen. Doch sag mir, lebt der junge Stanley noch?
Stanley. Er lebt und ist in Sicherheit in Leicester, Wohin wir uns, mein Fürst, begeben könnten, Wenn's Euch beliebt.
Richmond Was für namhafte Männer Sind in der Schlacht gefallen beiderseits?
Stanley. John, Herzog Norfolk, Walter Lord Ferrers, Sir Robert Brakenbury und Sir William Brandon.
Richmond Beerdigt sie, wie's ihrem Rang gebührt. Ruft Gnade aus für die gefloh'ne Mannschaft, Die unterwürfig zu uns wiederkehrt; Und dann, worauf das Sakrament wir nahmen Vereinen wir die weiß' und rote Rose. Der Himmel lächle diesem schönen Bund, Der lang auf ihre Feindschaft hat gezürnt! Wer wär' Verräter g'nug und spräch' nicht Amen? England war lang im Wahnsinn, schlug sich selbst: Der Bruder, blind, vergoß des Bruders Blut; Der Vater würgte rasch den eignen Sohn; Der Sohn, gedrungen, ward des Vaters Schlächter; All dies entzweiten York und Lancaster, Entzweiet selbst in greulicher Entzweiung.-- Nun mögen Richmond und Elisabeth, Die echten Erben jedes Königshauses, Durch Gottes schöne Fügung sich vereinen! Mög' ihr Geschlecht (wenn es dein Will' ist, Gott!) Die Folgezeit mit mildem Frieden segnen, Mit lachendem Gedeihn und heitern Tagen! Zerbrich der Bösen Waffe, gnäd'ger Gott, Die diese Tage möchten wiederbringen, Daß England weinen müßt' in Strömen Bluts! Der lebe nicht und schmeck‘ des Landes Frucht, Der heim des schönen Landes Frieden sucht! Getilgt ist Zwist, gestreut des Friedens Samen: Daß er hier lange blühe, Gott, sprich Amen!
(Alle ab.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes RICHARD III, von William Shakespeare (Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel).