Chapter 5
Buckingham. Pah! ich tu's dem Tragödienspieler nach, Red und seh hinter mich und späh umher, Beb und fahr auf, wenn sich ein Strohhalm rührt, Als tiefen Argwohn hegend; grause Blicke Stehn zu Gebot mir, wie erzwungnes Lächeln, Und beide sind bereit in ihrem Dienst Zu jeder Zeit zugunsten meiner Ränke. Doch sag, ist Catesby fort?
Gloster. Ja, und sieh da, er bringt den Schulzen mit.
(Der Lord Mayor und Catesby treten auf.)
Buckingham. Laßt mich allein ihn unterhalten.--Lord Mayor
Gloster. Gebt auf die Zugbrück' acht.
Buckingham. Horch! eine Trommel.
Gloster. Catesby, schau von der Mauer.
Buckingham. Lord Mayor, der Grund, warum wir nach Euch sandten-–
Gloster. Sieh um dich, wehr dich, es sind Feinde hier.
Buckingham. Bewahr' und schirm' uns Gott und unsre Unschuld!
(Ratcliff und Lovel treten auf mit Hastings Kopfe.)
Gloster. Sei ruhig! Freunde sind's, Ratcliff und Lovel.
Lovel. Hier ist der Kopf des schändlichen Verräters, Des tückischen und unverdächt'gen Hastings.
Gloster. Ich war so gut ihm, daß ich weinen muß. Ich hielt ihn für das redlichste Geschöpf, Das lebt' auf Erden unter Christenseelen; Macht' ihn zum Buch, in welches meine Seele Die heimlichsten Gedanken niederschrieb. So glatt betüncht' er mit dem Schein der Tugend Sein Laster, daß, bis auf sein offenbares Vergehn, den Umgang mein ich mit Shores Weib, Er rein sich hielt von jeglichem Verdacht.
Buckingham. Ja, ja, er war der schleichendste Verräter, Der je gelebt.--Seht Ihr, Mylord Mayor, Solltet Ihr's denken oder glauben selbst, Falls wir nicht wunderbar errettet lebten, Es zu bezeugen, daß der Erzverräter Heut angezettelt hatt', im Saal des Rats Mich und den guten Herzog zu ermorden?
Mayor. Wie? hatt' er das?
Gloster. Was? denkt Ihr, wir sei'n Türken oder Heiden Und würden, wider alle Form des Rechts So rasch verfahren mit des Schurken Tod, Wo nicht die dringende Gefahr des Falls, Der Frieden Englands, unsre Sicherheit Uns diese Hinrichtung hätt' abgenötigt?
Mayor. Ergeh's Euch wohl! Erbat den Tod verdient, Und beid' Eu'r Gnaden haben wohl getan, Verräter vor dergleichen Tun zu warnen. Ich habe nie mir Guts von ihm versehn, Seit er sich einmal einließ mit Frau Shore.
Buckingham. Doch war nicht unsre Absicht, daß er stürbe, Bis Euer Edeln käm', es anzusehn; Was dieser unsrer Freund' ergebne Eil' In etwas gegen unsern Sinn, verhindert. Wir wollten, Mylord, daß Ihr den Verräter Selbst hörtet reden und verzagt bekennen Die Weis' und Absicht der Verräterei, Auf daß Ihr selb'ge wohl erklären möchtet Der Bürgerschaft, die uns vielleicht hierin Mißdeutet und bejammert seinen Tod.
Mayor. Doch, bester Herr, mir gilt Eu'r Gnaden Wort, Als hätt' ich ihn gesehn und reden hören; Und zweifelt nicht, erlauchte Prinzen beide, Ich will der treuen Bürgerschaft berichten All Eu'r gerecht Verfahren bei dem Fall.
Gloster. Wir wünschten zu dem End' Eu'r Edeln her, Dem Tadel zu entgehn der schlimmen Welt.
Buckingham. Doch weil zu spät Ihr kamt für unsern Zweck Bezeugt nur, was Ihr hört, daß wir bezielt; Und somit, wertester Lord Mayor, lebt wohl.
(Der Lord Mayor ab.)
Gloster. Geh, folg ihm, folg ihm, Vetter Buckingham. Der Schulz geht eiligst nun aufs Gildehaus: Daselbst, wie's dann die Zeit am besten gibt, Dring auf die Unechtheit von Eduards Kindern. Stell ihnen vor, wie Eduard einen Bürger Am Leben strafte, bloß weil er gesagt, Er wolle seinen Sohn zum Erben machen Der Krone, meinend nämlich seines Hauses, Das so nach dessen Schilde ward benannt. Auch schildre seine schnöde Üppigkeit Und viehisches Gelüst nach stetem Wechsel, Das ihre Mägde, Töchter, Weiber traf, Wo nur sein lüstern Aug' und wildes Herz Ohn' Einhalt wählen mochte seinen Raub. Ja, wenn es not tut, rück mir selbst noch näher Und sag, als meine Mutter schwanger war Mit diesem nie zu sättigenden Eduard, Da habe mein erlauchter Vater York In Frankreich Krieg geführt und bei Berechnung Der Zeit gefunden, daß das Kind nicht sein; Was auch in seinen Zügen kund sich gab, Als keineswegs dem edlen Herzog ähnlich. Doch das berührt nur schonend, wie von fern, Weil meine Mutter, wie Ihr wißt, noch lebt.
Buckingham. Sorgt nicht, Mylord: ich will den Redner spielen, Als ob der goldne Lohn, um den ich rechte, Mir selbst bestimmt wär'; und somit lebt wohl.
Gloster. Wenn's Euch gelingt, bringt sie nach Baynards-Schloß, Wo Ihr mich finden sollt, umringt vom Kreis Gelahrter Bischöf' und ehrwürd'ger Väter.
Buckingham. Ich geh, und gegen drei bis vier erwartet Das Neue, was vom Gildehause kommt.
(Buckingham ab.)
Gloster. Geh, Lovel, ungesäumt zum Doktor Shaw;--
(Zu Catesby.)
Geh du zum Pater Penker;--heißt sie beide In einer Stund' in Baynards-Schloß mich treffen.
(Lovel und Catesby ab.)
Nun will ich hin, um heimlich zu verfügen, Wie man des Clarence Bälge schafft beiseit; Und anzudeuten, daß keine Art Personen Je zu den Prinzen Zutritt haben soll.
(Ab.)
SECHSTE SZENE
Eine Straße.
(Ein Kanzellist tritt auf.)
Kanzellist. Hier ist die Klagschrift wider den Lord Hastings, Den wackern Mann, in sauberer Kopei, Um in Sankt Paul sie heute zu verlesen. Nun merke man, wie fein das hängt zusammen: Elf Stunden bracht' ich zu, sie abzuschreiben, Denn Catesby schickte sie mir gestern abend; Die Urschrift war nicht minder lang in Arbeit, Und vor fünf Stunden lebte Hastings doch Noch unbescholten, unverhört, in Freiheit. Das ist eine schöne Welt!--Wer ist so blöde Und sieht nicht diesen greiflichen Betrug? Und wer so kühn und sagt, daß er ihn sieht? Schlimm ist die Welt, sie muß zugrunde gehn, Wenn man muß schweigend solche Ränke sehn.
(Ab.)
SIEBENTE SZENE
Der Hof in Baynards-Schloß.
(Gloster und Buckingham begegnen einander.)
Gloster. Wie steht's? wie steht's? Was sagt die Bürgerschaft?
Buckingham. Nun, bei der heil'gen Mutter unsers Herrn! Die Bürgerschaft ist stockstill, sagt kein Wort.
Gloster. Spracht ihr von Unechtheit der Kinder Eduards?
Buckingham. Ja, nebst dem Ehvertrag mit Lady Lucy Und dem in Frankreich, den er schloß durch Vollmacht; Der Unersättlichkeit in seinen Lüsten Und Vergewaltigung der Bürgerfrau'n; Von seiner Tyrannei um Kleinigkeiten, Von seiner eignen Unechtheit, als der Erzeugt ward, da Eu'r Vater außer Lands, Und der an Bildung nicht dem Herzog glich. Dann hielt ich ihnen Eure Züge vor, Als Eures Vaters rechtes Ebenbild, Wie an Gestalt, so auch an edlem Sinn; Legt ihnen dar all Eure Sieg' in Schottland, Die strenge Zucht im Krieg, Weisheit im Frieden, Auch Eure Güte, Tugend, fromme Demut; Ließ in der Tat nichts, dienlich für den Zweck, Im Sprechen unberührt, noch leicht behandelt. Und als die Redekunst zu Ende ging, Sagt' ich: Wer seinem Lande wohl will, rufe: "Gott schütze Richard, Englands großen König!"
Gloster. Und taten sie's?
Buckingham. Nein, helf mir Gott, sie sagten nicht ein Wort. Wie stumme Bilder, unbelebte Steine, So sahn sie starr sich an und totenbleich. Dies sehend schalt ich sie und frug den Mayor, Was dies verstockte Schweigen nur bedeute. Seine Antwort war, das Volk sei nicht gewohnt, Daß sonst wer als der Sprecher zu ihm rede. Gedrungen mußt' er nun mich wiederholen: "So sagt der Herzog, gibt der Herzog an"; Doch sagt' er nichts, es zu bestät'gen, selbst. Als er geschlossen, schwenkten ein'ge Leute Von meinem Troß, am andern End' des Saals, Die Mützen um den Kopf, ein Dutzend Stimmen Erhoben sich: "Gott schütze König Richard!" Ich nahm den Vorteil dieser wen'gen wahr; "Dank, lieben Freund' und Bürger!" fiel ich ein, "Der allgemeine frohe Beifallsruf Gibt Weisheit kund und Lieb' in euch zu Richard"; Und damit brach ich ab und ging davon.
Gloster. Die stummen Blöcke! wollten sie nicht sprechen? Kommt denn der Mayor mit seinen Brüdern nicht?
Buckingham. Der Mayor ist hier nah' bei. Stellt Euch besorgt, Laßt Euch nicht sprechen, als auf dringend Bitten, Und nehmt mir ein Gebetbuch in die Hand, Und habt, Mylord, zween Geistliche zur Seite, Denn daraus zieh ich heil'ge Nutzanwendung. Laßt das Gesuch so leicht nicht Eingang finden, Tut mädchenhaft, sagt immer nein, und nehmt.
Gloster. Ich geh, und wenn du weißt für sie zu sprechen, Wie ich dir nein für mich zu sagen weiß, So bringen wir's gewiß nach Wunsch zu Ende.
Buckingham. Geht, geht, auf den Altan! Der Lord Mayor klopft.
(Gloster ab. Der Lord Mayor, Aldermänner und Bürger treten auf.)
Buckingham. Willkommen, Mylord! Ich wart umsonst hier auf: Der Herzog, scheint's, will sich nicht sprechen lassen.
(Catesby kommt aus dem Schloß.)
Nun, Catesby? was sagt Eu'r Herr auf mein Gesuch?
Catesby. Er bittet Euer Gnaden, edler Lord, Kommt morgen wieder oder übermorgen. Er ist mit zwei ehrwürd'gen Vätern drinnen, Vertieft in geistliche Beschaulichkeit, Kein weltliches Gesuch möcht' ihn bewegen, Ihn von der heil'gen Übung abzuziehn.
Buckingham. Geh, guter Catesby, noch zum gnäd'gen Herzog; Sag ihm, daß ich, der Mayor und Aldermänner In trift'ger Absicht, Sachen von Gewicht, Betreffend minder nicht als aller Wohl, Hier sind um ein Gespräch mit Seiner Gnaden.
Catesby. Ich geh sogleich, ihm solches anzumelden. (Ab.)
Buckingham. Ha, Mylord, dieser Prinz, das ist kein Eduard! Den findt man nicht auf üpp'gem Ruhbett lehnend, Nein, auf den Knieen liegend in Betrachtung; Nicht scherzend mit einem Paar von Buhlerinnen, Nein, mit zwei ernsten Geistlichen betrachtend; Nicht schlafend, seinen trägen Leib zu mästen, Nein, betend, seinen wachen Sinn zu nähren. Beglückt wär' England, wenn der fromme Prinz Desselben Oberherrschaft auf sich nähme; Allein ich fürcht, er ist nicht zu bewegen.
Mayor. Ei, Gott verhüte, daß uns Seine Gnaden Nein sollte sagen!
Buckingham. Ich fürcht, er wird es. Da kommt Catesby wieder.
(Catesby kommt zurück.)
Nun, Catesby, was sagt Seine Gnaden?
Catesby. Ihn wundert, zu was End' Ihr solche Haufen Von Bürgern habt versammelt, herzukommen, Da Seine Gnaden dessen nicht gewärtig. Er sorgt, Mylord, Ihr habt nichts Guts im Sinn.
Buckingham. Mich kränkt der Argwohn meines edlen Vetters, Als hätt' ich wider ihn nichts Guts im Sinn. Beim Himmel! ganz wohlmeinend kommen wir; Geh wieder hin und sag das Seiner Gnaden.
(Catesby ab.)
Wenn fromm~andächt'ge Männer einmal sind Beim Rosenkranz, so zieht man schwer sie ab: So süß ist brünstige Beschaulichkeit.
(Gloster erscheint auf einem Altan zwischen zwei Bischöfen; Catesby kommt zurück.)
Mayor. Seht, Seine Gnaden zwischen zwei Bischöfen!
Buckingham. Zwei Tugendpfeilern für ein christlich Haupt, Ihn vor dem Fall der Eitelkeit zu stützen. Und, seht nur, ein Gebetbuch in der Hand, Die wahre Zier, woran man Fromme kennt.-- Großer Plantagenet, erlauchter Prinz, Leih unserem Gesuch ein günstig Ohr, Und woll' die Unterbrechung uns verzeihn Der Andacht und des christlich frommen Eifers.
Gloster. Mylord, es braucht nicht der Entschuldigung, Vielmehr ersuch ich Euch, mir zu verzeihn, Der ich, im Dienste meines Gottes eifrig, Versäume meiner Freunde Heimsuchung. Doch, das beiseite, was beliebt Eu'r Gnaden?
Buckingham. Was, hoff ich, Gott im Himmel auch beliebt Und den rechtschaffnen Männern insgesamt, So dieses unregierte Eiland hegt.
Gloster. Ich sorg, ich hab in etwas mich vergangen, Das widrig in der Bürger Aug' erscheint; Und daß Ihr kommt, um mein Versehn zu schelten.
Buckingham. Das habt Ihr, Mylord: wollt' Eu'r Gnaden doch Auf unsre Bitten Euren Fehl verbessern!
Gloster. Weswegen lebt' ich sonst in Christenlanden?
Buckingham. Wißt denn, Eu'r Fehl ist, daß Ihr überlaßt Den höchsten Sitz, den majestät'schen Thron, Dies Eurer Ahnen szepterführend Amt, Des Rangs Gebühr, den Anspruch der Geburt, Den Erbruhm Eures königlichen Hauses, An die Verderbnis eines falschen Sprößlings; Weil bei so schläfriger Gedanken Milde, Die wir hier wecken zu des Landes Wohl, Dies edle Eiland seiner Glieder mangelt, Entstellt sein Antlitz von der Schande Narben, Sein Fürstenstamm geimpft mit schlechten Zweigen Und fast verschlemmt im niederziehnden Sumpf Der tiefsten nächtlichsten Vergessenheit. Dies abzustellen, gehn wir dringend an Eu'r gnädig Selbst, das höchste Regiment Von diesem Eurem Land auf Euch zu laden, Nicht als Protektor, Anwalt, Stellvertreter, Noch dienender Verwalter fremden Guts, Nein, als der Folge nach, von Glied zu Glied, Eu'r Erbrecht, Euer Reich, Eu'r Eigentum. Deshalb, gemeinsam mit der Bürgerschaft, Die ehrerbietigst Euch ergeben ist, Und auf ihr ungestümes Dringen komm ich, Für dies Gesuch Eu'r Gnaden zu bewegen.
Gloster. Ich weiß nicht, ob stillschweigend wegzugehn, Ob bitterlich mit Reden Euch zu schelten, Mehr meiner Stell' und Eurer Fassung ziemt. Antwort' ich nicht, so dächtet Ihr vielleicht, Verschwiegner Ehrgeiz will'ge stumm darein, Der Oberherrschaft goldnes Joch zu tragen, Das Ihr mir töricht auferlegen wollt. Doch schelt ich Euch für dieses Eu'r Gesuch, Durch Eure treue Liebe so gewürzt, Dann, andrerseits, versehr ich meine Freunde. Um jenes drum zu meiden und zu reden, Und nicht in dies beim Reden zu verfallen, Antwort ich Euch entschiednermaßen so. Dankwert ist Eure Liebe; doch mein Wert, Verdienstlos, scheut Eu'r allzu hoch Begehren. Erst, wäre jede Hindrung weggeräumt, Und wär' geebnet meine Bahn zum Thron, Als heimgefallnem Rechte der Geburt: Dennoch, so groß ist meine Geistesarmut, So mächtig und so vielfach meine Mängel, Daß ich mich eh' verbärge vor der Hoheit, Als Kahn, der keine mächt'ge See verträgt, Eh' ich von meiner Hoheit mich verbergen, Von meines Ruhmes Dampf ersticken ließe. Doch, Gott sei Dank! es tut nicht not um mich; Und wär sagt; tät' vieles not mir, Euch zu helfen. Der königliche Baum ließ Frucht uns nach, Die 'durch der Zeiten leisen Gang gereift' Wohl zieren wird den Sitz der Majestät, Und des Regierung uns gewiß beglückt. Auf ihn leg ich, was Ihr mir auferlegt, Das Recht und Erbteil seiner guten Sterne, Was Gott verhüte, daß ich's ihm entrisse.
Buckingham. Mylord, dies zeigt Gewissen in Eu‘r Gnaden, Doch seine Gründe sind gering und nichtig, Wenn man jedweden Umstand wohl erwägt. Ihr saget, Eduard ist Eu'r Bruderssohn; Wir sagen's auch, doch nicht von Eduards Gattin. Denn erst war er verlobt mit Lady Lucy, Noch lebt des Eides Zeugin, Eure Mutter; Und dann war ihm durch Vollmacht Bona, Schwester Des Königes von Frankreich, angetraut. Doch beide wurden sie hintangesetzt Zugunsten einer armen Supplikantin, Der abgehärmten Mutter vieler Söhne, Der reizverfallnen und bedrängten Witwe, Die, schon in ihrer Blühzeit Nachmittag, Sein üppig Aug' erwarb als einen Raub Und seines Sinnes höchsten Schwung verführte Zu niederm Fall und schnöder Doppeleh'. Aus diesem unrechtmäß'gen Bett erzeugt Ward Eduard, Prinz aus Höflichkeit genannt. Ich könnt' es bittrer führen zu Gemüt, Nur daß, aus Achtung ein'ger, die noch leben, Ich schonend meiner Zunge Schranken setze. Drum, bester Herr, nehm' Euer fürstlich Selbst Der Würde dargebornes Vorrecht an: Wo nicht zu unserm und des Landes Segen, Doch um Eu'r edles Haus hervorzuziehn Aus der Verderbnis der verkehrten Zeit, Zu erblicher und echter Folgereihe.
Mayor. Tut, bester Herr, was Eure Bürger bitten.
Buckingham. Weist, hoher Herr, nicht ab den Liebesantrag.
Catesby. O macht sie froh, gewährt ihr bill‘ges Flehn!
Gloster. Ach, warum diese Sorgen auf mich laden? Ich tauge nicht für Rang und Majestät. Ich bitt Euch, legt es mir nicht übel aus: Ich kann und will Euch nicht willfährig sein.
Buckingham. Wenn Ihr es weigert, Lieb' und Eifers halb, Das Kind, den Bruderssohn, nicht zu entsetzen Wie uns bekannt ist Eures Herzens Milde Und Euer sanftes, weichliches Erbarmen, Das wir in Euch für Anverwandte sehn, Ja, gleichermaßen auch für alle Stände: So wißt, ob Ihr uns willfahrt oder nicht, Doch soll Eu'r Bruderssohn uns nie beherrschen; Wir pflanzen jemand anders auf den Thron Zum Schimpf und Umsturz Eures ganzen Hauses. Und, so entschlossen, lassen wir Euch hier.-- Kommt, Bürger, länger wollen wir nicht bitten.
(Buckingham mit den Bürgern ab.)
Catesby. Ruft, lieber Prinz, sie wieder und gewährt es! Wenn Ihr sie abweist, wird das Land es büßen.
Gloster. Zwingt ihr mir eine Welt von Sorgen auf? Wohl, ruf sie wieder! (Catesby ab.) Ich bin ja nicht von Stein, Durchdringlich Eurem freundlichen Ersuchen, Zwar wider mein Gewissen und Gemüt.
(Buckingham und die übrigen kommen zurück.)
Vetter von Buckingham und weise Männer, Weil Ihr das Glück mir auf den Rücken schnallt, Die Last zu tragen, willig oder nicht, So muß ich in Geduld sie auf mich nehmen. Wenn aber schwarzer Leumund, frecher Tadel Erscheinet im Gefolge Eures Auftrags, So spricht mich Euer förmlich Nöt'gen los Von jeder Makel, jedem Fleck derselben. Denn das weiß Gott, das seht Ihr auch zum Teil, Wie weit entfernt ich bin, dies zu begehren.
Mayor. Gott segn' Eu'r Gnaden! Wir sehn's und wollen's sagen.
Gloster. Wenn Ihr es sagt, so sagt Ihr nur die Wahrheit.
Buckingham. Dann grüß ich Euch mit diesem Fürstentitel: Lang lebe Richard, Englands würd'ger König!
Alle. Amen!
Buckingham. Beliebt's Euch, daß die Krönung morgen sei?
Gloster. Wann's Euch beliebt, weil Ihr's so haben wollt.
Buckingham. So warten wir Eu'r Gnaden morgen auf, Und nehmen hiemit voller Freuden Abschied.
Gloster (zu den Bischöfen). Kommt, gehn wir wieder an das heil'ge Werk;-- Lebt wohl, mein Vetter! lebt wohl, werte Freunde!
(Alle ab.)
VIERTER AUFZUG
ERSTE SZENE
Vor dem Turm.
(Von der einen Seite treten auf Königin Elisabeth, die Herzogin von York, und der Marquis von Dorset; von der andern Anna, Herzogin von Gloster, mit Lady Margaretha Plantagenet, Clarence' kleiner Tochter, an der Hand.)
Herzogin. Wen treff ich hier? Enklin Plantagenet, An ihrer guten Muhme Gloster Hand? So wahr ich lebe, sie will auch zum Turm Aus Herzensliebe zu dem zarten Prinzen.-- Tochter, ich freue mich, Euch hier zu treffen.
Anna. Gott geb' Eu'r Gnaden beiden frohe Zeit!
Elisabeth. Euch gleichfalls, gute Schwester! Wohin geht's?
Anna. Nicht weiter als zum Turm, und, wie ich rate, In gleicher frommer Absicht wie Ihr selbst, Daselbst die holden Prinzen zu begrüßen.
Elisabeth. Dank, liebe Schwester! Gehn wir all hinein; Und da kommt eben recht der Kommandant.--
(Brakenbury tritt auf.)
Herr Kommandant, ich bitt Euch, mit Verlaub, Was macht der Prinz und York, mein jüngrer Sohn?
Brakenbury. Wohl sind sie, gnäd'ge Frau; doch wollt verzeihn, Ich darf nicht leiden, daß Ihr sie besucht: Der König hat es scharf mir untersagt.
Elisabeth. Der König? wer?
Brakenbury. Der Herr Protektor, mein ich.
Elisabeth. Der Herr beschütz' ihn vor dem Königstitel! So hat er Schranken zwischen mich gestellt Und ihre Liebe? Ich bin ihre Mutter: Wer will den Zutritt mir zu ihnen wehren?
Herzogin. Ich ihres Vaters Mutter, die sie sehn will.
Anna. Ich bin nur ihre Muhme nach den Rechten, Doch Mutter nach der Liebe; führe denn Mich vor sie: tragen will ich deine Schuld Und dir dein Amt abnehmen auf mein Wort.
Brakenbury. Nein, gnäd'ge Frau, so darf ich es nicht lassen: Ein Eid verpflichtet mich, deshalb verzeiht.
(Brakenbury ab. Stanley tritt auf.)
Stanley. Träf' ich Euch, edle Frau'n, ein Stündchen später, So könnt' ich Euer Gnaden schon von York Als würd'ge Mutter und Begleiterin Von zweien holden Königinnen grüßen.
(Zur Herzogin von Gloster.)
Kommt, Fürstin, Ihr müßt gleich nach Westminster: Dort krönt man Euch als Richards Eh'gemahl.
Elisabeth. Ach! lüftet mir die Schnüre, Daß mein beklemmtes Herz Raum hat zu schlagen, Sonst sink ich um bei dieser Todesbotschaft.
Anna. Verhaßte Nachricht! Unwillkommne Botschaft!
Dorset. Seid gutes Muts! Mutter, wie geht's Eu'r Gnaden?
Elisabeth. O Dorset, sprich nicht mit mir! mach dich fort! Tod und Verderben folgt dir auf der Ferse; Verhängnisvoll ist deiner Mutter Name. Willst du dem Tod entgehn, fahr übers Meer, Bei Richmond Ich, entrückt der Hölle Klau'n. Geh, eil aus dieser Mördergrube fort, Daß du die Zahl der Toten nicht vermehrst Und unter Margarethas Fluch ich sterbe, Noch Mutter, Weib, noch Königin geachtet.
Stanley. Voll weiser Sorg' ist dieser Euer Rat.-- Nehmt jeder Stunde schnellen Vorteil wahr; Ich geb Euch Briefe mit an meinen Sohn Empfehl es ihm, entgegen Euch zu eilen: Laßt Euch nicht fangen durch unweises Weilen.
Herzogin. O schlimm zerstreu'nder Wind des Ungemache!-- O mein verfluchter Schoß, des Todes Bett! Du hecktest einen Basilisk der Welt, Des unvermiednes Auge mördrisch ist.
Stanley. Kommt, Fürstin, kommt! Ich ward in Eil' gesandt.
Anna. Mit höchster Abgeneigtheit will ich gehn.-- O wollte Gott, es wär' der Zirkelreif Von Gold, der meine Stirn umschließen soll, Rotglühnder Stahl und sengte mein Gehirn! Mag tödlich Gift mich salben, daß ich sterbe, Eh' wer kann rufen: Heil der Königin!
Elisabeth. Geh, arme Seel', ich neide nicht dein Glück; Mir zu willfahren, wünsche dir kein Leid.
Anna. Wie sollt' ich nicht? Als er, mein Gatte jetzt, Hinzutrat, wie ich Heinrichs Leiche folgte, Als er die Hände kaum vom Blut gewaschen, Das dir entfloß, mein erster Engel-Gatte, Und jenem toten Heil’gen, den ich weinte; Oh, als ich da in Richards Antlitz schaute, War dies mein Wunsch: Sei du, sprach ich, verflucht, Der mich, so jung, so alt als Witwe macht! Und wenn du freist, umlagre Gram dein Bett, Und sei dein Weib (ist eine so verrückt) Elender durch dein Leben, als du mich Durch meines teuren Gatten Tod gemacht! Und sieh, eh' ich den Fluch kann wiederholen, In solcher Schnelle ward mein Weiberherz Gröblich bestrickt von seinen Honigworten Und unterwürfig meinem eignen Fluch, Der stets seitdem mein Auge wach erhielt: Denn niemals eine Stund' in seinem Bett Genoß ich noch den goldnen Tau des Schlafe, Daß seine bangen Träume nicht mich schreckten. Auch haßt er mich um meinen Vater Warwick Und wird mich sicherlich in kurzem los.
Elisabeth. Leb wohl, du armes Herz! Mich dau'rt dein Klagen.
Anna. Nicht mehr, als Eur's mich in der Seele schmerzt.
Dorset. Leb wohl, die du mit Weh die Hoheit grüßest!
Anna. Leb, arme Seele, wohl, die von ihr scheidet!
Herzogin (zu Dorset). Geh du zu Richmond: gutes Glück geleite dich!--
(Zu Anna.)
Geh du zu Richard: gute Engel schirmen dich!--
(Zu Elisabeth.)
Geh du zur Freistatt: guter Trost erfülle dich!-- Ich in mein Grab, wo Friede mit mir ruhe! Mir wurden achtzig Leidensjahr' gehäuft Und Stunden Lust in Wochen Grams ersäuft.
Elisabeth. Verweilt noch, schaut mit mir zurück zum Turm.-- Erbarmt euch, alte Steine, meiner Knaben, Die Neid in euren Mauern eingekerkert! Du rauhe Wiege für so holde Kinder! Felsstarre Amme! finstrer Spielgesell Für zarte Prinzen! Pflege meine Kleinen! So sagt mein töricht Leid Lebwohl den Steinen.
(Alle ab.)
ZWEITE SZENE
Ein Staatszimmer im Palast.
(Trompetenstoß. Richard als König auf seinem Thron, Buckingham, Catesby, ein Edelknabe und andre.)
Richard. Steht alle seitwärts.--Vetter Buckingham--
Buckingham. Mein gnäd'ger Fürst?
Richard. Gib mir die Hand. So hoch, durch deinen Rat Und deinen Beistand, sitzt nun König Richard. Doch soll der Glanz uns einen Tag bekleiden, Wie, oder dauern und wir sein uns freun?
Buckingham. Stets leb' er, möge dauern immerdar!
Richard. Ah, Buckingham! den Prüfstein spiel ich jetzt, Ob du dich wohl als echtes Gold bewährst. Der junge Eduard lebt: rat, was ich meine.
Buckingham. Sprecht weiter, bester Herr.
Richard. Ei, Buckingham, ich möchte König sein.
Buckingham. Das seid Ihr ja, mein hochberühmter Fürst.
Richard. Ha! bin ich König? Wohl, doch Eduard lebt.
Buckingham. Wahr, edler Prinz.
Richard. O bittre Folgerung! Daß Eduard stets noch lebt: "Wahr, edler Prinz."-- Vetter, du warst ja sonst so blöde nicht. Sag ich's heraus? Die Buben wünsch ich tot Und wollt', es würde schleunig ausgeführt. Was sagst du nun? Sprich schleunig, faß dich kurz.
Buckingham. Eu'r Hoheit kann verfahren nach Belieben.
Richard. Pah, pah! Du bist wie Eis; dein Eifer friert. Sag, bist du es zufrieden, daß sie sterben?
Buckingham. Laßt mich ein Weilchen Atem schöpfen, Herr, Eh' ich bestimmt in dieser Sache rede. Ich geb Eu'r Hoheit alsobald Bescheid.
(Buckingham ab.)
Catesby (beiseit). Der König ist erzürnt, er beißt die Lippe.