Chapter 3
Clarence. Erlas man euch aus einer Welt von Menschen Zum Mord der Unschuld? Was ist mein Vergehn? Wo ist das Zeugnis, welches mich verklagt? Was für Geschworne reichten ihr Gutachten Dem finstern Richter ein? Den bittern Spruch, Wer fällt' ihn zu des armen Clarence Tod? Eh' mich der Lauf des Rechtes überführt, Ist, mir den Tod zu drohn, höchst widerrechtlich. Ich sag euch, wo ihr hofft auf die Erlösung Durch Christi teures Blut, für uns vergossen: Begebt euch weg, und legt nicht Hand an mich! Die Tat, die ihr im Sinn habt, ist verdammlich.
ErsterMörder. Was wir tun wollen, tun wir auf Befehl.
ZweiterMörder. Und er, der so befahl, ist unser König.
Clarence. Mißleiteter Vasall! Der große König Der Kön'ge spricht in des Gesetzes Tafel: "Du sollt nicht töten." Willst du sein Gebot Denn höhnen und ein menschliches vollbringen? Gib acht! Er hält die Rach' in seiner Hand Und schleudert sie aufs Haupt der Übertreter.
ZweiterMörder. Und selb'ge Rache schleudert er auf dich, Für falschen Meineid und für Mord zugleich. Du nahmst das Sakrament darauf, zu fechten Im Streite für das Haus von Lancaster.
ErsterMörder. Und als Verräter an dem Namen Gottes Brachst du den Eid, und dein verrätrisch Eisen Riß auf den Leib dem Sohne deines Herrn.
ZweiterMörder. Dem du geschworen hattest Lieb' und Schutz.
ErsterMörder. Wie hältst du Gottes furchtbar Wort uns vor, Das du gebrochen in so hohem Maß?
Clarence. Ach! wem zulieb' tat ich die üble Tat? Für Eduard, meinen Bruder, ihm zulieb'. Er schickt euch nicht, um dafür mich zu morden; Denn diese Schuld drückt ihn so schwer wie mich. Wenn Gott gerochen sein will für die Tat, o dennoch, wißt, er tut es öffentlich: Nehmt nicht die Sach' aus seinem mächt'gen Arm; Er braucht nicht krumme, unrechtmäß'ge Wege, Um die, so ihn beleidigt, wegzuräumen.
ErsterMörder. Was machte dich zum blut'gen Diener denn, Als, hold erwachsend, jener Fürstensproß, Plantagenet, von dir erschlagen ward?
Clarence. Die Bruderliebe, Satan, und mein Grimm.
ErsterMörder. Dein Bruder, unsre Pflicht und dein Vergehn Berufen jetzt uns her, dich zu erwürgen.
Clarence. Ist euch mein Bruder lieb, so haßt mich nicht: Ich bin sein Bruder, und ich lieb ihn treu. Seid ihr um Lohn gedungen, so kehrt um Und wendet euch an meinen Bruder Gloster; Der wird euch besser lohnen für mein Leben Als Eduard für die Zeitung meines Todes.
ZweiterMörder. Ihr irrt Euch sehr, Eu'r Bruder Gloster haßt Euch.
Clarence. O nein! Er liebt mich und er hält mich wert. Geht nur von mir zu ihm.
Beide. Das woll'n wir auch.
Clarence. Sagt ihm, als unser edler Vater York Uns drei gesegnet mit siegreichem Arm Und herzlich uns beschworen, uns zu lieben, Gedacht' er wenig der getrennten Freundschaft. Mahnt Glostern daran nur, und er wird weinen.
ErsterMörder. Mühlsteine, ja, wie er uns weinen lehrte.
Clarence. O nein! verleumd ihn nicht, denn er ist mild.
ErsterMörder. Recht! Wie Schnee der Frucht. Geht, Ihr betrügt Euch selbst: Er ist's, der uns gesandt, Euch zu vertilgen.
Clarence. Es kann nicht sein: er weinte um mein Unglück, Schloß in die Arme mich und schwor mit Schluchzen, Mir eifrig meine Freiheit auszuwirken.
ErsterMörder. Das tut er ja, da aus der Erde Knechtschaft Er zu des Himmels Freuden Euch erlöst.
ZweiterMörder. Herr, söhnt Euch aus mit Gott, denn Ihr müßt sterben.
Clarence. Hast du die heil'ge Regung in der Seele, Daß du mit Gott mich auszusöhnen mahnst, Und bist der eignen Seele doch so blind, Daß du, mich mordend, Gott bekriegen willst? Ach Leute! denkt, daß, der euch angestiftet, Die Tat zu tun, euch um die Tat wird hassen.
ZweiterMörder. Was soll'n wir tun?
Clarence. Bereut, und schafft eu'r Heil. Wer von euch, wär' er eines Fürsten Sohn, Vermauert von der Freiheit, wie ich jetzt, Wofern zwei solche Mörder zu ihm kämen, Bät' um sein Leben nicht? So wie ihr bätet, Wärt ihr in meiner Not--
ErsterMörder. Bereun? Das wäre memmenhaft und weibisch.
Clarence. Nicht zu bereun ist viehisch, wild und teuflisch. Mein Freund, ich spähe Mitleid dir im Blick: Wofern dein Auge nicht ein Schmeichler ist, So tritt auf meine Seit' und bitt für mich. Rührt jeden Bettler nicht ein Prinz, der bittet?
ZweiterMörder. Seht hinter Euch, Mylord.
ErsterMörder. (ersticht ihn). Nehmt das und das; reicht alles noch nicht hin, So tauch ich Euch ins Malvasierfaß draußen.
(Mit der Leiche ab.)
ZweiterMörder. O blut'ge Tat, verzweiflungsvoll verübt! Gern, wie Pilatus, wüsch' ich meine Hände Von diesem höchst verruchten sünd'gen Mord.
(Der erste Mörder kommt zurück.)
ErsterMörder. Wie nun? was denkst du, daß du mir nicht hilfst? Bei Gott, der Herzog soll dein Zögern wissen.
ZweiterMörder. Wüßt' er, daß ich gerettet seinen Bruder! Nimm du den Lohn und meld ihm, was ich sage; Denn mich gereut am Herzog dieser Mord.
(Ab.)
ErsterMörder. Nicht ich; geh, feige Memme, die du bist!-- Ich will in einem Loch die Leiche bergen, Bis daß der Herzog sie begraben läßt; Und hab ich meinen Sold, so will ich fort: Dies kommt heraus, drum meid ich diesen Ort. (Ab.)
ZWEITER AUFZUG
ERSTE SZENE
London. Ein Zimmer im Palast.
(König Eduard wird krank herein geführt; Königin Elisabeth, Dorset, Rivers, Hastings, Buckingham, Grey und andre treten auf.)
Eduard. So recht! ich schafft' ein gutes Tagewerk.-- Ihr Pairs, verharrt in diesem ein'gen Bund! Ich warte jeden Tag auf eine Botschaft, Daß mein Erlöser mich erlöst von hier; Die Seele scheidet friedlich nun zum Himmel, Da ich den Freunden Frieden gab auf Erden. Rivers und Hastings, reichet euch die Hände, Hegt nicht verstellten Haß, schwört Lieb' euch zu.
Rivers. Beim Himmel, meine Seel' ist rein von Groll, Die Hand besiegelt meine Herzensliebe.
Hastings. So geh's mir wohl, wie ich dies wahrhaft schwöre.
Eduard. Gebt acht! treibt keinen Scherz vor eurem König! Auf daß der höchste König aller Kön'ge Die Falschheit nicht zuschanden mach' und jeden Von euch erseh', des andern Tod zu sein.
Hastings. Mög' ich gedeihn, wie echte Lieb' ich schwöre!
Rivers. Und ich, wie ich von Herzen Hastings liebe!
Eduard. Gemahl, Ihr seid hier selbst nicht ausgenommen;-- Noch Eu'r Sohn Dorset;--Buckingham, noch ihr;-- Ihr waret widerwärtig miteinander. Frau, liebe Hastings, laß die Hand ihn küssen, Und was du tust, das tue unverstellt.
Elisabeth. Hier, Hastings! Nie des vor'gen Hasses denk ich: So mög' ich samt den Meinigen gedeihn!
Eduard. Dorset, umarm ihn.--Liebt den Marquis, Hastings.
Dorset. Ja, dieser Tausch der Lieb', erklär ich, soll Von meiner Seite unverletzlich sein.
Hastings. Das schwör auch ich.
(Er umarmt Dorset.)
Eduard. Nun siegle, edler Buckingham, dies Bündnis: Umarm auch du die Nächsten meiner Frau, Und mach in eurer Eintracht mich beglückt.
Buckingham. (zur Königin) Wenn Buckingham je wendet seinen Haß Auf Eure Hoheit, nicht mit schuld‘ger Liebe Euch und die Euren hegt, so straf‘ mich Gott Mit Haß, wo ich am meisten Lieb' erwarte! Wann ich am meisten einen Freund bedarf, Und sichrer bin als je, er sei mein Freund: Dann grundlos, hohl, verrätrisch, voll Betrug Mög‘ er mir sein! Vom Himmel bitt ich dies, Erkaltet meine Lieb‘ Euch und den Euren.
(Er umarmt Rivers und die übrigen.)
Eduard. Ein stärkend Labsal, edler Buckingham, Ist meinem kranken Herzen dies dein Wort. Nun fehlt nur unser Bruder Gloster hier Zu dieses Friedens segensreichem Schluß.
Buckingham. Zur guten Stunde kommt der edle Herzog.
Gloster. (tritt auf). Guten Morgen meinem hohen Fürstenpaar! Und, edle Pairs, euch einen frohen Tag!
Eduard. Froh, in der Tat, verbrachten wir den Tag. Bruder, wir schafften hier ein christlich Werk, Aus Feindschaft Frieden, milde Lieb‘ aus Haß, Bei diesen hitzig aufgereizten Pairs.
Gloster. Gesegnetes Bemühn, mein hoher Herr! Wenn jemand unter dieser edeln Schar Auf falschen Argwohn oder Eingebung Mich hält für seinen Feind; Wenn ich unwissend oder in der Wut Etwas begangen, das mir irgendwer, Hier gegenwärtig, nachträgt: so begehr ich, In Fried‘ und Freundschaft mich ihm auszusöhnen. In Feindschaft stehen, ist mein Tod; ich haß es, Und wünsche aller guten Menschen Liebe.-- Erst, gnäd'ge Frau, erbitt ich wahren Frieden Von Euch, den schuld‘ger Dienst erkaufen soll;-- Von Euch, mein edler Vetter Buckingham, Ward jemals zwischen uns ein Groll beherbergt;-- Von Euch, Lord Rivers--und, Lord Grey, von Euch: Die all ohn‘ Ursach‘ scheel auf mich gesehn;-- Von Euch, Lord Woodville--und, Lord Seales, von Euch;- Herzöge, Grafen, Edle--ja, von allen. Nicht einen weiß ich, der in England lebt, Mit dem mein Sinn den mindsten Hader hätte, Mehr als ein heute nacht gebornes Kind. Ich danke meinem Gott für meine Demut.
Elisabeth. Ein Festtag wird dies künftig für uns sein: Gott gebe, jeder Zwist sei beigelegt! Mein hoher Herr, ich bitt Eu‘r Hoheit, nehmt Zu Gnaden unsern Bruder Clarence an.
Gloster. Wie? bot ich darum Liebe, gnäd‘ge Frau, Daß man mein spott‘ in diesem hohen Kreis? Wer weiß nicht, daß der edle Herzog tot ist?
(Alle fahren zurück.)
Zur Ungebühr verhöhnt Ihr seine Leiche.
Eduard. Wer weiß nicht, daß er tot ist? Ja, wer weiß es?
Elisabeth. Allseh‘nder Himmel, welche Welt ist dies!
Buckingham. Seh ich so bleich, Lord Dorset, wie die andern?
Dorset. Ja, bester Lord; und niemand hier im Kreis, Dem nicht die Röte von den Wangen wich.
Eduard. Starb Clarence? Der Befehl war widerrufen.
Gloster. Der Arme starb auf Euer erst Geheiß, Und das trug ein geflügelter Merkur. Ein lahmer Bote trug den Widerruf, Der allzuspät, ihn zu begraben, kam. Geb‘ Gott, daß andre, minder treu und edel, Näher durch blut‘gen Sinn, nicht durch das Blut, Nicht mehr verschulden als der arme Clarence Und dennoch frei umhergehn von Verdacht!
(Stanley tritt auf.)
Stanley. Herr, eine Gnade für getanen Dienst!
Eduard. O laß mich, meine Seel‘ ist voller Kummer.
Stanley. Ich will nicht aufstehn, bis mein Fürst mich hört.
Eduard. So sag mit eins, was dein Begehren ist.
Stanley. Herr, das verwirkte Leben meines Dieners, Der einen wilden Junker heut erschlug, Vormals in Diensten bei dem Herzog Norfolk.
Eduard. Sprach meine Zunge meines Bruders Tod Und spräch nun eines Knechts Begnadigung? Kein Mord, Gedanken waren sein Vergehn, Und doch war seine Strafe bittrer Tod. Wer bat für ihn? wer kniet‘ in meinem Grimm Zu Füßen mir und hieß mich überlegen? Wer sprach von Bruderpflicht? wer sprach von Liebe? Wer sagte mir, wie diese arme Seele Vom mächt'gen Warwick ließ und für mich focht? Wer sagte mir, wie er zu Tewkesbury Mich rettet‘, als mich Oxford niederwarf, Und sprach: "Leb, und sei König, lieber Bruder"? Wer sagte mir, als wir im Felde lagen, Fast totgefroren, wie er mich gehüllt In seinen Mantel und sich selber preis, Ganz nackt und bloß, der starren Nachtluft gab? Dies alles rückte viehisch wilde Wut Mir sündhaft aus dem Sinn, und euer keiner War so gewissenhaft, mich dran zu mahnen. Wenn aber eure Kärrner, eu‘r Gesinde Totschlag im Trunk verübt und ausgelöscht Das edle Bildnis unsers teuern Heilands, Dann seid ihr auf den Knien um Gnade, Gnade, Und ich muß ungerecht es zugestehn. Für meinen Bruder wollte niemand sprechen, Noch sprach ich selbst mir für die arme Seele, Verstockter! zu. Der Stolzeste von euch Hatt‘ ihm Verpflichtungen in seinem Leben, Doch wollte keiner rechten für sein Leben. o Gott! ich fürchte, dein Gericht vergilt's An mir und euch, den Meinen und den Euren.-- Komm, Hastings, hilf mir in mein Schlafgemach. O armer Clarence!
(Der König, die Königin, Hastings, Rivers, Dorset und Grey ab.)
Gloster. Das ist die Frucht des Jähzorns!--Gabt ihr acht, Wie bleich der Kön‘gin schuldige Verwandte Aussahn, da sie von Clarence‘ Tode hörten? Oh, immer setzten sie dem König zu! Gott wird es rächen. Wollt ihr kommen, Lords, Daß wir mit unserm Zuspruch Eduard trösten?
Buckingham. Zu Euer Gnaden Dienst.
(Alle ab.)
ZWEITE SZENE
Ebendaselbst.
(Die Herzogin von York tritt auf mit des Clarence Sohn und Tochter.)
Sohn. Großmutter, sagt uns, ist der Vater tot?
Herzogin. Nein, Kind.
Tochter. Was weint Ihr denn so oft und schlagt die Brust? Und ruft: "O Clarence! Unglücksel‘ger Sohn!"
Sohn. Was seht Ihr so und schüttelt Euren Kopf Und nennt uns arme, ausgestoßne Waisen, Wenn unser edler Vater noch am Leben?
Herzogin. Ihr art‘gen Kinder mißversteht mich ganz. Des Königs Krankheit jammr‘ ich, sein Verlust Macht Sorge mir; nicht eures Vaters Tod: Verloren wär‘ der Gram um den Verlornen.
Sohn. So wißt Ihr ja, Großmutter, er sei tot. Mein Ohm, der König, ist darum zu schelten; Gott wird es rächen: ich will in ihn dringen Mit eifrigem Gebet um einzig dies.
Tochter. Das will ich auch.
Herzogin. Still, Kinder, still! Der König hat euch lieb; Unschuldige, harmlose Kleinen ihr, In eurer Einfalt könnt ihr nicht erraten, Wer eures Vaters Tod verschuldet hat.
Sohn. Großmutter, doch! Vom guten Oheim Gloster Weiß ich, der König, von der Königin Gereizt, sann Klagen aus, ihn zu verhaften. Und als mein Oheim mir das sagte, weint' er, Bedau'rte mich und küßte meine Wange, Hieß mich auf ihn vertraun als einen Vater, Er wolle lieb mich haben als sein Kind.
Herzogin. Ach, daß der Trug so holde Bildung stiehlt Und Bosheit mit der Tugend Larve deckt! Er ist mein Sohn, und hierin meine Schmach, Doch sog er nicht an meiner Brust den Trug.
Sohn. Denkt Ihr, mein Oheim verstellte sich, Großmutter?
Herzogin. Ja, Kind.
Sohn. Ich kann's nicht denken. Horch, was für ein Lärm?
(Königin Elisabeth tritt auf, außer sich; Rivers und Dorset folgen ihr.)
Elisabeth. Wer will zu weinen mir und jammern wehren, Mein Los zu schelten und mich selbst zu plagen? Bestürmen mit Verzweiflung meine Seele Und selber meine Feindin will ich sein.
Herzogin. Wozu der Auftritt wilder Ungeduld?
Elisabeth. Zu einem Aufzug trag'schen Ungestüms: Der König, mein Gemahl, dein Sohn, ist tot. Was blühn die Zweige, wenn der Stamm verging? Was welkt das Laub nicht, dem sein Saft gebricht? Wollt ihr noch leben? Jammert! Sterben? Eilt! Daß unsre Seelen seiner nach sich schwingen, Ihm folgend wie ergebne Untertanen Zu einem neuen Reich der ew'gen Ruh'.
Herzogin. Ach, so viel Teil hab ich an deinem Leiden Als Anspruch sonst an deinem edlen Gatten. Ich weint' um eines würd'gen Gatten Tod, Und lebt' im Anblick seiner Ebenbilder; Nun sind zwei Spiegel seiner hohen Züge Zertrümmert durch den bösgesinnten Tod, Mir bleibt zum Troste nur ein falsches Glas, Worin ich meine Schmach mit Kummer sehe. Zwar bist du Witwe, doch du bist auch Mutter, Und deiner Kinder Trost ward dir gelassen: Mir riß der Tod den Gatten aus den Armen Und dann zwei Krücken aus den schwachen Händen, Clarence und Eduard. Oh, wie hab ich Grund, Da deins die Hälfte meines Leids nur ist, Dein Wehgeschrei durch meins zu übertäuben!
Sohn. Ach, Muhm', Ihr weintet nicht um unsern Vater: Wie hülfen wir Euch mit verwandten Tränen?
Tochter. Blieb unsre Waisennot doch unbeklagt; Sei unbeweint auch Euer Witwengram.
Elisabeth. O steht mir nicht mit Jammerklagen bei, Ich bin nicht unfruchtbar, sie zu gebären. In meine Augen strömen alle Quellen, Daß ich, hinfort vom feuchten Mond regiert, Die Welt in Tränenfülle mög' ertränken. Ach, weh um meinen Gatten, meinen Eduard!
DieKinder. Um unsern Vater, unsern teuern Clarence!
Herzogin. Um beide, beide mein, Eduard und Clarence!
Elisabeth. Wer war mein Halt als Eduard? Er ist hin.
DieKinder. Wer unser Halt als Clarence? Er ist hin.
Herzogin. Wer war mein Halt als sie? Und sie sind hin.
Elisabeth. Nie keine Witwe büßte so viel ein.
DieKinder. Nie keine Waise büßte so viel ein.
Herzogin. Nie keine Mutter büßte so viel ein. Weh mir! ich bin die Mutter dieser Leiden: Vereinzelt ist ihr Weh, meins allgemein. Sie weint um einen Eduard, und ich auch; Ich wein um einen Clarence, und sie nicht; Die Kinder weinen Clarence, und ich auch; Ich wein um einen Eduard, und sie nicht. Ach, gießt ihr drei auf mich dreifach geschlagne All eure Tränen: Wärterin des Grams, Will ich mit Jammern reichlich ihn ernähren.
Dorset. Mut, liebe Mutter! Gott ist ungehalten, Daß Ihr sein Tun mit Undank so empfangt. In Weltgeschäften nennt man's undankbar, Mit trägem Widerwillen Schulden zahlen, Die eine milde Hand uns freundlich lieh; Viel mehr, dem Himmel so sich widersetzen, Weil er von Euch die königliche Schuld Zurücke fordert, die er Euch geliehn.
Rivers. Bedenkt als treue Mutter, gnäd'ge Frau, Den Prinzen, Euren Sohn; schickt gleich nach ihm Und laßt ihn krönen. In ihm lebt Euer Trost: Das Leid senkt in des toten Eduard Grab, Die Last baut auf des blühnden Eduard Thron.
(Gloster, Buckingham, Stanley, Hastings, Ratcliff und andre treten auf.)
Gloster. Faßt, Schwester, Euch; wir alle haben Grund, Um die Verdunklung unsers Sterns zu jammern: Doch niemand heilt durch Jammern seinen Harm. Ich bitt Euch um Verzeihung, gnäd'ge Mutter, Ich sah Eu'r Gnaden nicht. Demütig auf den Knien Bitt ich um Euren Segen.
Herzogin. Gott segne dich! und flöße Milde dir, Gehorsam, Lieb' und echte Treu' ins Herz!
Gloster. Amen! Und lass' als guten alten Mann mich sterben!--
(Beiseit.)
Das ist das Hauptziel eines Muttersegens: Mich wundert, daß Ihr' Gnaden das vergaß.
Buckingham. Umwölkte Prinzen, herzbeklemmte Pairs, Die diese schwere Last des Jammers drückt! Hegt all in eurer Lieb' einander nun. Ist unsre Ernt' an diesem König hin, So werden wir des Sohnes Ernte sammeln. Der Zwiespalt eurer hochgeschwollnen Herzen, Erst neulich eingerichtet und gefugt, Muß sanft bewahrt, gepflegt, gehütet werden. Mir deucht es gut, daß gleich ein klein Gefolg Von Ludlow her den jungen Prinzen hole, Als König hier in London ihn zu krönen.
Rivers. Warum ein klein Gefolg, Mylord von Buckingham?
Buckingham. Ei, Mylord, daß ein großer Haufe nicht Des Grolles neugeheilte Wunde reize; Was um sO mehr gefährlich würde sein, Je mehr der Staat noch wild und ohne Führer, Wo jedes Roß den Zügel ganz beherrscht Und seinen Lauf nach Wohlgefallen lenkt. Sowohl des Unheils Furcht als wirklich Unheil Muß, meiner Meinung nach, verhütet werden.
Gloster. Der König schloß ja Frieden mit uns allen, Und der Vertrag ist fest und treu in mir.
Rivers. So auch in mir, und so, denk ich, in allen; Doch weil er noch so frisch ist, sollte man Auf keinen Anschein eines Bruchs ihn wagen, Den viel Gesellschaft leicht befördern könnte. Drum sag ich mit dem edlen Buckingham, Daß wen'ge nur den Prinzen holen müssen.
Hastings. Das sag ich auch.
Gloster. So sei es denn; und gehn wir, zu entscheiden, Wer schnell sich auf nach Ludlow machen soll.-- Fürstin, und Ihr, Frau Mutter, wollt Ihr gehn, Um mitzustimmen in der wicht'gen Sache?
(Alle ab, außer Buckingham und Gloster.)
Buckingham. Mylord, wer auch zum Prinzen reisen mag, Um Gottes willen, bleiben wir nicht aus: Denn unterwegs schaff ich Gelegenheit, Als Eingang zu dem jüngst besprochnen Handel, Der Königin hochmüt'ge Vetterschaft Von der Person des Prinzen zu entfernen.
Gloster. Mein andres Selbst! Du meine Ratsversammlung, Orakel und Prophet. Mein lieber Vetter, Ich folge deiner Leitung wie ein Kind. Nach Ludlow denn! Wir bleiben nicht zurück.
(Beide ab.)
DRITTE SZENE
Eine Straße.
(Zwei Bürger begegnen sich.)
ErsterBürger. Guten Morgen, Nachbar! wohin so in Eil'?
ZweiterBürger. Ich weiß es selber kaum, beteur' ich Euch. Ihr wißt die Neuigkeit?
ErsterBürger. Ja, daß der König tot ist.
ZweiterBürger. Schlimme Neuigkeit, Bei Unsrer Frauen! Selten kommt was Beßres; Ich fürcht, ich fürcht, es geht die Welt rundum.
(Ein andrer Bürger kommt.)
DritterBürger. Gott grüß' euch, Nachbarn!
ErsterBürger. Geb' Euch guten Tag!
DritterBürger. Bestätigt sich des guten Königs Tod?
ZweiterBürger. Ja, ‘s ist nur allzuwahr: Gott steh' uns bei!
DritterBürger. Dann, Leut', erwartet eine stürm'sche Welt.
ErsterBürger. Nein, nein! Sein Sohn herrscht nun durch Gottes Gnaden.
DritterBürger. Weh' einem Lande, das ein Kind regiert!
ZweiterBürger. Bei ihm ist Hoffnung auf das Regiment, Daß in der Minderjährigkeit sein Rat, Und, wann er reif an Jahren ist, er selbst, Dann und bis dahin gut regieren werden.
ErsterBürger. So stund der Staat auch, als der sechste Heinrich, Neun Monat alt, gekrönt ward in Paris.
DritterBürger. Stund der Staat so? Nein, nein! Gott weiß, ihr Freunde! Denn dieses Land war damals hoch begabt Mit würd'ger Staatskunst; und der König hatte Oheime voll Verdienst zur Vormundschaft.
ErsterBürger. Die hat er auch vom Vater wie der Mutter.
DritterBürger. Viel besser war s, sie waren bloß vom Vater, Oder es wär' vom Vater ihrer keiner. Denn Eifersucht, der Nächste nun zu sein, Tritt uns gesamt zu nah, wenn's Gott nicht wendet. Oh! sehr gefährlich ist der Herzog Gloster, Der Kön'gin Söhn' und Brüder frech und stolz; Und würden sie beherrscht und herrschten nicht, Dies kranke Land gediehe noch wie sonst.
ErsterBürger. Geht, geht! wir zagen: alles wird noch gut.
DritterBürger. Wann Wolken ziehn, nimmt man den Mantel um, Wann Blätter fallen, ist der Winter nah; Wer harrt der Nacht nicht, wann die Sonne sinkt? Unzeit'ge Stürme künden Teurung an. Noch kann es gut gehn: doch, wenn's Gott so lenkt, Ist's mehr als ich erwart und wir verdienen.
ZweiterBürger. Wahrlich, der Menschen Herzen sind voll Furcht, Ihr könnt nicht reden fast mit einem Mann, Der nicht bedenklich aussieht und voll Schrecken.
DritterBürger. So ist es immer vor des Wechsels Tagen. Auf höhern Antrieb mißtraun die Gemüter Der kommenden Gefahr; so sehn wir ja Die Wasser schwellen vor dem wüsten Sturm. Doch lassen wir das Gotte. Wohin geht's?
ZweiterBürger. Die Richter haben beid' uns rufen lassen.
DritterBürger. Mich auch; so will ich euch Gesellschaft leisten.
(Alle ab.)
VIERTE SZENE
Ein Zimmer im Palast.
(Der Erzbischof von York, der junge Herzog von York, Königin Elisabeth und die Herzogin von York treten auf.)
Erzbischof. Sie lagen, hör ich, nachts zu Northampton; Zu Stony Stratford soll'n sie heute sein Und morgen oder übermorgen hier.
Herzogin. Von Herzen sehr verlangt mich nach dem Prinzen. Seit ich ihn sah, ist er gewachsen, hoff ich.
Elisabeth. Ich höre, nein: sie sagen, mein Sohn York Hat fast in seinem Wuchs ihn eingeholt.
York. Ja, Mutter; doch ich wollt', es wär' nicht so.
Herzogin. Warum, mein Enkel? Wachsen ist ja gut.
York. Großmutter, einmal speisten wir zu Nacht, Da sprach mein Oheim Rivers, wie ich wüchse Mehr als mein Bruder; "Ja", sagt' Oheim Gloster, "Klein Kraut ist fein, groß Unkraut hat Gedeihn." Seitdem nun macht ich nicht mit Wachsen eilen, Weil Unkraut schießt und süße Blumen weilen.
Herzogin. Fürwahr! fürwahr! das Sprichwort traf nicht zu Bei ihm, der selbiges dir vorgerückt. Er war als Kind das jämmerlichste Ding, Er wuchs so langsam und so spät heran, Daß, wär' die Regel wahr, er müßte fromm sein.
Erzbischof. Auch zweifl' ich nicht, das ist er, gnäd'ge Frau.
Herzogin. Ich hoff, er ist's; doch laßt die Mutter zweifeln.
York. Nun, meiner Treu, hätt' ich es recht bedacht, So konnt' ich auch dem gnäd'gen Oheim sticheln Auf seinen Wachstum, mehr als er auf meinen.
Herzogin. Wie, junger York? Ich bitte, laß mich's hören.
York. Ei, wie sie sagen, wuchs mein Ohm so schnell, Daß er, zwei Stunden alt, schon Rinden nagte; Zwei volle Jahre hatt' ich keinen Zahn. Großmutter, beißend wär' der Spaß gewesen.
Herzogin. Mein art'ger York, wer hat dir das gesagt?
York. Großmutter, seine Amme.
Herzogin. Ei, die war tot, eh' du geboren warst.
York. Wenn sie's nicht war, so weiß ich es nicht mehr.
Elisabeth. Ein kecker Bursch! Geh, du bist zu durchtrieben.
Erzbischof. Zürnt nicht mit einem Kinde, gnäd'ge Frau
Elisabeth. Die Krüge haben Ohren.
(Ein Bote tritt auf.)
Erzbischof. Da kommt ein Bote, seht.--Was gibt es Neues?
Bote. Mylord, was anzumelden mich betrübt.
Elisabeth. Was macht der Prinz?
Bote. Er ist gesund und wohl.
Herzogin. Was bringst du sonst?
Bote. Lord Rivers und Lord Grey sind fort nach Pomfret, Benebst Sir Thomas Vaughan, als Gefangne.
Herzogin. Und wer hat sie verhaftet?
Bote. Die mächt'gen Herzoge, Gloster und Buckingham.
Elisabeth. Für welch Vergehn?