Part 4
Aber die Sonne, der himmlische Schein! Wenn sie morgens ins Fensterlein Durch die grünen funkelnden Blätter Sendet das goldene Sommerwetter? Und Abends, wandert die Sonne von dannen, Der Mond steigt über die schwarzen Tannen, Der wohnt am Himmel allein nicht gern, Bringt mit sich alle die tausend Stern; Mond und Sonne und Sternelein Schauen alle zu mir herein, Wie ich die Wirtschaft mag treiben und leiten — Sie kennen mich alle seit langen Zeiten!
Zwergenältester:
Rehlein, laß um dich spielen und springen, Laß Mond- und Sonnenschein herein; Nur vor den Menschen hüte dich fein!
(Zu den andern).
Nun kommt ihr wackern Brüderlein, Drei Gänge noch fürder waldein! Dreimal noch füllt mit weichem Moos Die Säcklein aus des Waldes Schoß. Und richtet fein in unsrem Hüttchen Ein achtes Bettchen für Schneewittchen.
Die sieben Zwerge (gehen singend ab):
„Da ging die Katz’ die tripp, die trapp, Da schlug die Tür, die klipp, die klapp, Frau Füchsin, sind Sie da? Ach ja, mein Kätzchen, ja!“
Schneewittchen (allein):
Morgens im Dämmerschein Feg’ ich das Kämmerlein, Bohne die Stühlchen, Lockre die Pfühlchen, Mache die Bettchen, Die Schlummerstättchen, Hefte das Glöcklein, Nähe das Röcklein, Setz’ auf die Jäckchen Saubere Fleckchen; Rehlein und Vögelein, Alle die Tierelein Flattern durchs Fensterlein. Schlüpfen zur Tür herein; Sonne und Mondenschein; Sternelein die hellen Sind alle meine Spielgesellen.
Theodor Storm.
Am Mittagstisch.[1]
Ein Mädchen (Lotte) als Mutter. Ein Knabe (Fritz) als Vater. In der Mitte der Stube ein weißgedeckter Tisch. Seitwärts ein kleiner Tisch mit zwei Tellern, Messern und Gabeln. Zwei Stühle. Links ein Puppenwagen mit Puppe, daneben ein Stuhl. Ein Kleiderständer. Ein Zeitungshalter. Eine Wanduhr.
+Lotte+
(sitzt auf dem Stuhle neben dem Puppenwagen und singt die Puppe in den Schlaf):[2]
Suse, kleine Suse, mach’s Aeugelein zu, Mondenschein liegt auf den Bäumen, Vögelein gingen schon lange zur Ruh’, Sitzen im Nestchen und träumen. Susala, dusala, dilili, dein, Schlafe mein Liebling, schlaf’ ein! So, endlich schläft sie. Nun ja sie nicht wecken! Will jetzt geschwinde den Mittagstisch decken.
(Sie blickt nach der Wanduhr.)
Was seh’ ich? Es ist schon um halb zwölf Uhr. Potz daus? Da muß ich mich sputen — mein Mann kommt nach Haus.
(Sie legt zwei Teller, Messer und Gabeln auf den Tisch.)
+Fritz+
(tritt ein mit lauter Stimme):
Guten Tag, liebe Frau!
(Er hängt Hut und Stock auf den Kleiderständer.)
+Lotte+
(mit abwehrender Bewegung.)
Pst! Nicht so laut, lieber Mann! Bin froh, daß die Kleine mal schlafen kann.
+Fritz+
(seine Stimme dämpfend):
Ja so, unser Kind!
(Er tritt an den Puppenwagen und schaut hinein.)
Na, es schläft ja ganz süß, Da ist es zu Haus wie im Paradies. Denn schläft es, dann kann sein Geschrei mich nicht stören. Du weißt ja, ich mag das nun einmal nicht hören.
+Lotte+
(beleidigt):
Ja, ja, das Kindergeschrei zu ertragen, Das will den Herrn Männern wohl nimmer behagen. Als du einst gelegen im Kinderbett, Da warst du natürlich stets artig und nett.
+Fritz+
Ei, Lotte, du nimmst wohl die Sache gleich krumm? Ich hab’s doch nicht bös’ gemeint; sei nicht so dumm! Ich bring’ dir auch heut’ was Besonderes mit.
+Lotte+
(neugierig):
Ei, was denn?
+Fritz+
Vortrefflichen Appetit!
+Lotte+
Spaßvogel, den bringst du doch immer nach Haus.
+Fritz+
Was gibt es denn heute zum Mittagsschmaus?
+Lotte+
Dein Leibgericht: Erbsen und Bratwurst dazu; Nimm, bitte, nur Platz! Du bekommst es im Nu.
(Sie eilt hinaus.)
+Fritz+
(setzt sich zu Tisch):
Erbsen mit Bratwurst! Wie das Herz mir da lacht! Das hat sie ja wieder mal gut gemacht. Hoffentlich ist ihr auch alles geraten, Die Bratwurst recht knusprig und braun gebraten!
+Lotte+
(tritt mit einer Platte ein, auf der Schüssel und Teller stehen. Sie setzt das Essen auf den Tisch.)
So, lieber Mann, und nun laß es dir schmecken!
+Fritz+:
(zu Messer und Gabel greifend):
Danke dir! Gleichfalls! Was muß ich entdecken? Die Bratwurst — die ist ja hier angebrannt!
+Lotte+:
Nicht möglich! Ich hab’ sie stets umgewandt. Laß sehen! (Sie schaut nach.) Kein bißchen! Was fällt dir denn ein?
+Fritz+:
(die Erbsen kostend):
Doch die Erbsen könnten noch weicher sein.
+Lotte+:
Ach, Fritz, was verstehst du von Braten und Kochen! Und kochst du die Erbsen noch sieben Wochen, Sie werden nicht weicher, verlaß dich darauf Und hör’ nun gefälligst mit Nörgeln auf!
+Fritz+:
Na ja, liebe Lotte, ich bin ja schon still.
(Sie essen beide.)
Uebrigens — wie ich gestehen will — hat eine Bratwurst vergangene Nacht einen recht drolligen Traum mir gebracht.
+Lotte+:
So, so! Du träumst ja recht eigne Geschichten! Willst du mir davon nicht etwas berichten?
+Fritz+:
Sehr gern! Es war nachts um die vierte Stunde, da sah ich — oh Wonne! — vor meinem Munde Eine Bratwurst schweben, ganz frei in der Luft, die lockte mich mit dem köstlichsten Duft. Sie war nicht so niedlich wie diese hier, viel länger und dicker erschien sie mir.
+Lotte+:
Und sicherlich war sie nicht angebrannt.
+Fritz+:
Bewahre! Das hab’ ich ganz deutlich erkannt. Das Wasser lief mir zusammen im Mund. Ich dachte: Hurra! Welch ein köstlicher Schmaus! und streckte nach ihr beide Hände aus. Auf einmal — o Jammer — wer hätt’ das gedacht? Da platzt sie entzwei — und ich bin erwacht.
(Beide lachen.)
+Lotte+:
Ja, Fritzchen, solch Traumbild ist launenhaft. Wie gut, daß ich dafür Ersatz geschafft! Was nachts dich im Schlafe gefoppt und geneckt, heut mittag hat es dir gut geschmeckt.
+Fritz+:
Ganz recht, liebe Frau! — Aber nun bin ich satt. Jetzt gib mir mal, bitte, das Zeitungsblatt!
(Er steckt sich die Pfeife an und raucht andeutungsweise.)
+Lotte+
(steht auf und nimmt die Zeitung vom Zeitungshalter):
Hier ist es. Da fällt mir soeben ein, ich sah ja heut’ selber noch gar nicht hinein. Drum lies mir doch, bitte, das Neuste vor! Ich bleibe hier sitzen und bin ganz Ohr.
(Sie setzt sich wieder an den Tisch und reicht ihm das Blatt.)
+Fritz+:
(schaut suchend in die Zeitung):
Ja, beste Lotte, was soll ich denn lesen? Von Engländern? Russen? Franzosen? Chinesen? Von Eisenbahnzügen, die zusammengestoßen? Von schweren Gewittern mit Hageln und Schloßen? Von Schiffsunfällen auf stürmischen Meeren?
+Lotte+:
Ach, nein, ich möchte was Lustiges hören.
+Fritz+:
Was Lustiges? — Halt hier scheint was zu steh’n: Ein schnurriges Liedchen.
+Lotte+:
Wir wollen mal seh’n.
+Fritz+
(aus der Zeitung vorlesend):
Vom Ritter Kunz von Flunkerflaus geb’ ich euch jetzo Kunde: Der hat im Schlaf verschluckt ’ne Maus, nachts um die zwölfte Stunde. Er lief zum Doktor Pfiffikus: „’ne Maus sitzt mir im Magen, die kneipt und macht mir viel Verdruß, kaum kann ich’s noch ertragen.“ Der Doktor in den Hals ihm guckt, den Fall gleich zu studieren. „Potz, Blitz! ’ne Maus habt Ihr verschluckt? Euch will ich schon kurieren. Vernehmt, Herr Ritter, guten Rat aus meiner Weisheit Schatze: Damit das Mäuslein Euch nicht schad’, verschluckt ’ne Miezekatze!“
+Lotte+
(lacht laut):
Ei, Fritz, das war eine lustige Mär! Lies doch noch etwas! Ich bitte dich sehr.
+Fritz+:
(nach der Taschenuhr sehend):
Ist leider nicht möglich, sonst komm’ ich zu spät. Potz tausend, wie schnell doch die Zeit vergeht!
(Er steht auf und nimmt Hut und Stock.)
Ich wünschte, ich könnte noch länger hier ruh’n, doch hab’ ich g’rad heute so viel noch zu tun. Drum reich mir die Hand! Lebe wohl, liebe Lotte!
(Sie reichen sich die Hände.)
Grüß mir das Suschen, die kleine Motte.
(Er geht nach der Tür.)
+Lotte+:
Gern lieber Mann, wenn sie wieder erwacht. Wann kommst du nach Hause?
+Fritz+:
Wie immer halb acht.
(An der Tür sich wendend):
Nur eins noch, das hätt’ ich beinahe vergessen: Was gibt es denn heute zum Abendessen?
+Lotte+
(geheimnisvoll):
Ich will dir’s verraten. Einen hochfeinen Schmaus: Schokolade und Hering!
+Fritz+:
Jetzt nehm’ ich Reißaus.
(Er verschwindet schnell durch die Tür.)
[1] Kinderszenen. Kleine heitere Wechselgespräche für das darstellende Jugendspiel in Schule und Haus. Gedichtet von Alwin Freudenberg. 4. u. 5. Tausend. Verlag Alwin Huhle, Dresden.
[2] Melodie hierzu: Sonnenschein. 18 Lieder des Frohsinns für ein- oder zweistimmigen Kindergesang. Von Alwin Freudenberg. 6. bis 10 Tausend. Verlag A. Huhle, Dresden.
Zwei Klatschgevattern.[3]
Zwei Mädchen, mit altmodischer Kopfbedeckung, einem Umhängetuch und einem Körbchen am Arm, treten von entgegengesetzten Seiten ein. Sie eilen aufeinander zu und schütteln sich lebhaft die Hände.
+Frau Schmidt+:
Guten Morgen, Frau Schulze!
+Frau Schulze+:
Guten Morgen, Frau Schmidt! Ich bringe für Sie eine Neuigkeit mit.
+Frau Schmidt+:
Das freut mich, Frau Schulze, was hat’s denn gegeben?
+Frau Schulze+:
Unglaublich, Frau Schmidt, was man heut’ kann erleben!
+Frau Schmidt+:
Sie machen mich wirklich aufs höchste gespannt.
+Frau Schulze+:
Doch sag’ ich’s nur Ihnen und ganz im Vertrau’n; ich darf wohl auf Ihre Verschwiegenheit bau’n?
+Frau Schmidt+:
Auf Ehre, Frau Schulze! Wie können Sie fragen? Ich hab’ doch nie etwas weitergetragen.
+Frau Schulze+:
Glaub’s gerne, Frau Schmidt. Also hören Sie nur, was der Nachbarin gestern für Pech widerfuhr! Sie ließ sich zum Frühstück ’ne Leberwurst holen, die hat ihr der Molli vom Tische gestohlen.
+Frau Schmidt+:
Der Molli? Gestohlen? — So mußte es kommen. Was hat sie den Racker ins Haus genommen.
+Frau Schulze+:
Zu Mittag hat sie mit vielem Geschrei den Mund sich verbrannt am Kartoffelbrei.
+Frau Schmidt+:
Ist’s möglich, Frau Schulze? Wie soll man das nennen? Grad wie ein Kind sich den Mund zu verbrennen?
+Frau Schulze+:
Und nachmittags hat sie — wie’s kam, wer kann’s wissen? — Den Topf mit dem Sirup entzweigeschmissen.
+Frau Schmidt+:
Frau Schulze, Frau Schulze, was sind das für Sachen! Soll man da weinen, soll man da lachen? Nun weiß ich doch wieder die neusten Geschichten. Die muß ich sogleich der Frau Müller berichten.
(Sie trennen sich eilig mit einem Händedruck.)
[3] Kinderszenen, s. S. 94.
Das kranke Püppchen.
Kinderszene.
+Personen+:
Mariechen, das Puppenmütterchen, mit ihrer Puppe „Minchen“. Der Herr Hofrat.
+Mariechen+
(mit besorgter Miene):
„Mein Püppchen ist krank, Macht ein wehes Gesicht, Liegt hier im Bettchen Und rührt sich nicht! Gestern noch sprang es Lachend ums Haus, Wußte vor Frohsinn Nicht ein und nicht aus. Heute liegt’s stille Und jubelt nicht mehr! Ach, und sein Atem Geht hastig und schwer! Sagt mir, ihr Leutchen, Was machen wir da? Ach, man hat Sorgen Als kleine Mama! Wißt ihr, mein Püppchen Ist herzig und gut, Aber die Schule Tut ihm nicht gut! Vorige Ostern, Da wurd’ es sechs Jahr, Mußt’ in die Schule. — Das ist doch klar!
Aber seitdem Ist es nicht mehr gesund. — Wüßt’ ich nur endlich Vom Kranksein den Grund! Heute nun hab’ ich Herrn Hofrat bestellt: Der ist sehr klug Und kuriert alle Welt. Minchen, mein Püppchen, Verzog zwar’s Gesicht, Schrie: ‚Onkel Doktor, Den mag ich nicht!‘ Aber, was hilft das? Es ist ja ein Kind! Leutchen, ihr wißt ja, Wie Kinder oft sind! Ich, das Mamachen, Hab’ ängstlichen Sinn, Schickte drum hurtig Zum Hofrat hin. Hoffentlich macht er Mein Kindchen gesund, Das Sausewindchen, Den Plappermund! — Ach, wär’ doch endlich Herr Hofrat schon da! Ja! — Man hat Sorgen Als kleine Mama!
(Es klingelt und klopft gleich danach an der Tür.)
Endlich! Da klingelt’s! Nun klopft es! — Herein! — Bitte, Herr Hofrat! Treten Sie ein!“ —
+Hofrat+:
„Schön’n guten Morgen, Gnädigste Frau! Seh’n Sie: ich komme Wie immer genau!“
+Mariechen+:
„Schön’n guten Morgen! — Ach welch’ Malheur! Mein Püppchen ist krank Und fiebert gar sehr! Oh bitte, Herr Hofrat, Kurier’n Sie das Kind! Sie wissen, wie ängstlich Wir Mütter mal sind!“
+Hofrat+:
„Schon wieder krank? Hm! Höchst bedenklich! Seit wann ist denn Ihr Kind so kränklich?“
+Mariechen+:
„Seit diesem Frühjahr, wissen Sie; Denn vorher kränkelte es nie!“
+Hofrat+:
„Das ist ja seltsam! Hm! Nun, nun! Wir werden sehen, was zu tun! Hat’s Appetit, Ihr Minchen klein?“
+Mariechen+:
„Oh ja! Für Obst und Schleckerei’n, Für Törtchen fein aus Butterteig!“
+Hofrat+:
„So, so! Ei, ei! Da hab’n wir’s gleich! — Ja, gnäd’ge Frau, das wird der Magen von Ihrem Püppchen nicht vertragen!“
+Mariechen+:
„Erst dacht’ ich’s auch. Doch Sie ermessen: Es hat mit Appetit gegessen Vor einer Stunde noch sein Süppchen!“
+Hofrat+:
„Hm, hm! So, so! — Mein liebes Püppchen, Zeig’ mir mal schön dein Züngchen fein! — Hm! — Das ist sauber, rot und rein! Da muß die Krankheit tiefer sitzen!“
+Mariechen+:
„Was halten Sie von tüchtig Schwitzen?“
+Hofrat+:
„Das ist veraltet, liebe Frau, Und macht das Kind nur matt und flau. Doch will ich mal den Pulsschlag zählen: Vielleicht wird’s ihm am Herzen fehlen!
(Zählt mit der Uhr:)
1—2—3—4, —5—6—7—8! Nein, was der Puls für Sprünge macht! Das schlägt so froh und hüpft so frisch, Als lief ein Mäuschen über’n Tisch! — Sie müssen sich nicht weiter quälen, In Herz und Magen kann’s nicht fehlen.“
+Mariechen+:
„Was mag dann nur die Krankheit sein?“
+Hofrat+:
„Hm! ’s Herz ist frisch, die Zunge rein. — Das Uebel muß noch tiefer stecken! Geduld! Ich will es schon entdecken. — Ich glaub’, es sitzt im Köpfchen da! Nun sagen Sie mir, Frau Mama, Klagt über Kopfweh gar Ihr Kleinchen?“
+Mariechen+:
„Jawohl! Und über matte Beinchen, Besonders, wenn’s zur Schule soll!“
+Hofrat+:
(plötzlich lachend):
„Hahahaha! Das ist ja toll! — Nun kenn’ ich Minchens Krankheit ja! Es ist die ‚Infaulenzia‘! Die spukt im Kopf und in den Beinchen Gar oft bei unsern lieben Kleinchen, Wenn sie zur Schule gehen sollen Und lieber auf der Wiese tollen. ‚Schulfieber‘ nennt man’s auch zuweilen. Das ist sehr schlimm! Ich kann’s nicht heilen. Doch das verliert sich mit der Zeit, Wenn erst Ihr Kindchen wird gescheit. Sitzt erst im Kopf das Abc, Tut auch das Köpfchen nicht mehr weh, Und sind erst gar die Ferien da, Dann schwindet die ‚Faulenzia‘! —“
+Mariechen+:
„Ja, ja! Nun ist mir alles klar, Warum mein Kind so kränklich war. Mein Püppchen, hör’, mein Plappermaul! Du bist ja bloß ein wenig faul! Am Abend ist mein Plappermund Stets pudelwohl und kerngesund. Soll’s morgens dann zur Schule geh’n, Möcht’ lieber man spazieren geh’n, Und statt zu lernen und zu schreiben, Möcht’ lieber man im Garten bleiben!“
+Hofrat+:
„So ist es, liebe, gnäd’ge Frau! Nun kennen Sie Ihr Kind genau!“
+Mariechen+:
„So sagen Sie mir bitte noch: Wie heilt man diese Krankheit doch?“
+Hofrat+:
„Sehr einfach ist die Arzenei Und hilft dem Kindchen eins, zwei, drei: Man holt sich ein Stöckchen, Klopft ein wenig das Röckchen — Und fort wie der Wind Ist die Krankheit geschwind!“
(Lacht.)
+Mariechen+:
„Herr Hofrat, ich danke für Ihren Rat!“
+Hofrat+:
„Ich glaube, das Mittelchen ist probat! — Ich habe die Ehre!
(Verneigt sich.)
Schön’n guten Morgen! Sie brauchen sich nicht mehr weiter zu sorgen. Hat’s Kindchen noch einmal ‚Faulenzia‘, So rufen Sie bitte nur seinen Papa! Der wird das Mittelchen dann probieren Und unser Püppchen rasch kurieren! — Adieu, mein Kindchen, sei fleißig und lern’, Dann bleibt dir das Stöckchen vom Röckchen fern!“
Neckreim.
Denkt ihr denn, denkt ihr denn, Mädchen wären teuer? Fünfe für ein Pfennigstück, Fünfzehn für ’nen Dreier. Denkt ihr denn, denkt ihr denn, Jungens sind so teuer? Fünfzehn für ’nen Flederwisch, Sechzehn für ’nen Dreier.
C. Weber.
Mitten auf der Wiese.
Mitten auf der Wiese Sitzt die kleine Liese Im grünen, grünen Gras. Sie träumt sich sacht in Schlummer, Da kommt ein großer Brummer Und fliegt ihr auf die Nas’. Weg, weg! du alter Brummer! Störst mich in meinem Schlummer! Willst weg! Was soll denn das? Der Brummer brummt gemütlich: Ach, Lieschen, sei doch friedlich, Ich mache ja nur Spaß.
Kind und Weihnachten.
Wintertag.
Schellenklingen — Peitschenknall, Lust und Freude überall! Schneeballschlacht und Schlittenfahrt, Schneemann von der schönsten Art. Frisch die Luft, der Himmel blau, Alles weiß in Feld und Au. Schlittschuhbahn, so blank und groß, Purzelbäume ganz famos. Endlich abends müd’ nach Haus, Warme Aepfel dann zum Schmaus. Und noch in der Nacht im Traum Christkindlein und Weihnachtsbaum! — Wer sich da nicht wollte freu’n, Müßt’ ein rechter Griesgram sein.
Carl Ferdinands.
Weihnachten.
Wenn’s Winter wird, wenn’s friert und schneit Im Dorf und in dem Städtchen, Da freuen sich, da freuen sich, Die Bübchen und die Mädchen!
Sie singen dann mit heller Stimm’ Viel liebe, alte Lieder; Die Weihnachtszeit, die Weihnachtszeit, Die frohe Zeit kommt wieder. Der Weihnachtsmann, ja, schaut nur her, Der geht schon auf die Reise;
Mit Sack und Pack, mit Sack und Pack, Ganz heimlich und ganz leise. Er bringt dem Mütterlein für euch Viel liebe, schöne Gaben. Am Weihnachtstag, am Weihnachtstag Sollt ihr sie alle haben.
Carl Ferdinands.
Der Schneemann.
Alles ringsum weit und breit Steht im Winterkleide. Junge Saat ist überschneit, Nadelwald und Heide. Einen Schneemann jetzt zu bau’n, Welche Lust für Jungen. Einen sah ich dort am Zaun, Der ist wohlgelungen. Grimmig blickt er in das Land, Und verbreitet Schrecken; Noch dazu in seiner Hand, Hält er einen Stecken. Aber seine trotz’ge Macht Dauert gar nicht lange. Wenn einmal die Sonne lacht, Wird dem Riesen bange. Seine ganze Herrlichkeit Steht auf schwachen Füßen. Eh’ es Kirschenblüten schneit, Muß er schon zerfließen.
Vom Christkind.
Denkt euch — ich habe das Christkind geseh’n! Es kam aus dem Walde, Das Mützchen voll Schnee, Mit rotgefrorenem Näschen, Die kleinen Hände taten ihm weh; Denn es trug ein’n Sack, Der war gar schwer, Schleppt und poltert hinter ihm her. Was drin war, möchtet ihr wissen? Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack — Meint ihr, er wäre offen, der Sack? Zugebunden bis obenhin! Doch war gewiß etwas Schönes drin; Es roch so nach Aepfeln und Nüssen.
Anna Ritter.
Der Nürnberger Spielwarenhändler.
Liebe Kindlein, Kauft ein! Hier ein Hündlein, Hier ein Schwein; Trommel und Schlegel, Ein Reitpferd, ein Wägel, Kugel und Kegel, Kistchen und Pfeifer, Kutscher und Läufer, Husar und Schweizer — Nur um ein paar Kreuzer Ist alles dein. Kindlein, kauf’ ein!
Wolfgang Goethe.
Weihnachtslied für die Kleinen.
Tausend Engel fliegen heut’ Lustig durch die Stadt, Und ein Bäumchen in der Hand Jeder Engel hat. Einer sah mich freundlich an, Kam mir lächelnd nah, Ach, und lachte und sah aus, Gerade wie Mama. Und sein Bäumchen seh’ ich hier Auf dem Tische steh’n, Und den Engel hör’ ich leis, Hin und wieder geh’n. Legte ab sein Flügelpaar, Als er kam ins Haus; Immer noch wie die Mama, Sieht der Engel aus.
Mia Holm.
Weihnachtswünsche.
Fest der Freude, heil’ge Nacht! Sei gegrüßt mit frohem Munde, Sehnend harrten wir der Stunde. Fest der Freude, heil’ge Nacht! Bringe Glück, du Engelschar, Unserm teuren Elternpaar.
Fr. Ernst.
*
Zwar ist das Jahr an Festen reich, Doch ist kein Fest dem Feste gleich, Worauf wir Kinder jahraus, jahrein Stets harren in süßer Lust und Pein. O schöne, herrliche Weihnachtszeit, Was bringst du Lust und Fröhlichkeit! Wenn der heilige Christ in jedem Haus Teilt seine lieben Gaben aus. Und ist das Häuschen noch so klein, So kommt der heil’ge Christ hinein, Und alle sind ihm lieb, wie die Seinen, Die Armen und Reichen, die Großen und Kleinen. Der heilige Christ an alle denkt, Ein jeder wird von ihm beschenkt. Drum laßt uns freu’n und dankbar sein! Er denkt auch unser, mein und dein.
Hoffmann von Fallersleben.
*
Weil du zuerst im Mutterarm Uns hast getragen, weich und warm. Weil du manch’ kalte Winternacht, Dich um den süßen Schlaf gebracht, Um in des weichen Bettleins Ruh’, Die Kinderlein zu decken zu — So magst du heute uns vergönnen, Obwohl wir’s nicht vergelten können, Daß für den Winter in der Stille Wir bringen eine warme Hülle, Um dich in ihren weichen Falten, An kalten Tagen warm zu halten. Nimm’s freundlich! — Sei nicht eingedenk’, Daß so prosaisch das Geschenk. Denk’, daß schon oft die Liebe lieh Der Prosa ihre Poesie.
Ottilie Wildermuth.
*
Willkommen, schönster Abend Der frohen Weihnachtszeit! Wie bist du doch so labend, Wie bringst du soviel Freud’! Wie glänzt im hellsten Lichte Der schöne Weihnachtsbaum! Mit strahlendem Gesichte Schau’ ich ihn wie im Traum. Der schönste aller Bäume, Ihm ist kein andrer gleich, Er ist der Baum der Träume Im Kinderhimmelreich. Den hat uns Gottes Liebe Mit seinem Sohn gebracht, Daß daran unsre Liebe Sich immer neu entfacht. Der Engel heil’ge Liebe Schmückt ihn so süß und hold, Und macht des Herzens Triebe So rein wie Weihnachtsgold. — Euch dank’ ich all die Gaben, Geliebte Eltern mein! Ich will euch immer haben Ein Herz, euch zu erfreu’n.
Ch. Grüß.
*
Heil’ger Christ, Heute ist Dein Geburtstag fein. Bete fromm: Komm, o komm! Kehre bei uns ein!
Kehre ein, Bring’ herein Glück und Segen viel Für Papa Und Mama; Mir etwas für’s Spiel.
Fr. Ernst.
*
Nimm, was ich dir hier gestrickt, Liebes gutes Mütterlein, Weiß zwar nicht, ob’s mir geglückt, Künftig soll es besser sein.
Fr. Ernst.
*
Nimm diese kleine Gabe, Nimm freundlich sie von mir, Wie sehr ich lieb dich habe, Kann’s gar nicht sagen dir.
Fr. Ernst.
*
Zum Weihnachtsfeste bring’ ich heut’, Mein liebstes, bestes Väterlein (Mütterlein), Ein Wünschchen, das dein Herz erfreut, Weil ich zur Arbeit noch zu klein. Hab’ immer Freud’ und frohen Mut, Der liebe Gott wird mit dir sein, Behalt’ mich lieb und sei mir gut, Mein liebstes, bestes Väterlein (Mütterlein).
P. Lindner.
*
Kein Blümchen blüht im Garten mehr, Das unser Herz erfreut; Verstummt ist längst der Vögel Heer, Das Feld ringsum beschneit. Doch bringt der rauhe Wintersmann Auch manche schöne Freude, Und wer es nur erwarten kann, Dem brennt ein Bäumchen heute! So mag’s denn draußen frieren, schnei’n Im Stübchen hier ist Frieden, Und reiche Gaben, groß und klein, Hat Liebe mir beschieden ... Drum klopft vor Freude mir das Herz Und dankt für eure Liebe; Entfernt von euch sei jeder Schmerz Und euer Blick nie trübe. Und tat ich oft mit leichtem Sinn Nicht immer, was ich sollte, So nehmt den guten Willen hin, Der euch nie kränken wollte.
Ernst Anschütz.
Geburtstags- und Neujahrswünsche.
Geburtstagswünsche.
Für den Vater.