Rheinische Seher und Propheten: Ein Beitrag zur Kulturgeschichte

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Rheinische

Seher und Propheten.

Ein Beitrag zur Kulturgeschichte

von

_Dr. P. Bahlmann_.

Verlag von H. Mitsdörffer #Hans Ertl#. _Münster-Westf._

Das Interessanteste und Wichtigste, -- sagen v. Mering und Reischert[1] -- was sich dem Menschen in diesem Erdenleben darbietet, ist in allen Beziehungen der Mensch selbst. Wenn er uns im Alltagsgewande schon Stoff genug zu den mannigfaltigsten Bemerkungen und Betrachtungen giebt, um wie anziehender muß er uns alsdann nicht da erscheinen, wo er in das Gebiet des Außerordentlichen oder des Wunderbaren übertritt und gleichsam eine höhere Natur annimmt. In solchen Verhältnissen schreitet er als ein zu einem höheren Berufe geadeltes, fremdartiges, unbegreifliches Wesen an uns vorüber, und wir können kaum der Versuchung widerstehen, den Veranlassungen solcher außerordentlichen Erscheinungen nachzuspüren, wiewohl die Ergebnisse unsere Mühe nicht immer belohnen und die scheinbar höheren Gebilde, mit der Lampe der Vernunft betrachtet, in der Regel sich wieder auf das Gewöhnliche reduzieren.

In eine vernichtende Kritik aber wollen wir diesmal nicht eintreten, sondern uns lediglich darauf beschränken, alle noch erreichbaren Nachrichten über die bemerkenswertesten Seher des Rheinlandes und ihre Prophezeiungen[2] endlich einmal zusammen zu fassen. Wir unterziehen uns dieser Aufgabe, nicht etwa um alten Aberglauben neu beleben zu helfen, sondern weil die »Sagen der Zukunft«, wie man die Weissagungen nicht mit Unrecht genannt, wegen des Einblicks, den sie vielfach in die Eigenart der Bevölkerung, ihr Sehnen und Wünschen, ihr Hoffen und Fürchten gewähren, für den Kulturhistoriker von derselben Bedeutung sind, wie alle anderen Volksüberlieferungen, und glauben eine freundliche Aufnahme unserer Zusammenstellung auch deshalb erhoffen zu dürfen, weil das spöttische Achselzucken und überlegene Lächeln, womit trotz der noch äußerst mangelhaften Kenntnis der rätselhaften Erscheinungen unseres Seelenlebens alle derartigen Mitteilungen meist aufgenommen werden, leider so manchen Mund geschlossen und zugleich bewirkt hat, daß selbst die ohnehin recht dürftige Litteratur ~nirgends~ sorgsam gesammelt und daher manches Buch gar nicht oder nur sehr schwer mehr zu finden ist.

Eine bisher zwar auch unerklärte, aber jetzt doch schon von vielen zugegebene Erscheinung ist das sogen. »Zweite Gesicht«,[3] d. h. das Vermögen, wirkliche Begebenheiten der Gegenwart oder Zukunft fernschauend wie mit leiblichem Auge zu erkennen. Die »Vorgesichte« -- in Westfalen und am Niederrhein »Vorgeschichten« genannt[4] -- sind, abweichend z. B. vom somnambulen Hellsehen, stets mit Rückerinnerung verbunden und nehmen nie eine religiöse oder übersinnliche Richtung, sondern halten sich ganz in der Sphäre des gewöhnlichen bürgerlichen Lebens, meist Todesfälle und Leichenbegängnisse, aber auch Brände, Hochzeiten, Geburten, Freundschaften, das Ankommen von (dem Seher oft ganz unbekannten) Fremden und dgl. betreffend. Die Gabe findet sich weit mehr bei Männern als bei Frauen, ist aber an kein besonderes Alter und keine bestimmte Zeit gebunden. Im Augenblick des Schauens ist der Seher ganz von seinem Bilde eingenommen, sieht und denkt nichts anderes und nimmt keine Notiz von seiner Umgebung: die Augenlider oft krankhaft einwärts gekehrt, sieht er starr vor sich hin. »Es giebt wenig Städte am Rhein,« -- wird 1822 berichtet[5] -- »wo nicht solche Geschichtler anzutreffen wären, und daß man bisher so wenig davon geredet hat, liegt in der nicht bloß am Rhein bekannten Erfahrung, daß die Aufklärung der Schriftgelehrten bereits so weit fortgeschritten ist, daß man in ihrer Gegenwart schon kein Faktum mehr erwähnt, was nicht durch sie anerkannt worden«.

Die meisten Vorgesichte freilich können ihres Inhalts wegen nur ganz enge Kreise interessieren, und auch dadurch erklärt sich die manchem befremdliche Thatsache, daß trotz ihrer früheren Häufigkeit[6] verhältnismäßig nur so wenig Fälle veröffentlicht sind. Wer jedoch einigermaßen mit dem Volke gelebt und sein Zutrauen gewonnen hat, vermag selbst heute noch neues einschlägiges Material in Fülle beizubringen, wie dies erst kürzlich wieder der Bibliothekar des Bergischen Geschichtsvereins[7] bewiesen. Nach seiner mustergültigen Sammlung sah u. a. ein Mann im Dönberg den noch kerngesunden zehnjährigen Sohn seines Schwagers, dem er auch den Verlust eines zweiten Kindes ankündigte, auf dem Schoof (Totenbrett) in einem Gange stehen;[8] ein Schäfer in Nordrath sah des Abends einen Leichenzug über ein Feld[9], ein Bauer aus Kürten über einen schmalen Steg über die Sülz[10] ziehen; ein Kuhhirt auf einem Gehöft bei Wülfrath zur Mittagszeit den Pferdeknecht zu Grabe tragen;[11] ein Schäfer bei Böckum unweit Großenbaum um Mitternacht eine Leiche aus dem Fenster ins Freie schaffen;[12] eine Frau auf dem Gehöft Eschen (Gem. Mettmann) nachmittags einen Mann, dann ein Pferd, einen Leichenwagen und zuletzt viele Leidtragende vom Herbecker Wald her in die Chaussee einbiegen;[13] ein Mann kurz vor Mitternacht zwischen Herkenrath und Hof Büchel den Vater eines Bekannten nebst dem Geistlichen und Gefolge zu einer Beerdigung aus dem Hause treten[14] -- und alles sei buchstäblich eingetroffen, wie es die Seher vorhergesagt.

Schon im Jahre 1668[15] trieb in Andernach zur Zeit einer pestartigen Krankheit der Geisterseher Cornelius Schnegell sein Unwesen, indem er gegen das Verbot des Magistrats angebliche Geistererscheinungen in Umlauf setzte und dadurch Trauer und Schrecken über manche Familie brachte. Von erster Kindheit an -- erzählte er -- habe ich Geister geschaut, und in der letzten Matthiasnacht sind mir plötzlich die Augen derart erleuchtet, daß ich des Nachts ebenso klar sehe, wie bei Tage. Namentlich in den Prozessionen, die zur Abwendung der Pest gehalten werden, sehe ich im voraus das Schicksal meiner Mitbürger: die ich fallen und nicht wieder aufstehen sehe, müssen sterben; solche, welche nach dem Falle sich wieder erheben, werden zwar krank, sterben aber nicht; endlich diejenigen, welche bloß straucheln, werden nur von einem leichten Anfall getroffen. Ich sehe die Geister in weißen und schwarzen Kleidern und halte dafür, daß jene selig, diese verdammt werden. Wenn sie erscheinen, verbleibe ich bisweilen im Bette, häufig aber muß ich aufstehen und sie bis zur Thür begleiten. Diese Erklärung setzte den Rat, der selbst überall Spuk und Zauberei witterte, in nicht geringe Verlegenheit, obschon bekannt war, daß der Geisterseher mitunter freilich in seinen Vorhersagungen die Wahrheit getroffen, öfter aber »schändlich sich vertretten und seiner Zungen Zoll verfahren« hatte. Man wandte sich deshalb um Auskunft an die gelehrten Franziskaner in Köln und legte ihnen die Frage vor, ob dergleichen Erscheinungen begründet und glaubwürdig seien oder nicht. Daß es kein bloßes Spiegelgefecht und keine Narrheit ist, fügt der Rat seiner Anfrage bei, kann man daraus abnehmen, daß oft in Kirchen, adligen und anderen Häusern Gespenster gehört oder gesehen werden und bald darauf Leichen folgen. Diese Erscheinungen haben auch solche, denen man nichts Böses nachsagen kann, ja die Heiligen haben solche absonderlich oft gehabt. Es ist ferner bekannt, daß in einigen Klöstern Patres eine Zeitlang vor ihrem Tode im Chor ohne Haupt erschienen sind. Dazu ist zu beachten, daß gemeldeter Cornelius von den Geistern genötigt wird, die Visionen bekannt zu machen und daß die Offenbarungen vielen zum besten gereichen, da diejenigen, welche noch nicht sterben werden, unnötige Arzneien sparen, solche dagegen, die bald sterben müssen, desto besser auf den Tod sich vorbereiten können. In dem von _P._ Kaspar German verfaßten und den _P. P._ Bernardin Vetweis, Bonaventura Reul und Johannes Huart approbierten Antwortschreiben vom 7. Nov. 1668 werden die von Schnegell angegebenen Erscheinungen unter Hinweis auf die Lehre des hl. Thomas von Aquin als unerlaubte, abergläubische Divinationen oder Teufelsbetrug bezeichnet und die Auslassungen des Rates richtig gestellt bezw. widerlegt. Nach Empfang dieses Schreibens wurde Schnegell alsbald verhaftet und der Kurfürst Maximilian Heinrich um Angabe weiterer Verhaltungsmaßregeln gebeten. Das vom 30. November datierte Schreiben desselben schließt: »Zwar ist kein Zweifel daran, daß bei dergleichen Wesen der böse Feind sein Spiel treibt und gemeiniglich gefährliches Einverständnis mit demselben darunter verborgen ist. Weil gleichwohl wider besagten Cornelius keine andern Anzeichen von Zauberei oder einem Vertrag mit dem Teufel vorgebracht sind, so könnt Ihr zwar für dieses Mal denselben noch aus der Haft entlassen, habt ihm jedoch ernstlich einzubinden, sich solcher Vorhersagungen bei Strafe der Fustigation und Verweisung des Landes öffentlich und im Geheimen zu enthalten.«

In der Vaterstadt eines Rheinländers[16] lebte zu Anfang dieses Jahrhunderts ein unbemittelter Tagelöhner, den man, weil er für die Metzger die gekauften Kälber herbeiholte, »Kälber-Gerhard«, seiner Gesichte halber aber meist »Geisterseher« nannte. Gewöhnlich um Mitternacht, doch zuweilen auch bei Tage, erblickte er die Gestalt derjenigen Person, die binnen weniger Tage sterben sollte, an derjenigen Stelle, wo sie den Geist aufgab, bald in ihren gewöhnlichen Kleidern, bald im Leichengewand, bald sitzend, bald liegend, und es trieb ihn dann mit Gewalt in die Wohnung, wo die betreffende Person wohnte, oder auf die Straße, wo der Leichenzug vorüberkam und er alle Leidtragenden genau erkannte. Nur einigemal hat er infolge übergroßer Müdigkeit dem Triebe, dem Gesicht zu folgen, gewaltsam widerstanden und sein Bett nicht verlassen; da aber -- so erzählte er -- sei ihm zur Strafe seines Ungehorsams der »Geist« reitend auf die Schultern gesprungen und habe ihn durch Straßen und Felder so peinigend umhergetrieben, daß er in kaltem Schweiße gebadet und vor Erschöpfung krank nach Hause gekommen sei. Anfangs machte er aus der leidigen Gabe, die er dem Umstande zuschrieb, daß er in der St. Andreas-Nacht genau um 12 Uhr geboren sei, kein Hehl und offenbarte arglos, wen er des Nachts gesehen; da aber die von ihm genannten Personen stets bald darauf verstarben, bemächtigte sich der Einwohner eine solche Angst, daß sie ihm möglichst aus dem Wege gingen und er ihre Häuser schließlich selbst am hellen Tage und in Geschäften nicht ohne Furcht vor Prügeln betreten durfte.

Zu Opladen[17] sah vor Jahren an einem Sommermorgen ein junger Mann in Gedanken zum Fenster hinaus. Bald füllte sich trotz der frühen Stunde die Straße mit Menschen, und er gewahrte ein Trauergeleite, das still und schweigsam einem Sarg zum Friedhof folgte. Hinter vielen bekannten Ortsbürgern bemerkte er als letzten einen verabschiedeten Hauptmann in hellgrünem Kleide, der mehrmals ausglitt, als ob er nicht ganz nüchtern sei. Dasselbe glaubte man von ihm, als er sich nach dem Todesfall erkundigte, und er hatte die seltsame Erscheinung bereits vergessen, als im Winter die nämlichen Gestalten, die er damals gesehen, hinter der Leiche eines seiner Verwandten an seinem Fenster vorüberzogen, hinterdrein der Hauptmann im hellgrünen Rocke, wiederholt ausgleitend auf dem mit Glatteis überzogenen Boden.

Im Siegthale[18] sollen die in der Matthiasnacht Geborenen im voraus die Geister aller derjenigen sehen, die der Tod in dem betreffenden Kirchspiele abberuft, und sie um Mitternacht auf den Kirchhof tragen müssen. Dieselbe Fähigkeit schrieb man in Meiderich[19] dem Maurer R. zu, der, gleichfalls zur Mitternachtsstunde, drei Tage vor jedem Todesfall dem Leichenwagen das Hofthor zu öffnen hatte.

Ein sehr bekannter Vorschauer war der Seilermeister Peter Schlinkert aus Meschede im Herzogtum Westfalen, das bis 1803 unter kölnischer Herrschaft stand. Da ich über ihn und seine Vorgeschichten bereits an anderem Orte[20] ausführlich berichtet, möge hier nur sein erstes Gesicht, das seinem Landesherrn das Leben rettete, wiederholt werden. Schlinkert, der nach dem Ueberfall von Hochkirch (1758), an dem er als Serbelloni-Kürassier teilgenommen, den Truppen des Kurfürsten Clemens August von Köln[21] eingereiht war, trat eines Tages, als sich der Fürst zu einer Jagdpartie[22] begeben wollte, festen Blickes vor diesen hin und sagte: »Euer Durchlaucht dürfen nun und nimmermehr fahren, weil ein Schuß durch den Wagen geschehen wird, der auf Hochdieselben gemünzt ist.« Der Kurfürst stutzte und ließ den kecken Warner vorläufig festnehmen, bestieg aber ein anderes Fuhrwerk. Kaum war nun der erste, ursprünglich für den Fürsten bestimmte Wagen eine Stunde Weges fortgerollt, als der ominöse Schuß wirklich fiel und ohne jemanden zu verletzen, durch das Verdeck des Gefährtes drang. Selbstredend wurde Schlinkert sofort aus der Haft befreit und ihm zugleich mit der erbetenen Entlassung aus dem Militärdienste noch eine lebenslängliche Pension von jährlich 25 Thalern gewährt.

Auch für das sogenannte Sichselbstsehen sind Fälle genug vorhanden. Noch aus der Mitte dieses Jahrhunderts wird in Führt bei Neuß erzählt, daß der Küster abends in die Kirche gegangen, um dort die ewige Lampe zu schüren. Während er den Sohn erwartete, welcher ihm das notwendige Oel bringen sollte, hatte der Ermüdete sich in einen Beichtstuhl gesetzt und war darin unversehens eingenickt. Plötzlich wurde er durch den Ausruf: »Hier hast du deinen Rock!« geweckt und sah eine dunkle Gestalt, die einen Sarg vor ihm hinstellte, dann aber mit dem Sarge eben so rasch wieder verschwand. Erschüttert kehrte der Küster heim und lag wirklich wenige Tage später als Leiche im Sarge.[23]

Nur mit großer Vorsicht sind die meisten Ankündigungen künftiger Brände aufzunehmen, da sie sich schon vielfach als absichtliche Täuschungen zur Verdeckung von Brandstiftungen entpuppt haben. Ein derartiger Verdacht ist auch bei den von Schell[24] erwähnten Vorzeichen vor dem Brande bei Radevormwald im Jahre 1863 oder 1864 nicht ausgeschlossen, während bei der nachstehenden »rätselhaften« Geschichte die Vermutung nahe liegt, daß der »Seher«, von einem Komplott zur Anzündung des Schlosses irgendwie unterrichtet, diese durch einen, wenn auch nur halben Verrat habe vereiteln wollen. Der kurkölnische Soldat,[25] der in der Nacht zum 13. Januar 1777 im Hofe des Buenretiro[26] in Bonn auf Posten stand und von der Ablösung ohnmächtig gefunden wurde, bekundete, daß, als er kaum seinen Dienst angetreten, der bis dahin trübe Himmel an einer Stelle immer klarer geworden sei, bis sich aus der entstandenen Wolkenlücke ein dichter Feuerregen wohl zehn Minuten lang auf das Schloß ergossen habe. Er sei dermaßen erschrocken, daß er nicht einmal Lärm zu schlagen vermochte, und habe erst allmählich gemerkt, daß die Flammen nicht zündeten. Dann sei es wieder dunkel um ihn geworden, und die Wolken hätten sich geschlossen, um sich gleich darauf nochmals zu öffnen; nun habe er deutlich auf des Himmels blauem Grunde einen großen eleganten Sarg gesehen, umgeben von sieben kleineren, ärmer ausgestatteten Särgen. Als der Stadtgouverneur General de Cler die Aussage der Schildwache des Abends in einer größeren Gesellschaft zum besten gab, sagte der erst 36 Jahre alte Hofrat v. Breuning höchst befremdenderweise sofort: »Das ist mein Sarg!« Die übrigen lachten, aber zwei Tage später wurde das herrliche Schloß mit seinen zahlreichen Kunstschätzen ein Raub der Flammen, die so gewaltig um sich griffen, daß der Kurfürst Maximilian Friedrich in seinen Nachtkleidern flüchten mußte. Der Buenretiro allein wurde gerettet, da die Flamme abermals, wie bei einer früheren Feuersbrunst (1689), bei der Kapelle des hl. Florian, des Fürbitters gegen Feuersgefahr, sich wendete, und das reiche Archiv durch die Pflichttreue seines Kurators, des Hofrats von Breuning, geborgen, dem, als er zum drittenmal, mit Schriften beladen, die glühenden und dampfenden Räume verlassen wollte, der einstürzende Thorweg das Rückgrat zerschmetterte. Als man seine Leiche im prächtigen Sarge zum Kirchhofe brachte, begrub man auch sieben Männer, die gleich ihm im Kampfe mit den Flammen den Tod gefunden. Das tragische Ereignis hat des Hofrats Witwe, die erst 1838 im Alter von 87 Jahren zu Koblenz starb, wiederholt bestätigt.

Der minder Begabte und nicht bis zum Schauen Gesteigerte »hört«: er hört den dumpfen Hammerschlag auf den Sargdeckel und das Rollen des Leichenwagens, hört den Waffenlärm, das Wirbeln der Trommeln, das Trappeln der Rosse und den gleichförmigen Tritt der marschierenden Kolonnen; er hört das Geschrei der Verunglückten und an Thür oder Fensterladen das Anpochen desjenigen, der ihn oder seine Nachfolger zur Hülfe auffordern wird.[27] Durch lautes Klopfen wurde einzelnen Leuten in Mettmann[28], Richrath[29] und Immigrath[30] der baldige Tod eines Nachbarn oder Angehörigen kund gethan; durch Rücken des Werkzeugs oder Klirren der Säge einem Schreiner in Wönkhausen[31] jede Anfertigung eines Sarges im voraus angesagt. Etwas ausgeschmückt ist folgende Sage:[32] Als ein Schreiner aus Burg Hoff an der Sieg einst spät abends nach Hause kam, hörte er drinnen hämmern und sägen. Einige Tage später starb jemand in der Nachbarschaft, und unser Schreiner bekam den Auftrag, den Sarg für den Verstorbenen anzufertigen. Da fand er in seiner Werkstatt, die er längere Zeit nicht benutzt hatte, ein Brett, das früher nicht dort gewesen und genau als Kopfstück eines Sarges zugeschnitten war. Er beschloß, davon keinen Gebrauch zu machen, aber ein neuhergestelltes Kopfstück riß beim Annageln, und mit einem zweiten ging es nicht besser; notgedrungen nahm er nun das unheimliche Brett -- und der Sarg ward fertig.

Schneider und Näherin hören die Schere schnippeln, wenn sie bald ein Totenhemd fertigen sollen; doch kannte Florentin v. Zuccalmaglio (1803 bis 1869) in seiner Jugend auch eine Näherin, die ihm oft blaue Male an ihren Armen zeigte, die sie Geesterpetsche (Geisterkniffe) nannte und für Anzeichen hielt, durch die sich die Verstorbenen bei ihr anmeldeten.[33]

Mit Affektionen des Gehörs verbunden waren zwei Gesichte späterer Eisenbahnen. Im Wupperthale[34] schaute ein Mann vor ca. 80 Jahren eine ganze Reihe von Wagen, pfeilschnell mit Feuer vorwärts getrieben; als der Zug an die Stelle der jetzigen Station Remlingrade kam, ertönte ein schriller Pfiff. Ein Mann und zwei Frauen, die noch nie eine Eisenbahn gesehen, erblickten am Abend des zweiten Ostertages des Jahres 1839 oder 1840 zwischen Vollmerhausen und Gummersbach[35] bei Mondschein etwa sechsmal ein unbestimmtes Wesen kreisend durch die Luft brausen; oben auf dem Unnennbaren zeigte sich mitunter ein kleines bläuliches Licht, und dabei ließ ein Zischen sich vernehmen. Erst als der Mann einige Jahre nachher in Barmen eine Eisenbahn sah, wußte er, daß es eine Vorbedeutung der Bahn gewesen, die jetzt dort vorbeifährt.

Leider sind selbst viele Gesichte, die bedeutendere Ereignisse oder gar die Geschicke ganzer Orte und Gegenden verkündeten und uns hier ganz besonders interessieren, mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Von den zahlreichen Vorgeschichten z. B., die Köln in Brand oder mit glühenden Kugeln beschießen sahen,[36] konnte Dr. Kutscheit[37] nur noch eine einzige in Erfahrung bringen. Glaubwürdige Kölner erzählten ihm, wie im Anfange dieses Jahrhunderts der sehr fromme und nüchterne Wächter auf dem Bayenturme, als er spät abends sich pflichtgemäß aus den Turmfenstern nach der Stadt umschaute, gesehen habe, daß die Stadt von Westen her mit feurigen Kugeln überschüttet wurde und mit Ausnahme des Domes in Flammen geriet, während dessen herbeigerufene Schwester nichts wahrzunehmen vermochte.

Die großen Truppenmassen, die man mit rauschender Janitscharenmusik gen Köln ziehen oder auf der Mülheimer Heide etc. sich lagern sah,[38] sind gleich den westfälischen Kriegs- und Schlachtengesichten nur Verzerrungen oder wirre Auswüchse des zweiten Gesichts, die auf Nebel- bezw. Schwadenbildungen beruhen. Lediglich ein Nebelgebilde auch war die »Vision oder Vorgeschichte«, über die das Grevenbroicher Kreisblatt berichtet:[39] Es war am Ostersonntage, den 31. März 1861, als nach dem Hochamte gegen Mittag 3 Männer aus Gustorf eine kleine Strecke gegen Reisdorf feldeinwärts gingen, um die angenehme Frühlingsluft im Freien zu genießen. Die Sonne stand hoch im wolkenlosen Süden, wenige leichte Federwolken säumten den Horizont, -- da erschienen auf dem sanft abgedachten Höhenzuge, der, von Gustorf aus gesehen, den Gesichtskreis gegen Nordwesten hin begrenzt, Heeresmassen zu Fuß und zu Pferde, die sich in der Richtung von Hahnerhof und Hoheneichen nach dem Bergerbusch hin bewegten und stellenweise wie im Kampfe entwickelten; der ganze Höhenzug wimmelte von größeren und kleineren Abteilungen, hin und her gedrängt im Dampf der Geschütze und Gewehre. Diese Erscheinung, welche außer jenen 3 noch 2 andere Männer aus der Nachbarschaft bemerkten, währte etwa 1-1/2 Stunden und verschwand dann nach Westen hin.

Derartige Gesichte sind vielfach in die Jahrhunderte alte Sage vom letzten blutigen Entscheidungskampfe, der am Birkenbaum zwischen Büderich und Werl seinen Abschluß finden soll,[40] übergegangen, weitere Ergänzungen der eigenartigen Ueberlieferung aber auch durch mancherlei Prophezeiungen erbracht worden. Ein Düsseldorfer Kapuziner-Pater offenbarte im Jahre 1762:[41] »Nach einem schweren Kriege wird Friede werden und doch kein Friede sein, weil der Kampf der Armen wider die Reichen und der Reichen wider die Armen entbrennt. Nach diesem Frieden kommt eine schwere Zeit. Das Volk wird keine Treue und keinen Glauben mehr haben. Wenn die Frauensleute nicht wissen, was sie vor Ueppigkeit und Hochmut für Kleider tragen wollen, bald kurz, bald lang, bald eng, bald weit, wenn die Männer auch ihre Trachten ändern und man allgemein die Bärte der Kapuziner trägt, dann wird Gott die Welt züchtigen. Ein schwerer Krieg wird im Süden entbrennen, sich nach Osten und Norden verbreiten. Die Monarchen werden getötet werden. Wilde Scharen werden Deutschland überschwemmen und bis an den Rhein kommen; sie werden aus Lust morden, sengen und brennen, so daß Mütter aus Verzweiflung, weil sie überall den Tod vor Augen sehen, sich mit ihren Säuglingen ins Wasser stürzen werden. Da, wenn die Not am größten ist, wird ein Retter kommen von Süden her; er wird die Horden der Feinde schlagen und Deutschland glücklich machen. Dann werden an manchen Orten aber die Menschen so selten sein, daß man auf einen Baum steigen muß, um Menschen in der Ferne zu suchen.«

Der Stadt Koblenz droht eine alte prophetische Sage:[42] »Wehe! Wehe! Wo Rhein und Mosel zusammenfließen, wird gegen Türken und Baschkiren eine Schlacht geschlagen werden, so blutig, daß der Rhein auf 25 Stunden Wegs rot gefärbt sein wird«; auch Johann Peter Knopp[43] meint: »Es wird hart hergehen, besonders bei Koblenz.«

Das Schlimmste jedoch soll Köln bevorstehen, das außer Knopp[44] auch Rembold[45], Jasper[46] und ein anderer westfälischer Spökenkieker[47] als Schauplatz einer großen Schlacht[48] bezeichnet haben. Der Magister Heinrich v. Judden, Pastor an Klein St. Martin zu Köln, fand um 1460 in einem alten Buche des dortigen Karmeliterklosters folgende Prophezeiung:[49] »O glückliches Köln, wenn du wirst gut gepflastert sein, wirst du untergehen in deinem eigenen Blute. O Köln, du wirst untergehen wie Sodom und Gomorrha; deine Straßen werden von Blute fließen und deine Reliquien dir genommen werden. Wehe dir, reiches Köln, weil deine Einwanderer an deinen Brüsten saugen und an denen deiner Armen, die gemartert und gequält werden für dich.«