Part 2
Es erhoben sich die so rein geistigen Begriffe des Bram, Nirwanas, der von jeder sinnlichen Anschauung losgelöste Unendlichkeitsbegriff. Später mit der griechischen Philosophie, die schon als Vorläufer moderner exakter Wissenschaft anmutende Elementar- und Naturphilosophie, die Begriffe der Kraft und des Atoms, die Ideen Platos, der Begriff des Geistes und der Geistigkeit. Die alten Göttervorstellungen, ihre Olympe und Walhalls, schienen ein für allemal in Wegfall gekommen. Es vollzieht sich die Umwandlung der persönlich anthropomorphistischen antiken Nationalgottheit und der vielen Götter in den geistigen Ein-Gott.
Kurz: die bisherige Prämisse und Grundtatsache der Religion scheint sich durch eine andere ersetzt zu haben.
Aber zugleich nimmt ja auch das Problem des Menschen wieder eine besonders dringliche Gestalt an! Schon die altionische Philosophie bedeutet den Anfang einer solchen höchst eindringlichen Behandlung des Problems Mensch, und von ihr an ist die ganze Entwicklung der griechischen Philosophie bis Socrates und bis zum Christentum hin eigentlich nichts anderes als eine bis dahin unerhörte intensive Erörterung dieses Problems. Der Abschluß dieser Erörterung ist aber der, daß aus dieser wundersamen Vorahnung der höchste vollkommenste, freieste Mensch in Gestalt und Erscheinung tritt und mit dem Christus »ins Fleisch geboren« unter allen Menschen vorhanden ist, um sie aus der Enge ihrer antik nationalen Eingeschränktheit zu höchster Vollkommenheit und -- _Gotteinheit_ zu erlösen!
Dieser persönlich leibliche, so durchaus konkrete Inbegriff »Mensch« aber? _Ist nichts geringeres als der geistige Ein-Gott selbst als »Sohn« ins »Fleisch geboren« und in die Erscheinung hinein!_ -- Nur daß er dem »alten Menschen,« dem »alten Adam« gegenüber durch eine tiefwundersame innere Wandlung (μετανοια) zu einem _neuen_ Menschen werden soll, durch ihn, der sich den »neuen Adam« nannte oder so genannt wurde. Zu einem neuen Menschen, dem diesmal die Herrschaft über den _ganzen_ Erdball bestimmt war, und der diesmal zum umfassendsten und restlosesten Umfang der Erkenntnis des Menschen von sich selbst gelangen sollte; dem es bestimmt war, dereinst sich als den Inbegriff, die Krone und höchste Stufe aller organischen, ja auch unorganischen Wesenheit und also als den Inbegriff allen Weltwesens und Kosmos zu erkennen! Als den, der stets der gleiche und eine von allem Uranfang der Welt an durch eine heilige Stufenfolge organischer Wandlungen bis hierher gelangt war!
Weiter aber: dieser ins Fleisch geborene alleinige Gott hat als »Sohn« und Christus wieder eine ganz bestimmte Elite von Aposteln und männlichen und weiblichen Heiligen bei sich!
Was besagt dies alles aber anderes, als daß die Umwandlung und vergeistigende Ausgestaltung des Gottesbegriffes die alte religiöse Prämisse und Grundtatsache in Wahrheit nicht aufgehoben hat, sondern daß sie nach wie vor vorhanden ist und zu Recht besteht, nur in erweiterter, vertiefter, vergeistigterer Form und mit ihrem weitesten Umfang vertrauter? Daß aller elementar materielle Weltumfang im Grunde ein geistiges Sein und Einwesen ist, welches aber in einem organischen Individuum und seiner Elite und zugleich als dieses Individuum und seine Elite und als sein gesamter organischer Umfang sich selbst in Erscheinung bringt, lebt und auswirkt?
So daß also nach wie vor in allem wesentlichen alles beim alten ist und sich auf einer höheren und höchsten Stufe lediglich erst recht und ganz bekräftigt!
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Aber das »Dogma« von der Gottgeeintheit, von der Göttlichkeit Christi, will sagen dieses durch die Stufen der organischen Entwicklung herauf sich umwandelnden organischen Individuums und seiner Elite, wird ja heute von der exakten Wissenschaft angefochten! Es heißt, der Christus sei »nur ein Mensch,« wenn auch der edelste und vollkommenste Mensch gewesen. Und überdies hat die exakte Wissenschaft mit den Ausmachungen ihrer empirischen Methode, scheint es, die Bedeutung, die der Mensch ehedem sich selbst, bezw. jenem Individuum und seiner Elite zusprach, ein für allemal zunichte gemacht. Sie stellt in Abrede, daß der Mensch ein göttliches und unsterbliches Wesen sei; sie glaubt nachgewiesen zu haben, daß er stattdessen nichts sei als ein vergängliches Produkt der Elemente und Kräfte, daß diese ihm gegenüber das dauernde und absolute seien, daß sein Geistiges, seine Seele nichts sei als eine mechanische Komplikation von Stoff und Kraft, von ihnen vollständig abhängig oder wohl gar von hundert Zufälligkeiten. Seit man zu der Annahme eines räumlich unendlich ausgedehnten Kosmos gelangt ist, und dieser Kosmos von unendlich vielen Welten und Systemen ausgefüllt ist, ist der Mensch, sowohl in seiner Gesamtheit als Menschheit wie als einzelner Mensch -- und auch menschlicher Urahn, wie alle Gottmenschen, die seither gelebt, neue organische Sozietätsgebilde oder Religionen gegründet haben -- fast zu einem Nichts, zu der erbärmlichsten aller Vergänglichkeiten geworden.
Die bisherige religiöse Prämisse und Grundtatsache, die Tatsache _ewiger_ Ahnen und Götter und _eines_ ewigen Ahnen und Gottes scheint also dennoch in Wegfall gekommen zu sein.
Indessen, wir berühren hier lediglich die ganze Fragwürdigkeit, die den Ausmachungen der sogenannten exakten mechanistischen Wissenschaft anhaftet und die brennendste Krise, in der sie heute steht!
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Gehen wir darauf jetzt näher ein.
Wir wissen: Die exakte Naturwissenschaft ist nicht blos eine technisch-praktische, sondern auch eine religiöse und erkenntnistheoretische Funktion.
Als letztere hat sie aber der religiösen und erkenntnistheoretischen Entwicklung zwei Tatsachen von außerordentlich wichtigem und ausschlaggebendem erkenntnistheoretisch-religiösen Wert ermitteln können. Indem sie nämlich, hier in engem Anschluß an die Schelling-Hegelsche Entwicklungsidee stehend, empirisch exakt die _Tatsache_ der Entwicklung feststellte; und außerdem die andere Tatsache von der Erhaltung und Einheit der Kraft!
Indessen ist zu sagen, daß die Wissenschaft diese beiden so überaus wichtigen und ausschlaggebenden Tatsachen ihrem wahren synthetischen Wert nach nicht zu erfassen vermocht hat!
Das ist allerdings unschwer zu verstehen. Ist doch die Wissenschaft, wie wir bereits sahen, ihrem eigentlichen Charakter nach keine synthetische, sondern eine analytisch-experimentierende Funktion, hat sie sich doch um eine möglichst genaue Feststellung von Einzeltatsachen und ihres Zusammenhanges im Sinn einer möglichst genauen Beschreibung derselben zu bekümmern, je nach der betreffenden Disziplin und ihrem Tatsachenbereich. (Welch' letzterer Umstand gerade heute noch dazu zu einem bekanntermaßen nachgerade schon heillosen Spezialistentum und seiner eingekapselten Eigenbrödelei geführt hat!)
Man kann es daher auch kaum anders als einem äußerlich formal schematischen Sinne nach eine wissenschaftliche Synthese nennen, wenn die exakte mechanistische Wissenschaft die Ergebnisse ihrer experimentativen Einzelempirie in allgemeinen Sätzen und Gesetzen formuliert. Das ist mehr eine Sache der bequemeren Übersicht als eine wirkliche erkenntnistheoretische, religiös anwendbare Synthese. Kann eine solche doch naturgemäß auch weder auf dem Gebiete der Biologie, wo die Entwicklungstatsache bis jetzt fast ausschließlich ihre Rolle gespielt hat, noch auch auf dem der Physiologie, der Physik, Chemie oder sonst einer exaktwissenschaftlichen Disziplin erreicht werden. Jede dieser Disziplinen kann vielmehr nur ihren jeweiligen Hauptgegenstand möglichst exakt feststellen, beschreiben und formulieren. Es bleibt durchaus dabei, daß die exakte Naturwissenschaft auch in erkenntnistheoretischer Hinsicht lediglich eine Hilfsdisziplin ist, die ihre hauptsächlichsten Ermittlungen erst einem wirklich überschauenden synthetisch philosophischen, bezw. religiösen Nachdenken, oder vielmehr, wie wir gleich nachher erkennen werden, einer einzigen _ein für allemal feststehenden, identischen, axiomatischen_ Grundtatsache darbietet, damit an dieser eines Tages endgültig ausgemacht werden kann, daß und wie sie sich bis daher lediglich weitergeformt und entwickelt, indessen ihrem wesentlichsten Grundbestand nach nicht einen Augenblick aufgehoben hat!
Denn, meine man doch ja nicht etwa, daß die exakte mechanistische Wissenschaft erst ihrerseits eine neue und endgültige Prämisse und Grundtatsache für die Religion auszumachen oder ausgemacht hätte!
Vielmehr steht es also gerade so, daß die mechanistische Wissenschaft von den beiden großen Tatsachen der Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft noch nicht einmal für ihre Einzeldisziplinen von der Biologie aus einen wirklichen Vorteil zu ziehen vermocht hat! Man könnte zwar sagen, daß wenigstens Physiologie und vor allem Chemie jene beiden Tatsachen sich zu Nutz gemacht, zu ausschlaggebender Anwendung gebracht und sich nach ihnen umgewandelt hätten: indessen auch sie noch nicht einmal in einer wirklich zureichenden Weise, wie wir bald erkennen werden.
Es kommt nun außerdem aber ganz und gar noch hinzu, daß, nachdem die Versuche, welche hervorragende Biologen, Physiologen und Chemiker neuerdings machten, von ihren Wissenschaften aus eine Erkenntnistheorie und Philosophie auszubauen, wie nicht anders zu erwarten war, gescheitert sind, und nachdem man augenblicklich unter dem dringlichsten Zwang die brennende erkenntnistheoretische und religiöse Krise zu lösen, wieder zu dem rein spekulativen Moment der früheren deutschen Metaphysik sich zurückgewandt hat, leider sogar in der Naturwissenschaft selbst ein direkter Zweifel an der Tatsache der Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft Platz gegriffen hat. Wahrlich das allerbedenklichste, was sich ereignen konnte, und was der exakten Wissenschaft sogar geradezu letal werden könnte! Denn sie ist im Begriff, durch diesen Umstand, anstatt mehr und mehr überhaupt der Hypothese sich zu entäußern, in ein so verzwicktes Wirrsal von Hypothesen und Hypotheschen hineinzugeraten, daß sie unfehlbar unter ihm zusammenbrechen muß!
Jedenfalls sieht man, daß die exakte Wissenschaft, wie sie augenblicklich dasteht, nichts weniger als geeignet ist, in religiösen Angelegenheiten irgend einen Ausschlag zu geben oder den konfessionellen Religionsunterricht entbehrlich zu machen. Denn wahrhaftig: eine bösere Wendung der Dinge kann man sich doch kaum vorstellen, als die, daß dieselbe Wissenschaft, welche die frühere Metaphysik erledigt zu haben glaubte, und ganz sicherlich auch berufen ist, sie zu erledigen und die vorwärtsschreitende Entwicklung über sie hinauszuführen, neuerdings wieder mit dieser selben Metaphysik kompromittiert und sich gar von ihr in ihren eigenen Angelegenheiten und Disziplinen irritieren läßt! Aber das Rad der Entwicklung ist wahrhaftig nicht aufzuhalten oder rückwärtszudrehen! Noch Niemand ist ihm ungestraft in die Speichen gefallen!
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Entweder also sind die beiden Tatsachen der Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft in Wirklichkeit keine sicheren empirischen Ausmachungen und der Erkenntnistheorie, der Religion und der Wissenschaft selbst droht, ich weiß nicht was für ein in seinen Folgen unausdenkbarer Zusammenbruch, oder sie sind dennoch vollständig sichere Tatsachen und nicht nur die Wissenschaft, sondern, worauf vor allen Dingen alles ankommt, Erkenntnistheorie und Religion erstarken zu neuer Kraft und sind imstande, sich endgültig auszubauen.
Aber, gottlob: sie sind wirklich solche unantastbar sicheren Ausmachungen! Die von der Embryologie geleisteten Feststellungen zunächst stehen über jedem Zweifel. Die organische Ontologie, die Entwicklung des Tieres und des Menschen vom befruchteten Ei bis zur Geburt, die Übereinstimmung der wichtigsten Phasen dieser Entwicklung ist ein für allemal festgemacht. Erreichte ein Darwin und Häckel aber außerdem eine sichere phylogenetische Ausmachung und erwies sich die vollständige Übereinstimmung der wesentlichsten phylogenetischen Phasen mit den ontogenetischen, so bedarf es hier wahrlich keines weiteren und besseren Beweises mehr.
Man erhebe doch nicht den Einwand, daß verschiedene Stufen und Übereinstimmungen in der ontologischen Entwicklung sich nicht auffinden ließen, oder daß auch in der phylogenetischen Stufenfolge eine lückenlose Geschlossenheit sich nicht erreichen lasse! Das kann der Entwicklungstatsache, wie sie von der Biologie festgestellt worden ist, keinen Augenblick einen ernstlicheren Abbruch tun. Das tatsächliche Vorhandensein bestimmter Stufen und ihre Übereinstimmung in Ontologie und phylogenetischer Entwicklung steht über jedem Zweifel, und das ist die Hauptsache. Die Ausfälle, die noch bestehen bleiben, werden sicherlich niemals restlos zu ergänzen sein; aber es benötigt ihrer auch gar nicht. Es bedeutet die verhängnisvollste Kurzsichtigkeit, zu meinen, daß nichts erreicht wäre, weil sie noch nicht ergänzt seien. Man wird sie ja genau so wenig ergänzen können, als man etwa jemals imstande sein wird, alle Atome des Universums Stück für Stück abzuzählen und festzustellen. Aber hängt davon irgend etwas wesentliches ab?
Eine nicht minder verhängnisvolle Kurzsichtigkeit bedeutet es aber ferner, wenn man meint, es sei noch gar nichts sicheres hinsichtlich einer Tatsächlichkeit der organischen Entwicklung ausgemacht, weil man die eigentliche Übergangsstufe von der anorganischen Kristallisation zum Protoplasma noch nicht gefunden habe.
Man wird sie sicher niemals finden, und es bedeutet völlig unnütz vertane Zeit und Mühe, nach ihr zu suchen in der Meinung, daß erst durch ihre direkte Auffindung der einheitliche Zusammenhang zwischen anorganischer und organischer Welt erwiesen sei.
Er ist vielmehr bereits vollkommen ausreichend und exakt erwiesen mit der festgestellten Übereinstimmung oder Berührung der äußersten Grenzgebiete der höchsten anorganischen Kristallisation und dem Protoplasma, oder dem noch vor diesem im heißen Urmeer bestehenden Mycocem, das die giftigen Säuren und Salze seiner Umgebung vertrug, während das Protoplasma in ihnen noch nicht existieren konnte.
Das Problem des Zusammenhanges zwischen anorganischer und organischer Welt und der Aufstieg der organischen Entwicklung aus der anorganischen ist übrigens sogar für jeden Laien sofort mit der unmittelbaren schlichten Tatsache gelöst, daß der pflanzliche, tierische und menschliche Organismus aus anorganischen Elementen besteht und daß er diese in Gestalt von Nahrung und in anderer Weise jeden Augenblick bedarf und in sich aufnimmt.
Es verhält sich also mit unantastbarer Sicherheit so, daß der ausgebildete menschliche Organismus sich bis zu dem Urelement zurückführen läßt. Denn bis auf dies ist es ja neuerdings der Chemie gelungen, wie die anorganische, so alle Entwicklung zurückzuführen.
Daß die Chemie das Urelement als solches niemals wird darstellen, reproduzieren, finden können, besagt wiederum ganz und gar nichts. Es wird ihr direkt ewig unzugänglich sein, weil es eben im allgemeinen kosmischen Bestand direkt auffindbar nicht lokalisiert ist. Niemals wird es möglich sein, den »Weltäther« direkt zu untersuchen, und wäre das Urelement etwa im Inneren des allgemeinen kosmischen Zentralkörpers lokalisiert, so würde es auch hier direkt unerreichbar sein; selbst wenn es sich um das Innere der Erde handeln sollte.
Was nun aber die Einheit und Erhaltung der Kraft anbelangt, so ist sie erstlich bereits in sehr zureichender Weise ausgemacht, andererseits aber ergibt sie sich, was bis daher, so einfach es ist, noch nicht genügend berücksichtigt wurde, mit jeder Sicherheit aus dem Bestand und der Tatsache der kontinuierlichen Entwicklung der anorganischen und organischen Welt.
Ist Kraft von Substanz nicht ablösbar und besteht sie nicht selbständig _neben_ dieser, so hat sie, da die Substanz sich einheitlich entwickelt, auch ihrerseits eine einheitliche Entwicklung. Um so mehr, da doch sicherlich gerade sie es ist, welche diese Entwicklung erst auswirkt und ausbaut!
Nichts also kann selbstverständlicher sein, als die Einheit der Kraft. Einheit aber schließt in weiterer Folge auch Erhaltung bezw. absoluten Bestand ein. Was dann wieder ganz selbstverständlich auch die Einheit und Erhaltung der Substanz einschließt.
Also gegen die beiden Tatsachen der Entwicklung und der Erhaltung und Einheit der Kraft ist schlechterdings nicht anzukommen! Es handelt sich hier um einen unantastbar positiven und exakten Tatsachenbestand!
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Dennoch ist es der exakten Wissenschaft z. B. bis daher noch nicht gelungen, eine wirklich exakte, zentrumfeste Bewegungs- und Kraftlehre zu entwickeln!
Warum aber nicht? Weil eine wissenschaftliche Disziplin heute nicht imstande ist, aus gewissen großen endgültigen Errungenschaften der anderen für sich wirklich wesentliche und fruchtbare Folgerungen zu ziehen; so heillos haben sich die einzelnen Disziplinen in ihr Spezialistentum eingekapselt!
Denn wenn es der Bewegungs- und Kraftlehre etwa nicht gelingen könnte, auf eigenem Gebiet und mit eigener Methode sich zu einer _zentral einheitlichen Polaritätslehre_ zu entwickeln, so hätte sich ihr doch unbedingt von der _Chemie_ aus dazu all und jede Möglichkeit dargeboten!
Der Chemie selbst mag es ja weiter nicht zu verdenken sein, wenn sie von dem von ihr festgestellten Urelement aus die Folgerung auf eine zentral einheitliche Polarität nicht gezogen hat, obgleich das vielleicht noch nicht ganz außer dem Bereich ihrer Disziplin läge: aber ist nicht zu beklagen, daß die Kraft- und Bewegungslehre aus der Tatsache des Urelementes keinen Vorteil zu ziehen wußte? Und doch ergibt sich vom Urelement aus mit unausweichlicher Notwendigkeit die Tatsache einer zentral einheitlichen Polarität!
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Dieser Zusammenhang und sein logischer Duktus bietet sich zudem wahrhaftig einfach genug dar.
Zuvor wäre allerdings eine Frage zu lösen: nämlich die nach Lokalisation und Verteilung des Urelementes.
Hier würde sich ja aber auf der Stelle ein sehr fruchtbarer Gesichtspunkt ergeben und maßgebend sein. Nämlich der, daß, wenn alle vorhandenen Elemente aus dem Urelement hervorgegangen sind, bezw. Ausdifferenzierungen desselben darstellen, sie irgend einmal noch nicht vorhanden gewesen sein können, sondern daß stattdessen der gesamte kosmische Umfang eine einheitliche Urelementformation gewesen sein muß.
Ich kenne die Anschauungen über das Urelement, die heute in der Chemie bestehen, nicht des näheren: ich glaube aber, man nimmt eine ätherähnliche Beschaffenheit desselben an, und man würde also den sogenannten »Weltäther« als das Urelement ansprechen dürfen.
Damit wäre das Urelement bereits lokalisiert. Lokalisiert man es indessen wirklich solchermaßen, so würde sich sofort ein schwerwiegender Einwand erheben.
Da man nämlich eine unendliche Ausdehnung des Kosmos annimmt, muß mit dieser auch eine unendliche Ausdehnung des Weltäthers oder der vormaligen einheitlichen Urelementformation gegeben sein. Aus dem Weltäther, dem Urelement, bilden sich alsdann durch Kontraktion die übrigen Elemente hervor.
Wäre es denn nun aber wirklich angängig, von einer solchen uranfänglichen Entstehung der Elemente aus dem Weltäther (Urelement) zu reden, da die Elemente ja doch, angesichts der _unendlichen_ Ausdehnung des Kosmos, beständig und noch dazu in Gestalt von unendlich vielen körperlichen Gebilden vorhanden sein müßten?
Mit anderen Worten: es läßt sich angesichts einer _Unendlichkeit_ des Kosmos überhaupt nicht feststellen, daß die Elemente aus einem Urelement, einem Weltäther irgendeinmal erst _entstanden_ wären! Vielmehr wäre ein anderes undenkbar, als daß die Elemente ewig _neben_ dem Weltäther und in ihm vorhanden wären. Alsdann aber könnte dieser letztere offenbar nichts anderes sein, als _ein_ Element neben _anderen_, oder noch besser: nichts als ein durch die Kontraktionen äußerst angespannter und verdünnter Zustand der Substanz.
Also nochmals: angesichts der bisher bestehenden Anschauung von einer unendlichen Ausdehnung des Kosmos kann von einer uranfänglichen Ausdifferenzierung der Elemente aus einem Urelement und einer einheitlichen Urelementformation hervor, deren Annahme doch vollständig unerläßlich ist, ganz und gar nicht die Rede sein, sondern es müssen ewig alle Elemente neben- und ineinander vorhanden sein. Dagegen ist nicht der geringste Einwand zu erheben.
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Nun steht es ja aber in Wahrheit so, daß die Chemie die gesamte organisch-anorganische Entwicklungsreihe bis auf eine ursprüngliche einheitliche Urelementformation tatsächlich hat zurückführen können; daß also vordem wirklich eine einheitliche Urelementformation bestanden hat.
Was kann daraus aber einzig noch folgen? _Nichts anderes, als daß eine unendliche Ausdehnung des Kosmos ein völliges Unding ist! Und schon rein von der Chemie und der Tatsache des Urelementes aus muß sich diese Unmöglichkeit ergeben!_
Also kann es sich denn in Wahrheit lediglich um einen _endlichen_ Kosmos handeln.
Alsdann wäre aber das Urelement bereits so gut wie lokalisiert.
Zunächst damit, daß einstmals dieser endliche Kosmos eine einheitliche Urelementform war, welche irgend eins der übrigen nachherigen Elemente noch nicht hervorgebildet hatte.
Indessen: war der Kosmos wirklich seiner _ganzen_ Ausdehnung nach eine Urelementformation?
Kurz: Die Lokalisation des Urelementes bleibt erst noch näher zu spezialisieren.
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Dazu gelangen wir, wenn wir in Erwägung ziehen, daß diese Urelementformation noch nicht der allereinfachste Zustand des Kosmos gewesen sein kann.
Element und Substanz besagt ja noch in _jedem_ Falle eine Aggregation, einen zusammengesetzten Zustand. Haben wir aber eine einheitliche _Entwicklung_ bis jetzt von einem allerkompliziertesten Zustand aus bis zu einem bereits so einfachen wie das Urelement zurückführen können, so werden wir diese Zurückführung auch noch des weiteren bewerkstelligen können.
Bedingt wird alles Zusammengesetzte durch das, woraus es sich zusammensetzt, oder was sich zu ihm aggregierte. Das kann aber angesichts des Urelementes schon nur mehr noch das _Atom_ sein. (Ich bin mir bewußt, daß man neuerdings von einer noch winzigeren Körperlichkeit spricht, als das Atom eine ist, von Elektronen, Ionen usw.: indessen, da es ja nur auf den Begriff einer kleinsten Körperlichkeit überhaupt ankommt, so möchte ich den für diese populär gewordenen Begriff des Atoms hier beibehalten.)
Es muß also vor der Urelementformation eine rein atomistische bestanden haben!
Da nun aber erst mit dem Urelement der Begriff und Zustand einer Substanzialität einsetzt, so kann _vor_ dem Urelement noch keine Substanz vorhanden gewesen sein und also kann das Atom kein substanzielles Gebilde sein. Also ist es eine unsubstanzielle Körperlichkeit. Und also ist es ein Gebilde reiner Kraft. Als solches aber wieder und als eine Körperlichkeit muß es und kann es nur noch ein primitivstes Produkt _zwiepolarer_ Spannung und kann es selbst lediglich eine winzige zwiepolare Spannung sein. Also ein winzigstes _elliptisches_ Gebilde.
So wäre denn also der endliche (elliptisch in sich geschlossene) Kosmos vor dem Urelement eine rein zwiepolare Formation reiner, noch unsubstanzieller Kraft gewesen.
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Doch auch dieser Zustand kann noch nicht der allererste Urzustand des Kosmos gewesen sein. Immer noch ermöglicht sich eine Zurückführung der Entwicklung zu einem noch einfacheren Zustand.