Reisen in den Philippinen

Part 3

Chapter 33,394 wordsPublic domain

Heute nach drei Jahrhunderten ungestörten Besitzes hat Manila in jenen Meeren durchaus nicht mehr dieselbe Bedeutung, die es bald nach Ankunft der Spanier errang. Die Verschliessung Japans und der indo-chinesischen Reiche, besonders in Folge der Zudringlichkeit und Anmaassung katholischer Missionäre, [29] der Abfall der Kolonien an der Westküste Amerika's, vorzüglich aber das lange Festhalten einer misstrauischen Handels- und Kolonial-Politik bis in die Gegenwart, während bedeutende Emporien in günstigerer Lage mit grossartigen Mitteln und nach freisinnigen Grundsätzen in Britisch- und Niederländisch-Indien entstanden, -- alle diese Umstände haben dies Ergebniss herbeigeführt und den China-Handel in andere Bahnen geleitet. Die Ursachen liegen eben so klar zu Tage wie ihre Wirkung, doch würde man irren, wenn man die befolgte Politik der Kurzsichtigkeit zuschreiben wollte. Die Spanier hatten bei ihrer Kolonisation zum Theil religiöse Zwecke im Auge, abgesehen davon fand aber die Krone in der Verfügung über die äusserst einträglichen Kolonialämter einen grossen Machtzuwachs. Sie selbst sowohl als ihre Begünstigten hatten nur die unmittelbare Ausnutzung der Kolonien im Sinne, und weder die Absicht noch die Kraft, den natürlichen Reichthum der Länder durch Ackerbau und Handel zu erschliessen. Unzertrennlich von diesem System war die strenge Ausschliessung der Fremden. [30] Mehr noch als in Amerika schien es in den abgelegenen Philippinen nöthig, die Eingeborenen gegen alle Berührung mit dem Auslande abzuschliessen, wenn die Spanier im ungestörten Besitz der Kolonie bleiben wollten. Bei dem erleichterten Verkehr der Gegenwart und den Ansprüchen des Welthandels an die Produktionskraft eines so ausserordentlich fruchtbaren Gebietes sind aber die früheren Schranken nicht mehr aufrecht zu halten, es muss daher der kürzlich eingeführte freisinnige Zolltarif als eine durchaus zeitgemässe Massregel begrüsst werden.

Die mehrfach erwähnten Reisen der Galeonen zwischen Manila und Acapulco nehmen eine so hervorragende Stelle in der Geschichte der Philippinen ein und gewähren einen so interessanten Einblick in das alte Kolonialsystem, dass sie wenigstens in ihren Hauptzügen kurz geschildert zu werden verdienen.

Zu Morga's Zeit, Ende des 16ten Jahrhunderts, kamen jährlich 30-40 chinesische Junken nach Manila (gewöhnlich im März); Ende Juni ging die Nao (oder Galeon) nach Acapulco ab. Der Acapulcohandel, dessen Geschäft sich auf die dazwischen liegenden drei Monate im Jahr beschränkte, war so gewinnbringend, bequem und sicher, dass die Spanier sich in keine andere Unternehmungen einlassen mochten.

Da der Raum des einzigen jährlichen Schiffes dem Zudrang durchaus nicht entsprach, so vertheilte ihn der Guvernör nach seinem Dafürhalten, und die Begünstigten trieben gewöhnlich nicht selbst Handel, sondern übertrugen ihre Konzessionen an Kaufleute.

Nach de Guignes [31] wurde der Frachtraum der Nao in 1500 Theile getheilt, von denen eine grosse Anzahl den Klöstern, der Rest bevorzugten Personen zufiel. In Wirklichkeit war der amtlich auf 600,000 Doll. beschränkte Werth der Ladung beträchtlich höher, und diese bestand vorzugsweise in indischen und chinesischen Baumwollen- und Seidenstoffen (unter andern 50,000 Paar seidene Strümpfe aus China) und Goldschmuck. Die Rückfracht belief sich auf 2 bis 3 Millionen Dollars.

Alles war bei diesem Handel im Voraus bestimmt: Zahl, Form, Grösse und Werth der Waarenballen, ja sogar ihr Verkaufspreis. Da dieser dem doppelten Kostenpreis gleichkam, so entsprach die Erlaubniss, Waaren für einen gewissen Betrag zu verschiffen, unter gewöhnlichen Verhältnissen dem Geschenk eines solchen Betrages. Solche Erlaubnissscheine (Boletas) wurden daher später zum grossen Theil an Pensionäre, Offizierswittwen und als Gehaltszulagen an Beamte gegeben, doch durften die also Begünstigten unmittelbar keinen Gebrauch davon machen, denn zum Acapulcohandel waren nur die Mitglieder des Consulado (einer Art Handelsgericht) berechtigt, die einen mehrjährigen Aufenthalt im Lande und 8000 Doll. Kapital nachweisen mussten.

Der Astronom Legentil [32] beschreibt ausführlich die zu seiner Zeit geltenden Verordnungen und deren Umgehung: die Ladung war auf 1000 Ballen, jeder zu 4 Pack [33] zum Werth von 250 Doll. festgesetzt. Die Zahl der Ballen durfte nicht überschritten werden, sie enthielten aber in der Regel mehr als 4 Pack, und ihr Werth überstieg den vorgeschriebenen so sehr, dass eine Boleta 200-225 Doll. galt. Die Beamten gaben wohl Acht, dass keine Güter ohne Boleta an Bord geschmuggelt wurden; die Jagd auf letztere war daher zuweilen so eifrig, dass Comyn später [34] für das Frachtrecht von Gütern, die kaum 1000 Doll. werth waren, 500 Doll. bezahlen sah. Die Kaufleute borgten das Geld für ihre Unternehmungen gewöhnlich von den obras pias, frommen Stiftungen, welche bis auf die Gegenwart die Stelle von Banken vertraten. [35] In der frühesten Zeit verliess die Nao Cavite im Juli, ging mit S.W. Winden nordwärts über den Kalmengürtel hinaus, bis sie in 38 oder 40° westliche Winde traf. [36] Später war den Schiffen vorgeschrieben, mit den ersten S.W. Winden Cavite zu verlassen, längs der Südküste von Luzon durch die San Bernardino-Strasse und in 13° N.Breite [37] so weit östlich als möglich zu fahren, bis der N.O. Passat sie zwang, in höheren Breiten N.W. Winde aufzusuchen. Dann sollten sie, so lange als möglich, die Breite von 30°, [38] statt wie früher 37° und mehr innehalten. Dem Kapitän war nicht erlaubt, sogleich weiter nördlich zu gehn, obgleich er dann eine viel schnellere und sichere Fahrt gehabt und das Gebiet des Regens früher erreicht hätte. Und doch war namentlich letzteres für ihn von höchster Wichtigkeit, denn die mit Gütern überfüllten Schiffe hatten nur wenig Raum für Wasser übrig und waren, obgleich sie 4-600 Mann an Bord zu haben pflegten, ausdrücklich auf den unterwegs aufzufangenden Regen angewiesen und zu dem Ende mit besonderen Vorrichtungen von Matten und Bambusrinnen versehen. [39]

Wegen der Unbeständigkeit der Winde waren die Reisen in so niedrigen Breiten äusserst beschwerlich und dauerten fünf Monate und darüber. Die Furcht, das reiche, unbeholfene Schiff den kräftigen, zuweilen stürmischen Winden höherer Breiten auszusetzen, scheint dieser Vorschrift zu Grunde gelegen zu haben.

Sobald die Schiffe an die grosse Sargassobank gelangten, schlugen sie einen südlichen Kurs ein und liefen dann die Südspitze der Californischen Halbinsel (San Lucas) an, wo Nachrichten und Erfrischungen für sie bereit gehalten wurden. [40] In der ersten Zeit aber müssen sie Amerika viel nördlicher, etwa bei Cap Mendocino erreicht haben und in Sicht der Küste südlich gefahren sein, denn als Vizcaino 1603 seine Entdeckungsreise von Mexico nach Californien unternahm, fand er die bedeutenderen Berge und Caps, obgleich sie nie von Europäern betreten waren, schon benannt, weil sie den Galeonen als Landmarken gedient hatten. [41]

Die Rückkehr nach den Philippinen war bequem und dauerte nur 40-60 Tage. [42] Das Schiff verliess Acapulco im Februar oder März, lief südwärts, bis es, gewöhnlich in 10 oder 11° N., den Passat traf, mit dem es ohne Mühe nach den Ladronen, von da über Samar nach Manila ging. [43]

Eine Galeon oder Nao maass 1200-1500 Tonnen und führte 50-60 Kanonen, letztere aber gewöhnlich im Schiffsraum, wenigstens bei der Reise ostwärts. Auf der Heimkehr, wo es nicht an Platz mangelte, wurden die Kanonen aufgestellt.

Fray Gaspar (S. 436) erzählt von der Nao Sa. Ana, die Thomas Candish 1586 an der Küste von Californien kaperte und verbrannte: »Die Unsrigen fuhren so sorglos, dass sie ihre Artillerie als Ballast mit sich führten ... der Korsar machte eine so glückliche Reise, dass er in London einlief mit Segeln von chinesischem Damast und seidenem Tauwerk.«

In Acapulco wurde die Ladung mit 100 Prozent Nutzen verkauft und in Silber, Cochenille, Quecksilber etc. bezahlt. Der Gesammtwerth der Rückfracht mochte 2-3 Millionen Doll. betragen [44], wovon 250,000 bis 300,000 Doll. für Rechnung des Königs.

Die Rückkehr des Schiffs in Manila, mit Silberdollars und neuen Ankömmlingen beladen, war ein grosses Fest für die Kolonie. Ein beträchtlicher Theil des ohne Anstrengung wie im Spiel gewonnenen Geldes wurde gewöhnlich schnell verprasst; dann sank Alles wieder in die gewohnte Leblosigkeit zurück.

Oft aber gingen auch Schiffe verloren, da sie über die Grenzen der Verordnungen und der Vorsicht, mit grosser Beeinträchtigung ihrer Seetüchtigkeit beladen und schlecht geführt waren; denn nicht Fähigkeit, sondern Gunst entschied bei dem Vergeben der sehr einträglichen Stellen. [45] Mehrere Galeonen fielen englischen und holländischen Kapern in die Hände. [46] Auch der Gewinn nahm immer mehr ab, da die Compañia de Filipinas später das Recht erhielt, indische Baumwollenstoffe, die einen Hauptbestandtheil der Ladung bildeten, mit 6 Prozent Zoll über Veracruz in Neu-Spanien einzuführen, und Engländer und Amerikaner diese und andre Waaren einschmuggelten. [47] Schliesslich sei hier noch erwähnt, dass die spanischen Dollars durch die Nao über Manila nach China und Hinterindien gelangten, wo sie noch gegenwärtig Handelsmünze sind.

DRITTES KAPITEL

MANILA. -- LEBEN IN DER STADT UND IN DEN VORSTÄDTEN. -- HAHNENKÄMPFE. -- TRACHTEN DER VERSCHIEDENEN KLASSEN.

Die eigentliche Stadt Manila, hauptsächlich von Spaniern, Kreolen und zu ihnen in unmittelbarer Beziehung stehenden Einheimischen und Chinesen bewohnt, [48] liegt, von Mauern und breiten Gräben umschlossen, am linken, südlichen Ufer des Pásig, eine Seite dem Meere zukehrend; ein heisser, öder Ort, voll Klöster, Stifter, Kasernen, Regierungsgebäude. Rücksicht auf Sicherheit, nicht auf Annehmlichkeit, war bei der Gründung maassgebend. Manila erinnert an spanische Provinzialstädte und ist nach Goa die älteste Stadt in Indien. Die Fremden wohnen auf der Nordseite des Flusses, in Binóndo, dem Sitz des Gross- und Kleinhandels, oder in den freundlichen angrenzenden Dörfern, die ein zusammenhängendes Ganze bilden. Die Gesammtbevölkerung wird, wohl mit Uebertreibung, auf 200,000 geschätzt. Eine hübsche, alte, steinerne Brücke von zehn Bogen, in neuer Zeit auch eine eiserne Hängebrücke, verbinden die beiden Ufer des Flusses. [49]

Zwischen den Bewohnern von Manila und Binóndo findet sehr wenig Verkehr statt. Das Leben in der eigentlichen Stadt soll nicht angenehm sein: Stolz, Neid, Stellenjägerei, Kastenhass sind an der Tagesordnung; die Spanier halten sich für besser als ihre Kreolen, welche wiederum jenen vorwerfen, dass sie nur in die Kolonie kommen, um sich satt zu essen, ebenso herrscht Hass und Neid zwischen Weissen und Mestizen. Aehnliche Verhältnisse bestehn zwar in allen spanischen Kolonien und liegen im Wesen der spanischen Kolonialpolitik, die immer bestrebt war, die verschiedenen Rassen und Stände feindlich zu trennen, aus Furcht, dass ihr Bündniss die Herrschaft des fernen Mutterlandes gefährde. [50]

In Manila aber werden diese Zustände durch den Umstand gesteigert, dass die Klasse der durch grossen Grundbesitz an das Land gefesselten Pflanzer bisher fast gänzlich fehlte. Erst jetzt scheint die steigende Nachfrage nach den Landesprodukten allmälig einen erfreulichen Umschwung in dieser Beziehung herbeizuführen. Wie aber der einem Glücksspiel vergleichbare Naohandel, früher die einzige Quelle des Reichthums, auf die spanische Bevölkerung wirkte, schildert treffend Murillo Velarde (p. 272): »Die Spanier, die hierher kommen, betrachten diese Inseln nicht wie eine Heimath, sondern wie ein Wirthshaus. Heirathen sie, so geschieht es zufällig; wo giebt es eine Familie, die Generationen überdauerte? .. Der Vater sammelt Schätze, der Sohn vergeudet, der Enkel bettelt. Die grössten Kapitalien sind nicht beständiger als die Wogen des Meeres, auf denen sie sich gründen.«

Auch unter den Ausländern in Binóndo herrscht durchaus nicht so viel Geselligkeit als in englischen oder holländischen Kolonien, und fast kein Umgang mit den Spaniern, welche die Fremden beneiden und deren im Lande gemachten Erwerb fast wie einen an ihnen, den Eigenthümern, begangenen Raub betrachten. Dabei ist das Leben sehr theuer, theurer als in Singapore und Batavia. Bei Vielen scheinen die Ausgaben in grossem Missverhältniss zu ihrem amtlichen Gehalt zu stehn.

Die zum Theil sehr geräumigen Häuser sind düster und hässlich, mit Rücksicht auf das Klima schlecht ventilirt; statt luftiger Jalousien schwere Schiebefenster, welche das Licht nicht durch Glas, sondern durch dünne Austerschalen (Placuna placenta L.) einlassen, die kaum zwei Zoll im Geviert haben und in Gitterrahmen von zolldicken Latten sitzen. Das Erdgeschoss ist verständiger Weise, der grossen Feuchtigkeit wegen, meist unbewohnt, zu Magazinen, Stallungen, Diensträumen benutzt.

Die anspruchslosen, in ihrer Art zweckmässigen Häuser von Brettern oder Bambus und Palmenblättern stehn der Feuchtigkeit wegen auf Pfählen, jedes für sich, der untere Raum gewöhnlich durch ein Gitter eingefasst, dient als Stall oder Magazin; so war es schon zu Magellan's Zeiten. Solche Häuser sind ausserordentlich leicht gebaut. Lapérouse schätzt das Gesammtgewicht mancher mit vollständigem Mobiliar auf weniger als 200 Pfund.

Fast sämmtliche Häuser, sogar die Hütten der Eingeborenen, haben eine Azotea, d. h. einen nicht überdachten Raum in gleicher Flucht mit der Wohnung, der die Stelle von Hof und Balkon vertritt. Die Spanier scheinen diese hübsche Einrichtung den Mauren entlehnt zu haben; die Eingeborenen kannten sie aber wohl schon vor Ankunft der Europäer, denn Morga (Bl. 140) erwähnt bereits dergl. »Batalanes«. In den Vorstädten ist fast jede Hütte von einem Gärtchen umgeben.

Das Trinkwasser ist mit Ausnahme des in Zisternen gesammelten, sehr schlecht. Es wird etwas oberhalb der Stadt in flache Kähne geschöpft und so den Haushaltungen zugeführt. Das Flusswasser ist oft ganz grün von Conferven, häufig sieht man auch todte Hunde und Katzen darin treiben, von grossen Pistien wie von Kopfsalat umgeben. In der trocknen Jahreszeit werden die zahlreichen Kanäle der Vorstädte stellenweis zu stagnirenden Kloaken, der Stadtgraben bietet bei jeder Ebbe einen solchen Anblick.

An Gelegenheit zu Vergnügungen ist Manila sehr arm. Während meines Aufenthalts bestand kein spanisches Theater; tagalische Schauspiele (Uebersetzungen) wurden zuweilen aufgeführt. Es gab keinen Klub, keine lesbaren Bücher. Nicht einmal Zeitungsnachrichten belebten die matte Unterhaltung; denn nachdem die alle vierzehn Tage aus Hongkong eintreffenden Nachrichten durch die Priesterzensur gesichtet, blieb zur Speisung der Lokalblätter wenig übrig als Madrider und Pariser Hofnachrichten. [51] Nur die mit bunter Pracht gefeierten Kirchenfeste unterbrachen zuweilen die Einförmigkeit.

Das grösste Vergnügen der Eingebornen sind die Hahnenkämpfe, die mit einer Leidenschaftlichkeit betrieben werden, welche jedem Fremden sogleich auffallen muss. Fast alle Indier halten sich Kampfhähne. Viele gehn nie aus, ohne ihren Liebling im Arm zu tragen; sie zahlen zuweilen 50 Doll. und mehr dafür und überhäufen ihn mit den zärtlichsten Liebkosungen. Man kann die Sucht für Hahnenkämpfe wohl ein Nationallaster nennen, doch sollen sie erst durch die Spanier oder die sie begleitenden Mexicaner eingeführt worden sein; ebenso das in China zum Nationallaster gewordene Opiumrauchen durch die Engländer. Wahrscheinlicher ist es wohl, dass die Malayen die Sitte in's Land brachten. Im östlichen Theil der Philippinen müssen zu Pigafetta's Zeiten Hahnenkämpfe unbekannt gewesen sein. Er sah die ersten Kampfhähne in Paláuan: »Sie haben grosse Hähne, die sie aus einer Art von Aberglauben nicht essen, sie halten sie aber, um sie kämpfen zu lassen; es werden dabei Wetten gemacht, deren Ertrag der Eigenthümer des Siegers erhält.« [52] [53]

Für Europäer ist das Schauspiel in hohem Grade widerwärtig: Der einen Ring um den Kampfplatz bildende Zuschauerraum ist mit Eingeborenen überfüllt, die aus allen Poren schwitzen, während ihre Gesichter von hässlichen Leidenschaften auf's Höchste erregt sind. Die Hähne sind je mit einem sehr scharfen, sichelförmigen, 3 Zoll langen Messer bewaffnet, das tiefe Wunden reisst und immer den Tod des einen oder beider Hähne durch grausame Verletzungen herbeiführt. Ein Hahn, der aus Feigheit davonläuft, wird lebendig gerupft. Im Verhältniss zu den Mitteln der Spieler werden unglaublich hohe Summen verwettet.

Dass diese Hahnenkämpfe für ein so sehr zu Müssiggang und Liederlichkeit geneigtes, nur den Regungen des Augenblicks folgendes Volk im höchsten Grade entsittlichend wirken, liegt auf der Hand. Der Lockung, ohne Arbeit Geld zu gewinnen, vermögen sie schwer zu widerstehn; Viele werden durch die Leidenschaft des Spieles zu Wucherschulden, Unterschlagungen und Diebstahl verleitet, auch zu Strassenraub: die Land- und Seeräuberbanden, von denen weiter unten, sollen zum grossen Theil aus ruinirten Spielern bestehn. [54]

Alle Städte Hinterindiens übertrifft Manila durch angenehme Frauengestalten, die seine Strassen beleben. Herr Mallat schildert sie in glühenden Worten. Ein hübsches, phantasiereiches, in der Lokalfarbe gehaltenes Bild des Strassenlebens findet man auch in den sehr unterhaltenden Aventures d'un gentil'homme Breton. [55]

Wie viele der hübschesten »India's« von ganz reinem Blute sind, ist freilich nicht zu ermitteln. Manche sind sehr weiss, nähern sich dem europäischen Typus und unterscheiden sich dadurch merklich von ihren Stammesgenossen in den abgelegeneren Provinzen.

Der unmittelbaren Umgebung Manila's fehlt es nicht an schönen Punkten, ihr Besuch gehört aber nicht zum Ton, da Toilettenschau, nicht Naturgenuss, Zweck des Spazierengehns ist. In der trockenen Jahreszeit fahren Abends Alle, die es bezahlen können, auf staubigen Strassen nach einem kürzlich angelegten Platz am Meer, von 1000 Fuss Breite, 200 Fuss Länge, wo mehrere Mal in der Woche die recht gute Musik inländischer Regimenter spielt, und gehen steif auf und ab. Die Spanier stecken alle in Uniformen oder schwarzen Fracks. Wenn die Glocken zum Abendgebet (Angelus) läuten, stehn Wagen, Reiter und Fussgänger plötzlich still, Jedermann entblösst sein Haupt und scheint zu beten.

Derselbe Guvernör, der die Promenade angelegt, hatte auch einen botanischen Garten geschaffen. Zwar waren die wenigen von ihm dahin versetzten Pflanzen, auf dem morastigen Boden der vollen Sonnengluth preisgegeben, schnell wieder zu Grunde gegangen, aber der Platz war eingezäunt, in Felder getheilt, mit Unkraut bewachsen und hatte wenigstens einen Namen erhalten, gegenwärtig soll er besser im Stande sein. [56]

In der Umgegend von Manila sind die Kirchenfeste wohl des Besuchs der Fremden werth, schon wegen der zahlreichen hübschen Indierinnen und Mestizinnen, die sich Abends dort einfinden und in ihrem besten Putz auf den festlich beleuchteten, mit Fahnen und Blumen geschmückten Strassen spazieren gehn. Sie sind namentlich für den aus den Malayenländern kommenden eine anmuthige Erscheinung. Die Indierin ist sehr schön gewachsen, hat üppiges schwarzes Haar, grosse dunkle Augen; der obere Theil des Körpers ist in inländische, oft kostbare Stoffe von durchsichtiger Feinheit und tadelloser Weisse gehüllt, und von der Hüfte abwärts in ein buntstreifiges, weitfaltiges Kleid (Saya), dessen oberer Theil bis zum Knie durch ein dunkles Tuch, Tapis, so fest zusammengehalten wird, dass die reichen, bunten Falten der Saya daraus wie die Blumenblätter einer Granate hervorbrechen, und die Mädchen nur ganz kurze Schritte machen können, was in Verbindung mit den niedergeschlagenen Augen ihnen einen sehr sittsamen Anstrich giebt. An den nackten Füssen tragen sie gestickte Pantoffeln (Chinelas), so schmal, dass die kleine Zehe, die nicht Platz darin hat, den Pantoffel von aussen festhalten muss. [57]

Aermere Indierinnen kleiden sich nur in eine Saya und ein sogenanntes Hemd, so kurz, dass es oft nicht bis zu dieser hinabreicht; in den östlichen Inseln tragen selbst erwachsene Mädchen und Frauen ausser einem katholischen Amulet gewöhnlich nur diese zwei Kleidungsstücke, die namentlich nach dem Bade, bis sie die Sonne wieder getrocknet hat, fast durchsichtig sind.

Hut, Hose und darüber ein Hemd, beide aus grober Guinára, bilden die Tracht der ärmeren Männer. Die Hemden der Reicheren sind mitunter aus sehr theuren inländischen Geweben, von Ananas oder Bananenfasern mit oder ohne seidene Streifen, auch ganz aus Jusi (chinesische Floretseide), in welchem Falle sie nicht gewaschen und also nur einmal getragen werden können. Der Hut, Salacót (ein Kugelsegment aus inländischem Flechtwerk), dient als Regen- und Sonnenschirm, und ist zuweilen bis zu beträchtlichem Werthe mit Silber beschlagen. Die Principalia hat das Vorrecht, eine kurze Jacke über dem Hemde zu tragen, und ist gewöhnlich auch an ihrer, zuweilen bis an's Drollige streifenden Würde und ihrem vergilbten, in der Familie forterbenden Zylinder-Hute kenntlich. Der einheimische Stutzer hat lackirte Schuhe an den nackten Füssen, lange, enganliegende Hosen, schwarz oder grellbunt gestreift; darüber ein gefaltetes, gestärktes Hemd von europäischem Schnitt; auf dem Kopf einen zylindrischen Seidenhut, in der Hand ein Stöckchen. Recht unanständig sieht es aus, wenn bei Gala-Mahlzeiten die Dienerschaft in weissen gestärkten Hemden über den Hosen erscheint, nie sind mir die Hässlichkeiten unserer europäischen Kleidung mehr aufgefallen als in der Nachäffung durch den Manila »Elegante«.

Die Mestizinnen kleiden sich wie die Indierinnen, aber ohne Tapis, an Europäer verheirathete tragen auch Schuhe und Strümpfe. Manche Mestizinnen sind von grosser Schönheit, ihr Gang hat aber gewöhnlich etwas Schleppendes, von der Gewohnheit, den Pantoffel zu schleifen. In der Regel sind sie klug, wirtschaftlich, zu Handelsgeschäften sehr geschickt, in Unterhaltung aber oft unbeholfen und langweilig. Mangel an Bildung allein ist wohl nicht die Ursache, denn eine Andalusierin hat ausser der Doctrina christiana auch nichts gelernt, und ist doch in ihrer Jugend eines der reizendsten Wesen. Der Grund liegt wohl eher in der Zwitterstellung der Mestizin: von den weissen Frauen wird sie hochmüthig zurückgestossen, während sie selbst ihre mütterlichen Verwandten verläugnet. Ihrem Auftreten fehlt die Sicherheit, der richtige Takt, den die Süd-Europäerin in allen Lebensverhältnissen zeigt.

Die Mestizen, besonders die von Chinesen und Tagalinen, bilden den reichsten, unternehmendsten Theil der einheimischen Bevölkerung; sie kennen alle guten und schlechten Eigenschaften des Eingeborenen und beuten sie rücksichtslos für ihre Zwecke aus.

VIERTES KAPITEL

STELLUNG DER EUROPÄER UND EINGEBORENEN IN ENGLISCHEN, HOLLÄNDISCHEN UND SPANISCHEN KOLONIEN. -- EINFLUSS DER SPANISCHEN KOLONIALPOLITIK AUF DIE SITTEN DER EINGEBORENEN. BEQUEMLICHKEIT DES LEBENS. -- KOKOSPALME, BAMBUS.

Ein schottischer Grosshändler, dem ich empfohlen war, bot mir mit so überzeugender Liebenswürdigkeit sein Haus und seine Gastfreundschaft an, dass ich nicht umhin konnte sie anzunehmen. Obgleich ich mich dadurch unter dem Schutz eines der reichsten und geachtetsten Männer der Stadt befand, verlangten dennoch die Miethskutscher für jede Fahrt Vorausbezahlung. Dies Misstrauen liess auf die geringe Achtung schliessen, die die Mehrzahl der hiesigen Europäer den Einheimischen einflösst. Zahlreiche spätere Beobachtungen bestätigten diese Vermuthung. Wie anders ist es in Java und Singapore! Die Ursache lässt sich vielleicht erklären: