Reise zur deutschen Front, 1915

Part 8

Chapter 83,438 wordsPublic domain

Gerade im Anschluß an dieses Wort bekenne ich, daß ich an diesem von Kerzentropfen und sonstigen Wirtschaftsrätseln bekleckerten Tische eine der schönsten, tiefsten und wertvollsten Stunden meines Lebens genießen durfte. Denn als wir gespeist hatten und der gute französische Landwein geheimnisvoll in den sehr verschiedenartigen Gläsern leuchtete, begannen sie zu erzählen, diese Feldgrauen; jeder von ihnen hat viel Hartes durchmachen müssen; und einer trägt zwei kleine rote Narbensternchen auf der Stirne -- wo die Kugel hinein und wieder hinaus gegangen, ohne diesen festen deutschen Jünglingsschädel zerbrechen zu können. Von den ersten schweren Wochen des Krieges erzählten sie, von den furchtbaren Tagen und Nächten in Lothringen und Belgien, von Stunden, in denen manchmal auch die Nerven des tapfersten Mannes zu versagen drohten. Ganz ruhig erzählten sie, fast so ruhig, wie man von einem beschwichtigten Ungewitter redet; nur ihre Worte wurden langsamer, ihre Stimmen leiser, innerlicher; sie gebrauchten keine aufputzenden Adjektiva, sie sagten jedes Ding so hart und streng vor sich hin, wie es geschehen war, und keiner redete von sich selbst, jeder nur immer von der großen Sache. Und während ich atemlos lauschte, an Herz und Knochen vom Grauen des Krieges gerüttelt, war es mir immer, als müßte ich etwas Dankbares aus mir herausschreien und müßte mit beiden Händen hinübergreifen über den Tisch, um diese jungen deutschen Mannsfäuste zu fassen und zu drücken. Hätten es mir diese drei Wochen im Felde noch =nie= gezeigt und gesagt, so hätt' ich es jetzt an diesem kleinen Tisch verstanden, was für uns Bürger in der Heimat das kraftvolle und sieghafte Wort bedeuten muß: ein deutscher Soldat, ein deutscher Offizier! -- Freilich, im Sinne eines Kunstgeschmackes, der die Abwechslung liebt, haben sie auch einen Mangel: in ihren besten und wesentlichsten Zügen sind sie alle gleich, da ist einer wie der andere! An vielen hundert kleinen Tischen dieser kleinen Lehmlöcher könnte ich ein Gleiches hören, wie ich es an =diesem= Tische vernahm.

Es wirkte auf mich, daß ich lange wortkarg bleiben mußte, als es schon wieder heiter wurde, weil Besuch erschien. In Begleitung eines Reichsrates, den wir in München kennen und verehren, kam der Regimentskommandeur zur Besichtigung der Nachtarbeit im Schützengraben -- als Vorgesetzter ein Freund und Vater seiner Soldaten. Davon sollte ich gleich eine Probe erfahren, die mir unvergeßlich bleiben wird. Der Kommandeur wollte bei diesem Nachtweg eine Beförderung verkünden. »Nach dem Regimentsschimmel müßte man's eigentlich anders machen. Aber was einer verdient, muß er bekommen. Den Lohn verschieben, heißt ihn entwerten.«

Nun geht's hinaus in die dunkle Nacht, die geheimnisvoll durchklirrt ist von einem gedämpften Arbeitslärm. Manchmal ein Schuß in der Ferne, manchmal einer im nahen Schützengraben -- Schüsse, die bei der Finsternis nicht treffen können, nur sagen wollen: »Wir wachen!« Zuweilen leuchtet droben über dem Wald eine rote Helle auf und verschwindet wieder. Und herunten zwischen den Bäumen schreiten oder stehen schwarze Gestalten mit klumpigen Lasten auf den Schultern. Schritt um Schritt geht es über klappernde Prügel hin oder durch quatschenden Lehmteig. Bei etwas schwierigen Stellen leuchtet für einen Moment der Strahl eines elektrischen Lämpchens auf.

Ein Kriegsfreiwilliger wird herbeigerufen. Kaum unterscheide ich in der Nacht den Umriß der schlanken, unbeweglich stehenden Gestalt.

Die Stimme des Kommandeurs: »Lieber R.! Sie haben nicht nur zwei famose, schneidige Erkundungen gemacht, ich weiß auch, daß Sie in allen Stücken ein tüchtiger, verläßlicher Soldat sind! Nicht wahr, Sie streben den Offizier an?«

»Jawohl, Herr Oberstleutnant!«

»Sind Sie schon Fähnrich?«

»Nein, Herr Oberstleutnant!«

»Dann sind Sie es jetzt. Ich gratuliere Ihnen!«

Da hör' ich einen leisen Laut -- wie von einem Jungen, dem beim Baden im Bach das kalte Wasser heraufsteigt an die Lenden. Dieser leise Laut -- das war tiefste deutsche Soldatenfreude.

Ich muß die Hand strecken. »Darf ich Ihnen auch gratulieren?« Keine Erwiderung. Aber den Händedruck hab' ich noch eine Stunde lang gespürt.

Der Weg durch Laufgang und Schützengraben ist mit Schwierigkeiten verknüpft. Immer wandern die langen, endlos scheinenden Reihen der lastschleppenden Soldaten an uns vorüber. Beim Ausweichen muß ich immer den verwünschten Bauch in die nasse Lehmwand hineinquetschen. Oft komm' ich von diesem klebrigen Teige kaum mehr los. Pfundweis hängt er an meinen Händen. Was will man machen, man wischt ihn an der Hose ab.

Überall im Schützengraben wird geschanzt, geschaufelt und gearbeitet, überall wird gebessert, was schlecht wurde, überall ausgetauscht, was unbrauchbar geworden.

In ihren Schlupfen liegen die Abgelösten; keine Stimme, kein Öffnen des Türchens, kein Zug der kalten Nachtluft und auch kein Schuß vermag sie zu wecken. Sie schlafen, wie nur die Zufriedenen und Glücklichen schlummern. Wie Aschensäcke sehen sie aus, in ihre Mäntel gewickelt, die Zeltbahnen über die Köpfe gezogen.

Die Schützen, die im Graben auf Wache sind, stehen regungslos bei ihren Scharten und spähen in die Nacht hinaus, die der Mond, hinter dicken Wolken verborgen, ein bißchen aufzuhellen beginnt. Oder gewöhnen sich nur die Augen an die Finsternis? Manchmal ein Schuß -- weil ein Wachtposten was gesehen hat oder was zu sehen glaubte. Und zuweilen, in den benachbarten Stellungen drüben, das Dröhnen einer platzenden Granate. Eine kann ich aufgehen sehen. Das sieht aus wie ein Strauß aus Feuerblumen, der eine schwarze Manschette hat.

Durch den ganzen Schützengraben geht es. Die schußbereiten Maschinengewehre werden revidiert. In einen finsteren, engen Gang hinein und unter die Erde hinunter! Ganz vorne arbeitet einer wie ein Bergmann, ein zweiter karrt den ausgehobenen Lehm davon, ein dritter versteift den Minengang mit stützenden Bohlen.

Wieder im Graben. Ein schönes, rotglänzendes Sternchen surrt in die Luft hinauf und fängt in der Höhe grell zu brennen an. Das ganze Gelände zwischen unseren und den feindlichen Gräben ist taghell beleuchtet. Drüben liegen die toten Franzosen als schwarze, unbewegliche Klumpen -- aber ganz in der Nähe liegt etwas Lebendiges, das sich bewegt: ein deutscher Horchposten. Und ein Gewirre von Drähten ist zu sehen -- das sind die Stacheldrahthindernisse und die aus dem Graben hinausgerollten Spanischen Reiter. Ein letztes Lichtgezitter, alles versinkt wieder in undurchdringliche Finsternis, um nach wenigen Minuten wieder aufzuglänzen -- -- und wir daheim, wir sagen immer: »Was ist denn nur da draußen? Warum geschieht da nichts? Warum geht da nichts vorwärts?«

Es ist Mitternacht geworden. Nun dürfen auch die letzten der Geplagten ein bißchen ruhen. Ehe der Morgen kommt, müssen sie wieder bei den Scharten stehen. Und Nässe und Schlamm an Rock und Stiefel und Hose müssen trocken geworden sein von der Wärme ihres eigenen Körpers. Seit dem 5. August haben sie dieses Soldatenkleid am Leib und haben es nur abgelegt, wenn sie hinter der Front im Ablösungsquartier die Wäsche wechseln und baden und sich säubern konnten. Und diese Gesundheit, dieser Humor, diese treue Beharrlichkeit, diese unzerbrechbare Geduld! -- Und, wahrhaftig, da gibt es Leute in der Heimat, denen der deutsche Sieg nicht schnell genug in die warmen Betten läuft! --

Im »Offizierskasino« noch ein kurzer Schwatz und ein Schlummertrunk. Im Felde nennt man ihn »heißes Wasser«. Natürlich ist etwas drin, etwas sehr Kräftiges!

Und jetzt -- ins Bett. [+] [+] [+] Gott beschütze mich!

Eine freundliche Ordonnanz zieht mir die zehn Pfund schweren Lehmgebilde von den Beinen herunter. »Gut Nacht, Herr Doktor!« Dann bin ich allein auf einer »Flur«, die alles andere ist, nur nicht »weit«. Das Lehmherdchen glutet noch ein bißchen und raucht sehr heftig. Also die Tür auf! Aber es hat zu regnen begonnen, und ein ungemütlicher Wind peitscht die Traufenfäden herein. Also die Tür wieder zu! Und in den Kleidern auf die Pritsche! Bevor ich das Kerzenstümpfchen auslösche, seh' ich noch etwas sehr Schönes: die ganze Bretterdecke meines Unterschlupfes ist behängt mit großen, blitzenden Diamanten. Jetzt lieg' ich im Dunkeln. Da fängt es auch schon zu tropfen an. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Ich ziehe, wie ich es bei den Soldaten gesehen, die Zeltbahn über den Kopf. Nach einer Viertelstunde bricht mir am ganzen Leib der Schweiß aus. Ich entkleide mich und krieche wieder unter das raschelnde Segeltuch. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Nach einer halben Stunde friere ich, daß mir die Zähne klappern. Ich ziehe mich wieder an, und weil mir vom Rauch, der nach Erlöschen jeglicher Wärme reichlich zurückblieb, die Augen heftig brennen, mache ich wieder die Tür auf, drücke sie aber sofort sehr energisch zu. Ich liege wieder, und trotz der Dunkelheit bemerke ich an meinem nachlassenden Hustenreiz, daß der Rauch verschwindet. Aber das andere bleibt: Pitschpitschpitschpitschpitschpitsch ... jetzt klingt es viel schneller und ununterbrochen. Nicht nur von oben kommt der feuchte Segen, auch von unten her. Schon will ich in einem drohenden Tobsuchtsanfall fluchen wie ein Berserker. Aber da muß ich denken: »So machen es unsere Feldgrauen seit sechzig oder siebzig Nächten durch!« Wobei noch zu berücksichtigen ist, daß ich als Gast ein »Kavalierhüttl« bekam, also eine Sache, die so gut ist, wie sie sonst kein anderer hat! Ein Wunder geschieht -- ich, das nervöseste von allen nervösen Äsern, ich werde plötzlich so geduldig wie ein Lamm, drehe mich still auf die Seite und fange, um den Schlaf herbeizuschmeicheln, die fallenden Tropfen zu zählen an: Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch ...

Ich glaube, bis nah' an siebenhundert kam ich. Ja, wahrhaftiger Gott: gegen drei Uhr bin ich zufrieden eingeschlafen. Ein paarmal erwachte ich, hatte rückwärts das Gefühl einer immer feuchter werdenden Unterlage und im Hirn eine seltsame Idiosynkrasie: ich vermutete immer, daß vor meinem Kavaliershüttl irgend jemand Holz hacke. Es waren die Gewehrschüsse, die vom Schützengraben herunterklangen. Und einmal fuhr ich sehr heftig auf und hörte noch ein doppeltes Rollen -- es war ein Granatenpärchen in den Wald geflogen. Ich drehte mich um und schlief wieder ein. Und habe geschlafen, bis im Ergrauen des Tages die Ordonnanz mich weckte und meine schöngeschmierten Stiefel brachte: »No, Herr Doktor, wie war's?«

»Ganz gut! Ein bisserl feucht halt!«

»Mein, da haben wir's jetzt noch wie im Himmel! Aber die vorig' Woch', da haben wir sechs Nächt lang im Wasser hocken müssen. Niederlegen hat man sich gar nimmer können. Auf'm Tornister hat man halt sitzen müssen. Da hat's die meisten von uns a bißl verdrossen. Alle haben wir g'schimpft, ja! Bloß an einziger is zufrieden g'wesen. Dös war a Tölzer Floßknecht. Der hat allweil g'sagt: >Dös bin i g'wohnt!< -- Da haben wir uns a guts Beispiel g'nommen.«

Draußen rauschte der schwere Regen.

Heißer Tee. Fünf Tassen. Dann hinauf in den Schützengraben. Hier sind im Morgengrau schon alle bei der Arbeit. Fast durch die ganze Länge des Grabens liegen die Lehmwände niedergebrochen. Alles, was Boden heißt, ist verschlammt und überschwemmt. Und den schanzenden Soldaten rinnt das Wasser über Gesichter, Rock und Hosen herunter. Und immer noch schwatzen sie lustig und machen jene kleinen, netten Späße, in denen eine große, tiefe Seele steckt -- die Seele des deutschen Volkes!

Ist der Krieg im Regen ertrunken? Kein Schuß mehr. Den ganzen Vormittag bleibt es still. Doch am Nachmittage, während ich durch die klatschenden Regengüsse und unter peitschenden Windstößen zurückwandere zu meinem Fürstenfeldbrucker Philosophen, beginnen die Haubitzen wieder zu donnern, und von überall klingt das Knallen, das die pfeifenden Vögelchen fliegen macht.

Mein ganzes Denken ist ein einziges heißes, inbrünstiges Gebet zur Sonne:

»Komm! Und scheine den Unseren! Meinetwegen auch den andern! Wenn nur die Unseren trocken werden und sich wärmen können!«

10.

7. Februar 1915.

Einen Tag lang war herrliches Wetter. Alles funkelte von Sonne. Die reinste Frühlingsstimmung! Dachte man an die Truppen, so fühlte man immer den gleichen Gedanken: »=Gott sei Dank, jetzt werden sie trocken!=« Wie eine tiefe Wohltat war's, mir vorzustellen, daß unsere Feldgrauen vor Wärme dampfen. Und mit Lachen mußte ich besonders an =einen= denken. Den hatte ich in seinem triefenden Schützengrabenhöhlchen knien sehen, mit einer ganz sonderbar verbuckelten Gestalt. »Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen?« hatte ich erschrocken gefragt, denn ich hielt ihn für einen Schwerverwundeten im Notverband. Aber nun kam eine heitere Lösung. Der kluge Mann hatte, um sich gegen die von unten heraufquellende Nässe zu schützen, =sieben= wollene Liebesgabenbauchbinden =hinten= herumgebunden. Er behauptete: das bewahre ihn bis zum Morgen vor dem tieferen Eindringen jeglicher Feuchtigkeit. Weil die äußerste dieser sieben wollenen Sitzfleischhäute zinnoberrot war -- möglicherweise aus dem ehemaligen Unterrock einer Dorfschönen geschnitten -- glich der Eingewickelte einem Pavian in der Paarungszeit. Wie feucht die sieben konträr verwendeten Bauchbinden auch geworden sein mögen -- jetzt konnte er sie einen Tag lang in die freundliche Sonne hängen.

Die drollige Episode ist auch ein ernster Beweis für die opulente =Liebesgabenfülle=, mit der unsere Feldgrauen von der Heimat aus bedacht werden. Was sie mehrfach bekommen, wird oft in höchst sinniger Weise aufgebraucht. Einen sah ich, der vier Paar Kniewärmer zu ganz famosen, tütenförmig übereinandergreifenden Gamaschen zusammengenäht hatte; der Mann muß übrigens auch künstlerischen Geschmack haben, weil er bei Erzeugung dieses Meisterwerkes der Feldflickerei die Farben harmonisch gliederte: grau, braun, grau, braun. Überzählige Schlipse werden häufig als Lehmhindernisse oben um die Stiefelröhren herumgewickelt; entbehrliche Pulswärmer finden Verwendung als Zehenfutterale, und Kopfschläuche werden zu »Kniehösln« degradiert. Einstimmig ist bei allen Feldgrauen die =dankbare Anerkennung der Liebesgabenmenge=. Zu Dutzend Malen hörte ich in wechselnden Worten den gleichen Sinn: »=Die Leut daheim sind so viel gut! Jetzt haben wir's oft besser wie in der Friedenszeit.=«

Die segensreichste von allen Liebesgabenspenderinnen ist aber doch die warme Sonne. Sie macht überflüssig, was Wolle heißt, und legt die Soldaten trocken wie liebe Kinderchen. Nur die Kanonen macht sie nervös; denn wenn die Nebel verschwinden und der Himmel blau wird, erscheinen die feindlichen Flieger. Vorgestern hörte man fast ununterbrochen vom Morgen bis zum Abend die Schrapnellschüsse krachen, die den Fliegern entgegenflammten und hinter ihnen herjagten. Das ist ein aufregendes Bild: wenn hoch droben im Blau dieser winzig aussehende Menschenvogel kreist, den das unbewaffnete Auge erst nach langem Spähen zu entdecken vermag. In so großer Höhe ist seine Bewegung eine kaum merkliche: oft scheint er völlig stillzustehen wie ein Falke, der auf seine Beute lauert. Und dann plötzlich springen aus dem blauen Himmel, während herunten auf der Welt die Schüsse krachen, kleine silbergraue kuglige Wölklein heraus, immer wieder und wieder eins, hinter dem Vogel, vor ihm, über ihm, unter ihm -- die Rauchklumpen der platzenden Schrapnellgeschosse. Ganz ruhig bleiben sie hängen im Blau, erweitern sich ein bißchen, werden zu weißen Himmelsschäfchen -- und wenn der Flieger schon lange verschwunden ist, hängen sie noch immer da droben und bezeichnen den Weg, den der feindliche Menschenvogel genommen hat.

Schwebt der Flieger in zwei- bis dreitausend Meter Höhe, so ist er fast völlig sicher. Nur bei ganz besonderem Glücksfall -- der feindliche Vogel würde sich natürlich anders ausdrücken -- kann ihn ein Schuß herunterholen. Freilich, je höher der Flug, um so bescheidener auch das Resultat der Erkundung, trotz Photographie und Funkenspruch. Die vielen Schrapnellschüsse, die man hinaufschickt, bringen also immerhin den Gewinn, daß der französische Flieger, dem die glückliche Heimkehr wesentlich sympathischer als der Absturz ist, außerhalb einer ergebnisreicheren Spähweite gehalten wird. Trifft ein Schuß, so geht's dem Flugzeug noch lange nicht ans Leben; die Stellen, wo es sterblich ist, sind keine Scheunentore, sondern kleine Achillesfersen. Jeder Doppeldecker der deutschen Fliegerabteilung zu H., bei der ich einen mir unvergeßlichen Tag verbrachte, ist ausgezeichnet durch die Ehrenmale vieler Schußnarben; neben jenen ausgeheilten Wunden, die für das Flugzeug lebensgefährlich waren, steht unter dem Bild des Eisernen Kreuzes der sieghafte Tag angeschrieben, an welchem deutsche Unerschrockenheit und Geistesgegenwart eine drohende Todesstunde überstanden. Mit dankbarer Bewunderung hab' ich das Eiserne Kreuz erster Klasse unseres kühnen Fliegeroffiziers betrachtet, der auf einem ebenso verwegenen wie ergebnisreichen Erkundungsfluge schwer verwundet wurde und noch in äußerster Erschöpfung, auf dem Verdeck des Flugzeuges stehend, =ein Schußloch des rinnenden Benzinbehälters so lange mit dem Daumen verstopfte, bis der Doppeldecker innerhalb der deutschen Stellung glücklich zu landen vermochte=.

Der Satz, den ich da niedergeschrieben habe, ist schnell gelesen. Doch wer die Ewigkeitsminuten eines solchen Nervenkampfes in den Lüften auszudenken vermag, wird einen atembeklemmenden Schauder empfinden und sich dabei doch aufrichten in deutschem Stolz. Vor Beginn des Krieges hatte das französische Flugwesen gegen das deutsche eine siebenfache Übermacht. Unsere Flieger haben sie ausgeglichen durch zähe Schulung und technisches Geschick, durch stählerne Herzhaftigkeit und erhöhten Mut. Wie man von altersher sagte: »Ein Mann, ein Wort« -- so wird man sagen: »Ein deutscher Flieger, ein deutscher Held!« -- Bei uns ist die Kraft, bei uns der Sieg! Alles was ich sehe und erlebe im Feld, klingt mir immer wieder aus in diesen herrlich läutenden Refrain.

Neuer Nebel und Regen brachte mich gestern um den Anblick eines =Geschwaderfluges= der Unseren. Ein solcher Flug war geplant zur Begrüßung unseres Königs, der die bayerischen Armeeverbände an der Front besichtigte. Wetter und Wind verriegelten die Fliegerschuppen. Aber der Vorbeimarsch unseres =Leibregiments= sowie der anderen, auf Ablösung in den Stadtquartieren weilenden Truppen war auf dem großen Stadtplatz trotz Nebelreißen und spritzenden Pfützen eine ganz prachtvolle Sache. =Jede Schießscharte in unseren Schützengräben ist Schulter an Schulter besetzt -- und hinter der Front dieses fast unübersehbare Gewimmel unserer gesunden, hochgewachsenen, kraftvollen und tadellos ausgerüsteten Soldaten!= Im Gefühl der Zuversicht, die dieses Bild und der klingende Taktschritt vieler Tausende von festen deutschen Beinen mir einflößte, hätt' ich vor Freude immer schreien mögen. Das verbot nicht nur der militärische Ernst der Stunde, auch jeder Blick auf die Einheimischen, die in dichten Gruppen umherstanden; sie sprachen kein lautes, vernehmbares Wort; entweder blieben sie stumm oder flüsterten ganz leise miteinander; immer unruhiger irrten ihre Augen über diese festgefügten Soldatenzüge hin, und in ihren Gesichtern wurden Schreck und Staunen immer größer, je länger der Vorbeimarsch der Bataillone und Batterien dauerte. -- Neulich, als große Rekrutennachschübe hier eintrafen, tuschelten die Einheimischen mit glänzenden Augen einander zu: das wären fliehende, von den Franzosen aus den Schützengräben verjagte Deutsche. Gestern begriffen sie die Wahrheit und bekamen eine erschreckende Vorstellung von Deutschlands unerschöpflichem Menschenbrunnen. Und da war in ihren Augen die Trauer des Wissens: daß der Sieg ein unentreißbarer Besitz der Deutschen ist. Wenn die =Franzosen= zittern und Unruhe und Verzagtheit fühlen, so haben sie Grund dazu!

Immer war im Blick und im Lachen unseres Königs die Freude zu sehen, die ihm das straffe Bild seiner Truppen bereitete. Bei dem Festmahl, dem als Gast der Generalfeldmarschall =von Bülow= beiwohnte, war der König in einer Stimmung, die ihn zu verjüngen schien. Aus seiner heiteren, lebhaften Unterhaltung war herauszuhören, was dieser von Kraft klirrende Tag ihm gezeigt hatte. Im Anschluß an ein Gespräch über meine Schilderungen des Hauptquartiers sagte der König: »=Wann dieser Krieg zu Ende sein wird, ob später oder früher, das weiß heute mit Sicherheit kein Mensch auf Erden. Aber wie er ausgehen wird, das wissen wir doch alle. Da kann man ruhig sein.=«

Vorhin gebrauchte ich das Wort »Festmahl«. Das klingt ein bißchen wunderlich: ein Festmahl im Kriegslager. Man muß da nur wissen, wie es war. Eine Stimmung von festlicher Gehobenheit, gewiß! Aber dieses Mittagessen, an dem der König teilnahm, fand im zweiten Stockwerk eines hohen, schmalbrüstigen Hauses statt, dessen rechte Mauerseite ungestützt und ein bißchen schief in der Luft hängt. Das Nachbarhaus, das diese Mauer vor einigen Monaten noch tragen half, die Präfektur, ist niedergebrannt und in einen Schutthaufen verwandelt -- nicht von den Deutschen in Trümmer geschossen, sondern =vor= ihrem Einmarsch abgebrannt, nachdem die Staatsgelder, wie hier erzählt wird, auf unerklärliche Weise verschwunden waren. In diesem schmalbrüstigen, von seiner staatlichen Stütze jetzt völlig verlassenen Hause wurde im Juli des vergangenen Jahres, kurz vor Ausbruch des Krieges, ein Galadiner zu Ehren des Präsidenten der französischen Republik abgehalten. Von der Herrlichkeit dieses peronnesischen Nationalfestes unter Monsieur Poincarés Vorsitz ist nur das künstlerisch verzierte Menü noch übrig geblieben: ein Dutzend der leckersten Gänge mit einer Himmelsleiter aller besten französischen Weine! Bei dem Mittagessen, das gestern für unseren König und seine Offiziere gerichtet war, ging es einfacher zu; man trank dabei Bayerisches Bier und ein paar Gläser Sekt. Und als von der freihängenden Wand gesprochen wurde, die bei jedem schweren Kanonendonner sehr merklich wackelt, sagte der König lachend: »=Wo Deutsche sitzen, da hält schon alles!=«

Ja! Wir Deutschen sitzen hier in erobertem Land! Und das hält. Sicher und fest.

* * * * *

Es war um die elfte Nachtstunde. Und plötzlich hörte ich ein Lied von vielen Soldaten, hörte den stahlfesten Hammerschlag marschierender Schritte, warf die Feder weg und sprang an das Fenster und riß die Scheiben auf.

Über der laternenlosen Straße hing eine schwarze, finstere Nacht, in der mein Blick nur mühsam die Umrisse der gegenüberliegenden Hausdächer unterschied. Und ein heulender Sturmwind peitschte mir den Regen ins Gesicht.

In solcher Nacht kamen sie heranmarschiert und sangen, kamen aus der Stadt und stampften hinaus zu den Schützengräben. Es müssen zwei Bataillone des =Leibregiments= gewesen sein. So finster war es, daß ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die großen, dichten Menschenklumpen unterschied ich. Das einzig Helle und deutlich Sichtbare waren die wehenden Glutfunken, die von den Zigarren oder aus den brennenden Pfeifen im Sturmwind davonflogen.

Immer sangen die Soldaten, immer das gleiche Lied:

»=In der Heimat, in der Heimat, Da gibt's ein Wiedersehn!=«

Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten, zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender Morgensonne.