Reise zur deutschen Front, 1915
Part 5
Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der große Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Fouré zu sehen ist, einer französischen Heimatsheldin vom Geiste der Jungfrau von Orleans -- dieser Platz, den der stumpfköpfige, mit dem gallischen Hahn geschmückte Turm der Kathedrale überragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie daheim in München der Marienplatz nach einer Parade am Königstag. Aber bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? Überall bayerische Klänge. Münchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm: »Grüß Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn?« -- »Von Hoadhausen!« -- »Und wie geht's immer?« -- »Guat. Warum soll's denn schlecht gehn?« -- »Aber eine aufregende Zeit das! Nicht?« -- Er sieht mich an, als hätte ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein bißchen: »Gell, Sö kommen grad von dahoam? Ja ja, da =san= d' Leut a so. I woaß net, warum?« -- Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich aus allen Gesichtern und Augen, hör es aus allen Worten. Hier im Feld ist die Ruhe, das Bewußtsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld und aufgeregt sind nur wir zu Hause. -- »=I woaß net, warum?=« sagte der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier Tage im Schützengraben stehen muß. =Ohne= Regenschirm! Gäb' es einen, der ihm dienen könnte, so müßte es einer sein, der, statt mit Seide oder Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und für =alle= fallenden Tropfen würde der =auch= nicht helfen!
Mein erster Weg zu Peronne führt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes Umhalsen. Dann sitz' ich an seinem Bett, und seine fieberheiße Hand ruht in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verläßliche Hoffnung ist, gehört mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um zu schauen und um der Heimat zu erzählen, wie meine Reise zur deutschen Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde.
Im Lazarett muß ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden und Schmerz des Krieges heißt. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in der ersten Stunde die dankbare Bewunderung für unsere deutschen Ärzte und für den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit! Überall, wo unsere Ärzte einzogen, mußten sie wider den französischen Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken.
Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tür ich vorübergehe, hör' ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden Singlaut: »Oooohlala, ooohlala, ooohlala!« So ähnlich sangen einmal auf der Münchner Theresienwiese die Aschantimädchen. Ich frage einen Wärter: »Was ist denn das?«
Er brummt: »=Ah mei', so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird! Gar nix halten s' aus, allweil müssen s' wuiseln. Die Unsern beißen die Zähn übereinand, da hörst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag, Gott sei Dank!=«
Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: »Gott sei Dank!« -- Noch am gleichen Abend erzählt mir ein hoher Offizier, daß unsere Feldgrauen für die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: »Der =Ohlala=!« Und noch einen anderen haben sie: »Der =Tuhlömong=!« Wo die feindlichen Schützengräben nahe bei den unseren liegen, kann man häufig das französische Kommando hören: »_Tout le monde, en avant!_« -- Das Ganze vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was häufig geschieht, dann sagen unsere Feldgrauen lachend: »Heut mag er net, der Tuhlömong!«
Als ich aus dem Lazarett auf die Straße trete, fällt der gottverwünschte Regen schon wieder in dicken Schnüren. Nur dieses Rauschen; die Häuser der Stadt sind still und finster, alle Türen und Fensterläden geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer Strafe niemand von der einheimischen Bevölkerung mehr auf der Straße zeigen. Außer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Greise und Knaben, Frauen, Mädchen und Kinder. Alle Wehrfähigen sind fortgeführt oder dienen im französischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben, oder gefallen, oder gefangen sind, das weiß hier niemand. Seit vier Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vätern und Söhnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehörigen jenseits der Front ist ihnen zur Verhütung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter den geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen das scheue Licht herausquillt in die Regennacht, aus verschlossenem Gram und Zorn geflüstert und geknirscht werden! -- Bei uns daheim ist es anders! Da ist Licht und Leben und unbedrückte Freiheit! Auch Leid und Schmerz, gewiß! Das hat seine harten, unvermeidlichen Gründe! -- Aber unsere nervöse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und zu Worten voll übler Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Führer? -- Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? »I woaß net, warum?«
Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die Wasserpfützen des Pflasters glitzern, nähert sich mir ein mächtiges Rollen, Schnauben und Knattern. Wie ein langer, langer Zug von schwarzen Ungetümen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An die vierzig oder fünfzig Lastautomobile mit angehängten Wagen! Und alle sind vollgepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine grüßenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging' es zu einem Feste! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, näherkommenden Gewitter hört!
Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, völlig »undevastiert«, obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat Geheimnisse -- man bringt ihn wohl dazu, daß er brennt, aber nicht, daß er heizt. Doch der Gedanke an die da draußen, die noch viel nässer sind und noch viel härter frieren, macht mich geduldig. Auch tröstet mich wieder das famose französische Bett. Ein Segen für uns, daß Frankreichs gute Armee nicht =so= gut ist, wie seine Betten sind. Da hätten unsere Feldgrauen noch viel härter zu beißen, und wir zu Hause müßten noch =viel= geduldiger sein, als wir jetzt schon -- =nicht= sind!
Aller Güte dieses Bettes zum Trotze kann ich nicht schlafen. Immer rollt der Kanonendonner. Ein paarmal hör' ich den schweren Schlag einer explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Hans zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schusse bin. Spring' ich zum Fenster hin, so seh' ich die Lichtbündel der Scheinwerfer über die Wolken huschen. -- Wo sind die Minen aufgegangen? Sind Deutsche, sind Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? -- So sieht die »Ruhe« aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen melden: »=Nichts Neues!=« Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen der Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von diesem Minenkrieg erzählen hörte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes unter der Erde, zwischen Schützengraben und Schützengraben. --
Am Morgen regnet's, regnet's und regnet's. Ein Wetter, um beim Gedanken an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glück, daß die Unseren von härterem »Schlag« sind als die Franzosen, denen die Nässe und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses fürchterliche Wetter ist schließlich doch auch ein Bundesgenosse der deutschen Robustheit.
Ich denke das, während ich aus der Haustür trete, und da erbringt mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und Leib mit Freude durchglüht.
Durch die grob gepflasterte Straße stampft es herauf -- wie das Volkslied sagt: in gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen gefangen wurden? Nein! Die Leute sind größer, kräftiger. Auch sind das keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber die Gewehre sehen aus, als hätte man sie aus einer Pfütze gezogen; Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt; und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen, sind diese fünf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis über die Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben, klumpigen Lehm gewickelt, daß von den feldgrauen Uniformen nur wenige unbekleckerte Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mäntel aus. Viele von den Leuten tragen trotz der Kälte die Hälse nackt und haben die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschäfte herumgewickelt, damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekämen! Aber frische, gesunde, gutgefärbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genährt und kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mühsal, die sie erdulden müssen für Heil und Schutz der Heimat.
Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist nicht Stimmungsmache! Das ist =weniger= als die wundervolle Wahrheit, die ich jetzt, beglückt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen zu sehen bekomme.
Es sind Mannschaften des =Münchener Leibregiments=, die nach der Ablösung aus den Schützengräben kommen, um vier Tage Rast zu haben. Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nässe klatschenden Zeug an mir vorüber -- und weil ihnen ein hoher Offizier begegnet, rucken sie ihre Körper plötzlich auf, und die Stiefel stechen und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen allmählich ersäuft und verschwindet.
So, wie in dieser Minute, hab' ich noch nie im Leben die Notwendigkeit und stählende Kraft der militärischen Erziehung unseres Volkes verstanden. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber man fühlt es, daß sie denken: »=Ihr seid die Sieger!=«
Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen, und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: »Um Gottes willen, die Leute haben doch nur die =eine Uniform=, wie werden sie denn wieder trocken und sauber?«
Er lachte: »Ja, das weiß ich nicht. Aber morgen sind sie's wieder. Die meisten helfen sich so, daß sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders. Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pfütze stehen und die Kleider waschen, die er am Körper trug. Ich fragte: >Mensch, was machen Sie denn da?< Der Mann sagte: >Ja, mei', wie soll ich's denn machen? Mei' Zuig muß i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen, muß i's halt =so= machen!< Er wusch und rippelte weiter! Und das Merkwürdigste an der Sache ist, daß wir noch nie so wenig Revierkranke gehabt haben wie jetzt.« --
Ich glaubte bisher, vom ersten Tage des Krieges an, jede Pflicht gegen meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfüllt zu haben. Jetzt weiß ich, daß ich noch mehr hätte tun müssen, um als Bürger dem Soldaten zu helfen.
7.
27. Januar 1915.
Vorgestern, bei Anbruch der Abenddämmerung, zur Vorfeier von Kaisers Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne. Die Offiziere in den Chorstühlen. Und die drei Längsschiffe der Kirche dicht gefüllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle gewaschen und sauber gebürstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mütze vor der Brust, saßen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse des Konzerts die Orgel zusammen mit den Bläsern der Militärkapelle -- wahrhaftig, ein »brausender Donnerhall« -- die Wacht am Rhein intonierte, erhoben sich die Tausend und das große deutsche Lied schwoll empor in die gotischen Gewölbe wie ein schönes, kraftvolles und inbrünstiges Gebet.
Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, daß wir spirituell minderwertig und zivilisatorisch zurückgeblieben wären, weil wir Musik haben, der Musik bedürfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel für Minuten bändigen lassen. Solchem Wahnwitz gegenüber muß man heiter werden und an den kropfigen Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und dabei sein kropfiges Söhnchen ermahnt: »Tu nit spotten, sonst straft dich Gott, und du wirscht die gleiche Mißgeburt wie der!«
Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem großen Stadtplatz der Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militärisches Fest, würdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb so schön und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache Reihe der Fackeln über den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren Flammenkreis um die Militärmusik. Außerhalb des Kreises standen die Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte. Die Jubelouvertüre. Noch ein paar andere, gutgewählte Musikstücke. Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll verhaltenen Trommelwirbel rütteln das Blut auf, seine munteren Bläserweisen besänftigen es wieder. Nun tiefe Stille über dem weiten Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps, General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wär' es nur ein einziger Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. »Deutschland, Deutschland über alles!« Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still davon, der Platz wurde finster.
Während der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch etwas anderes hörte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hübschen Hauses, seine greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Söhne und drei Brüder sind im französischen Heer; von denen haben sie seit Mitte September nichts mehr gehört. Die Leute sind freundlich zu mir; sie sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, daß ich sie gerne höre. Ich weiß: was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lächeln versuchen, haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Küche trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vor =mir=! Sie glaubt nicht, daß ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken möchte. Und diese drei Leute hör' ich reden in jeder Nacht, unter meiner Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in dieser Nacht gehört, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen erloschen nur, wenn draußen auf der Straße die Stahlschritte eines Soldatentrupps vorüberklirrten, der zur Ablösung in die Schützengräben zog.
=Mich= sangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in einen festen und ruhigen Schlaf. --
Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in Deutschland?
Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie, wie man die Luft des werdenden Frühlings fühlt. Alle Unzufriedenheit und Ungeduld, alles Nervöse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen Verlust ist abgestreift von mir. Das zählt nicht. Nur Arbeit und Kraft der Gegenwart zählen, nur unsere deutsche Zukunft!
Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden Knochen ist, fließt über in mich. Wir zu Hause, wir =glauben= im besten Falle an den Sieg -- hier im Felde =wissen= sie alle: wir siegen. Aber eines weiß ich jetzt auch schon: daß der Krieg etwas völlig anderes ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schöneres!
Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen?
Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trüben Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. Über eine Breite von vierhundert Meter verzweigen sich Kanäle, Strom, Altwasser und Sümpfe, durchsetzt von malerischen Röhrichtfeldern, in denen Schwärme von Wasserhühnern und Wildenten umherschlüpfen.
Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor der fast fünfhundert Meter langen Holzbrücke über die Sümpfe der =Somme=. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als Pfosten eingetriebenen Baumstämme vollständig im grundlosen Schlamm. Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet hatten, daß es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzögern würde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser Brücke in =fünf Tagen= überwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen diese Holzverschränkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschütze und lange Züge von Lastautomobilen. Über den Kanälen hat die Brücke ausschwingbare Bogen zum Durchlaß der Schiffe! Und alles in fünf Tagen entstanden!
Das Materialdepot dieser märchenhaften Arbeit, der Pionierpark, ist untergebracht in einer großen, zerschossenen und ausgebrannten Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Fleiß, deutsche Ordnung und deutsche Gründlichkeit entstand, das wirkt wie etwas völlig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen Augen sieht. Das ganze Innere des zerstörten, nur noch von den kahlen Mauern umschlossenen Gebäudes ist durch Brettereinbauten in eine Reihe von Sälen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Räume sind mit hölzernem Fachwerk ausgefüllt und in peinlichster Genauigkeit mit allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier haben. In drei Reihen durchziehen den großen Raum die zweistöckigen Schlafschachteln -- ich finde keinen anderen Ausdruck -- die Hälfte der Leute schläft zu ebener Erde, die andere Hälfte im Oberstock dieser riesigen sechzigschläfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: »Ist denn da gut zu liegen?« Alle lachen gleich, und einer sagt: »Ah, da is's gut, jetzt haben wir's fein!« In den Ecken stehen die eisernen Öfen und rings um die Mauern ziehen sich die hölzernen Tische und Bänke. Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den Öfen -- die ziehen famos -- nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit einer Feuerspritzenpumpe, die den »Hochdruck« liefert. Und der mächtige Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein Durcheinanderhuschen von ruhelosem Fleiß.
Weiter geht die Fahrt, über kahles Feld. Bald müssen wir halten -- das Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwärts. Ich stehe auf dem Acker, gucke herum und frage mich: »=Was ist da los?=« Nichts zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trüben Tages liegt da und dort ein Dorf. Und überall dunkle, kleine, niedliche Wäldchen. Ich denke mir noch: »Das müßte eine gute Fasanengegend sein!« Da hör' ich irgendwo in der Luft einen merkwürdigen Vogel singen. So ähnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfängt. Mit uuuuh beginnt es, und mit iiiih hört es auf. Neben dem Saum eines nahen Wäldchens fährt weißer Dampf in die Höhe, der sich in schwarzen Rauch verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde später ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und höre, ist der Einschlag einer französischen Granate. Alles ist schon lange vorüber, da hört man erst, acht oder zehn Sekunden später, den fernen Hall des feindlichen Geschützes.
Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wäldchen ruhig in einem Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der aufwallende Rauch, ähnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters, und wieder dieses Dröhnen. Eine um die andere kommt, über vier oder fünf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und immer näher rücken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen Offiziere, deren Gast ich bin, wünschen sehr lebhaft, mich wieder im Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese dumpfen Paukenschläge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser Auto gestanden, weiß ich nicht. Wohl kaum. Die Beschießung gilt einer deutschen Batterie, die am Saum des Wäldchens vergraben liegt, aber an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehölzes mit Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und können sie nicht finden. Gott sei Dank!
Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde schweigen auch die französischen Geschütze.
Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wäldchen zurück. Wir halten an der Somme, bei einer zerstörten Mühle, vor der eine von unseren berühmten =Feldküchen= dampft und sehr einladend duftet. Zum Kosten fehlt es an Zeit, wir müssen vorwärts. Überall Soldaten, überall Munitionswagen, überall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nähe der deutschen Front. Durch Rübenfelder, deren ungeerntete Früchte schon wieder frische Blättchen zu treiben beginnen, blaßgrün wie junger Salat, kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wäldchen. Und jetzt soll =ich= die deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe ein Glas mit achtfacher Vergrößerung; immer gucke ich, aber ich finde nichts. Wohl sehe ich Prügelwege, die durch knietiefen Kot führen, sehe verschlammte Zufahrtswege und viele künstlich eingesteckte Bäumchen, aber keine Batterie. Man muß mich dicht vor das in die Erde eingegrabene Geschütz hinführen, damit ich merke, wo es steht. Die Höhlung ist bedeckt mit einem schön gewölbten Holzdach, das auf der Somme von einem französischen Schleppschiff abgenommen wurde. -- (Ganz wundervoll ist das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, für den besten und nützlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann. =Was= hier französisches Gut heißt, wird deutsche Wehr und Waffe.) -- Über dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein künstliches Gebüsch, als Deckung gegen die Späheraugen der Flieger. Unten nur ein schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschußöffnung für die Kanone. Zärtlich streiche ich das metallene Rohr, das für unser liebes Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen, lachenden Kanonieren drücke ich die Hände.
Man zeigt mir ein deutsches Geschoß und ein belgisches von gleichem Kaliber -- die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein Kind. Solange die Sache nur Geplänkel ist, läßt man die belgischen Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen. Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Männer dran. Ganz fürchterlich schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Stößen aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten.
Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die französischen Granaten einschlagen sah. Zwischen fünfzehn Explosionstrichtern, die gegen die stubengroßen Granatenlöcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie Spucknäpfe, finde ich vier »Ausbläser« und drei »Blindgänger«.