Reise zur deutschen Front, 1915
Part 2
Plötzlich ist finstere Nacht um mich herum. Langsam und vorsichtig fährt der Zug durch einen von den Franzosen zerstörten Tunnel, den unsere wackeren deutschen Pioniere in unglaublich kurzer Zeit wieder wegbar gemacht haben. Kleine Lichter blitzen im Dunkel auf, die Gestalten der feldgrauen Arbeiter sind grell und grotesk beleuchtet, zwischen ihnen und den Insassen des Zuges werden heitere Zurufe gewechselt -- und nun fährt der Zug in den Tag hinaus. Es ist ein trüber Tag, schon nahe dem Abend, und dennoch wirkt sein Licht wie eine Himmelsglorie. Und neben der Bahnstrecke, im Höfchen einer Soldatenbaracke, stehen noch vom Heiligen Abend her die drei mit Silberfäden geschmückten Christbäume. Das unaufhörliche Regengepritschel der letzten Wochen hat sie freilich schon übel zugerichtet; dennoch sind sie noch immer umwoben von zärtlicher Heimatsehnsucht und lieblichen Erlösungsbildern.
Überall gewahrt man arbeitende Soldatenschwärme; endlose Kolonnen knattern über die Wege hin; auf den Straßen sind Züge von französischen Gefangenen in roten Hosen damit beschäftigt, die von den Lastautomobilen ausgerissenen Stellen und die tiefen Granatenlöcher zu ebnen. Und in der Ferne, über weite und öde Felder, sieht man die zierlichen Figürchen feldgrauer Patrouillenreiter hintraben. Auch die Pferde, ob Rappen, Schimmel, Fuchsen oder Schecken, sind alle grau vom bodenlosen Morast dieser Regenzeit.
Da kommt wieder ein Dorf, in das sich Überschwemmung und Zerstörung teilen. Inmitten der Verwüstung steht manchmal ein unversehrtes Haus, aus dessen Fenstern das Leben herausguckt mit den Augen einer scheuen Zufriedenheit -- Augen, welche sagen: »Auch das Dasein in Elend und Trauer ist noch ein besseres Ding als Tod und Verwesung.«
Das Fort Montmédy, auf einer malerischen Höhe gelegen, zeichnet sich schwarz wie Tinte in den Abendhimmel. Der tiefere Stadtteil am Ufer des Stromes zeigt nur geringe Spuren von Zerstörung. Überall sieht man Baracken und Zelte der deutschen Landstürmer. Die nassen Tücher glänzen und pludern im Winde. Hier mag die Nachtruhe nicht sonderlich gemütlich sein. Mitten in den weiten Flächen der Überschwemmung stehen große Zelte bis zur halben Höhe unter Wasser. Hier kam die Überflutung in der Nacht so schnell, daß man die Zelte nimmer abbrechen, nur das Leben noch retten konnte. Mit Beschämung denke ich an mein behagliches und warmes Bett daheim; es ist wahr, ich habe viele Nachtstunden schlaflos in ihm verbracht, wachgehalten von der Sorge um Heimat und Heer; aber bei den Gedanken an das, was unser Heer im Felde leistet und was es an Mühsal zu ertragen hat, gab mir meine suchende Phantasie kaum ein annäherndes Bild der Wahrheit, wie ich sie jetzt zu sehen bekomme. Wir in der Heimat müssen noch viel, =viel= nachdenklicher werden, um den großen Unterschied zwischen der deutschen Heeresarbeit im Felde und unserem bescheidenen Hilfswerk in der Heimat mit ausreichender Dankbarkeit zu erfassen. Und =sehr= bescheiden müssen wir werden, müssen erkennen, daß alles, was wir tun, noch immer zu klein, noch immer zu wenig ist.
Auf einem Bahnhof hält mein Zug neben einer langen, mit Tannenreis geschmückten Wagenreihe, vollgepfropft mit frischen Truppen, mit etwa tausend Bonner Burschen, jung, heiter und gesund. Jahrgang 1914. Alle Wagenwände sind bedeckt mit Kreidekarikaturen von Engländern und Franzosen. Drollige Inschriften:
»Achtung! Deutsche Bluthunde!« -- »Platz frei, die Barbaren kommen!« -- »Blaue Bohnen zur Fütterung britischer Löwen!« -- »Weinet nicht, ihr Bonner Mädels, wir kommen bald wieder!« Aus jedem Fenster guckt ein halbes Dutzend dieser frischen fröhlichen Gesichter heraus. Ich frage: »Wohin geht's?«
Die kurze Antwort: »Dreschen helfen!«
Von Wagenfenster zu Wagenfenster gibt es eine muntere Konversation, bis aus dem Wagen da drüben eine strenge Unteroffiziersstimme herausruft: »Vorsicht beim Antworten! Der olle Kunde fragt zu viel!«
Weiter geht's. Es öffnet sich der Blick in eine lange, enge Stadtgasse. Nur Soldaten sieht man, Hunderte von Feldgrauen. Dazu zwei barmherzige Schwestern, schwarz, mit weißen Hauben. Und zahlreiche Rekonvaleszenten in Spitalkitteln erholen sich bei einem Spaziergang, ehe die Dämmerung kommen will.
Wieder die öden Felder. Eine Arbeiterhütte mit weißblauem Fähnchen gleitet vorüber. Ich möchte beim Anblick dieser Heimatfarben vor Freude schreien. Bevor ich das Fenster aufbringe, ist die Hütte davongelaufen, das liebe Fähnchen verschwunden.
Bei Chauvancy bauen deutsche Pioniere an einer von den Franzosen gesprengten Brücke. Ich brülle zum Fenster hinaus und winke mit beiden Händen. Die Pioniere gucken und lachen und fragen sich, was für ein Narr da im Zuge ist? Kein Narr! Ein Deutscher voll stürmischer Dankbarkeit und Bewunderung! Nur eine kurze Strecke feindlichen Landes hab' ich von der Grenze bis hierher durchfahren, kaum ein paar hundert Kilometer lang. Doch in jeder Minute fand ich reichlich Ursache, über das immense Maß von Arbeit zu staunen, das deutscher Fleiß und deutsche Intelligenz hier geleistet haben, um alles von den Franzosen und vom Krieg Zerstörte wieder zurückzugewinnen für die Bedürfnisse des deutschen Heeres und für den allgemeinen Verkehr. Wenn der kommende Friede unsere deutschen Helden mit Eichenlaub und Lorbeer bekränzen wird, muß er einen besonders schönen und reichverdienten Kranz für die deutschen Pioniere flechten. Wären die Pioniere, die ich da gesehen habe, nicht so feste, stramme und derbschlächtige Gestalten, ich möchte sie die lieben Heinzelmännchen des Deutschtums nennen! An ihnen besonders wollen wir Daheimgebliebenen uns ein Beispiel nehmen! Ein ganzes Volk von Pionieren wollen wir sein, von Pionieren des deutschen Gedankens, der deutschen Treue und Hilfsbereitschaft, der deutschen Ausdauer und Beharrlichkeit!
Man muß, was unsere Pioniere entlang der Maas und im Wasser und Sumpf dieser meilenweiten Überschwemmungsgebiete geleistet haben, mit eigenen Augen sehen. Sonst glaubt man es nicht, sonst hält man das deutsche Arbeitswunder, das hier gewirkt wurde, für ein phantastisches Märchen.
Immer trüber sinkt der Abend. Doch die Dunkelheit beendet das Werk dieses Fleißes nicht. Hunderte von Fackeln und Pechflammen brennen auf -- leuchtende Sterne der deutschen Gewissenhaftigkeit!
Jenseits einer mächtigen Wasserfläche, die aussieht wie ein großer, milchweißer See, steigt zwischen kleinen hübschen Wäldchen eine weitläufige Stadt über sanft geneigte Hügel empor -- =Sedan=!
Du heiliger Name! Deine beiden Silben sind wie ein weihevoller Zauber, der eine Fülle von herrlichen Bildern in mir erweckt und mich träumen läßt von deutscher Kraft und Größe, von deutscher Vergangenheit und deutscher Zukunft.
Der Bahnhof ist ein Gewühl von Soldaten. Tausende von Feldgrauen! Heimkehrende und Ankommende. Wohin man die Ohren dreht, überall hört man die lieben deutschen Laute. Sie wirken doppelt eindrucksvoll, hier, auf dem Boden der feindlichen Fremde, hier, auf dem Frühlingsacker des deutschen Werdens!
Ganz unfaßbare Mengen von Postsäcken und Gepäckballen werden hin und her geschoben, ausgeladen und neu verstaut -- Wagenladungen mütterlicher Grüße und Zärtlichkeiten, Wagenladungen treuer Heimatsgedanken unserer Soldaten. Und der ganze Bahnhof ist ein unübersehbares Gewimmel von stehenden und kommenden Zügen, von qualmenden oder rastenden Lokomotiven.
Weiter geht's. Die sinkende Nacht umhüllt mir alles Kommende. In der stahlblauen Dämmerung glänzen wieder die großen Streckenlaternen. Der Tag endet im Feindesland, wie er am Morgen in der Heimat begann: mit strahlenden Lichtern in der Dunkelheit.
Unter strömendem Regen rauscht der Zug durch die Finsternis. Geht's über eine Brücke, so hört man das dumpfe Brausen des hochgestiegenen Stromes. Draußen ist wenig zu sehen: gleitende Laternen, pechschwarze Hügelketten und die matt blinkenden Wasserflächen der großen, noch immer wachsenden Überschwemmung.
In einer Station bei längerem Aufenthalt kommt eine strenge Kontrolle aller Reisenden, die der Zug noch enthält. Der Offizier, der meinen Ausweis musterte, nickt mir freundlich zu: »Sie werden erwartet!«
Noch eine kurze Fahrt und ich bin am ersten Ziel meiner Reise, im Großen Hauptquartier. Auf dem Bahnhof ein liebenswürdiger Empfang. Es ist sieben Uhr abends. Für acht Uhr bin ich zur kaiserlichen Tafel geladen.
Das Wetter will sich klären. Der Regen hat aufgehört. Helle Sterne glänzen aus den Wolkenklüften, während ich den großen, stillen Bahnhofplatz überschreite. Ein Automobil mit Offizieren saust vorüber, und wie langgestreckte Lichtvögel flattern die Scheinbündel der Autolaternen in die Finsternis. Schlagbäume und Schilderhäuschen in den deutschen Farben leuchten auf, Wachen schreiten hin und her, und überall ist ein leises Klirren, ein Gefunkel von Metall.
Hinter dem laublosen Astgewirre hoher Bäume strahlt eine Reihe von erleuchteten Fenstern.
3.
17. Januar 1915.
Zwischen den hohen Bäumen eines stillen Parkes steht eine schmucke Villa. Ihre Besitzer sind geflohen, als das deutsche Heer erschien und das französische sich auch auf die Socken machte. Es waren wohlhabende Leute, die stolz waren auf ihr Haus; das merkt man schon am Äußern des Baues, an der Gepflegtheit des Parkes, den jetzt eine schweigsame Nacht umträumt, und an der etwas großtuenden Freitreppe, auf der jetzt im Flackerschein der Laternen zwei regungslose Schildwachen mit blanken Klingen stehen. Und es waren Leute, die es liebten, an regenreichen und stürmischen Winterabenden behaglich am Kamin zu sitzen und amüsant zu plaudern, vielleicht nach etwas altmodischem Stil, so ähnlich, wie Konversation in einem Lustspiel von Scribe oder Pailleron gemacht wird; das vermutet man beim Anblick der Räume, deren Komfort eine wunderliche Mischung von gutem Geschmack und provinzialer Anbequemung zeigt, von ererbter Gediegenheit und wahllos Gesammeltem.
Diese Leute, die nicht mehr da sind und irgendwo im Süden von Frankreich sitzen, in Bordeaux oder bei Nizza, denken wohl in ruheloser Sorge an ihr verlassenes, unbeschütztes Haus und glauben es verwüstet durch alle »Barbarengreuel«, die sie in ihren Journalen als Zugabe zu jedem Frühstück genießen. Ihre Sorge ist ein Irrtum, ist eine von jenen halb grauenhaften und halb lächerlichen Verzerrungen der Wahrheit, wie sie rings um unsere Grenzen üblich wurden, »seit Deutschland diesen schaudervollen Krieg über die ganze Welt heraufbeschwor« -- so sagen unsere Feinde, obwohl sie es besser wissen. Das Haus dieser entflohenen Leute -- statt »entflohen« gebraucht man hier in Frankreich die mildere Wendung »abgereist« -- dieses Haus, das sie aller Verwüstung ausgesetzt vermuten, ist in Wahrheit sorglicher behütet, als sie selbst es vor jedem Vernichtungsschreck des Krieges hätten behüten können, wenn sie geblieben wären. Denn unter diesem verlassenen Dache, in dessen Räumen jetzt aus allen Richtungen der Erde die Fäden eines großen Weltgeschehens zusammenlaufen, wohnt heute der =Deutsche Kaiser=, der Führer unseres in Begeisterung und Lebenstrotz geeinten Volkes, der oberste Kriegsherr unseres siegreichen Millionenheeres, das der deutschen Heimat erspart, was unsere Feinde unter den Schlägen des von ihnen entfesselten Krieges zu leiden haben.
Zwischen den Mauern dieses stillen, gutbehüteten Hauses ist nichts von einem großzügigen Hofhalt zu gewahren. In dieser ernsten Zeit ist auch das Leben des Kaisers von feldmäßiger Schlichtheit, ist wie gekleidet in ruhiges, unauffälliges Feldgrau.
Die wenigen Gäste der Abendtafel versammeln sich in einem kleinen Empfangsraum. Schon das begrüßende Wort, das jeder Kommende mit den schon Anwesenden tauscht, ist der Beginn eines lebhaft bewegten Gespräches über die jüngsten Vorfälle des Krieges, über den verheißungsvollen Stand der Dinge im Osten, über den Fortschritt im Westen.
Nun verstummt das Gespräch, und man tritt von der Türe zurück, die ein Diener öffnet.
Heftig schlägt mir das Herz unter dem Touristenkittel, schlägt mir vor Erregung fast bis an den Hals herauf. Aller Wirbel meiner Gedanken drängt auf die Frage hin: »Wie wird der Kaiser aussehen, was werde ich lesen können aus seinen Zügen, was wird herausklingen aus seinen Worten, was werde ich fühlen müssen unter dem Blick seiner blanken Augen, jetzt, in dieser Zeit des Ringens, in der jedes deutsche Herz sich sehnt nach dem aufrichtenden Orakel eines Wissenden, nach einem Halt und einer Stütze in jenen beklommenen Minuten, die heute auch dem Gläubigsten und Vertrauensvollsten nicht völlig erspart bleiben können?«
Es war mir seit einem Jahrzehnt vergönnt, den Kaiser zu sehen in manch einer heiteren Stunde des Friedens, den er liebte und bis zum äußersten zu erhalten suchte, er, der diese Friedensliebe durch ein Vierteljahrhundert in zahllosen Taten der Versöhnlichkeit und des Entgegenkommens erhärtete, und den unsere Feinde jetzt in grotesker Gehirnverwirrung als Friedensstörer und Eroberungslüstling bezeichnen, als Hunnenmogul und zweiten Attila.
Immer hab ich am Kaiser das von jedem Schwanken freie Gleichmaß seiner aus Ernst und Frohsinn gemischten Art verehrt und bewundert, habe mich erfreut an dem klaren Seelenspiegel seines Blickes, an der temperamentvollen Offenheit seines Wortes, an seinem kräftigen Lachen, an der freien Menschlichkeit und Frische seines persönlichen Wesens, wie an der gesunden Innerlichkeit, die ihm eine besonnene, für jeden deutschen Bürger vorbildliche Lebensführung und sein unerschütterliches Vertrauen auf Gott, Welt und Menschen bis über die Reife des Mannesalters bewahrte. Mein Glaube an den Kaiser als Menschen vermittelte mir auch immer das Verständnis seiner Eigenart als Herrscher. Ich meine, das ist so unter dem Kronreif: Ganz ein Mensch bleiben, heißt ganz ein Fürst werden.
Aber jetzt? Wie viel Hartes, wie viel gewaltsam Formendes mögen diese fünf Monate seit Kriegsbeginn über den Kaiser gebracht haben, an Verantwortung, an Gewissenskämpfen, auch an schmerzvollen Enttäuschungen? Was hat die Last und das Gewicht dieses Weltaufruhrs ihm gegeben, was ihm genommen? In dieser Zeit, in der die widersinnigsten Gerüchte -- aus Haß oder Liebe, aus Furcht oder Hoffnung geboren -- so unzählbar aufschnellen, wie die Heuschrecken aus dem Kraut einer Sommerwiese -- in dieser letzten Zeit hab ich oft erzählen hören: das Haar des Kaisers wäre weiß geworden, sein Gesicht und seine Haltung um Jahre gealtert. Ich habe das nie geglaubt. Gesunde und starke Bäume erfüllen ihre Zeit, trotz Sturm und Ungewitter. Und dennoch muß ich bekennen: Jetzt, vor dem Augenblick, in dem ich unter dem dröhnenden Glockenschlage einer über Wohl und Wehe unseres Reiches entscheidenden Zeit, hier, in Feindesland, auf erobertem Boden, den Kaiser des deutschen Volkes sehen sollte, befiel mich etwas Bedrückendes, eine fiebernde Erregung, fast eine quälende Angst. Wie werde ich ihn wiedersehen? Wird die frohe Güte, die immer aus ihm redete, gemindert sein, verwandelt in Zorn und Härte? Werden Mißmut, Zweifel und Sorge aus seinen sonst so gläubigen Augen sprechen? Haben die Fäuste des Geschehens ihn gefaßt, ihn umgemodelt, wie sie es mit vielen machen, die der Widerstandskraft entbehren und sich von den Ereignissen zerren lassen? Hat der heiße Atem des Krieges ihn angehaucht und in ihm geweckt, was nie noch in seinem Innern war? Ist in ihm unter dem Donnerdröhnen des Schlachtfeldes ein Neues entstanden, das man beklagen, vor dem man erschrecken müßte? --
Da tritt er ein, in der feldgrauen Generalsuniform, mit dem gleichen ruhig-elastischen Schritt, den ich immer an ihm gesehen. Wohl wahr: sein Haar, mit der kleinen, trotzigen Welle über der rechten Schläfe, ist seit dem Frühjahr ein wenig grauer geworden, kaum merklich. Und eine Furchenlinie, die ich früher nie gewahren konnte, ist in seine Stirne geschnitten und schattet zwischen seinen Brauen. Aber nur eines einzigen Blickes in diese klaren und offen sprechenden Augen bedarf es -- und gleich einer glühenden Welle durchströmt mich der sehnsüchtige Wunsch: es möchten alle Tausendscharen der Deutschen, namentlich jene, in denen Sorge und Bangigkeit zu erwachen drohen, jetzt an meiner Stelle stehen! Dann würden sie in freudiger Ruhe aufatmen, wie ich!
Unter allem Sturm dieser vierundzwanzig roten Wochen ist der Kaiser in jeder Wertlinie seines Wesens der gleiche geblieben -- nein, nicht der gleiche, er ist einer geworden, der gewann und nichts verlor. Der Kaiser ist ein durch die Zeit Erhöhter! Man empfindet es vor dem Bilde seiner Würde und Haltung, empfindet es bei seinem ruhigen Lächeln, vor seinem ruhigen Blick. Und bevor ich noch ein erstes Wort von ihm höre, strömt etwas Aufrichtendes in mich über. Ein frohes Gefühl der deutschen Sicherheit ist in mir, erneuter Glaube und erhöhtes Vertrauen. Ich weiß: bei =uns= ist die Wahrheit, bei =uns= das Recht, bei =uns= die Kraft und bei =uns= der Sieg!
Ob der Kaiser ahnt, was in mir vorgeht? Er sieht mich plötzlich mit einem jener forschenden Blicke an, die in seinen stählernen Augen sein können. Dann nickt er freundlich, reicht mir die Hand und erhöht mir die Freude dieser Minute durch ein ebenso herzliches wie impulsives Lob meiner Landsleute: »=Na, Ganghofer, Ihre Bayern! Prachtvolle Leute! Die haben feste und tüchtige Arbeit gemacht! Und vorwärts geht es, überall, Gott sei Dank!=« Dann ein Erinnern an die letzte Begegnung im Frühjahr, wo zu Berlin im Palais des deutschen Kronprinzen meine kleine Dorfsatire »Tod und Leben« vor dem Kaiser aufgeführt wurde. Nun schweigt er eine Weile, und sein Lächeln mindert sich und verschwindet. Tief atmend sieht er mir ernst in die Augen und sagt mit einer langsamen und strengen Stimme: »=Wer hätte damals ahnen können, was jetzt gekommen ist? Und daß wir uns hier in Frankreich wiedersehen würden? So!=« -- In einem diplomatischen Aktenstücke, das die deutsche Schuldlosigkeit an diesem Kriege zu dokumentieren hat, können dieser Atemzug, dieser ernste Blick und diese Worte des Kaisers nicht aufgezählt werden. Aber Beweiskraft haben sie. Eine überzeugende.
Man geht zur Tafel. Das Speisezimmer ist ein gemütlicher Raum, der mich weidmännisch anheimelt. Von den braunverschalten Wänden blinken die weißen Hauer wuchtiger Eberköpfe herunter -- Jagdtrophäen, die in den Argonnen erbeutet wurden.
Nur wenige Diener. Und eine kurze, rasche Mahlzeit. Was zur Tafel kam, das weiß ich nimmer. Der Platz an der Seite des Kaisers und der Kreis seiner zehn Gäste, hoher Würdenträger des Heeres und Hofes, gibt mir so viel Beruhigendes, Erfreuliches und Fesselndes zu hören, daß ich der Mahlzeit völlig vergesse, obwohl ich so hungrig wie ein Wolf aus dem Eisenbahnwagen gekommen war und seit vierundzwanzig Stunden auf jagender Reise keinen verschlingbaren Bissen erwischt hatte. Aber wie feldmäßig einfach die Tafel des Kaisers bestellt ist, beweist eine Speisenfolge, die ich mir an einem anderen Abend als Erinnerung mitnahm. Auf dem kleinen Zettelchen, nicht größer als eine Visitenkarte, steht geschrieben:
11. Januar 1915
=Königliche Abendtafel= Gebackene Seezungen Kaltes Fleisch, Kartoffeln in der Schale Obst
Dazu als Getränk: französischer Landwein und Wasser. Und Kriegsbrot gibt es. =Nur= Kriegsbrot! Daran könnte sich mancher bei uns daheim, der unsere Soldaten im Felde kämpfen, leiden, bluten und siegen läßt, mit Strenge und Ungeduld die militärischen Tagesberichte kritisiert und nebenbei nicht die Heldenkraft oder nicht den Willen besitzt, sich die gewohnte Frühstückssemmel zu versagen, ein lehrreiches und mahnendes Beispiel nehmen! Wir müssen lernen, unsere kleinen Liebhabereien beiseite zu schieben, jeden der Allgemeinheit schädlichen Eigennutz aus uns herauszuklopfen und jedes Gefühl, jeden Gedanken und jede Lebenshandlung auf das Ziel einzustellen, das wir für Heimat und Volk erkämpfen müssen.
Alles, was ich an des Kaisers einfacher Tafel sehe und höre, wird mir zur Ursache einer sprunghaften Gedankenteilung. Mit Ohr und Herz bin ich bei jedem Worte, das da gesprochen wird, und bin zugleich in der Heimat, um zu schauen und zu vergleichen. Und immer deutlicher wird es mir, daß manches, was wir Daheimgebliebenen zu denken und zu tun lieben, ganz wesentlich anders werden müßte, wenn wir gleichwertig werden wollen mit jenen, die bei harter Arbeit draußen stehen im Felde.
Nach der Mahlzeit kommt eine ernste, manchmal auch von einem Lachen erhellte Plauderstunde in einem kleinen, netten Wintergarten, wie wir ihn auf der deutschen Bühne schon in vielen französischen Komödien gesehen haben. Zigaretten und kurze Pfeifen brennen, und in Kelchgläsern wird Münchner Bier gereicht. Auf dem Tisch, an dem sich der Kaiser niederläßt, stehen blühender Flieder und Rosen, die ihm die Kaiserin aus Berlin sandte. Alles Gespräch dreht sich um den Lauf der Dinge in der Heimat und um wichtige Episoden des Krieges. Das ist eine wesentlich andere Art, vom Kriege zu sprechen, als wir sie daheim bei unserm Bierbank- und Teetischklatsch zu hören bekommen. Hier wird nicht die Welt geteilt, hier werden nicht Länder genommen und Reiche verschenkt, hier gründet man nicht »Pufferstaaten« und korrigiert nicht die Landkarte von Europa mit einem anspruchsvollen Blaustift. Hier gilt alles Denken nur dem Ernst und den Notwendigkeiten der Gegenwart; von der Zukunft ist nicht die Rede. Unausgesprochen klingt aus allen bedeutsamen Worten, die ich höre, das feste und klare Zeitgesetz heraus: »Erst arbeiten und siegen. Alles weitere wird kommen, wie es kommen muß und wie wir es uns verdienen.«
-- Ich gestehe, daß ich da manchmal ein bißchen schamrot wurde. Und in meinem Inneren hab' ich heilig geschworen, niemals wieder in phantastischen Nächten meinen Handatlas durch ausschweifende Linien zu verunreinigen und nebulose Zukunftsgeographie von Mittelafrika zu betreiben. Und während ich hier, in einem hundekalten Stübchen zu Peronne, diesen heißen Schwur mit frierenden Fingern niederschreibe, klirrt unter meinem Fenster der feste Taktschritt deutscher Soldaten vorüber, die zu den Schützengräben marschieren, Automobile rasseln vorbei in sausender Fahrt, und unaufhörlich rollt von der nicht allzu weit entfernten Front das Murren schwerer Geschütze zu mir her. Die gaukelnden Kriegsvorstellungen, die ich aus der Heimat mitbrachte, beginnen sich jetzt unter den harten Wirklichkeitsbildern, die mich bei Tag und Nacht umwirbeln, sehr gründlich zu verändern. --
Jener erste Abend, an dem ich Gast des Kaisers war, bescherte mir auch ein eindringliches Exempel der Art, wie im Großen Hauptquartier gearbeitet wird, bis spät in die Mitternacht hinein. Bevor ich davon erzähle -- d. h. erzählend alles verschweige -- will ich, man liebt als Poet die Kontraste, dem großen Zeitbilde noch ein niedlich-intimes Lichtchen aufsetzen.
Die Gesellschaft im französischen Wintergarten hat sich nach der Mahlzeit noch um einen schweigsamen, höchst wohlerzogenen Gast vermehrt; das ist ein kleiner schwarzer Teckel mit gescheiten Augen, des Kaisers Lieblingshund, augenblicklich ein bißchen invalide, mit verbundener Pfote; so oft er will, darf er es sich auf dem Schoß seines Herrn bequem oder, richtiger gesagt, unbequem machen; manchmal nimmt er auf des Kaisers Knie höchst schwierige und bedrohsame Stellungen ein, die fast an die Kletterkünste einer Gemse erinnern -- und dann muß der Deutsche Kaiser so lange stillhalten, bis es dem zappeligen Teckelchen wieder beliebt, auf den Boden zu springen. Von der rührenden Geduld, die der Kaiser an dieser kleinen Quälkrabbe erweist, läßt sich eine Brücke zu einem tiefen Zug seines Charakterbildes hinüberschlagen. Denn er kann eine bewundernswerte Geduld auch mit Dingen und Menschen haben, die ihn viel gröber belästigen, als es der kleine, nette Teckel zu tun gewöhnt ist.
Gegen die elfte Abendstunde wird für den Kaiser und eine Anzahl hoher Offiziere ein militärischer Vortrag angesagt. Eine Neuheit der Kriegstechnik soll in Projektionsbildern vorgeführt werden, die der begleitende Vortrag eines Offiziers erläutern wird.