Reise zur deutschen Front, 1915
Part 10
Vom Bahnhof marschieren die Gesättigten zu ihren Quartierstellen, und wenn sie von der nahen Front her den ersten Kanonendonner hören, blitzen ihre Augen vor Ungeduld. Wo sie hinkommen, in Häusern, Meierhöfen, Fabriken oder Schulen, finden sie alles zu ihrer Unterkunft bereit; auf jeder Türe steht angeschrieben, wieviel Mann hier wohnen sollen. Fünfzehnhundert werden untergebracht in einer großen Tuchfabrik. Vier riesige Webersäle mit guter Luft und hellen Oberlichtfenstern. Aus drei von diesen Sälen wurden die mechanischen Webstühle herausgeschleppt und im vierten dicht aneinander gerückt; ein bißchen schnell hat es gehen müssen; wenn der »abgereiste« Fabrikant dereinstens heimkehrt, wird er geraumer Zeit bedürfen, um diesen eisernen Hexenknäuel wieder auseinander zu dröseln. Die drei freigemachten Säle sind verwandelt in Schlafräume; was in der Umgegend an Bettstellen noch aufzutreiben war, wurde hier zusammengetragen; daneben lange Reihen von Lagerstätten auf dem mit Brettern belegten Boden: für jeden Mann ein doppelter Strohsack, eine wollene Decke, ein Kissen, ein Handtuch; jeder hat sein Brettregal für den kleinen Kram, und die ganzen Räume sind durchzogen von Lattengestellen für Waffen, Mäntel und Tornister. Jeder Feldwebel bekommt separat seinen Bretterverschlag, der verwandelt ist in ein wohnliches Stüberl. Auch die Kochherde mit Geschirr, die Waschküchen und Desinfektionsräume, alles steht schon zum Gebrauche bereit. Und das alles wurde herbeigeschafft und fertiggestellt in =vier= Tagen. Wie schwatzlustig man sein mag, beim Anblick einer solchen Arbeitsleistung wird man still.
Ehe die Neugekommenen ruhen dürfen, müssen sie sich säubern. Und da hab' ich ein Bild gesehen, das mir mein Lebenlang in froher Erinnerung bleiben wird. Die Tuchfabrik, in der die Fünfzehnhundert einquartiert wurden, hat eine mächtige Wäschereihalle. Die Maschinen, die Rohrleitungen, die Transmissionen, die Treibriemen, alles ist noch da. Aber jede Wasserpumpe ist in eine Badebrause umgezaubert, und in den tiefen, halbstubengroßen Holzkufen, in denen früher die neugewobenen Tücher gesotten und ausgewaschen wurden, sitzen jetzt unsere deutschen Jungen im dampfenden Wasser, ein Dutzend in jeder Kufe, die Arme und Köpfe von Seifenschaum bedeckt, rippelnd und scheuernd und plätschernd, munter und schreivergnügt wie pritschelnde Dorfbuben.
Aus diesem Bild redet eine so gesunde Lebensfreude heraus, daß ich sie nicht zu schildern vermag. Und beim Anblick dieser lustigen Köpfe und dieser blinkweißen Jünglingsschultern mußte ich mich der schwarzgrau gewordenen Gesichter und Fäuste jener dreiundfünfzig toten Franzosen erinnern, die seit acht Wochen vor dem feindlichen Schützengraben von Maricourt liegen, verlassen von ihren Brüdern, verlassen von ihrer pietätlosen Heimat! Wie zwischen einzelnen Menschen, so gibt es auch zwischen Völkern sieghafte Unterschiede. Aber wir, natürlich wir, sind die »Barbaren«, und Frankreich »marschiert an der Spitze der Zivilisation«!
Wie ich Unterkunft, Verpflegung und Hygiene unserer Truppen hier an einem Einzelfall im kleinen geschildert habe, so wird es innerhalb der Möglichkeitsgrenzen im großen durch das ganze deutsche Heer gehalten, immer nach dem Grundsatz: Die Gesundheit des Soldaten ist sein Schild und seine stärkste Waffe.
In =jedem= mit deutschen Truppen belegten Städtchen, sogar in jedem Dorfquartier wurde eine Badegelegenheit eingerichtet. Wo nur zwanzig Feldgraue beisammen sind, gibt es wenigstens ein mit Blech ausgeschlagenes Fußbad und eine Warmwasserdusche. In Peronne wurde eine militärische Badeanstalt installiert, in der immer hundert Mann gleichzeitig baden können. Ein Erquicken ist es, das anzusehen: wie die Leute, die nach der Ablösung aus dem Schützengraben dreckig da hineinwandern, frisch und sauber wieder herauskommen, jeder mit dem zusammengewickelten Handtuch unter dem Arm. In dieser Badeanstalt gibt es sogar ein =elektrisches Lichtbad= zur Bekämpfung der Schützengraben-Rheumatismen -- eine große Warenkiste, deren Deckel mit einem Halsausschnitt versehen ist, und deren Inneres mit Wachsleinwand tapeziert und mit Glühlampen behängt wurde.
Dieser obligatorische und streng überwachte Badebetrieb ist ein gesegnetes Mittel gegen Krankheiten und Verlausung, ein wunderwirkender Erneuerungsbrunnen für die körperliche Spannkraft unserer Soldaten. Aber der Krieg schlägt Wunden, und die Mühsal des Dienstes ist eine so harte, daß sie trotz aller hygienischen Fürsorge schließlich doch manchem Feldgrauen die feste Gesundheit erschüttert. Wie diese Verwundeten und Erkrankten in unseren Feldlazaretten betreut werden, das glauben wir in der Heimat zu wissen. Es hat mich aber doch ein frohes, dankbares Staunen befallen, als ich dieser Tage das Lazarett von Caudry besuchte. Vor vier Monaten war das noch eine französische Spitzenfabrik. Jetzt steht da ein deutsches Lazarett von so mustergültiger Ordnung und Einrichtung, daß man Riesenkräfte haben möchte, um es vom französischen Boden wegzuheben und in eine deutsche Stadt hineinzustellen. Da sieht man =nichts= mehr, was den Anschein des in Eile und notdürftig Adaptierten hat, alles ist so, als wär' es von Anfang für sanitäre Zwecke gebaut und eingerichtet.
Die vom üblichen französischen Schmutz versumpften Höfe wurden mit gepflasterten Wegen durchzogen, alle Gebäude und Räume spiegeln von Sauberkeit, alle Mauern sind weiß getüncht und sehen aus, als wären sie mit frischgewaschener Leinwand überzogen. Von der nächsten Bahnstation wurde ein Geleise bis vor die Tür des Lazaretts gelegt, damit die Verwundeten und Kranken ohne Gerüttel und Plage hergebracht werden können. Die innere Einrichtung ist gegliedert wie in jedem großen städtischen Spital. Neben der Amtsstube und den Zimmern der Ärzte und Schwestern ist die Apotheke, ein zahnärztliches Atelier, der Operationssaal und die Röntgen-Kammer. Alle Wirtschaftsräume, die appetitlichen Vorratshallen, die große Küche, die Spülkammer, die Wäscherei, der Trocknungsraum und die Bügelstube, das alles ist praktisch und bequem aneinander gereiht zu einem zusammenhängenden Ganzen. Im Oberstock sind die Nähstuben für Anfertigung der Lazarettkleidung und Bettwäsche, sowie die Handwerksräume, die Schneiderwerkstatt und Schusterei, wo die Uniformen und Stiefel der eingebrachten Verwundeten gesäubert und ausgebessert werden. In einem großen Dachraum liegen diese neu hergerichteten Soldatenhüllen mit Helmen und Waffen in langen Reihen, Nummer an Nummer, und warten auf das genesene Leben, das wieder in sie hineinschlüpfen und wieder dem Vaterlande dienen soll. Das stille Bild dieser Kriegsgarderobe hat etwas tief Ergreifendes. Und unter solch einem feldgrauen Kleiderbündelchen seh ich nur =einen= braunen Soldatenstiefel stehen. Wo mag der andere geblieben sein? Und der Fuß, der dazu gehörte?
Das Lazarett hat zwölfhundert Betten. Alle waren schon in Gebrauch. Jetzt, Gott sei Dank, sind nur fünfhundertsiebzig belegt. Tritt man in einen dieser breiten und langen Bettsäle, so hat man nicht den Eindruck eines Krankenraumes. Man glaubt: das ist eine weiße, luftige Erholungshalle, durch deren große Deckenfenster eine Fülle ruhigen Lichtes hereinströmt. Die meisten der Genesenden sind schon außer Bett; sie plaudern oder schreiben Briefe, lesen oder spielen und tragen die hellen, sauberen Lazarettkittel, die aus requirierten belgischen Stoffen von französischen Näherinnen gefertigt wurden. Alle Betten sind weiß -- gute eiserne Bettstellen mit Drahtfederung und dreiteiligen Matratzen -- und zu Häupten eines jeden Bettes hängt ein Täfelchen mit dem Namen des Bettgastes und dem Datum seiner Ankunft. Nur in wenigen Gesichtern ist noch die Blässe des überstandenen Leidens, fast in allen schon die gute Farbe der wiederkehrenden Gesundheit. Ich spreche mit vielen, auch mit solchen, die noch liegen müssen. Nie hör' ich eine Klage, nie einen Laut des Mißmutes, höre nur gutmütige, herzhafte, auch heitere Antworten, und in allen, wie verschieden sie auch klingen, ist immer der gleiche Sinn: »Jetzt darf ich bald wieder antreten!«
Bei einem von denen, die noch liegen, zeigt die weiße Bettdecke eine Form, als wäre unter ihr etwas nicht mehr vorhanden, was zu einem ganzen Menschen gehört. Ob es =der= ist, für den der einsam gewordene Stiefel aufbewahrt wird? Ich bring' es nicht fertig, diesen Kranken nach seiner Verwundung zu fragen, drücke stumm seine Hand und nicke ihm zu; auch er lächelt und nickt, aber seine Augen werden ein bißchen feucht. Und gleich beginnt eine Schwester heiter und herzlich mit ihm zu plaudern. Von solchen Schwestern in ihren dunklen Kleidern sind etwa zwanzig in dem großen weißen Saal -- ernste und dennoch freundliche Frauen- und Mädchengesichter mit guten Augen -- man möchte einer jeden in deutscher Dankbarkeit die hilfreichen Hände küssen.
In mir ist eine Stimmung, die sich wunderlich mischt aus tiefer Erschütterung und glücklichem Aufatmen. Was könnte einen Deutschen froher machen, als mit eigenen Augen sehen zu dürfen: =so= werden unsere leidenden Soldaten gepflegt und wieder dem Leben entgegengeführt.
Es fällt mir schwer, dieses weiße Heiligtum der deutschen Lebenserneuerung zu verlassen. Auf der Schwelle muß ich zögern, muß das Gesicht drehen. Und da fällt mir etwas auf, was ich vorher nicht bemerkt hatte, etwas mir Unverständliches; über die Decke des langen Saales, in welchem früher die Spitzenwebstühle standen, zieht sich eine Transmissionswelle mit vielen Riemenscheiben hin; und diese Welle =läuft=, ganz leer, ohne Riemen, lautlos. Mein liebenswürdiger Führer, General v. Nieber, der mit den Ärzten seiner Etappe dieses mustergültige Kriegslazarett geschaffen hat, erklärt mir die sonderbare und anscheinend zwecklose Sache: »Wenn die Welle längere Zeit unbeweglich liegt, rosten die Lager und verderben. Drum lassen wir alle Transmissionen abwechselnd jeden Tag eine Stunde lang laufen. Wenn der Besitzer dieser Fabrik wieder heimkommt, soll er sein Eigentum so weit in Ordnung finden, als es der Krieg und die Fürsorge für die Unseren erlaubte.«
Ein deutsches Wort! Ob es von dem Fabrikbesitzer -- »_il est parti!_« -- bei der Heimkehr den verdienten Dank erfahren wird? Ich besorge: der wird nur entdecken, was der Krieg ihm verdarb, und wird für das, was deutsche Gewissenhaftigkeit ihm unverdorben bewahrte, kein sehendes Auge haben.
Nicht weit von Caudry, in Le Cateau, befinden sich die ebenso musterhaft eingerichteten Genesungsheime für Mannschaften und Offiziere, umgeben von einem lückenlosen Apparat für gute Ernährung. Da ist alles herbeigeschafft, was dem Erstarken der Gesundheit dienen kann. Und weil frische Eier für Rekonvaleszenten sehr bekömmlich, aber im geflügelverschlingenden Kriege und dazu noch im Winter äußerst selten sind -- es wurde einmal für dreißig Eier ein Automobil in Tausch gegeben und für ein halbes Pfund Butter ein ganzes Veloziped -- drum haben die deutschen Ärzte in Le Cateau eine geheizte Hühnerzucht installiert. Ein großer Scheunenraum wurde in ein Warmhaus für tausend Hennen verwandelt, und ein beharrlich glühender, von einem Drahtgitter umzogener Ofen redet dem gackernden Völklein der gefiederten Französinnen mit lieblichen Wärmestrahlen zu, recht viele, viele Eier für unsere genesenden Feldgrauen zu legen. Zwanzig gallische Hähne befördern das nützliche Werk. Überraschenderweise vertragen sie sich sehr gut miteinander; sie haben der Friedensarbeit so viel zu verrichten, daß sie der angeborenen Kriegslust völlig vergessen.
Hinter diesem heiteren Bildchen steht eine ernste Wahrheit. Wieviel deutsche Hände mußten sich rühren in ruhelosem Fleiß, wieviel kluge Gedanken mußten in deutschen Gehirnen aufglänzen, wieviel Geduld mußte sich in hilfreiche Arbeit verwandeln und wieviel energischer Wille mußte umgesetzt werden in wirksame Tat, bis innerhalb weniger Monate ins Leben gerufen war, was ich auf Schritt und Tritt hier leuchten sehe als ruhmvollen Sieg der deutschen Regsamkeit und des deutschen Wesens.
Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart
$Eiserne Zither$
Kriegslieder von =Ludwig Ganghofer=
1914/15
Erster Teil -- 16. Tausend Zweiter Teil -- 10. Tausend Klein-Oktav. In Leinwand gebunden M. 1.--.
=Auszüge aus Urteilen der Presse=:
Wer diese weichen und doch herzhaften, diese poetischen und doch ganz realistischen Verse liest, der wird, wenn er ein Deutscher ist, seine Seele in ihnen wiederfühlen. Dr. St.
(=München-Augsburger Abendzeitung=.)
Das Buch kann als ein vorzügliches Werk der Kriegsliteratur bezeichnet werden. Sein Studium bereitet Genuß und ist zugleich Erbauung.
(=Darmstädter Tagblatt=.)
Vaterlandsliebe und heiliger Zorn haben ihm diese aus tiefster Seele flutenden Verse eingegeben; ungekünstelt, aber voll heißen Lebens klingen diese Verse, die aus der deutschen Not geboren und vom Glauben an Deutschlands Recht und Sieg durchzittert sind.
(=Schwäbischer Merkur, Stuttgart=.)
Gehaltvolle, geharnischte Lieder des berühmten kerndeutschen Erzählers.
(=Braunschweigische Landeszeitung=.)
Es sind zündende, poetisch schöne Gedichte über Kriegs- und damit zusammenhängende Ereignisse, welche der allgemein bekannte und beliebte Dichter uns bietet. Wir sind überzeugt, daß die hübsch ausgestattete Sammlung Begeisterung hervorrufen und in allen deutschen Landen guten Absatz finden wird.
(=Volckmar's Weihnachts-Katalog=.)
Diese Kriegslieder gehören mit zum Besten, was die eiserne Zeit bisher hervorgebracht hat. Sie reißen unwillkürlich mit fort und müssen auch den Sorgenvollen guten Mutes machen.
(=Die Wartburg, Leipzig=.)
Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart
1914 ist erschienen:
$Der Ochsenkrieg$
Roman aus dem 15. Jahrhundert von =Ludwig Ganghofer=
1. bis 15. Tausend
2 Bände. Oktav. Geheftet M. 8.-, fein gebunden M. 10.-.
Ganghofer bietet das nicht alltägliche Schauspiel eines Dichters, der nach einer dreißigjährigen Produktion noch jugendfrisch, ohne Altersrunzeln der Ermüdung dasteht, und dessen jüngste Schöpfung im Glanz edler Meisterschaft alle Qualitäten seiner Dichternatur in unverminderter Kraft offenbart. In keinem seiner früheren Werke hat er seine kompositorische Kraft in so hohem Maße wie hier bewiesen. Er fesselt den Leser gleich mit dem dramatisch wuchtigen Auftakt des Romans und läßt ihn bis zur letzten Zeile nicht los. Das Mittelalter mit seiner wilden Brutalität, mit seiner derben Erotik, mit seinem Elend, seiner Pestilenz und mit seiner bei alldem doch urwüchsigen Kraft, steht, mit realistischen Mitteln hervorgezaubert, in leuchtenden Visionen vor uns. Markig sind die Hauptgestalten des Romans gezeichnet, mit überzeugendem Leben gefüllt. Eine Figur verdient ganz besonders hervorgehoben zu werden: der Söldner Malimmes, ein köstlicher Bursche, der in seiner Art das deutsche Wesen ebenso vollwichtig repräsentiert, wie Cyrano de Bergerac das Franzosentum. Hier hat ein Poet seine Löwenklauen gezeigt. Der »Ochsenkrieg« ist ein meisterhaftes Kulturgemälde; als Roman ist das Buch durch seine Naturschilderungen, durch seine Charakterzeichnung und durch die suggestive Kraft der Sprache dem Besten ebenbürtig, was die deutsche Kunst auf erzählendem Gebiet gezeitigt hat.
(=Neues Wiener Tagblatt.=)
Ullstein & Co Berlin SW 68
End of Project Gutenberg's Reise zu deutschen Front, by Ludwig Ganghofer