Reise in Südamerika. Erster Band.
Part 10
Erst später habe ich erfahren, daß jene schneeigen Gipfel, welche wir schon von Bord aus gesehen, die Andeskette waren, die =Cordillera alta=, das vielbesprochene, aller Welt bekannte Gebirge. Eine eigenthümliche optische Täuschung, welche fast allenthalben in Chile auftritt, ließ die 40 bis 50 Stunden weit von jenem niedern Küsten-Gebirge entfernte Kette der hohen Cordillera uns als dicht hinter demselben aufsteigend erscheinen. Es fehlte das, was die Maler Lichtperspective nennen, und ich hatte später von der Cordillera aus, gegen See blickend, eine ähnliche Erscheinung.
Noch an demselben Tage beschied mich der Kapitain in seine Kajüte und eröffnete mir, daß wir demnächst in Valparaiso einlaufen würden, zugleich stellte er mir die Schiffsbücher zur Disposition, so daß ich zu meinen Thermometer- und Barometer-Beobachtungen die tägliche Länge und Breite beizufügen im Stande war.
Es ist Gebrauch auf den meisten Schiffen, auf welchen sich viele Passagiere befinden, sorgfältig die Länge und Breite geheim zu halten. Ja selbst die Matrosen wissen kaum wo sie sich befinden, und vermögen nur muthmaßlich zu schätzen. Es hat dies seinen guten Grund. Abgesehen davon, daß der Kapitain sich kaum retten könnte vor der Unzahl müßiger Fragen taktloser Reisenden, warum man z. B. westwärts und nicht mehr nach Osten steure, und umgekehrt, warum es heute so langsam gehe, und bis zu welcher Zeit man diesen oder jenen Ort erreichen werde, würde auch der Mißmuth der Passagiere besonders bei Reisen, wie die um Kap Horn, bedeutend gesteigert werden, wenn man sich plötzlich um einige Grade zurückgeworfen oder verschlagen sieht, oder wenn der Kapitain zu laviren gezwungen ist. Bei bedrohlicher Stimmung der Mannschaft aber, und offener Meuterei, hat der Kapitain immer die Mittel in der Hand irgendwo einzulaufen oder wenigstens in die Nähe eines Hafens zu gelangen, wo Hülfe und Schutz erwartet werden mag. Mir speciell hatte der Kapitain die freundliche Erlaubniß schon in der ersten Zeit der Reise gegeben, täglich nach dem Journale die Länge und Breite verzeichnen zu dürfen. Aber ich lehnte dankend ab, da ich einerseits, als Mitwisser des alle interessirenden Geheimnisses, ebenfalls bestürmende Fragen befürchtete, auf der andern Seite aber Sorge trug, für den Verräther desselben gehalten zu werden, wenn etwa der Wahrheit nahe kommende Vermuthungen laut geworden wären. So zog ich vor, erst jetzt das Fehlende nachzutragen in den freigelassenen Spalten meiner Tabellen.
Wir sahen am 11. des Nachmittags zum zweitenmale die Küste von Chile und liefen am 12. August des Morgens in den Hafen von Valparaiso ein.
Verwöhnt von der üppigen Pracht Brasiliens, wollten uns die kahlen, verbrannten Hügel, die vor uns lagen, keinen besonders glänzenden Eindruck hervorbringen, doch tröstete man sich für die Folge mit Ausflügen »in's Innere«, für die nächste Gegenwart aber mit der Hoffnung, bald wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, und, vor Allem, Landkost zu verspeisen.
Ehe ich aber für immer die Reform verlasse, will ich, wie es oben geschehen, Auszüge mittheilen aus meinen Notizen über die Temperatur, um einen Ueberblick zu geben über diese Verhältnisse bei Kap Horn.
+-----------+------------+------------+------------+-----------+ | | Temperatur |Temperatur | | | | Datum | der Luft |des Wassers | Länge | Breite | | 1849 | des Mittags|des Morgens | westliche | südliche | | | 12 Uhr | 9 Uhr | | | +-----------+------------+------------+------------+-----------+ | Juli 6.| + 10.3 | + 13.8 | 50° 18' | 39° 22' | | " 11.| + 6.6 | + 8.5 | 50° 20' | 44° 15' | | " 16.| + 6.3 | + 6.7 | 50° 54' | 44° 50' | | " 17.| + 5.3 | + 8.2 | 51° 34' | 43° 32' | | " 18.| + 6.3 | + 6.5 | 52° 28' | -- | | " 19.| + 9.5 | + 11.5 | -- | 44° 24' | | " 20.| + 5.2 | + 5.5 | 55° 9' | 46° 8' | | " 21.| + 3.8 | + 3.5 | 56° 0' | 46° 50' | | " 22.| + 3.9 | + 3.8 | 56° 0' | 47° 46' | | " 23.| + 4.5 | + 3.9 | -- | -- | | " 24.| + 5.0 | + 5.4 | -- | -- | | " 25.| + 5.0 | + 4.3 | 62° 36' | 49° 49' | | " 26.| + 4.2 | + 4.0 | 63° 30' | -- | | " 27.| + 3.5 | + 4.0 | 63° 47' | 52° 38' | | " 28.| + 2.1 | + 4.0 | -- | 54° 52' | | " 29.| + 0.5 | + 3.5 | -- | -- | | " 30.| + 2.0 | + 3.5 | 64° 37' | 56° 6' | | " 31.| + 2.5 | + 4.0 | -- | 56° 18' | | Kap Horn | | | | | | in Sicht | | | | | | Aug. 1.| + 3.8 | + 4.8 | -- | -- | | " 2.| + 5.0 | + 5.0 | -- | -- | | " 3.| + 2.5 | + 5.0 | -- | -- | | " 4.| + 5.5 | + 5.5 | -- | -- | | " 5.| + 5.3 | + 5.5 | -- | -- | | " 6.| + 5.3 | + 5.9 | 77° 18' | 47° 23' | | " 7.| + 6.3 | + 7.0 | 77° 21' | 44° 50' | | " 8.| + 8.0 | + 8.2 | 76° 30' | 41° 26' | | " 9.| + 8.2 | + 9.0 | 75° 32' | 38° 54' | | " 10.| + 9.2 | + 10.0 | 73° 59' | 35° 46' | | " 11.| + 10.5 | + 10.5 | -- | -- |
Es fällt bei Durchsicht dieser kleinen Tabelle und bei etwaiger Vergleichung derselben mit der vorher gegebenen, die Tropen betreffend, sogleich in die Augen daß, während dort die Temperatur des Wassers stets eine etwas niedere war als jene der Luft hier in höheren Breitegraden, etwa von 40° südl. Breite an bis am Kap Horn und wieder auf dieselbe Höhe, das Wasser durchschnittlich, ja fast immer, eine höhere Temperatur als die Luft zeigte.
V.
Valparaiso (Chile).
Natürlich ist vor Allem die Frage: wie wird das Wort ausgesprochen? Man schreibt Valparaiso, aber spricht man auch Valparaiso? oder spricht man Valparaïso? oder vielleicht gar Valpareso? Die großartige Wichtigkeit dieser Frage hat mir erst eingeleuchtet, als ich, nach Deutschland zurückgekehrt, von fast allen meinen Freunden mit solchen Fragen bestürmt worden bin. Leider habe ich an Ort und Stelle mein deutsches Blut so weit verleugnet, keine Nachforschungen anzustellen, welches die richtige, von dortigen Gelehrten anerkannte Aussprache ist. Ich kann also nicht verbürgen, ob Valparaiso oder Valpareso recht oder fehlerhaft, aber ich kann sagen, daß die Chilenen beide Aussprachen gebrauchen, bald so, bald so sprechen, und daß mir an Ort und Stelle die ganze Sache höchst gleichgültig gewesen ist. Woher die Stadt den Namen bekommen, werde ich später berichten.
Nachdem, leider indessen höchst mangelhaft, dieser unzweifelhaft interessanteste Punkt abgehandelt, muß ich mit wenig Worten vorausschicken, wie und in welcher Form ich berichten werde, was ich in Chile gesehen. Ich werde einige der größten Städte, welche ich besuchte, beschreiben und das Leben und Treiben daselbst, die Sitten und Gebräuche schildern, so viel mir davon bekannt geworden. Dann werde ich deren Umgebung gedenken, weiterer Excursionen, und der Reisen durch das Land. Indem mir so Gelegenheit werden wird, der Thier- und Pflanzenwelt zu erwähnen, der Berge und Thäler, der Flüsse und Seen, so wie klimatischer Verhältnisse, mag es vielleicht gelingen eine Skizze zu geben von Chile, ohne durch tägliche Berichte den Leser zu ermüden.
In den ersten Tagen aber mag es mir vergönnt sein, mehr von mir selbst zu sprechen als es später geschehen soll.
Kaum an's Land gestiegen, wo sich die Passagiere nach allen Richtungen zerstreuten, eilte ich zu dem Kaufmanne, auf welchen ich Wechsel zu beziehen hatte, um solche zu präsentiren, wie man es, wenn ich nicht irre, nennt, und zugleich zu bitten, den Betrag noch zu verwahren, da ich in fremdem Lande mich nicht mit unnöthigem Gelde beschweren wollte. Alle Geldgeschäfte haben von jeher für mich etwas so unendlich Widerwärtiges gehabt, daß ich sie so rasch als möglich beendete, und eben dessen froh, das Store verlassen wollte, als ich mit Gerstäcker bekannt gemacht wurde, der bereits seit drei Wochen in Valparaiso, sich ebenfalls im Store eingefunden hatte, um Landsleute zu begrüßen und Neues aus Europa zu hören.
Gerstäcker war der erste Landsmann, ja der erste Mensch, der in der neuen Welt mir mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit und Offenheit entgegengekommen ist, und mir sogleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft die wesentlichsten Dienste erzeigte, indem er mit Aufopferung seiner eigenen Zeit mir eine Wohnung suchen half.
Ich hatte an einen deutschen Kaufmann, dessen Namen ich vergessen habe, einen Empfehlungsbrief von Haus mitgebracht, und wurde empfangen, wie ich bereits in Brasilien frostige Vorläufer erhalten. Ich erhielt den Rath, so bald als möglich in's Innere zu reisen, da in Valparaiso nichts für einen Naturforscher zu machen, und wurde zugleich wiederholt gefragt, was denn _eigentlich_ mein Geschäft sei, auf das Naturforschen allein reise man ja doch nicht. Natürlich ließ ich mich nicht in weitläufige Erklärungen ein, wie ich denn doch nur allein in »diesem Artikel mache,« sondern bat, wie ich ausdrücklich sagte, als erste und letzte Freundlichkeit, mir auf eine halbe Stunde einen jungen Mann mitzugeben, welcher mir, der noch keines Wortes der spanischen Sprache mächtig, eine Privatwohnung möge suchen helfen, aber ich wurde abgewiesen; man sei zu sehr beschäftigt und Aehnliches, kaum aber Spuren entschuldigender Formen.
Ich ließ den Menschen in seinem Musterlager sitzen und erzählte gleich darauf Gerstäcker die Geschichte, der ob er gleich, wie ich später erfuhr, dringende Arbeiten für Europa hatte, dennoch jenen Tag noch mehrere Stunden mit mir umherlief, mit seinem wie er sagte sechswöchentlichen Spanisch wacker dolmetschte, und mir wirklich eine für Valparaiso ganz erträgliche Wohnung verschaffte.
Ich habe manche heitere Stunde mit Gerstäcker in und um Valparaiso verlebt, wir versprachen uns, auf weiterer Reise nicht die Hälse zu brechen, gesund nach Hause zurückzukehren und uns in Europa wieder zu treffen. Wir haben uns getreulich Wort gehalten und ein freundliches Wiedersehen in Nürnberg gefeiert. Wer aber wissen will, wie Gerstäcker nach Chile gekommen und Weiteres, mag seine Reisebeschreibung kaufen, die ohne Zweifel bereits erschienen ist, während ich Gegenwärtiges schreibe.
Bald hatte ich das nordamerikanische Hotel, in welchem ich zuerst eingekehrt, verlassen, und war in meiner neuen Wohnung eingerichtet. Vier kahle Wände, ein mit gebrannten Steinen gepflasterter Boden, eine aus Holzstückchen zusammengesetzte Decke und freies Wasser, was man sonst in den meisten Häusern kaufen muß, war die Herrlichkeit, welche monatlich eine halbe Unze[6] kostete, d. h. etwa ein und zwanzig Gulden. Ich miethete einen alten Tisch für einen Peso per Monat, warf meine Matrazze auf den Boden und indem ich meine drei Koffer als Sopha und Stuhl benutzte, war meine erste Einrichtung beendet. Ich hatte meine Hausfrau nur einmal gesehen, den Hausherrn in den ersten 8 Tagen gar nicht, ich hatte Haus- und Zimmerschlüssel, obgleich ersterer kaum nöthig, da das Haus bis nach Mitternacht stets offen. So war ich wieder, nach langer Zeit einmal Herr in meinen vier Pfählen und lief in's Freie, mir die Stadt zu besehen.
Valparaiso mag eine schöne Stadt genannt werden, wenn vielleicht nicht ganz im alteuropäischen Sinne, wo manchfache Prachtgebäude gefordert werden. Aber der unverkennbare Ausdruck des raschen und rüstigen Vorwärtsschreitens, des fortwährenden Wachsens wirkt wohlthätig und erfreulich auf den Fremden, der sich zum erstenmale die Stadt besieht. Wohl eine Stunde und weiter, zieht sich dieselbe dicht am Ufer des Hafens hinweg, schmal, an vielen Stellen öfters nur einige Straßen breit, an einer Stelle nur zusammenhängend durch wenige Häuser, an andern Orten aber sich wieder weit ausbreitend, wie es eben die Berge erlauben, an welchen die Stadt liegt, und welche an manchen Stellen fast an die See vorgeschoben sind. Der ausgebreitetste Theil der Stadt ist der, wo früher das Dorf Almendral lag. Jetzt ist dort die Calle des Almendral, eine breite, jeder Hauptstadt würdige Straße, und von dem Kothe, von welchem frühere Reisende mißfällig berichten, ist dort nichts mehr zu sehen. Auf den Hügeln nächst der Mitte der Stadt und unweit des Hafens, liegen zierliche Häuser in südeuropäischem Geschmacke meist mit kleinen Gärten versehen, umrankt und beschattet von Schlingpflanzen und mit kostbarer Aussicht auf Hafen, See und Stadt. Meist werden diese lieblichen kleinen Villen von den reicheren Kaufleuten und häufig von Deutschen bewohnt, und sind gastfrei dem geöffnet, der einmal Zutritt gefunden. Ich werde seiner Zeit Freundliches hievon zu berichten haben, denn ich bin artig aufgenommen worden von allen Deutschen, die ich kennen lernte; zuvorkommend aber und herzlich von mehreren Männern, denen ich stets ein dankbares Andenken bewahren werde.
In den Thälern zwischen jenen Hügeln und den nicht selten steil abfallenden Schluchten, werden wohl auch noch hie und da hübsche Häuser getroffen, doch wohnen dort meist ärmere Leute, und oft weit sich an jenen Abhängen verzweigend, enden Häuser und Hütten, immer mehr sich vereinzelnd endlich die Stadt.
Recht deutlich können diese Ausläufe der eigentlichen Stadt ohnweit der Almendral bemerkt werden, und ich möchte solches als charakteristisch bezeichnen für die meisten größeren Städte Südamerikas. Die ansehnlicheren Gebäude werden in solchen Theilen der Stadt allmälig seltener und wechseln mit kleineren bescheidenen Wohnungen, welche endlich in Hütten übergehen. Gleichzeitig verschwinden die Trottoirs, bald auch das Pflaster, man findet sich nicht selten im tiefsten Kothe, ohne recht zu wissen, wie man dorthin gekommen.
Die Hütten aber, anfänglich dicht an einander gebaut, stehen bald vereinzelter und könnten endlich isolirte Gehöfte genannt werden, wären sie bedeutender. In Rio de Janeiro sind es freundliche Landhäuser, welche, so allmälig von der Stadt sich entfernend, den Thälern einen malerischen Reiz verleihen, hier aber in Valparaiso sind jene Vorposten der Stadt von den Lazaroni Chiles bewohnt. Die europäische Tracht, die im civilisirten Theile der Stadt allgemein ist, macht hier dem halb indianischen Kostüme Platz und tief braun gefärbte Frauen mit wildem verworrenen Rabenhaar und glühenden Augen sitzen an der Erde, kaum halb bekleidet, und umzingelt von ihren nackten unbändigen Sprößlingen.
Das ist wohl noch Ursitte des Landes. In der Stadt selbst möchte ich die Bauart als eine dreifache bezeichnen. Es sind die meisten Häuser zweistöckig erbaut, und man hat, Rücksicht nehmend auf die häufigen Erdbeben, alle Mühe darauf verwendet, sie gleichsam elastisch zu construiren. So bildet korbartiges Flechtwerk die Mauer, ausgefüllt mit Lehm und Sand, und ein leichtes Dach deckt das Ganze. Beim Einlegen alter Häuser habe ich diese Bauart beobachtet, welche jetzt aber, wie es scheint, mehr und mehr verschwindet und sich auf die Wohnungen ärmerer Leute beschränkt.
Die bessere Methode, welche Eingang gefunden hat, ist die Construction hölzerner Häuser, nur leicht mit Fachwerk bekleidet, und gefügt nach Art der Schiffszimmerung, leichten Stößen widerstehend, und selbst stärkeren Erschütterungen ausweichend, nachgebend, ohne bedeutend zu leiden.
Endlich findet man aber auch große, selbst massiv von Stein erbaute Häuser in Valparaiso, dreistöckig und würdig der größten Stadt des alten Europa. Aber die meisten sind neu erbaut und es steht zu befürchten, daß das nächste größere Erdbeben arge Verwüstungen anrichten wird in jenen Prachtbauten, während die Häuser der älteren Bauart sicher eher widerstehen dürften.
Bei allen älteren Häusern findet man den Boden mit gebrannten Steinen gepflastert und dann wohl mit einem Teppiche oder einer Strohmatte belegt. In neueren und namentlich größeren Bauten trifft man hölzerne Dielen. In ganz Südamerika aber findet sich keine Zimmerdecke mit Mörtel beworfen, sondern sie bestehen aus leichtem Fachwerke mit dünnen Brettern von etwa 2 bis 3 Fuß Länge und 2 bis 5 Zoll Breite, welche mittelst Nägeln an die Balken der Decke befestigt sind. Es würde ein Mörtelbewurf an der Decke in Valparaiso z. B. keine vier Wochen halten, ohne, allmälig erschüttert und gelöst durch leichte Erdstöße, endlich durch einen etwas intensiveren auf die Geräthschaften des Zimmers oder wohl auch auf die Köpfe der Bewohner geworfen zu werden.
Die öffentlichen Bauten, meist von der Regierung in früherer Zeit gebaut, sind fast durchgängig bescheiden, wenn auch ihrem Zwecke entsprechend.
Von den Kirchen, die eigentlich den Baustyl repräsentiren sollten, vermag ich leider wenig Tröstliches zu berichten. Reminiscenzen an altspanische, mitunter fast maurische Zeit, aber jämmerlich, ja barock verflochten mit Zopf und Perücke, und mit einer hie und da so sonderbaren Ornamentik versehen, daß ich keinen Vergleich mit unserem Lande dafür zu finden weiß, das ist der Eindruck, welchen ich von den Kirchen in Valparaiso bewahrt habe. Ein einfaches, blos aus dem Erdgeschosse bestehendes Gebäude ist das Hospital, welches vielleicht recht die ältere Bauart vertritt, wie sie noch zu Zeiten der spanischen Herrschaft geübt wurde. Es ist ziemlich weitläufig und besteht aus mehreren Vierecken, deren innere Höfe den Genesenden zum Spazierengehen dienen. Luftige Arkaden im Innern fehlen natürlich nicht und das Ganze scheint seinem Zwecke zu entsprechen. Die Krankensäle sind luftig, frei und reinlich gehalten. Da in jenem glücklichen Lande fast stets Thüren und Fenster geöffnet erhalten werden können, so ist das erstere nicht mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft. Es befinden sich 180 Betten für männliche Kranke und 154 für weibliche dort, welche natürlich getrennt sind. Eine medicinische und chirurgische Abtheilung besteht indessen nicht, und die Kranken liegen unter einander, so viel ich weiß, in der Ordnung, wie sie eben in die Anstalt kommen. Ein Oberarzt leitet das Ganze und ihm sind zwei Assistenten beigegeben, von welchen jeder 20 Peso den Monat Besoldung bezieht. Im Hospitale befindet sich ein Sectionszimmer und eine Apotheke mit Laboratorium. Beide gut und zweckmäßig eingerichtet. Ich habe bei dieser Gelegenheit den Preis eines Blutegels erfahren, der 6 Realen ist. Zu meiner Schande aber muß ich gestehen, daß ich nicht weiß, ob man im Lande selbst diese Thiere fängt, oder ob sie alle aus Europa dorthin gebracht werden. Daß dies mit größeren Sendungen der Fall ist, habe ich erst später erfahren.
Es mag im Allgemeinen bemerkt werden, daß die häufigsten Krankheitsformen Icterus, Syphilis in ihren verschiedenen Formen, und eben so Phthisis und Tuberculose sind.
Die wenigen Notizen über den Krankheits-Genius von Chile, welche ich gesammelt habe, muß ich indessen für einen andern Ort versparen, da ich eigentlich hier nur von den Gebäuden der Stadt zu sprechen beabsichtigte.
Ein anderes Hospital, erbaut auf einem der Hügel, welche die Stadt umgeben, ist für kranke Seeleute bestimmt, doch werden, wie mir schien, auch vermögende Kranke aus anderen Ständen angenommen, welche ihre Verpflegung bezahlen. Es ist dort eine wirklich lurxuriöse Einrichtung und das Haus liegt versteckt in einem wohl gepflegten Garten mit kostbarer Aussicht auf Hafen und See.
Ich sollte jetzt noch vom Theatergebäude berichten und etwa von dem Justizpalaste oder wie man eben die Anstalt benennt, in welcher die öffentliche Rechtspflege ausgeübt wird. Abermals aber muß ich ein, wenn nicht reuevolles doch offenes Bekenntniß ablegen, wie oben in Betreff der Blutegel. Ich habe mich um das Wesen der Justiz, um die öffentlichen Sitzungen und um die wirklichen theatralischen Vorstellungen im Opernhause so wenig gekümmert, als ich es auch stets in Deutschland gethan habe und so vermag ich, da das Innere mich wenig interessirt hat, auch nur anzugeben, daß das Aeußere der Gebäude einfach und zweckmäßig erscheint und nicht störend einwirkt auf den guten Geschmack.
Vom Hauptsitze des Gouvernements, von Santjago aus, werde ich später über Regierung und staatliche Einrichtungen zu sprechen haben, da ich dort zuverlässige Nachrichten erhalten. --
Um aber die flüchtige Skizze der Stadt und ihres Weichbildes zu beenden, sei es mir erlaubt der nächsten Umgebung von Valparaiso zu gedenken, so weit ein guter Fußgänger dieselbe zu durchstreifen vermag.
Ich habe schon der Hügel gedacht, zwischen und theils auf welchen sich die Stadt längs der Meeresbucht hinzieht. Diese Hügel gewähren an und für sich ein kahles und trostloses Ansehen. Sie bestehen aus Granit, aber die Oberfläche desselben ist verwittert und so hat sich ein eintöniges Braun erzeugt, bedeckt mit spärlichem und wenig zierlichem Pflanzenwuchse, und das nur an einigen Stellen.
Der vier bis fünf Fuß hohe =Cactus Chilenis=, der sich am meisten auszeichnet und an den steilsten und abschüssigsten Gehägen vortrefflich gedeiht, giebt derselben allerdings ein »südliches« Ansehen, aber die verwünschte Stachelbewaffnung desselben macht oft das Erklimmen jener Gehäge höchst beschwerlich. Neben ihm trifft sich am häufigsten eine Nesselart (=Losa acerifolia=), Ortiga in der Landessprache, und diese macht, wo sie zahlreicher vorkömmt, jedes Durchdringen unmöglich. Sie erreicht ebenfalls eine Höhe von drei bis vier Fuß und blüht gelb im August und September, aber die geringste Berührung ihrer Blätter bringt heftigen brennenden Schmerz hervor, und die abgebrochenen feinen Stacheln erzeugen auf der Haut Pusteln, welche hart werden und vierzehn Tage bis drei Wochen lang schmerzen.
Weiter entfernt von der Stadt und außerhalb des Bereiches der dichteren Ansiedelung trifft sich in den Schluchten, welche jene Hügel trennen, oft eine prachtvolle Vegetation. Die Sohle jener schmalen Thäler ist fast immer bewässert und nährt so den Pflanzenwuchs, der weiter gegen oben durch Wassermangel und glühende Sonne auf ein Minimum reducirt ist. Schlinggewächse und zierliche Farren, die Quile, ein Rohr von oft beträchtlicher Höhe, vereinzelte Palmen und hundert andere Pflanzen von den verschiedensten Blattformen, bilden dort einen oft phantastischen Baumschlag, und wahrscheinlich war es eines jener Thäler, welches die Spanier bei ihrer Landung an jener Küste zuerst betraten und =Val paradiso=, Paradiesthal nannten, da ihnen der Gegensatz mit der übrigen großenteils sterilen Küste aufgefallen war.
Erklimmt man die Spitze jener größern Hügel[7], so nimmt allmählig die Landschaft einen andern Charakter an. Es beginnt der Pflanzenwuchs auch gegen die Höhen hin mehrfachere Ausbreitung zu gewinnen und anfänglich kleine, bald aber ausgedehntere Gehölze oder Buschwerke bedecken die Höhen. Die =Mimosa cavenia=, mit ihrem gleichsam besenförmigen Wuchse und der strahligen Ausbreitung ihrer zahlreichen Aeste, über und über mit Stacheln bedeckt, und dabei mit dem zierlichsten feinen Laube, bildet einen angenehmen Contrast mit den dunklen dickbuschigen Massen des =Laurus caustica= und zwischen ihnen erhebt sich die =Puretia corocata=, deren 6 Fuß hoher und mit tausenden von Blüthen bedeckter Blumenstengel würzige Düfte aushaucht, während eine Unzahl drei bis vier Fuß langer Blätter mit spitzen, hakenförmig gebogenen Stacheln den Fuß jener Blumenkrone bewahren[8]. Dort bieten sich reizende Fernsichten dem Auge gegen das Innere des Landes zu, über waldige Schluchten und fruchtbare Ebenen, und wendet man den Blick -- auf das unermeßliche Meer, wie sich denn dort wirklich Land und See gegenseitig zur hebenden Folie werden.