Reise eines Erdbewohners in den Mars

Part 3

Chapter 33,664 wordsPublic domain

Nun eilten wir blitzschnell auf unser Luftschiff zu, fanden es mit unsern Ruderknechten, gottlob! noch wohlbehalten an seinem Orte; trieben es in die Höhe, und fuhren damit glücklich über alle Berge. So entkamen wir mit heiler Haut den fünfzig Stockschlägen, und waren schon in einem andern Königreiche, als man zu Wirra in Plumplatsko die fürchterlichen Zubereitungen machte, unsere Hintern zu bewillkommen.

#Swirlu# -- so hieß unser neuer Reisegefährte -- konnte sich gar nicht von seinem Erstaunen erholen; und er würde vor Freuden über diese Luftfahrt toll geworden sein, wenn diese Freude nicht durch die Furcht von Zeit zu Zeit wäre gemäßiget worden. Als wir ihm sagten, daß wir nach der Hauptstadt #Sepolis# im Königreiche #Biribi# wollten, um von da nach #Momoly# zu kommen, so rieth er uns, dort gar nicht niederzusteigen, sondern oben drüber weg zu segeln; weil wir in diesem Lande -- wo der Militärdespotismus eben so wohl, als in #Plumplatsko# zu Hause sei -- gar leicht in eben dieselben Verdrüßlichkeiten gerathen könnten, besonders da wir nun keine Empfehlungen mehr hätten. »In Momoly,« sagt er, »hat es keine Noth, das ist ein gar besonderes Land; da ist ein Mensch wie der andere. Sie werden ohnehin nicht viel verlieren,« setzte er hinzu, »wenn Sie in der Höhe von #Biribi# bleiben. Das Land ist entnervt, wie das unsrige; der itzige Regent ist ein Schwachkopf, wie der unsrige; der aber noch überdies von Pfaffen gegängelt wird. Erst kürzlich hat er es wieder durch ein öffentliches Edikt bewiesen, das allen gesunden Menschensinn zu ersticken sucht, und puren Pfaffenunsinn schwatzt. Er sucht, wie Schwachköpfe pflegen, den Stein der Weisen; verliert aber, indem er ihn sucht, vollends den kleinen Rest seiner Vernunft, und hat immer einige Adepten um sich, die ihn durch ihre Betrügereien um große Summen prellen. Ein Glück für das Land ist es noch, daß ein fremder Fürst und ein Paar Minister, die Kopf und Herz besitzen, manchmal die Mentors dieses Schwachkopfes machen, und sich einmischen, wenn die Sache zu ernsthaft wird.«

Wir befolgten diesen guten Rath, und steuerten gerade auf die Himmelsgegend von Momoly los; indem wir uns nur so hoch erhoben, daß wir mit unseren Sehrohren die unteren Gegenden und die Städte beobachten konnten. Und da #Swirlu# schon einmal in Momoly gewesen war, und das Land und die Hauptstadt desselben wohl kannte; so liefen wir um so weniger Gefahr, dasselbe zu verfehlen.

Wir waren itzt, nach #Swirlu's# Zeugnisse, ohngefehr noch 200 Meilen von #Whashangau#, der Hauptstadt von #Momoly# entfernt. Wind und Wetter aber waren so günstig, daß wir in einem Tage, der hier etwas kürzer, als bei uns ist, den weiten Weg glücklich vollendet hatten.

Um dem Zusammenlaufe des Volks nicht ausgesetzt zu sein, senkten wir uns abermal eine gute Strecke weit vor der Stadt herab, ließen die Ruderknechte beim Schiff zurück, und gingen nach der Stadt.

Hier war weder Thor noch Wache; kein Mensch mit dreierlei Farben fragte uns, wer wir wären, noch ob wir Pässe hätten; und was noch weit sonderbarer war: alle Menschen gingen im bloßen Gewande der Natur, womit sie Gott gekleidet hatte. Ihre Wohnungen waren kleine niedrige Hüttchen, ohne Kunst und Pracht.

Aber wie erstaunten wir erst, als wir auf offener Straße vor den Augen vieler Menschen, Bursche und Mädchen sahen, die sich hier öffentlich begatteten! Um der Ehrbarkeit meines Sohnes zu schonen, wollt' ich über Hals und Kopf eine Seitengasse einschlagen, allein es war so nahe keine; wir mußten an dem Specktakel vorbei, woran sich die Acteurs ihrer Seits gar nicht stören ließen, und die Vorbeigehenden nicht den geringsten Anstoß zu finden schienen.

Ich ärgerte mich nicht wenig über dieß Verderbniß der Sitten, wofür ich es hielt, und wollte eben die beiden Sünder auseinander jagen, als mich #Swirlu# mit einem unbändigen Gelächter bei der Hand faßte: »Was wollen Sie machen?« sagte er, »denken Sie doch, daß wir in #Momoly# sind. Das, was Sie sehen, ist hier eben so wenig unerlaubt, als bei uns das Wasser lassen; und Sie werden es hier noch so gewohnt werden, daß Sie eben so gleichgültig daran vorübergehen, als die Leute, die Sie sahen.«

Ich verbiß meinen Unwillen, und um nicht auf eine zweite Scene dieser Art zu stoßen, fragt' ich ihn um einen Gasthof. Er fing noch mehr an zu lachen. »Dieß sind lauter Gasthöfe,« sagte er, »Sie haben hier nur zu wählen; eines jeden Haus steht hier dem andern offen; und wo Sie nur eintreten, werden sie willkomm seyn. Was aber dabei das Bequemste ist -- die Bewirthung kostet nichts! Man weiß hier gar nichts vom Geld. Es lebe Whashangau! und die Momolyten! das heiß ich mir ein Land, das sich gewaschen hat!«

Mit diesen Worten lief er auf ein blühendes, vollwüchsiges Mädchen zu, das er auf gut momolytisch salutiren wollte, die ihn aber mit einer derben Ohrfeige abfertigte, welches mir mit der Sitte dieses Volks einigen Kontrast zu machen schien.

Wir sahen uns nunmehr nach der ansehnlichsten Wohnung um, die in unserem Gesichtskreise lag, und traten daselbst ein. Ein alter Mann, mit ehrwürdig grauem Haupte, reichte uns treuherzig die Hand, und bot uns freundlichen Willkomm. Aber was wir sahen, war reinlich und in seiner Art schön. Nirgends zeigte sich Luxus oder Reichthum; überall Einfalt und Wohlbehaglichkeit. Wir fragten durch Swirlu -- der uns hier bei jeder Gelegenheit zum Dollmetscher diente, weil er die Landessprache konnte -- ob wir auf einige Tage Herberge haben könnten, und mit freundlichem Lächeln antwortete der Greis: »Herzlich gerne!« Sogleich ließ er Früchte und Milch aufsetzen, die zwar aus einer andern Art von Thieren, als bei uns gemolken wird; aber nicht weniger kräftig und noch wohlschmeckender als jene ist.

Er erkundigte sich itzt, woher wir dann kämen, weil unsere Tracht Fremde zu verkündigen schien. Wir sagtens ihm, und erzählten ihm unsere wunderbare Reise und alles. Der Mann war eben so erstaunt über unsere Erzählung, als erfreut, daß er solche Gäste zu beherbergen habe. Er konnte nicht satt werden, uns zuzuhören, und wir mußten ihm versprechen, ihn des andern Tages zu unserm Luftschiffe zu führen, und ihm alles daran genauer zu erklären.

Wir hatten unvermerkt ziemlich tief in die Nacht geplaudert, als wir endlich unserm liebreichen Wirthe, mit freundlichem Händedruck, guten Schlaf wünschten, und uns zur Ruhe begaben.

Kaum als des andern Tages die Sonne aufgegangen war, hörten wir auf den Gassen schon eben die Bewegung, die man bei uns erst gegen Mittag zu hören pflegt. Wir sahen hinaus, neugierig, was es wohl gebe: aber wir wurden nichts gewar.

Da uns unser Wirth gehört hatte, so kam er auf unser Zimmer, um uns an unser Versprechen zu erinnern. Er bemerkte, daß wir, allem Anscheine nach, sehr gut geschlafen hätten, weil die Gottheit, seinem Ausdrucke nach, schon eine Stunde lang die Welt beleuchte. Wir fragten, ob man dann alle Tage hier so frühe aufstehe. »Alle Tage, sobald Gott erscheint;« war seine Antwort. »Wir versammeln uns um diese Zeit an gewissen Tagen unter Gottes freiem Himmel auf dem Felde -- denn welcher Tempel ist herrlicher und der Gottheit würdiger, als die Natur? -- sehen Gott in seiner Majestät zu uns heraufkommen, werfen uns vor ihm aufs Angesicht nieder, und beten ihn an!«

Ihr betet also die Sonne an? fragten wir.

»Allerdings,« erwiederte der Alte. »Strahlt nicht aus ihr Gottes Güte, Gottes Milde, Gottes allernährende Wohlthätigkeit, Gottes Größe, Herrlichkeit und Majestät? Giebts unverkennbarere, sichtbarlichere Zeichen der Gottheit?? Ich weiß zwar, es sind auf unserer Welt Völker, die sich ihren Gott selber schnitzen, ihm kostbare Steinhaufen errichten, ihr geschnitztes Bildchen darin einsperren, vor ihm hinknien, und es anbeten, wie wir die Sonne -- und sich darob weit klüger dünken, als wir. Aber sind wohl solche Thorheiten eines Einwurfs werth? Wir lachen darüber, und haben Mitleid mit dem verblendeten Volke, das das Spiel seiner Pfaffen ist, die den Gottesdienst als den wahren, gottgefälligen vorschreiben, der sie am Besten nährt. Ihr sollt einmal unserem Gottesdienste mit beiwohnen, um zu sehen, welcher Euch besser erbaut. Ihr dörft aber darum keineswegs die Gebräuche desselben mitmachen, wenn Ihr nicht wollt. Jeder hat bei uns freien Willen, zu glauben, und zu beten, was und wie er will, wenn er nur ein guter Mensch und ein rechtschaffener Bürger ist, der Ruhe und Ordnung nicht störet. Wir würden unsere Religion entehren, und ihre Gründe verdächtig machen, wenn wir jemand durch Zwang nöthigen wollten, die Wahrheit derselben zu glauben, und die Gebräuche derselben zu befolgen. Der Glaube muß die Folge von der Ueberzeugung sein. Ohne Ueberzeugung glauben müssen, ist thierisch und sklavisch, folglich des vernünftigen, freien Menschen unwürdig. Ueberzeugung aber erhält man nicht durch Zwang und Gesätze; sondern durch den freien Gebrauch unserer Vernunft, dieses edlen Geschenks der Gottheit, das uns allein über andere Thiere erhebt. Sünde ist es demnach bei uns, den Gebrauch der Vernunft im Geringsten einzuschränken.«

Wir fragten: welches dann die Lehrsätze ihrer Religion wären.

»Unsere Religion,« erwiederte der Alte, »hat keine besonderen Lehrsätze. Die Vernunft lehrt uns das Dasein eines Wesens, das wir Gott nennen; sie lehrt uns dies Wesen lieben und verehren, weil wir ihm Dasein und Erhaltung zu danken haben; und fürchten, weil es gerecht ist; sie lehrt uns, was übel und gut sei; lehrt uns jenes vermeiden und dieses thun. Natur und Vernunft sind demnach unsere Gesetztafeln, worinn Gott seinen Willen jedem Menschen mit deutlichen Zügen eingrub -- und darinn besteht unsere ganze Religion.«

Wir erstaunten, so viel reine Simplicität, so viel schlichten Menschensinn unter einem, nach unserer Meinung, so rohen Volke zu finden. Aber ich konnte nicht umhin, ihm den Widerspruch entgegen zu setzen, den die scandalöse Scene vom gestrigen Abend mit seiner ebenerwähnten Gesetztafel, wie ich dafür hielt, machte.

Er lächelte, als ich von der Sache, wie von Laster und Schande, sprach. »Allumstralende Gottheit!« rief er endlich mit Begeisterung, »verzeih Deinen Geschöpfen, die den heiligsten Trieb, den Du in ihren Busen legst, und durch Deinen Einfluß darinnen erhältst, den Trieb der Fortpflanzung für unerlaubt, das Werk der Menschenzeugung für lasterhaft halten können! Ist es dann auch Laster und Schande unter Euch, eine Pflanze zu stecken, ein Feld zu besäen, ein Blumenbett zu begiesen?«

Wir verneinten es, weil es leblose Dinge wären.

»Also wäre der Vorzug, den Ihr vor der Pflanze habt, gerade die Ursache, warum Ihr Euch zu schämen hättet? Oder sind etwa Eure Menschen so abscheuliche, böse Geschöpfe, daß es Sünde und Schande ist, derer zu zeugen?«

Wir verneinten es abermal, und fügten hinzu: daß wir die Zeugung des Menschen keineswegs für sündlich hielten, vorausgesetzt nur, daß gewisse Cärimonien vorhergegangen wären, die man die Trauung heiße; daß aber auch dann die Begattung allemal in heimlichster Verborgenheit geschehen müsse.

»Welche Widersprüche!« versetzte der Alte. »Ists möglich von vernünftigen Geschöpfen solchen Unsinn zu hören, der überdieß durch die Gesätze autorisirt wird? Ist eine Sache sündlich: wie kann sie durch alle Cärimonien der Welt nicht sündlich gemacht werden? Ist sie aber erlaubt: was brauchts der Cärimonien, um sie erst erlaubt zu machen? -- Und warum sich einer Handlung schämen, die mit, oder ohne Cärimonien erlaubt ist? warum heimliche Winkel suchen, um sie zu begehen?«

Wir wandten ihm das Sittenverderbniß und die Unordnung ein, die daraus entstehen müßten, wenn man die Sache allgemein erlaubte, und öffentlich verübte. Die Menschen -- sagten wir -- würden sich dann durch allzufrühzeitigen und unmäßigen Genuß entnerven; die Ehen würden aufhören, und Entvölkerung würde einreißen; niemand würde wissen können, wer Vater eines Kindes sei, und keiner würde eben darum die Vaterpflichten an seinem Kinde erfüllen wollen.

»All diese Folgen,« versetzte der Alte, »liegen nur in Eurer Einbildung, oder in Eurer üblen Statsverfassung. Wisset! indem Ihr den Genuß zum Laster und zu einer Heimlichkeit macht, reitzt Ihr nothwendig die Lüsternheit darnach; denn nichts macht lüsterner nach dem Genusse, als Verbottensein; nichts reitzt mehr den Vorwitz, als geheimnißvolles Wesen.[5] Warum entnervet sich dann das Vieh nicht durch allzufrühen und unmäßigen Genuß? Gleichwohl ist es noch niemanden eingefallen, dem Viehe Zwang darinn anzulegen. Glaubt mir, eben diese Freiheit, eben diese Unheimlichkeit im Genusse, die Euch bei uns befremdet, ist gerade das Mittel, den Misbrauch derselben zu verhindern. Die Leichtigkeit zu geniesen, und die Gewohnheit Scenen des Genusses täglich und stündlich zu sehen, macht, daß wir gegen diese Handlung nicht lüsterner als gegen jedes andere Bedürfniß der Natur sind: statt daß die Beschwerlichkeit und die Heimlichkeit, womit man bei Euch zum Genusse gelangt, der Sache, wie jeder andern, nothwendig neue Reitze giebt, die sie sonst nicht hat. Liebe Freunde! folget der Natur. Sie ist die sicherste Führerin, die gewiß keines ihrer Geschöpfe in sein eigenes Verderben leitet. Aber sie rächt sich dafür, sobald man ihr Bande anlegt, und durch jegliches derselben zieht sie den Menschen in sein Elend. Sie ist ein Strom; man lasse ihm seinen Lauf, und er wird keinen Schaden thun; aber man setze ihm Dämme entgegen, und er wird in wilden Fluten ausbrechen, und Felder und Wiesen verwüsten, die er vorher fruchtreich benetzte. O Menschen! Menschen! wie könnt Ihr doch blind genug sein, Euch von der Natur zu entfernen -- den Pfad aus dem Auge zu verlieren, den sie Euch so liebreich vorzeichnet? Wie könnt Ihr glauben, durch Zwang und Gesätze es besser zu machen, als es Gott machte, der diese Natur in Euch legte, und Euch durch ihre Stimme väterlich zuruft? Seht Ihr nicht, daß Ihr Euch Eurem Verderben immer mehr nahet, je weiter Ihr Euch von dem Pfade der Natur entfernet? Verzeiht mir, liebe Fremdlinge!« fuhr er mit feuchtem, glänzenden Auge fort: »verzeiht, wenn ich mit Hitze zu Euch spreche. Es ist nicht blinde Vorliebe für mein Vaterland, nicht Eigensinn für die Sache, die ich vertheidige; es ist wahrer Eifer für Menschenwohl, wahre Ueberzeugung, daß es ihnen so besser wäre, und warme, innige Theilnahme an dem unglücklichen Schicksale der Menschheit, die das traurige Opfer einer unnatürlichen Gesetzgebung ist.«

[Fußnote 5: Man kann über diesen Gegenstand nichts Treffenders, däucht mich, sagen, als was ich ohnlängst in _Gustav Wolart_ S. 79. 80 und 81. las, einem Büchelchen, das sich unter den empfindsamen Schriften unseres Jahrhunderts vorzüglich dadurch erhebt, daß es Denkkraft mit Empfindung vereinigt. Auch die _Annalen der Menschheit_ haben im 2ten Hefte, _von den verborgensten Ursachen körperl. Gebrechen_, hierüber vieles gesagt, was der Aufmerksamkeit empfohlen zu werden verdient. A. d. Verl.]

Er hielt hier vor Empfindung einige Augenblicke inne. »Glaubt Ihr mir noch nicht,« so sprach er weiter, »was ich Euch von den Vortheilen unserer Verfassung sagte, so seht unser glückliches Völkchen an! Ihr werdet keinen darunter finden, der durch Liebe entnervt ist; Jünglinge und Mädchen blühen voll Gesundheit; keinen, der durch Liebe unglücklich ward, denn der Genuß wird ihm nicht dadurch erschwert. Bei all dem werdet Ihr keinen ausschweifenden Kerl, noch eine lüderliche Buhldirne sehen; und der mögte übel wegkommen, der mit wildem Feuer auf die erste Beste losstürmen zu können glaubte.« -- #Swirlu# ward hier feuerroth -- »unsere Jünglinge und Mädchen haben darum nicht weniger ihre sanften, zärtlichen Gefühle, und werfen sich nicht jeglichem in die Arme. Die Ehen hören daher auch keineswegs bei uns auf, wie ihr fürchtet. Es ist gar nichts Seltnes, daß Mann und Weib sich miteinander unter der Bedingung verbinden: daß beide sich künftig alleine geniesen wollen. Dieser Vertrag wird dann vor Zeugen errichtet, und von dem Augenblick an ist den Verbundenen fremder Genuß aufs Strengste verboten. Ihr könnt daher in diesem Lande, das Ihr für barbarisch haltet, eben so viele und vielleicht weit mehrere Bilder häuslicher Glückseligkeit finden, als in dem Eurigen. Ich selbst habe mit meinem Weibe 15 Jahre[6] lang ein himmlisches Leben gelebt, habe 20 Kinder mit ihr gezeugt -- und ewig werd' ich ihren Tod beweinen!«

Hier stockte seine Sprache; er wischte sich eine Thräne aus dem Auge, und fuhr fort: »Es ist noch übrig, daß ich Euch den Einwurf beantworte, den Ihr mir machtet: daß man bei unserer Verfassung nicht wissen könne, wer eines Kindes Vater sei, und daß eben darum keiner die Vaterpflichten an seinem Kinde würde erfüllen wollen.«

[Fußnote 6: Man erinnere sich der oben angezeigten Jahrsrechnung.]

»Wenn Ihr unsere ganze Einrichtung wüßtet, so würdet ihr diese Einwendung wohl schwerlich gemacht haben. Ich will Euch also davon unterrichten. Wir haben -- kein Eigenthum, denn die Natur hat keines; sie hat jedem gleiche Rechte, gleiche Bedürfnisse gegeben. Alles, was wir haben, das ist Feld und Frucht und Vieh, ist daher unter uns gemeinschaftlich. Niemanden fällt es ein, sich davon mehr zuzueignen, als er braucht. Und was sollte er damit thun? wozu würde es ihm helfen, als daß es ihm eine unnöthige Last machte? Denn wir haben ja keine Bedürfnisse, als jene der Natur; unsere Nahrung besteht aus dem, was unser Feld und unser Vieh giebt; unsere Wohnung ist eben so einfach, und unsere Kleidung noch einfacher; denn wir tragen, wie Ihr seht, das blose Gewand, das uns die Natur mit auf die Welt gab, und behängen uns, wenns sehr kalt ist, mit den Häuten unserer Thiere. Aber die weise Mutter Natur hat dafür gesorgt, daß die Menschen -- woferne sie den Gesätzen der Natur getreu bleiben -- so viel auch derer immer da sind, genug haben, und daß von den Menschen, wie von den Pflanzen, nicht mehrere hervorkommen, als der Erdstrich, worauf sie wachsen, ernähren kann. Keiner unter uns hat also jemals Mangel; denn keiner hat Ueberfluß. -- Sagt mir nun, meine Freunde! warum sollte der Vater sein Kind verläugnen? Warum die Mutter den Vater? Nehmt auch an, daß jener es nicht gewiß wisse -- welcher unter Euch weiß es dann gewiß, daß er Vater ist? -- so weiß es doch die Mutter; und da diese unter uns ganz und gar keine Ursache noch Vortheile hat, einen andern Vater anzugeben; so kann man sich auf ihre Aussage sicher verlassen, welches man, dünkt mich, bei Euch nicht immer kann.

Aber gesetzt nun sogar, daß die Mutter es nicht wisse; gesetzt, daß der Vater sein Kind verläugne -- welches bei uns ein fast undenklicher Fall ist; so würde daraus hier weiter gar nichts folgen, als daß ihn das Kind nicht Vater, und dieser den Sohn nicht Sohn nennen würde: denn der junge Ankömmling hat nun sein Theil in unserer Gemeinschaft, wie jeder andere. Der Vater -- er mag das Kind als das Seinige erkennen, oder nicht -- braucht ihm nichts zu geben, nicht für ihn zu sorgen -- und der Mutter entgeht eben so wenig das Geringste dabei, ob der Vater sich als Vater bekenne oder nicht; denn sie macht deswegen an den Vater keine Ansprüche; kann, in jedem Falle, keine machen, und hält sich für die kleinen Mutterbeschwernisse, durch die Mutterfreuden reichlich entschädigt.«

Wir standen verstummt und erstaunt über alle die praktische Weisheit, die uns der Greis hier vorgetragen hatte, und über die Wahrheit, der wir darinnen nicht zu widerstehen vermochten. Noch nie hatte ich die Sache in diesem Lichte betrachtet. Erziehung, Gewohnheit, Vorurtheile umzogen sie vor mir stäts mit Dämmerung. Jetzt fiels wie Schuppen von meinen Augen, und mir war plötzlich wie einem Menschen, der zum erstenmale in seinem Leben den Tag erblickt.

Wer ist, fragt' ich mit Lebhaftigkeit, der weise Regent und Gesätzgeber Eures Landes? Und, zu meiner noch größeren Verwunderung, vernahm ich: daß hier keine Menschen, die man Könige heißt, noch andere Herrscher, sich vom Schweis und Blute eines ganzen Landes mästen, und für mehr tausend andere davon verzehren; sondern daß drei der Klügsten und Rechtschaffensten aus dem Volke, worauf die Uebrigen alle kompromittirten, jeden vorkommenden Streithandel entscheiden, und durch klugen Rath und väterliche Fürsorge dem Lande und jeglichem Innwohner in allen Fällen beistehen. »Zwar kommen hier nur äusserst selten Streitigkeiten vor;« setzte der Greis hinzu, »denn da wir kein Eigenthum haben, so hört unter uns die Hauptursache aller Zwietracht auf, und wir leben unbeneidet in glücklicher Ruhe und Eintracht.«

Die Rede des Greisen hatte mich sehr unruhig und tiefsinnig gemacht. Wir gingen itzt mit ihm, das Luftschiff ihm zu zeigen; aber ich weiß nicht mehr, wie wir hin und her kamen. Das Bild, das mir der Alte von der Glückseligkeit seines Landes geschildert hatte, beschäftigte unaufhörlich meine ganze Sele. Ich betrachtete es von allen Seiten, und fand immer mehr, daß dieses Volk, das ich für roh und barbarisch gehalten hatte, das glücklichste und weiseste, das ich kenne, in der Schöpfung sei. Ich verglich damit unsere Statsverfassung, und fühlte den betrübten Abstand, den wir mit unserer eingebildeten Aufklärung und Verfeinerung dagegen machen; fühlte, wie glücklich auch wir, unter solch einer Einrichtung sein könnten -- und welche unglückliche Sklaven unnatürlicher Gesätze, des Betruges, der Habsucht und des Despotismus wir wirklich sind! Ich sah an uns -- die Barbaren, und in Momoly -- die aufgeklärte Nation!

Je länger wir uns in #Whashangau# aufhielten, desto mehr ward ich in meiner Ueberzeugung bestärkt. Ich sah überall Güte, Menschenfreundlichkeit und Herzlichkeit; jedermann bestrebte sich, dem andern gefällig zu sein; nie hört' ich, oder sah Feindschaft, Streit oder Zänkerei. Allgemeine Eintracht und Freude herrschte unter dem Volke. Des Abends versammelten sie sich gewöhnlich, bei schönem Wetter, unter einem alten großen Baume. Die Aeltern saßen in einem Zirkel auf einer Bank, und die Jüngern tanzten, Jünglinge und Mädchen beim Tone einer Art von Schallmeien um sie her. Auf allen Gesichtern blühte Gesundheit, und Saft und Nervenkraft strotzte in ihren Muskeln und den vollen fleischichten Lenden. Hier sah ich kein von Kummer und Noth entstelltes Gesicht; keine von Ausschweifungen abgebleichte Wange. Man wußte hier von Krankheiten nur sehr wenig; die meisten starben aus Entkräftung des Alters: hingegen wußte man auch nichts von Aerzten und Arzneien; einige Kräuter ausgenommen, die das Land hervorbringt, und die gegen die gewöhnlichen Krankheiten fast immer ein sicheres Mittel sind.

Eines Tages mit aufgehender Sonne, kam unser liebreiche Wirth zu uns, und trug uns an: ob wir nicht heute wollten ihrem Gottesdienste beiwohnen, weil eben einer der Tage sei, wo sie sich gewöhnlich alle dazu versammelten. Wir willigten sehr gerne ein, und gingen mit ihm. Er führte uns auf eine Anhöhe, von der man die schönste Aussicht, besonders gegen Aufgang hin, hatte.

Als hier die ersten Stralen die kommende Gottheit verkündeten, erschallte ein feierlicher Hochgesang voll der rührendsten Empfindung und Einfalt. Indeß stieg die Sonne, im glänzenden Purpur, langsam und majestätisch herauf -- ihre Stralen vergoldeten den Erdkreis, und die ganze Natur schien milde und lächelnd sich der kommenden Sonne zu freuen. Immer begleitete sie Gesang voll Empfindung und Ausdruck. Nun stand Sie da! -- und alle schwiegen -- fielen aufs Angesicht nieder, und beteten in stiller Andacht. Dann stunden sie auf -- warfen sich noch einmal nieder vor der Gottheit; küßten die Erde, die sie beschien -- und gingen schweigend . . . . . .