Reise eines Erdbewohners in den Mars

Part 2

Chapter 23,743 wordsPublic domain

Itzt entstand unter den Pfaffen ein lautes Gemurmel, mit zürnenden Blicken auf uns begleitet. Aber der Hochgewaltige nahm das Wort, und sagte: »Diese Fremden sind unschuldig! Was sie gesagt haben, sagten sie aus Unwissenheit, und der Unwissende kann nicht sündigen. Ihr seid frei -- fuhr er zu uns fort -- aber hütet Euch, das Geringste von den Gegenständen unserer Religion ferner zu berühren.«

Wie süß klang dies unsern Ohren! Aber der Fürst hatte es nicht sobald gesprochen, als alle Pfaffen zugleich auffuhren. Sie riefen ihren Gott zum Rächer unserer Frevelthaten, fluchten uns, und drohten die schröcklichsten Strafen Gottes dem Lande und dem Fürsten, der solche Bösewichte, wie wir, schütze. Und in dem Augenblicke verließen sie alle den Saal, liefen unter das versammelte Volk, streuten die Funken des Aufruhrs unter sie, und feuerten sie an, ihrem Gott und der heil. Religion an uns ein Opfer zu bringen, wenn sie nicht wollten, daß Gott das ganze Land züchtige, worinn solche Gottlosigkeit ungestraft verübt werden könne.

Sogleich brannte unter dem schon gährenden Volke die helle Flamme des Aufruhrs. Mit wildem fürchterlichen Geschrei forderten sie, daß uns der Fürst ihrer Rache überliefern sollte. Dieser hatte nicht sobald den Lärmen gehört, als er uns sogleich einige sicher gelegene Zimmer in seinem Schlosse zu unserm Aufenthalt anzuweisen befahl, wo wir indeß unserer Gemächlichkeit pflegen, und mit allen Bedürfnissen sollten versehen werden. »Es ist eine Art von Vergütung,« setzte dieser vortrefliche Fürst hinzu: »die ich Ihnen für das in meinem Lande erlittene Unrecht und für Ihre große, rühmliche Erfindung schuldig zu sein glaube. Ich hoffe, daß Sie mir die Gelegenheit sobald nicht entziehen werden, Ihnen zu zeigen, daß ich auch fremdes Verdienst zu schätzen wisse.« Zugleich gab er einem seiner Hofschranzen Ordre, daß er die wahre Beschaffenheit der Sache dem Volke kund thun, und, wenn sich dasselbe nicht beruhigen würde, die Häupter des Aufruhrs ergreifen, und in die tiefsten Gefängnisse werfen lassen sollte. »Wollte Gott!« setzte er hinzu: »dies wäre der schlimmste und gefährlichste Handel, den mir meine Pfaffen in meinem Lande angerichtet haben.« Wir beurlaubten uns mit gerührtem Herzen, und mit den Ausdrücken der innigsten Dankbarkeit und Verehrung, indem wir zugleich baten, daß er doch auch für die Sicherheit unseres Luftschiffes und unserer Ruderknechte Masregeln treffen mögte, welches er uns auf die liebreichste Weise versicherte, und nachher auch hielt.

Wir wurden indeß in unsern Zimmern auf das Prächtigste und Beste bewirthet. Der Wohlgeschmack der Speisen und die Köstlichkeit des Getränkes, womit wir bedient wurden, ist allem weit vorzuziehen[2], was ich auf Erden je genossen habe. Wir ließens uns den Rest des Tages hindurch so wohl schmäcken, daß wir der Gefahr, die uns drohte, gänzlich vergasen. Der Fürst ließ uns auch, zu unserer Beruhigung, sagen, daß wir nichts mehr fürchten mögten, und daß das Ungewitter sich bereits völlig vorbei gezogen habe. --

Ich sollte hier vielleicht Zimmer und Betten und jedes einzelne Stück von Möbeln und Moden und Putz beschreiben, und den Unterschied und die Aehnlichkeit von dem und jenem, zwischen diesem und unserm Planeten anführen; allein da ich nicht für unsere üppigen, modernen Dratpüppchen, weder männlichen noch weiblichen Geschlechts, sondern für Denker schreibe, und mir all dies Zeug von Herzen zuwider ist; so wird man hier dergleichen vergebens suchen; und sollte nun auch gleich ein Solcher, oder eine Solche, die hier so was zu finden glaubten, mein Büchlein voll Verdruß aus den Händen werfen, und schnarren: »^Voilà, qui manque de bon sens!^« --

[Fußnote 2: Man erinnere sich, daß ein Mann spricht, der seine ganze Lebenszeit entweder auf dem Meere, oder in einem entfernten, wenig kultivirten Welttheile, ausser dem Umgange mit den verfeinerten Menschen, zugebracht hat; der zwar ein gutes Herz, einen hellen Kopf und viele Liebe zu den Wissenschaften hat, aber bei all dem _roher Naturmensch_ ist, wie seine Herren Reisegefährten. Wäre der Mann in Frankreich gewesen, hätte ihre Ragouts, ihre Fricassees, ihre Saucen &c. gekostet, er würde diese Sprache gewiß nicht führen. Das ließen sich unsere französischen Köche nicht nachsagen. A. d. V.]

Doch zur Sache zurücke. Des andern Morgens kam ein Bedienter, der uns im Namen des Hochgewaltigen zur Mittagstafel lud. Wir erschienen, und trafen daselbst eine große Gesellschaft von Adel, die theils von Neugierde aus der Gegend herbei geführt, theils von dem Hochgewaltigen gebeten worden waren. Die Tafel war niedlich und mit Geschmack, aber nicht üppig, noch überflüßig bestellt. Das Sonderbarste dabei schien uns, daß die Gerichte nicht aufgetragen wurden, sondern, daß die Tafel -- nach dasiger Gewohnheit -- mit allen Gerichten zumal durch Federkraft sich aus dem Boden hob, und eben so wieder versank, indem die zweite Tracht empor stieg, u. s. w. Man war dadurch von der oft lästigen Gegenwart der Bedienten befreit, die selten ab- und zu giengen. Die schönste Zierde der Tafel war eine gesegnete, liebenswürdige Familie -- zehn Kinder, Söhne und Töchter, alle blühend und schön und eine eben so schöne, vortrefliche Mutter!

Die ganze Gesellschaft behandelte uns wie ihres Gleichen, und als ob wir schon lange unter ihnen wären, und ihnen angehörten. Jene frostige Steifigkeit, die an europäischen Höfen herrscht, schien hier gar nicht bekannt zu sein. Selbst die Bedienten wurden nicht, nach europäischer Sitte, wie die abgerichteten Hunde exerzirt. Man sprach zu ihnen mit Güte und Sanftmuth; sie sprachen selbst mit in die Gespräche der Gesellschaft, und was man von ihnen verlangte, geschah mehr im bittenden Tone, als im barschen befehlenden Tone der Europäer. Ich mußte viel von unseren Sitten und unsern Gewohnheiten erzählen, und sie belustigten sich nicht wenig über unsere sogenannte Hofetiquette und die steife Feierlichkeit unserer Höfe.

Als wir von der Tafel aufgestanden waren, und sich die Gäste bereits entfernt hatten, bezeugten wir dem Fürsten unsern Dank für seine Gastfreiheit, und sagten, daß wir es für Misbrauch seiner Gnade hielten, länger zu bleiben, und daß wir uns etwas weiter auf dem Planeten umsehen wollten. »Daraus wird so geschwinde noch nichts,« fiel er ein: »Ich hoffe doch -- fuhr er lächelnd fort -- daß meine Pfaffen Ihnen nicht werden so bange gemacht haben, daß Sie nicht länger in meinem Lande bleiben wollen? Vergessen Sie das Vergangene. Ich selbst muß mir von dieser Race von Menschen in meinem Lande sehr vieles gefallen lassen. Sein Sie versichert, daß ich außerdem die grausame Gewalt, die man an Ihnen verübt hat, gewiß scharf würde bestraft haben. Ich bin Fürst, aber diese Menschen haben mehr Gewalt über meine Unterthanen, als ich. Sie schleichen überall in den Häusern umher, wissen die Herzen durch den Schein von Religion und Frömmigkeit, Demuth und Sanftmuth zu gewinnen, und niemand hat weniger Religion und Frömmigkeit, weniger Demuth und Sanftmuth, als sie. Sie lehren das Volk die Verachtung der Güter hienieden; machen es glauben, daß das Gebet allein Segen und Fülle bringe, und eignen sich besondere Kraft im Beten zu. Gott stellen sie als einen eigensinnigen Tyrannen dar, der mit ewigen grausamen Martern für zeitliche Vergehen strafe, und den sie allein zu zähmen Macht haben; geben vor, daß sie die Gewalt besitzen, dem Menschen seine Sünden zu erlassen, und versprechen ihm den Himmel, oder drohen ihm mit der Hölle, wies ihr Vortheil fodert. Sie lehren das Volk allerlei Aberglauben, und schreiben sich die Macht zu, allerlei Uebel durch übernatürliche Gewalt zu vertreiben. Für all ihre Betrügereien wissen sie Stellen aus einem Buche anzuführen, das sie für ein göttliches, untrügliches Buch ausgeben, und das sie alleine auszulegen, sich die Macht von Gott anmaßen. Das arme, getäuschte Volk setzt daher sein ganzes Zutrauen in sie; streitet mit Blut und Leben für ihr Ansehen und ihre Lehren; glaubt, alles durch die Gebete der Pfaffen zu erhalten, und giebt ihnen gerne den letzten Heller, damit sie dafür beten, und diesem oder jenem Uebel durch ihre übernatürliche Gewalt abhelfen mögen; denn Sie müssen wissen, meine Herren! daß diese Leute sich für ihr Gebet reichlich bezahlen lassen, und um Geld ihren Gott am Altare opfern und essen. So geschiehts dann, daß das Volk äußerst dumm und arm ist, während diese Betrüger von ehrwürdigem Ansehen, in Reichthum und Ueppigkeit schwelgen, sich wie Ungeziefer vermehren, und die Güter meines Landes im Müßiggange verzehren. Und wehe dem Manne, der ihre Betrügereien aufdecken wollte! Sie nennen ihn einen Ketzer, einen Unglaubigen, einen Gottesläugner; denn sie verweben ihr Ansehn stets mit dem Ansehn Gottes und der Religion, und wissen ihn durch ihren ausgebreiteten Einfluß beim Volke überall so anzuschwärzen, daß er bald der Gegenstand des allgemeinen Hasses und der Verfolgung wird, und nicht selten auf dem Eschaffote, oder im Kerker sein Leben endigt. Vom letztern hätten sie bald selbst eine leidige Probe abgegeben.«

Kalter Schauer überlief mich, während dieser Schilderung, am ganzen Leibe, und mein Vorhaben ward dadurch nur befestigt, dies Land bald zu verlassen. Ich erklärte meinen Vorsatz dem Hochgewaltigen unter dem Vorwande: daß wir nicht lange von Hause sein könnten. Wenn Eure Hochgewalt -- setzt' ich hinzu -- uns noch eine Gnade erzeigen wollen, so bitten wir, daß Sie uns an andere Höfe Empfehlungsschreiben mitgeben möge. »Nun!« -- sagte der Fürst, mit einem Blick und einem Tone, der die ganze Güte seines Herzens ausdrückte -- »wenn Sie mich dann durchaus schon verlassen wollen; so rathe ich Ihnen nach Momoly zu reisen; es ist der merkwürdigste Theil unserer Welt -- und Sie werden auf dieser Reise noch ein Paar Königreiche, Plumplatsko und Biribi sehen, durch die Sie Ihr Weg führt, und wohin ich Ihnen Empfehlungen mitgeben werde. Aber,« fuhr er fort, »wie denken Sie Ihre Reise zu machen? Wenn Sie in Ihrem Luftschiffe fahren, könnten Sie leicht die Orte verfehlen, wo Sie sich niederlassen sollen.«

Nun hatte man, ausser der oben beschriebenen Art zu reisen, noch eine andere, die darinn bestand, daß man in einer Gattung von besonders dazu gebauten Kästen, worinn ihrer mehrere sitzen konnten, von einem Paare der oben gemeldten Thiere getragen ward. Wir beschlossen daher mit unserem Luftschiffe so weit zu fahren, als es uns beliebig sein würde, das Schiff, unter der gewöhnlichen Aufsicht unserer Ruderknechte, dort zurück zu lassen, und unsere Reise auf obige Art zu Lande fortzusetzen. »Den morgenden Tag aber,« sagte der liebenswürdige Fürst, »müssen Sie mir noch schenken,« und wir bewilligten es mit Vergnügen.

Unter diesen und dergleichen Gesprächen, die alle von dem sanften, edlen Herzen und dem hellen Kopfe dieses vortreflichen Fürsten zeugten, verging uns der Tag und der Abend so angenehm, als ich mich nicht erinnern kann, einen in meinem Leben zugebracht zu haben. O! es ist so was Großes, Herzerhebendes, eine fürstliche Sele sich öfnen zu sehen, die die wahre Würde und den wahren Adel eines Fürsten in sich trägt!

Des folgenden Tages gieng der Fürst und seine Familie selbst mit uns an unser Schiff, um es in Augenschein zu nehmen, und erstaunten nicht wenig über die sonderbare Maschine und ihre Einrichtung. Sie freuten sich gar sehr darauf, es den künftigen Tag bei unserer Abreise aufsteigen zu sehen. Der Fürst und seine Söhne bezeugten sogar Lust, selbst mit aufzufahren, das aber die Fürstin dringend und beängstigt verbat.

Denselbigen Mittag speißten wir wieder an der Tafel des Fürsten. Als wir kaum abgegessen hatten, beklagte sich der Fürst über ausserordentliche Ueblichkeit und schneidende Schmerzen im Unterleibe. Es dauerte nicht lange, als ich und meine drei Reisegefährten -- die Ruderknechte waren bei den Bedienten versorgt worden -- das nemliche, obschon minder empfanden. Die Schmerzen des Fürsten nahmen so plötzlich überhand, daß er aufs Bette gebracht werden mußte. Kaum lag er auf demselben, als er schon in starke Konvulsionen verfiel, die immer mehr und mehr zunahmen, und uns äußerst bange für sein Leben machten. Wir vergasen beinahe unserer eigenen Schmerzen über die Seinigen und über den erschütternden Anblick, wie Mutter und Kinder um das Bette standen, und weinten und jammerten! --

Der Arzt wurde indeß herbei geholt, und erklärte, daß wir -- Gift hätten! Die Fürstin fiel bei diesen Worten sinnlos in einen Armstuhl -- die Kinder rangen die Hände, und heulten! -- --

Es war ein Anblick, der Steine hätte bewegen können. Nur der Fürst war gelassen. Er befahl vor allem, seiner Gemahlin zu Hülfe zu eilen, und sprach seinen Kindern Muth und Trost zu. »Ich weiß, woher der Streich kömmt:« sagte er. Diese Worte und das, was er uns gestern von der Bosheit der Pfaffen gesagt hatte, waren für uns Blitze durch die Nacht, und der Gedanke, daß wir die wiewol unschuldige Ursache von dem Unglück des Fürsten seien, quälte uns mehr, als alle Schmerzen.

Die Fürstin kam bald wieder zu sich, und der Arzt gab dem Fürsten Gegengift, wie ers nannte, wir aber nahmen von den Mitteln, die wir unter unserem einfachen Arzneivorrathe bei uns hatten, tranken brav warm Wasser nebenbei, und begaben uns, weil uns sehr übel war, zur Ruhe. Bald darauf mußten wir uns schröcklich erbrechen. Dies dauerte ohngefehr eine Stunde in einem fort, worauf wir uns ziemlich erleichtert, aber zugleich sehr entkräftet fühlten, weswegen wir einige Magenstärkungen nahmen, die uns bald wieder neue Kräfte gaben. Wir erkundigten uns nach dem Fürsten. Aber zu unserem größten Schrecken erfuhren wir, daß es mit ihm beständig schlimmer werde, und alle Rettung wahrscheinlich verlohren sei. Die Ursache der verschiedenen Wirkungen, die das Gift auf den Körper des Fürsten und den unsrigen machte, war, nebst der Quaksalberei des Arztes, vielleicht auch das verschiedene Verhältniß, worinn unsere Natur mit der Natur dieses Planeten stand.

Da wir uns außer Gefahr und wieder stark genug fanden, giengen wir selbst, den Fürsten zu besuchen. Er erkannte uns kaum noch, dann reichte er uns die Hand: »Ich bestätige durch mein Ende,« sagte er, »die Wahrheit dessen, was ich Ihnen gestern von unsern Pfaffen sagte -- ich bin nicht der Einzige, der von ihnen hingerichtet worden ist. Gottlob nur! daß Sie der Gefahr entgangen sind. Lassen Sie sich das Beispiel zur Warnung dienen, und sein Sie vorsichtig gegen diese heiligen Bösewichte.«

Wir waren allein: als er dies sprach. Die Fürstin und die Kinder hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen, um ihrem unbändigen Schmerzen freien Lauf zu lassen. Der älteste Prinz allein war zugegen. »Versprich mir,« sprach der Fürst zu ihm: »meinen Tod an niemanden zu rächen, noch zuzugeben, daß man ihn räche, und gieb mir deine Hand darauf.« Der Sohn stürzte sprachlos zu den Füßen seines Vaters, ergriff dessen Hände und vergoß Ströme von Thränen. »Meine Briefe,« fuhr er zu uns fort, »liegen für Sie an meine Freunde fertig in meinem Kabinette. Bringen Sie ihnen zugleich das letzte Lebewohl ihres sterbenden Freundes. Leben Sie wohl, und erinnern Sie sich auch noch auf Ihrem Planeten eines unglücklichen Fürsten hieroben, der ein besseres Schicksal verdient hätte.«

Wir konnten vor Schmerzen nicht sprechen, küßten ihm die Hände und weinten. Ich versuchte einige Worte von Dank und Verehrung zu stammeln, aber sie erstickten mir in der Kehle. Der Fürst sah unsere Liebe zu ihm, und unsern innigen wahren Schmerz; er drückte uns die Hände -- »Gottlob!« sagte er, »daß ich noch vor meinem Ende Freunde fand. Die Fürsten unserer Welt haben keine Freunde!« --

Er hatte es kaum ausgesagt, als sein Mundschenk wild hereinstürzte, und sich vor ihm auf die Knie warf. »Verzeihung! Verzeihung! Fürst! Vater! Verzeihung dem Mörder -- und dann Strafe -- die grausamste Strafe -- aber Verzeihung!« So rief er schluchzend, und streckte bittend seine Hände empor. »Wem dann?« fragte der Fürst. »Mir! mir! ich bin der Verruchte, der Bösewicht, der Giftmischer! Wehe mir! die Pfaffen haben mich betrogen, haben mir gesagt, daß ich eine gute That thue, haben mir Nachlassung all meiner Sünden[3] und die ewige Seligkeit dafür versprochen, haben mir mit der Hölle gedroht, wenn ichs nicht thäte -- Weh mir! ich fühle, daß ich Böses gethan habe -- die Hölle brennt mich schon in meinem Busen!«--

Der ohnehin schon äusserst schwache Fürst ward dadurch heftig angegriffen. »Unglücklicher!« sprach er matt, »geh, lauf aus meinem Lande, sonst wird man dich ergreifen, und dich ums Leben bringen; und was würde es mich helfen, wenn nebst mir noch ein Mensch umkommen sollte.« Er nahm hierauf Geld, und gabs ihm mit den Worten: »Mach, daß du fortkömmst.«

Der unglückliche raufte sich die Haare aus; »Nein,« rief er: »sterben, sterben will ich den grausamsten Tod, ich Bösewicht! O! ich habe den besten Fürsten gemordet! unsern Freund! unsern Vater! und er -- verzeiht mir, beschenkt mich!« Ein Schluchzen erstickte seine Sprache; er krümte sich an der Erde, wie ein Wurm, und raufte Hände voll Haare aus seinem Kopfe. Man mußte ihn wegbringen. Die schröckliche Scene wirkte zu heftig auf das gute Herz des ganz entkräfteten Fürsten.

[Fußnote 3: Wem dies übertrieben scheint, der darf nur die Geschichte der Königsmörder auf unserm eignen Planeten sich erzählen lassen, die man sogar auch auf dieser abscheulichen That in der Kirche einsegnete, und ihnen das h. Abendmal zur Stärkung ihrer Sele reichte. A. d. Verl.]

Er verlohr itzt alle Sprache; die Konvulsionen wurden stärker; die Augen brachen ihm; er streckte nochmal seine Hand aus, als wollte er noch den letzten Abschied nehmen, und -- verschied!

Ich vermag es nicht, den Jammer der Fürstin und der Kinder zu schildern. Das Herz blutete uns. Wir konnten itzt nicht genug eilen, aus diesem Lande weg zu kommen, wo wir unser Leben und unsere Freiheit keinen Augenblick mehr sicher glaubten.

Ganz in Geheim ließen wir demnach noch vor Tages Anbruch die Anstalten zu unserer Abreise machen, steckten unsere Empfehlungsbriefe zu uns, und nachdem wir uns mit Thränen der Wehmuth von der fürstlichen Familie -- die uns reichlich beschenkte -- beurlaubt, und dem Todten, ewig lebenswürdigen Fürsten die Hände geküßt hatten, gingen wir mit anbrechendem Tageslicht zu Schiffe, stiegen in die Höhe, und entflogen glücklich aus diesen grauenvollen Gegenden, wo die Priester ihren Gott fressen, und ihre Fürsten morden!! -- -- -- -- -- --

Wir hatten uns vorsichtiger Weise erkundigt, nach welcher Himmelsgegend wir los zu steuern hätten, und folgten genau dieser Route. Als wir ohngefehr einen halben Tag, mit ziemlich günstigem Winde, in der Luft gefahren waren, sahen wir eine große Stadt unter uns liegen. Wir ließen uns ohngefehr eine halbe teutsche Meile von derselben nieder, und gingen zu Fuße dahin.

Gleich am Eingange der Stadt wurden wir von einem Manne, der dreierlei Farben an seinem Rocke trug, angehalten, und gefragt: woher wir kämen, und ob wir Pässe hätten. Als wir das letzte mit Nein beantworteten, fragte er weiter: wer wir wären. Erdenbürger, sagten wir. »Wo liegt dies Land?« fuhr er fort. Es liegt in einer andern Welt, antworteten wir, die man Erde heist: »Ich will Euch Euren Spaß vertreiben,« schrie der Mensch mit dreierlei Farben, »Wache raus!« In dem Augenblick erschienen mehrere seines Gleichen, alle bewafnet, und umringten uns. »In Arrest mit den Kerls,« rief er, »bis auf weitere Ordre! es sind verdächtige Schliffl (Halunken).«

Man führte uns demnach, unter dem Zusammenlaufe vieler Menschen, in ein großes Gebäude, wo uns ein Mann empfing, der uns zugleich ein finsteres Loch zu unserer Wohnung anwieß. Ehe er uns aber verließ, durchsuchte er jedem seine Taschen, und nahm uns all unsere Papiere, worunter auch unsere Empfehlungsbriefe waren. Er sah sie an. »Was?« rief er, »die Kerls haben gar Briefe an unsern Hochgewaltigen bei sich.« Wir erkundigten uns hierauf, wo wir dann wären, und erfuhren, in #Wirra#, der Hauptstadt vom Königreiche Plumplatsko, welches eben diejenige war, wohin wir Empfehlungen hatten.

Man nahm indeß unsere Briefe mit fort, und schloß uns hier ein. »Verflucht und verdammt,« schrie ich, »sei die Reise in den #Mars#! Zu #Papaguan# fielen wir unter die Hände der Pfaffen -- hier sind wir wahrscheinlich unter die Hände der Soldaten gefallen. Gott mag wissen, welches schlimmer ist! Beide Stände scheinen hier eine Art von Despotismus auszuüben.«

Eine ganze Nacht hatten wir nun wieder fast eben so übel, als jene in Papaguan zubringen müssen; als wir des anderen Morgens abgeholt, und in ein besonderes Zimmer des Gebäudes geführt wurden, wo einige Offiziere zugegen waren, die uns andeuteten, daß wir, als verdächtige Leute, die keine Pässe bei sich hätten, entweder Kriegsdienste nehmen, oder fünfzig Stockschläge jeder auf öffentlicher Schandbühne bekommen sollten. Vergebens beriefen wir uns auf unsere Empfehlungen. Man hieß uns schweigen, und drohte uns mit Stockprügeln, wofern wir noch ein Wort sprechen würden.[4]

Hiermit ließ man uns wieder in unseren Arrest zurück führen, indem man uns andeutete: daß morgen der Tag wäre, wo wir unsere Strafe erhalten würden, wenn wir nicht indeß Dienste nähmen.

Bei unserer Zurückkunft ersuchten wir, um unsere Leiden zu vergessen, den Gefangenwärter, daß er uns einiges Getränk für unsere Bezahlung holen mögte, die wir ihm, nebst einem kleinen Geschenke, reichten. Er that es, und bracht uns ein Paar große Kannen voll köstlichen Trankes. Wir boten ihm ebenfalls davon zu trinken an. Er ließ sichs nicht zweimal sagen, und ward dadurch etwas zutraulich.

[Fußnote 4: »^C'est tout comme chés Nous.^«]

Ich merkte es, und fing an, ihm unser hartes Loos zu klagen. »Ja!« sagt er, »unser Herr braucht halt Leute.« Und nun erzählt er uns, daß sie in einen sehr blutigen Krieg verwickelt wären, der sie bereits schröcklich ausgezehrt habe, und der doch ihr Land im Grunde gar nichts anginge; denn eine fremde Königin habe ihn mit einem fremden König angezettelt, und ihr Hochgewaltiger habe sich drein gemischt, weil er die fremde Königin liebte, und sich zugleich seine Riemen aus der Haut des Feindes zu schneiden dachte; denn er sei eben so schwach gegen die Weiber, als habsüchtig -- Aber die Sache ging schief, und er hatte noch dazu das Heer seiner geliebten Bundesgenossin zu unterhalten oben drein -- denn die Leute waren kaum bedeckt, und es mangelte an Proviant und allem, und die Kerls starben zu Haufen, wie das Vieh, von Kälte und Hunger. Da sucht man dann Geld und Leute zu kriegen, wie und woher man kann. Kein Reisender ist sicher. Den Einwohnern des Landes reißt man ihre Kinder aus den Armen, und sie müssen noch neue schwere Auflagen bezahlen obendrein, unter denen sie fast erliegen. --

Wir hatten ihm indeß mit dem Trunke immer mehr zugesetzt, und als wir seine Unzufriedenheit merkten, priesen wir dagegen unser Vaterland, sagten ihm viel von der Macht, dem Ansehn und den Reichthümern, die wir darinn besäßen; von der Erfindung, die wir gemacht hätten, in der Luft zu fahren, und von dem Luftschiffe, das wir bei uns hätten. Er wollte es kaum glauben, so staunte er darüber; und bezeigte endlich sein Verlangen, auch so in der Luft zu fahren. Dieß könne er, sagten wir ihm, wenn er mit uns reisen wolle; und wir schwuren ihm, in unserm Vaterlande ihn zu einem reichen, angesehenen Mann zu machen. Er schien darüber ausser sich vor Freuden, und kurz, wir wurden einig, sobald es Nacht wäre, miteinander zu entfliehen.

Indeß ließen wir noch ein Paar Kannen füllen, und tranken tapfer drauf los, während wir die Einbildung unseres neugeworbenen Reisegefährten mit Träumen seines künftigen Glückes beschäftigten. So rückte die Nacht heran. Der Gefangenwärter brachte uns andere Kleidung, die wir, um unerkannt zu sein, über die unserige zogen; und so schlich er mit uns aus dem Hause, und führte uns durch Abwege glücklich zum Thore hinaus.