Reise durch England und Schottland
Chapter 9
Die Mädchen und Frauen von Lancashire sind unter den Namen der Hexen von Lancaster, Lancaster Witches, als die schönsten in ganz England berühmt, und wir trafen fast bei jedem Schritt in der Stadt Lancaster auf Beweise, daß sie dieses Ruhms vollkommen würdig sind. Reizenderes gibt es nicht als die hiesigen Quäkermädchen in ihrer anspruchslosen, bescheidenen Tracht. Die dunklen Farben, in welche sie sich gewöhnlich kleiden, die Schürze und das große Halstuch vom allerfeinsten Musselin, das schwarzseidene Hütchen, alles ohne die mindeste Verzierung, geben den frischen, blühenden Gesichtern eine unendliche Lieblichkeit. Es ist etwas Klösterliches in ihrer Erscheinung; aber da sie frisch und frei in Gottes Luft umherwandeln, so erregen sie nicht das beängstigende Mitleid wie die Nonne; auch ist ihre einfache, reinliche Kleidung dem Auge weit angenehmer, als jene gotische entstellende Verhüllung.
Wir reisten über das sehr hübsche, freundliche Fabrikstädtchen Preston nach Liverpool. Gleich hinter Preston glaubten wir uns wie durch einen Zauberschlag aus England nach Holland versetzt. Das Land so flach als möglich, unabsehbare Wiesen, von Kanälen durchkreuzt, Gräben voll Wasser an beiden Seiten der mit Steinen gepflasterten Landstraßen, alles genau wie in Holland, nur das nette, geschniegelte Ansehen der holländischen Landhäuser fehlte. In England wird kein Haus von außen gemalt oder abgeputzt; in wenigen Jahren bekommen daher die Backsteine, aus welchen die meisten erbaut sind, ein altes, rauchiges Ansehen, welches dem nicht daran gewöhnten Auge mißfällt. Nichts ist dagegen hübscher und freundlicher als die ländlichen Wohnungen in Holland; das Holzwerk wird dort regelmäßig alle Jahre mit Ölfarbe angestrichen, die Ziegelsteine werden rot gefärbt, die Fugen derselben weiß gemacht; alles sieht daher immer neu aus und gibt dem Ganzen ein unbeschreiblich fröhliches und wohlhabendes Aussehen.
Liverpool
Diese Stadt, nächst London die größte und bedeutendste in England, steht dennoch, sowohl in Hinsicht der Schönheit als des Umfangs, weit hinter Edinburgh zurück. Aber Handel und Betriebsamkeit haben über Liverpool ihr Füllhorn ausgeschüttet, und Reichtum und Luxus glänzen dem beobachtenden Fremden überall entgegen.
Die reichen Kaufleute wenden ihren Überfluß auf eine sehr zweckmäßige Weise an, indem sie die an sich nicht schöne Stadt mit vielen neuen, prächtigen Gebäuden verzieren. Vier neue palastähnliche Kaffeehäuser, Newshouses, Neuigkeitshäuser hier genannt, sind seit kurzem durch Subskription erbaut; ein schönes Theater, ein Konzertsaal, ein großer Gasthof, viele mildtätige Anstalten, welche der Menschheit Ehre machen, verdanken den reichen Einwohnern ebenfalls ihr Dasein. Das prächtigste und kostbarste Werk ihrer vereinten Kräfte sind aber die Docks.
In diesen künstlichen Häfen liegen die Schiffe sicher und bequem, fast mitten in der Stadt zusammen, werden sogar da erbaut, ausgebessert, aus- und eingeladen, und überdies sind die Ladungen vor Dieben sichergestellt. Solche Docks kosten ungeheure Kräfte, um sie zustande zu bringen, sind aber auch für den Handel vom größten Nutzen.
Die Promenade längs ihren Ufern fanden wir nicht angenehm: das Gewühl, das Schreien, das Drängen und Stoßen ist betäubend, der Seegeruch unangenehm, aber der Anblick der offenen See über die Docks hinaus entschädigte uns; den am Ufer des Meeres Geborenen geht es damit wie den Bergbewohnern mit ihren Bergen. Wir sehnen uns, wenn wir es vermissen, und sein Wiedersehen erfreut wie das eines alten Freundes. Das Meer verschönert jede Gegend, ja die traurigste Sandsteppe erhält dadurch einen unbeschreiblichen Reiz. Das Brausen der Wellen tönt wie bekannte Stimmen aus unserem Jugendlande herüber, und wir horchen gern mit stiller Wehmut zu.
Wir haben schon bemerkt, daß Liverpool keine eigentlich schöne Stadt sei; auch die Umgebungen derselben zeichnen sich nicht vor anderen aus. Doch müssen wir die schönen Wohnungen verschiedener reicher Kaufleute erwähnen, die ganz nahe vor der Stadt, etwas abgesondert von dieser, auf einer mäßigen Anhöhe erbaut sind. Höchst elegant eingerichtet, vereinigen sie alle Vorteile des Land- und Stadtlebens auf die angenehmste Weise. Nur wird dieser Vorzug ihnen wohl nicht mehr lange bleiben, da sich die Stadt täglich vergrößert und man schon jetzt berechnen kann, daß im Verlauf von einigen Jahren jene Häuser mitten in ihr und in ihrem Gewühl liegen werden.
Der gesellschaftliche Ton ist in Liverpool vielleicht ein klein wenig leichter als in London; doch fehlt es hier wie dort an dem allgemeinen Interesse im Gespräch, welches die Fremden bald einheimisch macht. Sind die gewöhnlichen Redensarten, welche in diesem Lande immer von der allgemein angenommen Etikette herbeigeführt werden, abgetan, hat man über Wetter und Wohlbefinden sich ausgesprochen, so ist man in der Regel übel daran, wenn man von Handel und Politik nichts weiß oder nichts wissen will.
Die Männer dieser Stadt sind fast alle auf dem festen Lande gewesen, sie kennen fremde Sitten und Gebräuche; dies macht sie wenigstens toleranter gegen Ausländer. Die Frauen aber sind echte Engländerinnen im vollen Sinne des Worts, und im allgemeinen fehlt ihnen die höhere Bildung, die denn doch in einer großen Stadt wie London leichter zu erlangen ist als in einer Provinzstadt. Dafür haben sie sich tausend Bedürfnisse und Zierereien angeschafft, die ihren Reichtum und ihren guten Ton zugleich an den Tag legen sollen, dem daran nicht Gewöhnten aber höchst lästig und peinlich werden.
Die Liverpooler besitzen in hohem Grade die Tugend der Gastfreiheit, die dem Engländer in Städten sonst weder eigen ist noch seiner Einrichtung nach sein kann; daß aber die Langeweile an ihren wohlbesetzten Tischen auch hier gewöhnlich präsidiert, kann nicht geleugnet werden, wenigstens ist dies der Fall, bis die Damen aufbrechen und den Männern bei Wein und Politik freien Spielraum lassen.
In Liverpool, wie in ganz Lancashire, leben viele Quäker-Familien; doch sind sie hier sehr ausgeartet und schämen sich ihrer alten einfachen Sitte. Der neumodische Ton steht ihnen wunderlich; besonders benehmen sich die jungen Herren, welche Elegants sein wollen, ungemein link. Sie, deren Väter selbst vor dem Könige nicht den Hut abnahmen, grüßen jetzt, zum Beispiel auf der Promenade, fast jedermann, um zu zeigen, wie vorurteilsfrei sie sind; ungefähr wie elegante Juden, die, um ihre vorurteilsfreie Bildung an den Tag zu legen, sich an öffentlichen Orten mit Schinkenessen Indigestionen zuziehen. In einigen Läden fanden wir noch Quäkerinnen in der einfachen, sauberen Kleidung, die ihre Religion ihnen vorschreibt. Das "Du" klang in ihrem Munde so höflich und bescheiden, daß unser "Ihr" uns in dem Augenblicke recht lächerlich schien. Es handelt sich sehr gut mit ihnen; ihre Waren sind immer von vorzüglicher Güte, sie überteuern niemand, und kein Feilschen und Abdingen findet statt, das sie nur beleidigen würde.
Das Theater ist nicht groß, aber sehr elegant und bequem eingerichtet. Man hört überall im ganzen Hause vollkommen gut; die Erleuchtung ist vortrefflich, und die Dekorationen lassen nichts zu wünschen übrig. Wir besuchten hier die Vorstellungen einiger neuerer Schauspiele, welche wir schon in London gesehen hatten, und waren im Ganzen damit zufrieden, wenigstens mit den Schauspielern. Die Schauspielerinnen freilich scheinen sich einander das Wort gegeben zu haben, nicht über die beschränkteste Mittelmäßigkeit hinauszugehen.
Die Zuschauer waren weit weniger lärmend als in London; unter ihnen bemerkten wir im Parterre die beiden betrunkensten Menschen, die uns je vorgekommen sind. Beide, ganz elegant gekleidet, saßen leichenblaß, starr und steif nebeneinander, wie Tote, mit stieren, offenen Augen. Der eine fiel wie ein Stein vom Sitze herunter, der andere blieb, ohne es zu bemerken, steif sitzen. Einige Zuschauer im Parterre trugen sie hinaus, aber mit so zarter Schonung, mit so viel Teilnahme, daß man deutlich sah, jeder dachte im stillen: "Heute dir, morgen mir!"
Wir haben schon oben der vielen menschenfreundlichen Anstalten erwähnt, die hier der Wohltätigkeit und dem Reichtume der Einwohner ihr Dasein verdanken. Eine davon, für Blinde, besuchten wir mit Freude und Rührung. Der Fonds dieser Einrichtung ist noch nicht hinreichend, um ein Haus zu erbauen, welches geräumig genug wäre, daß all diese Unglücklichen darin wohnen können. Deshalb sind sie in der Stadt in Privathäusern eingemietet, aber sie versammeln sich alle Tage in dem für sie eingerichteten Gebäude, Asylum genannt; dort speisen sie zusammen, erhalten Unterricht in der Musik, in den Handarbeiten, die sie bei ihrem traurigen Zustande verrichten können, und bringen übrigens den Tag nach Gefallen miteinander zu. In zwei Zimmern stehen gute Pianoforten zu ihrem Gebrauch, im dritten eine Orgel. Als wir in letzteres traten, saß ein junger Blinder an der Orgel und akkompagnierte drei jungen Mädchen, seinen Unglücksgefährtinnen. Sie sangen dreistimmig eine rührende Klage, gemildert durch stille Ergebung und Hoffnung auf den Tag, der einst ihre lange Nacht erhellen wird. Ihre Stimmen waren angenehm und rein, sie bemerkten unseren Eintritt nicht und sangen ungestört fort; gerührt standen wir am Eingange des Zimmers still und hüteten uns wohl, sie zu unterbrechen.
Im Ganzen sind diese Blinden wie fast alle ihre Unglücksgenossen immer heiter und froh und gesprächig. In einem unteren Zimmer fanden wir eine Menge spinnender Weiber und Mädchen, Räder und Zungen schnurrten lustig um die Wette. In einem anderen Zimmer, wo sich Männer und Jünglinge mit Korbflechten beschäftigten, ging es nicht weniger munter her. Wir bewunderten die Feinheit und zierliche Form der Körbchen, sie flochten sogar Muster von grünen und roten Weiden hinein und wußten diese von den weißen durchs bloße Gefühl auf das genaueste zu unterscheiden.
Die Blinden machen auch sonst noch allerhand nützliche Arbeiten, welche unten im Hause in einem Laden zum Vorteile der Anstalt verkauft werden; sie weben, machen Seile, ja es gibt sogar Schuhmacher unter ihnen. Diese Anstalt gehört wohl zu den zweckmäßigsten und wohltätigsten ihrer Art. Entfernt von allen Scharlatanerien, strebt sie nur den Unglücklichen wirkliche Hilfe zu leisten, sie soweit möglich zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen und ihren einsamen dunklen Pfad zu erheitern durch Arbeit und Musik. Hier werden sie nicht mit tausend Kleinigkeiten gequält wie in anderen ähnlichen Anstalten, wo man das, was der Menschheit das Ehrwürdigste sein wollte, das Unglück, zum Zeitvertreib einer müßig gaffenden schauspiellustigen Menge herabwürdigt.
Am Tage, ehe wir Liverpool verließen, erscholl plötzlich von allen Türmen ein betäubendes Glockengeläute, welches eine ganze Stunde ununterbrochen fortwährte; die Glocken erklangen lustig bald die Oktave hinauf, bald herunter, bald Terzen, bald Quinten, die ganze Skala durch, nach Gusto der Künstler. Jeder von diesen Herren bimmelte nach Belieben der Nachbarschaft die Ohren voll, ohne sich an seine Kollegen zu kehren. Wir glaubten, es sei die Nachricht einer gewonnen Schlacht angekommen, oder der Geburtstag eines Mitglieds der königlichen Familie würde gefeiert oder wenigstens eine große, vornehme Hochzeit in der Stadt; denn auch an bloß häuslichen Freudentagen darf jeder Engländer mit allen Glocken läuten lassen, wenn er dafür bezahlen will. Aber nichts von alledem, sondern eine alte, vor mehr als hundert Jahren verstorbene Jungfer war die Ursache alles dieses Lärms. Diese hat in ihrem Testamente sämtlichen Liverpoolschen Künstlern eine gebratenen Hammelkeule mit Gurkensalat und dem dazugehörigen Porter für jeden Donnerstagabend das ganze Jahr hindurch auf ewige Zeiten vermacht. Sie verzehren dieses Gastmahl in Gesellschaft, müssen aber vorher mit ihren Glocken einen furchtbaren Lärm machen, der die Nachbarn der Kirchen in Verzweiflung bringt; alles zum Gedächtnis des Namens der Erblasserin, und es fragt sich, ob diese Erfindung, eine Art von Unsterblichkeit zu erhalten, nicht so gut und besser ist als manche andere.
Die Gegend hinter Liverpool fanden wir ebenso holländisch als die, durch welche wir hereinkamen. Das Land so flach als möglich, aber höchst kultiviert, durchschnitten von schiffbaren Kanälen. Über Warrington, ein sehr freundliches Städtchen, berühmt durch Glasfabriken aller Art, kamen wir zum zweiten Male nach Manchester, von dort auf sehr unebenem Wege nach Disley.
Die englischen Landstraßen werden mit Recht im Durchschnitt als höchst vortrefflich gepriesen. Aber in der Nähe großer Fabrikstädte, wo schwerbeladene Wagen und Karren den ganzen Tag darauf hin und her rollen, sind sie es weit weniger und müssen den Chausseen um Dresden, im Dessauischen, im Österreichischen und anderen in Deutschland den Vorrang einräumen.
Eine Unannehmlichkeit für fremde Reisende in England besteht darin, daß es sehr schwer wird, früh auszureisen. Bei aller Vortrefflichkeit der Gasthöfe ist es dennoch unmöglich, vor sieben Uhr morgens das Frühstück zu erhalten: der Wirt und seine ersten Bedienten schlafen bis spät in den Tag hinein; nur der Stiefelwichser ist zu jeder Stunde bereit, aber seine Macht erstreckt sich nicht weiter als höchstens zur Herbeischaffung der Pferde. Diese Beschwerde fühlt indessen nur der Fremde, namentlich der Deutsche: denn die Engländer sind in der Regel gewohnt, erst einige Stunden nach dem Aufstehen zu frühstücken und reisen immer eine oder ein paar Stationen, ehe sie ihren Tee mit geröstetem Butterbrote verlangen. In Disley, wo wir dem englischen Gebrauch gezwungen folgen wollten, fanden wir das Haus in so großer Unordnung und Unsauberkeit, daß es uns unmöglich war, den Wagen zu verlassen.
Unsere Reise fiel gerade in die Zeit der allgemeinen Bewaffnung der Nation gegen die gefürchtete Landung der berüchtigten Bateaux plats. Alt und jung spielte Soldaten; Comptoires, Werkstätten, Läden standen die Hälfte der Woche leer; jeder junge Mann suchte durch schöne Uniformen und Exerzieren bei heiterem Wetter im Angesichte der Damen seinen Mut an den Tag zu legen; bei Regenwetter gingen sie freilich wie die päpstlichen Soldaten mit Regenschirmen zur Parade.
Nach dem Exerzieren wurden in Gasthöfen bei großen gemeinschaftlichen Gastmählern die durch diese patriotische Anstrengung erschöpften Kräfte hinter der Flasche wieder ersetzt und die Nacht alsdann mit Tanz und Spiel vollends hingebracht. Diese Lebensweise galt damals durch ganz England, und die Chefs der darüber leerstehenden Comptoires und Fabriken wollten ob der großen Vaterlandsliebe der jungen Helden schier verzweifeln.
In Disley war eben diese Nacht solch ein patriotisches Fest gefeiert worden. Alles trug noch Spuren davon, welche, ziemlich abschreckend, dem Eintretenden auf alle Weise entgegenkamen. Hinter Disley war die Gegend zuerst recht freundlich, ganz englisch; alles grün, über und über. Dann gerieten wir wieder zwischen unfruchtbare hohe Felsen. Dürftig mit Heidekraut bewachsen, boten sie uns alles Unangenehme einer Gebirgsreise, ohne uns durch erhabenen Schönheit dafür zu entschädigen. Kurz vor Middleton kamen wir durch eine enge, zwischen Felsen von schönerer Form sich hinwindende Schlucht; dann ging es weiter über noch höhere und freudenlosere Berge bis Sheffield.
Dies ist eine große, aber nicht freundliche Manufakturstadt. Kohlendampf, üble Luft, unbeschreiblicher Schmutz wie in einer Schmiede überall. Die Straßen hallen wider von wildem, wüstem Geschrei und Gehämmer, alles hat ein grobes, unangenehmes Handwerksansehen. Es werden in Sheffield sehr viele und sehr schöne Stahl- und plattierte Waren verfertigt. Unseres Bleibens konnte aber dort nicht lange sein; nichts zog uns an, wir eilten fort und freuten uns in dem nicht weit entfernten Landsitze des Lord Fitzwilliam, Wentworth House, wieder einmal frische Luft zu schöpfen.
Wentworth House und Rotherham
Es ward uns erlaubt, durch den Park von Wentworth zu fahren. Obgleich groß und angenehm, zeichnet er sich dennoch übrigens nicht aus; ebensowenig die Gärten und Anlagen.
Das Merkwürdigste hier sind die prächtigen Ställe; sie gleichen wahrlich mehr einem Palaste als der Wohnung von Pferden. Sie umschließen einen großen viereckigen Hof von allen Seiten. Der eine Flügel des mit architektonischer Pracht verzierten Gebäudes ist zur Reitbahn eingerichtet; in den drei anderen sahen wir eine Menge der schönsten Pferde, unter ihnen viele Jagdpferde, meistens von arabischer Herkunft; auch verschiedene berühmte Renner, welche bei manchem Wettrennen unsterbliche Lorbeeren errungen hatten. Die Luft war in diesem Pferdestalle weit reiner als in der Stadt Sheffield. Die Pferde stehen alle auf steinernem, zum Abzuge der Feuchtigkeit hin und wieder durchbohrten Platten. Dies verhinderte allen unangenehmen Geruch. Über dem Stande der vornehmsten Pferde, der Jagdpferde und der Renner, war ihr Name, der Name ihrer werten Eltern und bisweilen ein noch längerer Stammbaum zierlich geschrieben zu lesen. Einige Stuten hatten ziemlich große Spiegel vor sich, um zu bezwecken, daß ihre Nachkömmlinge ihnen an Schönheit gleich würden.
In einem abgesonderten Teile des Hofes lief ein sehr hübsches persisches Pferdchen umher. Man sagte uns, es wäre über zwanzig Jahre alt. Zahm wie ein Hund und auch nicht viel größer, kam das zierliche Tier auf jeden Ruf freundlich und schmeichelnd herbeigesprungen.
Müde und angegriffen vom Anschauen und Bewundern setzten wir unseren Weg fort nach Rotherham, wo uns Merkwürdigkeiten anderer Art erwarteten.
Hier waren wir wieder in Vulkans Wohnung, doch ging es uns diesmal nicht wie in Carron; wir wurden eingelassen und freundlich empfangen.
Diese Eisengießerei, an Größe und Bedeutung die nächste jener nach Carron, gehört Herrn Walker. Obgleich auch hier Fremde ohne besondere Empfehlung nicht eingelassen werden, und wir keine an Herrn Walker hatten, so genügte ihm doch schon ein Blick auf einige offene Adreßbriefe, die wir von London aus für andere Orte in England mitgebracht hatten, und er gab Befehl, uns überall herumzuführen. Eine ungeheure Menge Blech wird hier geschmiedet, gereinigt, geschnitten, verzinnt und dann in Kisten gepackt in alle Welt versendet, wo es unter tausenderlei Formen wichtige und angenehme Dienste leistet. Das zu verarbeitende Eisen kommt alles aus Rußland, teils roh, teils in langen Stangen.
Die Eisengießerei war uns besonders interessant. Einen schauderhaft schönen Anblick geben die hochsprühenden Flammen und Funken, die roten zischenden Feuerströme, welche sich mit glühendem Schein langsam hinwälzen, bis sie sich in die Form wie ein Grab versenken, um dort auf immer zu erstarren. Ihn vermehren noch die schwarzen, kolossalen Männer, welche sich auf mannigfaltige Weise darum her beschäftigen. In Rotherham ward die große eiserne Brücke gegossen, die wir bei Sunderland bewunderten, und eine zweite, noch größere, ward hier vor kurzem nach Jamaika versendet. Das Eisen wird hier in unendlich verschiedene Gestalten gezwungen, von den kolossalen Brücken an bis herab zum demütigen Plätteisen. Man verfertigt hier auch viel schönes Gitterwerk, in geschmackvollen, meistens der Antike nachgebildeten Mustern, und braucht es sehr häufig zur Verzierung der Balkone, Fenster, Gartenpforten, Torwege und Treppen. Es sieht sehr reich und elegant aus. Durch die Erfindung, dergleichen Dinge zu gießen, statt sie zu hämmern, ist ihr Gebrauch ungemein verbreitet worden. Geschlagenes Eisen ist zwar weit dauerhafter als gegossenes, aber dieses kostet auch nur halb so viel als jenes, und da es denn doch Eisen ist, so bleibt es seiner Natur nach noch immer dauerhaft genug.
Das Glück wollte uns so wohl, daß wir eine vierundzwanzigpfündige Kanone gießen sehen konnten. Aus zwei Öfen floß brausend das flüssige Metall in zwei mit Sand und Erde eingedämmte Kanäle, die sich bald in einem einzigen vereinten, aus dem es gewaltsam in die tief eingegrabene Form stürzte. Dantes Hölle und der feurige Phlegethon [Fußnote: Unterweltstrom aus der griechischen Mythologie] waren bei diesem Anblick die nächstverwandten Ideen. Drei Tage braucht es, ehe die Kanone erkaltet ist, dann zerbricht man die Form und bringt sie so heraus.
Wir sahen auch eine Kanone bohren; denn sie werden alle massiv gegossen. Aus dieser Operation pflegte man sonst ein Geheimnis zu machen, doch ward sie uns ohne viele Widerrede gezeigt, sobald wir den Wunsch äußerten, sie zu sehen. Die dazu nötige Maschine wird vom Wasser getrieben. Eine lange, eiserne Stange, genauso dick als die Mündung der Kanonen weit werden soll, steht in horizontaler Stellung fest. Ein platter Stahl, ungefähr einen halben Zoll stark, mit scharfen Ecken, in Form einer Zunge, befindet sich am Ende der übrigens ganz runden Stange. Die Kanone, mit undenkbarer Gewalt vom Wasser getrieben, wird gezwungen, sich um diese Stange wie eine Axt zu drehen und zu winden; die Zunge schneidet das Metall aus der Öffnung, und die Stange poliert von innen ganz glatt und eben. Es ist unmöglich, die Kraft ohne Staunen anzusehen, die hartes Metall wie weiches Holz bearbeitet. Wie wenig vermag der Mensch mit seiner Stärke allein, und wie viel Erstaunenswertes bringt er hervor mit Hilfe der Elemente, die er zur Dienstbarkeit zwingt, die sich aber auch an dem ohnmächtigen Herrscher oft furchtbar rächen, wenn sie die Fesseln zerbrechen, die er schlau ersann, und in wilder Freiheit einhertoben, um in Momenten ganze Geschlechter zu vernichten.
Nottingham
Über das artige Städtchen Mansfield reisten wir nach Notthingham, einer schönen, ansehnlichen Fabrikstadt, in welcher besonders viele und große Strumpfwebereien sich befinden. Von dort gingen wir nach Derby, durch eine sehr reizende Gegend, dicht besät mit Parks und freundlichen, zum Teil schönen Landhäusern, zwischen welchen einige stolze Schlösser der Großen sich stattlich erheben. Unser Postillon fiel vom Pferde, die Pferde nahmen reißaus; doch auf diesen schönen und lebhaften Straßen hat solch ein Vorfall wenig zu sagen, obgleich er fast in allen englischen Romanen als ein großes Motiv paradieren muß. Unsere flüchtigen Pferde wurden bald angehalten, und wir kamen, zwar ein wenig erschrocken, doch wohlbehalten in Derby an. Hier waren die Pferderennen, auf die wir uns gefreut hatten, eben vorbei; auf unserer vorigen Durchreise war das Merkwürdigste, was Derby darbietet, schon bewundert; deshalb setzten wir unseren Stab bald weiter und zogen gegen Warwick.
Von Warwick kamen wir nach Stratford-on-Avon. Der Ort ist klein, arm und unbedeutend, aber ein heiliger Schimmer umgibt ihn: denn hier erblickte Shakespeare [Fußnote: das Grab ist heute bekannt und befindet sich im Chor der Holy Trinity Church. Das Fachwerk des Geburtshauses stammt tatsächlich aus der Zeit Shakespeares] zuerst den Tag, hierher kehrte er zurück am Ende seiner großen Bahn, und seine Gebeine liegen hier begraben. Niemand weiß recht die Stätte, aber in der Westminster Abtei, dort wo die Könige ruhen, strahlt das Denkmal, welches die Nation ihm errichtete, deren Stolz er ist.
Wir ließen uns zu der Hütte fahren, in welcher sein Vater, ein wohlhabender Handschuhmacher, auch Wollkämmer, einst wohnte, wo der große Geist, seiner selbst nicht bewußt, in der engen Eingeschränktheit ängstlich und beklommen sich fühlte, bis ins sechzehnte Jahr, in stetem Kampfe mit der ihn einengenden Außenwelt, an den Banden riß, die ihn einzwängten, und endlich, nach mancher wilden, ungezügelten Äußerung, zu welcher Jugendmut und ungeleitete Kraft ihn hinzogen, dem engen Leben wie dem kleinlichen Zwange entfloh und frei seinem Genius folgte.