Reise durch England und Schottland

Chapter 5

Chapter 53,595 wordsPublic domain

Welche Verzierungen für einen Park sind diese Ruinen, wie sinkt alles so kleinlich dagegen zusammen, was selbst große Fürsten auf ihren Landsitzen unternehmen, um nur etwas ähnliches zu erkünsteln! Der vorige Besitzer von Studley Park erkaufte sie freilich für eine große Summe, aber er gab seinen Besitztum dadurch einen hohen, einzigen Wert und sicherte zugleich diese heiligen Überreste zwar nicht gegen den langsam zerstörenden Zahn der Zeit, aber doch gegen vernichtenden Mutwillen, der leider überall dem Schönen droht.

Von Studley Park ging es nach Hackfall. Alle Parks, die wir bis jetzt sahen, erschienen uns als freundliche Punkte unserer Reise, an die wir noch nach Jahren gern zurückdenken werden; hier aber fühlten wir das Trostlose des Geschicks des Reisenenden, nur flüchtig am Schönen vorüberstreifen zu können und es nur im Bilde davonzutragen. Hier wünschten wir Hütten zu bauen. Wie schön muß sich's in diesem heimliche verborgenen Tale wohnen! Grünend, blühend liegt es zwischen malerisch geformten und bewachsenen Felsen. Wege schlängeln sich bald in schwindelnder Höhe, bald tiefer in lieblichen Schatten an den Bergen hin; ganz unten braust und blinkt und wogt ein spiegelheller Fluß, von allen Felsen rauschen und gaukeln Bäche zu ihm hinab, bald sprudelnd und schäumend, bald wie im leichten Tanz. Endlich gelangt man hinauf zur höchsten Höhe. Ein Pavillon ziert sie. Von dort aus blickt man weit ins offene fruchtbare Land. Da liegt die Welt vor uns und ihr unruhiges Treiben, und zu unseren Füßen das Tal mit seinem stillen Frieden. Zögernd, wider Willen, verließen wir abends diesen lieblichen Ort, über Berg und Tal rollten wir hin durch den schönen, fruchtbaren Teil von Yorkshire, bis Catterick Bridge, einem großen, ganz isoliert liegenden Gasthofe.

Englische Gasthöfe

Die Annehmlichkeiten eines solchen Gasthofes in England kennt man auf dem festen Lande nicht; darum erlauben wir uns hier einiges darüber zu sagen. Durchgängig, auch in den Städten, sind die englischen Gasthöfe sehr lobenswert: Zimmer, Betten, Bedienung, Reinlichkeit übertreffen alles, was man in anderen Ländern in dieser Art antrifft, aber wir möchten fast behaupten, daß die guten Gasthöfe auf dem Lande wieder die in Städten in dem Maße übertreffen wie jene die deutschen.

Die Teuerung ist auch nicht so groß, als man denken möchte, wenn man nur erst die Sitte kennt. Der Umstand, daß man durchaus nicht portionsweise speist, ist freilich unangenehm. Alle Vorräte des Hauses an Fleisch, Fischen, Gemüsen und dergleichen sind mit der höchsten Sauberkeit und mit einer Art Eleganz in einem auf dem Flur befindlichen, mit Glasfenstern versehenden Kabinett zur Schau gestellt. Hier trifft man gewöhnlich die Wirtin oder ihre Stellvertreterin an. Außer einigem Backwerk findet man nichts fertig zubereitet; die Häuser, in welchen die öffentlichen Fuhrwerke zu bestimmten Stunden einkehren, machen jedoch hiervon eine Ausnahme. In diesen ist mittags oder abends der Tisch gedeckt, an welchem die ankommenden Reisenden um einen festgesetzten Preis in Gesellschaft speisen können. Außer diesem aber muß der einzelne Fremde in jenem Vorratsmagazine seine Mahlzeit und die Art der Zubereitung selbst wählen und geduldig warten, bis sie fertig ist. Wählt man nun einen Hammel- oder Rinderbraten oder sonst ein großes Stück, so bekommt man es ganz auf den Tisch und muß es auch ganz bezahlen, wenn es gleich kaum angeschnitten wieder abgetragen würde. Dies ist freilich nicht angenehm, aber der Landeskundige weiß sich einzurichten und bestellt kleinere, leichter zu bereitende Gerichte. Das Logis ist nicht teuer. Für das Zimmer, in welchem man speist und den Tag zubringt, wird, auch bei längerem Aufenthalt, gewöhnlich nichts gerechnet, es sei denn, daß man nur im Hause wohne und immer auswärts speise. Im Schlafzimmer bezahlt man nur das Bette, und dieses kostet selten mehr als einen Schilling die Nacht. Und welch ein Bett! Die schönsten Matratzen, die feinsten Bettücher und Decken. Schöne Vorhänge umgeben das Bett, ein hübscher kleiner Teppich liegt davor, eine feine weiße Nachtmütze und ein Paar Pantoffeln fehlen auch nie dabei, deren sich reisende Engländer, die immer wenig Gepäck mit sich führen, ohne alle Scheu bedienen.

Es ist uns immer aufgefallen, wie dieses Volk, bei aller Reinlichkeit, tausend kleine Rücksichten nicht kennt, die dem Deutschen, noch mehr dem Franzosen, zur Natur geworden sind. Kein Engländer, zum Beispiel, der nicht zu den vornehmsten Klassen gehört, wird sich weigern, mit andern aus einem Glase oder Porterkruge zu trinken, oder mit Bekannten, auch wohl Fremden, in einem Bette zu schlafen, wenn es im Hause an Raum fehlt.

Auch in den Städten erscheint der Wirt gleich, um den Fremden beim Austritte aus dem Wagen zu empfangen, aber auf dem Lande ist's, als käme man zu einem längst erwarteten Besuch. Der Wirt öffnet selbst den Schlag und hilft dem Reisenden heraus; in der Tür steht die Wirtin; mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt knickst sie ein halbes Dutzend Mal kurz hintereinander, bemächtigt sich der reisenden Damen sogleich, führt sie in ein besonderes Zimmer und sorgt auf alle Weise für ihre Bequemlichkeit, während ihr Mann bei den Herren die Honneurs macht. Wenn man auch nur die Pferde wechselt, ohne das geringste zu verzehren, so bleibt diese Höflichkeit sich dennoch gleich: Wirt und Wirtin begleiten die Reisenden an den Wagen, danken für die erzeigte Ehre und bitten, bald wieder zu kommen. Freilich haben die Wirte auf jeden Fall einigen Nutzen von den Reisenden, da sie die Post für eigene Rechnung bedienen.

Je weiter man in's nördliche England dringt und sich Schottland nähert, je mehr nimmt diese Aufmerksamkeit der Wirte zu, verbunden mit einer Art Kordialität, die unangenehm auffällt. Der Wirt bringt immer die erste Schüssel auf den Tisch, sei sein Gasthof noch so groß und ansehnlich; ihm folgt seine Frau, selbst alle Kinder des Hauses, die nur einigermaßen sich dazu schicken, folgen dem Alter nach in Prozession, alle bringen etwas; oft sahen wir zuletzt so einen kleinen goldlockigen Cherub von drei, vier Jahren geschäftig mit einem Pfefferbüchsen dahergetrippelt kommen. Die Aufwärter, Waiters, scheinen Flügel zu haben, so schnell kommen sie auf jeden Klingelzug, und in allen Zimmern hängen gute, gangbare Klingeln, welche der reisende Engländer nach Herzenslust handhabt.

So wie es keine aufmerksameren Wirte gibt, so gibt es auch keine viel verlangerenden Gäste als in England. Das Wirtschaftswesen wird aber gewissermaßen fabrikmäßig betrieben: jeder hat sein Departement, und so geht alles in schneller Ordnung. Die Pferde besorgt der Stallknecht, Hostler genannt, hat aber wohl im Stalle seine Untergebenen zum eigentlichen Dienste, denn er selbst sieht zu elegant dazu aus; er nimmt nur die Befehle der Fremden an und führt die Pferde vor. Dann ist noch der Stiefelwichser; dieser, gewöhnlich der pfiffigste und gescheiteste vom ganzen dienenden Personal, wird schlechtweg Boots, Stiefel, gerufen, und ist eine sehr wichtige Person im Hause. Er besorgt gewissermaßen die auswärtigen Angelegenheiten, bestellt Kommissionen, führt die Fremden im Orte herum und gibt von allem Rede und Antwort. Unaufhörlich hört man in einem ganz eigenen, hellklingenden Fistelton durchs ganze Haus "Boots!" rufen, und immer ist er zur Hand.

Abends beim Zubettegehen wird jedesmal das Kammermädchen, Chambermaid, gerufen, sie erscheint im feinen kattunenen Kleide, mit einer schneeweißen Musselinschürze, einem artigen Spitzenhäubchen, kurz, so nett und damenhaft gekleidet als möglich. Ihr Amt ist, den Fremden, ohne Unterschied der Person und des Geschlechts, einen Nachttischleuchter mit einem Wachslicht anzuzünden, ihn in's Schlafzimmer zu führen und zuzusehen, daß es ihm an keiner Bequemlichkeit mangle. Dies geschieht jeden Abend, und wenn man Monate lang im Haus verweilte.

Beim Abschiede erscheinen dann Waiter und Hostler und Boots, ganz zuletzt noch bittet die Chambermaid mit einem artigen Knicks, ihrer nicht zu vergessen, don't forget the Chambermaid. Man gibt diesen Leuten nicht viel, wenn man die Teuerung des Landes bedenkt, und man gibt gern, denn man wurde gut bedient. Nach dieser Digression kehren wir zurück nach Catterick Bridge.

Krankheitshalber mußten wir einige Tage dort verweilen und wurden gewartet und gepflegt, als wären wir unter Bekannten und Freunden. Die Wirtin, Mistreß Ferguson, wich nur aus dem Krankenzimmer, wenn ihre Geschäfte es notwendig machten; ihr Mann ritt selbst nach dem vier Meilen entlegenen Städtchen Richmond, um den Apotheker des Orts zu holen, und der Sohn des Hauses, ein Landgeistlicher aus der Nachbarschaft, schleppte seine halbe Bibliothek herbei, um Kranken und Gesunden Unterhaltung zu verschaffen. Der Apotheker war ein vernünftiger, guter Arzt, und das Übel wich seinen Heilmitteln bald.

In ganz England sind die Apotheker die am meisten gesuchten Ärzte; man nennt sie auch Doktor. Besuche der eigentlichen Ärzte werden, außer bei reichen vornehmen Kranken, nur bei sehr großer Gefahr gefordert. Sie sind zu kostbar: weniger als eine Guinee dar man keinem für jede einzelne Visite bieten. Diese wird ihnen gewöhnlich jedes Mal beim Abschiednehmen in die Hand gedrückt. Eine Konsultation des Arztes in seinem eigenen Hause kostet die Hälfte. Die Apotheker werden ungefähr wie die Ärzte in großen deutschen Städten bezahlt. Übrigens wimmelt's nirgends so von Quacksalber wie in England; dies bezeugen die öffentlichen Blätter, deren größte Hälfte aus Ankündigungen von Arkanen besteht.

Richmond

Gänzlich hergestellt kamen wir nach Richmond, einer kleinen Landstadt, am Abhange eines Felsens erbaut. Die Ruinen des uralten Schlosses Richmond, von welchem die jetzigen Herzöge von Richmond zwar den Namen führen, aber keine fünfzig Pfund Einnahme haben, stolzieren hoch auf dem Gipfel desselben über die Stadt. Letztere liegt höchst malerisch, und die Ruinen der sie umgebenden alten ehemaligen Wälle gewähren eine weite herrliche Aussicht. Wald, Wiese, hübsche Landhäuser, Gärten, Dörfer, kleine fruchtbare Anhöhen wechseln auf eine unbeschreibliche anmutige Weise ringsumher, und ein Strom, über den eine steinerne Brücke führt, belebt das Ganze. Jeder Schritt entdeckt neue Schönheiten; der wilde Fels, auf dem Schloß und Stadt erbaut sind, bildet einen wunderbaren Kontrast mit den lieblichen Umgebungen. Die Ruinen, zwar in einem ganz anderen Geschmack und weniger prächtig als die von Fountains Abbey, zeugen dennoch von ehemaliger Größe und gesunkener Herrlichkeit. Sie werden gar nicht unterhalten und drohen stündlichen Einsturz, zur großen Gefahr für die an ihrem Fuße liegenden Wohnhäuser. Ein einziger Turm steht erhalten da, alles übrige sind nur hohe, üppig mit Efeu bewachsene Mauern. Die Abteilungen der Gemächer sieht man noch deutlich und die hohen Bogenfenster, aber das Dach fehlt gänzlich; Regen und Wind haben überall freien Zugang.

Aukland, Durham, Sunderland und Newcastle

Von Richmond nach Aukland kamen wir in wenigen Stunden; es ist der Sitz des Bischofs von Durham. Sein Wohnhaus, ein großes gotisches Gebäude, zwar recht nett, aber doch ganz bürgerlich und einfach möbliert, zeigt keine Spur geistlicher Pracht, alles ist, so wie es sich eigentlich für einen solchen Oberhirten schickt. Der zu dem Hause gehörige Garten ist in Hinsicht der darauf verwendeten Kunst kaum nennenswert, aber von Natur eines der schönsten, lieblichsten Fleckchen der Erde. Er vereinigt Fels und Wald; ein rauschender Fluß stürzt bald gaukelnd, bald unwillig über wildes Gestein, das sich ihm vergeblich in den Weg wirft. Unendlich viel Schönes könnte hier mit Geld und Geschmack hervorgebracht werden, und doch, wenn man diese ungeschminkte Natur sieht, muß man unwillkürlich wünschen, daß alles so bleibe, wie es ist.

Wir fuhren durch den großen, sehr angenehmen Park nach der Stadt Durham. Sie ist eine der ältesten, wenngleich nicht der größten in England und liegt sehr malerisch in einem reizenden, von fruchtbar angebauten Bergen umgebenen Tale. Den folgenden Morgen gingen wir über Sunderland nach Newcastle.

Sunderland ist wegen einer eisernen Brücke, der größten in England, sehr merkwürdig. Ein einziger ungeheurer Bogen wölbt sich hundert Fuß hoch über die Fläche des Wassers, so daß ein Schiff, ohne die Masten umzulegen, darunter hinsegeln kann. Nie sahen wir Zierlichkeit und Stärke so vereint. Wie ein Zauberwerk scheint die Brücke in der Luft zu schweben. Nur der Bogen, auf welchem sie ruht, und die Geländer, die sie an beiden Seiten einfassen, sind von Eisen, sie selbst ist von Stein.

Auf einem bequemen Platze unter der Brücke konnten wir den Mechanismus derselben recht betrachten. Sechs nebeneinander parallel hinlaufende Bogen vereinigen sich zu einem Ganzen. Jeder dieser Bogen besteht aus einer dicken eisernen Stange, die auf einer Menge nebeneinander aufrecht gestellter, ebenfalls eisernern Ringe ruht, von welchen jeder fünfzehn Fuß im Diameter hält. Diese Ringe ruhen unten wieder auf einer der oberen ähnlichen Stange; verschiedene Eisen sind symmetrisch angebracht, um die sechs Bogen nebeneinander zu verbinden. Das Ganze liegt an beiden Enden auf zwei mehr als armdicken eisernen Querstangen, die aber inwendig hohl sind.

Der zierliche Anblick dieses Kunstwerks ist unbeschreiblich; augenscheinlich sieht man, wie viel mehrere schwache Kräfte vereinigt tragen können. Wenn auch etwas an diesen Bogen durch Zeit oder Gewalt zerstört würde, so bleibt doch immer genug übrig, das Ganze zu erhalten, und man möchte fast behaupten, es könne nie sehr baufällig werden, weil man mit leichter Mühe jedem kleinen Schaden bald abhelfen kann. Es wohnt hier ein eigener Wächter neben der Brücke, der darauf zu sehen hat, daß sie immer im Stande erhalten werde. Man hat einen auch in Deutschland bekannten großen Kupferstich, welcher den Kunstbau dieser wahren Wunderbrücke sehr gut und deutlich darstellt.

In Newcastle, wohin uns jetzt unser Weg führte, fanden wir nichts zu tun als auszuschlafen. Die Stadt ist ziemlich groß, hat neben vielen engen und winkligen auch einige hübsche Straßen und ist, besonders wegen des Steinkohlenhandels, für Großbritannien sehr wichtig. Aber alles hat auch das Ansehen und den Geruch dieses Geschäfts und also für den bloß zum Vergnügen Reisenden wenig Einladendes.

Alnwick Castle und Berwick

Alnwick, diesen alten Sitz der Herzöge von Northumberland, erreichten wir einige Stunden, nachdem wir Newcastle verlassen hatten. Der Anblick dieses Schlosses aus der Ferne versetzte uns zurück in längst vergangene Tage, wir glaubten eine Burg aus jenen Zeiten vor uns zu sehen, in welchen das Faustrecht noch galt, und jeder gegen feindliche Nachbarn mit eigener Kraft sich zu schützen suchen mußte. Die wunderbare Erhaltung dieses großen altertümlichen Gebäudes, an welchem durchaus nichts Verfallenes oder Ruinenartiges zu erblicken war, fiel uns vor allem auf. Die durchaus altertümliche Burg mit ihren runden Ecktürmen, ihren mit Schießscharten versehenen Ringmauern, ihren Brustwehren, ihren Toren, ihren über dem Schloßgraben führenden Zugbrücken, schien wie durch ein Wunder der Gewalt der Elemente wie der gegen sie anstürmenden Feinde Jahrhunderte lang auf unbegreifliche Weise getrotzt zu haben.

Es war eine Täuschung, aber die gelungenste, die uns in dieser Art jemals vorgekommen ist.

Alnwick Castle [Fußnote: eines der schönsten Feudalschlösser Englands, letzte, weitgehende Restaurierung im 19. Jahrhundert; durchaus nicht "ganz modernen Ursprungs", sondern nur oft und manchmal recht unglücklich restauriert] ist ganz modernen Ursprungs und verdankt seine altertümliche Gestalt nur der seltsamen Laune des Herzogs von Northumberland. Auf den Zinnen der Mauer und der Türme stehen alte Krieger in drohender Stellung, von Stein gehauen, in Lebensgröße. So viel wir von unten davon urteilen konnten, sind diese Figuren recht gut gearbeitet. Über jedem Tor steht einer davon in gebückter Stellung, mit beiden Händen einen großen Stein haltend, als wäre er im Begriff, den Eintretenden damit zu zerschmettern. Die Idee kann man eben nicht gastfreundlich nennen; aber diese ganze Verzierung, so wunderlich und einzig in ihrer Art sie ist, macht einen großen Effekt. Von weitem glaubt man fast, die Geister der alten Krieger, die einst hier hausten, wären zurückgekehrt und wollten der Neugier den Eintritt in ihr Heiligtum wehren: in so drohender mannigfaltiger Bewegung und Gebärde stehen sie da. Auch sind sie nicht so harmlos, als man denken möchte. Mancher dieser Helden kam schon ungerufen herunter, wenn es ihm oben zu windig ward, und richtete auf der Erde Schaden und Unfug an.

Das Innere der Burg ist ebenfalls im Geist der Vorzeit gehalten: hohe gewölbte Zimmer mit Bogenfenstern voll künstlicher gotischer Verzierungen und Schnörkeln, ungeheure Pfeiler und Mauern, lange sich durchkreuzende Galerien, dunkle, krumme Gänge würden ein sehr schauerliches Ganzes machen, wären die Zimmer nicht mit hellen Farben heiter und lustig aufgemalt. Indessen glauben wir doch, daß einer der englischen Schauerromane, einsam um Mitternacht hier gelesen, seine Wirkung nicht verfehlen würde.

Wir eilten fort, hinaus in den freundlichen Sonnenschein, in den artigen, die Burg umgebenden, ganz modernen Garten, zu den wohl angelegten Treibhäusern, in welchen wir uns zu unserer Freude, da der Herzog nicht da war, mit Weintrauben und Melonen für die Reise versorgen konnten. Den Park, der sich eben durch nichts von anderen Parks auszeichnet, sahen wir nur von weitem aus den Fenstern der Burg. Man wollte uns nicht erlauben hindurchzufahren, was doch bei anderen Parks selten Schwierigkeit findet.

Jetzt führte der Weg längs der Küste des Meeres, das wir fast nie aus dem Gesichte verloren, nach der uralten Stadt Berwick, an der äußersten Spitze Northumberlands.

In Northumberland, besonders in Berwick, der letzten englischen Stadt, fiel uns die Sprache der Einwohner auf. Das wunderliche allgemeine Schnarren, womit sie den Buchstaben R aussprechen, und die vielen ganz unbekannten Provinzialausdrücke, welche sie einmischen, machten, daß wir Mühe hatten, sie zu verstehen. Schon nach Newcastle spricht man das Englische sehr fehlerhaft, fast wie plattdeutsch aus.

SCHOTTLAND

Die Fahrt von Berwick nach Edinburgh, vierundfünfzig englische Meilen, fast immer im Angesichte des Meeres, wäre allein die Reise wert; von so seltener, wunderbarer Schönheit ist die Gegend, aber deshalb wohl umso unbeschreibbarer.

Bis dicht hinab an die Wellen der Küste bebaut wie ein Garten: Kornfelder, Wiesen mit Herden bedeckt, Obst- und Gemüsegärten wechseln, alles in der Pracht der üppigsten Vegetation. Dazwischen kleine Gehölze, duftende, blühende Hecken, und in ihrer Mitte Dörfer, die umso malerischer erscheinen, da sie schon ein ländlicheres Ansehen haben und nicht, wie die englischen, kleinen Städten ähnlich sind. Das Land ist nicht bergig, aber auch nicht flach; wellenförmig erhebt es sich zu kleinen Anhöhen und sinkt wieder zu lieblichen Gründen hinab. Freundliche, einzelne Landhäuser liegen überall zerstreut, ehrwürdige, efeubewachsenen Ruinen der Vorzeit erheben ihre alten Mauern und zeugen von vergangener Größe. Und nun noch der Anblick des Meeres, dieses ewig wechselnden Elements, das jeder Gegend, auch der ödesten, Leben gibt!

Kleine Inseln mit Leuchttürmen, entfernte blaue Felsen, die zackig und wild am Horizonte sichtbar werden, alles, alles vereint sich hier, um ein Ganzes voll wunderbarer Schönheit zu bilden. Zwei Lager (Fußnote: in England befürchtete man eine Invasion der Franzosen], jedes von ungefähr dreitausend Mann, die eben hier die Küste bewachen, kontrastieren mit der ländlichen Anmut rings umher. Der Anblick dieser Krieger, ihre Zelte, ihre glänzenden Waffen und Uniformen, brachten ein neues, fremdes Leben in diese entzückende Gegend.

Schon hier, so nahe an der englischen Grenze, fiel uns der Unterschied zwischen dem englischen und schottischen Volke merklich auf. Freundliches, gutmütiges Zuvorkommen, Treuherzigkeit, verbunden mit großer, aber fröhlicher Armut, erinnerte uns immer an die Bewohner deutscher Gebirge. Schuhe und Strümpfe, ohne welche man in England keinen Bettler erblickt, sind hier schon hoher Luxus. Die arbeitende Klasse und der größte Teil der Kinder, selbst wohlhabender Eltern, laufen Sommer und Winter barfuß; vielleicht geschieht dies fast ebenso oft aus Gewohnheit als aus Armut; aber es fällt sehr auf, wenn man aus England kommt, wo dergleichen unerhört ist.

Edinburgh

In keinem der vielen schönen Gasthöfe dieser Stadt konnten wir unterkommen. Es waren eben die letzten Tage der Woche, in welcher dort alljährlich Pferderennen gehalten werden. Wir fanden alles vollgepfropft von Fremden, die teils jenes edle Vergnügen, teils die es begleitenden Lustbarkeiten, das Theater, die Bälle, Konzerte und tausend andere Freuden herbeigezogen hatten. Da wir bald eine artige Wohnung bei einem Kupferstichhändler, einem der unzähligen Mackintoshes, fanden, waren wir es wohl zufrieden, das Volk einmal in seiner Nationalfreude zu sehen.

Die Stadt Edinburgh, von beträchtlicher Größe, ist eine der schönsten und häßlichsten Städte zugleich und verdient in dieser Hinsicht mit Marseille verglichen zu werden. Die Altstadt, ein grauen- und ekelerregender Klumpen alter, schmutziger, den Einsturz drohender Häuser, die anscheinen ohne Ordnung in engen, winkligen Straßen an- und übereinandergeworfen zu sein scheinen; die neue Stadt dagegen wetteifernd mit den schönsten Städten Europas. Edinburghs ganze Lage ist einzig in ihrer Art, von hoher romantischer Schönheit.

An den Seiten eines hohen Felsens, der sich an eine lange, majestätische Reihe anderer Felsen anschließt, liegen die Häuser der alten Stadt, wie Schwalbennester angeklebt, unter- und übereinander; einige dieser Häuser haben, von einer Straße aus gesehen, zehn Stockwerke, während sie von der anderen Seite deren nur zwei oder drei zählen, und man aus dem vierten oder fünften Stock der niedriger liegenden Seite auf der hohen geraden Fußes ins Freie in eine andere Straße geht. Wie krumm, wie eng, wie winklig der größte Teil dieser Straßen ist, läßt sich schwer beschreiben. Einige derselben führen steile und hohe Berge hinauf und hinab, auf die allerbeschwerlichste Weise. Auf den höchsten Gipfel dieser Felsenkette thront die uralte Wohnung der schottischen Könige, das Kastell, hoch über den Häusern der übrigen Einwohner. Eine tiefe Kluft, aus welcher jene Felsen steil, fast senkrecht emporsteigen, trennt die alte Stadt von einer Anhöhe, auf welcher die neue Stadt erbaut ist. Einige schöne steinerne Brücken führen hinüber und vereinigen beide Städte. Tief im Abgrunde sieht man von einer dieser Brücke Straßen, die dort unten liegen, wie im Erebus, denen Sonne und Mond fast nie scheinen, und deren Dächer noch lange nicht bis zu der Grundlage der Brücke hinaufreichen. Die Menschen, die dort wandeln, erscheinen, von oben gesehen, wie Gnomen. Es ist unbegreiflich, wie man im Angesichte der schönen, neueren Stadt diese unfreundlichen Wohnungen ertragen kann. Nur ein Teil dieser Kluft ist bebaut, der übrige wird zum Teil als Viehweide benutzt, zum Teil liegt er steinig und unfruchtbar da.

Die neue Stadt kann sich in Hinsicht der Regelmäßigkeit und Breite der wohlgepflasterten, mit breiten Fußwegen auf beiden Seiten versehenden Straßen mit den schönsten Städten Europas messen; in Hinsicht der Schönheit, der Solidität und des guten Geschmacks der aus Quadersteinen erbauten Wohnhäuser übertrifft sie solche vielleicht.

Wie in London gibt es auch hier große Plätze, umgeben von schönen Gebäuden, und in ihrer Mitte einen mit eisernem Geländer eingefaßten artigen Garten oder einen schönen Grasplatz. Fast alle Straßen bieten Aussicht auf's Meer. Dieses große, ewig wechselnde, ewig neue Schauspiel erhält hier noch durch eine Menge kleiner, zerstreut liegender Inseln neuen Reiz. Ferne, blaue Berge begrenzen von der einen Seite die große Perspektive, die von der anderen sich in's Unendliche ausbreitet.