Reise durch England und Schottland
Chapter 3
Es wimmelte in England von Badeorten aller Art. Jeder am Ufer des Meeres gelegene Ort, dessen Strand und andere Umgebungen es erlauben, ist zum Bade eingerichtet. In allen findet man mehr oder weniger, vornehmere oder geringere Gesellschaft, je nachdem die Mode es gewollt hat. Zu diesen Badeplätzen sowohl als zu den im Lande gelegenen mineralischen Quellen flüchtet jeder, der keine eigene Villa besitzt, oder auf keiner eingeladen ist, und doch der Schande entgehen will, im Sommer in London gesehen zu werden.
Bekanntlich ist dann die Stadt (so heißt London vorzugsweise in ganz England) leer, obgleich die Straßen von Menschen wimmeln und der Fremde diese angebliche Öde gar nicht bemerkt. Alle Leute, welche man vom Anfang Julius bis gegen Weihnachten in London sieht, sind sogenannte Niemands (Nobodies) und werden gar nicht gerechnet. Die feinere Welt, die Müßigen, die Reichen, die Glücksritter, alles flüchtet aufs Land oder ins Bad. Die Seebäder sind im ganzen die besuchtesten und luxuriösesten. Die mineralischen Quellen werden öfter von der mittleren Klasse besucht, welche dort mehr ländliche Freuden als rauschende Ergötzlichkeiten sucht. Bath macht hiervon eine Ausnahme: im Sommer besuchen es die wahrhaft Kranken, die Lahmen und Gichtbrüchigen der warmen Quellen wegen. Die eigentliche Saison aber fängt dort erst im Dezember an und währt bis zum Frühjahr. Alle Londoner Freuden sind alsdann wohlfeiler und nach verjüngtem Maßstabe auch in Bath zu finden. Deshalb eilen die dorthin, welche gern groß und vornehm leben möchten und doch nicht reich genug sind, um dieses in London zu können. Viele große Familien bringen einige Winter in Bath zu, um durch diese Ökonomie ihren zerrütteten Finanzen wieder aufzuhelfen.
Nach Bristol hingegen treibt selten die Freude, öfter die Not, so ausgezeichnet schön auch die dortige Gegend ist. Man weiß, wie viele Opfer die Schwindsucht jährlich in England hinwegrafft. Bristols Quelle wird gewöhnlich als der letzte Versuch der Rettung von den englischen Ärzten angeraten. Daß es wirklich oft der letzte sei, bezeigen die vielen Denkmäler auf dem dortigen Gottesacker.
An allen diesen Plätzen ist die Lebensweise sehr verschieden: in den kleinen Bädern, wie in Matlock, lebt man still und ruhig, geselliger zwar, wie es sonst in England unter Unbekannten gebräuchlich ist, aber dennoch weit weniger so als in Deutschland in ähnlichen Verhältnissen.
In den großen, von den Vornehmen besuchtesten Bädern herrscht eine strenge, wunderliche Etikette. Wir werden weiterhin Gelegenheit finden, hiervon ausführlicher zu sprechen. Vorjetzt kommen wir zu Matlock und seinen Umgebungen.
Matlock
Freundlich und dennoch erhaben, einsam und dennoch voll regen Lebens, ist dieses liebliche Tal eines der schönsten Plätzchen Britanniens.
Sei es immer, daß seine Heilquelle wenig wirksam ist, es braucht ihrer nicht, um in dieser himmlischen Gegend neue Lebenskraft zu finden. Auch sahen die fünfzig oder sechzig Badegäste, die wir hier fanden, gar nicht aus, als ob Äskulap sie mit seinem Schlangenstabe hierher gebannt hätte. Sie schienen sich vor dem wilden, unsteten Treiben des Lebens hergeflüchtet zu haben, um einmal ruhig Atem zu schöpfen und dann mit frischem Mute wieder an ihr Werk zu gehen.
Der eigentliche Badeort besteht nur aus drei schönen großen Gasthöfen und zwei Logierhäusern. Das Dorf Matlock liegt etwa anderthalb Meilen davon. Es ist unmöglich, dies reizende Tal durch bloße Beschreibung anschaulich darzustellen: so still, so heimlich liegt es da, durchrauscht von der Derwent, umgeben von hohen, kühnen Felsen, die bald schroff und nackt gen Himmel starren, öfter noch ihre mit den schönsten Bäumen gekrönten Gipfel freundlich erheben.
Wir schifften in einem Nachen auf der Derwent umher, so weit sie befahrbar ist; freilich nur eine kleine Strecke; denn es ist ein wildes Bergwasser, voll Fällen und Strudeln. Die Felswände zogen sich enger zusammen, als wollten sie uns den Weg versperren; die Sträucher am Ufer bildeten Lauben über den Nachen, und drohend schauten die Felsspitzen von oben hinein. Dann traten sie wieder zurück, und wir sahen freundliche Hütten, mit Gärtchen und Wiesenplätzchen untermischt, an ihrer Seite hangen; stattliche Häuser, große Fabrikgebäude, zu ihren Füßen liegen. Kunstlose, wie von der Hand der Natur geschaffene Spaziergänge ziehen sich an beiden Ufern zwischen Wald und Fels dahin, bis zurück zu unserem Gasthofe.
Ihm gegenüber erhebt sich der höchste Fels dieser Gegend. Die Landleute nennen ihn High Tor. Auf einem größtenteils schattigen, nicht sehr beschwerlichen Wege stiegen wir hinauf. Wir erblickten oben von einer Seite das enge Tal in der ganzen Pracht seiner üppigen Vegetation. Mitten hindurch gaukelt der Strom; an dem gegenüberstehenden, waldbewachsenen Fels lehnen die netten Gebäude des Bades und geben ein freundliches Bild des bequemen, geselligen Lebens in dieser Abgeschiedenheit. Von der entgegengesetzten Seite blickten wir in ein zweites Tal. Als ob noch nie ein menschlicher Fuß bis hierher gedrungen wäre, so heimlich in verborgener Stille liegt es da, rings umgeben von grünen Bergen. Schöne Herden weideten ohne Hirten im hohen Grase. Nirgends sahen wir die wilde, einfache Schönheit der Natur glücklicher mit hoher Kultur vereint als hier am Ufer der Derwent. Die Freuden der Badegäste beschränken sich größtenteils auf den Genuß dieser herrlichen Natur; denn ein Bowling green [Fußnote: dazu Johanna in einer Anmerkung: "Ein grüner, solgfältig mit Walzen geglätteter Rasenplatz, zu einem nur in England gebräuchlichen Spiele mit Kugeln."] und einige Billard-Tafeln sind alles, was die Kunst zu ihrem Ergötzen ihnen hier darzubieten wagt. Getanzt wird selten und nur auf Veranlassung der Badegäste selbst: denn der Spekulationsgeist der hiesigen Wirte reicht nicht so weit. Dem Wasser erzeigt man die Ehre, es warm zu nennen, wir fanden es kaum lau; es schmeckt recht gut und ist sehr klar. Die Bäder sind so bequem und reinlich eingerichtet, wie man es nur in diesem Lande erwarten kann.
Für den Geologen ist Matlock höchst interessant, die verschiedenen Steinarten, Flußspate, Stalaktiten usw., welche Derbyshire hervorbringt, sind allbekannt. In Matlock findet man sie in zwei eleganten Läden in aller ihrer Mannigfaltigkeit zum Verkaufe und zum Anschauen ausgestellt, zum Teil roh in sehr schönen Exemplaren für den Liebhaber und Sammler, der auch zu Kaminen, Urnen, Vasen, Schreibzeugen und unzähligen anderen Dingen verarbeitet wird. Alle diese Sachen werden zu niedrigen Preisen hier verkauft, sie sind vortrefflich poliert, von schöner Form und sehen ungemein glänzend und elegant aus. Leider ist es wegen ihrer Zerbrechlichkeit schwer, sie weit zu verführen.
Noch ist eine versteinernde Quelle [Fußnote: kalksinterhaltiges Wasser] hier merkwürdig. Alles, was man hineinlegt, wird in kurzer Zeit inkrustiert, und wenn es länger liegt, ganz in Stein verwandelt. Der Wächter dieser Quelle zeigte uns eine auf diese Weise verewigte Perücke und einen Haarbesen, die beide in dieser Gestalt gar wunderlich aussahen.
Jenseits der Derwent, dem Dorfe schräg gegenüber, liegt Cromford Mill, die Baumwollspinnerei des Sir Richard Arkwright [Fußnote: (1732-92), ursprünglich Barbier, baute 1769 die erste brauchbare Spinnmaschine, die wegen der Anwendung von Wasserkraft auch Wassermaschine genannt wurde], die erste, welche er,der eigentliche Erfinder der in ihren Wirkungen ans Wunderbare grenzenden Spinnmaschinen, erbaute. Dieser durch seine mechanische Geschicklichkeit und seinen ausdauernden Mut so merkwürdige Mann war ursprünglich ein Barbier; er hatte bei seinen Unternehmungen Schwierigkeiten zu bekämpfen, denen ein gewöhnlicher Mann unterlegen wäre. Er verdiente, mächtige Freunde zu finden, die ihm hilfreich beistünden, und er fand sie; sein großes Unternehmen gelang, und er selbst lebte lange genug, um im hohen Wohlstande sich dessen zu erfreuen. Noch heute ist diese Fabrik, welche jetzt aus drei Spinnmaschinen besteht, im Besitz der Familie Arkwright, welche die ganz nahe dabei gelegene schöne Villa Wellersley bewohnt. Das von weißen Steinen massiv erbaute Wohnhaus sowohl als die großen Fabrikgebäude am Ufer des Stromes, beschirmt von mächtigen Felsen, erhöhen die Schönheit der Gegend. Noch erfreulicher aber ist der Anblick des Wohlstands, der durch sie ringsumher unter den Einwohnern des Tals verbreitet wird. Wir sahen mit wahrer Freude an einem Sonntagabend die wohlgekleideten Arbeiter mit ihren geputzten Weibern und Mädchen spazieren gehen, umspielt von schönen reinlichen Kindern.
Die englischen Bauernmädchen und jungen Weiber sind durchgängig schöne Gestalten, älter werden sie oft zu dick. In ihrem Putze sehen sie gewissermaßen vornehm und damenhaft aus. Ein feiner Strohhut, mitfarbigem Bande geschmückt, auf einem kleinen schneeweißen Häubchen, steht den artigen bescheidenen Gesichtern sehr gut. Dazu große, weiße musselinene Halstücher, ein Rock von durchgestepptem Zeug von eine hellen Farbe, himmelblau oder rosenrot bei den Eleganten, und ein vorn offenen kattunenes langes Kleid, hinten künstlich mit Nadeln aufgesteckt, alles blendend rein bis auf die feinen weißen gewebten Strümpfe [Fußnote: dazu Johanna in einer Anmerkung: "Nur die ärmsten Engländerinnen stricken; diese Arbeit wird bei ihnen für schimpflich gehalten]. Dies ist ihr Sonntagskostüm, von welchem das der Wochentage nur durch dunklere Farben und schlechteren Stoff abweicht.
Hinter dem Wohnhause von Wellersley strecken sich die dazu gehörigen großen, wohlangelegten Promenaden hoch den Berg hinan. Die mannigfaltigen Ansichten des Tales von oben herab sind wunderschön. Die Gärten enthalten Treibhäuser und eine hübsche Orangerie. Überall sieht man die segensreichen Früchte des Fleißes und der Industrie.
An einem frühen Morgen verließen wir endlich ungern das freundliche Matlock. Lange noch zog sich der Weg durch das Tal am Ufer der bald ruhig hinfließenden, bald über Felsstücke wild daherbrausenden Derwent. Dann wand sich der hohe Berge hinan, deren Gipfel uns eine weite Aussicht auf das fruchtbare, durch unzählige Fabriken und Häuser belebte Land eröffneten. Jetzt führte der Weg abwärts; im Morgenlicht schimmerte uns ein prächtiges Gebäude entgegen. Es war Chatsworth [Fußnote: das Schloß wurde 1687-1706 vom Herzog von Devonshire in italienischem Spätrenaissancestil erbaut, anstelle eines älteren Schlosses, in dem Maria Stuart gefangen gehalten worden war; 1820 wurde der Nordflügel angebaut. Das Zimmer, das Johanna hier beschreibt, ist also nicht das ursprüngliche Zimmer Marias gewesen.], seit zweihundert Jahren der Landsitz der edlen Familie von Cavendish, jetzt ihrer Abkömmlinge, der Herzöge von Devonshire.
Das Schloß liegt romantisch in einem weiten tiefen Tale. Hinter demselben erhebt ein hoher Fels den stolzen, waldgekrönten Scheitel. Vor dem Schlosse windet sich silbern die Derwent durch das lachende Grün, eine sehr schöne steinerne Brücke führt hinüber. Wir fuhren durch den Park; neugierig guckten seine Bewohner, die Hirsche und Rehe, von beiden Seiten des Wegs in unsere Postchaise.
Chatsworth Landsitz des Herzogs von Devonshire
Das in einem edlen Stil erbaute Haus ist von außen eines der größten und prächtigsten in England und seine Front einhundertzweiundachtzig Fuß lang. Die auswärts stark vergoldeten Fensterrahmen, welche wir sonst nirgends in England sahen, flimmerten im Sonnenstrahle und gaben ihm ein wunderbares feenartiges Ansehen. Diese äußere Pracht sticht auffallend ab gegen die große Stille und Einsamkeit der wilden Gegend umher; es ist, als ob ein Zauberer dieses Schloß hier zu eigenen Zwecken entstehen ließ. Auch hatte es einst eine traurige Bestimmung. Maria Stuart beweinte hier sechzehn Jahre lang ihre Freiheit, jedes Glück des Lebens entbehrend. Ihre grausame Feindin sandte sie zuerst nach Chatsworth in enge Gefangenschaft; nach sechzehn Jahren brachte man sie dann nach Fotheringhay in Northumberland, wo sie hingerichtet ward.
Die innere Einrichtung des Schlosses von Chatsworth enthält wenig Merkwürdiges. Seit Jahren von den Eigentümern nicht besucht, zeigt es überall nur Spuren alter, allmählich hinsinkender Pracht; dennoch wird es im ganzen wohl unterhalten, nur nichts Neues hinzugefügt, und so fehlt ihm die Frischheit, die sonst die englischen Landhäuser so angenehm macht. Für uns hatte es dennoch ein hohes Interesse. Im zweiten Stock des ältesten Teils des Schlosses findet man das Zimmer der unglücklichen Maria Stuart, ganz so eingerichtet und möbliert, wie sie es bewohnte. Es ist sehr groß und hoch; alte gewirkte Tapeten, die ihm ein finsteres, schauerliches Ansehen geben, hängen an den Wänden. Ein hoher Betstuhl steht in der Nähe eines Fensters, die Aussicht aus demselben ist nicht erheiternd: man sieht ihn eine zwar schöne, aber höchst einsame, von Bergen eingeschlossene Gegend. Alle Möbel im Zimmer, die hohen schweren Stühle mit kleinen Treppen davor, die eichenen und nußbaumenen unbeweglichen Tische versetzten uns in jene trüben Tage, welche die schönste und unglücklichste Frau ihrer Zeit hier verlebte. Ihr Bette mit schweren rotsamtenen Gardinen, die mit breiten silbernen Tressen besetzt sind, stand noch da; uns war, als sähen wir noch die Spuren der einsamen Tränen, die sie hier verweinte.
Der Garten von Chatsworth ist sehr alt und in einem der jetzigen Zeit fremden Geschmack angelegt. Man könnte ihn altfranzösisch nennen, wenn er regelmäßiger wäre, doch mag er dies wohl eher gewesen sein; denn es ist sichtbar, daß viele Anlagen, Alleen, Parterres, Berceaus und dergleichen eingegangen sind. Was ihn im ganzen Lande berühmt macht, sind die Wasserkünste, die aber mit denen von St.-Cloud, von Herrenhausen und der Wilhelmshöhe bei Kassel keinen Vergleich aushalten. Nur daß sie die einzigen im Lande sind, macht ihren Ruhm aus. Eine künstliche, zwei- bis dreihundert Fuß hohe Kaskade mit Stufen, der es aber, wie den meisten dieser Art, an hinlänglichem Wasser fehlt, wird zuerst gezeigt. In einem anderen Bassin muß das Wasser die Gestalt einer gläsernen Glocke annehmen. Neben dieser Glocke steht noch ein dem Ansehen nach verdorrter Baum; er ist aus Kupfer künstlich gebildet, das Wasser spritzt schäumend aus seinen Zweigen, er sieht dann ganz artig aus, als ob er mit großen Eiszapfen und Schnee bedeckt wäre, kleine Wasserstrahlen steigen ringsumher aus der Erde empor. Zwei andere Springbrunnen werfen den Wasserstrahl neunzig Fuß hoch gen Himmel und machen eine recht hübsche Wirkung. Die Engländer, welche in den ringsumher liegenden Bädern hausen, wallfahrten fleißig her, staunen das nie zuvor Gesehene an und erheben Chatsworth zu einem Wunder der Welt.
Castleton
Voll von Mariens Schicksale und stolz, daß unser Schiller den Briten den Rang abgewann und ihrem Andenken das schönste Denkmal schuf, verließen wir das traurig schöne Chatsworth. Nur kurze Zeit noch und die zwar einsame, aber dennoch reiche Gegend verschwand.
Ein enges, schauerliches Tal empfing uns: kein Baum, keine Spur von Vegetation, nur nackte und steile Felsen, zwischen denen wir uns ängstlich hindurchwinden mußten, die jeden Augenblick den Weg zu versperren schienen. Zu Anfange sahen wir noch zwischendurch ansehnliche Fabrikgebäude von großem Umfange; auch diese ödeste, schauerlichste Gegend in England, die Bleiminen von Derbyshire. Es waren deren unzählige von allen Seiten zu sehen, zwischendurch die ärmlichsten, aus Feldsteinen aufgetürmten Hütten, vor ihnen langsam wandelnde bleiche Gestalten, Bewohner dieser Öde, von der schrecklichen Arbeit in den Bleiminen entkräftet.
Zu Mittage langten wir in Castleton an, einem so armen, kleinen Städtchen, wie wir noch keines in England sahen. Wir bestellten in dem ärmlich aussehenden Gasthofe unser Mittagessen und eilten nach der Peakshöhle mit einem Führer, der sich gleich beim Aussteigen aus dem Wagen unserer bemächtigt hatte.
Die Peaks Höhle
Diese sehr berühmte Höhle liegt nahe vor der Stadt, der Eingang derselben ist wahrhaft groß und imposant. Eine Reihe meist senkrecht steiler Felsen von wunderbar zackiger Form erhebt die mit Bäumen gekrönten Scheitel. In einem derselben hat die Natur ein schauerliches, zweiundvierzig Fuß hohes und einhundertzwanzig Fuß breites Tor gewölbt, durch welches man in undurchdringliches Dunkel zu blicken wähnt. Langsam fließt ein schwarzes, ziemlich breites Wasser aus der Unterwelt an's Tageslicht hervor. Vor der Wölbung hängen ungeheure, bizarr geformte Tropfsteine; wildes Gesträuch rankt dazwischen, Efeu umwindet sie und flattert in leichten Kränzen darum her. Felsenstücke hängen herab, Untergang drohend dem Haupte dessen, der vorwitzig in die Geheimnisse der Unterwelt dringen will.
Wir traten in die Höhle, die dunkle Nacht war dem allmählich sich daran gewöhnenden Auge zur Dämmerung. Bald unterschieden wir darin eine Menge Weiber und Kinder, emsig spinnend, die ärmlichsten Gestalten, welche die Phantasie nur erdenken kann. Gnomen gleich hocken sie in dieser kalten feuchten Dunkelheit und fristen kümmerlich ihr armes leben; des nachts schlafen sie in kleinen bretternen Hütten, die sie sich in der Höhle erbauten und deren wir eine ziemliche Anzahl umherstehen sahen. Ungestüm bettelnd umgaben sie uns, sowie sie uns gewahrten; wir waren froh, nach dem Rate der Wirtin in Castleton, eine Menge Kupfergeld eingesteckt zu haben, um uns loszukaufen. Dies ist die unterirdische Stadt, von der mancher Reisende gefabelt hat. Die Wärme der Höhle im Winter, die ein eigentliches Haus entbehrlich macht, der kleine Gewinn, den die neugierigen Fremden ihnen gewähren, besonders aber die Freiheit von Abgaben, welche nur auf der Oberwelt, im Sonnenlichte gefordert werden, bewegen diese Armen, eine so unfreundliche Wohnung zu wählen.
Wie wir uns selbst erst von ihrem Ungestüm losgekauft hatten, kauften wir Lichter. Jeder von uns mußte eins tragen, der Führer trug deren zwei voraus, und so ging es denn weiter in den ganz finsteren Hintergrund der Höhle. Der Führer machte uns auf einige ungeheuer große Tropfsteine aufmerksam, welchen er allerhand Namen gab, ohne daß wir die Ähnlichkeit mit den dadurch bezeichneten Dingen finden konnten. Dann öffnete er eine schmale niedrige Tür, und wir standen in einem großen Gewölbe, von dessen Decke große Felsenstücke, drohender als je, über unsere Häupter herabhingen. Der Schimmer der flackernden Lichter machte sie noch grausenvoller, sie schienen sich zu bewegen.
Jetzt ward das Gewölbe ganz niedrig. Gebückt, mit unsicherem Tritte auf dem schlüpfrigen unebenen Boden, mußten wir uns lange durch eine enge Felsenspalte winden; bald ging es steil in die Höhe, bald ebenso hinunter. Wir stießen von allen Seiten an die vorragenden Felsen; ein einsames Licht brannte hin und wieder und diente nur, das Grabesdunkel noch sichtbarer zu machen; die Luft war schwer, wir möchten sagen zähe, denn ihr Widerstand schien uns fühlbar.
Endlich konnten wir unsere Häupter erheben, wir befanden uns in einem kleinen Gewölbe und bald am Ufer des unterirdischen Stroms, der hier, wie der Styx, kalt und stumm in ewiger Nacht die schwarzen Wellen langsam dahinwälzt. Wir fanden einen mit Stroh angefüllten Kahn, in welchem zwei Personen ausgestreckt nebeneinander liegen konnten. Der Führer stieg ins Wasser, welches ihm fast bis an die Hüfte ging, so schob er den Kahn vor sich hin, in welchem wir auf dem Stroh lagen und kaum zu atmen wagten. Es ging unter Felsen weg, die nur eine Hand breit von unserem Haupte entfernt, alle Augenblicke einzustürzen schien; von beiden Seiten war kein Zoll breit Ufer, um darauf fußen zu können. Nie war uns die Idee eines lebendig Begrabenen anschaulicher als hier in dem sargähnlichen Kahne mit der schwarzen, schweren Felsendecke über uns. Der Führer mußte ganz gebückt waten, ein Stoß an einen der Felsen, der ihn besinnungslos gemacht hätte, und wir waren verloren auf die entsetzlichste Weise. Mit diesen erbaulichen Gedanken beschäftigt, schwammen wir eine ziemliche Zeit, bis wir landen konnten, immer das Licht in der Hand. Endlich stiegen wir aus unserem Sarge. Schwindlig von der Fahrt, mußten wir uns erst eine Weile erholen, ehe wir um uns blicken konnten, und fast wären wir es beim ersten Umherschauen von neuem geworden. In einem ungeheuren Dom, der nach der Aussage des Führers einhundertzwanzig Fuß hoch, zweihundertsiebzig lang und zweihundertzehn breit war, funkelten eine Menge hin und wider zerstreuter Lichter wie Sterne, die nicht leuchten. Hier ist der Tempel des ewigen Schweigens, zu dem noch nie ein Strahl der sonnigen Oberwelt, ein Laut der Freude drang. In dieser unabsehbaren Höhle war uns noch bänglicher als in den engen kleinen; die Entfernung von allem Leben war hier fühlbarer durch den Raum, der uns sichtbar davon trennte.
Mühsam kletterten wir über abgerissene, rauhe Felsstücke und kamen wieder an das Wasser; wir standen still, es war als ob Töne einer sehr fernen Musik zu uns herüberschlüpften. Der Führer stieg abermals ins Wasser und trug einen nach dem anderen eine ziemliche Strecke auf den Schultern hindurch. In einer kleinen runden Höhle, in welcher das Wasser tropfenweise von allen Seiten unaufhörlich niedersinkt, und die deshalb Rogers Regenhaus heißt, fanden wir eben in diesem ewigen Tröpfeln die Ursache jener Töne, die uns zuvor wie Musik aus der Ferne schienen. Der Fußboden war mit tausend wunderlichen Schnörkeln aus Tropfstein bedeckt, und das Gehen darauf höchst beschwerlich, besonders da die ewige Nässe ihn schlüpfrig macht. Die Luft war hier noch unangenehmer kalt und feucht als zuvor.
So gut als es anging, eilten wir weiter, und in einer höheren, gewölbten Abteilung der Höhle harrte unser eine sonderbare Überraschung. Ein Chor von Männern empfing uns mit einem langsamen, eintönigen Gesang. Lichter in den Händen haltend, die sie hin und her schwenkten, standen sie fünfzig Fuß hoch über uns in einer Art von Nische, welche die Natur in einer der Seitenwände geschaffen hatte. Ihr Gesang war rauh, aus wenig Tönen zusammengesetzt, wild und klagend, aber dennoch nicht unangenehm.
Nach diesem wunderlichen Empfange ging es weiter. Ängstlich gebückt schlichen wir unter und über Felsenmassen bis zu einem kleinen Gewölbe, noch grausender und schauerlicher als alle übrigen, und ein schwarzer Abgrund, zu welchem wir schaudernd hinableuchteten, gähnte dicht vor unseren Füßen. Der Führer zeigte uns den steilen, furchtbaren Fußsteig, welcher über schlüpfrige Tropfsteine hinabführt. "Dies ist der Teufelskeller", sagte er, und indem er plötzlich einen von uns beim Arm ergriff: "Hier bin ich Herr", sprach er widerlich lachend, "hier kann ich tun, was ich will; ich wollte, ich hätte Napoleon hier!"-- Wir können's nicht leugnen, wir erschraken, denn er war nur zu sichtbar Herr, und wir hatten es längst gemerkt, daß er uns für Franzosen hielt. Indessen faßten wir uns bald und antworteten ihm, daß wir ihm die Erfüllung dieses Wunsches gern gönnen wollten, wenn nur Napoleon [Fußnote: zur Zeit von Johannas Reise stand England im Krieg mit Frankreich] nicht die Gewohnheit hätte, immer mit starker Begleitung zu kommen; schon unsere Begleiter, die, wie er wohl wisse, draußen geblieben wären, würden ernstlich nachforschen, wenn uns hier ein Unglück widerführe. Dies Argument schien ihm deutlich und machte ihn etwas höflicher. Unser Erschrecken über das wunderliche Benehmen des Führers wäre indessen weit heftiger gewesen, wenn wir damals schon gewußt hätten, was wir später erfuhren, daß vor mehreren Jahren ein Herr und eine Dame in einem einspännigen Whisky ohne andere Begleitung ankamen, gerade vor die Höhle fuhren, das Pferd anbanden, hineingingen und nie wieder gesehen wurden.