Reise durch England und Schottland

Chapter 19

Chapter 193,599 wordsPublic domain

Mitten im Geräusche der in ewiger Arbeit emsig sich bewegenden City, an der Londoner Brücke, schifften wir uns auf einem der Boote ein, die, so wie die Fiaker in den Straßen, auf der Themse numeriert und unter polizeilicher Aufsicht dem Publikum zu Gebote stehen.

Diese Brücke, die älteste der drei, welche in London über die Themse führen, war schon seit einiger Zeit bestimmt abgebrochen zu werden, um einer auf einem einzigen Bogen ruhenden eisernen Platz zu machen. Wie die Brücke jetzt dastand, waren ihre Bogen viel zu eng für den mächtigen Strom, den sie beherrscht. Ungestüm drängt er sich wild brausend hindurch und verschlingt jährlich mehrere Opfer, welche die Verwegenheit, trotz der augenscheinlichen Gefahr hier durchzuschiffen, mit dem Leben bezahlen müssen.

Unabsehbar erstreckt sich in einer langen Reihe viele Meilen weit der Wald von Masten, durch den wir schifften. Der Strom wimmelt wie die befahrenste Landstraße von Barken und kleinen Fahrzeugen aller Art; eben ankommende oder abgehende große Schiffe bewegen sich majestätisch durch sie hin, von allen Seiten ertönt das Rufen des fröhlichen Schiffsvolks, Lebewohl und Willkommen schallen durcheinander; die mit Auf- und Abladen beschäftigten Arbeiter an den Schiffen, die Schiffswerften am Ufer, alles verkündigt hier den Markt der Welt.

Sowie wir uns von London entfernten, boten die Ufer des Stromes uns von beiden Seiten die mannigfaltigsten, lachendsten Aussichten. Endlich, fünf englische Meilen von der Stadt, breitete sich das Invalidenhospital von Greenwich [Fußnote: 1694 gegründet und in dem durch Christopher Wren fertiggestellten Bau untergebracht; gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgelassen. Heute Marineschule.] mit seiner schönen Terrasse und allen seinen reizenden Umgebungen prächtig und groß vor unseren Augen aus.

Diese Freistatt, welche die Nation dem vom Kampfe mit den wilden Elementen endlich ermüdeten Helden darbietet, ist mit Recht ihr Stolz; denn die Welt hat dessengleichen nicht. Eigentlich sind es vier voneinander ganz abgesondert liegende Gebäude, die aber, von der Wasserseite gesehen, wie ein einziger großer Palast sich ausnehmen, geziert mit Säulen, Balustraden und aller Pracht der neueren Architektur. Eine große Terrasse, die eine entzückende Aussicht nach London zu bietet, zieht sich davor hin bis an den Strom, zu welchem man auf breiten steinernen Treppen hinabsteigt. Hier bestieg Georg der Erste [Fußnote: (1660-1727); Kurfürst von Hannover, erster englischer Monarch aus dem Hause von Hannover, das mit dem Ableben der Königin Victoria 1901 erlosch. Georg I. betrat am 29. September 1714 hier zum ersten Mal englischen Boden.] zuerst das Land, über welches er herrschen sollte. Mit welchen Erwartungen mag er nach St. James gefahren sein, wenn er vom Hospital auf die Residenz der Könige schloß!

Das ganze Gebäude ist aus schönen Quadersteinen erbaut. Vorzüglich bewundert man die mit fast verschwenderischer Pracht geschmückte Kapelle. Sie prangt mit Marmorsäulen, einem gut gemalten Plafond und jeder einem solchen Orte geziemenden Zierde. Einige schöne große Hallen dienen den Invaliden zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter, besonders zeichnet sich die größte, mit einer Kuppel versehene Halle aus; sie ist hundertsechs Fuß lang und hat einen gut gemalten Plafond, schöne Säulen und Malereien. Ein angenehmer Park mit einer auf einem Hügel erbauten Sternwarte umgibt das Gebäude von der anderen Seite.

Es war ein schöner, menschenfreundlicher Gedanke, diese Ruhestätte am Ufer der Themse zu erbauen, im Angesichte aller ankommenden und auslaufenden Schiffe. Die abgelebten Helden haben hier den Tummelplatz ihres ehemaligen Lebens noch immer vor Augen; und dem in See stechenden Schiffer gibt der Anblick dieses Ruhehafens Trost und Mut. Nahe an dreitausend Veteranen ruhen hier von ihrem mühevollen Leben aus. Sie wohnen fürstlich, werden gut genährt und gepflegt, alle zwei Jahre neu, anständig, bequem gekleidet und erhalten wöchentlich ein gar nicht unbedeutendes Taschengeld zu ihren kleinen Bedürfnissen und Vergnügungen. In Krankheiten werden sie mit Sorgfalt gewartet. Sie sind nicht, wie in anderen Verpflegungsanstalten, von allem, was ihr Leben bedeutend machte, geschieden, sie leben und weben noch darin und kämpfen mit alten Kampfgenossen nochmals alle ihre gewonnenen Schlachten in froher Erinnerung, vor Gemälden, welche diese vorstellen und die Wände ihrer Speise- und Wohnsäle schmücken.

Besonders gut eingerichtet fanden wir die Schlafstellen. In langen, hohen, luftigen Sälen, welche zur Winterszeit von mehreren großen Kaminen erwärmt werden, sind auf der den Fenstern entgegengesetzten Seite eine Reihe Schiffskajüten ähnlicher Kabinette dicht aneinander gebracht. Jedes derselben hat neben der nach dem Saale ausgehenden Tür zwei Fenster und ist groß genug, um ein nach englischer Art geräumiges Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Koffer zu enthalten. Es gibt nichts Netteres und Saubereres als diese kleinen Zimmerchen; jedes hat einen Teppich, Fenster und Bett sind mit reinlichen Vorhängen versehen, an den Wänden auf dazu angebrachten Leisten stehen die zierlichen Tabaks- und Teekästen, Gläser, Tassen und dergleichen in gefälliger Ordnung. Kupferstiche zieren die Wände. Jeder hängt daran nach Gefallen Bildnisse des Königs, der Königin oder berühmter Seehelden auf; dazwischen Seeschlachten, Häfen und auch wohl manche lustige Karikatur.

Hundertvierzig Witwen verdienter Seemänner wohnen ebenfalls im Hause, sie verrichten darin alle weiblichen Arbeiten, pflegen die Kranken und werden in aller Hinsichte ebenso gut gehalten als die Veteranen selbst. Auch für die Waisen der gebliebenen Seemänner ist hier gesorgt; denn einige hundert Knaben werden in einem abgesonderten Teile des Hauses zum Gewerbe ihrer verstorbenen Väter erzogen. Noch dreitausend Invaliden, die im Hause nicht Platz fanden, erhalten außer demselben Pensionen.

Die St. Paulskirche

[Fußnote: ein barockes Meisterwerk, von Christopher Wren zwischen 1675 und 1710 erbaut in Form eines lateinischen Kreuzes, auf Anordnung Jakobs II. und gegen den Wunsch des Architekten, dessen Pläne ein griechisches Kreuz vorsahen. Dazu eine Anmerkung Johannas: "Man zeigt noch in St. Paul ein Modell von dem ersten Plan des Baumeisters Sir Christopher Wren. Die damaligen regierenden Zeloten verwarfen ihn wegen seines heidnischen Ansehens, und wählten dafür die jetzige Kreuzform." Die Behauptung Johannas, die Kirche wäre nach der Peterskirche in Rom die größte, ist irrig; die Kathedralen von Mailand, Sevilla und Florenz sind ebenfalls größer.]

Das Äußere von St. Paul ist durch Kupferstiche allbekannt. Leider übersieht man auf diesen das ungeheure Ganze besser als in der Wirklichkeit, in deren Umgebungen es nirgends einen guten Standpunkt dafür gibt. Diese Kirche, nach der Peterskirche in Rom die größte in Europa, liegt auf einem viel zu kleinen Kirchhof eingeklemmt zwischen Häusern, umgeben von engen Straßen. Auch im Innern findet sich keine Stelle, von der man sie ganz übersehen könnte, überall drängt sich die Architektur vor und verhindert eine reine Übersicht.

Mit allen diesen Fehlern macht dieses wunderbare große Gebäude dennoch einen imposanten Eindruck. Es scheint ganz leer, denn leicht übersieht man einige wenige Statuen und eine kleine, zum Gottesdienst eingerichtete Abteilung. Diese befindet sich in einem der Flügel, welche die Kreuzform bilden, in der die Kirche erbaut ist. Überall herrscht ehrfurchtgebietende, schauerliche Stille und Einsamkeit; nichts wird man von dem kleinlichen Geräte gewahr, welches die Menschen nötig zu haben glauben, um sich mit dessen Hilfe zur Gottheit zu erheben. Es ist ein Tempel im höchsten Sinne des Worts. Ein feierliches Grauen, eine Art Bangigkeit, die uns fast den Atem raubte, ergriff uns, als wir, mitten in der Kirche stehend, da hinauf blickten, wo beinahe unabsehbar der Dom sich wölbt, "ein zweiter Himmel in dem Himmel". Es war kein erhebendes, es war mehr ein beängstigendes Gefühl. Die wenigen Menschen um uns her schwanden fast vor unseren Blicken und machten durch ihre Kleinheit die gewaltige Größe dieser Steinmasse uns erst recht anschaulich.

Es wurde sehr schwer, sich von diesem ersten Eindrucke loszureißen. Solche Pygmäen waren es doch auch, dachten wir endlich, welche dies erstaunenswerte Werk durch vereinte Kraft emportürmten, und ein einziger unter ihnen bildete es vor in seinem Geiste, noch ehe es sich in die Lüfte erhob. Ja, er dachte es sich noch weit herrlicher, als es jetzt dasteht, er allein leitete die Kräfte der vielen Hunderte, die arbeiteten und sich abmühten und doch nicht deutlich wußten, was sie taten. Jetzt ruhen der Werkmeister und die Arbeiter; aber ihr Werk wird stehen, trotzend der mächtigen Zeit, in herrlichen Ruinen, wenn die ganze volkreiche Stadt längst eine Wüste ward wie Palmyra und Persepolis.

Beherzter blickten wir nun hinauf und wandelten in dem hohen Raume, in welchem unserer Tritte feierlich widerhallten; wie lauter Donner ertönte es durch das weite Gewölbe, als man oben auf der Galerie, die am Fuße des Doms rings um denselben hinläuft, eine Tür zuwarf. Wir stiegen hinauf zu dieser Galerie; wunderbar ist der Blick von dort hinab und hinauf. In der Höhe glaubt man eine zweite Kirche sich erheben zu sehen, so hoch ist noch immer von hier das Gewölbe des Doms. In der Tiefe scheint der aus großen schwarzen und weißen Marmorquadern zusammengesetzte Fußboden wie feines Mosaik. Die Galerie heißt die Flüstergalerie, Whispering Gallery, weil das an die Mauer gelegte Ohr auf einer Stelle derselben alles deutlich vernimmt, was auf der entgegengesetzten Seite ganz leise gegen die Wand gesprochen wird.

Von dieser Galerie stiegen wir noch weiter, bis außen, wo auf der höchsten Höhe des Doms sich die sogenannte Laterne erhebt. Wir betraten die ihren Fuß umgebende Galerie mit der Hoffnung, aber der Steinkohlenrauch der vielen Feueressen verbarg uns die Nähe und der dem englischen Himmel eigene nebelartige Duft die Ferne.

Ein Trupp Matrosen, den wir mit großem Geräusche heraufsteigen hörten, trieb uns hinunter.

Wie wir durch Ludgate Hill, eine dem Kirchhof zunächst gelegene sehr volkreiche Straße nach Hause gingen, sahen wir alle Fußgänger still stehen und ängstlich nach dem von unten sehr klein scheinenden Kreuze hinblicken, welches über einer Kugel oben auf der Laterne des Doms von St. Paul befestigt ist. Auch wir sahen natürlicherweise hin und bemerkten etwas oben am äußersten Ende des Kreuzes sich Bewegendes. Mit Hilfe eines Glases entdeckten wir endlich einen der Matrosen, die uns vorhin in der Kirche begegneten. Er machte sich das halsbrechende Vergnügen, auf dieser entsetzlichen Höhe allerhand gefährliche Stellungen anzunehmen, den Hut zu schwenken, auf einem Beine zu stehen, bloß um die Zuschauer unten in ängstliche Bewunderung zu versetzen. Ihm, der auf dem wilden Meere, oben im hohen schwankenden Mastkorbe, gewiß längst jede Idee von Schwindel verlernt hatte, mochte dieser doch immer unbewegliche Standpunkt trotz seiner Höhe wohl gar nicht gefährlich dünken, während uns andere beim bloßen Anblick banges Grausen ergriff.

Der Tower

[Fußnote: alte Stadtfestung und Gefängnis von London; ältester Teil (White Tower) von Wilhelm dem Eroberer erbaut. Die Gräben wurden 1843 trocken gelegt. Der Tierpark wurde 1834 in den zoologischen Garten in Regent's Park gebracht.]

Wir wollen die Löwen sehen, sagen die englischen Pächter- und Landjunkerfamilien, wenn sie eine Wallfahrt nach der Hauptstadt und ihren Merkwürdigkeiten unternehmen. Diese Löwen, eigentlich die im Tower aufgewahrte königliche Menagerie, dienen ihnen, als die Hauptmerkwürdigkeiten der Stadt, zur Bezeichnung alles Sehenswerten in derselben. Leider sind die edlen Tiere mitsamt ihrer Residenz durch diese Popularität etwas verrufen, und ein Fremder von gutem Tone wagt es kaum, den Tower zu besuchen. Wir gingen indessen doch hin, auf die Gefahr etwas gar Unmodisches, mit dem hohen Stil ganz Unverträgliches zu unternehmen, und suchten den Tower mit seinen Löwen am äußersten Ende der City auf, wo er nahe am Ufer der Themse liegt.

Grämlich und düster blickt dieser uralte Schauplatz unzähliger Greuel mit seinen grauen Türmen über den ihn umgebenden Wassergraben. In einem dicht über demselben erbauten, ziemlich niedrigen Gewölbe ist die Pforte angebracht, durch welche die Staatsverbrecher hineingeführt wurden. Sie heißt das Tor der Verräter, Traitor's Gate; man brachte die Unseligen von der Themse bis zu diesem Eingange, der sich hinter ihnen oft für immer verschloß.

Wir gingen durch das Tor des Haupteinganges hinein, welches zur Not für eine Kutsche Raum hat. Man machte uns aufmerksam auf die kleinen vergitterten Fenster über dem Tore. Sie befinden sich in dem Zimmer, in welchem der entsetzliche Richard der Dritte die beiden jungen Söhne seines Bruders ersticken ließ, als sie eben sanft und ruhig im festen Schlummer der Kindheit dalagen und von keiner Gefahr träumten. Uns gelüstete nicht, das Mordzimmer zu betreten.

Eine alte Sage gibt Julius Cäsar für den ersten Erbauer dieser Veste an; die Geschichte aber sagt uns, daß Wilhelm der Eroberer in der Mitte des elften Jahrhunderts den Grund dazu legte, um seine vielgeliebten Londoner im gehörigen Respekt zu erhalten. Man sieht es dem sehr weitläufigen Ganzen an, daß kein fester Plan bei dessen Gründung vorwaltete, sondern während der Regierung mehrerer Könige bald hier, bald da daran gebaut und zugesetzt ward.

Jetzt gleicht der Tower fast einer kleinen Stadt; er umschließt in seinem Bezirke mehrere Straßen, eine Kirche, Magazine, Kasernen für die Garnison, Häuser für die Offiziere, Zeughäuser, die Münze, nebst Wohnungen für die dabei beschäftigten Offizianten und sonst noch mancherlei Gebäude. Ein breiter Wassergraben läuft ringsumher, und zwischen diesem Graben und der Themse befindet sich eine Art Terrasse, auf welcher sechzig Kanonen stehen, die bei feierlichen Gelegenheiten abgefeuert werden. Der Tower wird, wie es bei Festungen Gebrauch ist, mit Sonnenuntergange geschlossen. Die Yeomen oder Ochsenfresser haben die Wache darin und dienen zugleich den besuchenden Fremden als Ciceronen. Hier sind sie ganz augenscheinlich am rechten Platze; ihre Kleidung und ihr ganzes Ansehen trägt gleich am Eintritte dazu bei, uns in frühe dunkle Jahrhunderte zu versetzen.

Die Münze mit den dazugehörigen Gebäuden nimmt ein gutes Drittel des Towers ein. Sie wird nicht gezeigt. Uns blieb der weiße Turm, die Schatzkammer und die Löwen zu sehen. Letzteren machten wir zuerst unseren Besuch.

Nicht nur Löwen werden hier in einer besonderen Abteilung in starken Käfigen bewahrt, auch Panther, Leoparden, Tiger und mehrere Arten wilder Bewohner der Wüsten, grimmige stattliche Bestien, denen man es ansieht, daß sie gut gehalten werden. Nach englischer Sitte hat jede derselben außer dem Schlafkabinette noch ein Wohnzimmer in ihrem Käfig, wo sie Besuch annimmt. Alle prangen mit christlichen Namen, besonders die Löwinnen; da findet man eine Miß Howe, Miß Jenny, Miß Charlotte, Miß Nanny, als wäre man auf einer englischen Assemblee. Viele dieser Tiere wurden hier im Tower geboren und erzogen, und es ist merkwürdig, daß diese gerade die wildesten und unbändigsten sind.

Die Kronjuwelen [Fußnote: sie befinden sich im Wakefield Tower.], welche ebenfalls der Tower aufbewahrt, zeigt man auf eine wunderlich ängstliche Weise, die sehr gegen die Liberalität absticht, mit welcher Fremde im Dresdner grünen Gewölbe herumgeführt werden. Der uns leitende Ochsenfresser öffnete uns eine kleine Türe, wir traten hinein und mußten uns alle in einer Reihe auf eine dastehende Bank setzen. Die Tür ward hinter uns abgeschlossen, und wir befanden uns in einem kleinen steinernen, ganz dunklen Gewölbe wie in einem Gefängnis. Die unerwartete Finsternis blendete uns; es währte lange, ehe wir dicht vor uns ein starkes eisernes Gitter entdeckten und hinter demselben eine alte Frau zwischen zwei Lichtern.

Dieser etwas drachenähnliche Hüter unterirdischer Schätze zeigte uns nun viele Kostbarkeiten. Manches Stück davon war wegen der alten, mitunter sehr feinen Arbeit merkwürdig; zum Beispiel ein goldener Adler, dessen Hals das heilige Öl zur Salbung der Könige enthält; der goldene Löffel, in welchen der Bischof bei der Krönung dieses Öl gießt, und vieles uralte Tischgeräte von Gold und Silber. Dann sahen wir auch das mit französischen Lilien verzierte Zepter, den Reichsapfel, viele Kronen und mehr dergleichen Dinge, die bei Krönungen und anderen festlichen Gelegenheiten noch zum Teil gebraucht werden. Eine Perle von unschätzbarem Werte, ein Smaragd, der im Umfange sieben Zoll groß ist, und ein wunderschöner Rubin schmücken die Krone, welche der König im Parlamente auf dem Haupte trägt; die Krone des Prinzen von Wales wird im Parlamente vor diesen hingesetzt, als ein Zeichen, daß er noch nicht berechtigt ist, sie zu tragen. Alle diese Herrlichkeiten blitzen von köstlichen Edelsteinen. In der düsteren Höhle sahen sie wie ein von bösen Geistern bewachter Feenschatz aus; ihr Wert wird über zwei Millionen Pfund Sterling angegeben, ohne die seltenen Steine, deren Wert man gar nicht bestimmen kann.

Von hier wandten wir uns zum weißen Turme, der aber weder ein Turm noch weiß ist, sondern ein großes viereckiges Gebäude mitten in der Festung, alt, grau und rostig anzuschauen. Vier Wachttürme krönen dessen Zinnen, von welchen einer zur Sternwarte eingerichtet ist.

Im ersten Stock sahen wir die der großen spanischen Armada abgenommenen Trophäen. Lauter alte, zum Teil recht sonderbar erdachte Mordgewehre. Eine Menge Daumenschrauben befinden sich dabei; die Spanier führten sie bei sich, um damit bei ihrer Landung von den besiegten Engländern Auskunft über etwa verborgenen Schätze zu erpressen.

In diesem Saale ist eine lebensgroße Puppe zu schauen, welche die Königin Elisabeth vorstellt, wie sie eben im Begriffe ist, einen weißen Zelter zu besteigen. Sie trägt die Kleider, welche Ihre Majestät trug, da sie nach diesem merkwürdigen Siege zum Volke sprach [Fußnote: Untergang der spanischen Armada im Kampf gegen die englische Flotte unter Sir Francis Drake 1588.]. Wir möchten aber keiner Schauspielerin raten, sich zur Rolle der Elisabeth nach diesem Muster zu kostümieren. Die gute Dame sieht schrecklich aus, besonders das zu einem hohen, breiten Turme aufgekräuselte Haar, welches gar nicht mehr wie Haar aussieht, und die unendliche, spitzig zulaufende, in einen Harnisch gepreßte Taille.

Hier sahen wir auch das Beil, unter welchem der Anna Boleyn schönes Haupt fiel [Fußnote: zweite Gattin Heinrichs VIII.; 1536 enthauptet.], und mehr dergleichen traurige Merkwürdigkeiten, von denen der Tower wimmelt.

Die Waffen neuerer Zeit sind in einem anderen sehr großen Saale aufgestellt. Nimmer hätten wir diesen Mordgewehren zugetraut, daß sie einen so hübschen Anblick gewähren könnten. Sie sind hier auf's Zierlichste und mit einer Art Erfindungsgeist und Geschmack geordnet; die Wände blitzen von Bajonetten, Pistolen, Degen und Säbeln, in tausend verschiedenen Formen gestellt; da sieht man daraus zusammengesetzte Kirchenfenster, eine Orgel, Wappen, Sterne, Schlangen; die Decke ruht auf Pfeilern von Musketen, um welche zierliche Girlanden von Pistolen sich winden.

In einem anderen großen Saale sind alle Könige Englands, von Wilhelm dem Eroberer an bis auf Georg den Zweiten in einer langen stattlichen Reihe, zu Pferde, in voller Rüstung zu schauen. Die zum Teil sehr prächtigen Rüstungen sind die nämlichen, welche ihre Inhaber bei Lebzeiten trugen. Auch Georg der Zweite hat eine über und über vergoldete Rüstung an; der Ochsenfresser, unser Cicerone, versicherte uns sehr naiv, dieser Herr habe solche nie getragen. Der berühmte John of Gaunt, Sohn Eduards des Dritten, muß ein Riese ohnegleichen gewesen sein; seine Rüstung ist sieben Fuß hoch, Schwert und Lanze dem angemessen. Auch Heinrich der Achte war gewiß ein ansehnlicher Herr; die für ihn in seinem achtzehnten Jahre verfertigte Rüstung gibt der des John of Gaunt an Größe wenig nach.

Der Palast von Westminster

[Fußnote: Der Palast brannte 1834 ab. Im heutigen Parlamentsgebäude sind nur die Westminster Hall und die Krypta und der Kreuzgang der St. Stephens Chapel aus der Zeit von Johannas Besuch. Als Hauptgerichtshof diente die Hall bis 1883. Sie stammt vom Palast Richards II. aus dem Jahre 1398.]

In diesen Überbleibseln eines uralten, von Eduard dem Bekenner erbauten Palastes thront jetzt die Göttin Themis [Fußnote: Göttin der göttlichen und natürlichen Ordnung.]. Gleich den Königen von England ist auch sie schlecht logiert, und ihre Residenz sieht von innen und außen sehr zerfallen aus. Neugierig, den Schauplatz so vieler merkwürdiger Entscheidungen, den Tummelplatz der berühmtesten Redner der Welt zu sehen, eilten wir eines Morgens hin.

Zuerst traten wir in die Westminster Halle. Es ist ein hoher, gewölbter Saal, zweihundertfünfundsiebzig Fuß land und vierundsiebzig breit. Man hält ihn in England für den größten in Europa, dessen Decke nicht auf Säulen ruht. Dies mögen wir nicht bestreiten, aber trotz seiner Größe gewährt er keinen brillanten Anblick. Die Wände sind ohne alle Verzierungen, und die künstlich geschnitzte Decke von Eichenholz nimmt sich, von unten aus gesehen, schon wegen der braunen Farbe des Holzes nicht besonders aus. In der Nähe betrachtet, sollen diese Verzierungen im gotischen Geschmacke nicht ohne Kunstwert sein.

In früheren Zeiten diente diese Halle bei großen Festen und Schmausereien den Königen zum Speisesaal. Richard der Zweite soll darin auf einmal zehntausend Personen bewirtet haben. Oft ward hier das Parlament versammelt, hier war der große Gerichtshof, in welchem der König persönlich präsidierte. Der unglückliche Karl der Erste [Fußnote: wegen seiner absolutistischen Bestrebungen stand er im Gegensatz zu Parlament und Cromwell. Als er mit den Schotten zu paktieren suchte, wurde er wegen Hochverrats vor ein außerordentliches Gericht gestellt, am 25. Januar 1649 zum Tode verurteilt und am 30. vor seinem Palast Whitehall enthauptet.] ward in dieser Halle verhört und verurteilt, und noch jetzt versammeln sich hier die Richter bei wichtigen seltenen Rechtsfällen, wenn ein Pair des Reichs oder irgendeine andere sehr wichtige Person angeklagt wird. Gewöhnlich aber dient diese Halle den Advokaten und ihren Klienten zur Promenade, bis die Reihe sie trifft, bei Gericht vorgelassen zu werden.

Wir sahen hier viele der ersteren in schwarzen Mänteln, mit großen, weißgepuderten Perücken auf- und abwandeln. Sehr ungeniert ging es übrigens zu, jeder wandelte, wohin es ihm beliebte; keine Wache, kein Türsteher, niemand, der auf Ordnung hielte, war sichtbar. Auch wir eilten ungestört umher, traten von ungefähr hinter einen an der Seitenwand der Halle angebrachten Vorhang und sahen uns plötzlich zu unserem Erstaunen in einem nicht großen, nicht schönen, aber ziemlich dunklen Zimmer, das uns wie eine Dorfkapelle vorkam. Auf einer kleinen Erhöhung hinter einem Tische saß ein schwarzbemäntelter Herr mit einer gewaltig respektablen Staatsperücke. Es sprach sehr angelegentlich und eindringend; wir aber verstanden kein Wort von dem, was er sagte, denn eine Menge Leute gingen mit großen Geräusche aus und ein und machten einen Lärm, als wären sie für sich allein zu Hause. Zuweilen rief wohl irgend jemand: "Silence!", aber niemand kehrte sich sonderlich daran, der Lärm dauerte fort nach wie vor. Rund um den Tisch saßen dreißig bis vierzig andere Herren auf Bänken, ebenfalls mit schwarzen Talaren und weißen, obgleich etwas kleineren Perücken. Alle schienen emsig beflissen, dem Redner zuzuhören, so gut es sich bei so bewandten Umständen tun ließ. Zu unserem Erstaunen vernahmen wir, dies sei der hohe Gerichtshof, High Court of Chancery, und der Herr obenan der Lordkanzler, die anderen wären die Richter, welche in diesem unruhigen Winkel sich versammelten, um sehr bedeutende Prozesse zu entscheiden. Man kann indessen von ihrer Entscheidung noch an das Oberhaus appellieren.