Reise durch England und Schottland
Chapter 18
Die Mädchen lernen in diesen Anstalten von allem etwas, aber wenig Gründliches. Man lehrt sie Geschichte und Geographie; dennoch weiß eine Engländerin selten, wie es außer ihrem Vaterlande aussieht und was dort in früheren Zeiten sich begeben hat. Auch in der französischen und italienischen Sprache erhalten sie Unterricht, aber dem Fremden, der nicht Englisch kann, ist damit nichts gebessert; schwerlich wird er in der Gesellschaft eine Dame finden, die ihm in einer fremden Sprache Rede stünde. Musik und Zeichnen wird sehr oberflächlich und gewöhnlich nur betrieben, um beides späterhin so bald als möglich wieder zu vergessen. Die Mädchen lernen sticken, Papierblumen machen, sie fabrizieren artige Papparbeiten, Kästchen von vergoldetem Papier, Vasen von Eierschalen, tausend zierliche Dinge; aber was man eigentlich für's Haus braucht, bleibt ihnen gewöhnlich unbekannt. Der Hauptzweck des größten Teils der Vorsteherinnen solcher Anstalten ist vor allen Dingen, einmal im Jahre mit ihren Zöglingen recht zu glänzen, wenn sich die Eltern und Verwandten derselben bei dem großen Prüfungsfeste versammeln. Mehrere Monate vor diesem Feste hört schon aller ernstliche Unterricht auf, alles wird angewendet, um die Kinder für den wichtigen Tag zu dressieren. Musikstücke werden ihnen eingelernt, die sie vor der entzückten Versammlung mechanisch ableiern sollen, Zeichnungen werden mit Hilfe des Lehrmeisters verfertigt und dergleichen mehr. Die Hauptsache aber bleibt, sie für den Ball, der abends gegeben wird, abzurichten, und der Tanzmeister kommt mehrere Wochen lang kaum aus dem Hause.
Eine Dame unserer Bekanntschaft, deren Töchter in dem nahe bei London gelegenen Flecken Southwark in Pension waren, führte uns zu solch einem Fest dahin. Die Vorsteherin des sehr großen Hauses empfing uns mit vieler Artigkeit. Wir wurden in einen großen Saal geführt, an dessen einem Ende die hocherfreuten Mütter und übrigen Verwandten der jungen Mädchen saßen; die Zöglinge selbst waren am entgegengesetzten Ende auf mehreren Reihen amphitheatralisch übereinander sich erhebender Bänke wie zur Schau ausgestellt. Auch gewährten sie einen sehr reizenden Anblick. Man denke sich fünfzig junge Mädchen von acht bis sechzehn Jahren, hübsch, in blühender Gesundheit, einfach, aber geschmackvoll in die Uniform des Hauses gekleidet, mit schneeweißen kurzen Kleidern und blauen Schuhen. Ein silbernes Netz um's Haar, eine silberne Schärpe um den Leib war ihr ganzer Putz; so saßen sie da, glühend vor rascher jugendlicher Erwartung und Freude.
Unter Anleitung des Tanzmeisters begann endlich der Ball. Die Mädchen tanzten unter sich lauter ganz bescheidenen Tänze; keinen Walzer, keinen Shawltanz, keine künstlichen Sprünge, sondern eine Art Menuette zu sechs bis acht Paaren, welche der Tanzmeister für sie eigens komponiert hatte und die wohl sonst nirgends in der Welt getanzt werden als in Pensionsanstalten wie dieser. Die geschickten Tänzerinnen hatten kleine Solos darin, um sich recht zu zeigen. Nach Endigung jedes Tanzes wurden sie von Müttern und Verwandten gelobt und geliebkost. Nur zwei arme kleine Holländerinnen standen traurig und unbemerkt in einer Ecke allein, niemand bekümmerte sich um die Fremden, die aus ihrem Vaterlande hierher zur Erziehung geschickt waren. Wir, Fremdlinge wie sie, fühlten uns ihnen verwandt, riefen sie zu uns, erzählten ihnen, daß wir unlängst aus ihrem Vaterlände kämen, und hatten bald den Trost, auch aus ihren kindlichen klaren Augen die Freude leuchten zu sehen. Als die auf die Länge etwas langweilige Paradetänze abgetan waren, kamen einige englische und schottische an die Reihe. Froh, des Zwangs entledigt zu sein, hüpften die lieblichen Kinder unbefangener umher, und einige junge anwesende Vettern und Brüder erhielten die Erlaubnis, sich mit ihnen herumzudrehen.
Mit stiller Rührung sahen wir ihre sorglose Freude. Tanzend bereiteten sich die holden Geschöpfe zu dem Leben, das sie jetzt, in dem Augenblick, da wir dies niederschrieben, schon längst mit seinem ganzen Ernste ergriffen hat. Erwartungsvoll blickten damals so viele helle Augen der Zukunft entgegen, als wäre auch sie ein Tanz der Freude; jetzt füllen sich diese Augen beim Andenken an jene unwiederbringlich hingeschwundenen Tage wahrscheinlich mit Tränen der Sehnsucht. Ahnend dachten wir damals ihrer Zukunft und verließen sie, noch mitten in der Freude, mit stillen Wünschen für die Zukunft.
Pension für Knaben
Gewöhnlich sind es Landprediger, die irgend ein großes schönes Lokal, unfern der Kirche, in welcher sie predigen, mieten oder kaufen und neben ihren Berufsgeschäften dieses Erziehungsgeschäft treiben, wobei sich die sehr ehrwürdigen Herren ungemein wohl befinden. [Fußnote: dazu notierte Johanna in einer Fußnote. "Most reverend Sir, sehr ehrwürdiger Herr, der Titel der englischen Geistlichen."]
Wir hatten Gelegenheit, die Erziehungsanstalt des Herrn Lancaster in Wimbledon, acht englische Meilen von London, genau kennenzulernen. Sie gilt für eine der besten, selbst Lord Nelson ließ zwei seiner Neffen da erziehen [Fußnote: Admiral, Lord, lebte zu dieser Zeit zurückgezogen mit Lady Hamilton in der Grafschaft Surry. Am 21. Oktober 1805 schlug die englische Flotte unter seinem Befehl die spanisch-französische bei Trafalgar vernichtend. Er selbst kam dabei ums Leben.] Im Grunde gleichen sich alle; nur die Zahl der Zöglinge, die größere oder beschränktere Einrichtung des Ganzen unterscheidet sie voneinander.
Der sehr ehrwürdige Herr zu Wimbledon befaßte sich gar nicht mit dem Unterrichte; unsichtbar für seine Schüler saß er den Tag über in seinem Studierzimmer, wo er eine Anzahl junger Fremder, die bloß als Kostgänger, nicht als Schüler in seinem Hause lebten, im Englischen unterrichtete. Nur mittags, nach vollendeten Schulstunden erschien er auf einem Katheder im Schulzimmer, um sich von den Lehrern Rapport abstatten zu lassen. Vier Lehrer, die im Hause wohnten und von denen wechselweise einer jede Woche die Spezialaufsicht über die Schüler hatte, gaben den notwendigen Unterricht, und zwar alle zugleich in dem nämlichen großen Zimmer. Jeder steht auf einem kleinen Katheder, und die Schüler gehen wechselnd, pelotonweise von einem zum anderen. Dies währt vier Stunden lang ununterbrochen von acht bis zwölf.
Die Schule wird mit Gebet eröffnet und geschlossen, ganz nach der englischen Liturgie, wobei auch des Königs, seines Hauses, der Schwangeren und Säugenden usw. von den Knaben christlich gedacht werden muß.
Die Knaben erhalten Unterricht in den alten Sprache, in Geographie, Geschichte, Schreiben, Rechnen und der französischen Sprache. Wer Fechten, Musik, Tanzen und Zeichnen lernen will, muß es besonders bezahlen; die Lehrer dazu kommen wöchentlich einige Male von London herüber; an alles übrige Wissenswerte, was unsere Kinder in Deutschland lernen, wird nicht gedacht.
Die Zöglinge essen zusammen, ziemlich schlecht, unter Aufsicht des die Woche habenden Lehrers, werden zu bestimmten Zeiten von ihm auf der Gemeinhut des Dorfes spazieren getrieben, spielen unter seiner Aufsicht auf dem großen Hofe und werden täglich in einem großen Bassin gebadet, auch im Winter, wo dann erst das Eis aufgehauen werden muß.
Alles, Lehre, Strafe, die ganze Behandlung der Kinder, wird nach angenommenen Gesetzen mechanisch betrieben, ohne Rücksicht auf Alter, Charakter und Fähigkeit. Wie könnte es anders sein, ihrer sind sechzig, zwischen sechs und sechzehn Jahren; alle Wochen wechselt der die Aufsicht habende Lehrer und dankt Gott, daß er auf drei Wochen die Last los ist und sich bei der sehr reichlich besetzten Tafel des sehr ehrwürdigen Herrn mit den Kostgängern und der übrigen Gesellschaft, von der in der Woche ausgestandenen Not und Mangel erholen kann. Kein Lehrer lernt die Kinder genauer kennen, da jeder sie nur ungefähr zwölf Wochen im Jahre in so verschiedenen Zeiträumen unter seiner Aufsicht hat.
Die Kostgänger haben dagegen ein herrliches Leben, denn sie bringen dem ehrwürdigen Herrn dreimal soviel Guineen als die Schüler. Nur einige Schüler, deren Eltern es zu bezahlen vermögen, gehören auch dazu. Diese nehmen zwar an den Schulstunden teil, essen aber an dem gut besetzten Tische, können nach Herzenswunsch im Lustgarten und im Obstgarten ihr Wesen treiben, während ihre Kameraden auf dem öden Hofe bleiben müssen und entsetzlich geprügelt werden, wenn sie sich einmal in jene verbotenen Reviere eingeschlichen haben. So müssen die Kinder schon in der Jugend lernen, daß dem Reichen alles erlaubt, und Geld daher das höchste Ziel ist, wonach man zu trachten hat.
Hat ein Knabe einen Fehler begangen, seine Lektion nicht gelernt oder beim Spiel Unordnung gemacht, so wird ihm vom Lehrer zur Strafe aufgegeben, eine Seite Griechisch oder Latein auswendig zu lernen. Wenn er diese zur bestimmten Zeit nicht auswendig weiß, so schreibt der Lehrer seinen Namen auf und legt ihn auf's Katheder des Herrn Lancaster. Abends werden dann die so Verklagten zu ihm ins Studierzimmer gerufen, so viel ihrer sind, alle zugleich. Er redet sie mit Sir oder Gentleman an und fragt, ohne fernere Untersuchung ihres Vergehens, ob sie ihre Aufgabe gewußt haben? Sie müssen natürlich mit "Nein" antworten. Ohne sich auf etwas Weiteres einzulassen, fragt er: was sie dafür verdient hätten? Sie antworten: geprügelt zu werden, und ohne Aufschub vollzieht der sehr ehrwürdige Herr an ihnen dies Urteil mit eigener Hand, oft an sieben oder acht nacheinander, ohne Rücksicht, ob der Knabe sechs oder sechzehn Jahre alt ist, und dazu auf die beschimpfendste Weise.
Haben zwei Knaben miteinander Streit gehabt oder sich geschlagen, so verklagt einer den anderen; wenn aber auch seine Klage noch so sonnenklar wäre, er bekommt kein Recht, solange der Beklagte leugnet. Der Kläger muß Zeugen mitbringen; sagen dagegen er und seine Zeugen noch so augenscheinlich die Unwahrheit, der Beklagte wird bestraft, wenn er nicht andere Zeugen beibringen kann, die seine Unschuld beweisen. Alles wird nach der Form abgetan wie vor englischen Richterstühlen; den Charakter der Kinder zu ergründen, ihr Gefühl für Recht und Unrecht im höheren Sinn, ihre Liebe für das eigentliche Wissen zu bilden, daran denkt niemand.
Wir enthalten uns aller Bemerkungen über eine solche Erziehungsmethode, jeder macht sie gewiß selbst und fühlt, welchen Vorzug auch in dieser Rücksicht wir Deutsche vor jenen stolzen Insulanern haben, und welche Resultate sich von einer solchen frühen Behandlung erwarten lassen.
Sonntagmorgens werden die Schüler im Schulzimmer versammelt. Herr Lancaster ist nicht Prediger in Wimbledon, sondern Merton, einem eine halbe Stunde weit entlegenen Dorfe; aber zu seiner Übung hält er seinen Schülern die Predigt, die er mittags dort halten wird, erst einmal in der Frühe. Damit verbindet er den in der englischen Liturgie vorgeschriebenen Gottesdienst, so daß das Ganze eine starke Stunde währt. Um elf Uhr werden sie in sauberen Sonntagskleidern paarweise auf dem Hofe rangiert und treten dann in Begleitung der vier Lehrer den Marsch nach der Wimbledoner Kirche an, wo sie bei Predigt, Gesang und Litanei zwei Stunden verweilen müssen. Nachmittags werden sie wieder auf die nämliche Weise zur Kirche getrieben, und abends um acht Uhr wird abermals in der Schulstube großer Gottesdienst gehalten, wobei wieder des Königs und seines Hauses gedacht wird. Zwischen allen diesen Andachtsübungen müssen sie in der Bibel lesen und dürfen in Begleitung der Lehrer einen Spaziergang machen; alle Spiele aber und alle lauten Ausbrüche der Freude sind hoch verpönt, und werden streng bestraft.
Das Britische Museum
[Fußnote: größtes Nationalmuseum Großbritanniens (Geschichte, Archäologie, Kunst und Völkerkunde) und Nationalbibliothek; die naturgeschichtlichen Sammlungen sind heute in Kensington untergebracht. 1753 kam die Sammlung des irischen Arztes Hans Sloane an das Museum, das im Montagu House untergebracht wurde. Als die Erweiterung der Sammlungen den Raum beschränkt werden ließ, erbauten die Brüder Smirke in den Jahren 1823-55 das neue Museum.]
Diese reiche, in einem schönen Lokal aufgestellte Sammlung verdient, der großen Nation anzugehören, deren Namen sie führt. Der unermüdliche Sammler, Sir Hans Sloane, legte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts den Grund dazu, indem er sein eigenes, sehr bedeutendes Museum der Nation vermachte. Mehrere große Sammlungen wurden damit vereinigt, und so erreichte das Ganze den Grad von Vollständigkeit, auf welchem es sich heute befindet.
Die prächtige Vasensammlung des Sir William Hamilton ist die schönste Zierde desselben; [Fußnote: Altertumsforscher (1730-1803); nahm als Gesandter in Neapel an der Entdeckung von Herculanum und Pompeji teil; Gatte der durch Lord Nelson bekannt gewordenen Lady Hamilton. Die Vasensammlung, die er dem Britischen Museum verkaufte, ist durch die 240 Umrisse Tischbeins bekanntgeworden. Hamilton schrieb ein grundlegendes Werk der Vasenkunde: "Antiquités étrusques, grécques et romaines", 4 Bde., Neapel 1966-67.] froh verweilten wir im Anschauen dieser schönen Formen, welche, von den englischen Fabrikanten glücklich benützt, durch ganz Europa die bis dahin Mode gewesenen häßlichen, verkrüppelten Formen verbannten und nach und nach unserem Hausgeräte die jetzt übliche schöne, geschmackvolle Gestalt gaben.
Alles, was uns an die goldene Zeit, an die schönen Jahrhunderte der Römer und Griechen erinnern konnte, fanden wir hier vereint. Mannigfaltiger Schmuck, Siegelringe, Lampen, Hausgötter, unendliches kleines Gerät, aus den Gräbern von Pompeji und Herkulaneum auf's Neue zum freundlichen Tageslicht gefördert, vergegenwärtigte uns das heitere, gefällige Dasein der Alten; wir lebten mit ihnen, solange wir in diesen Zimmern verweilten.
Schnell streiften wir hernach durch die Säle, welche das Naturalienkabinett, die ausgestopften Tiere und Mineralien enthalten, so auch durch das sehr beträchtliche Münzkabinett. Wenn man in seiner Zeit so beschränkt ist, wie wir es hier waren, so muß man entbehrend zu genießen wissen und lieber vieles aufopfern und nur etwas mit Muße betrachten, um davon eine bestimmte interessante Erinnerung mit sich zu nehmen. Momentanes Verweilen bei vielen Gegenständen verwirrt und ermüdet ohne allen Nutzen.
Auch die von Kapitän Cook [Fußnote: James (1728-79), Forscher und Weltumsegler. Seine Reisebeschreibungen, in Deutschland durch G. Forster bearbeitet, haben ihn sehr bekannt gemacht.] aus dem fünften Weltteile mitgebrachten Merkwürdigkeiten, die hier ein ganzes Zimmer anfüllen, betrachten wir nur im Vorübergehen.
Mehrere Zimmer enthalten in Schränken, mit Drahtgittern versehen, die große, reichhaltige Bibliothek. Außer eine großen Zahl älterer, zum Teil sehr seltener Bücher, faßt sie beinahe alles, was bis auf den heuten Tag in England herauskommt; denn von jedem mit Privilegium gedruckten Buche muß ein Exemplar hier abgeliefert werden. Wir verweilten nur einige Zeit in dem Zimmer, in welchem sich die Manuskripte befinden.
Nicht nur alte Handschriften aller Art, von den beschriebenen Palmblättern und in Stein gehauenen ägyptischen Hieroglyphen an bis auf die krausen, bunten Schriftzüge der Mönche des Mittelalters, werden hier aufbewahrt, sondern auch zahllose Briefe und Manuskripte der interessantesten und berühmtesten Menschen späterer Zeiten; eine unendliche Fundgrube für den Geschichtsforscher, dem ein freundliches Geschick erlaubt, sie mit Muße und Auswahl zu benutzen. Und welch ein Feld würde sich hier dem Anekdotenjäger und Zeitblättler eröffnen, der nach Willkür fouragieren könnte! Wie viele Bände interessanter Briefe könnten da ausgewählt werden, zum Nutz und Frommen unseres lese- und schreibsüchtigen Zeitalters, vor welchem kein Schreibtisch, kein Portefeuille mehr sicher ist! Briefe vieler englischer Könige und Königinnen, vieler Männer, die auf ihr Zeitalter wirkten, füllen, wohlgeordnet in Mappen, eine Menge Schränke.
Man war so gefällig, uns manches zu zeigen; unter anderem einen ganzen Band eigenhändiger, mitunter ziemlich zweideutiger Briefe der Königin Elisabeth an ihren unglücklichen Liebling, Grafen Essex. Ihre Handschrift ist merkwürdig. Diesen nicht schönen, aber mit Schnörkeln überladenen, sehr großen Buchstaben sieht man es an, daß sie langsam und vorsichtig geformt wurden, und trotz aller Schmeichelworte, die sie ihrem Geliebten hinzirkelte, möchte man in etwas verändertem Sinne mit Schillers Maria Stuart ausrufen: "Aus diesen Zügen spricht kein Herz!" Auch von dieser unglücklichen Nebenbuhlerin Elisabeths werden hier viel Briefe aufbewahrt, größtenteils in französischer Sprache. Besonders rührend war uns der, welchen sie an Elisabeth liebend und vertrauend schrieb, sowie sie die englische Grenze betreten hatte, ohne die traurige Zukunft zu ahnen, die sie sich mit diesem Schritt bereitete.
Man zeigte uns auch den Entwurf einer ziemlich langen Rede, welche Wilhelm der Eroberer [Fußnote: I. (1066-87); geb. 1027 oder 1028 als Sohn Herzog Roberts II., des Teufels, von der Normandie. 1051-52 weilte er als Gast König Eduards des Bekenners in England, der ihm die Krone versprochen haben soll. Sein Anspruch auf England-- er ließ sich 1066 in Westminster krönen--stieß das Land in langwierige kriegerische Unruhen und Aufstände; dennoch gelang es ihm, ein autokratisches Königtum in England zu errichten und ein streng durchgeführtes feudales Lehenssystem zu begründen.] an das englische Volk halten wollte. Sie ist durchaus von seiner Hand in französischer Sprache geschrieben, ziemlich unorthographisch und voll Korrekturen und ausgestrichener Stellen. Nach ihrem Inhalte war er bloß aus Liebe zu dem Volke herübergekommen, um dieses glücklich zu machen.
Unter den neuen Manuskripten bemerkten wir Popes "Essay on Man", so wie er ihn zuerst niederschrieb, ebenfalls voll Verbesserungen und Änderungen. Nicht ohne Grund nennt ihn einer seiner Zeitgenossen den Papier sparenden Pope, paper sparing Pope. Das ganze Gedicht ist auf kleinen Papierstücken sehr schlecht und unleserlich niedergeschrieben, auf Briefkuverte, Visitenkarten, Einladungsbillette, ja sogar auf den Rändern alter Zeitungsblätter, und dann mit Stecknadeln und seidenen Fäden bestmöglichst zusammengeflickt.
Auf einem Pulte mitten in diesem Zimmer thront triumphierend das Heiligtum der Engländer, die ursprüngliche Magna Charta, [Fußnote: liberatum, The Great Charter; Privileg für die englischen Stände, am 15. VI1215 von Johann ohne Land unter Druck von Klerus, Adel und Städten erlassen; sie sichert Freiheit der Kirche, Feudalordnung, Widerstandsrecht gegen willkürliche Bestrafung, persönliche Freiheit und persönlichen Besitz.], unter Glas und Rahmen. Lange war sie verloren und ward glücklicherweise in dem Moment entdeckt, in welchem ein Schneider seine entheiligende Schere schon ansetzte, um Riemchen zum Maßnehmen daraus zu schneiden. Jetzt wird sie hier, wenn auch etwas verblichen, etwas zernagt vom Zahn der Zeit, dennoch sicher, kommenden Jahrhunderten aufbewahrt und von jedem echten Briten mit Ehrfurcht betrachtet.
Gern wären wir an einem anderen Tage ins Museum zurückgekehrt, aber die bestehende Einrichtung erschwerte uns diesen zweiten Besuch. Zuviel Fremde wünschten das Museum zu sehen, als daß die nämlichen öfter als einmal dazu kommen könnten. Nur wenige Personen dürfen zugleich zugelassen werden, und man muß sich lange zuvor um die Erlaubnis dazu anmelden. Donnerstag morgens wird es zwar öffentlich gezeigt, aber es ist weder Freude noch Nutzen dabei, von ziemlich unwissenden Aufsehern mit einer Menge von Leuten durch die Zimmer gedrängt zu werden. Wer zu wissenschaftlichem Zwecke diese Sammlungen benutzen will, kann auf gewisse Bedingungen die Erlaubnis dazu von den Vorstehern erhalten. Ein mit Schreibmaterialien und allem Erforderlichen wohlversehenes ruhiges Zimmer steht einige Stunden des Tages den Arbeitenden offen.
Herrn Whitbreads Brauerei
Wieviel Anstalten zu einem Kruge Porter! Welch ein Treiben und Knarren und Rasseln aller Maschinen! Biertonnen, größer wie ein Haus in den Hochlanden! Kühlfässer wie Meere!--Diese Brauerei verdiente in Walhalla für Odins Helden den stärkenden Gerstentrank zu bereiten.
Ohne fernere Ausrufungen können wir versichern, daß sie wenigstens zu Londons ersten Sehenswürdigkeiten gehört. Der alte König, welcher sie einmal mit seiner ganzen Familie besuchte, nahm im Brauhause ein Frühstück ein, das dem Eigentümer auf fünfzehnhundert Pfund Sterling zu stehen kam, und der berühmte englische Dichter, Peter Pindar [Fußnote: Pseudonym für John Wolcot (1738-1819); Arzt und Geistlicher. 1778 kam er nach London und wurde ein gefürchteter Satiriker, der weder vor der königlichen Akademie noch vor dem Herrscherhaus zurückschreckte.], war beflissen, diese merkwürdige Begebenheit in wohlgesetzten Reimen auf die Nachwelt zu bringen. Unter anderem fragte damals der König Herrn Whitbread: wie viel Fässer er besitze? Die Antwort war: "Der Länge nach dicht aneinandergelegt, möchten sie wohl von London bis Windsor reichen." Bekanntlich liegt Windsor zweiundzwanzig englische Meilen von London: sieht man aber diese ungeheure Anstalt, so erscheint die Behauptung Herrn Whitbreads gar nicht unwahrscheinlich.
Eine nicht große, im Souterrain angebrachte Dampfmaschine ist die Triebfeder des ganzen ungeheuren Werks, die sauberste, einfachste, geräuschloseste, die wir je sahen. Man hat berechnet, daß sie die Arbeit von siebzig, Tag und Nacht beschäftigen Pferden verrichtet. Sie schafft das nötige Wasser herbei, leitet den fertigen Porter durch unterirdische Kanäle quer über die Straße in ein anderes Gebäude, wo er in Fässer gefüllt wird, bringt die Fässer zum Aufladen aus dem Keller herauf, mahlt das Malz, rührt es in den zwanzig Fuß tiefen Malzkufen und windet es vermittelst einer schraubenartigen Vorrichtung bis oben hinauf in die Spitze des Gebäudes.
Dort sind auch die ungeheuer großen, aber nur sechs Zoll tiefen Kühlschiffe oder Zisternen zum Abkühlen des Porters; wahre Seen, von denen man uns versicherte, sie würden fünf englische Acker Land bedecken; auch braucht der Porter nur sechs Stunden darin zu stehen, um kalt zu werden. Alles in dieser großen Anstalt trägt das Gepräge der höchsten Reinlichkeit und Ordnung und geht mit anscheinender Leichtigkeit vonstatten.
Täglich werden zur Verbesserung des schon so Vollkommenen neue Erfindungen gemacht; besonders ist man auf Ersparung der Feuerung bedacht, welche die drei großen Kessel, jeder zu fünfhundert Fuß, erfordern. Zweihundert Arbeiter werden täglich beschäftig und achtzig ungeheuer große Pferde. Letztere sind vielleicht die größten Tiere ihrer Rasse, die es gibt; denn die Hufeisen eines derselben, welches krankheitshalber getötet werden mußte, wogen vierundzwanzig Pfund. Wahre Pferderiesen!
In einem Gebäude, hoch und groß wie eine Kirche, stehen neunundvierzig große Fässer, in welchen der Porter aufbewahrt wird, bis man ihn zum Gebrauch in kleinere abfüllt. Dadurch, daß er eine Zeitlang in so großer Masse beisammenbleibt, soll er vorzüglich verbessert werden. Wäre das Faß, welches Diogenes bewohnte, von solchem Kaliber gewesen, so konnte der Philosoph füglich an einem runden Tische zwölf Personen bewirten und noch ein artiges Boudoir für sich behalten. Das größte dieser Fässer hat oben eine Art Balkon, zu welchem eine Treppe führt, es ist siebenundzwanzig Fuß hoch und hält zweiundzwanzig Fuß im Diameter; von oben bis unten ist es mit eisernen, etwa vier Zoll voneinander entfernten Reifen beschlagen, unten gegen den Boden liegt Reif an Reif. Alle sind von starkem Eichenholz, mehrere enthalten dreitausendfünfhundert gewöhnliche Fässer; der Heidelberger Kollege [Fußnote: das bekannte "Große Faß" im Heidelberger Schloß] käme in dieser respektablen Gesellschaft um seinen Ruhm.
Als wir das Haus verließen, waren wir wie betrunken vom Geruche des Porters; man müßte in dieser Atmosphäre schon von der Luft leben können. Die darin beschäftigten Arbeiter sahen indessen gar nicht aus, als ob sie sich auf solche Experimente einließen.
Greenwich