Reise durch England und Schottland

Chapter 17

Chapter 173,427 wordsPublic domain

Hinter den ebenfalls erleuchteten Bäumen ziehen sich oben bedeckte Arkaden hin, unter welchen mehrere hundert kleine Bogen und Pavillons angebracht sind. Auch an diesen Arkaden reiht sich Lampe an Lampe; oben, unten, an den Seiten, überall funkelndes Licht und brennende Farbenpracht. Von diesem Platze aus laufen mehrere hell erleuchtete Alleen neben einigen dunklen. Letztere betritt die gute Gesellschaft nie. Transparente Gemälde endigen die erleuchteten Alleen; Säle mit Statuen, Transparenten, Blumen und kristallenen Girlanden geziert, bieten Schutz gegen Kälte, Wind und plötzlich einfallenden Regen. In einigen vom Orchester entlegenen Sälen spielen kleine Musikchöre.

Mehr als hundert wohlgekleidete, gewandte Aufwärter stehen neben den Bogen, welche den großen Platz umgeben. Jedes Winks bereit, besetzen sie im Nu die darin fertig gedeckt stehenden Tische mit allem, was man an einem solchen Orte von kalten Speisen und Getränken verlangen kann.

Das Orchester besteht größtenteils aus Blasinstrumenten. Wir hörten hier unter anderen ein Konzert auf der Trompete in einer Vollkommenheit, deren Möglichkeit wir nie geträumt hätten. Ein im Dienste des Prinzen von Wales stehender Künstler blies es.

Auch die beliebtesten englischen Theatersänger, einige wenige der vornehmsten ausgenommen, lassen sich hier mit einzelnen Arien, Volksliedern, Kanons und vielstimmigen Gesängen hören. Im Freien klingt jede Musik gut, aber der Effekt, den diese aus dem Feentempel erschallenden mächtigen Töne in der funkelnden, schweigenden Nacht hervorbringen, ist unbeschreiblich; denn trotz der großen Menschenmenge hört man doch nirgends wilden Lärm auf diesem Platze. Schweigend oder flüsternd wandelt alles umher und horcht der Musik, bis eine Glocke uns in einen etwas abgelegenen Teil des Gartens ruft.

Dort sehen wir in einem großen, sich bewegenden Gemälde einen Wasserfall auf das täuschendste dargestellt. Man hört das wilde Rauschen der Flut und sieht sie in stäubendem Schaum sich verwandeln. Die Szene belebt noch eine am Fuße des Wasserfalls angebrachte Brücke, über welche mancherlei Fuhrwerke, Fußgänger, Reiter und Tiere passieren, alles auf's natürlichste und täuschendste dargeboten.

Von hier kehrt man zum Orchester zurück, von welchem um diese Zeit gewöhnlich eine große Arie oder sonst ein ausgesuchtes Tonstück erschallt; dann lustwandelt man in den hellen Alleen und besucht die verschiedenen Säle. Pfeilschnell verfliegt die Zeit; ehe man es erwartete, ist's Mitternacht. Eine zweite Glocke ruft uns in einen anderen Teil des Gartens, zu einem artigen Feuerwerke, bei welchem man aber freilich nicht an die Flammenpracht im Wiener Prater denken muß. Nach dem Feuerwerke verteilt sich der größte Teil der Gesellschaft in die Logen, wo man in kleinen, selbstgewählten Kreisen fröhlich zu Abend ißt und dabei die draußen umher wandelnde schöne Welt die Musterung passieren läßt.

Späterhin wird auf dem grünen Rasen in der Nähe des Orchesters getanzt. Die Damen, welche hier tanzen, mögen freilich wohl nicht die unbescholtensten sein. Schwerlich würde sich in London ein Mädchen von gutem Rufe zu einer solchen öffentlichen Ausstellung verstehen; auch bemerkten wir fast immer dieselben Tänzerinnen und schließen daraus, daß sie vom Unternehmer der Anstalt hier zu tanzen engagiert sind. Indessen, sie tanzten mit dem Ausdruck der Freude und dennoch anständig, so daß sie eine vollkommene Illusion hervorbrachten. Alle waren schön, jung und wohlgekleidet, und so fragte niemand danach: wer sie wohl eigentlich sein möchten?

Gewöhnlich bricht der Tag über alle diese Freuden an, doch pflegt die gute Gesellschaft sich vor zwei Uhr zu entfernen; später artet der Ton aus und wird zuweilen zu wild und baccantisch, als daß man gern dabei verweilen möchte.

Konzerte

Berühmte Virtuosen, welche in London binnen wenigen Jahren ein Vermögen erwarben, das sie auf dem festen Lande während einer ganzen Lebenszeit nicht erworben hätten, wissen am besten, wie man hier die Musik liebt.

Die Nation selbst ist eigentlich nicht musikalisch. Es fehlt ihr nicht bloß an Talent, sondern auch an Gehör und Geschmack. Daher gibt's nichts Ungefälligeres, Monotoneres als die englische Volksmusik. Wir haben schon früher bemerkt, daß hier der Text mehr gilt als die Melodie, deutliche Aussprache mehr als alle Kunst des Sängers.

So ist's beim Volk und der mittleren Klasse; die Großen aber, welche auf Reisen Gelegenheit hatten, das Bessere kennenzulernen, nehmen ausländische Talente gern in Schutz und belohnen sie mehr als fürstlich. Viele von ihnen haben in ihren Häusern zu bestimmten Tagen musikalische Vereine, an welchen fremde berühmte Tonkünstler teilnehmen. Wohl dem, der mit einer einzigen Bekanntschaft oder Adresse nach London kommt; sein Glück ist gemacht.

Verschiedene große Subskriptionskonzerte existieren den Winter über in London, wo alle bedeutenden fremden und einheimischen Virtuosen engagiert sind. Auch diese Konzerte, die ziemlich kostbar sind, werden größtenteils von den Vornehmeren besucht und erhalten. Das glänzendste derselben wird während der beiden letzten sogenannten Wintermonate wöchentlich einmal in Hanover Square, in einem schönen, hochgewölbten Saale gegeben, an welchen zwei brillante Konversationszimmer stoßen. Es ist hauptsächlich der Vokalmusik geweiht. Nie hat uns ein Konzert mehr Vergnügen gewährt als dies. Das sehr glänzende Auditorium war still und aufmerksam. Londons beste Sänger wetteiferten miteinander. Mme. Billington, die uns im Konzerte weit besser gefiel als zuvor in der Oper, Mme. Storace, Mme. Dusseck, die Frau des berühmten Klavierspielers [Fußnote: Tochter Domenico Corris, eines Opernkomponisten. Corri gründete 1797 mit seinem Schwiegersohn Dusseck in London einen Musikverlag, der aber bald fallierte. Johann Ladislaus Dusseck (geb. 1761 in Böhmen, gest. 1812 in Paris) war ein bedeutender, vor allem aber sehr effektvoller Virtuose am Pianoforte.], sangen sehr angenehm. Letztere ließ sich auch auf der Harfe hören, die sie meisterhaft spielte. Besonders entzückte uns der Tenorist Braham [Fußnote: eigentlich Abraham, John; (1774-1856). Bedeutender Sänger, der zeit seines Lebens in London wirkte. In Webers "Oberon", der für London komponiert wurde, war er der erste Hüon.], welcher damals vielleicht die schönste Stimme hatte, die existierte. Er ist eigentlich ein Israelit und heißt Abraham. Arien, Duette und vierstimmige Musikstücke wechselten miteinander ab, manches mußte wiederholt werden, denn der Engländer, hoch oder niedrig, läßt sich's nicht nehmen, für sein Geld zu befehlen, ohne Umstände und Ansehen der Person. Die Künstler müssen gehorchen, wenn's ihnen auch noch so schwer wird, und sich's am Ende noch zur Ehre rechnen, wenn sie encored werden, wie man's hierzulande nennt.

Am Ende des Konzerts sang ein siebenjähriger Knabe, der Sohn des Unternehmers, ein italienisches Liedchen, gut genug für sein Alter. Die Gutmütigkeit des englischen Volks, die gern jedes aufkeimende Talent aufmuntert, zeigte sich hier. Auch er wurde encored, obgleich es schon Geduld erforderte, das kindliche Stimmchen gleich nach Brahams männlich schönem Gesange auch nur einmal anzuhören.

Palast von St. James. Die Parks von Kensington Gardens

Kein Fürst, auch nicht der kleinste regierende Herr, dessen Besitzungen kaum auf der Karte zu finden sind, hat eine schlechtere Residenz als der König von England. Kaum traut man seinen Augen, wenn man das alte, winkelige, rostige Gebäude ansieht, das mit dem stolzen Titel: St. James Palast prangt [Fußnote: nach dem Brand von Whitehall (1691) die ständige Residenz der englischen Könige von Wilhelm III. bis Georg IV.; 1809 zerstörte ein Feuer den Ostflügel, so daß wenig mehr vom alten Tudor Palast übrigblieb.]. Auch bewohnte König Georg der Dritte es gelegentlich nicht, und nur zum Schein prunkte ein großes Bette mit rotsamtenen Vorhängen im großen Leverzimmer.

Alle Hoffeierlichkeiten wurden zwar nach althergebrachter Weise in diesem königlichen Rattenneste gehalten; aber die hohen Herrschaften begaben sich immer vorher incognito hin und wohnten eigentlich im Palaste der Königin, Buckingham House genannt [1703 von John Sheffield, Herzog von Buckingham, erbaut, 1761 von Georg III. angekauft und von Georg IV. 1825 nach Plänen von Nash umgebaut und später noch mehrmals ergänzt, zum letzten Mal 1913 von Aston Webb. Seit dem Regierungsantritt der Königin Victoria (1837) Residenz der englischen Herrscher: Buckingham Palace.], einem etwas moderneren Gebäude, welches aber auch, weit entfernt von aller königlicher Pracht, weder sehr groß noch sehr schön aus bloßen Ziegelsteinen erbaut war. Es liegt in dem an den Palast von St. James anstoßenden St.James Park, der Lieblingspromenade der Londoner.

Dieser Park ist eigentlich nur eine sehr schöne große Wiese, durchschnitten von angenehmen Fußwegen, belebt durch einen ihn durchkreuzenden Kanal und geziert mit hin und wieder zerstreuten Gruppen schöner alter Bäume. Alles darin ist einfach, aber unaussprechlich angenehm durch den Kontrast dieser ländlichen Stille mit dem Geräusche der großen Hauptstadt, aus welchem man unmittelbar hineintritt.

Am westlichen Ende des Parks liegt Buckingham House mit seinen Gärten. Der Green Park zieht sich längs diesen hin, ebenfalls eine zur Promenade eingerichtete Wiese, mit wenigen Bäumen besetzt. Der Hyde Park begrenzt beide; größer als sie, geht er bis an die Gärten von Kensington; ein in mannigfaltigen Krümmungen sich hindurchwindender silberheller Strom verschönt ihn; Kühe und schöne Pferde weiden am Ufer, alles ist frisch und grün, als wäre man hundert Meilen von der Stadt.

Wenn man vom Hyde Park aus in die Gärten von Kensington tritt, wähnt man am Eingange eines uralten heiligen Hains zu sein; so majestätisch erheben die hohen, schönen Bäume, der ausgezeichnetste Schmuck jener Gärten, ihr prächtiges Laubgewölbe. Diese Gärten, das gewöhnliche Ziel der Spaziergänger, gehören ebenfalls dem Könige und stehen, solange die schöne Jahreszeit währt, von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends dem wohlgekleideten Publikum offen. Sie sind nicht im neuesten Geschmacke angelegt, man findet noch nach alter Weise breite, nach der Schnur gezogene Alleen darin und eine gewisse Symmetrie, von welcher die neue Gartenkunst nichts wissen will; desto besser aber eignen sie sich zur Promenade einer großen Hauptstadt. Angefüllt mit Spaziergängern, die unter diesen prächtigen Bäumen lustwandeln, machten sie einen ebenso reizenden als imposanten Eindruck.

Der zu diesen Gärten gehörende Palast von Kensington verdient nur wegen seines Eigentümers diesen prächtigen Namen. Die königliche Familie kommt nie hin, er wird von einigen Privatpersonen bewohnt, welche vom König die Erlaubnis dazu erhielten.

Jeden Sonntag nachmittags bei schönem Wetter wimmelt im Sommer der St. James Park von wohlgekleideten Spaziergängern, die zwar Nobodies sind, sich aber doch ebenso gut ausnehmen, als würden sie wirklich mitgezählt. Alles was die Woche hindurch sich in den Ladengewölben und Arbeitszimmern der City abmühte und kein Haus zu hüten hat, eilt dann hinaus, um frische Luft zu schöpfen, grüne Bäume zu sehen und wohl auch seinen Sonntagsputz zu zeigen.

Der Anblick dieser wohlgekleideten Menge ist sehr angenehm; weit interessanter aber noch der, den der Hyde Park im Frühling gewährt. An schönen Sonntagsmorgen, nach Londoner Rechnung zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags, fährt, reitet und geht dann die schöne Welt dort spazieren. Eine unzählbare Menge der schönsten Equipagen, der herrlichsten Pferde bedecken in dieser Zeit den durch Hyde Park führenden Fuhrweg bis Kensington; kein Fiaker, kein öffentliches Fuhrwerk darf diesen Weg befahren; nichts darf sich zeigen, was uns daran erinnern könnte, daß es auch Leute in der Welt gibt, die nicht reich und vornehm sind. Der Anblick der vielen schönen Reiter und Pferde, der tausend Equipagen von allen Formen und Größen, der schönen Frauen und lieblichen Kinderköpfchen, die aus diesen herausgucken, ist einer der prächtigsten, den nur irgendeine große Hauptstadt gewähren kann. Nichts gibt einen anschaulicheren Beweis der Opulenz und Bevölkerung Londons.

Auch die Spaziergänge wimmeln von Spazierengehenden, die zum Teil jene schimmernden Equipagen verließen, um hier zu lustwandeln und Bekannte zu treffen. Besonders brillant sind dann die Alleen von Kensington; man hat berechnet, daß an solchen Tagen bisweilen hunderttausend Menschen zugleich sich in den Parks und den Gärten von Kensington des blauen Himmels und der schönen Erde freuen.

Auch im Winter versammeln sich oft viele tausend Menschen dort, besonders, wenn bei starker Kälte der Strom im Hyde Park mit Eis bedeckt ist. Dann zeigen die Schlittschuhläufer ihre Künste, man eilt hin, sie zu bewundern; für Erfrischungen und Wärme ist in dazu erbauten Pavillons gesorgt, und was noch besser ist, für Hilfe bei möglichen Unglücksfällen, durch eine sehr zweckmäßige, an den Ufern des Stroms errichtete Rettungsanstalt.

Des Königs Geburtstag

Dieser Tag, der vierte Junius, welchen auch der Nachfolger Georges des Dritten als seinen Geburtstag angenommen hatte, ist für die Londoner feiner Welt der wichtigste im ganzen Jahre, der Wendepunkt, welcher den Sommer von dem Winter scheidet, er gibt für die nächsten zwölf Monate den Ton an für Moden, Equipagen; alles wird für diesen Tag und nach diesem Tag berechnet. So war es wenigstens, solange des alten Königs Gesundheit ihm erlaubte, sich öffentlich sehen zu lassen. Sein späteres anhaltendes Übelsein wird freilich in Hinsicht des an diesem Tage üblichen Zeremonielles manche Änderung herbeigeführt haben, doch die Hauptsache blieb gewiß, solange er lebte, und es wird auch später, solange es Könige von England gibt.

Schon Monate vorher sind alle Sattler, Wagenfabrikanten, Schneider, Juweliere und Modehändler in großer, eilender Geschäftigkeit; neue Kleider, neuer Putz werden ersonnen und gemacht, Juwelen umfaßt, Pracht-Equipagen und glänzende Livreen angeschafft, alles wird aufgeboten, um an diesem Tage eine Stunde lang zu glänzen, denn viel länger währt die ganze Herrlichkeit nicht. Die Zeitungen tun freilich das ihrige nach besten Kräften, um diesen Glanz, soviel an ihnen liegt, zu verewigen. Sie füllen viele Tage hindurch lange Kolonnen mit Beschreibungen desselben aus, jedes Quästchen an den Damenkleidern, jeder Stickerei an den Galaperücken der Herren wird ehrenvoll darin gedacht, auch Wagen und Livreen werden nicht vergessen; aber was hilft das alles? Solch eine papierene Ewigkeit ist in unseren Tagen von gar kurzer Dauer.

Im Park von St.James bemerkten wir an diesem Tage um ein Uhr viele Leute vor einer kleinen Hintertüre des Palastes, die den König dort aussteigen sehen wollten, wenn er vom Buckingham House käme. Kanonendonner verkündete einstweilen die Feier des Tages; Erwartung, Freude, Liebe strahlte von allen Gesichtern, denn das Volk hing mit kindlicher Liebe an dem guten alten Georg, unter dessen langer Regierung der größte Teil desselben geboren ward. Wir warteten seine Ankunft nicht ab, um nicht zu sehr ins Gedränge zu geraten, sondern begaben uns in die schöne und breite Straße von St.James, welche gerade zum Haupteingange des Palastes führt. Von dem Balkon eines Privathauses konnten wir dort den Zug der Glückwünschenden bequem ansehen.

Es war ein schöner, lebensfroher Anblick! Kein Fenster, kein Balkon der ziemlich langen Straße blieb unbesetzt, frohe Gesichter schauten aus allen herab; Kopf an Kopf, dicht gedrängt, sogar die Dächer wimmelten von Zuschauern; eine unzählbare Menge wohlgekleideter Leute drängte sich auf der Straße weit über den Fußpfad hinaus, so daß in der Mitte kaum Platz für die Wagen blieb. Eine Menge Equipagen und Mietwagen bildeten an der einen Seite eine lange, stillstehende Reihe. Fast lauter hübscher Frauen und Mädchen blickten neben den reizendsten Kinderköpfchen neugierig daraus hervor in das bunte Gewühl. Vor dem Schlosse paradierte die schöne königliche Garde zu Pferd, reich gekleidete Hofbediente standen am Tore desselben, auch die hundert Yeomen des Königs eigentlich eine Art Schweizergarde [Fußnote: King's Body Guard Yeomen of the Guard, 1485 als Leibwache für den Herrscher aufgestellt. Nicht zu verwechseln mit den Yeomen Warders, die im Tower den Dienst versehen und bedeutend früher gegründet wurden.]. Ihre Kleidung ist noch genau dieselbe, die sie im fünfzehnten Jahrhundert war, bunt und wunderlich anzuschauen. Das Volk nennt diese Trabanten des Königs Ochsenfresser, the King's Beefeaters, und ihre wohlgenährten Figuren scheinen diesen Ehrentitel reichlich zu verdienen. So sonderbar sie in der über und über mit Gold besetzten, scharlachroten altenglischen Kleidung, mit den auf Brust und Rücken glänzenden silbernen Schilden und dem flachen, mit bunten Schleifen gezierten Barett auch aussehen, so gibt ihre Erscheinung dem Feste doch etwas Feierliches, Altväterisches, das uns in vergangene Zeiten versetzt. Dieser Eindruck wurde noch vermehrt, als die lange Reihe der Leute von der Feuer-Assekuranz-Kompagnie aus dem Palaste wo sie ihren Glückwunsch abgelegt hatten, in Prozessionen nach einer Taverne zog, um dort auf des Königs Gesundheit feierlichst zu trinken. Auch diese erschienen in wunderlicher, karmesinroter Kleidung. Vor ihnen her wurde das beliebte God save the King geblasen [Fußnote: in dem zu jener Zeit stark feuergefährdeten London gab es keine städtische Feuerwehr, sondern die Phönix Versicherungsgesellschaft hielt sich eine Truppe von Leuten, die eingesetzt wurden, wenn ein bei der Gesellschaft versichertes Haus in Brand geriet.].

Durch alles dieses hindurch bewegte sich langsam die unabsehbare Reihe Kutschen, in welchen die Gratulanten nach Hofe fuhren. Diese gaben den reichsten und mannigfaltigsten Anblick. Nirgends kann man prächtigere Kutschen von der neuesten, noch nie zuvor gesehenen Form, nirgends schönere, stolzere Pferde erblicken. Ein Schwarm reichgekleideter Livreebedienten umgab die Schritt vor Schritt langsam fahrenden Wagen, ungeduldig schnoben die Pferde, aber der mit einer großen, runden Perücke versehene, auf dem befransten Bocke majestätisch thronende Kutscher hielt sie in Respekt. Wie in anderen Ländern Schnurrbärte, so sind in England solche dicken runden Perücken Abzeichen der Kutscher, und je vornehmer der Herr, je größer sind die Perücken.

Die reichgekleideten Herren und Damen in den Kutschen schienen sich bei der langsamen Kavalkade ein wenig zu langweilen. Die Damen nahmen sich von oben nicht sehr graziös aus in dem überladenen Putze und der steifen, ängstlichen Stellung; fast wie die überfüllte umgestülpte Schachtel einer Modenhändlerin, ein formloser Berg von Flor, Blumen, Federn und tausend schönen Sachen.

Der Lord Mayor und die Sheriffs der City in ihrer schwarzen Amtskleidung, mit schweren goldenen Ketten geschmückt, fuhren in großen, über und über vergoldeten altmodischen, doch neuen Staatswagen, an welchen überall fast ebenso vergoldete Bediente mit großen Federhüten hingen. Zum Teil ziemlich rosige Hofkutschen (die uns an die Dresdner Fahrten nach Pillnitz erinnerten) machten von Zeit zu Zeit von ihrem Vorrechte Gebrauch, aus der Reihe hinaus allen anderen vorbeizufahren.

Die Herzöge von York, von Glocester und andere Glieder der königlichen Familie saßen in beinahe ganz gläsernen Staatswagen, so daß man sie von allen Seiten deutliche sehen konnte.

In alle diese Pracht mischten sich ganz gewöhnliche Fiaker und behaupteten ihren Platz in der glänzenden Reihe so gut wie die anderen. Größtenteils saßen Offiziere und Geistliche darin, ja ein Spottvogel neben uns wollte in einem derselben drei Bischöfe erblicken, die so, das Stück für sechs Pence, an den Hof fuhren.

Zur Seite dieses langen Zuges trabten brillant gekleidete Portechaisenträger ihren Hundstrott, mit schön aufgeputzten Portechaisen, deren Deckel des hohen Standes der darin sitzenden glänzenden Dame, und ein Schwarm reichgekleideter Livreebediensteten begleitete jede derselben.

Von ein bis sechs Uhr währte dieser Zug ununterbrochen fort, ohne zu stocken; die Herren und Damen stiegen aus, sowie sie ankamen, machten dem König und der Königin ihr Kompliment, vielleicht ohne im Gewühl der Menge einmal bemerkt zu werden, und fuhren dann wieder fort, um anderen Neuankommenden Platz zu machen. Dies war die ganze Freude, mit so vielem Aufwande an Geld, Zeit und Vorsorge errungen.

Nach der Cour gab die Königin ein Familiendinner, das einzige im ganzen Jahre; auf dieses folgte ein Konzert, zu welchem der dafür besoldete Hofpoet jedesmal eine neue sogenannte Ode machen muß. Auch zum Konzert werden nur wenige von den Vornehmsten auserwählt und zugelassen. Sonst pflegte diesem Konzerte noch ein Ball zu folgen, der höchstens zwei Stunden währte und bei welchem die strenge Rangordnung und Etikette den Vorsitz hatte; seit einigen Jahren aber begnügt man sich mit übrigen Freuden des Tages.

Abends waren einige öffentliche Gebäude, die Theater und die Häuser der Kaufleute und Handwerker, welche den Hof bedienen, ziemlich hübsch illuminiert, und damit endigte dieser wichtige Tag.

Pension für Mädchen

[Fußnote: der fünfzehnjährige Arthur notierte dazu: "Mittwoch den 1sten Juny. Wir waren diesen Mittag bey Hrn. Harris, er wohnt dicht vor London, hat aber von seinem Hause eine sehr schöne Aussicht. Wir fuhren diesen Abend mit ihm nach einer Pension (Boarding-School) von jungen Mädchen, wo Hr. Harris auch zwey Töchter hatte. Sie lernen hier auch tanzen, und hatten heute eine Art Ball, wo sie alle in Gegenwart ihrer Eltern, und andrer, die als Zuschauer hinkommen, tanzen. Es war ein allerliebster Anblick hier über 40 junge Mädchen, von acht bis sechzehn Jahren, wirklich mit vielem Anstand, unter sich, und alle gleich gekleidet, tanzen zu sehn. Nachher wurden ein Paar Tänze getanzt in die sich auch Herren mengten, und die ich auch mittanzte."]

Oft begegneten wir sonntags auf unseren kleinen Lustreisen in der Gegend bei London einem Zuge von dreißig bis vierzig jungen Mädchen, auf dem Fußpfade neben der Landstraße andächtig zur Kirche wandelnd. Es war ein lieblicher Anblick. Schneeweiß gekleidet, mit artigen Strohhüten, gingen sie paarweise hintereinander fort, einige in eben aufblühender jugendlicher Schönheit, andere frisch und rot in knospender Kindheit. Mehrere Aufseherinnen begleiteten sie, strenge wachend über jeden Tritt, jede Miene, damit ja kein Freudensprung, kein lautes Lachen ihnen auf dem ernsten Wege entschlüpfte. Zuweilen kam von der anderen Seite ein ähnlicher Zug Knaben daher, dem nämlichen Ziele zuwandelnd, begleitet von seinen Lehrern. Die Aufseher und Aufseherinnen und grüßten sich wohl als Bekannte, aber die Kinder schielten sich nur von der Seite ein wenig an und wandelten mit gezwungenem Ernst weiter. Es waren die Zöglinge aus irgendeiner der vielen Pensionen, welche jeden Sonntag zweimal feierlich zum Gottesdienste getrieben werden. Dörfer und Flecken ringsumher wimmeln von solchen Erziehungsanstalten, die alle gedeihen, da fast niemand seine Kinder zu Hause erzieht, wo sie zu viel Unordnung und Unruhe machen würden. Sowie Knaben und Mädchen aus der Kinderstube kommen, werden sie in jene Erziehungsanstalten gegeben und kehren erst nach ganz vollendeter Erziehung, beinahe erwachsen, in das väterliche Haus zurück.