Reise durch England und Schottland
Chapter 16
Den Beschluß machte für diesen Abend, oder wie man hierzulande passender sagt, für diese Nacht, eine große, meistenteils von Italienern aufgeführte Pantomime; ein Schauspiel, das wir in dieser Vollkommenheit noch nirgends sahen. Ein Zauberer saß auf seinem Throne, umgeben von dienenden Geistern aller Art. Im Hintergrunde, hinter einem eisernen Gitter, erblickte man den alten Pantalon, Harlekin, Colombine und den treuen Diener Pierrot, alle in Todesschlummer versunken, in Särgen liegen. Der Zauberer mußte notwendig verreisen, und alles kam darauf an, daß jemand einstweilen an seiner Stelle auf dem Throne säße und das Szepter aufrecht hielte, ohne einzuschlafen. Ein kleiner, neckischer Kobold, unübertrefflich von einem Signor Grimaldi [Fußnote: der Clown Grimaldi gehörte seit seiner Kindheit dem Haus an und war ein über alle Maßen beliebter, aber auch von der Kritik gerühmter Pantomime.]gespielt, wird zu diesem Ehrenamt erlesen und weiß sich nicht wenig damit. Der Zauberer ermahnt ihn auf's Dringendste, ja nicht einzuschlafen, und fährt ab in seinem Drachenwagen. Eine Weile geht es vortrefflich; der kleine närrische Kobold ist außer sich vor Freuden auf dem weiten prächtigen Thron. Nun aber meldet sich der Schlaf, umsonst widersteht er aus allen Kräften, umsonst nimmt er aus einer ungeheuren Dose eine so starke Prise, daß er dreimal niesen muß, bei jedem Niesen wenigstens drei Ellen hoch vom Sitze in die Höhe geschnellt wird, in der Luft sich ein paar mal überschlägt und immer wieder auf den Sitz zurückplumpt. Die Natur siegt, er schläft ein, das Zepter entsinkt einen Moment seiner Hand, der Zauber ist zerstört, und der bunteste Wirrwarr hebt an. Die Schlafenden erstehen hoch erfreut aus ihren Särgen, alles verschwindet. Harlekin und die Seinen sind nun auf ewiger Flucht, überall, in tausend Abwechslungen, lassen sie sich häuslich nieder und fangen an, ihr lustiges Wesen zu treiben, überall verfolgt sie der Kobold. Ewiger Szenenwechsel, Dekorationen, so prächtig man sie nur erdenken kann, Verwandlungen, bei denen man verleitet wird, an Hexerei zu glauben, folgen in der schnellsten Mannigfaltigkeit, daß das Auge kaum Zeit hat, alles zu bemerken. Die Mimiker waren alle vortrefflich, wie die Dekorationen; ein echter komischer Zug jagte den andern. Das Haus erscholl vom unaufhaltsamsten Gelächter; alles lachte, alles war erfreut, aber gewiß niemand imstande, zu Hause zu erzählen, was er gesehen hatte. Gegen ein Uhr endigte das Schauspiel.
Covent Garden
[Fußnote: Das Haus, das Johanna besuchte, war 1792 durch den Architekten Henry Holland wesentlich vergrößert worden (3600 Plätze statt vorher 2000). Hauptattraktion war ein eiserner Vorhang, der aber dennoch nicht verhindern konnte, daß das Haus 1806 einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel; Neubau 1809. Nach einem neuerlichen Brand erstand es 1858 in seiner modernen Gestalt unter dem Namen Covent Garden Opera House.]
Das Haus, nicht völlig so groß als das von Drury Lane, aber nicht weniger elegant dekoriert, erscheint fast noch blendender, noch prächtiger als jenes, denn viele große und kleinere angebrachte Spiegel vervielfältigen die Menge der strahlenden Wachskerzen ins Unendliche.
Hier auf diesen Brettern sah man oft in einer einzigen Vorstellung die berühmtesten Künstler vereint. Zuerst nennen wir Mme. Siddons die, seit wir sie sahen, das Theater verlassen hatte. [Fußnote: Sarah (1755-1830), geniale Tragödin. Garrick holte sie 1775 zum ersten Mal ans Drury Lane, doch konnte sie sich nicht durchsetzen und kam 1782, nun schon berühmt, ein zweites Mal an diese Bühne. Ihre Glanzrolle, die Lady Macbeth, hat sie allein in London 139 Mal gespielt. Gerde in der Spielzeit 1804/05 verlor sie etwas das Publikumsinteresse, da sich dieses dem dreizehnjährigen Wunderknaben Master Betty zuwandte, der Hamlet und Richard III. spielte. 1802-12 spielte sie im Covent Garden, zog sich dann vom Theater zurück, trat aber noch mehrmals auf.] Sie war eine hohe königliche Gestalt. Als ob Melpomene, wie alte Meister sie uns darstellen, das Piedestal verlassen hätte, um unter den Lebenden zu wandeln, so trat sie einher, groß, schön, im einfachen Ebenmaß. Ihr ganzes Wesen war zur Tragödie geschaffen, der Ausdruck, die Form ihres schönen Gesichts paßte nur für das Trauerspiel, unmöglich konnte man sie sich fröhlich oder gar lachend denken. Unbeschreiblich melodisch war ihre Stimme, sanft und durchdringend zugleich, sie hatte unnachahmlich klagende Töne in ihrer Brust. Schon lange war sie nicht mehr jung, aber die Zeit konnte ihr wenig rauben; bei diesen edlen regelmäßig schönen Zügen vermißte niemand den Glanz der Jugend; sie war ziemlich stark; aber auch dies machte keinen Übelstand bei ihrer hohen Gestalt. Sie wäre ein Ideal gewesen, über das hinaus man sich nichts denken konnte, hätte sie sich nicht zuweilen von der Lust, dem Publikum zu gefallen, hinreißen lassen, ihr großes Talent zu mißbrauchen. So aber überschritt sie oft die Grenzen des Schönen und ward fürchterlich.
Als Isabella zum Beispiel in dem Trauerspiel: "The Fair Penitent" (Die schöne Büssende) [Fußnote: von Nicholas Rowe, seit der Uraufführung (1703) vielgespieltes Repertoirestück.], wo sie im fünften Akt den Dolch sich ins Herz stößt, verschied sie mit einem lauten, konvulsivischen, herz- und nervenzerreißenden Gelächter, das ziemlich lange anhielt und den Zuschauern die Haare zu Berge sträubte. Aber so etwas will der Engländer, und halb London strömte ins Theater, um Mme. Siddons lachen zu hören, obgleich die Damen Krämpfe und Ohnmachten davontrugen.
Ihr wahrer Triumph aber war wohl die Rolle der Lady Macbeth: denn in dieser hatte sie ein weites offenes Feld für ihr großes Talent. In der Szene des Nachtwandelns machte ihr bloßer Anblick jeden Blutstropfen erstarren.
Ihr Bruder Kemble verdiente ihr Bruder zu sein [Fußnote: John Philipp, Bruder der Sarah Siddons, doch nicht von ihrer genialen Begabung. Seine entscheidende Leistung lag auf dem Gebiete der Regie, in seinem Bestreben, Kostüm und Szenerie sinnvoll in den Gesamteindruck einer Aufführung einzugliedern, worauf man bis dahin wenig Wert legte.]. Seine Gestalt war noch sehr edel und schön, obgleich auch er die Jugendjahre weit überschritten hatte. Zuweilen schien er vielleicht ein wenig monoton, aber sein Spiel war immer durchdacht und motiviert, und immer erkannte man darin seine Lehrerin.
Der junge Siddons, der noch obendrein seiner Mutter sprechend ähnlich sieht, und seine Frau, die mit Jugend und Schönheit ein großes Talent für sanfte, duldende, liebende Rollen vereint, zeichneten sich ebenfalls aus, teils durch das, was sie schon damals leisteten, teils durch die Hoffnungen, die sie, gebildet in dieser Schule, für die Zukunft gaben. Unmöglich kann man die Rolle der Julia lieblicher dargestellt sehen als von der jüngeren Mme. Siddons.
Ein Meister anderer Art war Cooke. Die Natur versagte ihm eine schöne Gestalt; dafür gab sie ihm eine desto ausdrucksvollere Physiognomie, besonders für die Rollen, die er sich erwählt hatte, Tyrannen, Bösewichte; kalte, kühne, trotzige Charaktere spielte er unübertrefflich. Sein Triumph aber war Richard der Dritte. Nie war diese Rolle vor ihm so dargestellt worden, nie wird sie nach ihm es werden; er machte darin Epoche. Seine Feinde behaupteten sogar, er spiele sie immer, in allen seinen anderen Rollen blicke immer Richard der Dritte hervor. Gestalt, Ton, Blick, Gang, alles war in dieser Rolle Wahrheit an ihm. Wo er unverhüllt boshaft erschien, schauderte man vor seiner kalten Besonnenheit, wo er heuchelte, bestach er selbst die Zuschauer Wenn er mit kaltem Hohne alles, selbst seine eigene Häßlichkeit bespöttelte, wenn er in wilder Verzweiflung "Ein Pferd! ein Pferd! Mein Königreich für'n Pferd!" rief, wenn er mit heuchlerischer Demut das Herz der Lady Anna am Sarge ihres Gemahls eroberte--immer war er sich gleich, immer groß und wahr.
In Hinsicht der sonst hier gewöhnlichen Pracht vernachlässigt man oft die Shakespearschen Meisterwerke, die schon ihres inneren Werts wegen immer ein gefülltes Haus bringen, und verwendet den Flitter lieber an neueren Darstellungen, die durch nichts anderes glänzen können. Dennoch muß man jene Stücke gerade auf diesem Theater sehen, um der großen Schauspieler willen, welche in den Hauptrollen wahrhaft glänzen.
Die Nebenrollen fallen freilich umso unangenehmer auf. Das langsame, einem Gebelle ähnliche Perorieren der mittelmäßigen Schauspieler wird erst lächerlich, dann unerträglich. Freilich mag es sehr schwer sein, so laut zu sprechen und doch noch Modulation in der Stimme zu behalten.
Leider spielt man fast alle Shakespearschen Stücke, die noch gegeben werden, nach den Umarbeitungen Garricks der wie viele seinesgleichen in dem Wahne stand, ein großer Schauspieler müsse auch ein guter Dichter sein, und deshalb sich mit dem großen Meister ganz unerlaubte Freiheiten herausnahm [Fußnote: David Garrick (1717-79), berühmter englischer Schauspieler, Stückeschreiber und Theaterdirektor. Verkörperte eine neue Schauspielkunst, die auf Schlichtheit und Natürlichkeit Wert legte.]. In "Romeo und Julia" zum Beispiel erwacht Julia, wie Romeo noch sterbend ist; dies verursacht eine unaushaltbare Szene; die Amme ist ganz gestrichen. "Hamlet" wird dem Originale ziemlich treu gegeben, nur bleibt Fortinbras am Ende weg. Hamlet ist Kembles Hauptrolle, er spielt sie bis in die kleinsten Details, als hätte er "Wilhelm Meister" gelesen.
Was Cooke und Kemble in der Tragödie, das waren Munden, Fawcett, Lewis in der Komödie, vor allem Munden [Fußnote: William Lewis, Inbegriff des jungen Gecken]. Dumme Bediente, alberne Jungen, wunderliche alte Herren waren sein Hauptfach und Polonius im "Hamlet" sein Triumph. Übrigens übertraf er in Gesichterschneiden und närrischen Stellungen alles, was wir je gesehen haben. Stürmisch geht es in Covent Garden her wie in Drury Lane. Einst, bei einer Benefizvorstellung von "Menschenhaß und Reue" [Fußnote: von August Kotzebue. Die erfolgreiche englische Fassung hieß "The Stranger or Misanthropy and Repentance"], welche in den komischen Rollen besonders vortrefflich dargestellt ward, trat im Zwischenakt ein junger Mann mit einem Hornpipe auf [Fußnote: dazu führt Johanna in einer Fußnote an: "ein in Matrosenkleidung getanztes Solo, wie man es auch zuweilen auf deutschen Bühnen sieht."]. Sehr unschuldigerweise gefiel er den hohen Gönnern, denn er tanzte herrlich schlecht. Man forderte Wiederholung des Tanzes, aber der junge Herr war so ungefällig, nicht zu erscheinen. Nun entstand ein Lärmen, als sollte das Haus einstürzen wie weiland die Mauern von Jericho vor dem Trompetenschalle. Wer solch einem Aufruhr zum ersten Mal beiwohnt, kann sich in der Tat der Furcht nicht erwehren; es übersteigt allen menschlichen Begriff. Ein Schauspieler stand auf der Bühne und wartete, bis die Schreihälse einmal würden pausieren müssen. Der Moment kam endlich; mit tiefen Bücklingen trat er hervor und erbat sich die Erlaubnis, ein Lied zu singen, dabei versicherte er, der andere Gentleman würde gleich darauf tanzen, er erhole sich nur ein wenig. Jetzt war der Beifall ebenso rauschend als zuvor der Tadel; der Sänger sang ein närrisches Lied von einem Yorkshireman [Fußnote: ebenfalls Johanna: "Die Bewohner von Yorkshire sind wegen ihrer schlauen Gewandtheit zum Sprichwort geworden. Man sagt von ihnen: give him a saddle and he will find a horse, d.i. gebt ihm einen Sattel, ein Pferd findet er schon."]; es hatte unendliche Verse, mußte aber dennoch zweimal wiederholt werden. Daß der Sänger sich nicht lange darum bitten ließ, versteht sich von selbst. Sowie das Lied geendigt war, trat der Tänzer wieder auf, man ließ ihn gelassen tanzen und pfiff ihn hinterher aus.
Im folgenden Zwischenakt ahmte ein Schauspieler die bekanntesten Mitglieder beider Theater auf's täuschendste nach; etwas, das doch wohl bei keiner Bühne anderer Nationen geduldet werden würde. Gang, Sprache, Deklamation, alles war zum Verwechseln; mit lautem Beifall rief das Publikum den Namen des jedes Mal dargestellten Schauspielers aus. Sehr interessant war es, dieselbe Stelle einer Tragödie mehrere Mal hintereinander auf ganz verschiedene Weise deklamieren zu hören. Auf alles dieses folgte noch ein Nachspiel, ohne welches das Publikum gewiß nicht ruhig nach Hause gegangen wäre, obgleich schon fast der Tag wieder anbrach.
Den größten Lärm aber erlebten wir in Sheridans Umarbeitung von "Rollas Tod", im "Pizarro". Bis jetzt hatte man dieses Stück nur in Drury Lane, aber vielmal hintereinander gegeben, denn Sheridan war bekanntlich Mitdirektor jenes Theaters. Jetzt ward es mit neuen prächtigen Dekorationen auch im Covent Garden angekündigt. Mme. Siddons sollte die Cora, Kemble den Rolla, Cooke den Pizarro spielen. Alle Logen waren längst auf diesen Tag vorbestellt, alles war voll Erwartung.
Die Direktion von Drury Lane konnte den Triumph von Covent Garden unmöglich gleichgültig ansehen, und sie ergriff sonderbare Mittel ihn zu vereiteln. Für's erste kündigte sie dasselbe Stück für den nämlichen Abend an. Der Fall, daß das nämliche Stück an einem Abend in beiden Häusern gegeben werden sollte, war damals nicht vorgekommen, solange die Londoner Theater existierten. Sodann gab sie den Tag vor der Vorstellung ein prächtiges Mittagessen, Herrn Cooke zu Ehren. Daß auf englische Weise dabei viel getrunken ward, daß der Held des Tags mit einem ziemlichen Rausche nach Hause gebracht werden mußte, war in der Regel. Abends darauf, als das Schauspiel anfing, fand sich eine ungeheure Menge Zuschauer ein, die glänzendste Versammlung, die man seit langer Zeit in Covent Garden gesehen hatte. Zu Anfang ging alles vortrefflich, bis Cooke als Pizarro auftrat und--trotz aller Anstrengung--nicht imstande war, auch nur ein lautes Wort hervorzubringen. Er versuchte zwei, drei Mal zu reden, umsonst, er mußte verstummen. Nur zu gut hatten die Schauspieler von Drury Lane die Schwäche ihres ehemaligen Mitgenossen gekannt und berechnet, denn jedes Mal war Cooke den Tag nach einem Rausche durchaus heiser, so daß er unmöglich spielen konnte. Das Übel dauerte nur den einen Tag, deshalb hatte man ihn abends vorher so hoch fetiert. Der Zorn, das Wüten des Publikums überstieg nun alle Grenzen; das vom wildesten Orkan aufgeregte Meer ist nur ein schwaches Bild des unbeschreiblichen Tobens des Parterres und der Galerien. In den Logen blieb man ziemlich ruhig, die Damen zitterten, alle waren leichenblaß, und einige wurden ohnmächtig hinausgebracht. Alle Schauspieler mußten auf dem Theater bleiben. Mme. Siddons, Kemble, der in der indischen Tracht [Fußnote: indianische Federmäntel] wunderschön aussah, standen ängstlich verlegen dem entsetzlichen Lärm gegenüber, denn sowie sie nur Miene machten, das Theater zu verlassen, drohte man es zu stürmen. Cooke war wie vernichtet im Hintergrunde. So lärmte man eine starke Stunde durch; unbegreiflich blieb es uns, wie es die Lungen nur aushielten. Kemble versuchte endlich Cookes plötzliche Krankheit und ein anderes Stück für den heutigen Abend anzukündigen, kaum ließ man ihn zu Worte kommen. "Pizarro, Pizarro!" riefen tausend Stimmen, "Cooke ist betrunken!" riefen andere und achteten nicht darauf, daß Kemble mit den demütigsten Gebärden das Gegenteil versicherte. Das Toben nahm jeden Augenblick zu, die Schauspieler schienen sich ängstlich untereinander um Rat zu fragen. Nun trat Kemble wieder vor und fragte: ob das Publikum dem jungen Siddons erlauben wolle, den Pizarro mit dem Buch in der Hand zu spielen. Lauter Beifall erfolgte, der Sturm legte sich, Cooke schlich sich von der Bühne fort, und das Stück wurde genau von da an weitergespielt, wo man erst abgebrochen hatte.
Unbegreiflich war uns die Fassung, mit der alle, besonders Mme. Siddons und Kemble, nach einem solchen Auftritt fortspielten; sie übertrafen sich selbst, die Dekorationen waren wunderschön, und auch Pizarro nahm sich trotz des Buchs besser aus als man erwarten konnte. Alles war vergeben und vergessen, nur da Kemble das Stück für den folgenden Tag wieder ankündigte, rief man ihm von allen Seiten zu: "Sagt Cooke, er solle sich nicht wieder betrinken!"
Die italienische Große Oper
[Fußnote: das große Theater am Haymarket, bis 1714 The Queen's, nachher The King's Theatre genannt. 1789 abgebrannt, 1791 neu eröffnet (dieses Haus stand in seiner Größe kaum der Mailänder Scala nach), 1867 wieder abgebrannt und 1892 abgerissen, da niemand mehr Geldmittel für dieses kostspielige Theater aufbringen wollte.]
Von diesem großen Theater, dem Stolz der Nation, wenden wir uns jetzt zur italienischen Oper.
Obgleich die Vornehmsten es beschützten, so ist dieses Theater dennoch dem Volke verhaßt, weil es auf alle Weise dem Nationalgeiste entgegenstrebt. John Bull geht höchstens einmal hin, um sich hernach zeitlebens darüber lustig zu machen. Die fremde Sprache, das ganze ausländische Wesen, vor allem die französischen Tänzer erscheinen ihm wie ebenso viele Entheiligungen des vaterländischen Bodens. Längst wäre die ganze Anstalt zugrunde gegangen, wenn nicht der Großen Eitelkeit, Prachtliebe und Vorliebe für das Ausländische sie erhielte; deutlich sieht man, daß sie hier nicht gedeihen kann und trotz der großen Summen, die darauf verwendet werden, nur kümmerlich vegetiert.
Das Haus, noch größer als Drury Lane, enthält außer dem Parterre fünf Reihen Logen und zwei Galerien. Über und über mit Malereien überladen, schien es, ungeachtet der sehr glänzenden Erleuchtung, dennoch dunkler als die anderen Schauspielhäuser. Die Verzierungen waren ziemlich geschmacklos, überall schwärmen Amoretten zwischen tausend Schnörkeln und Girlanden auf dunklem Grunde; das Ganze erschien bunt, aber nicht heiter.
Dieses Theater ist der glänzendste Vereinigungspunkt des hohen Adels, dem es hauptsächlich seine Erhaltung verdankt; wer sonst auch noch auf feinen Ton, auf Bildung, auf hohen Stil Anspruch macht, der tut wenigstens als besuche er es fleißig und sei jedes Mal entzückt, wenn er auch noch so oft mit geschlossenem Munde während der Vorstellung gähnen mußte. Alle Logen von unten bis oben sind zu Preisen vermietet, für welche man in mancher Stadt des festen Landes ein ganzes Haus nich allein mieten, sondern sogar kaufen könnte.
Vom Monat Dezember bis Ende Junius sieht man wöchentlich zweimal, dienstags und sonnabends, in diesen Logen die schönsten, berühmtesten, reichsten und vornehmsten Damen des Reichs in ihrem prunkvollsten Schmucke versammelt. Strahlend von Diamanten sitzen sie in langen Reihen und gewähren einen Anblick, der das eigentliche Schauspiel weit übertrifft. Wer nicht abonniert ist, muß ins Parterre, welches hier an Rang den Logen gleichgehalten wird. Das Billett kostet eine halbe Guinee, und die Etikette befiehlt auch hier in Gala zu erscheinen, die Herren in Escarpines, den Dreieck unterm Arme, die Damen auf's schönste geschmückt; sonst wird man auf die erste Galerie gewiesen, die halb soviel kostet als das Parterre. Ob sich aber dort im sechsten Stockwerk viel sehen und hören läßt, müssen wir billig bezweifeln.
Unser Schicksal wollte, daß wir die von Winter komponierte Oper "Calypso" sehen sollten, denn an eine Wahl ist hier nicht zu denken [Fußnote: Peter von Winter (1754-1825), einst international angesehener Komponist, seit 1788 in München Hofkapellmeister. Schrieb über 40 Opern, ferner Oratorien, Messen, Kantaten und Kammermusik. Zur Einstudierung seiner Oper "Calypso" weilte Winter 1803-05 in London.]. Mehrere Wochen hindurch erscheint eine und dieselbe Oper, ein und dasselbe Ballett ununterbrochen hintereinander fort, bis Sänger und Tänzer es müde sind; denn das Publikum in den Logen ermüdet nicht, immer das nämliche zu sehen und es vortrefflich zu finden. Kaum dreimal werden den Winter über die Vorstellungen gewechselt.
Die berühmte Billington erschien als Calypso wenig zu ihrem Vorteile. [Fußnote: Elizabeth, geb. Weichsel; geboren in London als Tochter eines deutschen Musikers, gestorben 1818. 1794-1801 weilte sie in Italien, kehrte dann nach London zurück und blieb bis 1809 am Theater.] Ihre reichlichen vierzig Jahre konnte man übersehen, wäre sie nur nicht so unerlaubt dick gewesen, wie wir noch nie eine weibliche Gestalt auf dem Theater erblickten, hätte sie sich nur bemüht, durch Spiel und Ausdruck Jugend und Gestalt zu ersetzen. Aber sie hielt es unter ihrer Würde, Schauspielerin zu sein; bewegungslos stand sie da und sang, und glaubte damit schon ein übriges getan zu haben. Die Engländer hielten sie für die erste Sängerin der Welt. Ihre Stimme war in der Tat rein, voll und besonders in der Höhe von großem Umfang, dabei kunstmäßig gebildet, aber Ausdruck und Vortrag fehlten ihr ganz. Wie es ihr vorgeschrieben war, so sang sie alles richtig hintereinander ab, gleich einem Uhrwerke; brachte hin und wieder Kadenzen und Triller an, wobei dem Zuhörer der Atem verging, und glaubte so die höchste Stufe der Kunst erreicht zu haben. So ein Triller von einer Viertelstunde, darüber geht dem Egländer kein Gesang der Welt.
Alle übrigen Sänger und Sängerinnen, größtenteils Italiener, waren fast noch weniger als mittelmäßig. Unter den schlechtesten als die schlechteste zeichnete sich die zweite Sängerin aus, und man sagte uns, die Direktion hätte sie bloß engagiert, weil ihr die Kleider ihrer Vorgängerin wie angegossen paßten.
Das Orchester war lobenswert, die Dekorationen recht hübsch, aber bei weitem nicht mit denen der anderen Theater in London zu vergleichen. Die ganze Anstalt schien uns mit einer Mesquinerie [Fußnote: Kleinlichkeit] betrieben, die sowohl der großen Summen, welche darauf verwendet werden, als des Publikums, das sich dort versammelt, unwürdig ist.
Sehr vergnügt sahen wir den Signore Telemaco endlich seinen Luftsprung machen und freuten uns auf das Ballett. Leider aber hatte auch dieses drei Akte und schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Es war ein moralisches, sentimentales Wesen. Mlle. Parisot, L'Arborie, dessen Frau und noch einige, deren Namen uns nicht beifallen, waren vortrefflich. Die Haupttänzer sind es immer; denn man engagiert alljährlich ausgezeichnete Künstler aus Paris für die Saison um große Preise. Desto schlechter stechen aber die anderen Tänzer, noch mehr die Figuranten dagegen ab, sowohl in Hinsicht der Kunst als der Kleidung; nirgends eine Spur des Geistes, der uns im Pariser Ballett in eine andere Welt versetzt.
Nach ein Uhr kamen wir ermüdet, als hätten wir mitgetanzt, zu Hause an, um sieben Uhr waren wir schon hingefahren.
Vauxhall
[Fußnote: der Vergnügungspark entstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts und wurde gegen 1830 aufgelassen. Vauxhall, ursprünglich der Name eines Dorfes, heute ein Stadtteil von London, diente in der Zeite der Blüte des Vergnügungsortes auch für ähnliche Anlagen in anderen Städten, so auch in Edinburgh, von dem Johanna berichtet.]
Reizender, blendender, feenhafter läßt sich nichts denken als dieser, in einer kleinen Entfernung von London am Ufer der Themse gelegene Garten, besonders in sogenannten Galanächsten, wenn er zur Feier des Geburtstages irgend eines Mitglieds der königlichen Familie in doppelter Erleuchtung prangt. Gegen fünfzehntausend wohlgekleidete Männer und Frauen wandeln dann im Schimmer unzähliger Lampen auf diesem magischen Flecken Erde zwischen schönen Bäumen und blühenden Sträuchern im fröhlichsten Gedränge umher. Musik tönt durch die laue Sommernacht, alles atmet Lust und Vergnügen; es ist, als beträte man das Paradies der Mohammedaner. Nirgends sieht man herrlichere Gestalten als hier, wo die in allen Farben prangende sonnenhelle Beleuchtung jeden Reiz erhöht.
Gleich der Eintritt in diesen Zauberort überrascht und blendet. In der Mitte eines großen, ringsum mit schönen Bäumen umgebenen Platzes erhebt sich das Orchester hoch in die Luft. Aus tausendfarbigen Lampen zusammengesetzt, strahlt es blitzend gegen den dunklen nächtlichen Himmel wie ein aus Edelsteinen erbauter Feenpalast. Leicht und lustig steht das phantastische Gebäude da, und doch innerlich fest genug, um nahe an hundert Personen sicher zu tragen.