Reineke Fuchs

Part 8

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Ferner kam die Krähe zu mir und klagte: die Gattin Hab er verloren, sie habe sich leider zu Tode gegessen, Einen ziemlichen Fisch mit allen Gräten verschlungen; Wo es geschah, das weiß er am besten. Nun sagt er: ich habe Sie gemordet; er tat es wohl selbst, und würde man ernstlich Ihn verhören, dürft ich es tun, er spräche wohl anders. Denn sie fliegen, es reichet kein Sprung so hoch, in die Lüfte.

Will nun solcher verbotenen Taten mich jemand bezüchten, Tu ers mit redlichen, gültigen Zeugen: denn also gehört sichs, Gegen edle Männer zu rechten; ich müßt es erwarten. Aber finden sich keine, so gibts ein anderes Mittel. Hier! Ich bin zum Kampfe bereit! Man setze den Tag an Und den Ort. Es zeige sich dann ein würdiger Gegner, Gleich mit mir von Geburt, ein jeder führe sein Recht aus. Wer dann Ehre gewinnt, dem mag sie bleiben. So hat es Immer zu Rechte gegolten, und ich verlang es nicht besser.

Alle standen und hörten und waren über die Worte Reinekens höchlich verwundert, die er so trotzig gesprochen. Und es erschraken die beiden, die Krähe mit dem Kaninchen, Räumten den Hof und trauten nicht weiter ein Wörtchen zu sprechen, Gingen und sagten untereinander: Es wäre nicht ratsam, Gegen ihn weiter zu rechten. Wir möchten alles versuchen, Und wir kämen nicht aus. Wer hats gesehen? Wir waren Ganz allein mit dem Schelm; wer sollte zeugen? Am Ende Bleibt der Schaden uns doch. Für alle seine Verbrechen Warte der Henker ihm auf und lohn ihm, wie ers verdiente! Kämpfen will er mit uns? das möcht uns übel bekommen. Nein, fürwahr, wir lassen es lieber. Denn falsch und behende, Lose und tückisch kennen wir ihn. Es wären ihm wahrlich Unser fünfe zu wenig, wir müßten es teuer bezahlen.

Isegrim aber und Braunen war übel zumute; sie sahen Ungern die beiden von Hofe sich schleichen. Da sagte der König: Hat noch jemand zu klagen, der komme! Laßt uns vernehmen! Gestern drohten so viele, hier steht der Beklagte! wo sind sie?

Reineke sagte: So pflegt es zu gehn, man klagt und beschuldigt Diesen und jenen; doch stünde er dabei, man bliebe zu Hause. Diese losen Verräter, die Krähe mit dem Kaninchen, Hätten mich gern in Schande gebracht und Schaden und Strafe, Aber sie bitten mirs ab, und ich vergebe; denn freilich, Da ich komme, bedenken sie sich und weichen zur Seite. Wie beschämt ich sie nicht! Ihr sehet, wie es gefährlich Ist, die losen Verleumder entfernter Diener zu hören; Sie verdrehen das Rechte und sind den Besten gehässig. Andre dauern mich nur, an mir ist wenig gelegen.

Höre mich, sagte der König darauf: du loser Verräter! Sage, was trieb dich dazu, daß du mir Lampen, den treuen, Der mir die Briefe zu tragen pflegte, so schmählich getötet? Hatt ich nicht alles vergeben, so viel du immer verbrochen? Ränzel und Stab empfingst du von mir, so warst du versehen, Solltest nach Rom und über das Meer; ich gönnte dir alles, Und ich hoffte Beßrung von dir. Nun seh ich zum Anfang, Wie du Lampen gemordet; es mußte Bellyn dir zum Boten Dienen, der brachte das Haupt im Ränzel getragen und sagte Öffentlich aus, er bringe mir Briefe, die ihr zusammen Ausgedacht und geschrieben, er habe das Beste geraten. Und im Ränzel fand sich das Haupt, nicht mehr und nicht minder. Mir zum Hohne tatet ihr das. Bellynen behielt ich Gleich zum Pfande, sein Leben verlor er; nun geht es an deines.

Reineke sagte: Was hör ich? Ist Lampe tot? und Bellynen Find ich nicht mehr? Was wird nun aus mir? O wär ich gestorben! Ach, mit beiden geht mir ein Schatz, der größte, verloren! Denn ich sandt Euch durch sie Kleinode, welche nicht besser Über der Erde sich finden. Wer sollte glauben, der Widder Würde Lampen ermorden und Euch der Schätze berauben? Hüte sich einer, wo niemand Gefahr und Tücke vermutet.

Zornig hörte der König nicht aus, was Reineke sagte, Wandte sich weg nach seinem Gemach und hatte nicht deutlich Reinekens Rede vernommen, er dacht ihn am Leben zu strafen; Und er fand die Königin eben in seinem Gemache Mit Frau Rückenau stehn. Es war die äffin besonders König und Königin lieb. Das sollte Reineken helfen. Unterrichtet war sie und klug und wußte zu reden; Wo sie erschien, sah jeder auf sie und ehrte sie höchlich. Diese merkte des Königs Verdruß und sprach mit Bedachte Wenn Ihr, gnädiger Herr, auf meine Bitte zuweilen Hörtet, gereut' es Euch nie, und Ihr vergabt mir die Kühnheit, Wenn Ihr zürntet, ein Wort gelinder Meinung zu sagen. Seid auch diesmal geneigt, mich anzuhören, betrifft es Doch mein eignes Geschlecht! Wer kann die Seinen verleugnen? Reineke, wie er auch sei, ist mein Verwandter, und soll ich, Wie sein Betragen mir scheint, aufrichtig bekennen: ich denke, Da er zu Rechte sich stellt, von seiner Sache das Beste. Mußte sein Vater doch auch, den Euer Vater begünstigt, Viel von losen Mäulern erdulden und falschen Verklägern! Doch beschämt' er sie stets. Sobald man die Sache genauer Untersuchte, fand es sich klar: die tückischen Neider Suchten Verdienste sogar als schwere Verbrechen zu deuten. So erhielt er sich immer in größerem Ansehn bei Hof, als Braun und Isegrim jetzt: denn diesen wäre zu wünschen, Daß sie alle Beschwerden auch zu beseitigen wüßten, Die man häufig über sie hört; allein sie verstehen Wenig vom Rechte, so zeigt es ihr Rat, so zeigt es ihr Leben.

Doch der König versetzte darauf: Wie kann es Euch wundern, Daß ich Reineken gram bin, dem Diebe, der mir vor kurzem Lampen getötet, Bellynen verführt und frecher als jemals Alles leugnet und sich als treuen und redlichen Diener Anzupreisen erkühnt, indessen alle zusammen Laute Klagen erheben und nur zu deutlich beweisen, Wie er mein sicher Geleite verletzt und wie er mit Stehlen, Rauben und Morden das Land und meine Getreuen beschädigt. Nein! ich duld es nicht länger! Dagegen sagte die äffin: Freilich ists nicht vielen gegeben, in jeglichen Fällen Klug zu handeln und klug zu raten, und wem es gelinget, Der erwirbt sich Vertrauen; allein es suchen die Neider Ihm dagegen heimlich zu schaden, und werden sie zahlreich, Treten sie öffentlich auf. So ist es Reineken mehrmals Schon ergangen; doch werden sie nicht die Erinnrung vertilgen, Wie er in Fällen Euch weise geraten, wenn alle verstummten. Wißt Ihr noch? vor kurzem geschahs. Der Mann und die Schlange Kamen vor Euch, und niemand verstund die Sache zu schlichten; Aber Reineke fands, Ihr lobtet ihn damals vor allen.

Und der König versetzte nach kurzem Bedenken dagegen: Ich erinnre der Sache mich wohl, doch hab ich vergessen, Wie sie zusammenhing; sie war verworren, so dünkt mich. Wißt Ihr sie noch, so laßt sie mich hören, es macht mir Vergnügen. Und sie sagte: Befiehlt es mein Herr, so soll es geschehen.

Eben sinds zwei Jahre, da kam ein Lindwurm und klagte Stürmisch, gnädiger Herr, vor Euch: es woll ihm ein Bauer Nicht im Rechte sich fügen, ein Mann, den zweimal das Urteil Nicht begünstigt. Er brachte den Bauer, vor Euern Gerichtshof Und erzählte die Sache mit vielen heftigen Worten.

Durch ein Loch im Zaune zu kriechen, gedachte die Schlange, Fing sich aber im Stricke, der vor die öffnung gelegt war, Fester zog die Schlinge sich zu, sie hätte das Leben Dort gelassen, da kam ihr zum Glück ein Wandrer gegangen. Ängstlich rief sie: Erbarme dich meiner und mache mich ledig! Laß dich erbitten! Da sagte der Mann: Ich will dich erlösen, Denn mich jammert dein Elend; allein erst sollst du mir schwören, Mir nichts Leides zu tun. Die Schlange fand sich erbötig, Schwur den teuersten Eid: sie wolle auf keinerlei Weise Ihren Befreier verletzen, und so erlöste der Mann sie.

Und sie gingen ein Weilchen zusammen, da fühlte die Schlange Schmerzlichen Hunger, sie schoß auf den Mann und wollt ihn erwürgen, Ihn verzehren; mit Angst und Not entsprang ihr der Arme. Das ist dein Dank? Das hab ich verdient? so rief er: und hast du Nicht geschworen den teuersten Eid? Da sagte die Schlange: Leider nötiget mich der Hunger, ich kann mir nicht helfen; Not erkennt kein Gebot, und so besteht es zu Rechte.

Da versetzte der Mann: So schone nur meiner so lange, Bis wir zu Leuten kommen, die unparteiisch uns richten. Und es sagte der Wurm: Ich will mich so lange gedulden.

Also gingen sie weiter und fanden über dem Wasser Pflückebeutel, den Raben, mit seinem Sohne; man nennt ihn Quackeler. Und die Schlange berief sie zu sich und sagte: Kommt und höret! Es hörte die Sache der Rabe bedächtig, Und er richtete gleich: den Mann zu essen. Er hoffte, Selbst ein Stück zu gewinnen. Da freute die Schlange sich höchlich: Nun, ich habe gesiegt! es kann mirs niemand verdenken. Nein, versetzte der Mann: ich habe nicht völlig verloren; Sollt ein Räuber zum Tode verdammen? und sollte nur Einer Richten? ich fordere ferner Gehör, im Gange des Rechtes; Laßt uns vor vier, vor zehn die Sache bringen und hören.

Gehn wir! sagte die Schlange. Sie gingen, und es begegnet' Ihnen der Wolf und der Bär, und alle traten zusammen. Alles befürchtete nun der Mann: denn zwischen den fünfen War es gefährlich zu stehn und zwischen solchen Gesellen; Ihn umringten die Schlange, der Wolf, der Bär und die Raben. Bange war ihm genug: denn bald verglichen sich beide, Wolf und Bär, das Urteil in dieser Maße zu fällen: Töten dürfe die Schlange den Mann; der leidige Hunger Kenne keine Gesetze, die Not entbinde vom Eidschwur. Sorgen und Angst befielen den Wandrer, denn alle zusammen Wollten sein Leben. Da schoß die Schlange mit grimmigem Zischen, Spritzte Geifer auf ihn, und ängstlich sprang er zur Seite. Großes Unrecht, rief er: begehst du! Wer hat dich zum Herren Über mein Leben gemacht? Sie sprach: Du hast es vernommen; Zweimal sprachen die Richter, und zweimal hast du verloren. Ihr versetzte der Mann: Sie rauben selber und stehlen; Ich erkenne sie nicht, wir wollen zum Könige gehen. Mag er sprechen, ich füge mich drein; und wenn ich verliere, Hab ich noch übels genug, allein ich will es ertragen. Spottend sagte der Wolf und der Bär: Du magst es versuchen, Aber die Schlange gewinnt, sie wirds nicht besser begehren. Denn sie dachten, es würden die sämtlichen Herren des Hofes Sprechen wie sie, und gingen getrost und führten den Wandrer, Kamen vor Euch, die Schlange, der Wolf, der Bär und die Raben. Ja, selbdritt erschien der Wolf, er hatte zwei Kinder, Eitelbauch hieß der eine, der andre Nimmersatt, beide Machten dem Mann am meisten zu schaffen; sie waren gekommen, Auch ihr Teil zu verzehren, denn sie sind immer begierig, Heulten damals vor Euch mit unerträglicher Grobheit. Ihr verbotet den Hof den beiden plumpen Gesellen. Da berief sich der Mann auf Eure Gnaden, erzählte, Wie ihn die Schlange zu töten gedenke, sie habe der Wohltat Völlig vergessen, sie breche den Eid! So fleht' er um Rettung. Aber die Schlange leugnete nicht: Es zwingt mich des Hungers Allgewaltige Not, sie kennet keine Gesetze.

Gnädiger Herr, da wart Ihr bekümmert; es schien Euch die Sache Gar bedenklich zu sein und rechtlich schwer zu entscheiden. Denn es schien Euch hart, den guten Mann zu verdammen, Der sich hilfreich bewiesen; allein Ihr dachtet dagegen Auch des schmählichen Hungers. Und so berieft Ihr die Räte. Leider war die Meinung der meisten dem Manne zum Nachteil; Denn sie wünschten die Mahlzeit und dachten der Schlange zu helfen. Doch Ihr sendetet Boten nach Reineken: alle die andern Sprachen gar manches und konnten die Sache zu Rechte nicht scheiden. Reineke kam und hörte den Vortrag, Ihr legtet das Urteil Ihm in die Hände, und wie er es spräche, so sollt es geschehen.

Reineke sprach mit gutem Bedacht: Ich finde vor allem Nötig, den Ort zu besuchen, und seh ich die Schlange gebunden, Wie der Bauer sie fand, so wird das Urteil sich geben. Und man band die Schlange von neuem an selbiger Stätte, In der Maße, wie sie der Bauer im Zaune gefunden.

Reineke sagte darauf: Hier ist nun jedes von beiden Wieder im vorigen Stand, und keines hat weder gewonnen, Noch verloren; jetzt zeigt sich das Recht, so scheint mirs, von selber. Denn beliebt es dem Manne, so mag er die Schlange noch einmal Aus der Schlinge befrein; wo nicht, so läßt er sie hängen, Frei, mit Ehren geht er die Straße nach seinen Geschäften. Da sie untreu geworden, als sie die Wohltat empfangen, Hat der Mann nun billig die Wahl. Das scheint mir des Rechtes Wahrer Sinn; wers besser versteht, der laß es uns hören.

Damals gefiel Euch das Urteil und Euren Räten zusammen; Reineke wurde gepriesen, der Bauer dankt' Euch, und jeder Rühmte Reinekens Klugheit, ihn rühmte die Königin selber. Vieles wurde gesprochen: im Kriege wären noch eher Isegrim und Braun zu gebrauchen, man fürchte sie beide Weit und breit, sie fänden sich gern, wo alles verzehrt wird. Groß und stark und kühn sei jeder, man könn es nicht leugnen; Doch im Rate fehle gar oft die nötige Klugheit: Denn sie pflegen zu sehr auf ihre Stärke zu trotzen, Kommt man ins Feld und naht sich dem Werke, da hinkt es gewaltig. Mutiger kann man nichts sehn, als sie zu Hause sich zeigen; Draußen liegen sie gern im Hinterhalt. Setzt es denn einmal Tüchtige Schläge, so nimmt man sie mit, so gut als ein andrer. Bären und Wölfe verderben das Land; es kümmert sie wenig, Wessen Haus die Flamme verzehrt, sie pflegen sich immer An den Kohlen zu wärmen, und sie erbarmen sich keines, Wenn ihr Kropf sich nur füllt. Man schlürft die Eier hinunter, Läßt den Armen die Schalen und glaubt noch redlich zu teilen. Reineke Fuchs mit seinem Geschlecht versteht sich dagegen Wohl auf Weisheit und Rat, und hat er nun etwas versehen, Gnädiger Herr, so ist er kein Stein. Doch wird Euch ein andrer Niemals besser beraten. Darum verzeiht ihm, ich bitte!

Da versetzte der König: Ich will es bedenken. Das Urteil Ward gesprochen, wie Ihr erzählt, es büßte die Schlange. Doch von Grund aus bleibt er ein Schalk, wie sollt er sich bessern? Macht man ein Bündnis mit ihm, so bleibt man am Ende betrogen; Denn er dreht sich so listig heraus, wer ist ihm gewachsen? Wolf und Bär und Kater, Kaninchen und Krähe, sie sind ihm Nicht behende genug, er bringt sie in Schaden und Schande. Diesem behielt er ein Ohr, dem andern das Auge, das Leben Raubt' er dem dritten! Fürwahr, ich weiß nicht, wie Ihr dem Bösen So zugunsten sprecht und seine Sache verteidigt. Gnädiger Herr, versetzte die äffin: ich kann es nicht bergen, Sein Geschlecht ist edel und groß, Ihr mögt es bedenken.

Da erhub sich der König, herauszutreten, es stunden Alle zusammen und warteten sein. Er sah in dem Kreise Viele von Reinekens nächsten Verwandten, sie waren gekommen, Ihren Vetter zu schützen, sie wären schwerlich zu nennen. Und er sah das große Geschlecht, er sah auf der andern Seite Reinekens Feinde: es schien der Hof sich zu teilen.

Da begann der König: So höre mich, Reineke! Kannst du Solchen Frevel entschuldigen, daß du mit Hilfe Bellynens Meinen frommen Lampe getötet? und daß Ihr Verwegnen Mir sein Haupt ins Ränzel gesteckt, als wären es Briefe? Mich zu höhnen, tatet ihr das! ich habe den einen Schon bestraft, es büßte Bellyn; erwarte das gleiche.

Weh mir! sagte Reineke drauf: o wär ich gestorben! Höret mich an, und wie es sich findet, so mag es geschehen: Bin ich schuldig, so tötet mich gleich, ich werde doch nimmer Aus der Not und Sorge mich retten, ich bleibe verloren. Denn der Verräter Bellyn, er unterschlug mir die größten Schätze, kein Sterblicher hat dergleichen jemals gesehen. Ach, sie kosten Lampen das Leben! Ich hatte sie beiden Anvertraut, nun raubte Bellyn die köstlichen Sachen. Ließen sie sich doch wieder erforschen! Allein ich befürchte, Niemand findet sie mehr, sie bleiben auf immer verloren.

Aber die äffin versetzte darauf: Wer wollte verzweifeln? Sind sie nur über der Erde, so ist noch Hoffnung zu schöpfen. Früh und späte wollen wir gehn und Laien und Pfaffen Emsig fragen; doch zeiget uns an, wie waren die Schätze?

Reineke sagte: sie waren so köstlich, wir finden sie nimmer; Wer sie besitzt, verwahrt sie gewiß. Wie wird sich darüber Nicht Frau Ermelyn quälen! sie wird mirs niemals verzeihen. Denn sie mißriet mir, den beiden das köstliche Kleinod zu geben. Nun erfindet man Lügen auf mich und will mich verklagen! Doch ich verfechte mein Recht, erwarte das Urteil, und werd ich Losgesprochen, so reis ich umher durch Länder und Reiche, Suche die Schätze zu schaffen, und sollt ich mein Leben verlieren.

Zehnter Gesang

O mein König! sagte darauf der listige Redner: Laßt mich, edelster Fürst, vor meinen Freunden erzählen, Was Euch alles von mir an köstlichen Dingen bestimmt war. Habt Ihr sie gleich nicht erhalten, so war mein Wille doch löblich. Sage nur an, versetzte der König: und kürze die Worte.

Glück und Ehre sind hin! Ihr werdet alles erfahren, Sagte Reineke traurig. Das erste köstliche Kleinod War ein Ring; ich gab ihn Bellynen, er sollt ihn dem König Überliefern. Es war auf wunderbarliche Weise Dieser Ring zusammengesetzt und würdig, im Schatze Meines Fürsten zu glänzen, aus feinem Golde gebildet. Auf der inneren Seite, die nach dem Finger sich kehret, Standen Lettern gegraben und eingeschmolzen; es waren Drei hebräische Worte von ganz besonderer Deutung. Niemand erklärte so leicht in diesen Landen die Züge, Meister Abryon nur von Trier, der konnte sie lesen. Es ist ein Jude, gelehrt, und alle Zungen und Sprachen Kennt er, die von Poitou bis Lüneburg werden gesprochen; Und auf Kräuter und Steine versteht sich der Jude besonders.

Als ich den Ring ihm gezeigt, da sagt' er: Köstliche Dinge Sind hierinnen verborgen. Die drei gegrabenen Namen Brachte Seth, der Fromme, vom Paradiese hernieder, Als er das öl der Barmherzigkeit suchte; und wer ihn am Finger Trägt, der findet sich frei von allen Gefahren: es werden Weder Donner, noch Blitz, noch Zauberei ihn verletzen. Ferner sagte der Meister: er habe gelesen, es könne Wer den Ring am Finger bewahrt, in grimmiger Kälte Nicht erfrieren; er lebe gewiß ein ruhiges Alter. Außen stand ein Edelgestein, ein heller Karfunkel, Dieser leuchtete nachts und zeigte deutlich die Sachen. Viele Kräfte hatte der Stein: er heilte die Kranken, Wer ihn berührte, fühlte sich frei von allen Gebrechen, Aller Bedrängnis, nur ließ sich der Tod allein nicht bezwingen. Weiter entdeckte der Meister des Steines herrliche Kräfte: Glücklich reist der Besitzer durch alle Lande, ihm schadet Weder Wasser, noch Feuer; gefangen oder verraten Kann er nicht werden, und jeder Gewalt des Feindes entgeht er. Und besieht er nüchtern den Stein, so wird er im Kampfe Hundert überwinden und mehr. Die Tugend des Steines Nimmt dem Gifte die Wirkung und allen schädlichen Säften. Ebenso vertilgt sie den Haß, und sollte gleich mancher Den Besitzer nicht lieben, er fühlt sich in kurzem verändert.

Wer vermöchte die Kräfte des Steines alle zu zählen, Den ich im Schatze des Vaters gefunden und den ich dem König Nun zu senden gedachte? Denn solches köstlichen Ringes War ich nicht wert, ich wußt es recht wohl; er sollte dem Einen, Der von allen der Edelste bleibt, so dacht ich, gehören: Unser Wohl beruht nur auf ihm und unser Vermögen, Und ich hoffte, sein Leben vor allem übel zu schützen.

Ferner sollte Widder Bellyn der Königin gleichfalls Kamm und Spiegel verehren, damit sie meiner gedächte. Diese hatt ich einmal zur Lust vom Schatze des Vaters Zu mir genommen, es fand sich auf Erden kein schöneres Kunstwerk. O wie oft versucht' es mein Weib und wollte sie haben! Sie verlangte nichts weiter von allen Gütern der Erde, Und wir stritten darum; sie konnte mich niemals bewegen, Doch nun sendet ich Spiegel und Kamm mit gutem Bedachte Meiner gnädigen Frauen, der Königin, welche mir immer Große Wohltat erwies und mich vor übel beschirmte; Öfters hat sie für mich ein günstiges Wörtchen gesprochen, Edel ist sie, von hoher Geburt, es ziert sie die Tugend, Und ihr altes Geschlecht bewährt sich in Worten und Werken; Würdig war sie des Spiegels und Kammes! die hat sie nun leider Nicht mit Augen gesehn, sie bleiben auf immer verloren.

Nun vom Kamme zu reden. Zu diesem hatte der Künstler Pantherknochen genommen, die Reste des edlen Geschöpfes; Zwischen Indien wohnt es und zwischen dem Paradiese, Allerlei Farben zieren sein Fell, und süße Gerüche Breiten sich aus, wohin es sich wendet, darum auch die Tiere Seine Fährte so gern auf allen Wegen verfolgen; Denn sie werden gesund von diesem Geruche, das fühlen Und bekennen sie alle. Von solchen Knochen und Beinen War der zierliche Kamm mit vielem Fleiße gebildet, Klar wie Silber und weiß, von unaussprechlicher Reinheit, Und des Kammes Geruch ging über Nelken und Zimmet. Stirbt das Tier, so fährt der Geruch in alle Gebeine, Bleibt beständig darin und läßt sie nimmer verwesen, Alle Seuche treibt er hinweg und alle Vergiftung.

Ferner sah man die köstlichsten Bilder am Rücken des Kammes Hocherhaben, durchflochten mit goldenen zierlichen Ranken Und mit rot- und blauer Lasur. Im mittelsten Felde War die Geschichte künstlich gebildet, wie Paris von Troja Eines Tages am Brunnen saß, drei göttliche Frauen Vor sich sah, man nannte sie Pallas und Juno und Venus. Lange stritten sie erst, denn jegliche wollte den Apfel Gerne besitzen, der ihnen bisher zusammen gehörte; Endlich verglichen sie sich: es solle den goldenen Apfel Paris der Schönsten bestimmen, sie sollt allein ihn behalten.

Und der Jüngling beschaute sie wohl mit gutem Bedachte. Juno sagte zu ihm: Erhalt ich den Apfel, erkennst du Mich für die Schönste, so wirst du der erste vor allen an Reichtum. Pallas versetzte: Bedenke dich wohl und gib mir den Apfel, Und du wirst der mächtigste Mann; es fürchten dich alle, Wird dein Name genannt, so Feind als Freunde zusammen. Venus sprach: Was soll die Gewalt? was sollen die Schätze? Ist dein Vater nicht König Priamus? deine Gebrüder, Hektor und andre, sind sie nicht reich und mächtig im Lande? Ist nicht Troja geschützt von seinem Heere? und habt ihr Nicht umher das Land bezwungen und fernere Völker? Wirst du die Schönste mich preisen und mir den Apfel erteilen, Sollst du des herrlichsten Schatzes auf dieser Erde dich freuen. Dieser Schatz ist ein treffliches Weib, die Schönste von allen, Tugendsam, edel und weise, wer könnte würdig sie loben? Gib mir den Apfel, du sollst des griechischen Königs Gemahlin, Helena mein ich, die schöne, den Schatz der Schätze besitzen.

Und er gab ihr den Apfel und pries sie von allen die Schönste. Aber sie half ihm dagegen die schöne Königin rauben, Menelaus' Gemahlin, sie ward in Troja die Seine. Diese Geschichte sah man erhaben im mittelsten Felde. Und es waren Schilder umher mit künstlichen Schriften; Jeder durfte nur lesen, und so verstand er die Fabel.