Part 3
Die junge Frau.
Nun.
Der Gatte.
Daß du nie mit einer Frau verkehren wirst, bei der du auch den leisesten Verdacht hast, daß sie ...... kein ganz tadelloses Leben führt.
Die junge Frau.
Das muß ich dir erst versprechen?
Der Gatte.
Ich weiß ja, daß du den Verkehr mit solchen Frauen nicht suchen wirst. Aber der Zufall könnte es fügen, daß du ..... Ja, es ist sogar sehr häufig, daß gerade solche Frauen, deren Ruf nicht der beste ist, die Gesellschaft von anständigen Frauen suchen, teils um sich ein Relief zu geben, teils aus einem gewissen .... wie soll ich sagen ..... aus einem gewissen Heimweh nach der Tugend.
Die junge Frau.
So.
Der Gatte.
Ja. Ich glaube, daß das sehr richtig ist, was ich da gesagt habe. Heimweh nach der Tugend. Denn, daß diese Frauen alle eigentlich sehr unglücklich sind, das kannst du mir glauben.
Die junge Frau.
Warum?
Der Gatte.
Du fragst, Emma? -- Wie kannst du denn nur fragen? -- Stell' dir doch vor, was diese Frauen für eine Existenz führen! Voll Lüge, Tücke, Gemeinheit und voll Gefahren.
Die junge Frau.
Ja freilich. Da hast du schon Recht.
Der Gatte.
Wahrhaftig -- sie bezahlen das bischen Glück ..... das bischen .....
Die junge Frau.
Vergnügen.
Der Gatte.
Warum Vergnügen? Wie kommst du darauf, das Vergnügen zu nennen?
Die junge Frau.
Nun, -- etwas muß es doch sein --! Sonst täten sie's ja nicht.
Der Gatte.
Nichts ist es ..... ein Rausch.
Die junge Frau (nachdenklich).
Ein Rausch.
Der Gatte.
Nein, es ist nicht einmal ein Rausch. Wie immer -- teuer bezahlt, das ist gewiß!
Die junge Frau.
Also ..... du hast das einmal mitgemacht -- nicht wahr?
Der Gatte.
Ja, Emma. -- Es ist meine traurigste Erinnerung.
Die junge Frau.
Wer ist's? Sag'! Kenn' ich sie?
Der Gatte.
Was fällt dir denn ein?
Die junge Frau.
Ist's lange her? War es sehr lang, bevor du mich geheiratet hast?
Der Gatte.
Frag' nicht. Ich bitt' dich, frag' nicht.
Die junge Frau.
Aber Karl!
Der Gatte.
Sie ist tot.
Die junge Frau.
Im Ernst?
Der Gatte.
Ja ..... es klingt fast lächerlich, aber ich habe die Empfindung, daß alle diese Frauen jung sterben.
Die junge Frau.
Hast du sie sehr geliebt?
Der Gatte.
Lügnerinnen liebt man nicht.
Die junge Frau.
Also warum ....
Der Gatte.
Ein Rausch ....
Die junge Frau.
Also doch?
Der Gatte.
Sprich nicht mehr davon ich bitt' dich. Alles das ist lang vorbei. Geliebt hab' ich nur eine -- das bist du. Man liebt nur, wo Reinheit und Wahrheit ist.
Die junge Frau.
Karl!
Der Gatte.
Oh, wie sicher, wie wohl fühlt man sich in solchen Armen. Warum hab' ich dich nicht schon als Kind gekannt? Ich glaube, dann hätt' ich andere Frauen überhaupt nicht angesehen.
Die junge Frau.
Karl!
Der Gatte.
Und schön bist du!.... schön!.... Oh komm' .... (Er löscht das Licht aus).
* * * * *
Die junge Frau.
Weißt du, woran ich heute denken muß?
Der Gatte.
Woran, mein Schatz?
Die junge Frau.
An .... an .... an Venedig.
Der Gatte.
Die erste Nacht ....
Die junge Frau.
Ja .... so ....
Der Gatte.
Was denn --? So sag's doch!
Die junge Frau.
So lieb hast du mich heut'.
Der Gatte.
Ja, so lieb.
Die junge Frau.
Ah .... Wenn du immer ....
Der Gatte (in ihren Armen).
Wie?
Die junge Frau.
Mein Karl!
Der Gatte.
Was meintest du? Wenn ich immer ....
Die junge Frau.
Nun ja.
Der Gatte.
Nun, was wär' denn, wenn ich immer ...?
Die junge Frau.
Dann wüßt' ich eben immer, daß du mich lieb hast.
Der Gatte.
Ja. Du mußt es aber auch so wissen. Man ist nicht immer der liebende Mann, man muß auch zuweilen hinaus ins feindliche Leben, muß kämpfen und streben! Das vergiß nie, mein Kind! Alles hat seine Zeit in der Ehe -- das ist eben das Schöne. Es gibt nicht viele, die sich noch nach fünf Jahren an -- ihr Venedig erinnern.
Die junge Frau.
Freilich!
Der Gatte.
Und jetzt .... gute Nacht, mein Kind.
Die junge Frau.
Gute Nacht!
DER GATTE UND DAS SÜSSE MÄDEL
Ein Kabinet particulier im Riedhof. Behagliche, mäßige Eleganz. Der Gasofen brennt. --
Der Gatte. Das süße Mädel.
Auf dem Tisch sind die Reste einer Mahlzeit zu sehen; Obersschaumbaisers, Obst, Käse. In den Weingläsern ein ungarischer weißer Wein.
Der Gatte (raucht eine Havannazigarre, er lehnt in der Ecke des Divans).
Das süße Mädel (sitzt neben ihm auf dem Sessel und löffelt aus einem Baiser den Obersschaum heraus, den sie mit Behagen schlürft).
Der Gatte.
Schmeckt's?
Das süße Mädel (läßt sich nicht stören).
Oh!
Der Gatte.
Willst du noch eins?
Das süße Mädel.
Nein, ich hab' so schon zu viel gegessen.
Der Gatte.
Du hast keinen Wein mehr. (Er schenkt ein.)
Das süße Mädel.
Nein .... aber schaun' S', ich laß ihn ja eh stehen.
Der Gatte.
Schon wieder sagst du _Sie_.
Das süße Mädel.
So? -- Ja wissen S', man gewöhnt sich halt so schwer.
Der Gatte.
Weißt du.
Das süße Mädel.
Was denn?
Der Gatte.
Weißt _du_, sollst du sagen; nicht wissen S'. -- Komm setz' dich zu mir.
Das süße Mädel.
Gleich .... bin noch nicht fertig.
Der Gatte (steht auf, stellt sich hinter den Sessel und umarmt daß süße Mädel, indem er ihren Kopf zu sich wendet).
Das süße Mädel.
Na, was ist denn?
Der Gatte.
Einen Kuß möcht' ich haben.
Das süße Mädel (giebt ihm einen Kuß).
Sie sind .... oh pardon, du bist ein kecker Mensch.
Der Gatte.
Jetzt fällt dir das ein?
Das süße Mädel.
Ah nein, eingefallen ist es mir schon früher .... schon auf der Gassen. -- Sie müssen --
Der Gatte.
Du mußt.
Das süße Mädel.
Du mußt dir eigentlich was schönes von mir denken.
Der Gatte.
Warum denn?
Das süße Mädel.
Daß ich gleich so mit Ihnen ins chambre separée gegangen bin.
Der Gatte.
Na, _gleich_ kann man doch nicht sagen.
Das süße Mädel.
Aber Sie können halt so schön bitten.
Der Gatte.
Findest du?
Das süße Mädel.
Und schließlich, was ist denn dabei?
Der Gatte.
Freilich.
Das süße Mädel.
Ob man spazieren geht oder --
Der Gatte.
Zum spazieren gehen ist es auch viel zu kalt.
Das süße Mädel.
Natürlich ist zu kalt gewesen.
Der Gatte.
Aber da ist es angenehm warm; was? (Er hat sich wieder niedergesetzt, umschlingt das süße Mädel und zieht sie an seine Seite.)
Das süße Mädel (schwach).
Na.
Der Gatte.
Jetzt sag' einmal .... Du hast mich schon früher bemerkt gehabt, was?
Das süße Mädel.
Natürlich. Schon in der Singerstraßen.
Der Gatte.
Nicht heut, mein' ich. Auch vorgestern und vorvorgestern, wie ich dir nachgegangen bin.
Das süße Mädel.
Mir geh'n gar viele nach.
Der Gatte.
Das kann ich mir denken. Aber ob du mich bemerkt hast.
Das süße Mädel.
Wissen S' .... ah .... weißt, was mir neulich passiert ist? Da ist mir der Mann von meiner Cousine nachg'stiegen in der Dunkeln und hat mich nicht 'kennt.
Der Gatte.
Hat er dich angesprochen?
Das süße Mädel.
Aber was glaubst denn? Meinst, es ist jeder so keck wie du?
Der Gatte.
Aber es kommt doch vor.
Das süße Mädel.
Natürlich kommt's vor.
Der Gatte.
Na, was machst du da?
Das süße Mädel.
Na, nichts -- Keine Antwort geb' ich halt.
Der Gatte.
Hm .... mir hast du aber eine Antwort gegeben.
Das süße Mädel.
Na sind S' vielleicht bös'?
Der Gatte (küßt sie heftig).
Deine Lippen schmecken nach dem Obersschaum.
Das süße Mädel.
Oh, die sind von Natur aus süß.
Der Gatte.
Das haben dir schon viele gesagt?
Das süße Mädel.
Viele!! Was du dir wieder einbildest!
Der Gatte.
Na, sei einmal ehrlich. Wie viele haben den Mund da schon geküßt?
Das süße Mädel.
Was fragst mich denn? Du möcht'st mir's ja doch nicht glauben, wenn ich dir's sag'!
Der Gatte.
Warum denn nicht?
Das süße Mädel.
Rat' einmal.
Der Gatte.
Na, sagen wir, -- aber du darfst nicht bös' sein?
Das süße Mädel.
Warum sollt' ich denn bös' sein?
Der Gatte.
Also ich schätze .... zwanzig.
Das süße Mädel (sich von ihm losmachend).
Na -- warum nicht gleich hundert?
Der Gatte.
Ja, ich hab' eben geraten.
Das süße Mädel.
Da hast du aber nicht gut geraten.
Der Gatte.
Also zehn.
Das süße Mädel (beleidigt).
Freilich. Eine, die sich auf der Gassen anreden läßt und gleich mitgeht ins chambre separée!
Der Gatte.
Sei doch nicht so kindisch. Ob man auf der Straßen herumläuft oder in einem Zimmer sitzt .... Wir sind doch da in einem Gasthaus. Jeden Moment kann der Kellner hereinkommen -- da ist doch wirklich gar nichts dran ....
Das süße Mädel.
Das hab' ich mir eben auch gedacht.
Der Gatte.
Warst du schon einmal in einem chambre separée?
Das süße Mädel.
Also, wenn ich die Wahrheit sagen soll: ja.
Der Gatte.
Siehst du, das g'fallt mir, daß du doch wenigstens aufrichtig bist.
Das süße Mädel.
Aber nicht so -- wie du dir's wieder denkst. Mit einer Freundin und ihrem Bräutigam bin ich im chambre separée gewesen, heuer im Fasching einmal.
Der Gatte.
Es wär' ja auch kein Malheur, wenn du einmal -- mit deinem Geliebten --
Das süße Mädel.
Natürlich wär's kein Malheur. Aber ich hab' kein' Geliebten.
Der Gatte.
Na geh'.
Das süße Mädel.
Meiner Seel', ich hab' keinen.
Der Gatte.
Aber du wirst mir doch nicht einreden wollen, daß ich ....
Das süße Mädel.
Was denn?.... Ich hab' halt keinen -- schon seit mehr als einem halben Jahr.
Der Gatte.
Ah so .... Aber vorher? Wer war's denn?
Das süße Mädel.
Was sind S' denn gar so neugierig?
Der Gatte.
Ich bin neugierig, weil ich dich lieb hab'.
Das süße Mädel.
Is wahr?
Der Gatte.
Freilich. Das mußt du doch merken. Erzähl' mir also. (Drückt sie fest an sich.)
Das süße Mädel.
Was soll ich dir denn erzählen?
Der Gatte.
So laß dich doch nicht so lang bitten. Wer's gewesen ist, möcht ich wissen.
Das süße Mädel (lachend).
Na ein Mann halt.
Der Gatte.
Also -- also -- wer war's?
Das süße Mädel.
Ein bissel ähnlich hat er dir gesehen.
Der Gatte.
So.
Das süße Mädel.
Wenn du ihm nicht so ähnlich schauen tät'st --
Der Gatte.
Was wär' dann?
Das süße Mädel.
Na also frag' nicht, wennst schon siehst, daß ....
Der Gatte (versteht).
Also darum hast du dich von mir anreden lassen.
Das süße Mädel.
Na also ja.
Der Gatte.
Jetzt weiß ich wirklich nicht, soll ich mich freuen oder soll ich mich ärgern.
Das süße Mädel.
Na, ich an deiner Stell' tät' mich freuen.
Der Gatte.
Na ja.
Das süße Mädel.
Und auch im Reden erinnerst du mich so an ihn .... und wie du einen anschaust ....
Der Gatte.
Was ist er denn gewesen?
Das süße Mädel.
Nein, die Augen --
Der Gatte.
Wie hat er denn geheißen?
Das süße Mädel.
Nein, schau mich nicht so an, ich bitt' dich.
Der Gatte (umfängt sie. Langer, heißer Kuß).
Das süße Mädel (schüttelt sich, will aufstehen).
Der Gatte.
Warum gehst du fort von mir?
Das süße Mädel.
Es wird Zeit zum Z'haus'geh'n.
Der Gatte.
Später.
Das süße Mädel.
Nein, ich muß wirklich schon zuhaus' gehen. Was glaubst denn, was die Mutter sagen wird.
Der Gatte.
Du wohnst bei deiner Mutter?
Das süße Mädel.
Natürlich wohn' ich bei meiner Mutter. Was hast denn geglaubt?
Der Gatte.
So -- bei der Mutter. Wohnst du allein mit ihr?
Das süße Mädel.
Ja freilich allein! Fünf sind wir! Zwei Buben und noch zwei Mädeln.
Der Gatte.
So setz' dich doch nicht so weit fort von mir. Bist du die älteste?
Das süße Mädel.
Nein, ich bin die zweite. Zuerst kommt die Kathi; die ist im G'schäft, in einer Blumenhandlung, dann komm' ich.
Der Gatte.
Wo bist du?
Das süße Mädel.
Na ich bin z'haus'.
Der Gatte.
Immer?
Das süße Mädel.
Es muß doch eine z'haus' sein.
Der Gatte.
Freilich. Ja, -- und was sagst du denn eigentlich deiner Mutter, wenn du -- so spät nach Haus' kommst?
Das süße Mädel.
Das ist ja so eine Seltenheit.
Der Gatte.
Also heut' zum Beispiel. Deine Mutter fragt dich doch?
Das süße Mädel.
Natürlich fragt s' mich. Da kann ich Obacht geben so viel ich will -- wenn ich nach Haus' komm', wacht s' auf.
Der Gatte.
Also was sagst du ihr da?
Das süße Mädel.
Na, im Theater werd' ich halt gewesen sein.
Der Gatte.
Und glaubt sie das?
Das süße Mädel.
Na, warum soll s' mir denn nicht glauben? Ich geh' ja oft ins Theater. Erst am Sonntag war ich in der Oper mit meiner Freundin und ihrem Bräutigam und mein' älter'n Bruder.
Der Gatte.
Woher habt ihr denn da die Karten?
Das süße Mädel.
Aber, mein Bruder ist ja Friseur.
Der Gatte.
Ja, die Friseure ...... ah, wahrscheinlich Theaterfriseur.
Das süße Mädel.
Was fragst mich denn so aus?
Der Gatte.
Es interessiert mich halt. Und was ist denn der andere Bruder?
Das süße Mädel.
Der geht noch in die Schul'. Der will ein Lehrer werden. Nein .... so 'was!
Der Gatte.
Und dann hast du noch eine kleine Schwester?
Das süße Mädel.
Ja, die ist noch ein Fratz, aber auf die muß man schon heut' so aufpassen. Hast du denn eine Idee, wie die Mädeln in der Schule verdorben werden! Was glaubst! Neulich hab' ich sie bei einem Rendezvous erwischt.
Der Gatte.
Was?
Das süße Mädel.
Ja! mit einem Buben von der Schul vis-à-vis ist sie Abends um halber acht in der Strozzigasse spazieren gegangen. So ein Fratz!
Der Gatte.
Und, was hast du da gemacht?
Das süße Mädel.
Na, Schläg' hat s' kriegt!
Der Gatte.
So streng bist du?
Das süße Mädel.
Na, wer soll's denn sein? Die ältere ist im G'schäft, die Mutter tut nichts als raunzen; -- kommt immer alles auf mich.
Der Gatte.
Herrgott, bist du lieb! (Küßt sie und wird zärtlicher.) Du erinnerst mich auch an wen.
Das süße Mädel.
So -- an wen denn?
Der Gatte.
An keine bestimmte .... an die Zeit .... na, halt an meine Jugend. Geh, trink', mein Kind!
Das süße Mädel.
Ja, wie alt bist du denn?.... Du .... ja ... ich weiß ja nicht einmal, wie du heißt.
Der Gatte.
Karl.
Das süße Mädel.
Ist's möglich! Karl heißt du?
Der Gatte.
Er hat auch Karl geheißen?
Das süße Mädel.
Nein, das ist aber schon das reine Wunder ... das ist ja -- nein die Augen .... Das G'schau .... (schüttelt den Kopf).
Der Gatte.
Und wer _er_ war -- hast du mir noch immer nicht gesagt.
Das süße Mädel.
Ein schlechter Mensch ist er gewesen -- das ist g'wiß, sonst hätt' er mich nicht sitzen lassen.
Der Gatte.
Hast ihn sehr gern g'habt?
Das süße Mädel.
Freilich hab' ich ihn gern g'habt!
Der Gatte.
Ich weiß, was er war, Lieutenant.
Das süße Mädel.
Nein, bei Militär war er nicht. Sie haben ihn nicht genommen. Sein Vater hat ein Haus in der .... aber was brauchst du das zu wissen?
Der Gatte (küßt sie).
Du hast eigentlich graue Augen, anfangs hab' ich gemeint sie sind schwarz.
Das süße Mädel.
Na sind s' dir vielleicht nicht schön genug?
Der Gatte (küßt ihre Augen).
Das süße Mädel.
Nein nein -- das vertrag' ich schon gar nicht .... oh bitt' dich -- oh Gott .... nein, laß mich aufsteh'n .... nur für einen Moment -- bitt' dich.
Der Gatte (immer zärtlicher).
Oh nein.
Das süße Mädel.
Aber ich bitt' dich, Karl ....
Der Gatte.
Wie alt bist du? -- achtzehn, was?
Das süße Mädel.
Neunzehn vorbei.
Der Gatte.
Neunzehn .... und ich --
Das süße Mädel.
Du bist dreißig ....
Der Gatte.
Und einige drüber. -- Reden wir nicht davon.
Das süße Mädel.
Er war auch schon zweiundreißig, wie ich ihn kennen gelernt hab'.
Der Gatte.
Wie lang ist das her?
Das süße Mädel.
Ich weiß nimmer .... Du, in dem Wein muß 'was d'rin gewesen sein.
Der Gatte.
Ja, warum denn?
Das süße Mädel.
Ich bin ganz .... weißt -- mir dreht sich alles.
Der Gatte.
So halt' dich fest an mich. So .... (Er drückt sie an sich und wird immer zärtlicher, sie wehrt kaum ab.) Ich werd' dir 'was sagen, mein Schatz, wir könnten jetzt wirklich geh'n.
Das süße Mädel.
Ja .... nach Haus.
Der Gatte.
Nicht g'rad' nach Haus .....
Das süße Mädel.
Was meinst denn?... Oh nein, oh nein ... ich geh' nirgends hin, was fallt dir denn ein --
Der Gatte.
Also hör' mich nur an, mein Kind, das nächste Mal, wenn wir uns treffen, weißt du, da richten wir uns das so ein, daß ... (Er ist zu Boden gesunken, hat seinen Kopf in ihrem Schoß.) Das ist angenehm, oh, das ist angenehm.
Das süße Mädel.
Was machst denn? (Sie küßt seine Haare.) .... Du in dem Wein _muß_ 'was drin gewesen sein -- so schläfrig .... du, was g'schieht denn, wenn ich nimmer aufsteh'n kann? Aber, aber, schau, aber Karl .... und wenn wer hereinkommt .... ich bitt' dich .... der Kellner.
Der Gatte.
Da .... kommt sein Lebtag .... kein Kellner .... herein ....
* * * * *
Das süße Mädel (lehnt mit geschlossenen Augen in der Divanecke).
Der Gatte (geht in dem kleinen Raum auf und ab, nachdem er sich eine Zigarette angezündet).
Längeres Schweigen.
Der Gatte (betrachtet das süße Mädel lange, für sich).
Wer weiß, was das eigentlich für eine Person ist -- Donnerwetter .... So schnell .... War nicht sehr vorsichtig von mir .... Hm ....
Das süße Mädel (ohne die Augen zu öffnen).
In dem Wein muß 'was d'rin gewesen sein.
Der Gatte.
Ja warum denn?
Das süße Mädel.
Sonst ....
Der Gatte.
Warum schiebst du denn alles auf den Wein?....
Das süße Mädel.
Wo bist denn? Warum bist denn so weit? Komm' doch zu mir.
Der Gatte (zu ihr hin, setzt sich)
Das süße Mädel.
Jetzt sag' mir, ob du mich wirklich gern hast.
Der Gatte.
Das weißt du doch .... (Er unterbricht sich rasch.) Freilich.
Das süße Mädel.
Weißt .... es ist doch .... Geh', sag' mir die Wahrheit, was war in dem Wein?
Der Gatte.
Ja, glaubst du ich bin ein .... ich bin ein Giftmischer?
Das süße Mädel.
Ja, schau, ich versteh's halt nicht. Ich bin doch nicht so .... Wir kennen uns doch erst seit .... Du, ich bin nicht so .... meiner Seel' und Gott, -- wenn du das von mir glauben tät'st --
Der Gatte.
Ja -- was machst du dir denn da für Sorgen. Ich glaub' gar nichts schlechtes von dir. Ich glaub' halt, daß du mich lieb hast.
Das süße Mädel.
Ja ....
Der Gatte.
Schließlich, wenn zwei junge Leut' allein in einem Zimmer sind, und nachtmahlen und trinken Wein .... es braucht gar nichts d'rin zu sein in dem Wein.
Das süße Mädel.
Ich hab's ja auch nur so g'sagt.
Der Gatte.
Ja warum denn?
Das süße Mädel (eher trotzig).
Ich hab' mich halt g'schämt.
Der Gatte.
Das ist lächerlich. Dazu liegt gar kein Grund vor. Umsomehr als ich dich an deinen ersten Geliebten erinnere.
Das süße Mädel.
Ja.
Der Gatte.
An den _ersten_.
Das süße Mädel.
Na ja ....
Der Gatte.
Jetzt möcht' es mich interessieren, wer die anderen waren.
Das süße Mädel.
Niemand.
Der Gatte.
Das ist ja nicht wahr, das kann ja nicht wahr sein.
Das süße Mädel.
Geh' bitt' dich, sekier' mich nicht. --
Der Gatte.
Willst eine Zigarette?
Das süße Mädel.
Nein, ich dank' schön.
Der Gatte.
Weißt du, wie spät es ist?
Das süße Mädel.
Na?
Der Gatte.
Halb zwölf.
Das süße Mädel.
So!
Der Gatte.
Na .... und die Mutter? Die ist es gewöhnt, was?
Das süße Mädel.
Willst mich wirklich schon z'haus schicken?
Der Gatte.
Ja, du hast doch früher selbst --
Das süße Mädel.
Geh', du bist aber wie ausgewechselt. Was hab' ich dir denn getan?
Der Gatte.
Aber Kind, was hast du denn, was fällt dir denn ein?
Das süße Mädel.
Und es ist nur dein G'schau gewesen, meiner Seel', sonst hätt'st du lang .... haben mich schon viele gebeten, ich soll mit ihnen ins chambre separée gehen.
Der Gatte.
Na, willst du .... bald wieder mit mir hieher .... oder auch wo anders --
Das süße Mädel.
Weiß nicht.
Der Gatte.
Was heißt das wieder: Du weißt nicht.
Das süße Mädel.
Na, wenn du mich erst fragst?
Der Gatte.
Also wann? Ich möcht' dich nur vor allem aufklären, daß ich nicht in Wien lebe. Ich komm' nur von Zeit zu Zeit auf ein paar Tage her.
Das süße Mädel.
Ah geh', du bist kein Wiener?
Der Gatte.
Wiener bin ich schon. Aber ich lebe jetzt in der Nähe ....
Das süße Mädel.
Wo denn?
Der Gatte.
Ach Gott, das ist ja egal.
Das süße Mädel.
Na, fürcht' dich nicht, ich komm' nicht hin.
Der Gatte.
Oh Gott, wenn es dir Spaß macht, kannst du auch hinkommen. Ich lebe in Graz.
Das süße Mädel.
Im Ernst?
Der Gatte.
Na ja, was wundert dich denn daran?
Das süße Mädel.
Du bist verheiratet, wie?
Der Gatte (höchst erstaunt).
Ja, wie kommst du darauf?
Das süße Mädel.
Mir ist halt so vorgekommen.
Der Gatte.
Und das würde dich gar nicht genieren?
Das süße Mädel.
Na, lieber ist mir schon, du bist ledig. -- Aber du bist ja doch verheiratet! --
Der Gatte.
Ja, sag' mir nur, wie kommst du denn da darauf?
Das süße Mädel.
Wenn einer sagt, er lebt nicht in Wien und hat nicht immer Zeit --
Der Gatte.
Das ist doch nicht so unwahrscheinlich.
Das süße Mädel.
Ich glaub's nicht.
Der Gatte.
Und da möchtest du dir gar kein Gewissen machen, daß du einen Ehemann zur Untreue verführst?
Das süße Mädel.
Ah was, deine Frau macht's sicher nicht anders als du.
Der Gatte (sehr empört).
Du, _das_ verbiet' ich mir. Solche Bemerkungen --
Das süße Mädel.
Du hast ja keine Frau, hab' ich geglaubt.
Der Gatte.
Ob ich eine hab' oder nicht -- man macht keine solche Bemerkungen.
(Er ist aufgestanden.)
Das süße Mädel.
Karl, na Karl, was ist denn? Bist bös'? Schau, ich hab's ja wirklich nicht gewußt, daß du verheiratet bist. Ich hab' ja nur so g'redt. Geh' komm' und sei wieder gut.
Der Gatte (kommt nach ein paar Sekunden zu ihr).
Ihr seid wirklich sonderbare Geschöpfe, ihr .... Weiber. (Er wird wieder zärtlich an ihrer Seite.)
Das süße Mädel.
Geh' ..... nicht ..... es ist auch schon so spät. --
Der Gatte.
Also jetzt hör' mir einmal zu. Reden wir einmal im Ernst miteinander. Ich möcht' dich wieder sehen, öfter wiedersehen.
Das süße Mädel.
Is wahr?
Der Gatte.
Aber dazu ist notwendig .... also verlassen muß ich mich auf dich können. Aufpassen kann ich nicht auf dich.
Das süße Mädel.
Ah, ich pass' schon selber auf mich auf.
Der Gatte.
Du bist .... na also, unerfahren kann man ja nicht sagen -- aber jung bist du -- und -- die Männer sind im allgemeinen ein gewissenloses Volk.
Das süße Mädel.
Oh jeh!
Der Gatte.
Ich mein' das nicht nur in moralischer Hinsicht. -- Na, du verstehst mich sicher. --
Das süße Mädel.
Ja, sag' mir, was glaubst du denn eigentlich von mir?
Der Gatte.
Also -- wenn du mich lieb haben willst -- nur mich -- so können wir's uns schon einrichten -- wenn ich auch für gewöhnlich in Graz wohne. Da wo jeden Moment wer hereinkommen kann, ist es ja doch nicht das rechte.
Das süße Mädel (schmiegt sich an ihn). --
Der Gatte.
Das nächste Mal ... werden wir wo anders zusammen sein, ja?
Das süße Mädel.
Ja.
Der Gatte.
Wo wir ganz ungestört sind.
Das süße Mädel.
Ja.
Der Gatte (umfängt sie heiß).
Das andere besprechen wir im Nachhausfahren. (Steht auf, öffnet die Thür.) Kellner .... die Rechnung!
DAS SÜSSE MÄDEL UND DER DICHTER
Ein kleines Zimmer, mit behaglichem Geschmack eingerichtet. Vorhänge, welche das Zimmer halbdunkel machen. Rote Stores. Großer Schreibtisch, auf dem Papiere und Bücher herumliegen. Ein Pianino an der Wand.
Das süße Mädel. Der Dichter.
Sie kommen eben zusammen herein. Der Dichter schließt zu.
Der Dichter.
So, mein Schatz (küßt sie).
Das süße Mädel (mit Hut und Mantille).
Ah! Da ist aber schön! Nur sehen tut man nichts!
Der Dichter.
Deine Augen müssen sich an das Halbdunkel gewöhnen. -- Diese süßen Augen (küßt sie auf die Augen).
Das süße Mädel.
Dazu werden die süßen Augen aber nicht Zeit genug haben.
Der Dichter.
Warum denn?
Das süße Mädel.
Weil ich nur eine Minuten dableib'.
Der Dichter.
Den Hut leg' ab, ja?
Das süße Mädel.
Wegen der einen Minuten?
Der Dichter (nimmt die Nadel aus ihrem Hut und legt den Hut fort).
Und die Mantille --
Das süße Mädel.
Was willst denn? -- Ich muß ja gleich wieder fortgehen.
Der Dichter.
Aber du mußt dich doch ausruh'n! Wir sind ja drei Stunden gegangen.
Das süße Mädel.
Wir sind gefahren.
Der Dichter.
Ja nach Haus -- aber in Weidling am Bach sind wir doch drei volle Stunden herumgelaufen. Also setz' dich nur schön nieder, mein Kind .... wohin du willst; -- hier an den Schreibtisch; -- aber nein, das ist nicht bequem. Setz' dich auf den Divan. -- So. (Er drückt sie nieder.) Bist du sehr müd', so kannst du dich auch hinlegen. So. (Er legt sie auf den Divan.) Da das Kopferl auf den Polster.
Das süße Mädel (lachend).
Aber ich bin ja gar nicht müd'!
Der Dichter.