Part 2
Die junge Frau.
Alfred, sagen Sie mir einmal ganz genau, wie spät es ist.
Der junge Herr.
Es ist punkt viertel sieben.
Die junge Frau.
Jetzt sollte ich längst bei meiner Schwester sein.
Der junge Herr.
Ihre Schwester können Sie oft sehen ....
Die junge Frau.
Oh Gott, Alfred, warum haben Sie mich _dazu_ verleitet.
Der junge Herr.
Weil ich Sie .... anbete, Emma.
Die junge Frau.
Wie vielen haben Sie das schon gesagt?
Der junge Herr.
Seit ich Sie gesehen, niemandem.
Die junge Frau.
Was bin ich für eine leichtsinnige Person! Wer mir das vorausgesagt hätte ... noch vor acht Tagen ... noch gestern ...
Der junge Herr.
Und vorgestern haben Sie mir ja schon versprochen ...
Die junge Frau.
Sie haben mich so gequält. Aber ich habe es nicht tun wollen. Gott ist mein Zeuge -- ich habe es nicht tun wollen ... Gestern war ich fest entschlossen ... Wissen Sie, daß ich Ihnen gestern Abends sogar einen langen Brief geschrieben habe?
Der junge Herr.
Ich habe keinen bekommen.
Die junge Frau.
Ich habe ihn wieder zerrissen. Oh, ich hätte Ihnen lieber diesen Brief schicken sollen.
Der junge Herr.
Es ist doch besser so.
Die junge Frau.
Oh nein, es ist schändlich ... von mir. Ich begreife mich selber nicht. Adieu, Alfred, lassen Sie mich.
Der junge Herr (umfaßt sie und bedeckt ihr Gesicht mit heißen Küssen).
Die junge Frau.
So ... halten Sie Ihr Wort ...
Der junge Herr.
Noch einen Kuß -- noch einen.
Die junge Frau.
Den letzten. (Er küßt sie; sie erwidert den Kuß; ihre Lippen bleiben lange aneinandergeschlossen.)
Der junge Herr.
Soll ich Ihnen etwas sagen, Emma? Ich weiß jetzt erst, was Glück ist.
Die junge Frau (sinkt in ein Fauteuil zurück).
Der junge Herr (setzt sich auf die Lehne, schlingt einen Arm leicht um ihren Nacken).
.... oder vielmehr ich weiß jetzt erst, was Glück sein könnte.
Die junge Frau (seufzt tief auf).
Der junge Herr (küßt sie wieder).
Die junge Frau.
Alfred, Alfred, was machen Sie aus mir!
Der junge Herr.
Nicht wahr -- es ist hier gar nicht so ungemütlich ... Und wir sind ja hier so sicher! Es ist doch tausendmal schöner als diese Rendezvous im Freien ...
Die junge Frau.
Oh, erinnern Sie mich nur nicht daran.
Der junge Herr.
Ich werde auch daran immer mit tausend Freuden denken. Für mich ist jede Minute, die ich an Ihrer Seite verbringen durfte, eine süße Erinnerung.
Die junge Frau.
Erinnern Sie sich noch an den Industriellenball?
Der junge Herr.
Ob ich mich daran erinnere ...? Da bin ich ja während des Soupers neben Ihnen gesessen, ganz nahe neben Ihnen. Ihr Mann hat Champagner ...
Die junge Frau (sieht ihn klagend an).
Der junge Herr.
Ich wollte nur vom Champagner reden. Sagen Sie, Emma, wollen Sie nicht ein Glas Cognac trinken?
Die junge Frau.
Einen Tropfen, aber geben Sie mir vorher ein Glas Wasser.
Der junge Herr.
Ja ... Wo ist denn nur -- ach ja ... (Er schlägt die Portière zurück und geht ins Schlafzimmer).
Die junge Frau (sieht ihm nach).
Der junge Herr (kommt zurück mit einer Karaffe Wasser und zwei Trinkgläsern).
Die junge Frau.
Wo waren Sie denn?
Der junge Herr.
Im ... Nebenzimmer. (Schenkt ein Glas Wasser ein).
Die junge Frau.
Jetzt werde ich Sie etwas fragen, Alfred -- und schwören Sie mir, daß Sie mir die Wahrheit sagen werden.
Der junge Herr.
Ich schwöre. --
Die junge Frau.
War in diesen Räumen schon jemals eine andere Frau?
Der junge Herr.
Aber Emma -- dieses Haus steht schon zwanzig Jahre! --
Die junge Frau.
Sie wissen, was ich meine, Alfred ... _Mit_ Ihnen! _Bei_ Ihnen!
Der junge Herr.
Mit mir -- hier -- Emma! -- Es ist nicht schön, daß Sie an so etwas denken können.
Die junge Frau.
Also Sie haben .... wie soll ich .... Aber nein, ich will Sie lieber nicht fragen. Es ist besser, wenn ich nicht frage. Ich bin ja selbst schuld. Alles rächt sich.
Der junge Herr.
Ja, was haben Sie denn? Was ist Ihnen denn? Was rächt sich?
Die junge Frau.
Nein, nein, nein, ich darf nicht zum Bewußtsein kommen ... Sonst müßte ich vor Scham in die Erde sinken.
Der junge Herr (mit der Karaffe Wasser in der Hand, schüttelt traurig den Kopf).
Emma, wenn Sie ahnen könnten, wie weh' Sie mir tun.
Die junge Frau (schenkt sich ein Glas Cognac ein).
Der junge Herr.
Ich will Ihnen etwas sagen, Emma. Wenn Sie sich schämen, hier zu sein -- wenn ich Ihnen also gleichgültig bin -- wenn Sie nicht fühlen, daß Sie für mich alle Seligkeit der Welt bedeuten -- -- so geh'n Sie lieber. --
Die junge Frau.
Ja, das werd' ich auch tun.
Der junge Herr (sie bei der Hand fassend).
Wenn Sie aber ahnen, daß ich ohne Sie nicht leben kann, daß ein Kuß auf Ihre Hand für mich mehr bedeutet, als alle Zärtlichkeiten, die alle Frauen auf der ganzen Welt .... Emma, ich bin nicht wie die anderen jungen Leute, die den Hof machen können -- ich bin vielleicht zu naiv .... ich ....
Die junge Frau.
Wenn Sie aber doch sind wie die anderen jungen Leute?
Der junge Herr.
Dann wären Sie heute nicht da -- denn Sie sind nicht wie die anderen Frauen.
Die junge Frau.
Woher wissen Sie das?
Der junge Herr (hat sie zum Divan gezogen, sich nahe neben sie gesetzt).
Ich habe viel über Sie nachgedacht. Ich weiß, Sie sind unglücklich.
Die junge Frau (erfreut).
Ja.
Der junge Herr.
Das Leben ist so leer, so nichtig -- und dann, -- so kurz -- so entsetzlich kurz! Es gibt nur _ein_ Glück .... einen Menschen finden, von dem man geliebt wird --
Die junge Frau (hat eine kandierte Birne vom Tisch genommen, nimmt sie in den Mund).
Der junge Herr.
Mir die Hälfte! (Sie reicht sie ihm mit den Lippen).
Die junge Frau (faßt die Hände des jungen Herrn, die sich zu verirren drohen).
Was tun Sie denn, Alfred .... Ist das Ihr Versprechen.
Der junge Herr (die Birne verschluckend, dann kühner).
Das Leben ist so kurz.
Die junge Frau (schwach).
Aber das ist ja kein Grund --
Der junge Herr (mechanisch).
Oh ja.
Die junge Frau (schwächer).
Schauen Sie Alfred, und Sie haben doch versprochen, brav .... Und es ist so hell ....
Der junge Herr.
Komm', komm', du einzige, einzige .... (Er hebt sie vom Divan empor).
Die junge Frau.
Was machen Sie denn?
Der junge Herr.
Da d'rin ist es gar nicht hell.
Die junge Frau.
Ist denn da noch ein Zimmer?
Der junge Herr (zieht sie mit).
Ein schönes .... und ganz dunkel.
Die junge Frau.
Bleiben wir doch lieber hier.
Der junge Herr (bereits mit ihr hinter der Portière, im Schlafzimmer, nestelt ihr die Taille auf).
Die junge Frau.
Sie sind so .... oh Gott, was machen Sie aus mir! -- Alfred!
Der junge Herr.
Ich bete dich an, Emma!
Die junge Frau.
So wart' doch, wart' doch wenigstens .... (Schwach.) Geh' .... ich ruf dich dann.
Der junge Herr.
Laß mir dich -- laß dir mich (er verspricht sich) .... laß .... mich -- dir -- helfen.
Die junge Frau.
Du zerreißt mir ja alles.
Der junge Herr.
Du hast kein Mieder an?
Die junge Frau.
Ich trag' nie ein Mieder. Die Odilon trägt auch keines. Aber die Schuh' kannst du mir aufknöpfeln.
Der junge Herr (knöpfelt die Schuhe auf, küßt ihre Füße).
Die junge Frau (ist ins Bett geschlüpft).
Oh mir ist kalt.
Der junge Herr.
Gleich wird's warm werden.
Die junge Frau (leise lachend).
Glaubst du?
Der junge Herr (unangenehm berührt, für sich).
Das hätte sie nicht sagen sollen. (Entkleidet sich im Dunkel).
Die junge Frau (zärtlich).
Komm, komm, komm!
Der junge Herr (dadurch wieder in besserer Stimmung).
Gleich -- --
Die junge Frau.
Es riecht hier so nach Veilchen.
Der junge Herr.
Das bist du selbst .... Ja (zu ihr) du selbst.
Die junge Frau.
Alfred .... Alfred!!!!
Der junge Herr.
Emma ....
* * * * *
Der junge Herr.
Ich habe dich offenbar zu lieb .... ja .... ich bin wie von Sinnen.
Die junge Frau ......
Der junge Herr.
Die ganzen Tage über bin ich schon wie verrückt. Ich hab es geahnt.
Die junge Frau.
Mach' dir nichts draus.
Der junge Herr.
Oh gewiß nicht. Es ist ja geradezu selbstverständlich, wenn man ....
Die junge Frau.
Nicht .... nicht .... Du bist nervös. Beruhige dich nur ....
Der junge Herr.
Kennst du Stendhal?
Die junge Frau.
Stendhal?
Der junge Herr.
Die psychologie de l'amour.
Die junge Frau.
Nein, warum fragst du mich?
Der junge Herr.
Da kommt eine Geschichte drin vor, die sehr bezeichnend ist.
Die junge Frau.
Was ist das für eine Geschichte?
Der junge Herr.
Das ist eine ganze Gesellschaft von Kavallerieoffizieren zusammen --
Die junge Frau.
So.
Der junge Herr.
Und die erzählen von ihren Liebesabenteuern. Und jeder berichtet, daß ihm bei der Frau, die er am meisten, weißt du, am leidenschaftlichsten geliebt hat .... daß ihn die, daß er die -- also kurz und gut, daß es jedem bei dieser Frau so gegangen ist, wie jetzt mir.
Die junge Frau.
Ja.
Der junge Herr.
Das ist sehr charakteristisch.
Die junge Frau.
Ja.
Der junge Herr.
Es ist noch nicht aus. Ein einziger behauptet .... es sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert, aber, setzt Stendhal hinzu -- das war ein berüchtigter Bramarbas.
Die junge Frau.
So. --
Der junge Herr.
Und doch verstimmt es einen, das ist das Dumme, so gleichgiltig es eigentlich ist.
Die junge Frau.
Freilich. Überhaupt weißt du .... du hast mir ja versprochen, brav zu sein.
Der junge Herr.
Geh', nicht lachen, das bessert die Sache nicht.
Die junge Frau.
Aber nein, ich lache ja nicht. Das von Stendhal ist wirklich interessant. Ich habe immer gedacht, daß nur bei älteren .... oder bei sehr .... weißt du, bei Leuten, die viel gelebt haben ....
Der junge Herr.
Was fällt dir ein. Das hat damit gar nichts zu tun. Ich habe übrigens die hübscheste Geschichte aus dem Stendhal ganz vergessen. Da ist einer von den Kavallerieoffizieren, der erzählt sogar, daß er drei Nächte oder gar sechs .... ich weiß nicht mehr, mit der Frau zusammen war, die er durch Wochen hindurch verlangt hat -- desirée -- verstehst du -- und die haben alle diese Nächte hindurch nichts getan als vor Glück geweint .... beide ....
Die junge Frau.
Beide?
Der junge Herr.
Ja. Wundert dich das? Ich find' das so begreiflich -- gerade wenn man sich liebt.
Die junge Frau.
Aber es gibt gewiß viele, die nicht weinen.
Der junge Herr (nervös).
Gewiß .... das ist ja auch ein exceptioneller Fall.
Die junge Frau.
Ah -- ich dachte, Stendhal sagte, alle Kavallerieoffiziere weinen bei dieser Gelegenheit.
Der junge Herr.
Siehst du, jetzt machst du dich doch lustig.
Die junge Frau.
Aber was fällt dir ein! Sei doch nicht kindisch, Alfred!
Der junge Herr.
Es macht nun einmal nervös .... Dabei habe ich die Empfindung, daß du ununterbrochen daran denkst. Das geniert mich erst recht.
Die junge Frau.
Ich denke absolut nicht daran.
Der junge Herr.
Oh ja. Wenn ich nur überzeugt wäre, daß du mich liebst.
Die junge Frau.
Verlangst du noch mehr Beweise?
Der junge Herr.
Siehst du ... immer machst du dich lustig.
Die junge Frau.
Wieso denn? Komm', gib mir dein süßes Kopferl.
Der junge Herr.
Ach, das tut wohl.
Die junge Frau.
Hast du mich lieb?
Der junge Herr.
Oh, ich bin ja so glücklich.
Die junge Frau.
Aber du brauchst nicht auch noch zu weinen.
Der junge Herr (sich von ihr entfernend, höchst irritiert).
Wieder, wieder. Ich hab dich ja so gebeten ....
Die junge Frau.
Wenn ich dir sage, daß du nicht weinen sollst ...
Der junge Herr.
Du hast gesagt: _Auch_ noch zu weinen.
Die junge Frau.
Du bist nervös, mein Schatz.
Der junge Herr.
Das weiß ich.
Die junge Frau.
Aber du sollst es nicht sein. Es ist mir sogar lieb, daß es .... daß wir sozusagen als gute Kameraden...
Der junge Herr.
Schon wieder fangst du an.
Die junge Frau.
Erinnerst du dich denn nicht! Das war eines unserer ersten Gespräche. Gute Kameraden haben wir sein wollen; nichts weiter. Oh, das war schön ..... das war bei meiner Schwester, im Jänner auf dem großen Ball, während der Quadrille .... Um Gotteswillen, ich sollte ja längst fort sein .... meine Schwester erwartet mich ja -- was werd' ich ihr denn sagen ....... Adieu, Alfred --
Der junge Herr.
Emma --! so willst du mich verlassen!
Die junge Frau.
Ja -- so! --
Der junge Herr.
Noch fünf Minuten ....
Die junge Frau.
Gut. Noch fünf Minuten. Aber du mußt mir versprechen .... dich nicht zu rühren? ... Ja?... Ich will dir noch einen Kuß zum Abschied geben ..... Pst .... ruhig .... nicht rühren, hab ich gesagt, sonst steh ich gleich auf, du mein süßer ... süßer ...
Der junge Herr.
Emma .... meine ange........
* * * * *
Die junge Frau.
Mein Alfred --
Der junge Herr.
Ah, bei dir ist der Himmel.
Die junge Frau.
Aber jetzt muß ich wirklich fort.
Der junge Herr.
Ach, laß deine Schwester warten.
Die junge Frau.
Nach _Haus_ muß ich. Für meine Schwester ist's längst zu spät. Wie viel Uhr ist es denn eigentlich?
Der junge Herr.
Ja, wie soll ich das eruieren?
Die junge Frau.
Du musst eben auf die Uhr sehen.
Der junge Herr.
Meine Uhr ist in meinem Gilet.
Die junge Frau.
So hol' sie.
Der junge Herr (steht mit einem mächtigen Ruck auf).
Acht.
Die junge Frau (erhebt sich rasch).
Um Gotteswillen .... Rasch, Alfred, gib mir meine Strümpfe. Was soll ich denn nur sagen? Zu Hause wird man sicher schon auf mich warten ... acht Uhr ....
Der junge Herr.
Wann seh' ich dich denn wieder?
Die junge Frau.
Nie.
Der junge Herr.
Emma! Hast du mich denn nicht mehr lieb?
Die junge Frau.
Eben darum. Gib mir meine Schuhe.
Der junge Herr.
Niemals wieder? Hier sind die Schuhe.
Die junge Frau.
In meinem Sack ist ein Schuhknöpfler. Ich bitt' dich, rasch ....
Der junge Herr.
Hier ist der Knöpfler.
Die junge Frau.
Alfred, das kann uns beide den Hals kosten.
Der junge Herr (höchst unangenehm berührt).
Wieso?
Die junge Frau.
Ja, was soll ich denn sagen, wenn er mich fragt: Woher kommst du?
Der junge Herr.
Von der Schwester.
Die junge Frau.
Ja, wenn ich lügen könnte.
Der junge Herr.
Na, du mußt es eben tun.
Die junge Frau.
Alles für so einen Menschen. Ach, komm her .... laß dich noch einmal küssen. (Sie umarmt ihn.) -- Und jetzt -- -- laß mich allein, geh' ins andere Zimmer. Ich kann mich nicht anziehen, wenn du dabei bist.
Der junge Herr (geht in den Salon, wo er sich ankleidet. Er ißt etwas von der Bäckerei, trinkt ein Glas Cognac).
Die junge Frau (ruft nach einer Weile).
Alfred!
Der junge Herr.
Mein Schatz.
Die junge Frau.
Es ist doch besser, daß wir nicht geweint haben.
Der junge Herr (nicht ohne Stolz lächelnd).
Wie kann man so frivol reden? --
Die junge Frau.
Wie wird das jetzt nur sein -- wenn wir uns zufällig wieder einmal in Gesellschaft begegnen?
Der junge Herr.
Zufällig -- einmal .... Du bist ja morgen sicher auch bei Lobheimers?
Die junge Frau.
Ja. Du auch?
Der junge Herr.
Freilich. Darf ich dich um den Kotillion bitten?
Die junge Frau.
Oh, ich werde nicht hinkommen. Was glaubst du denn? -- Ich würde ja ... (sie tritt völlig angekleidet in den Salon, nimmt eine Chokoladebäckerei) in die Erde sinken.
Der junge Herr.
Also morgen bei Lobheimer, das ist schön.
Die junge Frau.
Nein, nein .... ich sage ab; bestimmt --
Der junge Herr.
Also übermorgen .... hier.
Die junge Frau.
Was fällt dir ein?
Der junge Herr.
Um sechs ....
Die junge Frau.
Hier an der Ecke stehen Wagen, nicht wahr? --
Der junge Herr.
Ja, so viel du willst. Also übermorgen hier um sechs. So sag' doch ja, mein geliebter Schatz.
Die junge Frau.
.... Das besprechen wir morgen beim Kotillion.
Der junge Herr (umarmt sie).
Mein Engel.
Die junge Frau.
Nicht wieder meine Frisur ruinieren.
Der junge Herr.
Also morgen bei Lobheimers und übermorgen in meinen Armen.
Die junge Frau.
Leb wohl ....
Der junge Herr (plötzlich wieder besorgt).
Und was wirst du -- _ihm_ heut sagen? --
Die junge Frau.
Frag' nicht .... frag' nicht .... es ist zu schrecklich. -- Warum hab' ich dich so lieb! -- Adieu. -- Wenn ich wieder Menschen auf der Stiege begegne, trifft mich der Schlag. -- Pah! --
Der junge Herr (küßt ihr noch einmal die Hand).
Die junge Frau (geht).
Der junge Herr (bleibt allein zurück. Dann setzt er sich auf den Divan. Er lächelt vor sich hin und sagt zu sich selbst).
Also jetzt hab' ich ein Verhältnis mit einer anständigen Frau.
DIE JUNGE FRAU UND DER EHEMANN
Ein behagliches Schlafgemach.
Es ist halb elf Uhr Nachts. Die Frau liegt zu Bette und liest. Der Gatte tritt eben, im Schlafrock, ins Zimmer.
Die junge Frau (ohne aufzuschauen).
Du arbeitest nicht mehr?
Der Gatte.
Nein. Ich bin zu müde. Und außerdem ...
Die junge Frau.
Nun? --
Der Gatte.
Ich hab' mich an meinem Schreibtisch plötzlich so einsam gefühlt. Ich habe Sehnsucht nach dir bekommen.
Die junge Frau (schaut auf).
Wirklich?
Der Gatte (setzt sich zu ihr aufs Bett).
Lies heute nicht mehr. Du wirst dir die Augen verderben.
Die junge Frau (schlägt das Buch zu).
Was hast du denn?
Der Gatte.
Nichts, mein Kind. Verliebt bin ich in dich! Das weißt du ja!
Die junge Frau.
Man könnte es manchmal fast vergessen.
Der Gatte.
Man _muß_ es sogar manchmal vergessen.
Die junge Frau.
Warum?
Der Gatte.
Weil die Ehe sonst etwas unvollkommenes wäre. Sie würde .... wie soll ich nur sagen .... sie würde ihre Heiligkeit verlieren.
Die junge Frau.
Oh ....
Der Gatte.
Glaube mir -- es ist so .... Hätten wir in den fünf Jahren, die wir jetzt miteinander verheiratet sind, nicht manchmal vergessen, daß wir ineinander verliebt sind -- wir wären es wohl gar nicht mehr.
Die junge Frau.
Das ist mir zu hoch.
Der Gatte.
Die Sache ist einfach die: wir haben vielleicht schon zehn oder zwölf Liebschaften miteinander gehabt ..... Kommt es dir nicht auch so vor?
Die junge Frau.
Ich hab' nicht gezählt! --
Der Gatte.
Hätten wir gleich die erste bis zum Ende durchgekostet, hätte ich mich von Anfang an meiner Leidenschaft für dich willenlos hingegeben, es wäre uns gegangen wie den Millionen von anderen Liebespaaren. Wir wären fertig miteinander.
Die junge Frau.
Ah .... so meinst du das?
Der Gatte.
Glaube mir -- Emma -- in den ersten Tagen unserer Ehe hatte ich Angst, daß es so kommen würde.
Die junge Frau.
Ich auch.
Der Gatte.
Siehst du? Hab' ich nicht recht gehabt? Darum ist es gut, immer wieder für einige Zeit nur in guter Freundschaft miteinander hinzuleben.
Die junge Frau.
Ach so.
Der Gatte.
Und so kommt es, daß wir immer wieder neue Flitterwochen miteinander durchleben können, da ich es nie drauf ankommen lasse, die Flitterwochen ....
Die junge Frau.
Zu Monaten auszudehnen.
Der Gatte.
Richtig.
Die junge Frau.
Und jetzt ...... scheint also wieder eine Freundschaftsperiode abgelaufen zu sein --?
Der Gatte (sie zärtlich an sich drückend).
Es dürfte so sein.
Die junge Frau.
Wenn es aber .... bei mir anders wäre.
Der Gatte.
Es ist bei dir nicht anders. Du bist ja das klügste und entzückendste Wesen, das es gibt. Ich bin sehr glücklich, daß ich dich gefunden habe.
Die junge Frau.
Das ist aber nett, wie du den Hof machen kannst -- von Zeit zu Zeit.
Der Gatte (hat sich auch zu Bett begeben).
Für einen Mann, der sich ein bischen in der Welt umgesehen hat -- geh', leg den Kopf an meine Schulter -- der sich in der Welt umgesehen hat, bedeutet die Ehe eigentlich etwas viel geheimnisvolleres als für euch junge Mädchen aus guter Familie. Ihr tretet uns rein und .... wenigstens bis zu einem gewissen Grad unwissend entgegen, und darum habt ihr eigentlich einen viel klareren Blick für das Wesen der Liebe als wir.
Die junge Frau (lachend).
Oh!
Der Gatte.
Gewiß. Denn wir sind ganz verwirrt und unsicher geworden durch die vielfachen Erlebnisse, die wir notgedrungen vor der Ehe durchzumachen haben. Ihr hört ja viel und wißt zu viel und lest ja wohl eigentlich auch zu viel, aber einen rechten Begriff von dem, was wir Männer in der Tat erleben, habt ihr ja doch nicht. Uns wird das, was man so gemeinhin die Liebe nennt, recht gründlich widerwärtig gemacht; denn was sind das schließlich für Geschöpfe, auf die wir angewiesen sind!
Die junge Frau.
Ja, was sind das für Geschöpfe?
Der Gatte (küßt sie auf die Stirn).
Sei froh, mein Kind, daß du nie einen Einblick in diese Verhältnisse erhalten hast. Es sind übrigens meist recht bedauernswerte Wesen -- werfen wir keinen Stein auf sie.
Die junge Frau.
Bitt' dich -- dieses Mitleid -- Das kommt mir da gar nicht recht angebracht vor.
Der Gatte (mit schöner Milde).
Sie verdienen es. Ihr, die ihr junge Mädchen aus guter Familie wart, die ruhig unter Obhut euerer Eltern auf den Ehrenmann warten konntet, der euch zur Ehe begehrt; -- ihr kennt ja das Elend nicht, das die meisten von diesen armen Geschöpfen der Sünde in die Arme treibt.
Die junge Frau.
So verkaufen sich denn alle?
Der Gatte.
Das möchte ich nicht sagen. Ich mein' ja auch nicht nur das materielle Elend. Aber es gibt auch -- ich möchte sagen -- ein sittliches Elend; eine mangelhafte Auffassung für das, was erlaubt, und insbesondere für das, was edel ist.
Die junge Frau.
Aber warum sind die zu bedauern? -- Denen geht's ja ganz gut?
Der Gatte.
Du hast sonderbare Ansichten, mein Kind. Du darfst nicht vergessen, daß solche Wesen von Natur aus bestimmt sind, immer tiefer und tiefer zu fallen. Da gibt es kein Aufhalten.
Die junge Frau (sich an ihn schmiegend).
Offenbar fällt es sich ganz angenehm.
Der Gatte (peinlich berührt).
Wie kannst du so reden, Emma. Ich denke doch, daß es gerade für euch, anständige Frauen, nichts Widerwärtigeres geben kann, als alle diejenigen, die es nicht sind.
Die junge Frau.
Freilich, Karl, freilich. Ich hab's ja auch nur so gesagt. Geh', erzähl' weiter. Es ist so nett, wenn du so red'st. Erzähl' mir 'was.
Der Gatte.
Was denn? --
Die junge Frau.
Nun, -- von diesen Geschöpfen.
Der Gatte.
Was fällt dir denn ein?
Die junge Frau.
Schau, ich hab' dich schon früher, weißt du, ganz im Anfang hab' ich dich immer gebeten, du sollst mir aus deiner Jugend 'was erzählen.
Der Gatte.
Warum interessiert dich denn das?
Die junge Frau.
Bist du denn nicht mein Mann? Und ist das nicht geradezu eine Ungerechtigkeit, daß ich von deiner Vergangenheit eigentlich gar nichts weiß? --
Der Gatte.
Du wirst mich doch nicht für so geschmacklos halten, daß ich -- Genug, Emma ...... das ist ja wie eine Entweihung.
Die junge Frau.
Und doch hast du .... wer weiß wie viel andere Frauen gerade so in den Armen gehalten, wie jetzt mich.
Der Gatte.
Sag' doch nicht »Frauen«. Frau bist du.
Die junge Frau.
Aber eine Frage _mußt_ du mir beantworten ... sonst .... sonst .... ist's nichts mit den Flitterwochen.
Der Gatte.
Du hast eine Art, zu reden .... denk' doch, daß du Mutter bist .... daß unser Mäderl da drin liegt ...
Die junge Frau (an ihn sich schmiegend).
Aber ich möcht' auch einen Buben.
Der Gatte.
Emma!
Die junge Frau.
Geh', sei nicht so ... freilich bin ich deine Frau .... aber ich möchte auch ein bissel .... deine Geliebte sein.
Der Gatte.
Möchtest du?....
Die junge Frau.
Also -- zuerst meine Frage.
Der Gatte (gefügig).
Nun?
Die junge Frau.
War .... eine verheiratete Frau -- unter ihnen?
Der Gatte.
Wieso? -- wie meinst du das?
Die junge Frau.
Du weißt schon.
Der Gatte (leicht beunruhigt).
Wie kommst du auf diese Frage?
Die junge Frau.
Ich möchte wissen, ob es .... das heißt -- es gibt solche Frauen .... das weiß ich. Aber ob du ...
Der Gatte (ernst).
Kennst du eine solche Frau?
Die junge Frau.
Ja, ich weiß das selber nicht.
Der Gatte.
Ist unter deinen Freundinen vielleicht eine solche Frau?
Die junge Frau.
Ja wie kann ich das mit Bestimmtheit behaupten -- oder verneinen?
Der Gatte.
Hat dir vielleicht einmal eine deiner Freundinen .... Man spricht über gar manches, wenn man so -- die Frauen unter sich -- hat dir eine gestanden --?
Die junge Frau (unsicher).
Nein.
Der Gatte.
Hast du bei irgend einer deiner Freundinen den Verdacht, daß sie ....
Die junge Frau.
Verdacht ..... oh ..... Verdacht.
Der Gatte.
Es scheint.
Die junge Frau.
Gewiß nicht Karl, sicher nicht. Wenn ich mir's so überlege -- ich trau' es doch keiner zu.
Der Gatte.
Keiner?
Die junge Frau.
Von meinen Freundinen keiner.
Der Gatte.
Versprich mir etwas, Emma.