Reife Früchte vom Bierbaum

Part 8

Chapter 83,636 wordsPublic domain

Allabendlich, sobald es ganz finster geworden war (man befand sich im Dezember, und es war ein nebliges Wetter ohne Mondschein), kam den steilsten Steg zur Stadt heran, den sonst nur die Ziegenhirten nahmen, ein riesiges schwarzes Pferd, auf dem ein hagerer Mann saß, gehüllt in einen schwarzen Mantel, auf dem schwarzbärtigen Kopfe einen breitkrempigen Kegelhut. Man hätte, wäre nicht der Bart gewesen (und das andere, das nur Gespenstern eigen ist), meinen können, es sei Samalio. Doch war es sicherlich ein Gespenst, denn aus dem Mantel, daher, dorther, und von seinen Schultern leuchteten gelbe Lichter, und grüne Lichter liefen neben dem Pferde. Der Wachtturm des Hauses, das wie alle Häuser der adeligen Geschlechter mehr eine Burg als ein Palast war, stand auf der Stadtmauer, und auf seinem Umgang befand sich, wie auf den eigentlichen Mauertürmen, die ganze Nacht hindurch ein Wächter. Nur er konnte die Erscheinung verfolgen, sobald sie der Mauer nahe gekommen war. Denn die übrigen Fenster des Palastes, der von der Mauer etwas abstand, gewährten keinen Blick dorthin. Auch hätten wohl weder Männer noch Frauen den Fürwitz gewagt, das Gespenst nahe zu betrachten, da es schon entsetzlich genug anzusehen war, wie sich, sobald Pferd und Mann in das Schattenbereich der Mauer gekommen waren, die gelben Lichter aus dem Mantel und von den Schultern des Mannes in die Lüfte erhoben und das Haus zu umschwirren begannen, während die grünen Lichter in weiten Bogen den Raum vor dem Turm umkreisten. Aus dem Wächter war nichts herauszubringen als das eine: Der Mann im schwarzen Mantel schritt durch das geschlossene Turmtor, ohne daß sich dessen Angeln drehten. Als er aber das erste Mal gekommen sei, habe er ihm folgendes gesagt: Mein Anblick tötet dich. Ich schone dich, solange du allein wachst. Erblicke ich dich mit Kameraden, so bist du wie sie des Todes. Daher sich niemand herbeidrängte, dem Wächter Gesellschaft zu leisten. Auch hütete sich im Hause ein jeder wohl, die Augen aufzutun, solange »der Schwarze« darin war. Der Wachthund, ein riesiges Tier, war am Morgen nach dem ersten Erscheinen mit durchbissener Kehle gefunden worden. Das Gespenst blieb stets nur ganz kurze Zeit im Palast. Seine Anwesenheit machte sich lediglich durch ein sonderbar tappendes Geräusch von vielen Schritten, wie von Kindern, die ein Mann begleitet, merkbar. Kaum, daß dieses Geräusch vorüber war, konnten die Mutigeren von ihren Fenstern aus Pferd, Reiter und Lichter im Walde verschwinden sehen: in der Richtung zum Waldschlosse Samalios.

Messer Giacomo, der nicht im Palast wohnte, sondern ein kleineres Haus in der Mitte der Stadt angewiesen erhalten hatte, berichtet alles dies vom Hörensagen nach Erzählungen der Dienerschaft. Da er es für angebracht hielt, einen reitenden Boten nach Rom zu senden, um die Herrschaft von dem unheimlichen Wesen zu unterrichten, aber nicht ohne die Meinung der Tochter des Hauses handeln wollte, der er überdies Schutz und Beistand bei so schreckhaften Umständen anzutragen sich verpflichtet glaubte (denn alle oberen Hausbediensteten waren mit auf der Reise), so begab er sich zu Maria Bianca:

»Ich fand das edle Fräulein,« so schreibt er, »gegen alle Erwartung heitern Sinnes, obgleich sehr blaß und trotz des Lächelns in den schönen Augen, gleichsam wie eine Kranke, welche die Tröster trösten will. Sie scherzte über das Gerede des Gesindes und sprach: Ich habe wahrlich keine Furcht vor dem Gespenste: so wenig, daß ich meine Kammerfrau, die früher bei mir schlief, aus meinem Schlafzimmer getan habe. Das alles sind nur Torheiten, und es ist nicht wert, darüber zu sprechen, geschweige denn einen Boten aufs Pferd zu setzen. -- Auf so bestimmte Meinung des gnädigen Fräuleins hin unterließ ich die Botschaft.«

Nach seinem letzten, schreckhaften Besuche bei Samalio indessen überkam ihn doch aufs neue Angst, zumal von Bauern aus der Umgebung des Waldschlosses schon früher aufgetauchte Gerüchte bestätigt worden waren, es ginge auch dort Absonderliches vor: mit seltsam singenden Stimmen und einer sonst nie wahrgenommenen bunten Helligkeit hinter den Fenstern. Und er ging nochmals zu Maria Bianca. Er schreibt (mit zitternden Händen, wie er vorausschickt): »Was habe ich sehen müssen! Schlimmeres als eine Kranke. Ihre Augen leuchteten wie im Fieber und sie entsetzten mich, da ich sah, daß sie jetzt denen des Ungeheuers gleichen. Sie ist ganz verändert und dennoch so schön wie je. Aber anders. Gott verzeihe mir den Frevel, daß ich so denke und es hinschreibe: Ihre Schönheit ist schamlos worden. Wie das? Wie darf ich so Unmögliches denken? Jedoch: ich sah es. Mit diesen Augen sah ich den gleißenden Wurm in ihren Augen. Und wenn alle Heiligen um mich her stünden, und alle ihre Martern mich bedrohten, und alle ihre Seligkeiten mich zurückschreckten vor jedem unbedachten Wort, -- ich muß es sagen (und schrecke doch zusammen, wie ich es nun schreibe), sie hat den verruchten Stolz der großen Huren im Blick. So brennen die Lippen keiner Keuschen. Keine reine Jungfrau liegt so im Gestühl. Selbst in ihrer Stimme ist nicht Unschuld mehr. Es ist eine bebende, wollustnachzitternde Reife in ihr, die wie eine schamlose Offenbarung des Geheimsten ist. Da ist Sättigung und Begierde, aber etwas Drohendes und doch Verzweifeltes ist dabei. Ich suche vergeblich, es in Worte zu fassen. Die toskanische Sprache, reich genug wie wir wissen, Himmel und Hölle zu malen, scheint unvermögend, diesen Triumph voller Qual, dieses Beben aus erfülltem Stolz auszunennen. -- O, ich konnte wohl alle meine Fragen und Berichte, derentwegen ich gekommen war, für mich behalten, denn ich wußte auf einmal alles: Nicht törichtes Geschwätz der Gesindestuben ist dieser Spuk, der sich hier begibt und dort erzeugt wird: ist Wahrheit, furchtbare, schändliche, höllische Wahrheit. Das Ungeheuer drüben, unvermögend, diesen Engel blutschänderisch selbst zu gewinnen, hat sich mit der Hölle verbündet, ihr den Inkubus zu senden, und dem ganzen Teufel gelang, was dem halben mißlingen mußte. Der Engel ist gefallen: eine Teufelshure richtet sich auf im verfluchten Stolze der Wollust. In diesem Hause wohnt die geile Pest der Hölle, gesandt von jenem Scheusal, das durch den Anblick einer reinen Schönheit zum Wahnsinn und vom Wahnsinn zum Frevel aller Frevel getrieben wurde: zur Zauberei. -- Wie groß ist doch die Macht des Bösen! Als sie mich anlächelte und mit einem seltsam vollen Tone von scheinbarer Sorglosigkeit sagte: »Nicht doch, Messer Giacomo, bei meinem Bruder sind so wenig höllische Geister wie hier, und es tut wahrlich nicht not, die Eltern zu erschrecken,« da war ich einen Augenblick selber im Netze des Teufels und gedachte wiederum, die Botschaft sein zu lassen. Aber siehe, der Böse verrät sich schließlich doch: Denn es kamen noch die Worte (gewiß aus widerwilligem Mund, denn ich sah, daß er bebte): Das Schicksal ist weder aufzuhalten noch zu beschleunigen. Es erfüllt sich, wenn es zeitig ist. -- Ich verbeugte mich, nahm Urlaub und ging. -- Der Bote ist auf dem Wege. Wär' ich bei besseren Kräften, ritte ich selbst. Denn es ist wahrlich besser, im Sattel zu sitzen und auf unsicheren Straßen Tag und Nacht zu reiten, als hier zu sein, wo sich so Schreckliches begibt und noch Entsetzlicheres vorbereitet.«

Folgt ein Gebet zu allen Heiligen und ein Spruch zur Abwehr der Dämonen.

Aus den weiteren Aufzeichnungen des Florentiners ergibt sich dies:

Die Eltern schickten den reitenden Boten sofort mit der Anzeige zurück, daß sie sich unverweilt auf die Rückreise begeben würden. Diese Botschaft, mündlich gefaßt, erging an die Tochter und kam zu später Abendstunde an. Das Gesinde, sehr erfreut darüber, benachrichtigte sogleich Messer Giacomo, der sich auf der Stelle in den Palast begab, am Morgen des folgenden Tages gleich zur Stelle zu sein. Maria Bianca, statt ihn vorzulassen, ließ ihm sagen, er habe sich übel um ihre Eltern verdient gemacht. Wenn ihm sein Leben lieb sei, möge er sich stille halten und seinen Fürwitz nicht weiter treiben. Er schloß sich erschreckt in sein Zimmer ein. Kaum eine Stunde später begab sich das Übliche. Nur, wie die Dienerschaft erklärte, heftiger, lauter als sonst. Man hörte das Fräulein stöhnen und eine heisere Mannesstimme. Türen fielen ins Schloß, ein gräßlicher tierischer Laut fauchte heulend auf und ging in ein wütendes Wimmern über, das lange anhielt. Es schien aus dem Schlafzimmer des Fräuleins zu kommen.

Der ›Inkubus!‹ dachte sich Giacomo und schlug, solange es erklang, das Kreuz. Endlich ward es still, aber niemand wagte sich aus seinem Zimmer.

Am frühen Morgen schon kam die Herrschaft an. Die Nebel hatten sich noch nicht gehoben. In den Korridoren des Palastes lag dämmeriger Halbschein. Der Vater befahl eine Laterne und begab sich, wie er ging und stand, im Reisepelze zum Zimmer Maria Biancas, denn er hatte der ungewiß enthaltenen Botschaft entnommen, daß sie krank sei von dem Spuke. Messer Giacomo, in dessen Ohren noch immer das gräßliche Wimmern klang, führte die ganz erschöpfte und geängstigte alte Dame. Die Dienerschaft drängte hinterdrein.

Ein paar Schritte vor der Tür machte der Graf halt und wandte sich an Giacomo: »Ihr habt mir nicht alles gemeldet. Es steht schlimmer. Warum kommt sie uns nicht entgegen?«

»O mein Gott,« seufzte die Gräfin und schritt am Grafen vorbei zur Tür.

»Nicht doch, nicht doch!« bat Messer Giacomo. »Nicht hinein!«

»Sagt alles,« befahl der Graf.

Der Florentiner trat nahe an ihn heran und flüsterte: »Es ist unmöglich zu sagen. Ich kann nur bitten, schlagt das Kreuz und laßt mich vorangehen.«

Der Graf sah ihn groß an. »Ins Schlafzimmer meiner Tochter? Seid Ihr von Sinnen?«

Messer Giacomo rang die Hände und flüsterte noch leiser: »Sie ... schämt sich nicht mehr.«

Der Graf hob die rechte Faust -- und ließ sie schlaff sinken. Dann winkte er der Dienerschaft zurückzubleiben und stöhnte: »Wenn Ihr die Wahrheit gesagt habt, töte ich sie, habt Ihr gelogen, töte ich Euch.«

Er griff nach seinem Dolche und tat einen Schritt voran.

Die Gräfin hatte indessen ihr Ohr an die Türe gelegt und gebot mit der Hand Schweigen. »Mir ist, ich höre sie röcheln.«

Sie klopfte leise an die Türe.

Ein sonderbares Knurren wurde vernehmbar.

»Der Inkubus,« schrie Messer Giacomo auf und wandte sich wie zur Flucht um. Der Graf packte ihn beim Handgelenk und zwang ihn zur Tür. »Öffnet! Und sei's mit Gewalt!« Giacomo drückte auf die Klinke. Die Türe tat sich auf.

Das Zimmer war ganz dunkel. Nur am Fenster glomm etwas Leuchtendes, wie wenn das Licht des Morgens aus zwei Löchern durch die vorgezogene schwere Samtgardine bräche.

»Da ... da ... dort sitzt er!« stöhnte Giacomo und bekreuzte sich.

In diesem Augenblicke flogen die zwei hellen Punkte in einem großen Bogen durch das Zimmer über die Köpfe der Eingetretenen hinweg -- hinaus. Gleich darauf erhob sich, während die drei, von Entsetzen gepackt, am Türpfosten Halt suchten, im Korridor Geschrei und Gekreisch der Dienerschaft, überschrillt von einem langgezogenen wütenden Geheul, das dann in Fauchen überging und schließlich knurrend zu verröcheln schien. Dann hörte man das Gesinde die Treppe hinabpoltern und die Treppentüre zuschlagen.

Der Graf kam zuerst zu sich. Er ging zum Fenster und riß die Gardinen auseinander. Das Zimmer war leer. Das Bett hinter den geschlossenen Vorhängen unberührt.

»Wo ist sie?« stöhnte die Gräfin auf und sank vor dem Bett zusammen.

Der Graf sah Messer Giacomo fragend an.

Der flüsterte, mit dem Kopf zur Türe: »Das war sie ... die Hexe.«

»Licht!« schrie der Graf den Korridor hinaus.

Niemand kam.

»Sie fürchten sich. Wer fürchtete sich hier nicht?« murmelte der Florentiner.

»Was könnte ich noch zu fürchten haben,« murmelte tonlos der Graf und schritt zur Türe.

Links neben der Tür stand am Boden die Laterne. Er hob sie hoch. Ihre Verrahmung und die ausgeschnittene Ornamentierung der Haube warfen ein Rankennetz von Schatten an Decke und Wand. Da die Hand des Grafen zitterte und die Laterne sich in der Handhabe drehte, war es ein huschender Tanz von Schatten und Licht. Da fiel aus der größten Scheibe ein gelber Schein auf etwas Geducktes, Schwarzes in einer Ecke.

Der Graf ging unsicheren Schrittes darauf los, machte das Zeichen des Kreuzes und murmelte: »Bist du es?«

Das Wesen, nun wieder verschattet, duckte sich noch mehr zusammen und knurrte tückisch.

Da ergriff den Greis eine wahnsinnige Wut. Er riß den Dolch aus der Scheide und warf sich mit dem ganzen Gewichte seines Körpers vornüber auf das Dunkle, den Dolch voran. Er fühlte einen heißen Hauch in seinem Gesicht und heißes Blut über der Faust. Wild packte er mit beiden Händen zu, und zwischen seinen eingekrallten Fingern verreckte eine riesige Wildkatze. Er trug sie, die Hände weit vor sich gestreckt, keuchend zum Zimmer und warf den noch zuckenden Leib auf das Bett Maria Biancas. Dann kniete er nieder, schlug die blutigen Hände vors Gesicht und betete -- für die Seele seiner Tochter.

Die Gräfin lag ohnmächtig vor dem Bett. Auf ihre Stirn tropfte das Blut des Tieres.

Messer Giacomo schreibt: »Auch ich hatte schier die Besinnung verloren. Das Herz saß mir im Halse. Ich fühlte sein Pulsen im Hirn. Vor meinen Augen war ein roter Dampf. Ich weiß nicht: war das das Blut, das mir so heftig zusetzte, oder höllische Vortäuschung. Durch das rote Dunkel hindurch sah ich die Augen des Teufeltieres verlöschen: und es waren genau die Augen Maria Biancas. Ihr letzter Blick, voller Wut, galt mir. Ich wehrte dem Bösen mit dem Kreuze und kniete gleichfalls nieder, für die arme Seele zu beten. Dann trugen wir, der Graf und ich, die edle Dame in ihr Gemach, beide im Herzen dankbar, daß sie nicht zu sich kam. Darauf erzählte ich dem unglücklichen Vater alles, was ich wußte. Wer etwa Zweifel daran gehegt hätte, daß der aus altrömischem Heldenblute stammte, der würde sich jeglichen Zweifels daran wohl begeben haben angesichts der Größe und Festigkeit, mit der der Graf nach Anhörung meines Berichtes nichts weiter sagte als: »So bleibt mir nur noch übrig, auch ihn auszutilgen.«

Er ließ für sich, Giacomo und zehn Knechte satteln, setzte, für den Fall, daß er im Kampfe mit dem Zauberer zu Tode kommen sollte, sein Testament auf, sein ganzes Vermögen der Kirche vermachend, tauchte Schwert und Dolch in geweihtes Wasser und ritt langsam mit seinen Begleitern zum Walde. Rechts von ihm ritt Messer Giacomo, links der Turmwächter. Dieser, sonst der Mutigste unter allen Dienern des Grafen, wankte schier im Sattel und war entstellt von Angst und Grauen. Sein Gebieter sprach ihm Mut zu, aber je näher sie dem Schlosse kamen, um so unsteter wurde sein Blick, um so blasser sein Gesicht.

Wie sie des Schlosses ansichtig wurden, das im fahlen Lichte eines sonnenlosen Tages dastand, wie aus glanzlosem Blei, graubläulich, gleichsam tückisch, hieß der Graf alle von den Pferden steigen und niederknien zu beten. Dann, als sie wieder im Sattel saßen, mußten sie die Schwerter ziehen, sie steil gerade vor sich halten als Kreuzeszeichen und die Hymne singen:

Wir ziehen aus, zu streiten Für Jesu Christ, Der unserm tapfern Reiten Unsichtbar Führer ist, Seine Fahne, schneeweiß, Kyrieeleis, Wird uns zum Sieg geleiten.

»Es war uns allen,« schreibt der Toskaner, »ausgenommen den alten Herrn, wie ich anbetrachtlich des Funkelns in seinem Aug', glaube, nicht gar mutig zu Sinne. Aber das Lied, wie es aus uns drang, umgab uns gleichsam mit dem Atem tapferer Erzengel. Als wir vor dem Tore hielten, sah ich, daß alle Knechte wacker rote Wangen hatten, bis auf den Wächter.«

Da das Tor verschlossen war (wie auch alle Fenster, die Läden vorhatten), schlug der Graf mit dem Knaufe seines Schwertes daran und rief: Im Namen des Dreieinigen, öffne!

Statt der Antwort erfolgte ein harsches, gaumiges Röcheln. Dann klirrten Schlüssel, die Türflügel kreischten in den Angeln, und aus der Öffnung trat der alte Diener, sogleich in die Knie sinkend und beide Arme ausbreitend. In seinem qualvoll aufgerissenen Munde sah man die schwere Zunge wie im Krampfe zucken, während im Gaumen wieder die entsetzlichen nach Ausdruck ringenden Laute röchelten. In den blinden Augen lag leer, grau der Widerschein des dunstigen Himmels.

Der Florentiner berichtet: »Obgleich der Erbarmungswürdige weder mit dem Munde noch mit den Augen zu sprechen vermochte, verstanden wir ihn doch alle gleich und wußten, daß das Scheusal tot war.«

Der Graf winkte den Knechten, zurückzubleiben und gebot dem Stummen, ihn und Giacomo zur Leiche zu führen. Der aber warf sich lang auf die Erde bin, als ob er sich mit den Händen in sie einkrallen wollte.

»Da wußten wir,« schreibt Giacomo, »daß uns noch Schlimmeres bevorstand, etwas, das selbst den entsetzte, den Blindheit davor bewahrt hatte, es sehen zu müssen.«

»Ich möchte es Euch, Messer Giacomo,« sagte der Graf, »gerne ersparen, mich zu begleiten. Aber, seht, mich wandelt jetzt Furcht an, da ich mich doch nicht davor gefürchtet habe, den zu töten, der das Leben von mir hatte. O mein Gott, warum begnadigst du mich nicht mit Blindheit! Furchtbares zu tun, hat für den Edlen keinen Schrecken, wenn Not und Pflicht gebietet. Aber es gibt Dinge von einem Antlitz, dessen Ahnung schon auch den Tapfersten zur Flucht scheucht. Doch es muß geschehen. Ich muß mit diesen Augen sehen, was mein Herz schon weiß. Messer Giacomo, die Sünde braucht den Teufel nicht. Wenn Ihr Euch jetzt noch vor höllischen Geistern fürchtet, so sage ich Euch: Ihr könnt ruhig mit mir gehen. Wenn Ihr aber dem Grauen nicht gewachsen seid, das von der verfluchten Natur ausgeht, aus der wir alle sind, so sage ich Euch: Laßt es mich allein ertragen, der ich es muß, weil ich mit meinem Blute daran schuldig bin.«

Der Florentiner, der diese Worte so berichtet, fügt hinzu: »Auch jetzt, da ich dies mit Besonnenheit aufzeichne, verstehe ich es nicht, geschweige denn, daß ich es verstand, als ich es vernahm. Der Böse, dessen augenscheinliches Werk mein armer edler Herr von jenem Augenblick an leugnete, hat ihn verwirrt. Gelobt sei Gott dafür, daß er wenigstens meinen Geist vor Verdunklung schützte.«

Die beiden gingen durch dunkle Korridore, dunkle Treppen hinauf zu dem großen Turmgemache, das Giacomo als Werkstatt des Malers kannte, und wo er mit Recht vermutete, daß sie seine Leiche finden würden.

Lassen wir ihn berichten: »Ich schritt voraus und hob den ledernen Vorhang auseinander, daß der Graf eintreten konnte. Er ging aber nicht mit mir ins Zimmer, sondern hielt sich rechts und links mit der Hand am Türvorhang fest. Ich hörte, wie sein Atem ging, und war froh, dies Leben zu hören, denn es kam nun das schwerste Grauen von allem über mich, so, daß ich nicht mit Schritten zu gehen wagte, sondern, keinen Fuß hebend, mich gleichsam füßlings über den Teppich vorwärts tastete. Da stieß ich mit den Knien gegen etwas Weiches an und bog mich behutsam darüber, die suchenden Hände vorstreckend. Nie vordem habe ich gewußt, daß das furchtbarste Grauen, das der Mensch empfinden kann, in den Fingerspitzen wohnt. Alle Qual der Furcht, des Entsetzens, das sich gleichsam zurücksträubt und doch wie eine willenlose Last langsam, fürchterlich langsam und dennoch unabwendbar, vorwärts wuchtet, saß knäuelhaft, wie geduckt zusammengerollt unter meinen Fingernägeln, die mir (doch war das sicherlich Blendwerk) zu leuchten schienen. Dies alles währte kaum die Dauer eines Atemzuges und war dem Gefühle nach eine Ewigkeit -- bis der Augenblick kam, da die Qual gleichsam in die Wut umschlug, sich selber ein Ende machen zu wollen, und sei es durch noch Schlimmeres. Ich warf mich vornüber und flog mit einem grauenhaften Schrei zurück. Meine Hände hatten zwei nackte, schauerlich kalte Frauenbrüste gefühlt, mein warmer Mund einen kalten berührt.

Ich taumelte bis zum Vorhang zurück und keuchte: »Die Hexe! Dort!«

Der Graf drängte mich beiseite und murmelte: »Ich wußte es.« Dann, ein paar Schritte vorwärts tuend, lauter: »Ich bitte Euch, laßt Licht herein. Ich fühle die beiden, und es verlangt mich nun sie zu sehen.« Er schien ganz ruhig. Ich hörte seinen Atem nicht mehr. Ein Knarren verriet mir, daß er auf einen Stuhl getroffen war, in den er sich niedergelassen hatte.

Ich tastete mich die Wand entlang zum Fenster, um ja nicht beim Durchschreiten des Zimmers nochmals in Berührung mit einem der beiden verfluchten Leiber zu kommen. Denn noch immer rann ein schaudervolles, eisiges Entsetzen durch meine Adern. So voller Grausen war ich und gleichsam angstbeflissen, daß, als des Grafen Hand an der Seite der Stuhlwange herabglitt, ich beim Hören des leisen, schürfenden Tones zusammenknickte, für einen Augenblick nicht anders vermeinend, als es sei ein Seufzer aus toten Lippen.

Endlich war ich beim Fenster angelangt und fühlte die Quaste der Vorhangschnur in meiner Hand. Ich brauchte meine ganze Kraft zu der geringen Arbeit, die Gardine sich teilen zu lassen: so völlig erschöpft war ich. Um aber das Fenster und den einen Laden zu öffnen, bedurfte ich der Hilfe des Gebets. Ich rief laut die Madonna an, mir beizustehen.

Da hörte ich einen greulichen Fluch. War da mein alter, edler, frommer Herr, der über die Reinste der Reinen das schmutzigste Wort spie?

Wollte Gott, ich dürfte noch glauben, daß er der Satan selber war, wie ich es damals glaubte. --

Ich riß Fenster und Läden auf, indem ich, ohne mich umzuwenden, schrie: »Fleuch hinaus, Geist der Finsternis! Weiche, weiche, weiche von uns, Fürst der Hölle!« Und legte meine Stirn aufs Fensterbrett, nochmals zu beten. Der feuchte, kalte Wind aus dem Walde strich mir übers Haar und weckte mich gleichsam aus dem wohltätigen Schlummer der Andacht, die mich aber doch so weit gestärkt hatte, daß ich spürte, es sei geraten, mich diesem Luftstrome nicht länger auszusetzen. Ich wandte mich um, vermied es aber wohl, dorthin zu blicken, wo ich die beiden Leichen vermutete. Doch sah ich den Grafen. Er saß in dem flammrot seidenen hochlehnigen Stuhle des Malers, den ich wohl kannte mit seinen goldeingewirkten Zeichen einer fremden heidnischen Schrift. Steif angelehnt saß er, ganz regungslos; auch die Arme und Hände, gerade hingelegt auf die Armlehnen, rührten sich nicht im mindesten. Man hätte meinen können, er sei tot.

Nur die Augen lebten. Lebten gierig.

Und es waren die Augen des Scheusals.

Mir war, als starrten diese selben Augen überall her: kalt glühend durch das kalt graue Morgenlicht. Sie glotzten kugelig von den Buckeln der kupfernen Wandleuchter, blinzelten verkniffen aus allen Facetten der Gläser und Flaschen auf dem Kredenzbord, schossen blitzende Blicke von den Spitzen der Degen, Dolche, Hellebarden an der Wand, lauerten tückisch in allen Falten der Vorhänge.

Ich sah wohl, daß der Böse sich nicht hatte bannen lassen durch meine Gebete, und bald mußte ich es auch hören.