Part 7
Einiges sei in wörtlicher Übertragung hergestellt. So, was der Toskaner über Samalios Kunst und Wesen im allgemeinen sagt: »Es ist ein sonderbares Ding um die Kunst dieses ungebärdigen Menschen. Sie ist voller Lästerung des Lebens, das in ihr nicht von Gott zu sein scheint, sondern vom Teufel. Malt er den Wald (wie er insonders gerne und nicht ohne Geschick tut), so ist es, als ob die Bäume ein jeder dämonisch besessen wären; kein Pflanzenwesen, sondern ein Tier, und alle zusammen sind wie eine Versammlung von Gespenstern, daß man sich fürchtet, in das Dunkel hineinzusehen, das wie aus ihnen innerst herauskommt: aber nicht schwarz, sondern bräunlich. Er hat, genau wie sie um sein Kastell im Felsgebirg stehen, Pinien gemalt, als welche doch freundliche Bäume sind, von edler Liniatur und eigentlich wohltätig, da sie von oben Schatten geben, aber, des fehlenden Unterästichts halber, der Luft den Weg nicht sperren. Bei ihm aber sind sie Ungetüme, die mit borstigen Schädeln widereinander rennen. Nicht so, als ob er ihnen Gesichter malte. Das wäre am Ende lustig. Sondern es sind Schädel von Riesen, die noch niemand sah, von Riesenwesen aus Baumart und doch tierisch. Sie sind bös und alle untereinander feind. Es ist, als ob sie sich gegeneinander stemmten mit diesen wilden Köpfen, daß sie so, ihre Kräfte vereinigend, mächtig würden, ihre Stämme aus dem Erdreich zu reißen. -- Nicht anders macht er es mit Tieren und Menschen. Gott schuf sie, wie wir alle sie sehen. Dieser Ungestalte bildet sie ungestalt. Seine Pferde sind langhaarig wie Ziegen, und man möchte zugleich glauben, daß sie auch von Ebern stammten. Nie malt er sie anders als rot und schwarz gefleckt. Doch eine Schimmelstute hat er gemalt, das schamloseste, das je erdacht worden ist: ein Pferd mit Menschenhaut, ganz ohne Haar, bis auf eine Stelle, die er zum Mittelpunkte des Bildes gemacht hat. Das Tier, das Menschentier, biegt den Hals in einer schmerzhaft-unmöglichen Linie um und wendet so dem erschreckten Betrachter seinen Kopf zu, der zwar der Kopf eines Pferdes ist, aber so mit den Zügen eines Weibes vergattet, daß man die Augen niederschlagen muß. Denn es lacht auf eine schändliche, buhlerische und doch höchst klägliche Art. Es hat entzündete blaue Augen. Dafür hat er ein Weib gemalt mit dem Fell einer blau und schwarz gestreiften Katze. Dieses Weib reitet auf einem Manne, der das Zottelhaar eines weißen Schäferhundes hat und vorstehende Raffzähne gleich dieser Hundeart. Es reitet verkehrt auf ihm, sich mit beiden Händen an die buschige Rute ankrallend. Und der Hund-Mann hebt den Kopf nach Art eines heulenden Rüden, der die Matz wittert.
Fragte ich ihn, was alles dies bedeute.
Antwortete er: »Nicht weniger und nicht mehr als das, was eure Welt ist: meine.«
Sagte ich ihm: »Das heißt Gott höhnen.«
Antwortete er: »Niemand höhnt Gott mehr, als Gott sich selber verhöhnte, wie er den Menschen nach seinem Ebenbilde erschuf. Schaut mich an und sprecht: Sieht so Gott aus?«
Schwieg ich aus höflicher Rücksicht.
Lachte er (was nun bei ihm Lachen heißt: ein Zucken um die Mundwinkel) und sprach: »Oder, wenn _ihr_ ins Glas seht: seht ihr _Gott_ gespiegelt?«
Entgegnete ich (mit gerechtem Fuge streng): »Nicht also ist jenes Wort der Schrift gemeint. Gott ist das vollkommen Schöne: wir nur unvollkommene Abbilder, verzerrt obendrein durch die Erbsünde und den Fluch darauf.«
Lachte er nochmals (und ganz abscheulich), also sprechend: »So wäre Gott ein Stümper oder hätte getan, was ich tue.«
Ging im Gemach herum und rieb sich die Hände, daß es knackte, wie Holzscheite. Blieb plötzlich stehen und sah mich mit verkniffenen Augen an. Und schrie: »Der Fluch! Die Sünde! Was heißen diese Worte? Daß er Fratzen braucht, sich zu vergnügen: Euer schöner Gott! Denn (und das sprach er leise, gar ernsthaft) als Stümper ist er nicht zu denken.«
Warf sich ins Gestühl und starrte ins Deckengebälk, dorthin, wo der greuliche Leuchter hängt, den er in der Grabhöhle der Heiden gefunden hat: ist als eine große Sonnenblume gebildet, aber jedes Blatt hat die Form der weiblichen Scham, daß jede Kerze, darein gesteckt, zum Phallus wird.
Saß lange schweigend, bis er sprach: »Nein, kein Stümper. Sondern wahrlich Gott: wahrlich Künstler. Und wir bloß Affen seiner Kunst. Aber (und dies rief er wieder laut, hell, wütig, indem er aufsprang): Alles dürfen wir, was er darf: alles. Und sind ihm um so ähnlicher, je mehr wir die göttliche Freude an der Fratze haben: diese Freude des großen Zorns, aus dem allein die Lust des Schaffens kommt. Denn die Liebe ist das Ekelhafte, ist das Sichbegnügen mit dem, was da: was langweilig, immer das gleiche, verflucht und noch einmal und in alle Ewigkeit verflucht das gleiche ist. Vulva und Phallus. Das ist für die Herde: im Schweinekoben und im Fürstenbette dasselbe. Aber einigen ist es gegeben, sich wie Gott selber zu vergnügen, weil sich Gott in ihnen am meisten vergnügt, da sie die vollkommensten Fratzen seiner selbst sind. Das sind die Künstler. Sie wissen, daß Gott die Welt nicht aus Liebe erschaffen hat, sondern aus Not ... Gott! Was ist Gott? Was ... wäre Gott? Gott wäre die Einsamkeit.«
Trat ganz nahe an mich heran, und seine Augen waren fürchterlich, als er sprach: »Vernehmet, Mann aus Toskana, und bewahrt es wohl, denn es ist die Wahrheit: Gott war tot, als er die Welt schuf. Als er lebte, war nichts um ihn: Er war das All, die unbewegte Leere, das vollkommene Nichts, das ist: das einzig mögliche vollkommene. Doch wäre er nicht Gott: nicht Geist gewesen, wenn ihm diese Ewigkeit, diese scheußlich vollkommene Ewigkeit genügt hätte. Es kam die Not des Wollens über ihn, und er beschloß, zu sterben, daß aus seinem Tode die Welt, aus seiner Einsamkeit die Vielheit des Lebens würde: nicht anders, als wie aus einem Leichnam Würmer werden.«
Ich entsetzte mich über diesen Unflat schändlicher Einbildung, schlug dreimal das Kreuz und erhob mich, zu gehen. Er aber legte seine beiden harten Hände auf meine Schultern, daß mir nicht anders war, als wenn Satanas mich verderben wollte, und drückte mich ins Gestühl.
Und sprach: »Höret nur weiter! Es ist nicht gut, die Wahrheit halbet zu vernehmen. Auch ist nicht gottlos, was ich Euch sage. Denn seht: ob Gott auch tot ist: die Welt ist dennoch göttlich, da sie von ihm ist. Zwar sind die Kreaturen nur Würmer, die von seinem Tode leben, aber es ist doch göttliche Nahrung, die sie erhält.«
Ich raffte mich auf und verwies ihm sein Gerede, indem ich ihn einen heidnischen Sophisten hieß.
Er schüttelte den Kopf: »Was mich von Eurer Art Christen unterscheidet ist nur, daß ich von Gott einen zu göttlichen Begriff habe, um vermeinen zu können, daß diese langweilige Welt des ewig Gleichen sein Leben umfassen oder ausdrücken könnte. Ich denke von Gott so hoch, daß mir sein Totes noch göttlich genug deucht für unsereins, ja als das einzig Göttliche, das wir vertragen können. Gott und Welt: Einsamkeit und Leben verträgt sich unmöglich. Und seht doch: Ist das nicht christlich gedacht, daß er für uns starb? Und was sage ich mit den Würmern anders als dies: daß er uns die Erbsünde vermacht hat?«
»Ihr spottet,« rief ich laut, »und spottet Euch um die ewige Seligkeit!«
»Damit ist es freilich nichts,« sagte er ernsthaft, »denn Gott hat sie selber aufgegeben: auch er vermochte es nicht, sie zu ertragen. Das war ja seine Not, die ihn zu sterben, als Gott zu sterben und im Gewürme weiterzuleben zwang. Die große Not der Langenweile war es. Jetzt ist er ihrer ledig. Der tote Gott vergnügt sich in der Vielheit von Fratzen, in denen er lebt: und wenn es auch gewiß ein zorniges Vergnügen ist, so ist es ebendarum göttlich. -- Hier, bei mir (er wies um sich), hier in mir (er schlug sich auf die Brust) ist ihm am wohlsten. Denn meine Welt ist nach seinem Rezept gemacht, und ich sterbe gleich ihm einen Tod der zornigsten Not.«
Indem er dieses sagte, war mir, als ob in seinen Augen etwas glömme: ich weiß nicht, war es Wahnsinn oder Begeisterung.
Die Madonna sei ihm gnädig! Er spricht nie von ihr, und, ob er sich mit seinem Malgeräte auch an allem vergreift, was uns heilig, ihm aber nur ein Anlaß zu schändlicher Fratzerei ist: sie malt er nie.«
* * * * *
Das Kastell, in dem Samalio die meisten seiner Tage und Nächte verbrachte, lag abseits der Stadt auf gewachsenem Fels, in den Terrassen eingehauen waren. Aber bis nahe dorthin, wo der Stein sich nackt emporhob aus dem Erdreich, stand starker Wald: Steineichen, Pinien; auch Zypressen und Kastanien. Es waren mächtige, herrische Bäume, die es nicht duldeten, daß Kleines neben ihnen aufkam. Nur der Blitz durfte die Riesen fällen oder das Alter. Dann wuchs aus ihrer Fäulnis das Neue. Es gab allerlei wildes Getier dort: vornehmlich Wildkatzen und Luchse, am allermeisten aber Geier und Eulen. Nachts, so berichtet der Toskaner, war es lauter um das Schloß, als bei Tage. Denn, so sagt er: »Da es dunkelte, wachten die Räuber auf, denen tagsüber selbst der finstere Wald zu helle war, und riefen einander oder kreischten auf beim Mord: der Luchs, heulend wie ein Wolf, der rote Wildkilling, tückisch jaulend; aber am fürchterlichsten die große Ohreule mit ihrem tiefen u-hu, das wie Klage tut, aber Blutgier ist.«
Doch behagte gerade dieses Nachtkonzert der Unholde dem Mißgestalteten, der von sich behauptete, gleich Luchsen, Katzen, Eulen nachts besser zu sehen als bei Tage, weshalb er sich erst bei Tagesgrauen zur Ruhe begab und bis zum hohen Mittag schlief.
»Die braune Nacht,« so sagte er, »hat tiefere Farben, als der milchige Tag. Sie schillert nicht, sie glüht. Ihr Braun ist eigentlich altes Gold, gemischt mit dem Rot geronnenen Blutes. Auch ist ein tiefes Veilchenblau dabei. Zuweilen haben alle Konturen tief purpurne, zuweilen tief orangenfarbene Lichtabgrenzungen. Auch Schatten gibt es noch in der dunkelsten Nacht: sie sind das Wunderbarste an Farbe; aber auf der Palette gibt es dieses Braun der tiefsten: ganz schon geistigen Tiefe nicht. Es ist, als ob die Nacht dieses Braun träumte.«
Er malte nur in diesen, nur von ihm gesehenen Nachtfarben, und so darf man es dem Toskaner glauben, daß Samalios Bilder waren »wie aus einer anderen Welt, die das Licht nicht von unserer Sonne hat: man mußte glauben, sie hatten es aus den Augen dieses Nachtmenschen, der, obzwar bei Tage (doch nur in der Dämmerung) malend, immer nur nächtige Bilder schuf, als ob es keinen Tag gäbe. Indessen waren unter seinen Tafeln solche, in denen eine unbeschreibliche dunkle Glut bebte, vergleichbar dem Lichte, das in manche Edelsteine eingeschlossen zu sein scheint, die noch im Finstern leuchten.«
Danach könnte man meinen, daß Messer Giacomo die Bilder Samalios in den Farben schön gefunden habe. Doch weit gefehlt. Er nennt ihre Farben bald »höllisch«, bald »grausam«, dann einmal »blutrünstig«, wieder einmal »schändlich geil«, einmal sogar »himmelschreiend bäuerisch und barbarisch, ohne jedes Gefühl für Feinheit und Würde«. Sie »tun dem gebildeten Auge weh und rufen Angst und Schrecken hervor, anstatt daß sie erheitern«.
Der Toskaner hatte von sich aus zweifellos recht, aber ebenso zweifellos ist, daß Samalio nicht gemalt hat, um Messer Giacomo zu erheitern. Es lag ihm nicht einmal daran, daß der Herr von Certaldo alto sie ansah. Wir wissen es von diesem selbst, daß er stets ungeladen das Kastell besuchte. »Ritt wieder einmal zur Zentaurenburg, um mir die Grillen zu vertreiben. Wurde übel empfangen, sah aber doch Neues. Wie immer: Greuel über Greuel. Die große Tafel aber will er noch immer nicht zeigen.«
Von dieser wird noch zu handeln sein.
Vorerst möge aus des Toskaners Aufzeichnungen zusammengestellt werden, was etwa weiter dazu dienen kann, uns einen Begriff vom Wesen und Leben dieses wunderbaren Menschen zu vermitteln.
Aus diesen Notizen fügt sich das Bild eines Précurseurs des Rinascimento, jedoch ohne die bewußte Tendenz zur Antike.
Alle geistigen Strömungen bereiten sich vor: versuchen sich gewissermaßen in unzeitgemäßen einzelnen. Ehe sie zum Schicksale einer Zeit: ehe sie Epoche werden, treten sie gewissermassen als Ferment in den Schicksalen einzelner auf, die damit zur Einsamkeit verurteilt sind und, meist ohne jede sichtliche positive Wirkung, eine Bestimmung erfüllen, deren Sinn wir nicht begreifen.
Er hat dies selbst gefühlt. Eines Abends sagte er zu seinem Lehrer, der ihm berichtet hatte, daß das Volk ihn für einen Zauberer hielte: »Bin ich etwa keiner? Lebe ich nicht das Kommende voraus? Ist es nicht Zauberei, daß ich bin, als wäre ich mein Urenkel?«
»Wie das?« fragte der Toskaner.
Und Samalio antwortet: »Jeder von Euch hat den Glauben des anderen; jeder von Euch ist Nachbar: Stütze und gestützt; keiner von Euch ist frei: eine Kraft für sich. Ihr seid alle durcheinander bestimmt und findet das füglich. Selbst die gewalttätigen, die sich Herren heißen, handeln mit Rücksicht auf andere, sei es auch nur, daß sie über andere herrschen wollen. Für mich gibt es keine anderen. Ich kenne Euch nicht. Ich kenne nur mich. Ich bin so weit von Euch entfernt, wie von den Menschen, die den Turm von Babel bauten. Ich habe einmal davon gehört (als ich ein Kind war), daß es Menschen gibt außer mir, aber ich habe einsehen gelernt, daß das ein Irrtum ist. Dieses Märchen ist nur wahr für die, die keine Wirklichkeit in sich haben. Wer sich begriffen hat, weiß, daß er allein ist.«
»Als ich dies hörte,« fügt hier der Toskaner bei, »war mir einen Augenblick wahrlich zumute, als sei dieser Wahnsinn Wahrheit. Daran waren die (Gott verzeih' mir die Sünde) verfluchten Augen des Scheusals schuld, deren Blicke mich wie glitzernde Fäden umspannen. Ganz sicherlich: er ist mit dem Bösen im Bunde. -- Aber ich machte mich frei und rief: Wie? Denkt doch an Euren Vater, an Eure Mutter!«
Darauf hat Samalio erwidert: »Vater und Mutter sind nicht außer mir, sondern in mir, und nicht nur sie, sondern alle, von denen sie gekommen sind. Und nicht nur die, sondern alle Menschen, die je waren. Dies eben ist es, Mann: wer wirklich Einer ist, ist Alle, -- und braucht darum Keinen.«
Trotzdem berichtet Messer Giacomo, daß Samalio »von einer entsetzlichen Liebe« geplagt worden sei.
»Alle wissen es,« schreibt er, »und alle verabscheuen ihn darum noch mehr als um seiner Scheußlichkeit willen: daß er in unziemlicher Liebe entbrannt ist gegen seine leibliche Schwester Bianca Maria, die so schön, wie er häßlich ist. Sie wäre wert, daß man nach ihrem Antlitz die Madonna malte, denn auf ihm ist alle Holdseligkeit und Schöne vereinigt. Zweierlei nimmt mich wunder: daß diese beiden Geschwister sind, und daß er, das Ungetüm, es wagt, seine Blicke zu ihr zu erheben, deren Schönheit ihn, meine ich, doch eher mit Haß und Neid erfüllen müßte. Gepriesen sei Gott, daß das engelhafte Mädchen ihn verabscheut. Man sagt (und ich erachte es nicht für unmöglich, obwohl es nur ein Gerede ohne sichern Anhalt ist), daß er sie nachts in ihrer Kammer überfallen habe: doch ohne seinen nichtswürdigen Zweck zu erreichen, denn sie habe ihm mit dem großen Kruzifix, das über ihrem Bette hängt, einen Streich quer über die Stirne versetzt, wovon er (was ich selber wohl gesehen habe) eine tiefe Wunde davontrug. Und folgenden Tages (was wiederum zutrifft) sei er aus der Stadt gewichen, und seither rührt sein dauernder Aufenthalt draußen im Walde. Sie aber ist seitdem verzagt und seltsam schüchtern, derart, daß sie aller Männer Antlitz flieht; und hat sich ohne Widerrede auf Geheiß ihres Vaters einem Edelherrn aus der Nachbarschaft verlobt, dessen Antrag sie vorher zurückgewiesen.«
Es findet sich (begreiflicherweise; denn darüber hat Samalio sicherlich nie gesprochen) in dem Tagebuche des Toskaners keine Äußerung des Malers über seine Schwester. Doch ergeben sich bei genauerem Zusehen Zusammenhänge, die dem Berichterstatter offenbar nicht zum Bewußtsein gekommen sind.
Wir finden folgendes: »Fragte ich den Zentauren, warum er nicht die Madonna malte.«
Antwort: »Weil es unmöglich ist.«
Wiederfrage: »Haben es doch schon Tausende getan?«
Antwort: »Weil sie sie nie gesehen haben.«
Ich: »So hättet am Ende Ihr sie gesehen?«
Er: »Wohl.«
Tat ich erstaunt und fragte: »Ei: im Traume?«
Antwortete er: »Es ist kein Unterschied zwischen dem, was ihr in Traum und Wirklichkeit spaltet.«
Sagte ich: »Nun: man träumt im Schlafe und sieht wach.«
Betrachtete er mich erstaunt: »Und der Unterschied?«
Ich konnte es ihm nicht erklären, oder, wie ich besser sage: er stellte sich an, als begriffe er nicht, was doch auf der Hand liegt (wie es denn immer seine Art ist, Selbstverständliches unverständlich zu nennen). Also blieb mir verhohlen, wie das mit der Madonna gemeint.«
Ein andermal: »Fand ihn vor einem gar schändlichen Bilde. War der Christ am Kreuze zwischen den beiden Schächern. Es graute mir, als ich sah, daß er sich selbst als den Gekreuzigten gemalt hat, aber, so dies möglich, noch scheusäliger, als er wahrlich ist. Und war über und über voll Blutrunst. Hing ihm aus der Wunde vom Spieße des Lanzknechts geronnenes Blut traubendick und von der Schulterwunde wie rote Maiskolben. Saß im Brusthaar wie Grind. Hatte sich im Schamtuch ekel gesackt. War wie der geschundene Marsyas.«
»Dies ist nicht Jesus,« schrie ich auf, »dies ist der Teufel Oberster, den Ihr vor dem Spiegel gemalt!«
Denn ich war sehr zornig. Er aber schien keineswegs beleidigt, sondern lächelte und sprach: »Wisset Ihr nicht, da Ihr ja doch auch mit Farb und Pinsel hantiert: daß jeglicher nichts malen kann, als sich selbst? Wenn ich spreche, so bin _ich_ der Ton; wenn ich sehe, ist's _mein_ Gesicht; mal ich, so kommt nichts auf die Tafel als immer _ich_. Da ich nur ich sein kann, was könnte anderes von mir kommen als ich? -- Christus! Wer ist das? Immer der, der ihn fühlt, von ihm redet, ihn malt. Was schüttelt Ihr Euch und tut entsetzt? Kennt Ihr die Schrift nicht? Wisset Ihr nicht, daß er sich allen gegeben hat? Nun: so auch mir. Und dieser da (er wies zur Tafel) ist wahrlich der meine, so ganz und gar, daß wir beide ein und derselbe sind.«
Daß ich es gestehe: ich bebte vor großem Zorn, und ich rief: »Von Sinnen seid Ihr, und ich müßte Euch vors geistliche Gericht bringen, wüßte ich nicht, daß Wahnsinn aus Euch phantasiert.« Er fuhr sich durch sein stachelig Haar und murmelte etwas, wovon ich nichts verstand als: Noch nicht, noch nicht!
Dann sagte er, ganz ruhig: »Mensch! Mensch! Weißt du nicht, daß alles Große Wahnsinn ist? Als die Liebe Wahnsinn wurde, schlug man sie ans Kreuz. Holla! Seitdem ist sie tot. Nun ist Raum für den Zorn ... Doch das versteht Ihr nicht. Sonst würdet Ihr's aus meinem Bilde lesen, darauf es deutlicher steht als auf allen anderen Tafeln des ~crucifixus~. Doch steht es auf allen: selbst den ganz lästerlichen: die da lächeln.«
Mit einem Male schien es, als wollte er mir zu Leibe. Er schritt auf mich zu, die kleinen Augen so verkniffen, daß die Blicke aus einem Schlitze schossen, stieß mir die Faust auf die Brust und schrie: »Tolle Hunde haben mehr Gefühl für das Opfer auf Golgatha als Ihr, die Ihr aus einem Löwen ein Lamm gemacht habt. Es tut Euch wohl, sein blutiges Vließ zu krauen. Es tut Euch wohl, Wasser aus den Augen zu lassen über den, der Blut aus seinem Leibe ließ für Euch. Es tut Euch wohl, aus dem Größten eine Puppe gemacht zu haben, damit Ihr spielen könnt!«
Ich wollte gehen. Aber er hielt mich fest. Und schleppte mich zu dem großen verhangenen Bilde. Dort ließ er mich los und stieß mich in einen Stuhl.
Und sprach: »Hast du vernommen, daß nachts Geister kommen, mich zu besuchen?«
Ich hatte es vernommen und antwortete so, fügte aber hinzu, daß ich es nicht glaubte.
»Es ist!« rief er.
Ich schlug das Kreuz.
»Laßt den Gestus!« sagte er ruhig. »Der Geist, der zu mir kommt, ist nicht höllisch. Christus selber ist hier jede Nacht und mit ihm die Madonna.«
Gott verzeihe es mir und alle seine Heiligen, daß ich dem Scheusal nicht in seine Lästerfratze spie, sondern bloß, aber unerschrocken, sagte: Das lügt Ihr!
Da sah er mich groß an und ergriff den Zipfel des Vorhanges und sprach: »Knie nieder!«
Ich glaubte nicht anders, als er wollte mich heißen, den Teufel anbeten und weigerte mich des.
»Knie!« knurrte er und griff nach dem Dolche.
»Die Sünde kommt auf Euch,« stöhnte ich und ließ mich auf die Knie nieder, Gottes Hilfe herbeirufend durch fleißiges Kreuzschlagen.
Als ich die Ringe des Vorhanges kreischen hörte, senkte ich den Kopf und schloß die Augen feste, ja nichts zu sehen. Und war des Bestimmtesten entschlossen, nicht freiwillig Kopf und Blick zu erheben.
Mir ist, als hätte ich lange so auf den Knien gelegen, die Augen also feste zugedrückt, daß vor den geschlossenen goldene Sterne und Scheiben tanzten. Auch rann mir Schweiß von der Stirne über die Lider, und es war, als wollte er mir die aufbeizen, da er in die Augen drang mit seiner Schärfe.
Dies weiß ich jetzt. Da ich aber voller Ängste lag, glaubte ich, es fräße höllisches Feuer an ihnen. Und ich wimmerte sehr.
Erst als ich seine Schritte von mir gehen hörte, wurde mir etwas mutiger. Ich hob den Kopf, jedoch nach rückwärts gewandt, dorthin, wo der Schreckliche nun in einem Stuhle saß und über mich weg zu dem Bilde blickte: die rechte Hand über die Augen schirmend, wie Maler ihre Tafeln aus der Ferne anzusehen pflegen.
Und er murmelte, als sei ich gar nicht da:
»Es will nicht glühen, wie in der Nacht. Die Purpurspitzen ihrer Brüste sind noch tot. Das Fleisch ist viel zu hell. Im Haar zu wenig Brand noch. Als meine Hand darüber fuhr, hat es geknistert. Das dort ist Werg, nicht Leben. Sonst ... ist ... sie ... schön.«
Er atmete schwer und laut und ließ die Hand sinken. Und merkte nun mich, stand auf und schritt schnell her, griff über mich weg und riß den Vorhang wieder vor das Bild.
»Steh auf!« herrschte er mich an. »Danke deinem Gotte, daß er dich davor bewahrt hat, das zu sehen, was meine schamlose Raserei dir enthüllt hat. Denn wisse: auf dieser Tafel ist die Madonna in Wahrheit, vom nackten Leben leibhaft, geisthaft hergerissen mit der Brunst meines Auges. Würdest du sie gesehen haben, hätten dich diese meine Hände erwürgt. Und nun geh und schrei es auf den Gassen aus, daß Samalio Pardulus die Madonna nackt gemalt hat, reitend auf einem Zentauren mit den Zügen ihres Sohnes, der ihr Bruder ist. Und daß er mit ihr wegsetzt vom steinigen Felsen Golgatha über einen Abgrund voller Blut, aus dem die Spitzen von Domen ragen zu einem Schlosse von veilchenfarbenem Amethystquarz, bewacht von den Tieren der Apokalypse, und daß dieses Schloß der Sarg Gottes ist, in dem Samalius wohnt und wacht, daß keine Würmer zu ihm kommen.«
Man darf es dem Florentiner glauben, daß er nach diesen »Worten das Weite gesucht hat, wie einer, dem der Böse auf den Fersen ist.« Trotzdem hat er nicht den Angeber gespielt und seine Erlebnisse niemandem vertraut, als den Blättern seines Buches.
Aber auch ohne seine Mithilfe wurde es ruchbar, daß nächtlicherweile Unheimliches sich begab auf dem Schlosse im Walde.
Da Samalio nachts niemand bei sich hatte als einen alten halbblinden und ganz stummen Diener, so konnten die Gerüchte nicht aus dem Schlosse kommen. Sie entstanden in der Stadt selbst, im Hause der Eltern des Malers.
Seit diese wegen der bevorstehenden Hochzeit der Tochter zu mächtigen Verwandten des Bräutigams nach Rom gereist waren, ging es im Palazzo Nacht für Nacht um. Unnötig, all das zu erzählen, was die erschrockene Dienerschaft allnächtlich gesehen und gehört haben wollte. Übereinstimmend wurde dies berichtet: