Part 3
Wir fanden es auf dem Hinterdeck, das von allen besseren Passagieren streng gemieden wurde, weil es bei den gewöhnlichen Fahrten des Yankeedoodle, die nicht dem Vergnügen, sondern der Überfahrt nach Amerika dienen, als das Deck der zweiten Kajüte gilt. Für uns besaß es außer dem Vorzug, wenig besucht zu sein, auch noch den, zwei Etagen zu haben. Die obere war die schönste, denn auf ihr befand man sich wirklich ~en plein air~. Hier verbarg uns kein vorgespanntes Segeltuch Meer und Himmel, wie sonst überall auf diesem Schiffe, dessen Einrichtungen mehr darauf berechnet zu sein schienen, das Meer vergessen, als sehen zu lassen. Die begehrtesten Plätze des Hauptdecks (zumeist von Amerikanern besetzt), nämlich die an den Innenseiten, gewährten den dort in ihren Klappstühlen Ausgestreckten die Aussicht auf den Streifen Himmel, der zwischen dem Dach und der Segeltuchwand des Decks sichtbar bleibt. Weder Meer noch Küste war von dort aus zu sehen. Die Außenseiten des Hauptdecks sahen aber nicht einmal diesen Streifen Himmel, sondern nur die Kajütenwand, garniert mit horizontal gelagerten Amerikanern.
Es wollte uns anfangs nicht in den Sinn, wie gerade diese Plätze so sehr begehrt sein konnten, die eigentlich nichts anderes waren als Einzelglieder im Spalier einer Promenade; denn zwischen ihnen war der allgemeine Wandelgang. Wir mußten erst begreifen lernen, was wir Uhus nicht ohne weiteres wissen: daß das Publikum auch auf Reisen sich vor allem anderen für das Publikum interessiert. Die Menschen lieben einander zwar nur in einem sehr gemäßigten Grade, aber sie sind sich gegenseitig äußerst interessant, und so leben sie gerne in Gesellschaft, sei es auch nur, um sich innerhalb deren wieder in Extragesellschaften abzuspalten. Je länger wir das Wesen auf unserem Schiffe betrachteten, um so mehr spürten wir, daß viele geradezu deshalb den Yankeedoodle bestiegen hatten, um nach der vielleicht monoton gewordenen Gesellschaft zu Hause hier eine neue zu finden. Und wir merkten schließlich, obwohl wir immer nur aus der Ferne in dieses lebendige Netz von Gesellschaftsfäden blickten, daß nicht bloß die Spinne Sympathie dabei am Werke war, sondern auch mancherlei Berechnung, -- nicht zu vergessen die mehr oder weniger schönen Damen Eitelkeit und Medisance.
Ich kann nicht leugnen, daß, von der Ferne angesehen, dieses große Gesellschaftsspiel einen gewissen Reiz für mich hatte, da ich nur selten dazu komme, derlei zu beobachten. Einen reineren Genuß bereitete mir aber doch der Anblick des hohen Himmels und der weiten Wasserfläche, obgleich ich gestehen muß, daß eigentlich poetische Stimmungen ausblieben. Der Anblick war schön, -- aber nur Genuß, nicht Erregung. Mein Auge ließ sich's wohl sein, und mein »Herz« quittierte mit Dank darüber, -- aber kühl, eigentlich unbeteiligt. Ich habe es ein paarmal gescholten deswegen und bin mir selber sehr gram gewesen darum. Bist _du_ das noch, habe ich mir gesagt, der vor Zeiten sich bis zur wonnigsten Verrücktheit entzücken konnte vor einem Tümpel, auf dem ein paar Spritzer Sonnenuntergang kringelten? Dem ein schüchternes, dummes kleines Ding wie eine junge Birke Seligkeiten ins Herz schüttete, der vor einem Quellchen in die Knie sinken konnte, Verse zu stammeln, dessen Blicke verzückt an Wolken hingen und mit ihnen hinüberschwammen zu den goldberänderten Himmelsküsten einer nicht bloß äußerlich gesehenen, sondern innig umfaßten Schönheit, -- das ist derselbe, der sich hier, in einem Stuhle der Ocean-Comfort-Company liegend, Lichteffekte servieren läßt, wie kurz vorher Tee mit Streuselkuchen? Ei du satter, fauler, leerer Halunke du, mach daß du hinunterkommst auf das Promenadendeck und sieh, wenn die Sonne untergeht, nach der Uhr, ob es auch pünktlich geschehen ist! Laß dich von dem Gymnasiallehrer auf Ägypten, Kleinasien, Griechenland vorbereiten; du hast es nötig, denn wer nicht mehr fühlen kann, soll wenigstens wissen. Und wenn du auch dazu zu faul bist, so zeige den jungen Töchtern Germanias, die, halb Misses, halb Gretchen, die moderne Weiblichkeit des zahlungsfähigen Deutschland mit mehr Selbstbewußtsein als Geschmack vertreten, daß auch du tennis-englisch und über »Frühlings Erwachen« reden kannst. Da du nüchtern geworden bist, ist dein Platz bei den Nüchternen. Vielleicht sagen _sie_ dir etwas, da die großen Dinge dir stumm geworden sind. So schimpfte ich mich. Aber mit Unrecht. Denn es war nicht so, wie ich mir sagte. Meer und Himmel waren mir nicht stumm. Ich verstand ihre Sprache nicht so schnell, wie früher die von Busch, Baum, Quelle, Wolken. Und dies ist nicht verwunderlich. Jene Dinge, die den jungen lyrischen Menschen so schnell ins Gespräch zogen, sprachen _seine_ Sprache, die Sprache der schnellen Gefühle, naiver Lust, einfältiger Triebe. Er hörte und sah in allem nur sich. Wenn er niederkniete und ins Plappern der Quelle Verse rief, so kniete er vor sich selber und überschrie das murmelnde Element. Er war (Heil ihm, daß er's gewesen) frech beim Frohsinn, und so hatte er's wohl leicht, zu schwärmen. (Lyrik! Eine selbstverständliche Sache für junge Menschen, denn es ist ihr Aus- und Einatmen. -- In dieser Parenthese wäre noch allerhand zu bemerken. So dies, daß die große Seltenheit wirklicher Lyriker damit nicht im Widerspruche steht. Es gibt nämlich nur sehr wenige junge Menschen in dem Alter, wo zum Gefühle künstlerisches Vermögen tritt. Was Goethe das Närrische am Lyrischen nennt, ist das Kindliche. Die beiden reinsten Lyriker unter den heutigen Deutschen: Martin Greif und Max Dauthendey, sind Kindsköpfe. Auch Ludwig Finckh hat Anlage dazu. Rilke dagegen, dieses unheimliche Genietalent, ist ein Wunderkind. Übrigens liegt beim reinen Lyriker die Gefahr nahe, aus dem Kindlichen ins Kindische zu verfallen, sich auszuleiern. Aber wo komme ich hin!) Das schlechthin Große dagegen, Meer und Himmel, monoton erhaben (mit Worten aus der Terminologie menschlicher Kunst zu reden: Monumentalnatur) -- das duckt die Frechheit. Seine Sprache ist Gedröhn und Brausen: Vokabeln fehlen in dieser Musik voll rhythmischer Symbole. Das Herz, das hier nur stummen Dank hat, verdient keine Schmähung, und der Mann, der vor diesem Schauspiel Auge wird, ganz Auge: und klares, nicht trunkenes, mag sich der Zuversicht getrösten, daß dieser ruhige Genuß ruhig des Reichsten, das dem Menschen an äußeren Eindrücken zuteil werden kann, nicht bloß der Netzhaut zugute kommt, sondern zu einem inneren Schatze wird, auch wenn er sich nicht gerade kleinweis in lyrische Silberstücke ausmünzen läßt.
II.
Von meinem schlechten Charakter und der Absicht, ihn zu bewähren; von meinem Lordshut und Madames Patriotismus; vom Mauldeutschtum und dem deklassierten Ölbaum; von der Tugend und ihrer mangelhaften Belohnung; vom Genie der Pariser Putzmamsells und der bedauerlichen Unfähigkeit deutscher Dichter sie zu fördern; von grünen Tischen, Théodore und der Rache auf Ansichtspostkarten.
Wer auch nur oberflächlich mit der modernen deutschen Literaturgeschichte bekannt ist, weiß, daß ich von schmutzigster Geldgier besessen bin. Im übrigen schwankt mein Charakterbild ja bedenklich: denn, während die einen sagen, daß ich zwar ein ganz passabler Lyriker sei, aber leider auch Romane schreibe, so finden andere, daß ich zwar im Romane gewisse Qualitäten an den Tag gelegt, bedauerlicherweise aber den üblen Ehrgeiz hätte, auch Verse machen zu wollen; und so durch alle übrigen Gattungen der ~belles lettres~ durch, mit denen ich mich, immer einigen zum Vergnügen, anderen aber zur Mißlust, abgegeben habe und immerzu weiter noch abgebe. Das einzige, was feststeht, ist, wie ich mich nun hinlänglich überzeugt habe, die felsenfeste Gewißheit, daß ich ein hervorragendes Talent besitze, Schätze zu sammeln. So werde ich als ein zweiter Midas in die holzpapierene Unsterblichkeit eingehen und bin schon jetzt, wie mein phrygisches Urbild, durch Eselsohren entstellt -- wobei es dahingestellt bleibt, ob es lauter Apollos sind, die mir zu diesem Schmucke verholfen haben.
Kein Wunder, daß ich manchmal Lust habe, diesem Zustande ein Ende zu machen, der immerhin etwas Peinliches hat. Nichts trägt sich so lästig, wie der Ruf von Talenten und Reichtümern, die man nicht besitzt. Und dann: man kommt sich, auch wenn man ihn nicht verbreitet hat, wie ein Schwindler vor.
Also möchte ich ihn furchtbar gerne wahrmachen.
Und so beschloß ich, in Monte Carlo hundert Franken zu setzen, um zehntausend zu gewinnen.
»Nimm deinen großen Pompadour mit,« sagte ich zu meiner Frau, als der Yankeedoodle sich Villafranca näherte; »wir werden ihn nötig haben.«
»Du willst also wirklich spielen!?« rief sie voller Entsetzen aus.
»Ja!!« sagte ich mit zwei Ausrufezeichen.
Und ich tat mein schönes Gewand an und setzte den großen grauen Lordshut auf, den ich in Deutschland nicht zu tragen wage, weil er eine Art Nabel hat, nämlich einen Filzknopf zur Kaschierung der Ventilöffnung. Denn es ist ein Hut, den die englischen Lords in Indien tragen, wo es sehr heiß ist.
Auch meine Frau putzte sich so stattlich heraus, wie es dem Umstande angemessen erscheinen mußte, daß wir uns in den wabernden Dunstkreis rollenden Reichtums begeben wollten.
Da hier das »Reisebureau« noch keine Macht über uns hatte (denn den Weg zum Spieltische würden wir, so meinte es nicht ohne psychologischen Scharfsinn, schon selber finden), durften wir, o Glück und Wonne, o Seligkeit, allein gehen. Die Prozedur der Ausbootung, vor der meine Frau auf recht anmutige Art Angst an den Tag legte, während ich nicht ganz so graziös den erfahrenen Gangwaykletterer spielte, vollzog sich ohne jede Fährlichkeit, obwohl ich, zu meinem nur mühsam verhehlten Mißvergnügen, gezwungen war, mit der Linken den zwar schönen, aber nicht ganz festsitzenden Lordshut zu halten, da ich doch die entschiedene Tendenz hatte, mit ihr Halt am Treppengeländer zu suchen. Aber es ging auch so, und ehe wir's uns versahen, befanden wir uns alle drei: die Frau, der Hut und ich, im Boot. Nervige Arme ruderten uns an die französische Küste. (Das muß ich einmal in einem Romane gelesen haben.) Da diese von Rechts wegen eine italienische Küste sein sollte, regte sich in meiner Frau die Patriotin, und sie hätte gar zu gerne gehört, daß sich der Mann mit den nervigen Armen zur ~Italia irredenta~ bekannt und Verwünschungen gegen die Franzmänner ausgestoßen hätte. Aber es fiel ihm gar nicht ein, Gefühle dieser Art grün-weiß-rot aufleuchten zu lassen, vielmehr sagte er, und noch dazu in einem stark französisch unterwachsenen Italienisch, sie in Villefranche (!) seien allzumal höchlich zufrieden mit der Pariser Republik, denn der gallische Hahn füttere die Seinen besser als der savoyische Adler.
»~Vergogna!~« meinte die Toskanerin, gab ihm aber doch eine gute Mancia, wenn auch demonstrativerweise in italienischer Münze. Worauf der Nervige dann endlich ~Evviva Italia!~ rief.
Nach den mächtigen Befestigungen zu urteilen, mit denen die Franzosen den Hafen von Villafranca (das aber nur die Bücher so nennen; die Leute sagen alle Villefranche) umgürtet haben, gedenken sie, dieses schöne Stück Land gewiß nicht freiwillig wieder herzugeben. Auch liegt eine Menge Kriegsvolk dort in Garnison; Alpenjäger, sehr gut aussehende und malerisch uniformierte Leute. Indessen fand die etwas kordial demokratische Art, mit der sie ihre Vorgesetzten grüßen, durchaus nicht den Beifall zweier unserer Reisegenossen, die, wohl in der Meinung, daß kein Mensch in Frankreich deutsch versteht, recht laut und ungeniert Kritik daran übten, wobei der Ausdruck »schlappe Bande« noch der mildeste war. Mir kam das weder sehr klug vor, noch fand ich es hübsch, habe aber auch im weiteren Verlaufe unserer Reise noch recht oft die Beobachtung machen müssen, daß unsere Landsleute sich gerne darin gefallen, fremde Sitten, Gewohnheiten, Einrichtungen unter dem Gesichtswinkel des in Deutschland Üblichen zu beurteilen, zuweilen direkt mit dem Schlußtrumpf: hier sollten _wir_ Ordnung schaffen dürfen! Ob Geibel das gemeint hat, als er ausrief »Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen«, scheint mir fraglich, während ich der sehr bestimmten Überzeugung bin, daß dieses Wesensmachen vom deutschen Wesen sehr dazu angetan ist, das deutsche Wesen in Mißkredit zu bringen.
Schade nur, daß der schöne Weltverstand, der bisher die Deutschen auszeichnete, verloren gehen muß, wenn dieses Mauldeutschtum, das nachgerade zum Großmauldeutschtum zu werden droht, um sich greift. Ich habe auf dieser Reise nicht viele Deutsche getroffen, auf die das Wort Goethes hätte angewendet werden dürfen, das sonst vom deutschen Geiste gelten durfte: »Der ist nicht fremd, der teilzunehmen weiß.« Und so habe ich mich manchmal gefragt: Warum reisen diese Leute eigentlich? Nur um sich einzuprägen, daß es eigentlich ein Unsinn, zu reisen, da es ja doch in Deutschland am schönsten ist? Insofern, als der Deutsche sich auf die Dauer am wohlsten in Deutschland befinden mag, wie jeder andere Mensch in seinem Vaterlande, ist das gewiß richtig. Aber, zu reisen, bloß um das bestätigt zu sehen: welch eine sonderbare Sinnesverkehrung ist das doch! Man geht freilich nicht in die Fremde, um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat das Reisen doch nur insofern, als es von der Sehnsucht eingegeben ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd Schönes einzuverleiben, innerlich reicher zu werden aus den Schäden der Fremde, indem man an ihnen teilnimmt. Dies scheint aber vielen direkt unmöglich zu sein. Sie sehen z. B. (ich konstruiere hier nicht, sondern gebe wieder, was ich mit eigenen Ohren gehört habe) einen Ölbaum. »Gott, was für ein häßliches Ding ist das!« sagen sie, »da ist doch eine richtige deutsche Eiche was anderes!« Man müßte närrisch sein, wenn man das bestreiten oder sich durch einen Ölbaum den Geschmack an einer Eiche verderben lassen wollte, aber nicht weniger närrisch ist es auch (von dem damit bewiesenen Mangel an Schönheitsempfinden gar nicht zu reden), im fernen Syrierlande die deutsche Eiche heraufzubeschwören, um den Eindruck eines Ölbaumes zu deklassieren. Es wäre davon, als von etwas schlechthin Törichtem gar nicht der Rede wert, wenn sich nicht eben eine Art von perversem Nationalismus darin äußerte, ein häßlicher Geist der Selbstzufriedenheit und Ablehnung alles Fremden, das nur noch als kurios, nicht aber als schön anerkannt wird. Diese Art Negation hat etwas Freches, das ganz unleidlich gerade für den ist, der sein deutsches Wesen als Bejahung jeder Schönheit empfindet. Auch ist es gottsträflich dumm, mit also verkleisterten Sinnen auf Reisen zu gehen.
Ein Rosselenker rief uns an, fragend, ob er uns für zwanzig Franken zweispännig nach Monaco befördern dürfte. Mein Lordshut und Madames Spitzenmantel hatten es ihm angetan. Aber es lag uns wahrhaftig ferne, unserm Spielfonds zwanzig Franken zu entziehen. Wir blieben, wie hold er auch lächelte, fest und warteten auf die elektrische Trambahn.
Diese Charakterstärke hätte einen besseren Lohn verdient als den, der uns zuteil wurde. Wir mußten fast eine Stunde harren, bis ein Wagen kam, in dem es noch zwei freie Plätze gab, und zwar Stehplätze. Ich erwähne dies als Beitrag zur Morallehre. Nein, o ihr gutgläubigen Schwärmer, es ist nicht wahr, daß Tugend belohnt wird. Das lüsterne Fleisch fährt zweispännig, und der stoische Wille muß sich von knoblauchduftigen Nizzarden auf den Hühneraugen herumtreten lassen. Aber das ist richtig: hinterher ist die Genugtuung der Tugend groß, die achtzehn Franken für den Spieltisch gespart hat.
Von der Pracht und Herrlichkeit des Kasinoplatzes auf Monte Carlo möge ein anderer handeln. Ich für meinen Teil finde ihn allzu prächtig und allzu herrlich. Mir fehlt der Sinn für Pompositäten ohne lebendigen Geschmack. Dagegen habe ich mit Signora recht andächtig und entzückt die Auslagen einiger Pariser Putzmachergeschäfte bewundert. Beim Andenken der verliebten kleinen Müsette! -- meine Frau hat recht: diese Pariser »Schurkerinnen« (so heißt in toscano-tedesco das Femininum von Schurke) haben mehr als Talent, haben Genie. Aus ein bißchen Sammet oder Seide, Spitzen oder Tüll, Stroh oder Pelz, mit ein paar Blumen, Schleifen, Rüschen, Federn wirken sie ästhetische Wunder. Diese Hüte haben den Reiz von Improvisationen geistreich geschmackvoller Menschen. Es haftet ihnen nichts vom Geiste der Schwere an, keine Steifheit, keine Absichtlichkeit. Es ist Grazie mit Witz; Esprit, der Phantasie hat; Geschmack, der es bis zur Poesie bringt. Ein fabelhaft sicherer Sinn für Form und Farbe unternimmt die frechsten Wagnisse bis hart an die Grenze des Möglichen, ohne jedoch etwas hervorzubringen, das nicht als Kunstwerk von Distinktion wirkte. Selbst das Höchste in der Kunst bringt er zuwege: reine Einfalt ohne Banalität. Wir sahen einen Hut, der eigentlich nichts war als ein umgestülpter Topf aus rotem, weißem und schwarzem Sammet. Es ist ganz unmöglich, zu sagen, warum dieses Ding nicht etwa plump oder komisch, sondern schlechterdings hinreißend schön aussah. Das Geheimnis seiner Schönheit lag wohl darin, daß die Linien seines Umrisses sowohl wie jede Falte des Stoffes von Fingern gebildet waren, die genialer Eingebung des Momentes folgten, nachdem das Ganze zuvor innerlich von der Künstlerin gesehen worden war.
Es begreift sich leicht, daß meine Frau den lebhaften Wunsch hegte, einen solchen Hut zu besitzen, und ich noch den lebhafteren, sie in einem solchen Hute zu sehen. Daß aber ein deutscher Dichter, und er sei gleich, wie ich, noch mehr Geschäftsmann als Dichter, nicht in der Lage ist, seiner Frau ein derartiges Kunstwerk, die Verkörperung des ästhetischen Genies einer traditionell ästhetischen Rasse, zu kaufen, leuchtet ohne weiteres ein.
Unsere Begierde, die Bank von Monte Carlo zu sprengen, wurde zur wilden Leidenschaft. Kaum, daß ich noch Blicke für die eleganten Ambassadricen der Venus von Paris hatte; kaum, daß meine Frau noch Andachtskraft für die Auslagen der großen Schneider aufzubringen vermochte: das Gold läutete uns in seinen Tempel; wir folgten der großen Glocke. (Ich rühre die Pauke des Pathos. Wenn sie ledern klingt -- ist es meine Schuld?)
Das Leben in den Spielsälen der Monaco-Aktien-Gesellschaft, deren Dividenden so gewaltig sind, wie es unsere Hoffnung war, sie durch einen phänomenalen Gewinn zu schmälern, ist zum Glück schon so oft und mit so glühenden Farben geschildert worden, daß ich mir die Mühe ersparen kann, ein Gemälde davon zu entwerfen. Ich lasse es um so lieber bleiben, als ich weder die flackernden Augen der verzweiflungsvoll ihr Letztes auf eine Karte setzenden Spieler, noch das müde Lächeln der Verspieler von Riesenvermögen, noch die grausame Verkniffenheit in den erbarmungslosen Augen des Croupiers bemerkt habe. Ich sah nicht, weil ich lediglich auf die dicken Fünffrankenstücke guckte, die ich, gänzlich unbekannt mit den Regeln des Spieles, irgendwohin setzte, wo gerade Platz war. Ich hörte »~Faites votre jeu, messieurs~« und »~rien ne va plus~«; und die Kugeln tanzten; und es roch wie in einem Parfümerieladen. Und das ging eine Weile so hin, bis ich fünfzig Franken verloren hatte und die Stimme meiner Frau vernahm, die da lautete: »Du hast gar keine Ahnung von der Sache. Laß mich machen!«
Sie hatte nämlich, während ich im Interesse unserer Finanzen rastlos tätig gewesen war, versucht, den Sinn der Figuren und Nummern zu ergründen, die auf dem grünen Tuche zu sehen waren. Und nun fing sie an, mit Überlegung zu tun, was ich unüberlegt getan hatte. Mit anderen Worten: ich hatte gespielt -- sie: berechnete.
Wenn Fortuna nicht ein ganz albernes Frauenzimmer wäre, das keine Idee davon hat, worin ihr Wesen eigentlich beruht: nämlich im Unberechenbaren, das ich mit dem Instinkte des Schicksalskundigen kühn und groß herausgefordert hatte, so hätte sie meine Frau sofort durch andauerndes Einziehen ihrer Fünffrankenstücke bestrafen müssen. Statt dessen bereitete sie ihr den Triumph, sie die fünfzig Franken wiedergewinnen zu lassen, die ich verloren hatte.
Ich wußte nicht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern sollte. Denn, wenn es zwar erfreulich war, den Spielfonds wieder beisammen zu haben, so war es doch auch ärgerlich, dies mit einer Einbuße an Autorität zu bezahlen.
Indessen: würdelos, wie man nun einmal wird, wenn man, wie ich, den Sinn auf das Materielle zu richten gewöhnt ist, freute ich mich schließlich doch, indem ich im geheimen hoffte, die verlorene Autorität auf anderem Wege wieder zu gewinnen.
Meine Frau aber setzte mit Überlegung weiter. Einmal sogar zehn Franken. Und gewann immerzu. Es kam der Augenblick, wo unser Spielfonds verdoppelt war.
»Siehst du?« sagte sie und lächelte so infam, wie ich es ihr niemals zugetraut hätte.
»Was denn?« entgegnete ich kühl.
»~Duecento lire!~« erwiderte sie, -- der Moment war zu erhaben, als daß sie ihn nicht toskanisch hätte verklären müssen.
»Wenn's weiter nichts ist!?« warf ich verächtlich hin.
Da setzte sie, gereizt und kühn, fünfzig Franken auf einmal.
Ich dachte nicht anders, als sie sei im Glückstaumel übergeschnappt, und ergriff eines der unheimlichen Schiebestäbchen, den Wahnwitz aufzuhalten, die fünfzig Franken zurückzuscharren. Da krähte der glatzköpfige Croupier aber auch schon los: ~Rien ne va plus~, und die schicksalträchtige Kugel hopste wie besessen in der Roulette.
»Du bist verrückt,« stöhnte ich, von dem Rechte des Ehemanns, grob zu sein, skrupellos Gebrauch machend.
Die Kugel stand still.
Mein Herz auch.
Der Croupier scharrte geschickt und gelassen die Unglückshäufchen von Fünf- und Zehnfrankenstücken zu sich heran, denen die Kugel Pech gehopst hatte.
Gleich wird _ihr_ Häufchen auch beim Teufel sein, dachte ich mir und verfluchte den weiblichen Leichtsinn.
Da: ping, ping, ping, ping ließ er Goldstücke auf das Häufchen regnen; lauter Napoleondors; eine unglaubliche Menge.
In diesem Momente bewies meine Frau wahre Seelengröße.
Sie machte, ruhig, als sei es ihr ein gemeiner Anblick, Goldstücke dutzendweise um sich zu versammeln, ihren Pompadour auf, kramte darin herum, als suchte sie etwas, entnahm ihm ihr Taschentuch, wischte sich am Näschen, legte das Tuch hinein, placierte den geöffneten Silberbügel des Pompadours am Rande der Tafel und ließ mit unglaublich gut gespielter Gleichgültigkeit den Goldstrom hineinplätschern.
Dies getan, stand sie nicht ohne Majestät auf und sagte zu mir: »Ich glaube, unsere letzte Trambahn muß gleich abgehn.«
Es ist unglaublich, aber nichts als die reine Wahrheit: sie wollte sich mit ihrem Raube auf den Yankeedoodle zurückziehen.
»Wir haben genug,« erklärte sie. »Ich weiß nicht wieviel ich gewonnen habe, aber: es ist genug. Wenn ich jetzt weiter spiele, verliere ich.«
Ich hatte die dunkle Empfindung, daß sie recht hatte; daß sie wirklich die Stimme des Schicksals in sich vernahm: daß es also vernünftig war, was sie sagte. Und ich wollte sie schon am Ärmel nehmen und mit ihr fortgehen -- direkt zu dem himmlischen Hute drüben.
Da ging ein Rauschen durch den Saal, ein Flüstern, das zu einem Surren von Stimmen wurde, und ein Rascheln von vielen, vielen seidenen Frauenkleidern.
»~C'est Théodore!~« hörten wir rufen. »~Théodore! Théodore; Cinquanto mille! Soixante! Théodore!~«
Wir sahen uns um und genossen den Anblick von gut drei Dutzend aufgeregter Damen verschiedenen Alters, aber gleichen Metiers, die, Eisenfeilspänen gleich, wenn der Magnet sie in seine Sphäre gezogen hat, allesamt auf einen Punkt zuschossen: in den Nebensaal zu einem anderen grünen Tische, wo ein unangenehm schöner junger Herr stand, durchaus und ausschließlich damit beschäftigt, Tausendfrankennoten in ein enormes Portefeuille zu stopfen.
»Redner wird beglückwünscht,« sagte ich zu meiner Frau.
»Glaubst du wirklich, daß er fünfzig-, sechzigtausend Lire gewonnen hat?« sagte sie.
»Nach der Ovation zu urteilen, die ihm Fortunas Cousine, die eifersüchtige Venus, bringt, gewiß. Du kannst dich darauf verlassen, daß er diesen Tag nicht als Einsiedler beschließen wird,« sagte ich.