Reife Früchte vom Bierbaum

Part 2

Chapter 23,580 wordsPublic domain

»Aus den _letzten Ernten_ ...«, so sollte es im Titel der »Reifen Früchte« heißen, dessen originelle Fassung des Dichters eigene Idee war; so war es -- schon im Herbst 1909! -- überlegt. Wer hätte gedacht, daß es wirklich _letzte_ Früchte sein würden? Im Dezember vorigen Jahres warf ein chronisches Nierenleiden den Dichter auf das Krankenlager, von dem er sich, allem Sträuben zum Trotz, nicht wieder erheben sollte, obgleich sein Zustand sich vorübergehend gebessert hatte. Ein Brief, den ich am 2. Februar frühmorgens von seinen Angehörigen aus Dresden erhielt, klang sehr besorgt. Doch fielen mir allerlei Sätze aus seinen eigenen letzten Briefen ein, kraftstrotzende, von reifem Lebenssinn und unverwüstlicher Daseinsfreude getragene Gedanken. Und wie ich alle Bedenken und alle Sorge um den kranken Freund mit dem gleichen Optimismus zu verscheuchen suche, bringt der Telegraph die Trauerkunde: Otto Julius Bierbaum ist gestern abend im Alter von 44 Jahren an Herzlähmung gestorben ...

Nun ist der Mund, der so lustig plaudern und so herzhaft lachen konnte, für immer verstummt, wir werden seine Stimme nie mehr hören. Und wir hadern mit dem Geschick und können es nicht fassen, daß es gerade diesem Manne die Feder aus der Hand winden mußte, dem unermüdlichen Apostel der Schönheit, Freiheit und Freude. So steht sein Bild kraftvoll und edel neben dem seines Freundes Detlev, für den er immer so tapfer in die Bresche gesprungen war, getreu dem schönen Spruche, mit dem er mir, drei Tage vor seiner Erkrankung, sein herrliches Liliencron-Buch sandte:

Wer sich für andre nicht erhitzen kann, Der ist vielleicht ein kluger Mann: Er wahrt sein Feuer Und wärmt sich _seine_ Hände dran. Mir war bei solcher Klugheit nie geheuer. Ein rechtes Herz brennt unklug lichterloh. Und seine Flamme sieht sich schöner an, Als der Bedachtheit glimmend nasses Stroh.

Ja, lichterloh brannte sein Herz, wenn es galt, für etwas Hohes, Edles einzutreten, und seine Waffen waren blank und scharf. Das ist Bierbaums -- wie auch Liliencrons -- bleibendes Verdienst: daß er die Freude an gesunder Sinnlichkeit und Schönheit in unser graues Alltagsleben trägt, ohne Sinnlichkeit mit Plumpheit, Schönheit mit Ästheterei zu verwechseln. Die Freude, die er verkündet, macht stark und befreit und erhebt. Wie sagt doch der Seher in der »Vernarrten Prinzeß«?

»Wagt's immer, zu springen, Es muß euch gelingen, Was _fröhlich_ ihr schafft. Das grämliche Hocken Bringt alles ins Stocken; Frei wehn eure Locken, _Die Freude macht Kraft_!«

_Danzig_, im Februar 1910.

Fritz Droop.

Reife Früchte vom Bierbaum.

Skizze zum Porträt eines guten Bekannten von mir.

_Otto Julius Bierbaum_

erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grüneberg in Niederschlesien als der Sohn eines eingeborenen Konditors und einer sächsischen Bergmannstochter. In der väterlichen Familie waren zwei Berufszweige erblich: Ein süßer: die Zuckerbäckerei, und ein saurer: die protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen besonders starken Gemütseinschlag von der mütterlichen Familie her (in der einmal, zur Zeit Napoleons ein französischer Tambour eine Gastrolle gegeben haben soll), und so fand in ihm weder die süße noch die saure Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm Zeit seines Lebens von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn für bessere Kuchen und Edelmetalle im Blute, ohne daß er ihn indessen immer befriedigen könnte. Dieses Unvermögen kommt aber eben daher, weil er, statt das Süße oder das Saure oder sonst was Ordentliches zu lernen, sich von Jugend auf dem Laster des Versemachens und Fabulierens hingegeben hat. Was hat er davon? --: Ein immer zweifelhaftes Budget und die Ungnade des Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar. Dieses hindert ihn aber nicht daran, mit trotziger Hartnäckigkeit weiter zu schreiben und zwar ohne alle weise Beschränkung auf ein bestimmtes Fach der Dichtkunst. Nicht allein, daß er Gedichte jeder Art und Unart sowie Novellen, Romane, Operntexte, Dramen, Balletts, Reisebeschreibungen, Märchen von sich gibt; er schreibt auch noch allerhand Aufsätze über allerhand Menschen, Dinge und Ideen. Dies ist ein so grober Verstoß gegen das moderne Gesetz von der Teilung der Arbeit, daß man nicht energisch genug dagegen Front machen kann. Warum, so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit begnügt, den »Lustigen Ehemann« zu verfassen? Wie klar und hold umrissen stünde dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt. Daß er auch noch Zeitschriften gründete, mag ihm verziehen werden, weil sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schließlich, Gott sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, daß die aufregenden Nachrichten über seine schmachvoll hohen Redaktionsgehälter nur die Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Köpfe waren. Auch seine längere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man weiß, daß sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist. Über seine Mitschuld am Überbrettl gehen die Meinungen auseinander. Einige Passagen im »Stilpe« belasten ihn zwar schwer, aber das Programm seines Trianon-Theaters wird immer als besinnungslos rein lyrisches Entlastungsdokument angeführt werden können. Ob O. J. B. harmlos ist, muß dahin gestellt bleiben; da er es sich nicht abgewöhnen zu können scheint, über gewisse Charaktereigentümlichkeiten erbost zu werden, als da sind: Neid, Lügenhaftigkeit, Undankbarkeit, Tratsch- und Verleumdungssucht und aufgeblasener Dummstolz, so muß er doch wohl einige Bosheit im Leibe haben, und die christliche Demut, die, nicht zufrieden, links geohrfeigt zu werden, auch die rechte Wange hinhält, fehlt ihm ganz und gar. Da er lieben kann, kann er auch hassen, und wie die platonische Liebe, so ist auch der platonische Haß nicht seiner Art gemäß. Es scheint, daß er einige Laster hat. Der Trunk gehört nicht dazu. Auch nicht der Geiz und die Faulheit. Aber es könnte sein, daß man Momente von Stolz, Wollüstigkeit, Rachsucht in seinem Leben fände. Item: vom Heiligen ist er entfernt. Hunde, Katzen, Blumen; Horaz, Shakespeare, Goethe; Glück, das »wohltemperierte Klavier«, Mozart, archaische Skulpturen, alte italienische Maler, moderne Impressionisten; Büttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr. Für die größten unter den modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski und Nietzsche. -- Th. Th. Heine ist ihm lieber als Max Klinger. -- Alte Stile sind ihm erfreulicher als moderne. Und er ist überhaupt revidiert unmodern. Daher ist er ein Renegat des »Buchschmucks« und bereut seine Sünden auf diesem Gebiete herzlich. Was die moderne Musik angeht, so scheint es, daß sein Nervensystem ihr nicht gewachsen ist. Seine Unfähigkeit, »Farben« zu hören, ist schlechthin pathologisch und man muß es wohl pervers nennen, daß er die schönsten musikalischen Kapitel aus der ~psychopathia sexualis~ einfach nicht kapiert. Kurz: er ist unmusikalisch. Aber er besitzt eine Phonola und er freut sich dieses Automusikels täglich. Moderne Bücher liest er nicht gar viele, aber es gibt ein paar Autoren, von denen er keines ausläßt. Darunter steht in erster Linie Wedekind. Wenn er das Glück hat, einen Neuen für sich zu entdecken, so ist sein Vergnügen groß. Mit dem gleichen Vergnügen hat er entdeckt, daß er sich früher in seiner Begeisterung einmal bös geirrt hat. Es ist ihm, als wäre seitdem die Luft in seinem Leben besser geworden. In alten Briefwechseln, Tagebüchern und Memoiren zu lesen ist ihm die spannendste Lektüre. Den größten Genuß auf diesem Gebiete bereiten ihm die Tagebücher Friedrichs von Gentz, den er überdies für einen der besten Prosaisten in deutscher Sprache hält. Dieses Interesse für einen Mann, der als charakterloser Sybarit bei allen deutschen Männern von Überzeugungstreue und Tugend hinlänglich verrufen, sicherlich jedoch so gut wie unbekannt ist, beweist natürlich, daß O. J. B. gleichfalls ein charakterloser Sybarit ist. Und er hat in der Tat einiges mit Friedrich v. Gentz gemeinsam. So die Passion für gutes Deutsch, die gleichzeitig auch als eine Art Sybaritismus bezeichnet werden kann. Ferner die Neigung, über seine Verhältnisse hinaus zu leben (was in mancherlei Sinne zu verstehen ist). Dann den Tic fürs Vornehme (gleichfalls in mehr als einem Betracht). Dann das Bedürfnis nach lebendiger Schönheit und lebendigem Geist, aber doch auch nach Bequemlichkeit. Weiter aber auch die Fähigkeit, stark zu arbeiten und in der Anerkennung weniger sich dafür belohnt zu fühlen.

Was ihn jedoch von Gentz unterscheidet, ist dies: Er ist durchaus kein Mensch und zieht die Einsamkeit der besten Gesellschaft bei weitem vor. Übrigens verehrt er Napoleon in demselben Grade, wie Gentz ihn verabscheut hat.

Sollte sich hier die Frage nach seinen politischen Meinungen aufrichten, so wäre die Antwort: Er würde vielleicht welche haben, wenn für ihn die Möglichkeit bestünde, sie zu betätigen. Eine Stimmzettelabgabe alle fünf Jahre hält er für keine Betätigung, und zum politischen Schriftsteller fehlt ihm der Glaube an ein in Deutschland realisierbares Programm. Die Mächte, die im deutschen Reiche Politik machen, sind, oben und unten, für freie Geister unzugänglich. Nur politische Temperamente von der Vehemenz und Aufopferungsfähigkeit Maximilian Hardens können, wenn sie wie dieser sehr klug und im höchsten Sinne diplomatisch begabt sind, bei uns wirklich wirken, ohne ein Amt oder Massen für sich zu haben.

Religiös ist O. J. B. Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen, vom Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile der sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schöne Pose des Sitzens auf einer Lotosblüte, vom Konfuzianismus das Prinzip der großen Wurstigkeit, vom Taoismus die höchstangesehene Mystik ahnungsvoller Wortverknüpfungen in seine Privatkirche übernommen, deren Hauptlehre übrigens lautet: »Halte Dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert Dich, in _Deinen_ Himmel zu kommen!«

Da ein moderner Mensch einen Sport treiben muß, so hat O. J. B. das Radfahren und Bilderknipsen erlernt. Da er aber ein unmodern moderner Mensch ist, radelt er in einem Tempo, das jeden Kinderwagen zum Vorfahren herausfordert, und er geht beim Photographieren allen poetischen Stimmungseffekten entschlossen aus dem Wege. Übrigens hat es bisher nur seine Frau zu bestreiten gewagt, daß er ein brillanter Radfahrer und absolut sicherer Photograph ist. Natürlich _sammelt_ O. J. B. auch. Aber es ist nicht weit her mit seinen Sammlungen, denn es machen ihm nur die Dinge wirklich Spaß, die er billig erworben zu haben glaubt, und dabei hat er sich fast ausschließlich auf Sammelgebiete kapriziert, wo billig schon etwas zu haben ist. Weder alte Bücher, noch alte Buntpapiere, noch alte Bilder, Kupferstiche, Möbel, Gläser, Fayencen, Porzellane sind in diesen abscheulichen Zeiten, wo jeder Antiquar ein Gelehrter ist, billig zu erstehen, -- von alten China- und Japansachen, sowie alten Stoffen ganz zu schweigen. Nur mit alten Büttenpapieren ist ihm hier und da ein Coup gelungen. Aber da er roh genug ist, die edelsten alten Erzeugnisse längst vermachter Bütten zu Manuskripten zu benutzen, kann auch von einer ordentlichen Büttenpapiersammlung nicht die Rede sein.

O. J. B. war merkwürdig lange jung. Ein Kindskopf ist er bis in die Mitte seiner dreißiger Jahre geblieben. Da kam der Ernst, -- und er wurde frech, obwohl er erst noch eine etwas düstere, dumpfe Zeit durchzumachen hatte. Augenblicklich ist er damit beschäftigt, den letzten Rest von Widerspruch, der ihm aus jener Zeit in der Seele geblieben ist, auszutreiben. Da er einen Menschen zur Seite hat, der sorglich gewillt und stark ist, ihm dabei zu helfen, wird es wohl gelingen. Schon jetzt fühlt er sich stärker denn je.

In einer Anwandlung von literarhistorischer Systematik hat er seine bisherige Entwickelung einmal schematisiert und drei Perioden festgestellt. Die erste nannte er »Stilpe im Irrgarten der Liebe« und datierte sie von 1885--1900. Er hätte sie auch »Kindskopf« nennen können. Sie ist im Grunde rein lyrisch, aber neben ein paar Gedichten ragt aus ihr der »Stilpe« auf. Die zweite nannte er »Stella und Antonie« und setzte sie von 1900--1905 an. Es ist seine dumpfe Zeit. Mit dem »Prinzen Kuckuck« ließ er eine dritte beginnen und er nannte sie »Grotesken«; sie nimmt sich bis jetzt etwas bunt aus. Aber es scheint, daß er ihr keine lange Dauer zutraut. »Wo wollen Sie denn eigentlich hin?« sagte der Storch zum Schmetterling, der von Blume zu Blume flog. »Fragen Sie die Blumen, Herr Professor!« antwortete der Falter; »aber eines kann ich Ihnen schon sagen: nicht in _Ihren_ Schnabel, gefährlicher Philister, der Sie sind.«

Yankeedoodle-Fahrt.[1]

[1] Kapitel 1 und 2 des gleichnamigen Abschnittes aus »Yankeedoodle-Fahrt und andere Reisegeschichten«.

I.

Vom Nervenseiltanzen und Tunnelfahren, vom schwimmenden Hotel und dem Geflügelhofe, von Lyrik, Meer und Himmel.

Als ich so außer mir geraten war, daß ich mich selbst mit fatalster Deutlichkeit betrachten konnte, fühlte ich das Bedürfnis, wieder zu mir selber zu kommen. Aber es ist schwer, in sein Ich zurückzukriechen, wenn man es einmal verlassen und dann allzuscharf von außen angesehen hat. Ich fuhr um mich herum wie eine vergiftete Maus, die ihr Loch nicht findet und dennoch immerzu dies Loch umkreist. Ein schauderhaftes Heimweh und ein Grauen vor der Rückkehr zugleich. Selbst meinen verehrtesten Feinden wünsche ich diese Sensation nicht, obwohl es mir nicht zweifelhaft ist, daß sie, deren Oberflächlichkeit mir in der Tat manchmal Übelkeit verursacht hat, ein bißchen Seelenqual zu ihrer Vertiefung wohl brauchen könnten.

Da sprach ein weiser Arzt und Seelenkenner also auf mich ein: Sie gehören zu jenen Akrobaten, die auf ihren eigenen Nerven seiltanzen und dadurch gezwungen sind, immerfort einen Punkt im Auge zu behalten, der in ihnen selber liegt: nämlich im eigenen Gehirne. Das tut weder den Nerven noch dem Gehirne gut und ist überdies eine brotlose und lebensgefährliche Kunst. Wenn Sie nicht binnen kurzem augenscheinlich verrückt werden wollen (denn eine heimliche Verrücktheit ist Ihr Zustand bereits), so ist es nötig, daß Sie unverzüglich eine breitere Basis zu gewinnen suchen, um von ihr aus Ihre Blicke in einem möglichst weiten Gesichtskreis umherschweifen zu lassen. Sie sind außer sich, weil Sie so sehr in sich sind. Das vertragen nur Heilige und Sie würden sich einem verhängnisvollen Irrtum hingeben, wenn Sie meinen wollten, daß Sie zur Heiligkeit angelegt wären. Dazu sind Sie zu korpulent und libidinos, -- wohl auch nicht unbescheiden genug. Leute Ihrer Konstitution sind darauf angewiesen, die Welt auf sich wirken zu lassen. Ihre Empfindlichkeit sträubt sich dagegen, und es ist gewiß, daß Sie unter den nicht immer zarten Fingern der Welt leiden, aber dieses Leiden ist immer noch heilsamer für Sie, als die selbst bereiteten Schmerzen der Heautontimorumenie. Ich rate Ihnen: Kaufen Sie sich einen Schiffskoffer und stellen Sie Amphitriten auf die Probe. Ihre Zukunft liegt auf dem Wasser, das Salzgehalt und im Salze Brom hat. Speien Sie sich einmal kräftig aus und trinken Sie so viel Sonnenlicht als möglich. Aber, ich beschwöre Sie, lassen Sie alles Schreibgeräte zu Hause, denn, unter uns gesagt, der Federhalter ist die gefährliche Balancierstange, mit der Sie sich bisher auf dem Nervenseile im Gleichgewicht erhalten haben.

Ich honorierte diese Invektionen mit zwanzig Franken und einem müden Lächeln, nahm den breitbeinigen Gang eines alten Seekapitäns an und versetzte meine ahnungslose Frau in das äußerste Erstaunen durch Intonierung des Liedes:

Auf, Matrosen, die Anker gelichtet, Den Kompaß gespannt und die Segel gerichtet!

Ihre Bemerkung, daß der Kompaß keine Flinte sei, die man spannen könnte, wies ich mit der Entgegnung zurück, daß nautische Details uns bald mehr als genug beschäftigen würden, einstweilen aber Wichtigeres zu erledigen sei: nämlich die Frage, ob man auf eine moderne Seereise einen Frack oder bloß einen Smoking mitnehmen müsse.

Klug und vorsorglich, wie sie ist, entschied sie sich für beides, ja sie wollte sogar, daß ich auch einen Zylinderhut mitnähme. »Wahnwitzige Idee!« grollte ich; »dir fehlt jedes Stilgefühl. Eine schottische Mütze oder ein Dreimaster, -- ja; niemals eine Tube!«

Am entsprechenden Orte wird es sich zeigen, wer von uns beiden auf der Höhe der Situation gewesen ist.

Da es uns vollkommen gleichgültig war, wohin wir reisen würden (denn ich hatte ja lediglich das Gebot erhalten, eine Seereise »an sich« zu machen), überließen wir es einem Freunde, Schiff und Ziel zu bestimmen. Er sandte uns eine Kabinenkarte für den Doppelschraubendampfer Yankeedoodle, den die berühmte Onkel Sam-Michel-Linie eben zu einer Orientreise in Genua bereithielt. Ein beigeschlossenes Druckheft schilderte die ganze Reise in äußerst lebendigen Farben, so daß mir sofort ganz orientalisch zumute wurde, als ich las, was alles uns bevorstand.

»Kein Zweifel,« sagte ich zu meiner Frau, »es wird äußerst lehrreich werden. Schade nur, daß wir uns nicht länger auf die Reise freuen dürfen, denn das ist doch das Schönste am Reisen: sich vorher darauf zu freuen.«

Aber es half nun nichts: kaum, daß die Koffer gepackt waren, mußten wir uns in den Dampfwagen setzen, der uns nach Genua transportierte. Meine Idiosynkrasie gegen das Eisenbahnreisen gestaltete diese Fahrt zu einer ~via crucis~, an die ich nur mit Grauen denken kann. Kein Zweifel: ich bin ein arger Sünder, aber so viele Todsünden habe ich denn doch nicht begangen, daß ich die Höllenqualen verdient hätte, die mir in den endlosen Tunnels an der Riviera zuteil wurden, wo rechts und links des Gleises offenbar teuflische Dämonen aufgestellt waren, die, während ich in stinkendem Qualm fast erstickte, mit eisernen Hämmern gegen eiserne Wände zu schlagen schienen. Nun: wir sind nicht zum Vergnügen auf der Welt, und es ist gewiß in der Ordnung, daß Nerven, die für angenehme Sensationen besonders empfindlich sind, dafür um so heftiger unter unangenehmen leiden. Sela.

Das Gedröhne einer Kesselschmiede in den Ohren, die Lungen voller Ruß und im Schädel ein Gefühl, als seien sämtliche Gehirnwindungen mit flüssigem Blei angefüllt, begab ich mich mit meiner Frau in das berühmte Theater Carlo Felice, aber beileibe nicht, um uns Tristano e Isotta italienisch vorspielen zu lassen, sondern von wegen der exzellenten Küche seines Restaurants. Doch wurde uns auch hier ein außerordentliches Schauspiel zuteil: wir sahen einen jener italienischen Eßkünstler, die den illustren Fressern der Antike nichts nachgeben. Was dieser überlebensgroße Bauch sich alles servieren ließ, und mit welch andächtigem Kennerentzücken er seine Füllung zu einer Art gottesdienstlichen Handlung erhob, läßt sich in Kürze und auf Deutsch nicht schildern. Es muß genügen, zu sagen, daß es ein klassisches Schauspiel war, würdig, von einem Petronius der Nachwelt überantwortet zu werden. Denn es läßt sich von derart großen Gegenständen wohl nur in monumentaler Latinität handeln.

Als ich am nächsten Morgen den Yankeedoodle vor mir liegen sah, wie er unabsehbare Massen von Koffern und Menschen in sich aufnahm, mußte ich an den gewaltigen Speisevertilger denken, und so erübrigt es sich, zu bemerken, daß Yankeedoodle ein imposantes Schiff ist.

Wir wurden tief unten in seinem Innern verstaut und fühlten uns sehr winzig. Dafür erfüllte uns aber sogleich eine sehr gewisse Zuversicht zu dem massigen Zweischlöter. »Ich glaube kaum, daß wir mit dem Yankeedoodle untergehen werden,« sagte ich zu meiner Frau; »ja selbst meine Hoffnung auf ausgiebige Seekrankheit ist bereits ins Wanken geraten.«

»Und mir ist schon übel,« entgegnete sie.

Dabei stand das Schiff fest wie ein Turm.

Weshalb ich sagte: »Autosuggestion gilt nicht, und wenn du mit Gewalt seekrank wirst, um später damit zu renommieren, so kannst du sicher sein, daß ich deine Finten aufdecken werde.«

In diesem Augenblicke brüllte Yankeedoodle auf eine Weise, daß mir Hören und Sehen verging. Dreimal. Wie nie ein Mastodont gebrüllt hat. Homer hätte das hören sollen, und er hätte kein solches Wesen vom Gebrüll seiner verwundeten Helden gemacht.

»Was _hat_ er denn?« fragte ich entsetzt.

»Er sagt Adieu,« erklärte meine Frau ruhig, die von nun an überhaupt gerne so tat, als wüßte sie alles.

Und es war wirklich so. Immer, wenn Yankeedoodle sich anschickte, in See zu stechen (ein Ausdruck, der aber für solche Kolosse gar nicht paßt; ebensogut könnte man sagen, ein Dampfhammer sticht ins Erz), brüllte er so unmanierlich. Es gehört das zum guten Ton bei diesen Dampfgiganten. Ob es einen Zweck hat, weiß ich nicht. Vielleicht heißt es nicht bloß: adieu, sondern auch: Platz da! Hühneraugen weg!

Und richtig: wir fuhren. Doch muß ich wohl besser sagen: wir glitten dahin. So leise, sanft, unmerklich, daß ich fürs erste jede Hoffnung auf das große Speien aufgab, während meine Frau mit weiblicher Beharrlichkeit beteuerte, nun werde ihr aber schon _sehr_ übel.

Da sie offenbar nur höchst ungern von diesem Wahne lassen wollte, bestärkte ich sie in der Überzeugung, seekrank zu sein, indem ich ihr erklärte, sie sähe grasgrün aus und tue mir furchtbar leid.

Worauf es ihr sehr bald besser wurde.

Eine kleine Weile noch, und sie teilte meine Empfindung, daß Yankeedoodle, weit davon entfernt, ein Schiff zu sein, wie wir es uns gedacht hatten, einfach ein Hotel war, das sich auf Salzwasser bewegte. Statt Matrosen zu sehen, die an Tauen herumklettern, und Kommandorufe zu vernehmen von Offizieren, die Sprachrohre am Munde und Fernrohre vor den Augen hatten, erblickten wir Kellner, die da höflich leise säuselten: Bouillon gefällig? Doch lernten wir bald, sie Stewards zu nennen, was immerhin eine gewisse Seestimmung erzeugte.

Dennoch blieb eine deutliche Enttäuschung in uns zurück. Unser romantisches Bedürfnis wollte nicht auf seine Rechnung kommen. Wir hatten uns das alles viel abenteuerlicher vorgestellt. Wenn wenigstens ein Mastkorb dagewesen wäre, in dem sich ein Matrose befunden hätte, der Ahoi! rief ...

Statt dessen sagte ein Herr, der zwar eine Art Seemannsmütze aufhatte, aber den Gymnasialprofessor durchaus nicht verleugnen konnte, laut und vernehmlich: ~Thalatta! Thalatta!~

Mein Magen drehte sich um und ich mich mit ihm.

O Ägir, Herr der Fluten, stöhnte ich in meinem lieben Herzen, sorge dafür, daß ich diesem Humanisten nirgendwo benachbart werde in diesem schwimmenden Hotel!

Und ich fühlte, daß es jetzt vor allem nötig war, einen Platz auf dem Yankeedoodle ausfindig zu machen, wohin wir uns vor den übrigen Hotelgästen flüchten könnten, falls diese irgendwie nicht nach unserem Geschmack sein sollten.

Alle diese Herrschaften, sagten wir uns, sind gewiß durch Qualitäten ausgezeichnet, die uns fehlen, und wir wollen ohne weiteres annehmen, daß sie nicht bloß einer höheren Steuerklasse angehören als wir, sondern auch in jeder anderen bürgerlichen Hinsicht den Vorzug vor uns verdienen. Aber wir sind nun mal Uhunaturen, die in den Geflügelhof nicht passen. Zärtlich girrende Tauben, gluckende Hennen, majestätische Hähne sind kein Umgang für uns, geschweige denn diese stolzen Pfauen und Perlhühner aus Amerika, die sich, das merkten wir bald, als die Elite des Yankeedoodle betrachteten und von den Funktionären der O. S.-M.-L. auch als solche ästimiert wurden, da sie die besten Käfige innehatten. Alles das, gaben wir gerne zu, ist ganz in der Ordnung, aber diese Ordnung ist nicht die unsere. Suchen wir also einen Winkel aus, wo wir das prächtige Gesamtbild am wenigsten stören.