Reife Früchte vom Bierbaum

Part 12

Chapter 123,424 wordsPublic domain

Da, eines Tags, nach endlos langer Probe Zu einem neuen Stücke, kam zu ihm, Bescheiden wartend vor der Garderobe, Ein junges Mädchen, flüsternd: »Gelasim! Lies dieses Buch, zu Jesu Christi Lobe Verfaßt vom Patriarchen Joachim!« Der Mime dachte: Sonderbares Mädchen! Bringt keinen Liebesbrief -- bringt ein Traktätchen!

Da war sie auch schon weg. Im Korridore Sah Gelasim nur einen Schleier wehn Aus dunkelgrauem, schwarzgesäumtem Flore. Er blieb betroffen eine Weile stehn. »Die ist doch sicher nicht aus unserem Chore ... So einen Flor hat man hier nie gesehn,« Sprach er für sich; »mir wird nicht ganz geheuer Bei diesem dunkelgrauen Abenteuer.«

Und warf das Buch hin zu den Schminkedosen, Als klebe Zauber dran und dunkler Fluch Von unheimlichen Mächten: namenlosen. Und warf darüber noch ein schwarzes Tuch. Und ging nach Haus mit fliehenden Schritten, großen, Als flög, ein Schatten, hinter ihm das Buch. Und war bedrückt, verwirrt: umhergerissen Von Ahnungen, Mahnungen, wie in Finsternissen.

Er warf sich hin aufs üppige Ruhebette (Von Baalbeks Bosheit wurde es genannt: ~Palaestra Gelasimusarum~); hätte Im Schlafe gern das Buch, den Flor gebannt. Doch heute war es eine Unruhstätte, Um die herum ein Heer Dämonen stand, Die bald das Buch und bald den Schleier schwangen Und in der Fistel: »Lies! Lies! Lies doch!« sangen.

Der Mime sprang empor, und in die Tolle Fuhr wild die Hand, vernichtend die Frisur. »Ich will nicht!« schrie er auf in Grimm und Grolle, »Ich lese keine Pöbelliteratur! Kann ich nicht schlafen, lern' ich! Meine Rolle, Erlöse mich von dieser Sekatur! Der Geist der Katakomben sei vertrieben Vom Geist des Zeus mit scharfen Jambenhieben!«

Und er versenkte sich mit heftigem Fleiße Ins Studium. Er lebte, was er las: Denn es begab sich wunderlicherweise, Daß seine Rolle wie ein Spiegelglas Den Trubel wiedergab, der ihn im Kreise Jetzund herumtrieb. Jede Phrase saß, Als hätt' er selbst sie aus sich hochgehoben, Christum zu lästern, Jupitern zu loben.

Er hatte einen Feldherrn zu tragieren, Dem's, wie nicht wenigen, ergangen war, Daß ihn der Gattin zartes Persuadieren Zum Christen machte. Doch nicht ganz und gar: Denn, wie's im Drama kam zum Peripetieren, Erhob er mächtig sich wie Jovis Aar Und fand in höchst dramatischen Donnerwettern Den Weg zurück zu seinen alten Göttern.

Das schmeckte! Und der Mime deklamierte Sich alle Wirrung aus der bangen Brust; Das Heer Dämonen, das ihn so torquierte, Hat vor den Versen auf die Flucht gemußt. Gelasimus der Heide triumphierte Zum letztenmal und glaubte selbstbewußt, Er selber habe wie sein Held gefunden Den Weg zum Heil und endlichen Gesunden.

Am nächsten Morgen salbte er und schminkte Sich ganz wie einst. Ein strahlender Apoll Ging er zur Probe. Auf der Straße winkte Er allen Mädchen, heitrer Laune voll, In Blick, Bewegung, Haltung das distinkte Erobererair, das jeder haben soll, Der Frauen gefallen will und Massen lenken, Daß sie im Zug nach seinem Willen schwenken.

Auch auf der Probe war er ganz der alte: Die Verse strömten wie ein Wasserfall; Im Volksgetümmel seine Stimme schallte Wie Donnerton im rauschenden Regenschwall; Und wie zum Kreuze er die Fäuste ballte, Und, wie er rief: »Zurück in deinen Stall, Aus dem du kamst, verzerrter Gott der Sklaven!« Da war's als wenn das Kreuz Blitzschläge trafen.

Der Herr Direktor schloß ihn an den Busen: »Du hast dich wieder, o Gelasime! Mein teurer Freund! Ich schwör's bei allen Musen: So schlechthin göttlich sah ich keinen je. Es ist sonst gar nicht meine Art, zu schmusen, Doch hier erklär' ich's: gleich der Aloe Blüht deine Kunst jetzt, deine geniale. Wir spiel'n das Stück gewiß an hundert Male.«

Bestürmt von Händedrücken, und von Phrasen Gesalbt, geölt mit allen Parfümrien Der Schmeichelei (den werten Mimennasen Das lieblichste Odeur), umsurrt, umschrien, Umtanzt beinah von Huldigungsekstasen, Vermochte unser Held sich kaum zurückzuziehn Zur Garderobe, wo er sich die Schminke Vom Antlitz wusch. -- Da drückt es auf die Klinke.

Der leise Laut erschreckte ihn. Betroffen Sah er sich um. Doch niemand war zu sehn. Indes stand angelweit die Türe offen, Und draußen hörte einen Schritt er gehn. Er sprang zur Schwelle, auf der Zunge schroffen Verwünschungsruf. Da blieb das Herz ihm stehn: Drei Spannen weit vor ihm im Korridore Stand regungslos das Mädchen mit dem Flore.

Welch Angesicht! Die stygische Proserpine, Rückwärts den Blick gewandt zum Vaterhaus, Erschütterte nicht so durch Blick und Miene, Sah nicht so schmerzensvoll anmutig aus. »Wer bist du?« rief Gelasimus. »Ich diene Dir namenlos,« sprach sie, und, einen Strauß Aus Wüstendisteln vor ihm niederlegend, Verschwand sie, leis im Gehn den Flor bewegend.

Der Mime bückte tief sich zu den grauen Staubvioletten Blüten. Kniend nahm Er das Geschenk, wie keines je von Frauen, So viel sie schon ihm schenkten, zu ihm kam. Und es erfüllte ihn mit Lust ein Grauen, Mit Wollust eine wundersame Scham. Er schämte sich der Freude am Applause, Nahm Strauß und Buch und ging bewegt nach Hause.

Ich laß es hingestellt sein, ob die Worte Des großen Patriarchen Joachim Es waren, die mit Geisteskraft die Pforte Zum Evangeljum öffneten vor ihm. Genug: zu des Direktors Grimm und Torte Schrieb tags drauf einen Brief ihm Gelasim, Mit dem die Rolle ihm zurück er sandte: »Derlei zu spielen bin ich außerstande.«

Empörung; Wüten; Rechtsanwalt; Gerichte; Replik; Duplik; Baalbeks »Diarium« Hatte nicht Raum mehr für die Weltgeschichte, Denn schnuppe war durchaus dem Publikum, Was sonst geschah. Es wünschte bloß Berichte Zur großen ~Lis contra Gelasimum~. Das Urteil kam: Der Mime ist verhalten, Zu spielen -- eventuell mit Brachialgewalten.

Der große Tag erschien. Von zwölf Gendarmen Ward Gelasim zum Schauplatz eskordiert. Man schminkte (welche Prozedur!) den Armen Gewaltsam, und pervim ward dito er frisiert, In sein Kostüm gesteckt und ohn' Erbarmen Hieß es: »~Avanti!~ Und: Stichwort pariert!« Er dachte sich: Das alles läßt sich zwingen; Wer aber zwingt die Nachtigall, zu singen?

Man stieß ihn auf die Bühne. Solch ein Toben Ward nie vernommen, wie es da erscholl. Die Riesenmenge hatte sich erhoben Und schrie ihm Willkomm. Von Verehrung schwoll Ein ganzes Meer ins Herz ihm. Gottes Proben Sind fürchterlich: Der arme Mime, toll Fast vom Applaus, doch innerlich in Banden Des Unbegreiflichen, hat furchtbar ausgestanden.

Die Lippen bebten. Wie, um eine Wunde Zu pressen, lag auf der bewegten Brust Das Händepaar. Es irrten in der Runde Die Blicke ratlos, keines Ziels bewußt. Schon schwieg der Willkomm. Aus dem stummen Munde Der Menge drohte mitleidlos: Du mußt! Und dabei brodelten in seinem armen Kopfe Der Rolle Worte wie in einem Nudeltopfe.

Wohl hätte er sie jetzt entlassen _wollen_: Er _konnte_ nicht. Die Zunge war ihm schwer. Schon hob im Publikum sich Murmeln, Grollen, Gewittrisch wälzte sich ein Wolkenetwas her. Noch ein Moment, und alle Donner rollen, Denn von Verehrung weiß das Volk nichts mehr, Wenn der Verehrte trotzt. Gleich wird es blitzen! Den Herrn Direktor sah man deutlich schwitzen.

Da -- welche Wandlung! Wie von innren Sonnen Erleuchtet, öffnet Gelasim den Mund: Er spricht. In seinen Worten rinnen Wonnen: Der Feldherr tut die Seligkeiten kund Von Christi Lehre. Balsamüberronnen Fühlt sich das Publikum, bis auf den Grund Entzückt, erschüttert, völlig hingerissen Von dieser Sprache süßen Dämmernissen.

Was war geschehn? Was öffnete die Tore Der Rede unsrem Mimen? Weiter nichts, Als daß er auf der mittleren Empore Das stille Leuchten sah des Angesichts Von jenem Mädchen mit dem grauen Flore. Doch darin war die Fülle allen Lichts Für seiner Seele bange Dunkelheiten: Geh deinen Weg! Die Gnade wird dich leiten!

Und so geschah's. Er spielte nicht: er lebte Was in der Rolle des Bekehrten stand. Als ob der Heiland in ihm selber webte Der Dichterworte leuchtendes Gewand, Umfloß es ihn wie Licht, das ihn umschwebte Und hob und trug: In der Verheißung Land. Doch als die Rolle abwich von den Pfaden Des Kreuzes, kam die Fülle erst der Gnaden.

Es war nicht einer, der die ~scène à faire~ Des Stücks nicht aus der Zeitung schon gewußt: Die große Szene zu der Götter Ehre, In der der dumpfe Katakombenwust Vertrieben ward von Jovis heiligem Speere. Man freute sich darauf mit um so größerer Lust, Als man bereits die allzu süße, matte Kreuzlimonade etwas über hatte.

Es waren ja Heiden: Heiden im Theater! O armer Gelasim, wie wird es dir ergehn! Die Gnade leuchtet dir. Jedoch an einem Krater. Sie mache blind dich, nicht hinabzusehn! -- Getrost! Ein Herz war bei ihm, das zum Vater Der Liebe betete, ihm beizustehn. Wie stärkender Tau fiel in das glutverdorrte Herz himmelher ihm jedes ihrer Worte.

Ein klarer Held, aufrecht, mit starken Schritten, Betrat Gelasimus den Schauplatz. Groß Schritt er zum schwarzen Kreuze, das inmitten Von unterirdischen Gräbern stand. Getos Heidnischen Volks bestürmte ihn mit Bitten, Zurückzukehren in der Götter Schoß. -- Dies war der Auftakt. -- Stille nun. -- Dann wollte Die Rolle, daß dem Kreuz er fluchen sollte.

Er aber kniete nieder. Und er legte Auf Christi Fuß die Stirne: ganz entrückt, Indes die Lippen im Gebet er regte. Dann hob das Haupt er, lächelte verzückt, Stand ruhig auf, schritt ruhig vor, bewegte Nicht eine Miene, bis er tief gebückt, Das Kreuz des Schwertgriffs küßte, lippenbebend, Die ganze Seele in den Kuß hingebend.

Das Publikum, durch diese Pantomime Vor Staunen fast um den Verstand gebracht, Schwieg noch. Nur einer rief: »O Gelasime,[9] Was hast du mir aus meinem Stück gemacht!« Der Dichter war's. Doch nun, ~ottave rime~, Zieht euch zurück, denn das Gewitter kracht. Bis hierher ging es mit den steifen Stanzen, Jetzt aber müssen freie Rhythmen tanzen.

[9] Man muß es dem Dichter zugute halten, daß er falsch betont. Er stammte nicht aus Rom, sondern aus Jerusalem.

Wie wenn vorm ersten Stoß des nahenden Sturms die Blätter Von Pappelbäumen zu zittern beginnen und rascheln, Lief durch die Massen Die steinernen Gassen Der Sitze entlang, von den Senatoren- Subsellien bis zu den höchsten Emporen, Ein Surren und Summen, Ein Schurren und Brummen, Ein flirrendes Flüstern, Ein Schnauben aus Nüstern, Ein heißes Hauchen, Ein pfeifendes Pfauchen, Ein Schnarren und Schnarchen, Ein Knarren und Knarchen, Ein Stimmengewirre, Geschwirre, Geklirre: Von allerhand widrigen Tönen kurzum Ein höllisches Pandämonium.

So stimmen im Orchester disharmonisch Die Instrumente Bläser, Streicher, Schläger, Des Mannes harrend, der als Luftdurchsäger Mit seinem Taktstock kommt, auf daß symphonisch Das Ganze werde. Doch, man weiß es ja: Zuweilen zeigt sich reichlich kakophonisch Frau Musika.

Als Hofkapellmeister Seiner Majestät Des Publikums in diesem Fall fungierte Ein hagerer Priester, der den Vorsitz zierte In Baalbeks Sittlichkeitssozietät, Die nicht Moral allein in ihrem Wappen führte, Sondern auch Schutz der Religiosität. »Silentium!« krähte der Dürre schrill. Und gleich war's still.

Sodann hub an Der magere Mann: »Verruchter Bube, was ficht dich an, Unsere heiligsten Güter zu verhöhnen? Bestellt zum Dienste der Kamönen, Hast das Theater du entweiht Zum Schauplatz scheußlichster Verkommenheit.

Du hast's gewagt, dich zu bekennen Zu einer Lehre, die so niedrig ist, Daß, grauser Aberwitz, nicht auszunennen, Sie einen Juden namens Christ Als Gott verehrt, den römische Justiz Verurteilt hat zum Malefiz- Kreuzgalgen, und verehrst, was jeden Braven Mit Schauder packt: das Marterholz der Sklaven.

Beim Zeus! Die Frechheit kann nicht weitergehn! Im Niedrigen das Göttliche zu sehn, Die ewigen, großen Götter vom Thron Herabzustoßen Und, Blasphemie, als Gottes Sohn An ihre Stelle einen Schwerverbrecher, Bestraft nach heiligem römischen Recht, Zu setzen: Was bisher auch frecher Anarchischer Pöbelwahn sich erfrecht: Dies ist der Gipfel! Seit die Welt besteht, Ward so der heiligen Wahrheit Majestät Nicht ins Gesicht gespien!

(Hier machte eine Pause, Begierig nach Applause, Der orthodoxe Mann. Der setzte prompt und pünktlich ein Mit Bravorufen, Toben, Schrein. Doch als das Publikum genug geschrien, Fing er aufs neue an:)

»Du liegst noch immer auf den Knien? Steh auf, ich sage dir, steh auf! Dem Trotzigen wird nicht verziehn, Und die Gerechtigkeit nimmt reißend schnellen Lauf, Stößt sie auf Störrischkeit: Nur wenn zur rechten Zeit Der Sünder in sich gehet, Geschied's vielleicht, Daß sie, erweicht, Wenn er recht innig flehet, Ihm gnädiglich verzeiht.« (Dies sagte er in jenem Ton, Der, salbenseimig, allen Pfaffen, Als sei ihr Mund zum Salbennapf geschaffen, Wie Schmalz entschwappt seit Olims Zeiten schon.)

Und es ward totenstill. Das Publikum Zwang seine Gier zurück: aus _Spannung_ stumm, Nicht aus Verzicht auf das geliebte Toben. Die Bestie hatte schon das Prankenpaar erhoben, Zum Sprung gefedert lag der Rücken krumm. Die Tausende waren eins: _ein Vieh_ geworden. Und dieses Vieh, geeint aus Wut, War geil auf Blut Und leckte Die Lippen schon und bleckte Die Zähne zum ersehnten Morden.

Doch dieses Ungetüm, wie wild es sah, Und wie sein Atem keuchte: Für unsern Knieer war es gar nicht da. Er sah nur Licht und Leuchte: _Ihr_ Herz: wie aus Rubinenglas Ein Kelch es ihm bedeuchte, Voll von dem Blute Golgathas.

Und horch, es hob ein Zwiegesang Aus seinem Mund und ihrem sich, Geschwisterlich, Als wie aus einem Munde; Der klang nicht klagend, klang nicht bang, Klang selig, selig, selig, klang Wie zehrende Liebeskunde: »Mein Herzverlangen! Mein Armumfangen! Auf der Weide meiner Liebe holdseliges Lamm! Ich atme dich aus, ich atme dich ein, Du mein Morgenwind, Abendwind, Sonnenschein! (Er) Süße Braut, (Sie) Süßer Bräutigam, Von Jesus mir gegeben Zum bittern Tod, Vielsüßerm Leben! Halleluja! Der Hochzeit entgegen Auf blutigen Wegen Leidselig zu gehn, Gib, gib deine Hände! Wir werden ihn sehn: An Weges Ende Wird Jesus stehn! Halleluja! Wird Jesus stehn Mit seinem Hochzeitssegen. Jesus! Liebe! Jesus! Liebe! ~Soli Christo gloria!~«

Kaum, daß der beiden Gloria verklungen, Hat sich ein ungeheurer Unheilston Dem Tausendmäulerungetüm entrungen: Der schwoll vom Libanon zum Antilibanon. Und: Die von Christus eben noch gesungen, War'n auch bei ihm im Paradiese schon: Das wilde Tier hat heulend sie erschlagen. Genaures wußte niemand auszusagen.

Zerrissen lagen sie auf blutigem Steine: Ein Haufen unkenntlichen Fleischs, zerfetzt; _Zwei_ lebende Körper einst: als Leiche _eine_, Wie auf dem Hackebrett brutal zermetzt. Der Präsident vom Sittlichkeitsvereine Beklagte es tief, daß das Gesetz verletzt Durch Volkeseigenmächtigkeit geworden. Er war prinzipiell für offizielles Morden.

Die Menge selber, wie sie sich gespalten In Individuen: keine Bestie nun, Nein, lauter Biederleute: ungehalten War sie nicht minder ob so wüstem Tun. Man rief entrüstet, daß die Gassen schallten: »Wo blieb denn unser Polizeitribun?« Dann lief mit roten Köpfen man nach Hause, Und sehr bewegt verlief die Vesperjause.

Indessen senkte sich violenfarben Die Dämmrung nieder auf die Stadt von Stein; Dann kam die Nacht mit ihren Sternengarben Und lud zur Ruhe und zur Wollust ein; Die bunten Lupanarlaternen warben Wie jede Nacht zur Liebe und zum Wein, Und mancher starke Geist, in Liebeshitze, Verübte auf die toten Christenschweine Witze.

So ist das Leben. Bis im Grab wir liegen, Beschreiten eine Erde wir aus Dreck. Nur die Gedanken und Gefühle fliegen. Hermann Conradi proklamierte keck: »Nur wer das Leben überstinkt, wird siegen!« Doch, frag' ich: hat dies Siegen einen Zweck? Ist, recht besehn, die blutige Martyrkrone, Gleichviel um was, am Ende doch nicht ohne?

Wie wird das Leben heute überstunken! So siegreich, daß uns Übelkeit erfaßt. Gestank, du siegst! Die Welt ist jauchetrunken. Ihr Gott heißt Bauch, ihr Gottesdienst heißt Mast. Geheimnisvoll bedienen uns die Funken Der Ätherkraft. Jedoch es scheint verpaßt Der Anschluß an die höchste Hochspannleitung. Sogar Begeisterung stinkt: stinkt nach der Zeitung.

Genug davon! Mich als Savonarola Hier aufzuspielen, liegt mir völlig fern. Ich hasse ihn. Auch zieh' ich Emil Zola Dem großen Frenssen doch noch vor. Die Herrn, Die zum Erbrechen auf der Pianola Choräle treten, schlecht und subaltern, Beleidigen mein Geruchsorgan nicht minder, Als jene Bauchlakain im Glanzzylinder.

Sie preisen Christum hunderttausendzeilig; Ihr Tintenfinger weist auf ihn verzückt; Und, weil sie quabblig weich wie Laich und langeweilig, Hat sie der deutsche Ernst mit Ruhmsalat geschmückt. Erschien ihr Herr und Heiland heute: eilig Erklärte dies Geschlecht ihn für verrückt. Er aber nähme an den weißen Bäffchen Unsänftlich diese Wonnewinseläffchen.

Er war die Liebe. Ja. Doch nicht die laue, Die spülichtduldsam in den Pfaffentrog Jedweden Quark befördert; nicht die schlaue, Die bald als Zepter schlug, bald sich wie Binse bog: Die zornige Liebe war er, Schwert und Klaue Der Waffenlosen; kurz: kein Theolog. Doch, weil er wirklich himmelgroß gewesen, Läßt sich aus seiner Lehre alles lesen.

Auch unser liebes Christentum. Wer immer Sich Christ nennt, tut's mit Recht. Es ruht auf ihm, Wie könnt' es anders sein, ein kleiner Schimmer Aus Jesu Herzen. Völlig legitim Ist dieser Titel. Wird er Herzensstimmer Zu Rausch und Aufschwung, wie bei Gelasim, So ist er mehr: Ist Geist von Christi Geiste, Und sei auch Wahn dabei das allermeiste.

Wahn!? Was ist Wahn! Was so im Menschen zündet, Daß er zur Flamme wird, die sich verzehrt; Zum Glutstrom, der aus seliger Freiheit mündet Ins All, ins Nichts; von keiner Angst beschwert, Durch Tat das Wort: Wo ist dein Stachel, Tod? verkündet -- Ist mehr als alle faule Wahrheit wert. Schwer ist das Sterben. Wer's als Meister leistet: Den Tod zur Kunst macht, der ist gottdurchgeistet.

So ward ein Mime heilig, weil am Ende Von vieler Eitelkeit und Narretei Sein Leben er wie eine Opferspende An Gott gab. Ganz egal, ob der der rechte sei, Ob ein Idol gewesen. Seine Hände Wusch Herr Pilatus, dem das Volksgeschrei Wie aufgewirbelter Schmutz vorkam, und fragte, Worauf kein Gott: jedoch die Zeit bald Antwort sagte.

_Wahr ist, was wirkt._ Der große Baal war Wahrheit; Der große Zeus desgleichen; Jahve auch; Und Christus, kommend aus der großen Klarheit, Das jene tot, hat mit der Liebe Hauch, Der problematischen, in Offenbarheit Ins Nichts vertrieben ihrer Opfer Rauch. _Wahr ist der Geist, der wirkend souveräne._ Dogma ist Aas. Wer liebt das? Die Hyäne.

Gelasimus, den heiligen Mimen, haben Die Christen Baalbeks noch in gleicher Nacht In Mariamna feierlich begraben. Auch jene haben sie dorthin gebracht, Die ihn erfüllte mit des Glaubens Gaben. Doch ihres Namens wurde nicht gedacht. Vergessen ist sie: eine Namenlose. Denn Gelasim besaß die größere Pose.

So schließt denn leider diese Novellette Moralisch zwar, doch etwas angeeckt: Selbst in Legenden geht's wie beim Ballette Nicht nach Verdienst bloß zu, nein, nach Effekt: Wer vorne tanzt, der nur wird vom Parkette Beopernguckt und mit Applaus bedeckt. Ob Heiligen-, ob braune Kassenscheine: Die Hintergrundtalente kriegen keine.

Gleichviel: Jungfrauen mit der Gloriole Gibt's ohnehin schon eine große Schar, Indes ein Mime mit der Tänzersohle Als Heiliger ein großes Novum war: Die Kirche brauchte ihn zum Seelenwohle Der Mimenschaft, die, wäre sie heiligenbar, Am Ende in Verlegenheiten käme, Wen sie beim Herrgott sich zum Fürsprech nähme.

Zwar sagt man, daß sie nicht sehr häufig beten, Die untenher das Licht der Rampe trifft, Daß sie, gottloser fast noch als Poeten, Voll sind von aller Skeptizismen Gift. Das ist Verleumdung: Fehlen die Moneten, Ist man viel frömmer als im Damenstift, Im Reich der Schminke. Und sie fehlen häufig: Drum ist den Mimen Beten sehr geläufig.

Wenn sich der Monat neigt zum kahlen Ende, Hat Gelasim unendlich viel zu tun, Am Anfang weniger. Dann läßt die Hände Gemütlich er im heiligen Schoße ruhn Und überdenkt die eigene Legende: Es ist, wie's war, war ehedem, wie nun: Der Mensch hat's mit dem Beten nicht sehr eilig -- Ich wurde selbst auch Ultimo erst heilig.

Gedichte.

Flußfahrt im Frühling

Welch ein Ziehen! Welch ein Gleiten! Zwischen Schilf und alten Weiden, Die sich beugen, die sich neigen, Fahren wir -- wohin? ... wohin? Laßt das Fragen! Laßt uns schweigen! Welle mag den Weg uns zeigen, Führerin und Trägerin.

Wie im Leben hingetrieben, Schwankend, schwebend, fortgezogen, Wollen wir des Flusses Bogen Träumend folgen und ihn lieben, Der uns so ins Weite trägt.

-- Wird es helle sein am Ziele? Dunkel? -- Wehe dem, der frägt! Fragen gibt es allzuviele, Antwort eine nur. -- Es regt Hohl sich unter unserm Kiele.

Laßt um unsere heißen Hände Diese kühlen Fluten streichen. Nixenseelchen, nehmt's als Zeichen Unserer stillen Liebe an! -- Ach, wen eure Liebe fände: Tiefstes wüßte wohl der Mann ... Doch er schwiege bis ans Ende.

Aber wir ... nein! --: Laßt uns sagen, Was durch unsre Seele geht! Wind und Wasser sollen's tragen, Daß es durch den Frühling weht: Frisches, fröhliches Behagen, Lust am Nachten und am Tagen Leben, das in Blüten steht.

Der stille alte Goethe.

Auf meinem grünen Kachelofen in meinem grünen Schlafkabinette, Schräg gegenüber meinem gelben Messingbette, Steht Christian Rauchs kleine Goethestatuette. Von der grünen Tapete bekommt sie einen grünen Schein. Sie ist bloß aus Gips, und Frau Lisette Findet, daß sie kein Verhältnis zum Ofen hätte: Sie sei zu klein. Aber, seh ich sie an, fällt mir allerhand ein, Was ich (nicht im Schlafzimmer) zu tun noch hätte: Der stille alte Goethe mahnt, tätig zu sein.

Des Helden Not.

Feinde ringsum! Hör, wie sie toben! Unten und oben Fall'n sie dich an. Recke dich, Mann! Steh nicht so stumm! Ach, laß sie rasen, Trommeln und blasen! Dieses Gedräue Bringt mich nicht um: Aber die Reue, Die macht mich stumm.

Erde, liebe Erde ...

Wie eine Blüte im Mai Blättert sich auf der Tag, Zeigt seine nackende Schönheit der Sonne. Sehen, o zaubrisches Glück! Gottselige Wonne, Dies Atmen! Der Herzensschlag! Schmerzen und Lüste herbei!