Reife Früchte vom Bierbaum

Part 11

Chapter 113,491 wordsPublic domain

Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge wohl bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und die Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, dem Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist. Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen und Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien den älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und Kunstprofessoren als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung.

Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem in Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht auch noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines Lebens die meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte ließen, hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden wie vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit ein scharmanter König geworden war.

Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des Untertanen den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und Tritt zu folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung jener ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten Bäder, die die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im schneekühlen Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von denen sich keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der Wasserscheue sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter allen Umständen gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu folgen.

Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche, kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren, seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder nur von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme durch allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr.

Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen, wenn der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche Gefühl zu verletzen, um einen ~dolus eventualis~ auf dem besonders heiklen Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt sich doch immer einer den gewissen Ruck, nimmt den betreffenden (in den meisten Fällen ist es ein alter Professor oder Dichter) beiseite und flüstert (wenn er das Wort »geradezu« im Wappen führt): »Sie, Ihr Hosentürl ist offen,« oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen orientierenden Blicke: »Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.« Ja, es gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu frivolen Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: »Sie, verlier'n S' fei' nix!«

Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man kann nicht! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister Baron von Bemsl, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben, erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten: dieser Fall sei von einer Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge, sondern der Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte er mit anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie über das königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin (er liebte dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht entgehen, und sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu beheben, ohne daß sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen brauche.

»Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von Ressorts wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,« bemerkte der Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen Schüttelfrostes jetzt sehr heiß zumute wurde, »aber sie müßte _äußerst_ schnell eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses Berges eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter vier weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein Huldigungsgedicht auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die Jungfrau aus dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die derangierte Gegend fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem höchsten Herrn sämtlich, ich sage Ihnen: _sämtlich_ nicht ins _Gesicht_ sehen, sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist von einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir sonst dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir müssen _selber_ handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie sofort versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall bedrohte Würde des Königstums zu retten! ~Hic Rhodus! Hic salta!~ Walten Sie Ihres Amtes!«

Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte, in Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die ganze furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine Stellung auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel gehörte in _sein_ Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war.

Sollte er vielleicht doch? ... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König herantreten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: »Majestät haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die ...«

Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das _geht_ ja doch nicht! Niemals noch, solange es Zeremonienmeister gibt, haben Zeremonienmeisterlippen derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt.

In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee, zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor seiner Majestät postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom, _scheinbar_ die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung tatsächlich unterlassen hatte.

Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person Hand anlegend, den Mangel ~brevi manu~ reparieren können -- eine Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen wäre.

Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle dieser unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er seine Blicke von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu lassen. --

Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde?

An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz aussichtslos; das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber vielleicht einer dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch sonst zu seinem Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen, mußte doch einer zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder einen Auftrag oder schließlich den persönlichen Adel versprach, das unerhörte, kaum auszudenkende Wagstück unternahm.

Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft -- nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen.

Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen. Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war.

Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem er sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke, allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen Punkt ...

»Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!« meinte Meier.

»Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,« flüsterte der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären ... »Sie müssen durch die Blume gewissermaßen ... von hinten herum sozusagen ... abstrakt ...« Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu weit weg von seinem Ressort.

»Versteh' schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseitn zuweripürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in _der_ Art, daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl! ... Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.«

Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig nachdenkt und zu allem entschlossen ist.

Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis machen werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter ihm zu wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und führte ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, das irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er bemerkte, daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle Schrecken der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen Schleier, einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab.

Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus seinen katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er seinen Hut wieder auf und stand stramm.

Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund in etwas besonderem haben müsse, und fragte mit dem huldvollen Tone, der das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine Mühe und Übung scheut: »Na, Meier, was gibt's?«

(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen Ruck, und er sah sich direkt ~vis-à-vis~ dem Rachen des Ungeheuers, das ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre mit einer unangenehm schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch den Atem. Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von dem er schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.)

Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt:« »Ich möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.«

Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: »Fragen Sie nur zu, Meier.«

Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: »Wie wär's denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln zumachten?«

Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn dieser rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte dann so herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte, es sei durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte. Und da es zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes, dröhnendes, herzerfreuendes Lachen.

Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten mit Hämmern inne und lachten mit.

Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei, in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre ihm nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze seiner Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren Vergleich gewählt.

König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten aufbewahrt): »Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie nicht in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren,« und damit wandte er sich zu den übrigen: »das Volk, das Volk! ... Es ist eine schöne Sache um das Volk! ...«

Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte:

Wir jauchzen laut mit Herz und Mund In dieser gnadenvollen Stund', Wo uns das Glück geschieht, Das seinen König Leberecht Das biedre Landvolk, treu und echt, In seiner Nähe sieht.

Es steht sein hochberühmter Thron Seit mehr als tausend Jahren schon In unserer Mitte fest. Drum lieben wir ihn auch so sehr, Wie wenn er unser Vater wär', Der keinen je verläßt.

Er weiß, daß in der Landwirtschaft Beruht des Staates stärkste Kraft, Drum liebt ihn für und für Der schwergeprüfte Bauersmann Und hält als treuer Untertan Ihm _offen jede Tür_.

Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine Ideenassoziation ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur Folge hatte, woraus alle anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die Überzeugung gewannen, daß der hohe Herr nach wie vor den Interessen des Nährstandes seine besondere Huld zuwendete.

Der heilige Mime.

Gelasimus ein Mime war, Wie alle anderen Mimen waren: Des Ernstes und der Tugend völlig bar, Jedoch in allen Lastern schauderhaft erfahren. Nicht auf der Bühne nur: alltags sogar Tät er mit Schminke, Lippenrot nicht sparen Und kräuselte sein lichtgefärbtes Haar. Kurz: allen Frommen war Gelasimi Gebaren Ein Ärgernis, und jeglichem war klar, Er werde als ein feister Höllenbraten Dereinst dem Teufel in die Faust geraten.

Jedoch, was tat das dem Gelasimo? Er war ein Heide, und als Heide so Von Grund verstockt, daß es ihm doppelt freute, Ein Lasterknecht und Wollüstling zu sein, Weil er dadurch des Anstoßes ein Stein War auf dem Wege aller frommen Leute.

Auch waren die in jener bösen Zeit (Als Diokletian, der Schändliche, regierte) In so verachtet schwacher Minderheit, Daß ihr Gemurmel niemanden genierte. Zeus saß als Sonnengott im Tempel breit Zu Baalbek, den noch nicht das Kreuzbild zierte: Zu Baalbek in der alten Götzenstadt, Da dies Mirakel sich begeben hat.

Heut ist der Ort ein jämmerlicher Flecken, Wo niedre Beduinenhütten sich Im Schatten riesigen Mauerwerks verstecken, Aus dem sich, schön und ungeheuerlich, Gewaltige Säulen quadermächtig recken: Des Tempels Reste, der versank, verblich. Doch damals stand er noch und um ihn her Die große Stadt des großen Jupiter.

Man ging auf Straßen, die gepflastert waren, (Wo mag das Pflaster hingekommen sein?) Vorbei an Goldschmiedläden, an Basaren, Hotels, Bordells (und mancher trat auch ein). Man schob sich, drängte sich mit Legionaren Aus Rom und Syrien; Griechen, frech und fein, Flanierten zwischen Juden und Phönikern Und andern Volksgenossen: _noch_ antikern.

Man amüsierte sich: beim Zeus! Und wie! Man tanzte; schlug den Ball; man jeute; sah Entzückt vom sichern Sitze Mensch und Vieh In wilden Kämpfen sich verbluten; ja, Man hatte den Genuß, am Kreuze die Gepfählt zu sehn, die »~Christo gloria~« Voreilig sangen, statt Jovi dem Vater. Und außerdem gab's mehr denn zehn Theater.

Davon im feinsten war Gelasimus (Als erster Held versteht sich) engagiert. Auch war er Regisseur (Präpositus), In allen Bombenwirkungen versiert. Bei jeder Premiere hat am Schluß Man ihn hervorgerufen: applaudiert, Bis er erschien und sich mit edler Neigung Rechts, links verbeugte als zur Dankbezeigung.

Kein Wunder: wenn man solche Beine hat, Wie Gelasim, und Augen so voll Feuer, Daß jede Dame in der großen Stadt, Als wär' ihr Herz ein Strohsack, eine Scheuer Voll dürren Heu's, in Flammen stand, schachmatt Vor Liebe zu dem süßen Ungeheuer. Alltäglich brachte ihm der Stadtpostbote Dreihundert Briefe, meistens rosarote.

Die kleinen Mädchen in der süßen Zeit Der ersten Schwellung gruben um die Wette In Wachs den Namen, trugen unterm Kleid Auf bloßer Brust ihn; seine Statuette Aus Alabaster lag, gebenedeit Durch manchen Kuß, in manchem Backfischbette, Indes die mehr schon vorgeschrittenen Damen Anstatt des Bilds den Mimen selber nahmen.

Und auch die Rezensenten wagten's, ihm Nicht zu kredenzen ihren Wermutbecher. Der blutige Schmul selbst hieß ihn Seraphim (Er, dem sonst alle Mimen schäbige Schächer). So kam's wie's mußte: unser Gelasim Wurde von Tag zu Tage eitler, frecher. Man durfte wirklich bald schon denen glauben, Die zweifelten an seines Hirnes Schrauben.

Er sprach nur noch per »Wir«, er ließ sich nur Noch von Äthiopiern in Sänften tragen, Und, wenn er wirklich einmal Wagen fuhr, So war's vierspännig und im Muschelwagen; Die Frau des Gouverneurs sogar beim Jour Ließ er vergeblich warten und ihr sagen: Er habe heute Besseres zu tun, Doch morgen werd' er dazusein geruhn.

Natürlich wählte er die Stücke aus, In denen er dem Publikum sich zeigte, Und strich und änderte: es war ein Graus, Daß mancher Autor jähen Tods verbleichte. Dann schrieb er selbst ein Drama. Das hieß »~Laus Imperatori~«. Das Gehirn erweichte Jedwedem, der es sah. Ihm ist der Orden Für Kunst und Wissenschaft dafür geworden.

Doch, wie's nun beim Theater ging (und geht): Manch Stück gefällt zwar, weil der Herr Verfasser Beim Publikum in großer Liebe steht; Jedoch gefällt es -- durch. Wie Wind und Wasser Ist Gunst des Publikums: verfließt, verweht, Wenn's darauf ankommt. Fragte an der Kass' er: »Wie ist das Haus heut?« ward zur Antwort ihm: »~Laus~ zieht nicht -- leer!« Das kränkte Gelasim.

~Laus~ zieht nicht! dachte düster er bei sich: Das Edelste, das ich zu geben habe, Gilt ihnen nichts. Was zieht denn eigentlich? Lock' ich vielleicht mit meiner Mimengabe? Ach nein, ich fühl's: sie woll'n ganz einfach mich: Ich bin nichts weiter, als ihr Freudenknabe. Im Grunde werd' ich schauderhaft verkannt. O Volk, o Welt, wie seid ihr degoutant!

Gelasimus, beleidigt im Genie, Verfiel in ungewohnte böse Laune. Erst war sie grau, dann schwarz: Melancholie Saß faltig über jeder Augenbraune. Schon floh der Mime zur Philosophie, Und bald erhob sich ringsum das Geraune: Gelasimus der Schöne hat den Spleen: Er abonniert das Weisheitsmagazin.

Man lächelte, und hinter den Kulissen (Wenn ich so sagen darf, da, wie bekannt, Es keine gab) ward mancher Witz gerissen; Denn Mimen waren immer medisant, Perfid, gemein und kalauerbeflissen: Schon wurde Heraklit der Dunkle er genannt. Bald wird er, dachten froh die Konkurrenten, In einem Nervensanatorium enden.

Der Herr Direktor machte _keine_ Witze. Ihm war's zu ernst dazu. Das leere Haus Erzeugte im Gemüt ihm Siedehitze, Und all sein Zorn galt dem Autor der »~Laus~«. »Du hast den Orden, ich die leeren Sitze. Das paßt mir nicht!« so rief er wütend aus. »Beschränke dich auf deine schönen Waden Und laß das Dichten! Denn es bringt mir Schaden.«

So lernte Gelasim die Wahrheit kosten, Daß jeder hohe Sessel wacklig ist, Und daß auch goldne Lorbeerblätter rosten, Bewirft sie Mißerfolg mit feuchtem Mist. Am liebsten hätt' er den verlornen Posten Sogleich verlassen ohne Kündigungsfrist, Hätt' ihn nicht Schuldenlast gefesselt ehern Wohl an ein Schock von grimmen Manichäern.

Und er ging in sich und begann zu grübeln: Was hab' ich nun von meiner Eitelkeit? Verworfen bin ich, machtlos allen Übeln, Gebundnem Opfertiere gleich, geweiht; Das Unglück übergießt mich wie aus Kübeln. Wo ist der Gott, der gnädig mich befreit? Erleuchtung! Kann mich Frömmigkeit noch retten, So frequentier' ich gern die heiligen Stätten.

Er tat's. Fort von den Philosophen ging er Stracks zu den Priestern: und mit offner Hand, Als Tempelspender und als Opferbringer; Bei allen Göttern ward er Supplikant. Kaum hatte Raum der riesige Opferzwinger Für all das Vieh, von Gelasim gesandt. Die Priester lächelten: Kein Menschenmagen Kann eines Mimen Frömmigkeit ertragen.

Jedoch gewährten sie ihm alle Gnaden Der Götter, die er flehentlich erbat. Er durfte sich im Venustempel baden; Des Zeus Orakel gab ihm dunklen Rat; Er aß, zuviel beinah, geweihte Fladen; Trug Amulette im Sakralformat. Half alles nichts. Es blieb die alte Leier: In seinem Herzen brauten Nebelschleier.