Part 7
Die erste Folge von dem aufgestellten Grundunterschiede, die ich angab, war die: beim Volke der lebendigen Sprache greife die Geistesbildung ein in das Leben; beim Gegenteile gehe geistige Bildung und Leben jedes für sich seinen Gang fort. Es wird nützlich sein, zuvörderst den Sinn des aufgestellten Satzes tiefer zu erklären. Zuvörderst, indem hier vom Leben, und von dem Eingreifen der geistigen Bildung in dasselbe geredet wird, so ist darunter zu verstehen das ursprüngliche Leben und sein Fortfluß aus dem Quell alles geistigen Lebens, aus Gott, die Fortbildung der menschlichen Verhältnisse nach ihrem Urbilde, und so die Erschaffung eines neuen und vorher nie dagewesenen; keineswegs aber ist die Rede von der bloßen Erhaltung jener Verhältnisse auf der Stufe, wo sie schon stehen, gegen Herabsinken, und noch weniger, vom Nachhelfen einzelner Glieder, die hinter der allgemeinen Ausbildung zurückgeblieben. Sodann, wenn von geistiger Bildung die Rede ist, so ist darunter zu allererst die Philosophie -- wie wir dies mit dem ausländischen Namen bezeichnen müssen, da die Deutschen sich den vorlängst vorgeschlagenen deutschen Namen nicht haben gefallen lassen -- die Philosophie, sage ich, ist zu allererst darunter zu verstehen; denn diese ist es, welche das ewige Urbild alles geistigen Lebens wissenschaftlich erfaßt. Von dieser und von aller auf sie gegründeten Wissenschaft wird nun gerühmt, daß beim Volke der lebendigen Sprache sie einfließe in das Leben. Nun aber ist, in scheinbarem Widerspruche mit dieser Behauptung, oftmals und auch von den unsern gesagt worden, daß Philosophie, Wissenschaft, schöne Kunst und dergleichen Selbstzwecke seien, und dem Leben nicht dienten, und daß es Herabwürdigung derselben sei, sie nach ihrer Nützlichkeit in diesem Dienste zu schätzen. Es ist hier der Ort, diese Ausdrücke näher zu bestimmen und vor aller Mißdeutung zu verwahren. Sie sind wahr in folgendem doppelten aber beschränkten Sinne: zuvörderst, daß Wissenschaft oder Kunst dem Leben auf einer gewissen niedern Stufe, z. B. dem irdischen und sinnlichen Leben oder der gemeinen Erbaulichkeit, wie einige gedacht haben, nicht müsse dienen wollen; sodann daß ein einzelner zufolge seiner persönlichen Abgeschiedenheit vom Ganzen einer Geisterwelt, in diesen besonderen Zweigen des allgemeinen göttlichen Lebens völlig aufgehen könne, ohne eines außer ihnen liegenden Antriebes zu bedürfen; und volle Befriedigung in ihnen finden könne. Keineswegs aber sind sie wahr in strenger Bedeutung; denn es ist ebenso unmöglich, daß es mehrere Selbstzwecke gebe, als es unmöglich ist, daß es mehrere Absolute gebe. Der einzige Selbstzweck, außer welchem es keinen andern geben kann, ist das geistige Leben. Dieses äußert sich nur zum Teil und erscheint als ein ewiger Fortfluß aus ihm selber, als Quell, d. i. als ewige Tätigkeit. Diese Tätigkeit erhält ewig fort ihr Musterbild von der Wissenschaft, die Geschicklichkeit, nach diesem Bilde sich zu gestalten, von der Kunst; und insoweit könnte es scheinen, daß Wissenschaft und Kunst da seien als Mittel für das tätige Leben, als den Zweck. Nun aber ist in dieser Form der Tätigkeit das Leben selber niemals vollendet und zur Einheit geschlossen, sondern es geht fort ins Unendliche. Soll nun doch das Leben als eine solche geschlossene Einheit dasein, so muß es also dasein in einer andern Form. Diese Form ist nun die des reinen Gedankens, der die in der dritten Rede beschriebene Religionseinsicht gibt; eine Form, die als geschlossene Einheit mit der Unendlichkeit des Tuns schlechthin auseinanderfällt, und in dem letztern, dem Tun, niemals vollständig ausgedrückt werden kann. Beide demnach, der Gedanke, sowie die Tätigkeit, sind nur in der Erscheinung auseinanderfallende Formen, jenseit der Erscheinung aber sind sie, eine wie die andre, dasselbe _eine_ absolute Leben; und man kann gar nicht sagen, daß der Gedanke um des Tuns, oder das Tun um des Gedankens willen sei und also sei, sondern daß beides schlechthin sein solle, indem auch in der Erscheinung das Leben ein vollendetes Ganzes sein solle, also, wie es dies ist jenseit aller Erscheinung. Innerhalb dieses Umkreises demnach und zufolge dieser Betrachtung ist es noch viel zu wenig gesagt, daß die Wissenschaft einfließe aufs Leben; sie ist vielmehr selber, und in sich selbständiges Leben. -- Oder, um dasselbe an eine bekannte Wendung anzuknüpfen. Was hilft alles Wissen, hört man zuweilen sagen, wenn nicht danach gehandelt wird? In diesem Ausspruche wird das Wissen als Mittel für das Handeln, und dieses letztere als der eigentliche Zweck angesehen. Man könnte umgekehrt sagen, wie kann man doch gut handeln, ohne das Gute zu kennen? und es würde in diesem Ausspruche das Wissen als das Bedingende des Handelns betrachtet. Beide Aussprüche aber sind einseitig; und das Wahre ist, daß beides, Wissen so wie Handeln, auf dieselbe Weise unabtrennliche Bestandteile des vernünftigen Lebens sind.
In sich selbstbeständiges Leben aber, wie wir soeben uns ausdrückten, ist die Wissenschaft nur alsdann, wenn der Gedanke der wirkliche Sinn und die Gesinnung des Denkenden ist, also daß er, ohne besondere Mühe, und sogar ohne dessen sich klar bewußt zu sein, alles andre, was er denkt, ansieht, beurteilt, zufolge jenes Grundgedankens ansieht und beurteilt, und falls derselbe aufs Handeln einfließt, nach ihm ebenso notwendig handelt. Keineswegs aber ist der Gedanke Leben und Gesinnung, wenn er nur als Gedanke eines fremden Lebens gedacht wird; so klar und vollständig er auch als ein solcher bloß möglicher Gedanke begriffen sein mag, und so hell man sich auch denken möge, wie etwa jemand also denken könne. In diesem letztern Falle liegt zwischen unserm gedachten Denken und zwischen unserm wirklichen Denken ein großes Feld von Zufall und Freiheit, welche letzte wir nicht vollziehen mögen; und so bleibt jenes gedachte Denken von uns abstehend, und ein bloß mögliches und ein von uns frei gemachtes und immer fort frei zu wiederholendes Denken. In jenem ersten Falle hat der Gedanke unmittelbar durch sich selbst unser Selbst ergriffen und es zu sich selbst gemacht, und durch diese also entstandene Wirklichkeit des Gedankens für uns geht unsre Einsicht hindurch zu dessen Notwendigkeit. Daß nun das letztere also erfolge, kann, wie eben gesagt, keine Freiheit erzwingen, sondern es muß eben sich selbst machen, und der Gedanke selber muß uns ergreifen, und uns nach sich bilden.
Diese lebendige Wirksamkeit des Gedankens wird nun sehr befördert, ja, wenn das Denken nur von der gehörigen Tiefe und Stärke ist, sogar notwendig gemacht, durch Denken und Bezeichnen in einer lebendigen Sprache. Das Zeichen in der letzten ist selbst unmittelbar lebendig und sinnlich, und wieder darstellend das ganze eigne Leben, und so dasselbe ergreifend und eingreifend in dasselbe; mit dem Besitze einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart sich ihm, wie ein Mann dem Manne. Dagegen regt das Zeichen einer toten Sprache unmittelbar nichts an; um in den lebendigen Fluß desselben hineinzukommen, muß man erst historisch erlernte Kenntnisse aus einer abgestorbenen Welt sich wiederholen, und sich in eine fremde Denkart hineinversetzen. Wie überschwenglich wohl müßte der Trieb des eignen Denkens sein, wenn er in diesem langen und breiten Gebiete der Historie nicht ermattete, und nicht zuletzt auf dem Felde dieser bescheiden sich begnügte. So eines Besitzers der lebendigen Sprache Denken nicht lebendig wird, so kann man einen solchen ohne Bedenken beschuldigen, daß er gar nicht gedacht, sondern nur geschwärmt habe. Den Besitzer einer toten Sprache kann man in demselben Falle dessen nicht sofort beschuldigen; gedacht mag er allerdings haben nach seiner Weise, die in seiner Sprache niedergelegten Begriffe sorgfältig entwickelt; er hat nur das nicht getan, was, falls es ihm gelänge, einem Wunder gleich zu achten wäre.
Es erhellt im Vorbeigehen, daß beim Volke einer toten Sprache im Anfange, wo die Sprache noch nicht allseitig klar genug ist, der Trieb des Denkens noch am kräftigsten walten und die scheinbarsten Erzeugnisse hervorbringen werde; daß aber dieser, sowie die Sprache klarer und bestimmter wird, in den Fesseln derselben immermehr ersterben müsse, so daß zuletzt die Philosophie eines solchen Volks mit eignem Bewußtsein sich bescheiden wird, daß sie nur eine Erklärung des Wörterbuchs, oder wie undeutscher Geist unter uns dies hochtönender ausgedrückt hat, eine Metakritik der Sprache sei; zu allerletzt, daß ein solches Volk etwa ein mittelmäßiges Lehrgedicht über die Heuchelei in Komödienform für ihr größtes philosophisches Werk anerkennen wird.
In dieser Weise, sage ich, fließt die geistige Bildung, und hier insbesondere das Denken in einer Ursache nicht ein in das Leben, sondern es ist selbst Leben des also Denkenden. Doch strebt es notwendig, aus diesem also denkenden Leben einzufließen auf andres Leben außer ihm, und so auf das vorhandene allgemeine Leben, und dieses nach sich zu gestalten. Denn eben weil jenes Denken Leben ist, wird es gefühlt von seinem Besitzer mit innigem Wohlgefallen in seiner belebenden, verklärenden und befreienden Kraft. Aber jeder, dem Heil aufgegangen ist in seinem Innern, will notwendig, daß allen andern dasselbe Heil widerfahre, und er ist so getrieben und muß arbeiten, daß die Quelle, aus der ihm sein Wohlsein aufging, auch über andre sich verbreite. Anders derjenige, der bloß ein fremdes Denken als ein mögliches begriffen hat. So wie ihm selber dessen Inhalt weder Wohl noch Wehe gibt, sondern es nur seine Muße angenehm beschäftigt und unterhält, so kann er auch nicht glauben, daß es einem andern wohl oder wehe machen könne, und hält es zuletzt für einerlei, woran jemand seinen Scharfsinn übe, und womit er seine müßigen Stunden ausfülle.
Unter den Mitteln, das Denken, das im einzelnen Leben begonnen, in das allgemeine Leben einzuführen, ist das vorzüglichste die Dichtung, und so ist denn diese der zweite Hauptzweig der geistigen Bildung eines Volkes. Schon unmittelbar der Denker, wie er seinen Gedanken in der Sprache bezeichnet, welches nach obigem nicht anders denn sinnbildlich geschehen kann, und zwar über den bisherigen Umkreis der Sinnbildlichkeit hinaus neu erschaffend, ist Dichter; und falls er dies nicht ist, wird ihm schon beim ersten Gedanken die Sprache, und beim Versuche des zweiten das Denken selber ausgehen. Diese durch den Denker begonnene Erweiterung und Ergänzung des sinnbildlichen Kreises der Sprache durch dieses ganze Gebiet der Sinnbilder zu verflößen, also daß jedwedes an seiner Stelle den ihm gebührenden Anteil von der neuen geistigen Veredlung erhalte, und so das ganze Leben bis auf seinen letzten sinnlichen Boden herab in den neuen Lichtstrahl getaucht erscheine, wohlgefalle, und in bewußtloser Täuschung wie von selbst sich veredle, dieses ist das Geschäft der eigentlichen Dichtung. Nur eine lebendige Sprache kann eine solche Dichtung haben; denn nur in ihr ist der sinnbildliche Kreis durch erschaffendes Denken zu erweitern, und nur in ihr bleibt das schon Geschaffene lebendig und dem Einströmen verschwisterten Lebens offen. Eine solche Sprache führt in sich Vermögen unendlicher, ewig zu erfrischender und zu verjüngender Dichtung, denn jede Regung des lebendigen Denkens in ihr eröffnet eine neue Ader dichterischer Begeisterung; und so ist ihr denn diese Dichtung das vorzüglichste Verflößungsmittel der erlangten geistigen Ausbildung in das allgemeine Leben. Eine tote Sprache kann in diesem höhern Sinne gar keine Dichtung haben, indem alle die angezeigten Bedingungen der Dichtung in ihr nicht vorhanden sind. Dagegen kann eine solche auf eine Zeitlang einen Stellvertreter der Dichtung haben auf folgende Weise. Die in der Stammsprache vorhandenen Ausflüsse der Dichtkunst werden die Aufmerksamkeit reizen. Zwar kann die neu entstandene Volksart nicht fortdichten auf der angehobenen Bahn, denn diese ist ihrem Leben fremd; aber sie kann ihr eignes Leben und die neuen Verhältnisse desselben in den sinnbildlichen und dichterischen Kreis, in welchem ihre Vorwelt ihr eignes Leben aussprach, einführen, und zum Beispiel ihren Ritter ankleiden als Heros und umgekehrt, und die alten Götter mit den neuen das Gewand tauschen lassen. Gerade durch diese fremde Einhüllung des Gewöhnlichen wird dasselbe einen dem idealisierten ähnlichen Reiz erhalten, und es werden ganz wohlgefällige Gestalten hervorgehen. Aber beides, sowohl der sinnbildliche und dichterische Kreis der Stammsprache, als die neuen Lebensverhältnisse, sind endliche und beschränkte Größen, ihre gegenseitige Durchdringung ist irgendwo vollendet; da aber, wo sie vollendet ist, feiert das Volk sein goldenes Zeitalter, und der Quell seiner Dichtung ist versiegt. Irgendwo gibt es notwendig einen höchsten Punkt des Anpassens der geschlossenen Wörter an die geschlossenen Begriffe, und der geschlossenen Sinnbilder an die geschlossenen Lebensverhältnisse. Nachdem dieser Punkt erreicht ist, kann das Volk nicht mehr, denn entweder seine gelungensten Meisterstücke verändert wiederholen, also, daß sie aussehen, als ob sie etwas Neues seien, da sie doch nur das wohlbekannte Alte sind; oder, wenn sie durchaus neu sein wollen, zum Unpassenden und Unschicklichen ihre Zuflucht nehmen, und ebenso in der Dichtkunst das Häßliche mit dem Schönen zusammenmischen, und sich auf die Karikatur und das Humoristische legen, wie sie in der Prosa genötigt sind, die Begriffe zu verwirren, und Laster und Tugend miteinander zu vermengen, wenn sie in neuen Weisen reden wollen.
Indem auf diese Weise in einem Volke geistige Bildung und Leben jedes für sich seinen besonderen Gang fortgehen: so erfolgt von selbst, daß die Stände, die zu der ersten keinen Zugang haben, und an die auch nicht einmal, wie in einem lebendigen Volke, die Folgen dieser Bildung kommen sollen, gegen die gebildeten Stände zurückgesetzt, und gleichsam für eine andre Menschenart gehalten werden, die an Geisteskräften ursprünglich, und durch die bloße Geburt den ersten nicht gleich seien; daß darum die gebildeten Stände gar keine wahrhaft liebende Teilnahme an ihnen, und keinen Trieb haben, ihnen gründlich zu helfen, indem sie eben glauben, daß ihnen, wegen ursprünglicher Ungleichheit, gar nicht zu helfen sei, und daß die Gebildeten vielmehr gereizt werden, dieselben zu brauchen, wie sie sind, und sie also brauchen zu lassen. Auch diese Folge der Ertötung der Sprache kann beim Beginn des neuen Volkes durch eine menschenfreundliche Religion, und durch den Mangel an eigner Gewandtheit der höhern Stände gemildert werden, im Fortgange aber wird diese Verachtung des Volkes immer unverhohlner und grausamer. Mit diesem allgemeinen Grunde des Sicherhebens und Vornehmtuns der gebildeten Stände hat noch ein besonderer sich vereinigt, welcher, da er auch selbst auf die Deutschen einen sehr verbreiteten Einfluß gehabt, hier nicht übergangen werden darf. Nämlich die Römer, welche anfangs den Griechen gegenüber, sehr unbefangen jenen nachsprechend, sich selbst Barbaren, und ihre eigne Sprache barbarisch nannten,[2] gaben nachher die auf sich geladene Benennung weiter, und fanden bei den Germaniern dieselbe gläubige Treuherzigkeit, die erst sie selbst den Griechen gezeigt hatten. Die Germanier glaubten der Barbarei nicht anders loswerden zu können, als wenn sie Römer würden. Die auf ehemaligem römischen Boden Eingewanderten wurden es nach allem ihrem Vermögen. In ihrer Einbildungskraft bekam aber barbarisch gar bald die Nebenbedeutung gemein, pöbelhaft, tölpisch, und so ward das Römische im Gegenteil gleichgeltend mit vornehm. Bis in das Allgemeine und Besondere ihrer Sprachen geht dieses hinein, indem, wo Anstalten zur besonnenen und bewußten Bildung der Sprache getroffen wurden, diese darauf gingen, die germanischen Wurzeln auszuwerfen und aus römischen Wurzeln die Wörter zu bilden, und so die Romanze, als die Hof- und gebildete Sprache zu erzeugen; im besondern aber, indem fast ohne Ausnahme bei gleicher Bedeutung zweier Worte das aus germanischer Wurzel das Unedle und Schlechte, das aus römischer Wurzel aber das Edlere und Vornehmere bedeutet.
[2] Auch über den größern oder geringern Wohllaut einer Sprache sollte, unsers Erachtens, nicht nach dem unmittelbaren Eindrucke, der von so vielen Zufälligkeiten abhängt, entschieden werden, sondern es müßte sich auch ein solches Urteil auf feste Grundsätze zurückführen lassen. Das Verdienst einer Sprache in dieser Rücksicht würde ohne Zweifel darein zu setzen sein, daß sie zuvörderst das Vermögen des menschlichen Sprachwerkzeugs erschöpfte und umfassend darstellte, sodann daß sie die einzelnen Laute desselben zu einer naturgemäßen und schicklichen Verfließung ineinander verbände. Es geht schon hieraus hervor, daß Nationen, die ihre Sprachwerkzeuge nur halb und einseitig ausbilden und gewisse Laute oder Zusammensetzungen unter Vorwand der Schwierigkeit oder des Übelklanges vermeiden, und denen leichtlich nur das, was sie zu hören gewohnt sind und hervorbringen können, wohlklingen dürfte, bei einer solchen Untersuchung keine Stimme haben.
Wie nun, jene höhern Grundsätze vorausgesetzt, das Urteil über die deutsche Sprache in dieser Rücksicht ausfallen werde, mag hier unentschieden bleiben. Die römische Stammsprache selbst wird von jeder neueuropäischen Nation ausgesprochen nach der derselben eigenen Mundart, und ihr wahre Aussprache dürfte sich nicht leicht wiederherstellen lassen. Es bliebe demnach nur noch die Frage übrig, ob denn den neulateinischen Sprachen gegenüber die deutsche so übel, hart und rauh töne, wie einige zu glauben geneigt sind.
Bis einmal diese Frage gründlich entschieden werde, mag wenigstens vorläufig erklärt werden, wie es komme, daß Ausländern und selbst Deutschen, auch wenn sie unbefangen sind und ohne Vorliebe oder Haß, dieses also scheine. Ein noch ungebildetes Volk von sehr regsamer Einbildungskraft, bei großer Kindlichkeit des Sinnes und Freiheit von Nationaleitelkeit (die Germanier scheinen dieses alles gewesen zu sein) wird angezogen durch die Ferne und versetzt gern in diese, in entlegene Länder und ferne Inseln, die Gegenstände seiner Wünsche und die Herrlichkeiten, die es ahnt. Es entwickelt sich in ihm ein _romantischer_ Sinn (das Wort erklärt sich selbst und könnte nicht passender gebildet sein). Laute und Töne aus jenen Gegenden treffen nun auf diesen Sinn und regen seine ganze Wunderwelt auf, und darum gefallen sie. Daher mag es kommen, daß unsre ausgewanderten Landsleute so leicht die eigne Sprache für die fremde aufgaben, und daß noch bis jetzt uns, ihren sehr entfernten Anverwandten, jene Töne so wunderbar gefallen.
Dieses, gleich als ob es eine Grundseuche des ganzen germanischen Stammes wäre, fällt auch im Mutterlande den Deutschen an, falls er nicht durch hohen Ernst dagegen gerüstet ist. Auch unsern Ohren tönt gar leicht römischer Laut vornehm, auch unsern Augen erscheint römische Sitte edler, dagegen das Deutsche gemein; und da wir nicht so glücklich waren, dieses alles aus der ersten Hand zu erhalten, so lassen wir es uns auch aus der zweiten, und durch den Zwischenhandel der neuen Römer recht wohl gefallen. Solange wir deutsch sind, erscheinen wir uns als Männer, wie andre auch; wenn wir halb oder auch über die Hälfte undeutsch reden und abstechende Sitten und Kleidung an uns tragen, die gar weit herzukommen scheinen, so dünken wir uns vornehm, der Gipfel aber unsers Triumphs ist es, wenn man uns gar nicht mehr für Deutsche, sondern etwa für Spanier oder Engländer hält, je nachdem nun einer von diesen gerade am meisten Mode ist. Wir haben recht. Naturgemäßheit von deutscher Seite, Willkürlichkeit und Künstelei von der Seite des Auslandes sind die Grundunterschiede; bleiben wir bei der ersten, so sind wir eben, wie unser ganzes Volk, dieses begreift uns und nimmt uns als seinesgleichen; nur wenn wir zur letzten unsre Zuflucht nehmen, werden wir ihm unverständlich, und es hält uns für andre Naturen. Dem Auslande kommt diese Unnatur von selbst in sein Leben, weil es ursprünglich und in einer Hauptsache von der Natur abgewichen; wir müssen sie erst aufsuchen, und an den Glauben, daß etwas schön, schicklich und bequem sei, das auf natürliche Weise uns nicht also erscheint, uns erst gewöhnen. Von diesem allen ist nun beim Deutschen der Hauptgrund sein Glaube an die größere Vornehmigkeit des romanisierten Auslandes, nebst der Sucht, ebenso vornehm zu tun, und auch in Deutschland die Kluft zwischen den höhern Ständen und dem Volke, die im Auslande natürlich erwuchs, künstlich aufzubauen. Es sei genug, hier den Grundquell dieser Ausländerei unter den Deutschen angegeben zu haben; wie ausgebreitet diese gewirkt, und daß alle die Uebel, an denen wir jetzt zugrunde gegangen, ausländischen Ursprungs sind, welche freilich nur in der Vereinigung mit deutschem Ernste und Einfluß aufs Leben das Verderben nach sich ziehen mußten, werden wir zu einer andern Zeit zeigen.
Außer diesen beiden aus dem Grundunterschiede erfolgenden Erscheinungen, daß geistige Bildung ins Leben eingreife, oder nicht, und daß zwischen den gebildeten Ständen und dem Volke eine Scheidewand bestehe, oder nicht, führte ich noch die folgende an, daß das Volk der lebendigen Sprache Fleiß und Ernst haben und Mühe anwenden werde in allen Dingen, dagegen das der toten Sprache die geistige Beschäftigung mehr für ein genialisches Spiel halte, und im Geleite seiner glücklichen Natur sich gehen lasse. Dieser Umstand ergibt aus dem oben Gesagten sich von selbst. Beim Volke der lebendigen Sprache geht die Untersuchung aus von einem Bedürfnisse des Lebens, welches durch sie befriedigt werden soll, und erhält so alle die nötigenden Antriebe, die das Leben selbst bei sich führt. Bei dem der toten will sie weiter nichts, denn die Zeit auf eine angenehme und dem Sinne fürs Schöne angemessene Weise hinbringen, und sie hat ihren Zweck vollständig erreicht, wenn sie dies getan hat. Bei den Ausländern ist das letzte fast notwendig; beim Deutschen, wo diese Erscheinung sich einstellt, ist das Pochen auf Genie und glückliche Natur eine seiner unwürdige Ausländerei, die, so wie alle Ausländerei aus der Sucht, vornehm zu tun, entsteht. Zwar wird in keinem Volke der Welt ohne einen ursprünglichen Antrieb im Menschen, der, als ein Uebersinnliches, mit dem ausländischen Namen mit Recht Genius genannt wird, irgend etwas Treffliches entstehen. Aber dieser Antrieb für sich allein regt nur die Einbildungskraft an, und entwirft in ihr über dem Boden schwebende, niemals vollkommen bestimmte Gestalten. Daß diese bis auf den Boden des wirklichen Lebens herab vollendet, und bis zur Haltbarkeit in diesem bestimmt werden, dazu bedarf es des fleißigen, besonnenen und nach einer festen Regel einhergehenden Denkens. Genialität liefert dem Fleiße den Stoff zur Bearbeitung, und der letzte würde ohne die erste entweder nur das schon bearbeitete, oder nichts zu bearbeiten haben. Der Fleiß aber führt diesen Stoff, der ohne ihn ein leeres Spiel bleiben würde, ins Leben ein; und so vermögen beide nur in ihrer Vereinigung etwas, getrennt aber sind sie nichtig. Nun kann überdies im Volke einer toten Sprache gar keine wahrhaft erschaffende Genialität zum Ausbruche kommen, weil es ihnen am ursprünglichen Bezeichnungsvermögen fehlt, sondern sie können nur schon Angehobenes fortbilden, und in die ganze schon vorhandene und vollendete Bezeichnung verflößen.