Ravachol und die Pariser Anarchisten
Part 4
Nach der Rede des Staatsanwaltes, – es war wieder jener Bulot – in der selbstverständlich die Todesstrafe gefordert wurde, bat der Angeklagte um das Wort, noch ehe sich sein Verteidiger erhoben hatte. Aus dem Dokument der Verteidigungsrede Henrys, die er am Anfang kühl und sachlich, ohne das Schriftstück in der Hand zu halten, vortrug (erst später, nach den einleitenden Sätzen, erbat er sich von seinem Verteidiger das Konzept) – aus diesem denkwürdigen, ja, wie man mit Fug sagen darf, historischen Dokument folgen hier etliche kurze Auszüge. –
Nachdem er eine rapide Übersicht über seinen Werdegang gegeben, präzisierte Henry seine Stellung innerhalb der sozialen Bewegung auf folgende Weise: „Einen Augenblick lang zog mich der Sozialismus an; doch es dauerte nicht lange, da lehnte ich diese Partei ab. Ich war viel zu sehr von der Liebe zur Freiheit erfaßt, hatte zu große Ehrfurcht vor der persönlichen Initiative; die Einkapselung in eine gleichgerichtete Truppe flößte mir zu großen Widerwillen ein, als daß ich eine Nummer in der organisierten Körperschaft des Vierten Standes hätte werden können. Übrigens bemerkte ich gar bald, daß der Sozialismus im Grunde an dem Stand der Dinge gar nichts ändert; er respektiert und hält das Autoritätsprinzip aufrecht, und dieses Prinzip ist, was auch die sogenannten Freidenker sagen mögen, nichts anderes als ein Überbleibsel jener atavistischen Furcht vor einer höheren Vorsehung. Ich bin Materialist und Atheist: Studium der Wissenschaften hat mich nach und nach das Spiel der Naturgewalten erkennen lassen; ich habe bald verstehen gelernt, daß die Hypothese, es gäbe einen Gott, durch die moderne Wissenschaft beiseite geschoben worden ist, als unnütz und überflüssig erkannt wurde. Infolgedessen mußten die religiöse Moral und die Autorität, die ebenfalls auf einer falschen Voraussetzung beruhen, verschwinden. Wo also war das milde Gesetz der Sittlichkeit zu suchen, das in einer Harmonie mit den Naturgesetzen diese alte Welt erneuen und eine glückliche Menschheit gebären könnte? Als ich dies erkannt hatte, verband ich mich mit einigen Genossen, die Anarchisten waren, und die ich heute als die besten Freunde liebe, die mir jemals begegnet sind.“
„In den Kampf ging ich mit einem tiefen Haß, den der tägliche, empörende Anblick dieser Gesellschaft schürte; denn in dieser Gesellschaft ist alles niedrig, alles feige, alles häßlich, alles ist Hindernis zur Entfaltung der Leidenschaften des Menschen, des edlen Willens der Herzen, des freien Aufschwunges des Gedankens. Ich wollte so hart und auch so gerecht zuschlagen wie ich es nur vermochte.“
Henry gibt nun eine Darstellung seiner Freude, die ihn angesichts der ersten Ereignisse des Streiks von Carmaux ergriffen hatte; dieser Streik hatte zu Anfang den Anschein einer revolutionären Tat erweckt, bald aber bemächtigten sich einige Männer der Seelen der Arbeitnehmer, und der Streik schien abzuflauen. Was waren diese Männer? „Es waren dieselben, die alle revolutionären Bewegungen vernichteten, aus Angst, das Volk könnte, losgelassen, nicht mehr auf ihre Stimmen hören. Es waren dieselben, die die Tausende der Arbeiter überreden, monatelang ihr Elend geduldig zu ertragen und die dann auf dem Rücken der Arbeiter sich Volkstümlichkeit und ein Deputiertenmandat ergattern. Dies waren die Männer, die sich an die Spitze der Streikenden stellten. Mit einemmal sah man einen Schwarm von Schönschwätzern sich über das Land niedersenken. Die Grubenarbeiter legten alle Macht in die Hand dieses Packs. Man weiß, was nun geschah. Der Streik drohte ins Unendliche hinauszuwachsen. Die Arbeiter gewöhnten sich an den Hunger, ihren täglichen Gefährten. Die kleinen Reserven ihrer Gewerkschaften und anderer Angeschlossenen kamen ihnen zu Hilfe, waren bald aufgebraucht, und nach zwei Monaten krochen die Armen demütig und elender als je in ihre Gruben zurück. Es wäre einfach gewesen, die Gesellschaft, Besitzerin des Bergwerks, gleich zu Anfang dort anzugreifen, wo sie am leichtesten zu verwunden war: die Kohlenvorräte zu verbrennen, das Maschinenhaus zu zerstören, die Entwässerungsanlagen zu vernichten. In diesem Falle hätte die Gesellschaft rasch nachgegeben, doch die Großbonzen erkennen diese Methoden nicht an, denn es sind _unsere Methoden, der Anarchisten_.“
„Für mein Teil hatte ich meinen Anschlag auf das Gebäude der Gesellschaft in Paris rasch beschlossen. Der Vorwurf gegen Ravachol: Die unschuldigen Opfer! kam mir in den Sinn. Das Haus aber, in dem sich die Büros der Carmaux-Gesellschaft befinden, ist ausschließlich von Bürgern bewohnt, daher konnte es keine unschuldigen Opfer geben. Da die gesamte Bourgeoisie der Ausbeutung der Unglücklichen teilnahmslos zusieht, muß sie in ihrer Gesamtheit ihre Schuld büßen. Im vollen Bewußtsein der Legitimität meines Unternehmens habe ich jene Höllenmaschine vor den Pforten des Büros niedergelegt.“
„Dasselbe ist der Fall bei meinem Terminus-Attentat. Die Bourgeoisie erkennt die Anarchisten als eine geeinte Körperschaft an. Ein einzelner Mann, Vaillant, warf eine Bombe. Neunzehntel der Genossen kannte Vaillant gar nicht. Das aber schadete nichts: die Anarchisten wurden in ihrer _Gesamtheit_ verfolgt. Jeder, der nur entfernt zum Anarchismus Beziehungen hatte, unterlag der Verfolgung. Nun, da sie die gesamte Partei für die Tat eines einzelnen verantwortlich machen, vergelte ich _gleiches_ mit _gleichem_.“
„Ihr habt in Chicago gehängt, in Deutschland geköpft, in Xeres erwürgt, in Barcelona erschossen, in Montbrison und Paris guillotiniert – was Ihr aber niemals werdet töten können, das ist die Anarchie. Ihre Wurzeln reichen zu tief. Sie ist erstanden aus einer verwesenden Gesellschaft, die sich in ihre Bestandteile auflöst. Sie erhebt sich als eine gewaltsame Gegenbewegung gegen die Ordnung dieser Gesellschaft, sie repräsentiert alle Sehnsucht nach Gleichheit und Befreiung, nach Zertrümmerung der gegenwärtigen Autorität. Sie ist überall; sie ist nirgends zu fassen; sie wird Euch alle töten. Hier, meine Herren Geschworenen, habe ich gesagt, was ich zu sagen hatte. Sie werden nun die Rede meines Verteidigers anhören.“
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Es kann nicht die Aufgabe dieser Abhandlung sein, _Caserios_ Attentat auf Sadi-Carnot zu behandeln, obzwar es in organischem Zusammenhang mit den oben berichteten Taten steht.
Am 5. Februar war Vaillant hingerichtet worden, – am 24. Juni rächte Santo Caserio, ein italienischer Proletarier, diesen Tod. Der Präsident der Republik hatte in jenen Tagen in Lyon die Kolonialausstellung besucht. Nach dem Abendessen, auf der Fahrt zum Theater, inmitten pompöser Kavallerie, die den Prunkwagen eskortierte, traf Carnot der Dolch des Italieners. Caserios Motive und Persönlichkeit sind in dem Zusammenhang dieser Erörterungen von geringem Belang (so wie die Jahre später erfolgte Ermordung Elisabeths von Österreich z. B.). Man darf über seine Tat leicht hinweggehen, wie auch andere Taten von Anarchisten, die sich um dieselbe Zeit in Paris ereigneten, von geringer Bedeutung für die Idee und den zentralen Trieb der anarchistischen Empörung sind.
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Manche dieser Taten wiesen wohl darauf hin, daß sie die Ketten der Versklavung des Geistes an bestimmten Orten zu sprengen und durchzubrechen suchten: wie z. B. die Tat des _Pauwels_, eines Freundes von Henry, dessen Bombe ihn selber, als er die Madeleine-Kirche in Paris betrat, in Stücke riß.
Andere Attentate hatten einen ausgesprochen burlesken Beigeschmack wie das Attentat jenes Droschkenkutschers _Moore_, des „Dichterkutschers“, der seinen Kollegen in Apoll, Lockroy, den Schwiegersohn Victor Hugos, anschoß, weil dieser Moores Bettelbriefe schließlich nicht mehr beantwortete.
Auch das Attentat auf das Restaurant Foyot bot dem Pariser Witz reichliche Nahrung: wenige Tage, ehe er gelegentlich dieses Attentates ernstlich verletzt wurde, hatte der satyrische Dichter _Laurent Tailhade_ in einem dithyrambischen Artikel die Tat Vaillants mit den Worten gepriesen: „Was will der Verlust einiger gleichgültiger Opfer besagen – wenn nur die Geste schön ist!“
Eine andere Tat aber prägte sich der öffentlichen Meinung tiefer ein, das war die Tat des Schusters _Leauthier_, der in einem der bekannten Speisehäuser von Duval den serbischen Gesandten Georgewitsch anschoß, als einen schlemmenden Bourgeois, der noch dazu ein Ordensband im Knopfloch trug! (Leauthier starb in der Strafkolonie während jener schon erwähnten Revolte, gleichzeitig mit Simon, dem Zwieback, Ravachols Gehilfen.)
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Nachdem die Staatsgewalt sich der Propagandisten der Tat auf solche Weise entledigt hatte, ging sie mit größter Energie ans Werk, die geistigen Wurzeln der Lehre anzugreifen. Eine ganze Anzahl bedeutender Gelehrter, Schriftsteller, Soziologen trafen diese Maßregeln. Es hatten sich in Paris und in Frankreich zahlreiche Gruppen gebildet, die mit dem Studium und der Verbreitung der Lehre des Anarchismus sich beschäftigten. Solche Gruppen waren: Die Gruppe der Libertäre; Die Avantgarde; Die Kinder der Natur; Die Antipatriotische Jugend; Der Internationale Kreis; Die Schwarze Fahne; Die haarigen Burschen („Les Gonzes Poilus“) von Billancourt; Der Panther von Batignolles. Diese sämtlich in Paris.
Von den Gruppen in der Provinz, die immerhin ihre zentrale Organisation (ohne die selbst der Anarchismus nicht auskommt!) in Paris besaßen, nenne ich die hauptsächlichsten: Die Zuchthäusler von Lille; Die Vaterlandslosen von Charleville; Die Unbezähmbaren; Erde und Freiheit von Armentières; Der Pranger von Sedan; Die Parias der Picardie, die Organisationen der nordwestlichen Teile Frankreichs umfaßte; Die Bereitschaft von Blois; Die Gruppe der Sozialen Forschung in Cherbourg; Die Eber von Châlons; Die Nivellierer von Beaune; Der Yatagan von Terre-Noire; Die Freunde Ravachols von Saint-Chamond; Die Gruppe Erst-recht! von Vienne; Die Rächer; Die Hungrigen von Marseille; Die Empörung; Die Bauernrevolte; Die Entschlossenen; Die Eichenherzen von Cette und viele andere.
Eine dieser Gruppen war von dem Sozialreformer Rousset organisiert und hatte den Namen der „Suppen-Vorträge“. In einer Pariser Wärmehalle sprach Rousset, während arme Hungernde von der Straße dort ihren Teller Suppe löffelten, über soziale Probleme und wie der Not abzuhelfen wäre. Diese Ansprachen erregten selbstverständlich die Aufmerksamkeit und schließlich Abwehr der Behörden. Trotz dem Protest einer Anzahl hervorragender Pariser, darunter Jules Simon, Léon Say, Floquet, de Cassagnac, Alfons Daudet, Sarah Bernhardt und Zola, wurde Rousset vors Gericht gestellt und zu einer empfindlichen Gefängnisstrafe verurteilt.
In Paris wie in der Provinz erschienen Wochenblätter, Zeitschriften in großer Zahl, die der Regierung ein Dorn im Auge waren und deren Verfolgung beschlossen wurde. Die Namen der hauptsächlichsten Zeitschriften dieser Art sind:
„Le Père Peinard“, „Le Riflard“, „Der Leimtopf“, „Die Revolte“, letztere hatte Jean Grave zum Herausgeber. Sebastien Faure gab den „Almanach Anarchiste“ heraus, der originelle Bohémien Zo d’Axa die lebhafte und revolutionäre Revue „L’En-Dehors“, die zu ihren Mitarbeitern neben Malato Schriftsteller wie Octave Mirbeau und den Initiator der Dreyfus-Revision, Bernard Lazare, einen edlen und bescheidenen Menschenfreund, zählte. Beide, Mirbeau wie Lazare, aus der oberen Bourgeoisie stammende Intellektuelle, bekannten sich frei und laut zum Anarchismus und legten in den gefährlichsten Zeiten Zeugnis ab für die seelische Integrität manches von der öffentlichen Meinung gebrandmarkten „Mörders und Attentäters“. –
„Der Freie Gedanke“, „Die Attacke“, „Die Libertäre Revue“ erschienen mit Unterbrechungen weiter; eine antimilitaristische Zeitschrift, „Le Conscrit“ hielt sich trotz härtester Verfolgung. In Marseille erschien „Die Harmonie“, in London, nach einer anderen Version in Brüssel der „L’International“, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die lediglich doktrinären Anarchisten anzugreifen und dabei auch vor Grave, sogar vor Kropotkin nicht Halt machte. Dieser „L’International“ scheint der richtige Moniteur der Propagandisten durch die Tat gewesen zu sein. Er brachte eine Beilage „L’Indicateur Anarchiste“, in dem praktische Anweisung zur Verfertigung von Explosivkörpern gegeben wurde. In früherer Zeit, lange vor dem Erscheinen des „L’International“ hatte die „Lutte“ von Lyon ähnliches unter dem Titel „Anti-bürgerliche Produkte“ zu geben versucht.
Andere Zeitschriften, die die Verbreitung der Ideen des Anarchismus über den ganzen Erdball bezweckten, waren um diese Zeit: in Belgien „La Société Nouvelle“, „Le Libertaire“ und „Le XX. Siècle“. In London erschien „Freedom“, eine ausgezeichnete Publikation, die noch jetzt in dem, jedem London besuchenden Sozialisten wohlbekannten „Bomb-Shop“ des alten Henderson, Charing Cross-Road, erhältlich ist (gegenwärtig hat sie ausgesprochen kommunistischen Einschlag); „The Commonweal“, der durch die Mitarbeit William Morris’ geadelt war; außerdem „The Torch“. Ebenfalls in London, der Stadt, die um die Zeit der allgemeinen europäischen Anarchistenverfolgungen ein sicherer Hafen für die Rebellen aller Nationen war, erschien in hebräischen Lettern das jiddische Anarchistenblatt „Der Fraind fun die Arbeter“, und die deutsche Zeitung „Der Lumpenproletarier“. Andere deutsche Publikationen jener Zeit umfassen die in Amerika erscheinenden: „Freiheit“ von Johann Most, „Die Brandfackel“ von New York, den „Armen Teufel“ Robert Reitzels in Detroit, „Den Vorboten“ von Chicago, die jiddische „Freie Arbeiterstimme“, den „Anarchist“ und andere. Gustav Landauers „Sozialist“, das bedeutendste deutsche Organ, ist noch in Aller Erinnerung. In Italien waren der „Sempre Avanti“ von Livorno, in Spanien „La Conquista del Pan“ von Barcelona, in Südamerika „El Oprimido“ und „Tribuna Operaia“ die verbreitetsten Blätter der Bewegung.
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Es war offenkundig, daß die Taten jener Propagandisten die Lehre des Anarchismus in weitere Gebiete ausgestreut hatten, als friedliche Verbreitung der Theorie dies jemals vermocht hätte. Denn die Zahl, der Umfang der anarchistischen Zeitschriften-Literatur schwoll um die Zeit der Jahrhundertwende in der ganzen Welt beträchtlich an. Ich erinnere mich, welch’ tiefgehende Wirkung in den Tagen meines Pariser Aufenthaltes, der in dieselbe Zeit fiel, zwei Bücher erregten, die von zweien der bedeutendsten lebenden Anarchisten verfaßt waren – und die Eltzbacher in seinem Werk nicht anführt, ja gar nicht zu kennen scheint. Diese Bücher waren _Sebastien Faures_ „La Douleur universelle“, und _Jean Graves_ „La Société mourante et l’Anarchie“, zu dem Octave Mirbeau ein begeistertes Vorwort geschrieben hat.
Es war bezeichnend für die im Grunde trotz aller Reaktion demokratische Grundtendenz des öffentlichen Lebens von Frankreich und seiner Hauptstadt, daß schon 1895, also kaum ein Jahr nach der Ermordung Sadi-Carnots (und dem Prozeß gegen die Dreißig, von dem ich im nachfolgenden sprechen will), die öffentlichen Vorträge von Sebastien Faure monatelang ohne Störung durch die Behörden abgehalten werden konnten. Sie gehören zu den wunderbarsten Erinnerungen, die mich an jene Zeit gemahnen. Vor einem großen und beständigen Publikum, das sich im wesentlichen aus Studenten und Arbeitern zusammensetzte, verkündete Faure das System seines Aufbaus. Mit unerbittlicher Logik zergliederte er die gegenwärtige Gesellschaft, nahm sozusagen das ganze Gebäude der gesellschaftlichen Zusammenhänge auseinander, warf die schädlichen, überflüssigen Teile des Gebäudes auf den Schutthaufen der Vergangenheit und errichtete aus dem Übrigbleibenden ein einfacheres, bewohnbares, lichtes Heim der zukünftigen Menschheit.
Faures Rednergabe führte seine Argumente beweiskräftiger aus, als es seinem Buch, das ich eben erwähnt habe, gelingt. Doch spricht auch in diesem Werk der merkwürdig klare und logische Verstand, jener spezifische französische sens commun den Leser mächtig an.
Eine literarisch höchst zu bewertende Leistung stellt das Buch Graves dar. Es ist eine Kampfschrift gegen den reformistischen Sozialismus, gegen die Grundirrtümer der kapitalistischen und militaristischen Gesellschaft. In erstaunlicher Weise hat der Autodidakt Grave sich die wissenschaftlichen Grundlagen seiner Gewissensüberzeugung zu verschaffen verstanden. Aus der Erkenntnis, die er sich auf solche Art erwirbt, gelingt es ihm, überzeugend und mit hohem Schwung der Begeisterung, die Durchführbarkeit der anarchistischen Prinzipien trotz den feindlichen Grundinstinkten der ewig gleichbleibenden Menschenseele zu beweisen. Auch in seinem anderen Werke „Die Gesellschaft am Tage nach der Revolution“ gelang es Grave, den Aufbau einer utopischen Gemeinschaft in überzeugenden Konturen festzulegen.
Die Taten Ravachols, Vaillants, Henrys und der anderen – die Bücher Faures und Graves: sie geben der Bewegung, dem revolutionären Beginnen des französischen Proletariats um die Jahrhundertwende ihre Grenzen nach dem materiellen und dem moralischen Bereich.
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_Den Prozeß gegen die Dreißig_, dessen ich oben Erwähnung getan habe, strengte die Regierung Frankreichs hauptsächlich in der Absicht an, daß durch seinen Verlauf die Notwendigkeit einer durchaus revidierten Gesetzgebung gegen die Feinde der Gesellschaft gerechtfertigt werde. Es sollte zudem schon durch die Namenliste der Angeklagten die Sicherheit in der beängstigten Bevölkerung erweckt werden, daß es nunmehr der Regierung gelungen sei, die ganze gefährliche Gruppe der wesentlichsten Anarchisten, sozusagen die Zentrale des Anarchismus in Frankreich auszuheben. Die Absicht war: alle möglichen Leute, die im Geruch des Anarchismus standen, die sich als Theoretiker der Lehre, die sich als Propagatoren und als Ausführer anarchistischer Taten betätigten, in einen geschlossenen Raum zusammenzutreiben, sie dort beisammen zu behalten und möglichst endgültig zu „erledigen“. Daß in dieser Gruppe, die man kurz als eine Vereinigung von Verbrechern bezeichnete, hervorragende und allgemein anerkannte Gelehrte wie Paul Reclus, Publizisten wie Jean Grave, Sébastien Faure, Alexander Cohen, Charles Chatel, Félix Fénéon, Pouget, Matha, Ledot neben Dieben und undurchsichtigem Gesindel figurierten, bewies nicht nur die Willkür der Regierung, sondern barg auch die Erklärung für das Scheitern ihrer Absicht in sich. Denn, um es vorweg zu nehmen, der Prozeß der Dreißig endete mit einem ausgesprochenen und für die Regierung peinlichen Fiasko der Rechtsbehörden. Wieder beantragte der sattsam bekannte Staatsanwalt Bulot gegen die Dreißig die höchste zulässige Strafe, indem er die Angeklagten miteinander, mit pathetischer Gebärde:
„Vous êtes tous des misérables!“
apostrophierte, aber die Jury gab seinem Begehren nur in einem einzigen Falle nach, indem sie den Mitangeklagten _Ortiz_, das Oberhaupt der „_Bande Ortiz_“ zu langjähriger Zwangsarbeit, zwei Mitglieder der „Bande“ aber zu geringen Freiheitsstrafen verurteilte. Die übrigen wurden, wie recht und billig, freigesprochen.
Artikel 265 des französischen Strafgesetzbuches besagt (in seiner Abänderung durch das Gesetz vom 18. Dezember 1893, jenes „Gesetz Vaillant“): „Jede Vereinigung, jedwede Gemeinschaft, die hergestellt ist, um Verbrechen gegen Einzelindividuen vorzubereiten oder durchzuführen, stellt ein Verbrechen gegen die öffentliche Ordnung dar.“ Durch diese Fassung des Artikels wird ausgesprochen, daß die Theoretiker des Anarchismus, genau so wie die Propagandisten durch die Tat, der Gemeinschaftbildung, der Schaffung einer Vereinigung schuldig erkannt sind. Die „Intellektuellen“ wie die „Impulsiven“, beide sind in gleichem Maße für die Tat selbst verantwortlich, denn ohne die Kraft des Gedankens, des Wortes, der Feder der ersteren würden die letzteren nicht zur Tat gelangen. Die Initiative wie die Ausführung werden auf gleiche Linie gestellt. Die Verbindung zwischen den Studiengruppen der anarchistischen Lehre und dem tatsächlichen Verbrecher ist evident; beide zugleich muß das Gesetz treffen, soll der Anarchismus an der Wurzel gepackt und ausgerottet werden.
Dieser Prozeß der Dreißig dauerte im ganzen acht Tage. Er spielte sich in der ersten Hälfte des August 1894, gleichzeitig mit dem Prozeß gegen den Mörder Sadi-Carnots, Caserio, ab. Das Merkwürdigste und Bedeutungsvollste, der Umstand, der den Ausgang des Prozesses gleich am Anfang ahnen ließ, war: daß sich keine Belastungszeugen für die Dreißig auftreiben ließen. So hatte das rege und immer schwankende Gewissen des französischen Volkes, der wohl aufs höchste irritierten, aber immer noch in den Grenzen des klaren Verstandes und der lauteren Gesinnung bleibenden öffentlichen Meinung Frankreichs von vornherein die Überzeugung behalten, daß der ganze Prozeß ein Fehlgriff war und ein schlechteres Licht auf die Rechtspflege des Landes werfen mußte als auf die Mehrzahl der Angeklagten.
Es wurden darum auch von dem großen Publikum Frankreichs die würdevollen und selbstsicheren Verteidigungsreden von Grave und Faure mit derselben Sympathie aufgenommen, wie die witzig ironischen Wendungen, in denen der Kunstschriftsteller Fénéon seinerseits die Anklagen und die Behandlung des Verdachtes gegen ihn zurückwies. Die „Gemeinschaft der Verbrecher“ stand, wie man aus dem Fehlen von Belastungszeugen ersehen konnte, auf schwachen Füßen. Niemand war zu finden, der irgendwie stichhaltig, ja auch nur willkürlich bestätigen oder bejahen konnte, daß eine solche Vereinigung in der Tat bestehe.
Die Anklage behauptete, daß der Gelehrte Reclus die Finanzen dieser Vereinigung oder Partei geführt habe; daß Jean Grave der Schaffung der Studiengruppe oblag, daß die Zeitschrift Graves „La Révolte“ den verstreuten Mitgliedern der Vereinigung die Mittel bot, sich gegenseitig zu kennen und zu verständigen. Faure sollte die Bewegung in der Propaganda organisieren. Er war Herausgeber einer in Marseille erscheinenden Zeitschrift „L’Agitation“, hatte außerdem, wie nachgewiesen werden konnte, das Kapitalverbrechen begangen, Vaillant 5 Franken durch die Post überweisen zu lassen. Der Schriftsteller Chatel war Begründer der „Revue anarchiste“ und Mitarbeiter verschiedener anarchistischer Zeitschriften. Matha redigierte den „En-dehors“, er war es auch, der Emil Henry in London bei sich aufgenommen hatte, während Matha selber gelegentlich in Paris bei Fénéon, dem Kunstschriftsteller, der zur Zeit Beamter des französischen Kriegsministeriums war, zeitweilige Unterkunft gefunden hatte. Aus solchen losen Verknüpfungen sollte das Netz sich um die Dreißig knüpfen, und in diesem Netz zappelte zugleich die Bande um den Räuber Ortiz.
Dieser Ortiz, ein merkwürdiger Mischtypus, Sohn eines Mexikaners und einer Polin, stellte in seinem ganzen Wesen den idealistischen Räuber aus sozialen Beweggründen dar, wie die romantische Literatur aller Völker ihn aufweist. Daß dieser intelligente und gebildete Mensch sich bei seinen Taten, die einem unzweifelhaft gemischten, undurchsichtigen Instinkt entsprangen, anarchistischer Grundsätze rühmte und dabei unleugbar die Freundschaft Emil Henrys und anderer reiner Verkünder der Idee genoß, beweist: daß die verbrecherischen Instinkte der Ausbeutung und Knechtung des Einzelnen und der Massen, wie sie sich die heutige Gesellschaft zu schulden kommen läßt, durch gleiches Vorgehen des Einzelnen gerächt werden müssen. Nur dem oberflächlich in den Vorstellungen und Vorurteilen der bestehenden Gesellschaftsform träge Verharrenden wird es, wie bereits betont, einfallen, Verbrechen, die im Obigen als revolutionäre Taten gekennzeichnet worden sind, als Verbrechen zu betrachten.