Ravachol und die Pariser Anarchisten
Part 3
Casimir-Périer war es auch, der mit voller Energie zwei Tage nach dem Attentat von Vaillant das unerbittliche Anarchistengesetz der Kammer vorlegte und durchsetzte, laut welchem anarchistische Attentate als gemeine Verbrechen betrachtet, anarchistische Zeitungen rücksichtslos unterdrückt und die Pariser Polizei in effektiver Weise vermehrt werden sollte. Zu gleicher Zeit verfügte ein Erlaß die Verhaftung einer Reihe bekannter und berühmter Theoretiker der radikalen sozialistischen und anarchistischen Richtung, Haussuchungen, Briefkontrollen, von der nach den Registern jener Zeit eine Reihe außerordentlicher Menschen betroffen wurde, unter anderem: Jean Grave, Sébastian Faure, Elisée Reclus, Paul und Elias Reclus, Louis Delorme, Louise Michel, die in London unter dem Namen Louise Fauvelle lebte, dann Josef Pauwels, der später die Bombe in die Madeleine schleuderte, Ortiz, der später im „Prozeß der Dreißig“ figurierte, Matha, der große Theoretiker des Anarchismus Karl Malato, Errico Malatesta, und auch der große ehrwürdige Fürst Kropotkin, der damals bei London seinen Wohnsitz hatte.
Diese Liste, aus einer wesentlich größeren exzerpiert, zeigt so ziemlich alle Namen auf, die um diese Zeit in der theoretischen wie der praktischen Übung der anarchistischen Idee sich hervortaten. Am Neujahrstage 1894 wurden von den 100 mit Verhaftung bedrohten Personen 64 eingeliefert, unter ihnen Elias und Paul Reclus, Mitglieder jener wunderbaren und denkwürdigen Familie von Gelehrten und enthusiastischen Vorkämpfern der Menschenbefreiung, der wahren Geistes- und Seelenaristokratie der Welt, und schon 10 Tage nach dem Neujahrstage begann der Prozeß gegen Vaillant vor den Assisen von Paris.
Der Prozeß war, in der überstürzten Art, wie sein Termin angesetzt worden war, und auch durch den ganzen Verlauf des summarischen Verfahrens gegen den Angeklagten, eine offenkundige, empörende Infamie. Der Protest des ursprünglich für die Verteidigung eingesetzten, ausgezeichneten Advokaten Ajalbert verhallte ungehört: der Termin wurde nicht verschoben. In letzter Stunde erklärte sich ein anderer hervorragender Anwalt, der später als Verteidiger von Zola im Dreyfus-Prozeß weltberühmt gewordene Ferdinand Labori, bereit, den Prozeß für Vaillant zu führen. Es war ja vorauszusehen, welchen Verlauf dieser Prozeß nehmen würde. So wurde dann Vaillant am 10. Januar 1894 in einer einzigen Gerichtssitzung zum Tode verurteilt.
Mit der selben sträflichen Beschleunigung wurde dann das Todesurteil durch den Präsidenten der Republik Carnot bestätigt – der wohl kaum im Unterbewußtsein ahnen mochte, daß er mit demselben Federstrich sein eigenes Todesurteil unterfertigt hatte!
Vaillant, ein Mann von sympathischer Erscheinung, ernst, einfach, Herr seiner Worte wie seiner Gedanken, verweilte in seiner Selbstverteidigung nur flüchtig bei seinem eigenen Schicksal, dem Unrecht und den Brutalitäten, die er im Laufe seines bedrückten Lebens erfahren hatte. Er erbat und erhielt die Erlaubnis, eine längere Erklärung vorzulesen, in der er seine Theorien, seinen Standpunkt, dem Leben, der Notwendigkeit der Freiheit und dem selbstgewählten Weg der Propaganda gegenüber ausführte.
„Unter den Ausgebeuteten gibt es im wesentlichen zwei Arten von Menschen; die eine Art gibt sich keine Rechenschaft darüber, was mit ihr geschieht, was mit ihr geschehen, und wie sie eigentlich leben sollte. Diese Menschen nehmen das Leben, wie es ist; sie sind als Sklaven geboren, glauben, daß es so recht ist und sind froh über den Bissen Brot, den man ihnen für ihre Arbeit hinwirft. Die andere Art aber ist nicht so leicht mit dem Schicksal versöhnt. Menschen dieser Art denken, studieren, blicken mit hellen Augen um sich, sehen und erkennen die Ursache der sozialen Ungerechtigkeit. Soll man es ihnen vorwerfen, daß sie klar sehen und die Leiden der anderen mitfühlen? Sobald sie aber das eingesehen haben, werfen sie sich in den Kampf und stellen als Rächer der allgemeinen Bedrückung ihren Mann. Ich gehöre zu diesen letzteren. Wo immer ich auch hingekommen bin, überall habe ich Elende, unter das Joch des Kapitals Gebeugte gesehen. Überall war ich Zeuge derselben Folterungen, derselben blutigen Tränen – bis in die Tiefen der wenig bevölkerten Provinzen Südamerikas hinein, wo ich als ein Mensch, der an der Zivilisation verzweifelte, glaubte unter Palmen ausruhen und die Natur genießen zu können. Und hier wie überall habe ich das Kapital gesehen, wie es den letzten Blutstropfen des unglücklichen Parias vampyrgleich aussaugt. Die Meinen in so hoffnungsloser Weise leiden zu sehen – das brachte den Kelch zum Überlaufen. Ich war dieses Leben der Qual und der Feigheit satt. Meine Bomben warf ich unter jene, die ich als in erster Linie verantwortlich für die Leiden der Allgemeinheit erachte. – Aber geben Sie sich keinen Illusionen hin, die Explosion meiner Bombe ist nicht allein das Zeichen der Verzweiflung eines einzelnen Menschen, sie ist der Ausdruck der Not einer ganzen Klasse, die bald den Schrei des einzelnen übertönen wird. Mit Ihrem Gesetz werden Sie die Ideen der Denker nicht zum Schweigen verurteilen. Alle Kräfte der regierenden Klassen vermochten es im letzten Jahrhundert nicht, zu verhindern, daß Diderot, daß Voltaire ihre befreienden Ideen ins Volk auswarfen; alle Gewalt der heute Regierenden wird es nicht verhindern, daß Reclus, Darwin, Spencer, Ibsen, Mirbeau und die anderen ihre Ideen des Rechts und der Freiheit aussäen, die Vorurteile der unwissenden Menge aus der Welt schaffen. Diese Ideen werden die Unglücklichen zu Akten der Empörung stacheln, wie das in mir geschehen ist – und dies wird bis zu dem Tag sich fortsetzen, an dem _das Verschwinden der Autorität_ allen Menschen gestatten wird, sich frei zusammenzufinden nach Maßgabe ihrer inneren Zusammengehörigkeit. Dann wird jeder sich der Früchte seiner Arbeit erfreuen können. Jene Sittenkrankheit, die man Vorurteil nennt, wird in den Tagen verschwinden. Ebenso wird es Allem, was Menschenantlitz trägt, erlaubt sein, in Harmonie zu leben, ohne anderen Willen als dem zum Studium der Wissenschaften und der Liebe zum Nächsten.“
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Die Verteidigung Vaillants hat nicht nur unter den Genossen seiner eigenen Klasse, sondern in der großen, in den Tiefen des Gewissens erschütterten Allgemeinheit Frankreichs ihre Wirkung getan. Als am 5. Februar sein Haupt fiel, erhob sich in Paris, in Frankreich, in der Welt ein Schrei der Empörung.
Die Worte, die er am Fuße des Schafotts ausrief, wie berichtet wird mit starker und jubelnder Stimme: Tod der bürgerlichen Gesellschaft, lange lebe der Anarchismus! fanden einen Widerhall überall, wo um das Menschenrecht gestritten wurde.
Ich erinnere mich deutlich an die Erschütterung, die sich der radikalen Arbeiterschaft um die Zeit der Exekution Vaillants an dem Ort, an dem ich um diese Zeit lebte (es war in Wien), bemächtigt hatte.
Als Vaillants Leiche in jener schmählichen „Ecke der Hingerichteten“, im kleinen Friedhof von Ivry im Süden von Paris verscharrt worden war, pilgerten in den nächsten Tagen Hunderte zum Grabe dieses reinen und edlen Empörers. Es wird berichtet, daß man Blumen mit Schleifen auf dem Grabhügel gefunden hat, Blätter, auf denen Gedichte standen. Eine Zeile: „Ehre und Ruhm Deinem Andenken. Ich bin nur ein Kind, aber ich werde Dich rächen!“ Ein Gedicht lautete wie folgt:
„Puisqu’ils ont fait boire à la terre, A l’heure du soleil naissant, Rosée auguste et salutaire, Les saintes gouttes de ton sang – Sous les feuilles de cette palme, Que t’offre le Droit outragé, Tu peux dormir d’un sommeil calme: O Martyr, tu seras vengé!“
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Bedeutungsvoll und charakteristisch war die Attitude der Zeitungen. Während die Regierungsorgane nach wie vor in ihrem wilden Begehren nach dem Kopf des Attentäters und in der Genugtuung, daß sein Kopf gefallen, verharrten, änderten andere einflußreiche Blätter, wie z. B. der „Figaro“ plötzlich ihren Ton und wiesen auf die offenkundige soziale Ungerechtigkeit hin, die es verursacht hatte, daß ein Mensch von solch starker Begabung, intensivem Seelenleben durch die unverschuldeten Schicksale der Armen zum Schafott getrieben werden mußte.
Die bürgerliche Gesellschaft, deren Untergang Vaillant auf seinem Wege zur Guillotine herbeigewünscht hatte, vereinigte sich jetzt zu einer jener bekannten scheinheiligen Massenaktionen, mit denen sie seit jeher ihr Gewissen entlastet, mehr noch aber die Drohungen der Unterdrückten von sich abzulenken versucht. Um die Person, das gegenwärtige und zukünftige Schicksal des armen, hinterbliebenen Töchterchens Sidonie betätigte sich der Wohltätigkeitssinn des französischen Bürgertums, der mit Menschenliebe und Gerechtigkeit übertünchte gesellschaftliche Trieb des Feudal-Adels. Kampf und Rivalitäten entbrannten darum: wer Vormund von Sidonie Vaillant werden sollte. Das Testament ihres Vaters sprach sie seinem Freunde, dem außerordentlichen Vorkämpfer der anarchistischen Theorien Sebastian Faure zu. In einem ergreifenden Briefe, den der Verurteilte aus dem Gefängnis von La Roquette an sein Kind schrieb, und in dem er Sidonie mitteilte, daß von nun an Faure ihr wirklicher Vater sein werde, heißt es: „ein letzter und einziger Rat: sei stets gewärtig, meine Kleine, daß das einzige Ziel des Lebens ist, seinem Nächsten nicht wehe zu tun; sonst aber sollte jeder frei sein, um unbehindert das zu tun, was ihm beliebt. Lasse tun, lasse sagen. Gebe Deinem Leben ein Ziel: das Glück der Menschheit. Arbeite an Dir, damit jene, die Dein Wort hören und Deinen Taten zu folgen vermögen, sich Dir gesellen. Dann wird Dein Leben gut vollendet sein, und Dich wird, wenn Du Dein Leben lässest, dieselbe Genugtuung erfüllen, die Deinen Vater in der Stunde seines Sterbens beherrscht, – denn ich sterbe für all jene, die man die Verdammten in der Hölle dieser Gesellschaft nennen muß!“
Und in einem Tagebuchblatt, das er am Vorabend seines Attentates geschrieben und in einem letzten Willen seinem Genossen und Freund Paul Reclus zugedacht hatte, heißt es u. a.: „Ich sehe dem Tod gefaßt ins Gesicht, denn er ist der Hafen der Enttäuschten. Ich werde zumindest mit der Genugtuung sterben, daß ich für mein Teil alles getan habe, um das Kommen einer neuen Zeit zu beschleunigen. Jetzt verlange ich nur noch eins, das ist: daß bei der Auflösung meines Leibes alle meine Atome sich in der Menschheit verbreiten und ihr dieses Ferment des Anarchismus einimpfen mögen, damit die Gesellschaft der Zukunft endlich Wirklichkeit werde.“
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Fünf Tage nach der Exekution August Vaillants wies der unsichtbare Finger der Volksrache auf eine andere Stätte, an der sich die Moral der herrschenden Bürgerklasse manifestierte. Nach dem Bombenwurf gegen die Beamten der Klassenjustiz, nach dem Bombenwurf in die Kammer der gesetzgebenden Körperschaften flog an einem Abend im Februar 1894 eine Bombe in das große luxuriöse Caféhaus des Pariser Hôtels „Terminus“ vor dem Bahnhof „St. Lazare“.
In der Panik, die die Explosion unter den zahlreichen Gästen dieses Caféhauses verursachte, – einer kam ums Leben, etliche 20 erlitten schwerere und leichtere Verletzungen – versuchte ein junger Mensch, offenbar der Täter, durch die Menge zu entfliehen, wurde aber aufgehalten und gab einige Revolverschüsse auf seine Verfolger und jene, die sich ihm entgegenwarfen, ab. Dem Untersuchungsrichter erklärte er, sein Name sei Le Breton, bald aber gestand er seinen richtigen Namen ein: _Emil Henry_. War Vaillant in seiner ganzen Erscheinung, seinem Lebenslauf und den geistigen Konsequenzen, die dieser Lebenslauf hatte, auf eine höhere, nicht nur gesellschaftlich, sondern ethisch höhere Stufe zu stellen, als beispielsweise Ravachol, so repräsentierte der junge Henry unzweifelhaft eine in beiden Beziehungen gehobene Position über Vaillant, dessen Tod die Bombe im Hotel „Terminus“ rächen sollte.
Emil Henrys Erscheinung bildet sozusagen den Übergang, die notwendige Verbindung zwischen dem aktiven Propagandisten der anarchistischen Idee und jenen Anarchisten, die das theoretische Ideal zu seiner höchsten Vollendung führen, denen aber die physische Kraft zu Propagandataten mangelt, weil sich ihre ganze Energie in der Gedankenaktion konzentriert hat, jede materielle Energie aber durch die Arbeit des Gedankens aufgebraucht und absorbiert wurde.
War die Verteidigungsrede Vaillants, dem lückenhaften Bildungswege des Verfassers entsprechend, noch nicht frei von sentimentalen oder manifestartigen Ingredienzien, so stellt Henrys Plaidoyer ein klassisches Beispiel der durch einen geistig hochstehenden Menschen vollkommen verarbeiteten wissenschaftlichen Theorie dar, die sich notwendigerweise in physische Energie und Tat um setzen mußte.
In der Geschichte der anarchistischen Bewegung ist dieses Dokument dann auch eine der grundlegenden Äußerungen des in bestimmter Weise durchgeführten revolutionären Willens geblieben. Zu den theoretischen Schriften der großen Denker des Anarchismus bildet das Manifest des jungen Henry – er war zur Zeit seiner Tat etwas, über 21 Jahre alt – ein, fast möchte ich sagen, _notwendiges_ Komplement, denn es beweist die aktive Kraft, die jenen Schriften der Theoretiker innewohnt; und damit führt dieses Manifest den Beweis, in welcher Weise Theorie, in den geeigneten physischen Bereich verpflanzt, die notwendige Wirkung erzeugen muß.
Es gibt wohl in der Literatur, die sich um die Berichte der Taten des individuellen revolutionären Willens gebildet hat, keine reinere und wirkungsvollere Beweisführung für die Kraft des Gedankens, der sich in junge enthusiastische Seelen versenkt, als die durch dieses Manifest des Einundzwanzigjährigen geoffenbart ist. Ein Berichterstatter jener Epoche charakterisiert die intellektuelle Einstellung des jungen, begabten und gebildeten Bürgersohnes sehr originell, indem er sagt, daß Henrys Haß gegen seine eigene Klasse weniger der Haß des Hungerleiders gegen den Satten genannt werden kann, sondern eher mit der Verachtung verglichen werden darf, die ein junger Maler der realistischen Schule gegenüber dem süßlichen, verlogenen Kitsch der Schule Bouguereaus empfindet.
Auf alle Fälle haben wir in der merkwürdigen und noch mehr denkwürdigen Erscheinung des jungen Henry einen Vorläufer jener Generation, die wir heute in unserer Zeit der sozialen Umwandlung, des Kataklysmus, in dessen Mitte unsere bürgerliche Welt geraten ist, und in der sie versinkt, entstehen und aufwachsen sehen. Ein klarer, scharfer, ohne Zynismus, mit absoluter Sicherheit seiner Instinkte bewaffneter Geist, der die Konsequenzen seiner Überzeugung wie ein mathematisches Exempel in realen Faktoren zu ziehen versteht. Skepsis beirrt ihn noch nicht, dazu ist er zu jung. Trotzdem hat seine Lebenserfahrung kraft seiner ungemeinen Intelligenz und überlegenen Beobachtungsgabe schon die Zahl seiner Lebensjahre Lügen gestraft. Noch einige Jahre Leben, und er wird sich entweder zum glänzenden geistigen Anwalt seines eingeborenen revolutionären Dranges entwickelt haben, oder ein leergebrannter, kühler und kalter Verächter der Menschheit geworden sein.
Die Bücher der Führer der anarchistischen Idee und die Taten der Anarchisten in jenem Paris von 1891-93 entzündeten den Funken in dem jungen Mann, dessen rein geistig gerichteter Drang nicht durch seinen in der Irritation der Nerven unternommenen Fluchtversuch nach der Tat verneint wird.
Bei der Vernehmung Henrys ereignete sich das Überraschende: er gestand, zugleich der Urheber eines bisher ungeklärten Attentates zu sein, das im November 1892 gegen die Pariser Büros der Bergwerkgesellschaft Carmaux versucht worden war. Die Bombe wurde damals rechtzeitig entdeckt und von den Polizisten nach dem nächsten Polizeikommissariat in der Rue des Bons Enfants gebracht, wo sie explodierte, wobei vier Polizisten getötet wurden und eine große Zahl Anwesender schwer verletzt worden war. Henry gestand ruhig ein, daß er nach diesem verunglückten Anschlag gegen die Bergwerkgesellschaft sich für einige Zeit nach London begeben habe, wo er unter Anarchisten gelebt und sich zu seiner Tat offen bekannt, ja sich dieser Tat auch gerühmt hätte. Offenbar war es auch Henry, auf den sich eine Äußerung in den Memoiren Rocheforts bezieht, der zu jener Zeit in London im Exil lebte, weil er sich aktiver Beihilfe in den boulangistischen Machenschaften schuldig gemacht hatte. Rochefort berichtet, daß Charles Malato, der anarchistische Schriftsteller, ihm eines Tages gesagt habe: „Hier in London geht ein junger Bursche herum, der jene Explosion in der Rue des Bons Enfants verursacht haben will. Er ist wahrscheinlich ein Prahlhans und will die Leute hineinlegen.“ Es verhielt sich aber in der Tat so, der junge Prahlhans erwies sich als Henry, der Attentäter vom Café „Terminus“.
Henry entstammte einer Familie der höheren Bourgeoisie, die jedoch bereits zur Zeit der Pariser Kommune einige revolutionäre Mitglieder hervorgebracht hatte. Auch war Emils älterer Bruder _Fortuné_ selber Anarchist. Emils außerordentliche Intelligenz wurde in dem Lyzeum in Paris, in dem er sich hauptsächlich in der Mathematik hervortat, dadurch anerkannt, daß er mit 16 Jahren ein Stipendium zum Eintritt in die berühmte polytechnische Hochschule zugewiesen erhielt. Da diese Schule aber eine militärisch organisierte und ihre Schüler für den Offizierstand vorbereitende Institution ist, und Emil sich als ausgesprochener Feind des Militarismus schon in frühester Jugend bekannte und betätigte, machte er von dem sozialen Vorrecht, in jene Hochschule einzutreten, keinen Gebrauch. Nach einigen Wanderjahren, die ihn in Geschäftsunternehmungen seiner Verwandten in der Provinz und in Venedig herumgeführt hatten, trat er plötzlich zu einem Uhrmacher in die Lehre, um, wie er in seiner Aussage bekundete, sich die notwendigen Kenntnisse in der Mechanik anzueignen, und später Höllenmaschinen selber herstellen zu können. Um diese Zeit betätigte er sich schon als eifriger Mitarbeiter anarchistischer Zeitungen. Das junge Leben Henrys zeigte also bereits die entscheidende Kurve zur ernsten Verfolgung der anarchistischen Ziele, die ihm durch Blutmischung, Familientradition und durch das Gebot seiner früh entwickelten außergewöhnlichen Intelligenz vorgezeichnet zu sein schien.
Der erste Eindruck, den die bei dem Prozeß Anwesenden von dem jungen, hübschen und besonnenen, dabei von einem schier maßlosen Idealismus erfüllten Menschen hatten, war: hier hat man den St. Just des Anarchismus vor sich.
Und in der Tat, wenn man die versprengten Erscheinungen dieser revolutionären Periode betrachtet, kann man sich der Anschauung nicht erwehren, daß nur der Mangel einer allgemeinen Erhebung sie zu den isolierten und sehr lose vereinten Taten geführt hatte, wo in einer revolutionär aktiveren Zeit jeder von diesen Individualisten seinen Platz in der allgemeinen Bewegung vorgeschrieben gefunden hätte. Jede Zeit gebiert die Menschen oder findet sie vor, die ihre Parole durchführen können; oft ist es aber die Zeit, die kleiner ist als die Menschen, die in ihr leben. Nur selten und in denkwürdigen Fällen der Freiheitsbewegung, der allgemeinen Entwicklung der Menschheitsidee deckt sich die Zeit mit dem Individuum, das ihr Exponent ist. Wenn dann die stupide Menge den an Energie seine Zeit überragenden Revolutionär kurzerhand als Verbrecher stempelt, ist eine von jenen oberflächlichen Meinungen geprägt, in deren Bann die minderwertige Allgemeinheit lange verweilt. Die Geschichte der Menschheit scheint durch solche Fehlurteile, Seichtigkeit des Gefühls, nicht zu Ende-denken-Können, gefälscht zu sein.
Nahm die Erscheinung und das Benehmen Henrys vor seinem Richter auch gleich am Anfang für ihn ein, so verscherzte er sich die allgemeine Sympathie durch einen zynisch klingenden, doch aus der Energie der Idee erwachsenen Ausspruch: auf die Frage des Vorsitzenden, warum er gerade das Café Terminus sich ausersehen hatte, antwortete Henry ruhig: weil er möglichst viele Bürger zu töten beabsichtigte. In der Tat hatte er mit seiner Bombe, bevor er ins Café Terminus kam, bereits einige weniger besuchte Lokale aufgesucht.
Unter den Verletzten im Café befanden sich aber nicht nur „Bürger“, sondern Arbeiter oder wenigstens werktätige Menschen. „Sie sehen, Henry,“ bemerkte der Präsident, „es sind arbeitende Menschen, die Sie töten wollten. Sie haben sie nicht gekannt. Sie konnten sie gar nicht hassen und trotz alledem bleiben Sie vollkommen kalt und gleichgültig vor diesen armen Menschen, die Sie hier, verstümmelt und zu Schaden gekommen, auf der Zeugenbank sitzen sehen!“ Darauf Henry: „Allerdings; diese Leute sind mir vollkommen gleichgültig wie im übrigen auch Sie, Herr Präsident. Diese Leute sind Bourgeois, die Leiden und Unglück verursachen. Ihre Misère, was geht die mich an. Ich habe genug andere Misère in meinem Leben gesehen, und wenn es einen Schuldigen und Verantwortlichen dafür gibt, sind Sie es und Ihre Partei.“ Der Präsident: „Gut. Genug. Setzen Sie sich.“ Henry, während er sich setzt: „Das ist es, was ich tue.“
Der Prozeß Henrys förderte keine besonderen Überraschungen zu Tage. Er rollte sich in den üblichen Formen des Verhörs ab; das übliche Aufmarschieren der Zeugen erfolgte. Es wurde vom Angeklagten kein Versuch gemacht, sich zu entlasten, und die Zeugen, die von seinem Vorleben Kunde geben sollten, bezeichneten ihn übereinstimmend als ernsten, gewissenhaften, nur in seinen Anschauungen und seinen politischen Zielen überreifen und intransigenten Menschen.
Seine Attitüde, die er vom ersten Augenblick an einnahm, blieb bis zum Schlusse des Prozesses die gleiche. Er wußte, daß sein Leben verwirkt war; aber dies beeinflußte seine Haltung oder die Handhabung seines Organs keinen Augenblick lang.
Die Kälte, die er den Opfern seines Attentates gegenüber zur Schau trug, entsprach nur der konzentrierten geistigen Anstrengung, nicht aber der wirklichen inneren Veranlagung Henrys. Er legte sie absichtlich an den Tag, um den Antagonismus des revolutionären Kämpfers zur öffentlichen Meinung darzulegen. Seine oft an Zynismus streifenden Aussprüche waren im Grunde nur Akzente, mit denen er die Theorie, deren Konsequenzen er vertrat, verstärkte. Fast gegen seinen Willen bekundete er bei der Vernehmung seiner Verwandten (auf seinen ausdrücklichen Wunsch hatte man es seiner Mutter verboten, bei der Verhandlung zu erscheinen) eine gewisse Rücksicht und Zartgefühl. Von ihnen hatte er ja nichts wie Gutes erfahren. Was gingen ihn aber diese intimen Eigenschaften an, wo er das Leiden der großen Massen vor eben diesen, in ihren privaten Beziehungen gütigen und gerechten Menschen im Auge hatte!
Alles in diesem Prozeß schien sich auf das Plaidoyer zuzuspitzen, in dem Henry sein Lebensbekenntnis ablegte. Und dieses Lebensbekenntnis allerdings ist nicht nur eine Rechtfertigung der zufälligen Existenz eines ungewöhnlichen, in vielen Beziehungen einzigen Menschen, sondern es sichert seinem Verfasser auch eine rühmliche Stellung innerhalb der Geschichte der großen sozialen Bewegungen aller Zeiten.
Ehe ich einige Teile, bedeutungsvolle Bruchstücke aus seinem Plaidoyer hier reproduziere, will ich noch rasch einige Worte über den Tod Henrys niederschreiben.
Anfang Februar fand die Explosion im Café Terminus statt, Ende Mai starb Henry unter dem Messer der Guillotine. Es wird berichtet, daß er aufrechten Ganges zum Schafott schritt, aber daß seine Stimme ihn verriet, als er wie ins Leere ins Weltall hinaus, die Worte: „Kameraden, Mut, es lebe die Anarchie!“ zu rufen suchte.
Gleichviel. Es ist ja gleichgültig, wie dieser Mensch starb. Es ist fast gleichgültig zu nennen, wie er gelebt hatte. Sein Plaidoyer, sein Werk, das er hinterließ, ist das Wesentliche an seiner Erscheinung.
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