Ravachol und die Pariser Anarchisten

Part 2

Chapter 23,282 wordsPublic domain

Die öffentliche Meinung des rasch lebenden Paris hatte diese Märtyrer und ihre Leiden, wie das Schandurteil des Gerichtes, das sie zu diesem Leiden verurteilte, bald vergessen – aber die revolutionäre Arbeiterschaft hatte sie nicht vergessen. Immerhin verging ein halbes Jahr, ehe sie, und zwar auf eklatante Weise gerächt wurden.

Im März 1892 erfolgten innerhalb weniger Tage drei Ereignisse, die mit dem Prozesse von Decamp und Dardare zusammenhingen, und die den sogenannten anarchistischen Terror von 1892-94 einleiteten.

Am 11. März explodierte eine Bombe im Hause des Monsieur Benoit, Präsidenten des Gerichtshofes, der die beiden Arbeiter verurteilt hatte; am 15. richtete eine Explosion in der Lobau-Kaserne beträchtlichen Schaden an; am 27. März aber flog ein Teil des Hauses, in dem Monsieur Bulot, der Staatsanwalt, wohnte, in die Luft. Auf solche Weise rächte die Revolution sich an den Vertretern der Staatsgewalt für den 28. August 1891, an dem die Märtyrer von Clichy ihre ungerechte Strafe empfangen hatten.

* * * * *

Besonders die Explosion bei Monsieur Benoit, der in einem vornehmen Hause am Boulevard St. Germain wohnte, und jene andere Explosion, die in der Rue de Clichy das Haus des Staatsanwaltes Bulot arg beschädigte, zeigten dem aufschreckenden Volke von Paris, daß ein Wille, ein Plan hinter diesen Attentaten steckte. Das war es, was am meisten Schrecken unter der Bevölkerung, besonders dem Magistrat und den Personen der Regierung verbreitete. Man sah sich plötzlich einer ungekannten, ungreifbaren, augenscheinlich effektiven Macht gegenübergestellt, die durch eine _Idee_ geleitet wurde, gleich jener, in deren Dienste man selber stand. Es war die Idee der _Gewalt_, Gericht gegen Gericht, Meinung gegen Meinung, Schicksal gegen Schicksal. Das _Volk_ hatte gesprochen, das stumme, unterdrückte wurde in einer Folge von schrillen Aufschreien plötzlich laut. Und diese Schreie tönten mitten durch den Lärm des genießerischen Paris, durch die taumelnden Boulevards. Sie verkündeten _Revolution_.

Man mußte sich vor der Revolution schützen. Wo aber sie fassen? Die drei Explosionen bedeuteten dem zynisch leichtlebigen, jede Beängstigung leichtfertig zum Nervenkitzel degradierenden Paris eine Warnung und ernste Beunruhigung.

Rascher als man ahnte, entblößte sich die Wurzel des revolutionären Triebes. Kaum drei Tage nach dem letzten Attentat, dem der Staatsanwalt zum Opfer fallen sollte, wurde in einem Restaurant am Boulevard Magenta der Täter verhaftet. Und das kam so. –

Der Kellner des Restaurants Véry, jenes Restaurants am Boulevard Magenta, bediente am 27. März einen Mann, der sich mit ihm in ein Gespräch eingelassen hatte. Der Mann frug den Kellner, ob er Soldat gewesen sei? Der Kellner antwortete „Nein“ und bemerkte, er freue sich darüber, dem Dienst entronnen zu sein, worauf der Gast ihm den Rat gab, fleißig anarchistische Zeitungen zu lesen und im Gespräch die Bemerkung fallen ließ, daß sich vor einigen Stunden in der Clichy-Straße eine neue Explosion ereignet hätte, die von größerer Wirkung als die neuliche am Boulevard St. Germain gewesen sei. Es seien diesmal zahlreiche Personen verwundet worden. – Kurze Zeit, nachdem der Gast gegangen war, brüllten die Zeitungsjungen die aufregenden Einzelheiten des neuerlichen Attentates über den Boulevard Magenta. Als der Gast drei Tage später wieder im Restaurant Véry erschien, schickte der Kellner insgeheim nach der Polizei. Die Polizei verhaftete den Gast des Restaurants Véry: es war Ravachol.

* * * * *

Wer aber war _Ravachol_? Der Prozeß vor den Assisen, der sich kaum einen Monat nach der Verhaftung Ravachols in Paris abspielte, setzte eine der merkwürdigsten Gestalten des revolutionären Frankreichs ins volle Licht der Öffentlichkeit.

Ravachol war zur Zeit seiner Verhaftung 32 Jahre alt; ein kleiner untersetzter Mann von enormen physischen Kräften, dabei von einer gewissen Sentimentalität beherrscht, die sich in seinem Verhältnis zu der Frau, mit der er zusammenlebte, wie auch in seinen Anschauungen über die Pflicht, die der Einzelne seinen leidenden Mitmenschen, besonders wehrlosen Frauen und hungrigen Kindern gegenüber hat, manifestierte. Gleichzeitig mit einer aufs höchste entwickelten Zielbewußtheit und Energie in bezug auf die Aktion, die unternommen werden mußte, um das Unrecht, das die Gesellschaft an dem leidenden Mitmenschen verübte, aus der Welt zu schaffen.

Ravachol war das eheliche Kind seines Vaters. Sein richtiger Name war Franz August Königstein, aber Ravachol hatte den Namen seiner Mutter angenommen, weil er es ablehnte, in Frankreich als ein Deutscher herumzulaufen. Seine Kindheit und frühen Mannesjahre spielten sich im Geburtsort der Mutter, dem Städtchen St. Chamond ab, in dem sich verschiedene Fabriken befinden, Stahlwerke, Glasbläsereien, Seiden- und Bänderwirkereien, wie überhaupt dieses ganze Gebiet der oberen Loire einen der werktätigsten Industriebezirke Frankreichs bildet.

Ravachol, der nicht schwerer als die gesamte andere Bevölkerung unter der Ausbeutung der Arbeiter dieser Gegend litt, betätigte sich Jahre lang in verschiedenen Fabriken, zuletzt als Färber, wobei er sich wahrscheinlich einige grundlegende Kenntnisse in der Chemie anzueignen verstand. (Diese Kenntnisse hat er später bei der Vorbereitung seiner Attentate gehörig zu verwerten gewußt.) Bald bekam er das Elendsdasein, das die Genossen in den Fabriken allzu willig ertrugen, satt. Seinem phantastischen und ungezügelten Temperament entsprach weder die harte Fron, die aussichtslose stupide Folge der täglichen eintönigen Arbeitslast, noch das langsame unabsehbare Spiel der Reformen, zu denen die Organisationen die Arbeiterschaft zu drillen unternommen hatten. Natürlich war seines Bleibens, da er seinem Temperament die Zügel schießen ließ, in den Fabriken der Gegend nicht lange.

Nach einem kleinen mißglückten Versuch, das schöne Silbergeld Frankreichs durch eigene Stanzapparate herzustellen, unternahm Ravachol seinen ersten Mord. Er verübte ihn an einem alten alleinstehenden Edelmann, namens Rivollier, der mit seiner bejahrten Dienerin am Ende eines Dorfes in der Nähe von St. Chamond hauste. Die Ausbeute an Geld scheint bei dieser Tat nur eine geringe gewesen zu sein. Nach der Tat kehrte er an seinen Wohnort zurück, wo er fünf weitere Jahre lebte, ehe er seine zweite Unternehmung vollbrachte.

Diese war von weitaus geringerer krimineller Bedeutung als die erste. Eine der vornehmsten aristokratischen Familien der Umgebung, die Familie der Grafen von Rochetaillée hatte eine Angehörige verloren: eine alte Dame, von der die Sage ging, sie habe in ihrem letzten Willen den Wunsch geäußert, mitsamt ihrem wertvollen Schmuck begraben zu werden. Einige Wochen nach dem Begräbnis der alten Dame wurde das Gewölbe des Erbmausoleums erbrochen gefunden, die Platten von dem Grabe waren mit ungeheuerlicher Kraft beiseite geschoben, ein kleines Holzkreuz und eine geweihte Medaille lagen auf dem Boden neben dem Sarkophag, in dem die alte Dame ruhte – die, wie man bei dieser Gelegenheit erfuhr, als einzigen Schmuck eben nur diese beiden kümmerlichen Stücke mit ins Grab bekommen hatte. Dies war Ravachols zweite Tat.

Die dritte, die er wenige Wochen später, und zwar Mitte Juni 1891 ebenfalls in der Nähe seines Wohnortes verübte, war der Mord an dem „Eremiten“. Der alte Brunel, von der Bevölkerung der Eremit genannt, lebte vom Beten, Prophezeien und von der Weiterleitung der Wünsche der Landbevölkerung an den lieben Gott. Er bekam für diese Betätigung von den abergläubischen Bauern und Bäuerinnen Lebensmittel, abgelegte Kleider und Geld. Ravachol dürfte, als er den Alten in seiner Hütte erwürgte, in allen möglichen Behältern, Pfannen, Matratzen, in allen Winkeln und Verstecken etwa 5000 Franken erbeutet haben. Dieser Schatz bestand aus Gold-, Silber- und Kupfermünzen. Die Kupfermünzen ließ Ravachol liegen, den Rest schleppte er mit, wurde aber von der Gendarmerie nach kurzer Zeit verhaftet und konnte diesmal nur durch einen glücklichen Zufall entwischen.

Einige Monate später sehen wir Ravachol mitsamt seinem Freunde und einer Freundin, bei denen er einige Zeit lang Unterkunft gefunden hatte, seinen Weg nach Paris nehmen, und zwar nach St. Denis, einem nördlichen Vorort, der seit langem, auch heute noch als Brennpunkt der revolutionären Arbeiterbewegung bekannt ist.

Ravachol, der in St. Denis unter dem Namen Louis Léger lebte, trat bald nach seiner Ankunft mitsamt seinem Freund Jus-Béala einer Gruppe aktiver Anarchisten bei, die die antimilitaristische Propaganda zur hauptsächlichsten Aufgabe ihrer Aktivität gemacht hatte. Die Gedanken dieser Gruppe faßten bald starke Wurzeln in Ravachols Hirn und Herz, und da ihn ein Zufall binnen kurzem in den Besitz einer großen Menge von Dynamit-Patronen brachte, unternahm er es, die Märtyrer von Clichy auf eigene Faust zu rächen. Es war gerade die Zeit, in der das Gedächtnis von Decamp und Dardare den revolutionären Flügel der Pariser Arbeiterschaft besonders heftig irritierte. Mit einigen Genossen, unter denen sich auch der spätere Judas der Gruppe befand, gelang es Ravachol, jenen Diebstahl von Dynamit-Patronen bei einem Erdbauunternehmer namens Couézy, in Soisy-sous-Étiolles bei Paris durchzuführen. Nach einer Version sollen es bloß 120 Patronen gewesen sein, eine andere Version aber spricht von 400. Jedenfalls erregte der Diebstahl bald die Aufmerksamkeit der Polizei, die mit voller Energie in allen möglichen Quartieren, wo Anarchisten wohnten oder vermutet wurden, rund um Paris Haussuchungen veranstaltete. Ravachol indes war mitsamt seiner Beute bereits nach einem anderen Vorort von Paris übersiedelt, dem Ort St. Mandé im Osten der Stadt. Sein Plan stand fest: er war berufen, das Leiden der ungerecht und allzu hart Verurteilten Decamp und Dardare an den beiden Personen heimzusuchen, die als Exekutivbeamte des Staates die größte Schuld zu tragen schienen. So kamen die Explosionen bei Benoit und Bulot zustande.

Die zweite in der Reihe der Explosionen, nämlich die in der Lobau-Kaserne war, wie man später erfuhr, das Werk des Anarchisten _Meunier_, desselben, der am Vorabend des Prozesses gegen Ravachol eine Bombe in dem Restaurant Véry am Boulevard von Magenta niederlegte, in dem Ravachol verhaftet worden war. (Dieses Attentat, das Meunier zusammen mit einem jungen Genossen namens Francis unternommen hatte, verursachte den Tod des Wirtes Véry und eines zufälligen Besuchers. Es erregte in Paris ungeheuren Schrecken und Entsetzen, weil man in ihm, mit Recht, die systematische Fortsetzung der durch Ravachol begonnenen Aktionen erblickte.)

Meunier wurde erst zwei Jahre später entdeckt, verhaftet und zu lebenslänglicher Zwangsarbeit deportiert. –

* * * * *

Am 26. April 1892 begann der erste Prozeß gegen Ravachol vor dem Schwurgericht in Paris; der zweite und letzte Prozeß gegen Ravachol aber fand zwei Monate später vor dem Schwurgericht in Montbrison statt.

Die Zweiteilung der Anklage hatte außer formal juristischen Gründen auch noch andere, die angesichts der gefährdeten Lage der Pariser Bevölkerung als motiviert angesehen werden konnten. Während nämlich in Paris nur die Dynamit-Anschläge verhandelt wurden, jene beiden letzten Taten Ravachols, die ja eigentlich keinen Verlust von Menschenleben verursacht hatten und daher auch keine ausdrückliche Veranlassung zu Todesstrafen werden mußten, wurde in Montbrison Ravachol zweier vollendeten Morddelikte sowie des Leichenraubes an der Gräfin angeklagt, und hier war es schon weitaus plausibler, ein Todesurteil zu fällen.

In Paris, wo als Zeugen gerade jene beiden hohen Justizbeamten, gegen die Ravachols Attentate gerichtet waren, vorgeladen wurden, lag die Gefahr nahe, daß sich bei einem Todesurteil der Zündstoff des revolutionären Hasses wieder kumulieren und zu einer Entladung drängen könnte. Ein Todesurteil in Montbrison aber konnte sozusagen diesen Haß und diese Gefahr von Paris geographisch ablenken. Man hat den Pariser Assisen, als sie Ravachol zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten, Feigheit vorgeworfen, aber Erstaunen mischte sich mit Beruhigung. Ravachol nicht zum Tode verurteilt? Die Rachegier des erschütterten Bürgertums überwog diesmal nicht die Erleichterung, die man empfand; so sehr war die öffentliche Meinung durch die Tat Ravachols und Meuniers eingeschüchtert. Zudem wußte man ja, und es war rechtzeitig verkündet worden, daß in Montbrison die Morde Ravachols mit dem Todesurteil gesühnt werden sollten. Dieses Todesurteil hat dann, wie wir sehen werden, auch wieder eine Reihe von Dynamit-Anschlägen nach sich gezogen. Sie waren über Frankreich, die Provinz, ja das Ausland verstreut; Paris selber blieb einstweilen von den Aktionen der Anarchisten verschont.

Während vor dem Pariser Schwurgericht eine Reihe von Angeklagten auf der Bank neben Ravachol Platz genommen hatte, Jus-Béala, der Freund, Mariette Soubert, seine Geliebte, der Judas Chaumentin und ein Pariser Lausbub, _Simon_, genannt _Biscuit_, waren in Montbrison nur Jus-Béala und Mariette mitangeklagt – diese beiden übrigens, in Paris wie in Montbrison, freigesprochen.

In Paris verteidigte sich Ravachol mit Festigkeit und nicht ohne Würde. Er sagte: Ich habe meine Taten aus folgenden Gründen verübt. Herr Benoit hat Decamp und die anderen zu den höchsten, zulässigen Strafen verurteilt, während die Jury die geringsten vorgeschlagen hatte. Die Polizei hat die Verhafteten von Clichy auf schmählichste Weise mißhandelt. All dies war unerträglich. Ich habe meine Taten begangen, um die verantwortlichen Lenker, die Staatsjustiz zu belehren, daß ihrer Härte _unsere_ Härte gegenübersteht. Wohl sind die unschuldigen Opfer meiner Taten zu beklagen, und ich bin der erste, der sie beklagt, denn mein Leben war voll von Bitternis; ich bedauere auch, daß hier auf der Bank neben mir Menschen als Angeklagte sitzen, deren Vergehen nur darin bestand, daß sie mich gekannt haben! Ich habe im Namen der Anarchie gehandelt, die eines Tages die große Familie der Menschheit bedeuten wird, und in jener Zeit wird es keine Hungernden mehr geben. Die Schreckensakte, die ich begangen habe, sollten ein Signal für das Bürgertum sein: _daß wir leben_, und daß man uns erkennen solle als das, was wir sind: die einzigen Verteidiger der Unterdrückten.

Auf die Frage nach den Dynamit-Patronen, die aus seiner Behausung verschwunden waren, verweigerte Ravachol die Antwort.

_Simon_ der Zwieback dagegen stellte seinen Standpunkt mit aller Lebhaftigkeit und unbekümmerten Unverschämtheit des vorlauten Gamins dar, wie ihn die Vorstadt jeder großen Metropole kennt. Er wurde gleichzeitig mit Ravachol zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt und beendete sein junges Leben einige Jahre später gelegentlich einer Revolte in der Strafkolonie. –

Die beiden Monate zwischen dem Pariser Rechtsverfahren und dem vor den Assisen in Montbrison verbrachte Ravachol in einer Art Käfig, immerfort von Wächtern umschlichen und beobachtet, körperlich mürbe gemacht, doch in ungebrochener geistiger Energie. Das Todesurteil löste in ihm nur den Hochruf auf die Anarchie aus, keine Schwäche. Er wies es zurück, die Nichtigkeitsbeschwerde an die weltliche Behörde einzureichen, wie er einige Wochen später, am 10. Juli, im Hofe vor der Guillotine die „Segnungen der Kirche“, das heißt den Appell an die göttliche Gnade zurückwies – das Kruzifix, das ihm der Anstaltsgeistliche vorhielt, war ihm mehr Sinnbild des gekreuzigten Proletariats als Symbol der irdischen Gerechtigkeit. Es wird berichtet, daß Ravachol einen populären Gassenhauer sang, während er durch den Gefängnishof zum Blutgerüst schritt. Die Strophe lautet:

„Pour être heureux, nom de Dieu, Il faut tuer les propriétaires, Pour être heureux, nom de Dieu, Il faut couper les curés en deux, Pour être heureux, nom de Dieu, Il faut mettre le bon Dieu dans la merde!“

Schon während des Prozesses, der Ravachol vor die Pariser Assisen stellte, hatte sich die Legende um seinen absonderlich revolutionär klingenden Namen gewoben. Die beflügelte, rhythmische Phantasie des Volkes von Paris bemächtigte sich der Taten und der Gestalt des Rächers der Armen. Nach der Melodie der „Carmagnole“ entstand um diese Zeit ein Lied zur Verherrlichung Ravachols. „La Ravachole“. Die erste Strophe lautet:

„Dans la grande ville de Paris, Y a des bourgeois bien nourris; Y a aussi des miséreux, Qui ont le ventre bien creux. Ceux-là ont les dents longues – Vive le son, vive le son, Ceux-là ont les dents longues, Vive le son de l’explosion!“

CHORUS:

„Dansons la Ravachole, Vive le son, vive le son, Dansons la Ravachole, Vive le son d’ l’explosion! Ah, ça ira, ça ira, ça ira, Tous les bourgeois gout’ront de la bombe! Ah, ça ira, ça ira, ça ira, Tous les bourgeois, on les sautera!“

Außerdem entstand in diesen Tagen das lebhaft stampfende, an den Tanz um die Guillotine der Großen Revolution gemahnende „Dynamit-Lied“:

„Danse, dynamite, Danse, danse vite, Dansons, chantons: Dynamitons, dynamitons!“

Nach Ravachols Verhaftung, während seiner Prozesse, nach seinem Tode erfolgte eine Reihe von Dynamit-Explosionen, und zwar waren es die hauptsächlichsten Konzentrationspunkte Frankreichs und des Auslandes, in denen Gruppen sympathisierender Revolutionäre existierten, die von solchen Explosionen betroffen wurden.

Indes, es hatte den Anschein, als wollte die Welle der anarchistischen Aktivität abebben, bis an einem Dezembertage des folgenden Jahres, 1893, ein neues bedeutungsvolles Attentat die Welt über die weitergehende Gärung des revolutionären Frankreichs belehrte.

* * * * *

Diesmal wies der geheimnisvolle Finger der Volksjustiz auf einen Herd der Unterdrückung, den Krebsschaden des Klassenstaates, auf das Exekutivorgan des Willens der Minderheit gegen die großen Massen des Volkes: das Parlament.

Am 9. Dezember 1893 warf _August Vaillant_ von der Galerie der Pariser Kammer, des Palais Bourbon, eine Bombe in den Saal, in dem das Ministerium Casimir-Périer und sämtliche Abgeordnete unter dem Vorsitz von Dupuy ihre Nachmittagssitzung abhielten.

Die Vorgeschichte dieses Attentates ist in kurzem folgende:

Unmittelbar nach dem Dynamit-Diebstahl in dem Pariser Vorort Soisy-sous-Étiolles hatte die Regierung, deren Oberhaupt Emile Loubet, nachmaliger Präsident der Republik war, der Kammer eine Gesetzesvorlage überwiesen, kraft der jeder, der bei der Verübung eines Dynamit-Attentates gleich jenem in der Lobau-Kaserne betroffen würde, die Todesstrafe erleiden sollte. Wie wir gesehen haben, war diese Gesetzesvorlage nicht imstande, die knapp darauf folgenden Dynamitanschläge zu verhüten. Gegen Ende 1892 trat das Kabinett Loubet zurück. Ihm folgte ein kurzlebiges unter der Führung Ribots, das schon im März 1893 das Zeitliche segnete.

Ribots Nachfolger war Charles Dupuy, konservativer Republikaner von ausgesprochen reaktionärer Färbung, ein in den Kreisen der Arbeiterschaft verrufener Mann, verhaßt vor allem wegen eines durch nichts motivierten Vorgehens gegen die Arbeits-Börse und verschiedene Gewerkschaftssyndikate im Lande. (Dupuys Vorgehen wurde immerhin Ursache einer starken Vermehrung der radikalen republikanischen und sozialistischen Parteien gelegentlich der Wahlen im August-September 1893.)

Die Zusammensetzung der Kammer hatte diesmal den Rücktritt verschiedener Minister aus dem Kabinett Dupuy zur Folge. Das Kabinett selbst ging in die Brüche und der 1. Dezember 1893 sah den Aufstieg eines Ministeriums Casimir-Périer, das sich aber in der Hauptsache infolge des Trägheits-Gesetzes der Politik immer noch aus gemäßigten, ja konservativen Elementen zusammensetzte. Dupuy und Casimir-Périer tauschten nun ihre Plätze. Der letztere überließ den Stuhl des Kammerpräsidenten dem ersteren, so daß in jener denkwürdigen Sitzung vom 9. Dezember Dupuy im Präsidentschaftssessel der Kammer saß, während auf dem Ministerpräsidenten-Fauteuil Casimir-Périer seinen Platz eingenommen hatte. –

Vaillants Bombe war vor allem diesen beiden Männern zugedacht. Durch einen Zufall explodierte sie aber nicht in dem Raum zwischen Dupuy und der Ministerreihe, sondern an einem Seitenpfeiler des Balkons, so daß mehr Besucher der Galerie von den umherfliegenden Nägeln, Eisenstücken und sonstigen Projektilen verletzt wurden als Mitglieder der Kammer. Im Augenblick, nachdem der Effekt der Detonation und des Schreckens überwunden war, sprach Dupuy, der reglos auf dem Präsidentensessel verharrt war, die legendär und historisch gewordenen Worte: „Die Sitzung nimmt ihren Fortgang.“

Wer war dieser _Vaillant_, der den Faden zerschnitt, an dem die Damokles-Bombe des Volkswillens über dem Haupt der Deputierten und Minister Frankreichs hing?

_Vaillant_, ein uneheliches Kind, hatte das elende Leben des gesellschaftlichen Parias bis zur Neige gekostet. Mit 14 Jahren auf sich selber angewiesen, trieb ihn die Not des Lebens von einer Arbeitsstätte zur anderen. Auf seinen regellosen Wanderungen kam er nach Algier, dann sogar bis Argentinien, wo er Land aufnahm, ohne sich als Farmer irgendwie bewähren zu können. In Buenos-Aires erschien zu dieser Zeit das Anarchistenblatt „La Liberté“, wie um 1893/94 Zentral- und Südamerika überhaupt ein Mittelpunkt der anarchistischen Weltagitation genannt werden konnte. Ruhelos wanderte Vaillant von Kontinent zu Kontinent. Ohne einen Pfennig kehrte er nach Frankreich zurück, mit ihm seine kleine Tochter Sidonie, die ihm sein frühverstorbenes Weib hinterlassen hatte. Nach schwierigem Kampf, vom Mißgeschick mehr als notwendig verfolgt, gelang es Vaillant endlich in Paris einen elenden Posten in einem kleinen Laden zu ergattern. Von seinem Monatsgehalt, ganzen 80 Franken, mußte er sich und sein Kind erhalten. Es wird berichtet, daß er bei seinen Arbeitgebern und im Kreise seiner Genossen als der arbeitswilligste, dabei nüchternste, rechtschaffenste, bescheidenste Mensch bekannt gewesen sei, ein Mann von träumerischer und zarter Veranlagung. Auch in ihm hatte die Idee des Anarchismus Fuß gefaßt, – nicht mit der Gewaltsamkeit, wie sie das in der wilden, muskulösen Robustheit Ravachols getan hatte, all sein Sinnen konzentrierte sich vielmehr in einer verzweifelten Auflehnung gegen das Unrecht, das den Armen, den Schwachen, den Zarten, den Hilflosen in dieser Welt der schamlosen Ungerechtigkeit geschieht.

Casimir-Périer, ein Mann von als außerordentlich anerkannten Fähigkeiten brachte es zuwege, mit seinen politischen Funktionen den Besitz eines der größten Grubengebiete von Frankreich zu vereinen. Dieses Gebiet von Anzin, dessen Direktor er war, ehe er die politische Karriere einschlug, war einer der berüchtigtsten Schauplätze des ewigen erbitterten Kampfes zwischen den Besitzern und den Arbeitern, zwischen Kapital und Ausgebeuteten. Und Casimir-Périer, dem man geheime Beziehungen zu den Royalisten und den Klerikalen, also zur ausgesprochenen Reaktion in Frankreich nachsagte, figurierte in den sozialistischen und anarchistischen Zeitungen der Epoche unter dem giftigen Spitznamen des „Mannes mit den 40 Millionen“ des „Blutsaugers von Anzin“.