Ravachol und die Pariser Anarchisten
Part 1
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
HERAUSGEGEBEN VON RUDOLF LEONHARD
BAND 8
VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN
RAVACHOL UND DIE PARISER ANARCHISTEN
VON ARTHUR HOLITSCHER
VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN
EINBANDENTWURF GEORG SALTER BERLIN
Copyright 1925 by Verlag Die Schmiede Berlin
Der ewige Zwiespalt, der offenkundige unlösbare Widerspruch, der die Theoretiker einer revolutionären politischen Richtung von Jenen trennt, die diese Richtung in die direkte, persönlich unerbittliche Aktion umsetzen, kam wohl selten mit solcher Vehemenz zum Ausdruck wie gerade in der Periode „der anarchistischen Attentate“, von der hier die Rede sein wird.
Ich habe „anarchistisch“ gesagt, aber es ist nicht offenbar, es steht keineswegs unumstößlich fest, es ließe sich wohl darüber streiten, ob die Männer, die von 1891 bis 1894 in Frankreich jene Attentate verübten, Anarchisten waren. Politische Aktionen ähnlicher Art, individuelle Aktionen, die nur scheinbar durch ein System zusammengehalten sind, grenzen in ihrem Wesen nahe an Verzweiflungstaten von Menschen, die aus ihrem rein persönlichen Erleben heraus und nur bedingt aus den Motiven einer, vom politischen Gesichtspunkt als notwendig erkannten Richtung handeln. Wenn Aktionen dieser Art sich im Laufe der Zeiten gleichen, so kann man doch aus der Geschichte den ewig wechselnden Namen der politischen Richtung verfolgen, die jeweils mit diesen Aktionen verknüpft, ihnen eine Art Rechtfertigung zu geben scheint. Die Taten der Nihilisten in Rußland, der Sozialisten in den Anfangsjahrzehnten der Arbeiter-Organisation, der Anarchisten in Frankreich, sie entsprangen alle der Not des aufgewühlten Zeitgewissens. Im Grunde waren sie Manifestationen des stetig gleichbleibenden, seit Urzeiten in die Menschenseele versenkten revolutionären Triebes: das _Unrecht_ aus der Welt zu schaffen. Die Auflehnung des Individuums gegen den Staat, der Kampf gegen die Gesellschaft, die das mitgeborene Recht des Individuums schmälert und vernichtet.
In seinem grundlegenden Werk „_Der Anarchismus_“ gibt _Paul Eltzbacher_ ein kurzes Résumé der theoretischen Grundlagen der anarchistischen Lehren und ich will hier einen Abschnitt zitieren, der für den, wenn auch losen Zusammenhang der anarchistischen Theorie mit den Taten der Anarchisten, über die hier berichtet werden soll, wesentlich und wissenswert ist:
„Der Anarchismus,“ sagt Eltzbacher, „ist die rechtsphilosophische Verneinung des Staates, d. h. diejenige Art der rechtsphilosophischen Staatslehre, welche den Staat verneint.
Eine anarchistische Lehre kann nicht vollständig sein, ohne anzugeben, auf was für einer Grundlage sie ruht, was für einen Zustand sie im Gegensatz zum Staate bejaht, und wie sie sich den Übergang zu diesem Zustande denkt. Eine Grundlage, eine bejahende Seite und eine Vorstellung von dem Übergang zu dem, was bejaht wird, sind notwendige Bestandteile jeder anarchistischen Lehre. Mit Beziehung auf diese Bestandteile lassen sich folgende _Arten des Anarchismus_ unterscheiden.
1. Der Grundlage nach: der _genetische Anarchismus_, welcher als höchstes Gesetz menschlichen Verhaltens nur ein _Naturgesetz_ anerkennt und der _kritische Anarchismus_, welcher als höchstes Gesetz menschlichen Verhaltens eine Norm betrachtet; als Unterarten des kritischen Anarchismus der _idealistische Anarchismus_, dessen höchstes Gesetz eine Pflicht, und der _eudämonistische Anarchismus_, dessen höchstes Gesetz das Glück ist; und endlich als Unterarten des letzteren der _altruistische Anarchismus_, für den das Glück der Gesamtheit, und der _egoistische_, für den das Glück des Einzelnen höchstes Gesetz ist.
2. Nach dem im Gegensatz zum Staat bejahten Zustande lassen sich unterscheiden: der _föderalistische Anarchismus_, welcher für unsere Zukunft ein geselliges Zusammenleben der Menschen nach der Rechtsnorm, daß Verträge erfüllt werden müssen, bejaht, und der _spontanistische Anarchismus_, welcher für unsere Zukunft ein geselliges Zusammenleben nach einem nichtrechtlichen Gesetz bejaht.
3. Nach der Vorstellung von dem _Übergang zu dem bejahten Zustande_ lassen sich unterscheiden:
Der _reformistische Anarchismus_, welcher sich den Übergang vom Staat zu dem im Gegensatz zu ihm bejahten Zustand _ohne Rechtsbruch_ denkt, und der _revolutionäre Anarchismus_, welcher sich diesen Übergang _als Rechtsbruch_ denkt. Als Unterarten dieses revolutionären Anarchismus: der _renitente Anarchismus_, der sich den Rechtsbruch ohne Anwendung von Gewalt denkt, und der _insurgente Anarchismus_, der sich ihn unter Anwendung von Gewalt denkt.“
Eltzbacher, der das Ergebnis seiner wissenschaftlichen Abhandlung besonders aus den Schriften von sieben der hervorragendsten Theoretiker der anarchistischen Lehre, nämlich _Godwin_, _Proudhon_, _Stirner_, _Bakunin_, _Kropotkin_, _Tucker_ und _Tolstoj_ schöpft, schreibt zu diesen letzteren Arten des Anarchismus, nämlich dem _renitenten_ Anarchismus, der sich den Rechtsbruch ohne Anwendung von Gewalt denkt, die Namen: Tucker und Tolstoj, und zu dem _insurgenten_ Anarchismus, der sich den Rechtsbruch _aktiv_ und _unter Anwendung von Gewalt denkt_, die Namen Stirner, Bakunin, Kropotkin. –
Unter diesen dreien war es besonders _Kropotkin_, der sich eine klare Vorstellung von der Anwendung der Gewalt, der Propaganda durch die Tat gemacht hat. Es ist dies nicht weiter zu verwundern, denn Kropotkin war es ja, neben Bakunin und Tolstoj, der die Gewalt der zaristischen Unterdrückung, der grausamen Bekämpfung der Freiheit des Individuums am tiefsten, am eigenen Leben, an der eigenen Seele, an der Freiheit des Körpers und des Gedankens erfahren hat.
In seinem Buche: „_Worte eines Empörers_“ gibt er eine klare Darstellung des Propagandisten der Tat, wie er auch über die Notwendigkeit einer solchen Propaganda, über das Verhältnis der Tat zur Idee, des Täters zur Allgemeinheit, des begrenzten Ereignisses zur Zukunft Wesentliches aussagt. Er betont, daß es Aufgabe derjenigen sei, die den Gang der Entwicklung vorhersehen, die Geister auf die bevorstehende Revolution vorzubereiten.
„Die Anarchisten,“ sagt er weiter, „sind heute noch eine Minderheit, aber ihre Zahl wächst täglich, wird immer wachsen und am Vorabend der Revolution zur Mehrheit werden. Vor allem aber ist das Ziel der Revolution allgemein bekannt zu machen, damit die Massen von der Idee ergriffen werden. In Wort und Tat ist dieses Ziel zu verkünden, bis es durchaus volkstümlich wird, so daß es am Tage der Erhebung in aller Munde ist.“
„Diese Aufgabe,“ sagt Kropotkin, „ist größer und wichtiger, als man im allgemeinen annimmt. Denn wenn das Ziel auch einigen wenigen deutlich vor Augen steht, so ist es doch ganz anders mit den fortwährend von der Bourgeoispresse bearbeiteten Massen.“
„Der Geist der Empörung,“ sagt Kropotkin ferner, „muß geweckt werden. Es müssen das Unabhängigkeitsgefühl und die wilde Kühnheit erwachen, ohne die keine Revolution zustande kommt. Zwischen der friedlichen Erörterung von Übelständen und dem Aufruhr, der Empörung liegt ein Abgrund, derselbe Abgrund, der beim größten Teil der Menschheit die Überlegung von der Tat, den Gedanken vom Willen scheidet. Das Mittel, um diese beiden Wirkungen zu erzielen, ist: beständiges, unablässiges Handeln der Minderheiten, denn,“ so meint er: „Mut, Ergebenheit, Aufopferungsfähigkeit seien ebenso ansteckend wie Feigheit, Unterwürfigkeit und Angst.“
(Wie sehr Kropotkin in diesen Äußerungen sich als reiner Theoretiker erweist, erhellt aus der Rolle, die er etwa ein Dritteljahrhundert nach der Veröffentlichung der „Worte“ gelegentlich der großen bolschewistischen Revolution Rußlands gespielt hat. Kropotkin hat, als Anarchist kommunistischer Observanz, in idealistischer Weise und der gegebenen Wirklichkeit fremd, den Bolschewismus als Mittel zur Herbeiführung der endlichen Freiheit verkannt. Er hat den „Mut, die Ergebenheit, die Aufopferungsfähigkeit“ der kleinen initiierenden Gruppe der Bolschewiki nicht in voller Weise zu würdigen verstanden. Wenn er sagt, daß diese Eigenschaften ebenso ansteckend seien wie Feigheit, Unterwürfigkeit und Angst, so hat er im Grunde das Wesen der bürgerlichen Seele auch nicht bis in seine Tiefen ergründet – denn er hätte sonst jene kleine Gruppe, die in der Tat Mut, Ergebenheit und Aufopferungsfähigkeit gegen eine Welt von Feigheit, Unterwürfigkeit und Angst repräsentierte, wirkungsvoller durch die Macht seiner Persönlichkeit unterstützen müssen, als er es in Wahrheit getan hat.)
„Welche Formen soll die Propaganda annehmen?“ fragt Kropotkin weiter. „Jede, die durch die Lage der Dinge, durch Gelegenheit und Neigung vorgezeichnet wird. Bald mag sie ernst, bald scherzhaft, aber immer muß sie kühn sein. Bald mag sie von einer Mehrheit, bald von einem Einzelnen ausgehen. Niemals darf sie ein Mittel unbenutzt, niemals eine Tatsache des öffentlichen Lebens unbeachtet lassen, um die Geister in Spannung zu erhalten, der Unzufriedenheit Nahrung und Ausdruck zu geben, den Haß gegen die Ausbeuter zu schüren, die Regierung lächerlich zu machen, ihre Ohnmacht darzutun. Vor allem aber muß sie, um die Kühnheit und den Geist der Empörung zu wecken, immerfort durch das Beispiel predigen.“
Und weiter heißt es: „Männer von Herz, die nicht nur reden, sondern handeln wollen, reine Charaktere, die Gefängnis, Verbannung und Tod einem Leben vorziehen, das ihren Grundsätzen widerspricht, kühne Naturen, die wissen, daß man wagen muß, um zu gewinnen – das sind die verlorenen Posten, die den Kampf eröffnen, lange, bevor die Massen reif sind, offen die Fahne der Empörung zu erheben und mit den Waffen in der Hand das Recht zu suchen. Mitten in dem Klagen, Schwätzen, Erörtern erfolgt durch einen oder mehrere eine aufrührerische Tat, die die Sehnsucht Aller verkörpert.“
Schließlich aber kommt Kropotkin auf die Wirkung und somit das praktische Ergebnis dieser Propaganda zu sprechen, indem er resumiert: „_Eine einzige Tat macht in wenigen Tagen mehr Propaganda als tausend Broschüren._ Eine Tat gebiert die andere; Gegner schließen sich dem Aufruhr an; die Regierung wird uneins, Härte verschärft den Streit; Zugeständnisse kommen zu spät: _Die Revolution bricht aus._“
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Die Spannweite zwischen den angeführten Theorien des Anarchismus und den Motiven der Propagandisten durch die Tat, wenn man die im Folgenden zu behandelnden Individuen so nennen darf, ist eine beträchtliche; auch die eingestandene Auffassung, die diese letzteren von ihrer anarchistischen Gesinnungspflicht öffentlich kundgegeben haben, entfernt sich von der eben zitierten Darstellung Kropotkins, in der wir das grundlegende Bekenntnis eines aktiven Revolutionärs zu sehen haben. Immerhin lassen sich bei den Geständnissen dieser Propagandisten, in der Motivierung ihrer Taten vor Gericht, Abstufungen wahrnehmen, welche mehr oder weniger deutlich ihre Stellung zu der Idee des Anarchismus kundgeben. Die geringere oder weitere Entfernung ihrer emotionellen Motivierung von jenem nüchternen und festen Gesetz der Notwendigkeit der Propagandaaktion, wie sie Kropotkin dargelegt hat, ist weniger an dem Temperament als an dem Bildungsgrade der Propagandisten zu messen.
Es wäre verkehrt, die Menschen, von deren Taten ich berichten will, als Verbrecher anzusehen. Verbrecher darf sie nur jener nennen, der sich mit den Anschauungen der Gesellschaft, wie sie heute besteht, identifiziert. Wer aber auf dem Standpunkt beharrt, daß die Gesellschaft, in der wir leben, geändert werden muß, daß sie auf _revolutionäre_ Weise aus ihren Fugen gebracht werden muß, weil eine evolutionäre die Widerstände stärkt, statt sie zu vermindern, wer eine freiere, glücklichere, utopistische Form der Gesellschaft in der Zukunft erkannt hat und vorbereiten will – wird die anarchistischen Propagandisten nicht als Verbrecher, sondern als Pioniere einschätzen müssen. Wenn auch ihre Taten zuweilen das Draufgängertum blindwütigen, rücksichtlosen Vernichtens von Leben und Eigentum erkennen lassen, so wurzeln diese Taten doch in einer anderen Sphäre. Folgt man dem Ursprung der Revolte dieser „Attentäter, Bombenwerfer, Mörder und Räuber“, dieser „Feinde der Menschheit“, – so findet man in der Ursache ihrer Empörung die Elemente der sozialen Ungerechtigkeit, der Unterdrückung, des Elends der Herkunft, ebenso der ursprünglichen Blutmischung, wie der sozialen Lebensbedingungen im Elternhaus, der Erziehung – – über all diesem aber den _Zug der Zeit_.
Der soziale Unfriede manifestiert sich am deutlichsten und entscheidendsten in Charakteren, die nicht erst die langsame Disziplin der sozialistischen Parteiorganisation durchmachen können. Er manifestiert sich in explosiver Form. Seit den Attentaten 1891-94 hat die revolutionäre Organisation der Massen ungeheure Fortschritte gemacht. Durch die Organisation aber ist augenscheinlich der revolutionäre Trieb in den Individuen zurückgedrängt worden, wenn nicht verkümmert. Organisation bedeutet: Abwälzung der Verantwortung des Einzelnen auf eine hinter ihm stehende, ihn schützende größere Masse, und in diesem Sinne fragt es sich, ob die Propaganda durch die Tat des Einzelnen heute noch stark genug sein könnte, die Organisation, d. h. die Massen in Bewegung zu setzen. Das Ergebnis besonders der deutschen Revolution, dieser Revolution eines überorganisierten Proletariats, antwortet auf diese Frage: Nein.
Besonderen Aufschluß über Wesen und Wirkung der Propagandaaktion des Einzelnen gibt die Legende, die sich um Namen, Tat, das Leben eines solchen Einzelnen im Volke bildet. Die Tat des Individuums, das sich von der Gesamtheit ablöst, übt auf die Masse, in deren Interesse diese Tat getan worden ist, einen außerordentlichen Zauber, eine starke Suggestionskraft aus. Dies hat auch Kropotkin erkannt. Ob aber diese Suggestion, wie Kropotkin meint, eine _aktive Tat der Gesamtheit_ hervorrufen kann, bleibt dahingestellt. Jedenfalls bemächtigt sich das Bedürfnis der Massen nach Romantik des Lebens des revolutionären Propagandisten und hüllt es in eine Glorie ein.
Der Name _Ravachol_, der hier öfters erwähnt werden wird, ist auf diese Art, wie ein Symbol der Empörung, Sprichwort im französischen Volke geblieben.
Dieser Name _Ravachol_, fremdartig, einprägsam und populär, deckt eine ganze Epoche des revolutionären Lebens Frankreichs. Man kann nach anderen Epochen Umschau halten, Epochen, in denen sich große Staatsaktionen, bedeutsame Erlebnisse des Volkes abgespielt haben, und wird finden, daß diese in ihrer Gesamtwirkung bedeutsamen Zeitläufte von keinem einzigen Namen gedeckt werden, wo die Epoche des insurgenten Anarchismus von 1891-94 in Paris durch den Namen _Ravachol_ gedeckt ist.
Neben diesem Namen büßen jene anderen aus derselben Epoche: Vaillant, Henry, Caserio einen wesentlichen Teil ihrer Bedeutung ein, obzwar sie für die Epoche von äußerster Bedeutung geblieben sind, obzwar sie sich sogar mit den Idealen des aktiven Anarchismus (jedenfalls in dem Fall Vaillant und Henry) inniger berühren als dies bei Ravachol der Fall ist. Dieser aber galt und gilt als der _Initiator_, als der Erwecker jener Epoche, als Der, dessen Tat den revolutionären Instinkt, den immer gärenden latenten Instinkt zur Menschheitsbefreiung in dem französischen Volke für eine Zeit entfesselt und aufgerichtet hat.
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1891-94.
Die Zeit der Attentate von Ravachol, Vaillant, Henry, Caserio. Die Zeit des Prozesses der Dreißig.
Die Zeit des Panama-Skandals. Eine Epoche der politischen Korruption, der Hochkonjunktur des bürgerlichen rücksichtslosen Genußlebens, der stärksten Konzentration von Industrie- und Finanzkapital zur Ausbeutung der arbeitenden Massen.
Es war die Zeit vor der Reinigung der Atmosphäre durch die Aktion für den Kapitän Dreyfus, die Zeit der Präsidentschaft Sadi-Carnots, die das Regime des alten Grévy abgelöst hatte.
Jules Grévys Präsidentschaft, in deren Zeit die Beängstigung des republikanischen Frankreichs durch den General Boulanger fiel, versank im Sumpf des Wilson-Skandals. Kaum hatte die denkwürdige Schnäbele-Affäre an der elsässischen Grenze die Gefahr eines Krieges zwischen Frankreich und Deutschland für einen Augenblick aufleben lassen, da wurde das Interesse des Volkes durch eben jenen Skandal unter dem Namen Wilson auf den Zustand der bedrohten bürgerlichen Republik abgelenkt. Wilson, Schwiegersohn des Präsidenten Grévy, hatte für gutes Geld die Ehrenlegion an Leute verschachert, die alles, nur nicht die Ehre Frankreichs repräsentierten. Als nun diese übelriechenden Machenschaften aufgedeckt wurden, blieb Grévy, der von den Geschäften seines Schwiegersohnes keine Ahnung hatte, nichts übrig, als zu gehen. Er verließ seinen Posten ohne das Odium des geringsten persönlichen Makels.
Sadi-Carnot, sein Nachfolger aber übernahm ein so ziemlich außer Rand und Band geratenes bürgerliches Gemeinwesen. Carnots Regierungsantritt war durch die Notwendigkeit, mit des Generals Boulanger Agitation aufzuräumen, belastet. Die Republik war durch den doppelten, sozusagen konzentrischen Angriff von orleanistischer Seite wie vonseiten ihrer eigenen bürgerlichen Korruption in schwerste Bedrängnis geraten. Wilsons Tat deckte ja nur einen Zipfel von dem ungeheuren Schmutz auf, in dem die Republik Frankreich zu versacken drohte. Sadi-Carnots Regierungsära hatte außer der Aufglättung des Ehrenlegionsskandals mit üblen Affären ähnlicher Art zu schaffen, die hervorragende Mitglieder des Pariser Magistrates durch ihre Geschäfte mit dem Crédit Foncier, in Verbindung mit dem Comptoir d’Escompte, kompromittierten. Zur gleichen Zeit explodierte überdies, wie ein Kloakenrohr, die Affäre des Panamakanals über dem öffentlichen Leben Frankreichs, und der Unflat, der sich auf solche Weise über das politische Leben des Landes ergoß, blieb auf der ganzen Regierungsepoche von Sadi-Carnot haften, die man mit diesem Skandal identifizierte.
All diese Skandalaffären verbreiteten, wie erklärlich, große Erbitterung und Haß unter den arbeitenden Schichten der Bevölkerung, denen die Verrottung des Bürgertums, der sie ausbeutenden Klassen, der regierenden und der Finanz, offenbar geworden war.
Eine Reihe von Streiks bezeichnet die beginnende Unruhe der arbeitenden Schichten Frankreichs jener Zeit. In den Industriebezirken war diese Unruhe natürlich am stärksten wahrzunehmen, doch schlug sie ihre Wellen nach Paris, der Metropole, die ja von jeher das Zentrum jeder Manifestation des französischen Volkswillens war, die den Pulsschlag der französischen Energie in allen Phasen der Geschichte vernehmbar aufgedeckt hat.
Noch hatten die Streiks nicht das Stadium der akuten Revolte erreicht – da brachte ein Ereignis sozusagen den entscheidenden Schwung in die gesamte revolutionäre Bewegung.
Im Mai 1890 wurde in dem kleinen Ort Le Raincy bei Paris eine Werkstatt entdeckt, in der Russen Explosivstoffe und Höllenmaschinen hergestellt hatten. Wenige Monate später wurde der russische General Seliwerstow, ehemaliger Polizei-Präfekt von St. Petersburg, auf den Boulevards durch einen Polen, namens Padlewski, getötet. Padlewski gelang es, mit Hilfe französischer revolutionärer Sozialisten, die Flucht zu ergreifen. Diese Tat lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums und der Regierung auf die unzweifelhaft gärenden Elemente der französischen Arbeiterbevölkerung, die sich schon in den mannigfachen Streiks deutlicher werdend, an die Oberfläche gewagt hatten. Es kam der _1. Mai 1891_, und mit diesem Datum beginnt die Ära der anarchistischen Attentate, von der hier die Rede sein soll.
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An diesem 1. Mai 1891 fanden an vielen Orten Manifestationen ernster Art, Zusammenstöße zwischen Arbeitern und der Polizei statt. In Lyon, Marseille, Nantes und Charleville kam es zu Konflikten, wobei gelegentlich die Truppen von der Polizei zu Hilfe gerufen worden waren. Die beiden bedeutungsvollsten und für die Entwicklung der Dinge wesentlichsten Ereignisse aber waren die von _Fourmies_ und von _Clichy_. Man kann sagen, daß diese beiden Ereignisse, die von Fourmies und von Clichy, den revolutionären Trieb unter den radikalen Elementen der französischen Arbeiterschaft, vor allem unter den Propagandisten der Tat, entfesselt haben.
_Fourmies_ ist eine kleine Industriestadt in der Nähe von Avesnes im Departement Nord und bildet den Mittelpunkt eines großen Industriebezirkes, in dem hauptsächlich Glasbläsereien und Spinnereien sich befinden. Ein lokaler Streik, der in Fourmies um die Zeit der Maifeier ausbrach, drohte bald derartige Dimensionen anzunehmen, daß der Unterpräfekt der Kreisstadt Avesnes, Isaac, Infanterie zur Unterdrückung der Unruhen herbeizurufen für gut befand. Die Truppen wurden von einem Major Chapu befehligt, der, als aus der Menge Steine gegen die Soldaten geworfen wurden, den Befehl zum Feuern gab. Nach wenigen Augenblicken bedeckte eine Menge von Toten und Verletzten das Pflaster. Man zählte 40 Schwerverwundete; 2 Männer, 4 Frauen und 3 Kinder waren getötet worden.
Um die gleiche Stunde spielte sich in Clichy, der nördlichen Arbeitervorstadt von Paris, ein wesentlich harmloseres Ereignis ab, welches aber, da es den revolutionären Kern Paris berührte, vielleicht von erheblicheren Folgen begleitet war, als das Ereignis von Fourmies, das immerhin die Geister noch lange im Banne hielt.
Eine kleine Gruppe von Anarchisten hatte in einem kleinen Café eine Versammlung abgehalten, bei welcher Gelegenheit die Korruption der bürgerlichen Republik in gehöriger Weise ihre Kritik abbekam. Nach Schluß der Versammlung begaben sich die Teilnehmer der Versammlung auf die Straße. Es war nicht das erste Mal, daß in den Straßen von Paris eine Gruppe von Menschen unter Vorantragung einer roten Fahne sich vorwärts bewegte, aber diesmal schien die Polizei strenge Weisung erhalten zu haben, jede Manifestation revolutionärer Art unnachsichtig zu unterdrücken. An einer Straßenkreuzung stürzten sich daher die Polizisten auf die Frau, die die Fahne trug, und auf die kleine Gruppe von Menschen, die hinter ihr her marschierte. Revolverschüsse fielen – von beiden Seiten – und das war das Neue an der ganzen Angelegenheit. Die Polizei verhaftete eine Anzahl von Menschen, brachte sie auf die Wache, wo die Gefangenen in übelster Weise zugerichtet wurden. Im französischen Volksmund heißt diese Prozedur: „passer à tabac“, und die Art und Weise, wie die Gefangenen bei dieser Gelegenheit „vertobakt“ wurden, schien die Gemüter der unteren Schichten von Paris in besonders starkem Maße aufgebracht zu haben.
Die Polizei behielt drei der Verhafteten, die vor das Gericht gestellt, in den nächsten Wochen abgeurteilt wurden. Während einer von den dreien straflos entlassen wurde, erhielten die beiden anderen ungewohnt harte Strafen, die tatsächlich in keinem Verhältnis zu dem Vergehen standen, dessen sie beschuldigt waren, namentlich: der Arbeiter _Decamp_ 5 Jahre Zwangsarbeit, der Arbeiter _Dardare_ 3 Jahre Zwangsarbeit. Das Urteil der Jury fiel nach Wunsch des Staatsanwaltes aus, der für die Angeklagten die höchste zulässige Strafe verlangt hatte. Wenn die Jury auch mildernde Umstände in Anwendung gebracht sehen wollte, weigerte sich der Präsident des Gerichtshofes doch, diesem Begehren stattzugeben. Die beiden Arbeiter wanderten ins Zuchthaus, ihr Gedenken lebte in den Gemütern der Pariser Arbeiterschaft unter dem Stichwort der „_Märtyrer von Clichy_“ fort.