Part 7
Wenn die weißangethane Schar, im Gefühle ihres Fleißes und einer schönen Errungenschaft, bei der Kummerfelden aufbrach, da blickte ihnen diese wohlwollend nach und freute sich über die Hemden, die sie übergezogen hatten. Weder bei ihr, noch bei den Schülerinnen kam ein Zweifel auf, ob dieser muntere Triumphzug auch ganz in den Regeln des Anstandes sich bewegte. Die Mädchen zogen im Schmucke ihrer vollendeten Kunstwerke unangefochten dahin, hörten, wie ein paar verständnisvolle Frauen, an denen sie vorüberkamen, sagten: »Herrjes, da sind die Kummerfeldschen schon wieder mit ihren Hemden fertig!« Die Gassenbuben riefen ihnen nach:
»Kummerfeldsche Hemdenmätze!«
Man schaute ihnen nach, jung und alt; aber durchaus nur wohlgefällig. Die Einrichtung der Kummerfelden hatte den Charakter einer Sitte angenommen, und einer Sitte, sie mag noch so dumm sein, bezeugt jedermann Verständnis und Achtung.
Außerdem machte der Zug der Hemdenmätze Propaganda für die Nähschule. Das wußte die kluge Kummerfelden ganz wohl. Auf ihren Vorteil war sie sehr bedacht.
Doch mochte sie eine jener Frauen sein, bei denen jede Regung sich in Liebenswürdigkeit verwandelt, Berechnung in artige Laune und Schrullenhaftigkeit in Reiz. Sie war so glücklich, alle ihre Eigenschaften für andere angenehm gestalten zu können, es mochte wohl keines unter ihren Mädchen sein, dem sie nicht eine liebe Erinnerung durchs ganze Leben geblieben ist.
Wenn sich nach langen, langen Jahren, die über das Grab der Alten hingegangen waren, alte Weimaranerinnen auf der Straße begegneten, die in ihren jungen Jahren bei der Kummerfelden genäht und sich vielleicht seit jener Zeit kaum wieder gesprochen hatten, da stiegen ihnen so liebwerte Bilder auf, und die Gestalt der Madame hielt ihnen gleichsam ihre schöne Jugendzeit wie ein gutes Lieblingsgericht, an dem sie nun schon lange nicht mehr gekostet, wehmütig lächelnd entgegen.
Als unsere Röse eine alte, prächtige Frau geworden war, Großmutter und Urgroßmutter, da kam ihr einmal nachts die Erinnerung an eine wunderschöne Geschichte: »Die Abtei Balderoni«, die die Kummerfelden stückweis vorgelesen hatte und die sie nie zu Ende gebracht, denn sie war darüber gestorben. Und die Urgroßmutter dachte noch mit Bedauern daran, daß die Kummerfelden damals nicht hatte zu Ende kommen können.
Die Erzählung, die die junge Röse entflammt, und die Art des Vortrages, die sie hingenommen hatte, wirkte in der alten Frau, über die ein reiches Leben hingegangen war, in der dunklen, einsamen Nacht noch fort, und sie fühlte sich überströmt von Erinnerungen, die ein paar wenige noch mit ihr teilten.
Es war ein unbedingt durchdringender Eindruck, den die Nähmeisterin auf ihre Mädchen ausübte. Sie mochte vorschlagen, was sie wollte, man war immer dabei, ihre Ideen durchzuführen.
So veranstaltete sie Spaziergänge mit ihren jüngsten Schülerinnen, und zwar ging sie mit ihrer Schar in den Park zu bestimmten Stunden, während derer die Herrschaften dort zu promenieren pflegten. Da legte sich die Kummerfelden mit ihren Elevinnen in Hinterhalt, wie die Jäger auf den Anstand, und lauerte, ob sich etwas Fürstliches zeigen würde, und wenn sich etwas näherte, da kamen sie alle vor und gingen entgegen, und die Kummerfelden machte einen so ausgezeichneten, unübertrefflichen Knix, »kautzte so tief«, wie die Mädchen sich ausdrückten, daß sie immer erst nach einer langen Weile, wenn man schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, sie wiederzusehen, in die Höhe kam, mit einem unnachahmlichen, würdevollen Ausdruck, als wäre nichts geschehen.
Sie hatte übrigens während ihrer Versunkenheit alles um sich her bemerkt und besonders das, daß die Mädchen sich gewöhnlich ihr Vorbild nicht zu Herzen genommen und einen äußerst leichtsinnigen Knix zu stande gebracht hatten.
»Denkt Ihr denn,« sagte sie dann aufgebracht, »daß ich die Knixerei für mich mache? Daß ich mir zur Übung auf die Herrschaften warte, Ihr Dummhüte? Das nächste Mal, wenn wir ihrer wieder habhaft werden, bitte ich mir Gehorsam aus, -- hört Ihr? --! Ich könnte Euch ja auch vor Stühlen Eure Knixe machen lassen und weshalb nicht; aber ich bin nicht für etwas Halbes, erst, wenn man in der Patsche sitzt, weiß man, wie man sich benimmt. Also das nächste Mal aufgepaßt!«
Excellenz von Goethe bekam auch so manchen Knix von der Kummerfelden mit ihrer Schar. Für ihn hatte sie besonders weihevolle, doch nicht so tiefe Verbeugungen, wie für die Herrschaften in Bereitschaft. »Jedem das Seine,« sagte sie. »Geistige Größe ist aller Achtung wert, so lange wir aber im Fleisch und nicht im Geiste wandeln, muß sie zurückstehen.«
»Im künftigen Leben ist das dann anders,« versicherte sie ihren Zuhörerinnen. -- »Dann kommen dergleichen Unsinnigkeiten nicht mehr vor. Hier müssen wir es mitmachen, und wer es nicht thut, zeigt, daß er keine rechte Auffassung und Würdigung des Lebens hat, weder des irdischen, noch des himmlischen.
Macht einer hier Verstöße, wird er sie auch dort machen, denn es kommt alles auf die Klarheit an, daß man die Dinge so ansieht, wie sie sind und wie sie hier angesehen werden müssen.
Wer das thut, ist ein kluger und anständiger Mensch, gegen den sich nichts sagen läßt.«
Das waren weise Regeln der Kummerfelden.
Sie war eine nachsichtige Frau und ließ um sich her Dinge geschehen, die eine andere verpönt haben würde.
Während der Nähstunden trieb sich nämlich vor den Fenstern des Entenfangs allerlei lose Gesellschaft umher.
Die Kummerfelden gebrauchte deswegen eine Vorsicht, sie setzte in die Nähe des Fensters immer die jüngsten, den Jahren nach die unschuldigsten, von denen sie wußte, daß sie noch keine Liebesgeschichten anzettelten.
Die Ratsmädel hatten diesen Vorposten inne; aber wie es so geht, in Ermangelung eines anderen Weges wurde so manches Briefchen geheimnisvoll durch das offene Fenster oder durch eine Spalte geschoben und von den Ratsmädchen der Besitzerin zugesteckt.
Röse und Marie selbst empfingen allerlei niedliche Sächelchen auf diesem Wege, eine Blume, ihre aus Papier ausgeschnittenen Namen: Marie und Therese (Budang war in dieser Kunst Meister), eine Düte mit allerfeinsten Malzbonbons, aber keine Briefchen; bis dahin hatten es unsere beiden noch nicht gebracht. Sie überreichten der Kummerfelden die schönsten der zugesteckten Bonbons, die sich dafür bestens bedankte und selbige ganz munter auf ihrem Throne zerknackte, denn sie hatte gute Zähne.
Das war die Kummerfelden mit ihrer Nähschule, ihrem Verständnis für die liebe Jugend, ihren kräftigen Ausdrücken und ihrer klugen, freundlichen Seele.
Durch Madame Kummerfeld hatte Röse eine wertvolle Bekanntschaft gemacht, nämlich die des Türmers Kesselring, der mit der Nähmeisterin in Verwandtschaft stand, und zu dem Röse verschiedene Male auf den Turm wegen einer Ausrichtung geschickt worden war. Er schrieb Noten und Manuskripte ab, und da die Kummerfelden noch immer ihre Verbindungen mit dem Theater hatte, konnte sie ihrem Vetter allerlei Arbeit vermitteln und besorgen, was sie getreulich that, und so wurde Röse verschiedene Male zu ihren Ausrichtungen benützt. Die hatte sich, wie sie es überall that, wo es ihr gefiel und wo sie sich wohl fühlte, auch bei dem Türmer Kesselring und seinen Leuten einzuschmeicheln gewußt und war auf der Höhe des Stadtkirchen-Turmes ein immer gern gesehener Gast. --
Der Türmer wartete des Amtes, das sein hoher Titel bezeichnet, war nebenbei Abschreiber, Schuhflicker, alles in einer Person, ein fleißiger Mann, der auch allen Grund zu seinem Fleiße haben mochte, denn es galt, für ein ganzes Häuflein Kinder, die in dem Turme eingenistet waren, zu sorgen. Kesselrings waren zufriedene und ordentliche Leute und machten sich das Leben so angenehm, wie es in ihrer Lage irgend möglich war, feierten ihren Weihnachten im Turmstübchen mit aller Festlichkeit, buken zu Ostern und Pfingsten große Kuchen, die sie durch die Turmwinde hinabließen, damit sie im Backhause vollendet würden. Sie leierten sie dann wieder gebacken herauf, daß ihnen der süße Geruch in die Nase stieg.
Röse, die diese Bekanntschaft merkwürdigerweise allein unterhielt, hatte bei den Türmern schon Weihnachten mitgehalten und alle anderen Festlichkeiten, auch die Taufe des jüngsten Türmerleins.
Wie merkwürdig geheimnisvoll und für ein junges Gemüt tief anziehend war ein Weihnachten auf dem Turm!
Wie in Wolken von fallendem Schnee umgeben, saßen die guten Leute und der Gast in dem behaglichen Stübchen bei dem brennenden Christbaum und einem Karpfengericht. Der Wind trieb die Flocken an die Fenster und verdeckte und überzog sie fast. Tief unten in der Stadt leuchteten Lichter durch den Schneenebel, kein Geräusch klang herauf -- alles, was den Turm umgab, war Weichheit, Reinheit, Frische, und der Türmer Kesselring blies am offenen Fenster einen Choral in den sprühenden Schnee hinaus.
Und welches Behagen, welche Lebensfreude war in dem engen, hellen Raum, dem einzigen belebten Orte in solcher Höhe! Von Elementen umbraust, hockte es sich so behaglich da oben. Röse kauerte mit den Kindern in einer Ecke, und sie sahen dem Erlöschen der Lichter am Baume zu.
Da brannte eins noch hell, das Stümpfchen war verzehrt; es flackerte auf, es zischte ein wenig und flackerte wieder und flackerte noch einmal und glimmte dann; ein würziger Rauch wie von einem kleinen Opfer stieg auf, und noch ein Glimmen, und es war verlöscht -- verlöscht für ein Jahr. Denn bis wieder die Lichter angezündet wurden, mußte ein Frühjahr hingehen, ein Sommer, -- ein Herbst, ein langes, langes Leben.
Was konnte dazwischen geschehen? Die Frage that Rösens Herzen wohl; was kommen konnte, war nur Wiederholung von dem, was bis jetzt geschehen, und das war so gut, so schön gewesen!
Und wie unbeschreiblich war es bei Kesselrings; wie sonderbar sich die Karpfen auf Turmeshöhe und auf dem ärmlichen Tisch ausnahmen; so ganz fremdartig, weihevoll und feierlich, und wie sie dufteten, als wären es die schönsten Spiegelkarpfen, und waren doch so kleine, ruppige Dinger, denen man, um ihnen Wichtigkeit für den Magen zu verschaffen, eine tüchtige Portion Kartoffeln zur Begleitung beigeben mußte.
Sie thaten aber, so klein sie waren, ihre volle Schuldigkeit, brachten über alle, die um den Tisch saßen, herrlichste Weihnachtsgefühle, waren für aller Augen unantastbar vorzügliche Weihnachtskarpfen, an denen zu kritteln ein Vergehen gewesen wäre. Wie undeutliche, zum Herzen sprechende Offenbarungen lagen sie auf dem Tisch und verschwanden wie Erscheinungen in den rosigen Mündchen der Kinder, um nur Gräten und angenehme, süße Erinnerung an ihre Gestalt und ihr ganzes weihevolles Wesen zurückzulassen.
Der Pfefferkuchen, die Äpfel, die Nüsse, die unter dem Baume lagen, waren auch für alle Anwesenden nicht gewöhnlicher Pfefferkuchen -- nicht gewöhnliches Obst, Gott bewahre! Das waren mystische Dinge, die Lebensfreude, die Überfülle bedeuten und gläubig und fröhlich hingenommen wurden. Weihnachten bei guten, armen Leuten ist etwas Wundervolles!
Auf dem Turm war die beschwerliche Einrichtung, daß jede Stunde zur Stadt herab getutet werden mußte, und nicht nur jede volle Stunde, sondern jede Viertelstunde mit größter Genauigkeit. Ein Uhrwerk gab es noch da oben nicht. Das war eine Einrichtung, die ganz nach Rösens Geschmack war.
Sie steckte oft ganze Nachmittage, ganze, lange Abende hindurch oben bei Kesselrings, zu keinem anderen Zweck, als um pünktlich den Lauf der Zeit der Stadt zuzublasen, dabei machte sie sich ihre Gedanken und kam sich unbeschreiblich wichtig vor. Und so manche Stunde, in welcher in der Stadt Weimar auf Dauer Hinstrebendes geschaffen wurde, so manche dieser Stunden hat ein schöner Mädchenmund vom Turme herab verkündet.
Vierte Geschichte.
Die Ratsmädchen laufen einem Herzog in die Arme.
Frau Rat hielt darauf, daß ihre beiden Mädchen alljährlich in den ersten Frühlingswochen eine Erholungskur gebrauchten, zur Kräftigung ihrer Gesundheit und Schönheit.
Sie hatte da einen harmlosen Kräuterthee von dem Vetter Apotheker ausgekundschaftet, den filtrierte sie in frühester Morgenstunde ihren beiden Schelmen ein und ließ sie danach in den frischen Morgen laufen. Sie war nicht dafür, daß man erst abwarte, bis Krankheit den Menschen überkommen und sich gar eingenistet habe, ehe man etwas zur Stärkung thue, sondern hielt es für klüger, dem Übel vorzubeugen, und fuhr auch gut dabei: denn ihre Mädchen gediehen zu ihrer vollen Zufriedenheit, und die jährliche Frühlingskur schlug vorzüglich bei ihnen an, sei das nun dem schönen Morgengenuß zuzuschreiben oder dem guten Appetit, den die beiden sich auf ihren Spaziergängen holten. Trotz der Einfachheit des Lebens bei Rats und mancher ärmlichen Einrichtung wurden unsere beiden in vielen Dingen auf das vorsichtigste gepflegt und behütet.
Frau Rat wußte die Schönheit ihrer Kinder zu schätzen und bestrebte sich, sie ihnen für eine gute Dauer zu kräftigen.
Denn diese Schönheit war deren einziges Erbteil, und Frau Rat wußte aus Erfahrung, welche Ruhe und Heiterkeit aus andauernder Schönheit entspringt.
So wurden unsere beiden von frühester Jugend an mit Bedacht gestriegelt und gebadet, wie zwei wertvolle Pferdchen. Die Mutter hat die Pflege des wunderbaren Haares ihrer beiden eigens übernommen, flocht und kämmte es selbst und wusch es ihnen regelmäßig mit Salzwasser, und das war kein kleines Opfer, das die vielbeschäftigte Frau brachte; aber sie hätte um keinen Preis die Pflege dieses großen Schatzes den leichtsinnigen, unverständigen Dingern selbst überlassen.
So geschah es durch die Fürsorge und Liebe ihrer guten Mutter, daß es eine Freude war, die wohlversorgten Kreaturen anzusehen, trotzdem sie sich auf Straßen und Gassen herumtrieben, mit allerlei Volk verkehrten, ein Leben führten wie ein paar lustige Buben und von jedermann als Ausbünde angesehen wurden, die wenig gelernt und so wenig behalten von aller Weisheit, die man in sie einzufüllen bestrebt gewesen war, daß es eine Schande blieb. Die Mädchen verdankten ihren Morgenspaziergängen mancherlei Gutes, das sie in ihrer Faulheit, wenn die Mutter sie nicht hinausgetrieben hätte, wohl schwerlich erfahren haben würden.
Während dieser Gänge tauchten sie beide in der Stille der unberührten Frühlingsherrlichkeit wahrhaft unter und wurden von der Reinheit der neu erwachten Natur durchdrungen. Sie lernten so das Schöne und Stille lieben, und die gute, sorgsame Frau Rat hätte die beiden Töchter nächst der Jungfer Concordia und der Madame Kummerfelden in keine bessere Schule schicken können, als in die frühe Stunde, die ein erlauchter Lehrer, der Frühling selbst, hielt. Sie kamen immer in einer etwas gesänftigten Stimmung zurück, von der sich Gutes hoffen ließ, und hatten noch dazu von außerordentlichen Erlebnissen, die andern Sterblichen selten oder nie begegneten, zu berichten. Fanden sie auch für ihre Mitteilungen meist wenig Glauben, so ließen sie sich doch durchaus nicht stören, ihre gemeinschaftlichen Gänge zu einem Quell für Wahrheit und Dichtung werden zu lassen; bald war ihnen, als sie mitten im Grünen saßen, ein wildes Karnickel in den großen Hut gelaufen, der neben ihnen lag, bald sonst sehr Ungewöhnliches passiert. Einmal, und das ist eine Geschichte, solcher unartigen Geschöpfe wert, da hatten sie, da sie nichts Besseres zu thun wußten, sich mit ihren Haaren zusammengeflochten und zwar so fest, dicht und verzwickt, daß sie sich schließlich nicht wieder auseinander bekamen und einen alten Herrn, der an ihnen vorüberging, bitten mußten, ihnen behilflich zu sein.
Sie konnten das Benehmen ihres Retters aus dieser Not gar nicht sonderbar und grotesk genug beschreiben, wie er den gewaltigen Knäuel, der die goldene Haarflut Mariens und die bräunlich-blond glänzende Rösens zusammenfaßte, verwundert und bedenklich in der Hand gewogen; wie er die beiden von oben bis unten betrachtet habe, wie wenn er sich vergewissern wolle, ob es auch bei ihnen ganz richtig sei. Röse berichtete auf das genaueste, wie der Herr neben ihnen gestanden. Sie hatten ihre Köpfe so eng aneinander geflochten, daß sie sich, als sie sich erhoben, kaum bewegen konnten, und sie erzählten lachend, wie er nach längerem, verwundertem Schweigen gesagt haben sollte: »Nun teilen mir die beiden holden Kinder aber mit, wie sie zu dem artigen, sie werden mir verzeihen, dummen Streich gekommen sind? Denn, bei Gott, es ist keine Kleinigkeit für ungeübte Hände, solch einen allerliebsten Knäuel auseinander zu bringen.«
Röse schnitt damit wohl etwas auf, daß sie darauf erwidert habe: »Man kommt auf die eine Dummheit geradeso wie auf alle andern auch, ich weiß nicht, wodurch eigentlich, mein Herr.« Da habe der alte Herr, der eine gelbe Weste trug und ein rundes, weißes Gesicht hatte, sehr gelacht.
»Fremd war er,« sagte Röse, »sonst hätten wir ihn gekannt. Jedenfalls mußte er irgend ein durchreisendes Licht sein, davon kommen ja gewöhnlich welche an. Ich machte auch so eine Andeutung, und nach seinem Gesicht, das er zog, zu schließen, werde ich nicht fehlgegriffen haben. Unser alter Herr hat übrigens gut daran gemußt, bis er die »Wirrschette« (wie sie in Weimar sagen) einigermaßen auseinander bekam, und wir konnten uns nicht rühren, ohne daß er zauste, und er hatte geächzt und gelächelt und gestöhnt und um Vergebung gebeten ohne Ende.«
»Ei, was dem Menschen für sonderbare Dinge passieren können,« hat er in allen Ausdrücken wiederholt.
»Wird es mir einer glauben, was mir hier auf meinem harmlosen Spaziergange passiert ist? Ich möchte mir von den beiden Demoisellen ein Beglaubigungsschreiben über das Begebnis überreichen lassen.«
»Das ist doch so merkwürdig nicht,« hat Röse gesagt.
»So, so, so,« murmelte der Fremde. »Was seid Ihr denn für schlimme Nixen, bringt Spaziergänger in Verlegenheit, alte, würdige Herren in Bedrängnis?«
»I bewahre,« bekam er von Marie zur Antwort, »wie hätten wir sonst nach Hause kommen sollen?«
»Macht nicht solches dummes Zeug, Ihr Mädchens,« hat sie der Herr in der gelben Weste ermahnt, »Ihr könnt ja in Teufels Küche kommen!«
Wie viel und wie wenig Glauben ihre Geschichtchen fanden, kümmerte sie beide nicht; sie erzählten sie dem, der sie hören wollte und nie kam es vor, daß eine die andere Lügen strafte. Sie hielten zusammen, und was die eine sagte, vertrat ohne weiteres die andere. Ob es wahr oder nicht wahr sein mochte, das stand in zweiter Linie, darauf kam es nicht an. Das erste Bedingnis blieb, daß sie einander beistanden wie ein paar echte, rechte Spießgesellen. Dies Vertrauen, das eine zur anderen hatte, mochte wohl auch der Grund sein, daß sie sich miteinander so wohl und sicher fühlten.
Da war es einmal, daß ein unbeschreiblicher Maimorgen über der Erde ausgebreitet lag, Nachtigallen schlugen im weimarischen Park, der Hollunder duftete, das junge Laub strömte sanfte, würzige Gerüche und strahlendes Farbenlicht aus. Auf den taufeuchten Wegen lag es wie ein Frühlingshauch, so daß sie unbetreten erschienen.
Auf den Wiesen an der Ilm schimmerte noch ein leichter Frühnebel, aber schon wärmte die Sonne und teilte all der zarten Frühlingspracht Kraft zum Ausdauern mit.
Auf dem breiten Parkweg laufen unsere beiden Frühaufsteher, Hand in Hand, und da sie sich immer und überall auf ihre Art vergnügen müssen, so laufen sie jetzt, da ihnen nichts Besseres einfällt, _rückwärts_ wie die Krebse, dem wohlbekannten römischen Hause zu, das sonnbeschienen, weißbeleuchtet, von einem dunkeln Lebensbaum beschattet, säulengetragen, an des Parkes Hauptweg liegt. So trotten sie hin in allem Behagen und mit dem ganzen Eifer, den sie für jede Thorheit, auch für die geringste, anzuwenden gewohnt sind.
In dieser Morgenstunde sind sie vollends alleinige Herrinnen des Parkes und können thun und treiben, was ihnen beliebt.
Sie unterhalten sich über das Benehmen einer Gesellschaft Mädchen, die damals mitten darin im weimarschen Leben steckten, älter als die Ratsmädel waren und diese zu allerlei Vertraulichkeiten, zu Botengängen u. dergl. sich herangezogen hatten.
Wir werden von dieser Gesellschaft noch erfahren.
Jetzt plauderten unsere beiden über die Mädchen und räsonnierten über sie und ihre Liebeshändel, in die sie durch ihr Amt als Botengängerinnen manch einen Blick gethan hatten, und übten eine scharfe Kritik an allem, was diese Schönen betraf und was sie von ihnen erfahren und erlauscht hatten. Und wie sie so rückwärts mit auffallender Sicherheit, jedenfalls durch lange Übung errungen, klatschend und plaudernd hineilten, fühlten sie mit einem Male einen mächtigen Widerstand. Sie erschraken, guckten mit großen Augen und fanden sich in den ausgebreiteten Armen eines stämmigen Mannes, in den Armen ihres Landesherrn Karl August, der sie, als er sie so eifrig dahertraben sah, aufgefangen hatte.
»Schönen guten Morgen,« sagte er ihnen, indem er sie festhielt, »Ihr seid mir schöne Kerle, Euren Herzog umzurennen. Wenn ich nun nicht so fest auf den Füßen stände, jetzt läge ich da, und Ihr kämt für die Unart direkt ins Zuchthaus. Donnerwetter, steht es denn mit Euch noch immer so schlimm? Ich hörte, Ihr wäret vernünftiger geworden?«
»Bis sieben Uhr ist das unser Park, Hoheit,« erwiderte Röse schelmisch befangen, als Karl August sie frei gelassen, und beide knixten tief und ^a tempo^ nach dem Rezepte der alten Kummerfelden. Zum Glück waren sie nicht zusammengeflochten.
»I der Tausend, sind wir hübsch und schlau geworden. Gute Gaben für junge Frauenzimmer. Aus der Schule nun endlich?«
»Ja, bald, Hoheit!«
»Gratuliere! Das soll ja für Euch eine böse Zeit gewesen sein? Kondoliere noch nachträglich.«
»Wie man's nimmt,« meinte Röse. »Sie war so schlimm auch wieder nicht. Man muß die Dinge nicht schwer nehmen; dann sind sie nicht schwer.«
»So, Ihr betrügt den lieben Herrgott, Ihr Tausendsapperloter? Dann macht's nur so fort. Seht Ihr, da sind wir ja schon.« Sie standen vor dem römischen Haus.
»Habt Ihr schon gefrühstückt?«
»Noch nicht, Hoheit, wir haben erst Gesundheitsthee getrunken!«
»So fehlt Euch etwas? Wart Ihr krank?«
»Nein, uns fehlt gar nichts, wir trinken nur so.«
»Das läßt sich hören,« sagte Karl August lachend. »Kommt mit und frühstückt bei mir.«
Die Mädchen sahen sich bedeutungsvoll an, ungefähr mit dem Ausdrucke, als wollten sie sagen: Da hätten wir ja wieder einmal etwas zu erzählen; aber dieser einverständliche Blick verhinderte sie nicht, sich wieder unterthänigst und vollendet zu verneigen und damit ihre Bereitwilligkeit anzudeuten, daß sie mit Vergnügen die Ehre annehmen würden.
»Dann also vorwärts; ich bin hungrig, bin auch solch ein Frühauf wie Ihr.«
Und sie gingen miteinander, der Fürst zwischen den beiden schönen Kindern, die Stufen zu dem weißen, in der Sonne leuchtenden Hause hinauf.
»Wir haben uns recht lange nicht gesprochen, dächte ich,« fuhr er fort; »mein Gott, was das junge Volk heranwächst. Schade, daß es mit allen Dingen so schnell zu Ende geht, und es giebt Schönes! Kinder, es giebt Schönes auf Erden!«
Als sie miteinander bei dem Frühstück saßen, das Karl August seinen jungen Gästen zuliebe hatte durch allerlei Leckerbissen vervollständigen lassen, fragte er, nachdem sein Blick lange wohlgefällig auf den beiden geruht:
»Hat Goethe Euch kürzlich gesehen? Der hat auch seine Freude an den beiden Rangen. Darauf könnt Ihr Euch etwas zu gute thun.
Übrigens vortrefflich, daß ich daran denke. Ihr verderbt mir meine Gitterthür an der Wilhelmsallee; was fällt Euch denn ein; was macht Ihr denn da? Seid Ihr denn nicht klug, Euch dort zu schaukeln?« Röse und Marie wurden feuerrot. »Dort haben wir Euch kürzlich vom Schlosse aus beobachtet. Goethe hat das Opernglas dazu benützt; er wollte wissen, was für zwei schöne Mädchen solche Gassenbubenstreiche ausführen. Schämt Ihr Euch denn gar nicht, ist denn das Thor zum Schaukeln da?«
Vor den Fenstern des Schlosses, da liegt eine schönbogige Brücke, die über die Ilm führt und die an ihrem Ende durch ein schmiedeeisernes Thor abgeschlossen werden kann.