Part 2
»Morgen,« sagte die Frau Rat, »werdet Ihr zu der Jungfer Concordia Loisette gehen, die wird Euch Nähstunden geben und zweimal die Woche einen französischen Unterricht. Ich ermahne Euch zu nichts. Macht, was Ihr wollt! denn wenn Euch Euer Herz nicht sagt, was Ihr von heute ab zu thun habt, ist jede Rede unnütz.« Damit ging die Mutter wieder an ihre Geschäfte.
»So! Das meinte sie vorhin auf dem Flur, wir sollen zu den Loisettens,« sagte Röse und sah Marie bedenklich an. »Das hat uns die Veiten gut eingebrockt.« Da schlug die Wanduhr in der Stube halb sechs, und beide sahen vor sich hin und schwiegen.
»Marie,« sagte Röse kleinlaut, »in einer halben Stunde sind die Esel da.« Wie sie Marien anblickte, sah sie, daß diese eine erbärmliche Miene zog, und daß ihr eine Thräne schon bis herunter an das runde Kinn gelaufen war. »Hast Du Angst?« fragte Röse mit etwas unsicherer Stimme.
»Ja!« sagte Marie schwer bedrückt, denn es war ein böses Zusammentreffen, der Mutter bedeutungsvolle Mahnung, die Aussicht, schon am nächsten Tage in der Gassenmühle zu Jungfer Loisette gehen zu müssen, und der Unfug, den sie gegen die Jüdin eingeleitet hatten. Wie bald konnten sie nun erwarten, daß die Müller von allen Seiten der Stadt sich in der Gasse vor dem Hause der Jungfer versammeln würden, und daß es da Hallo gäbe, das war vorauszusehen.
Röse, die eine ruhigere Gemütsart als ihre Schwester hatte und sich nicht so leicht aus der Fassung bringen ließ, sagte: »Ach was! herauskommen wird es schon nicht, und was wird denn Großes dabei sein, einmal einen solchen Drachen zu ärgern. Wir gehen jetzt gleich hinauf zu Corniceliusens,« das waren Beutlersleute, die der Jüdin gerade gegenüber wohnten, »und wenn es losgeht,« fuhr die leichtsinnige Röse fort, »dann laufen wir hinunter in die Thorfahrt und gucken durch die Spalte.« Sie machten sich also schnell auf die Beine, um noch hinüber zu den Nachbarn zu kommen. Diese freuten sich, als die Ratsmädchen bei ihnen eintraten, denn sie standen auf sehr gutem Fuße miteinander, und der Beutlermeister sagte zu seiner Frau: »Geh und hole doch von den Backpflaumen!«
Die Ratsmädchen waren schon oft so regaliert worden; aber heute konnten sie sich auch nicht zu einer einzigen entschließen; denn vor lauter Aufregung und Angst wurde ihnen das Schlucken schwer, und sie betrachteten die guten Pflaumen, als wären es Kieselsteine. Sie wagten nicht, an das Fenster zu treten, und stellten sich beide neben den Meister Cornicelius, der an einer Bauern-Lederhose arbeitete, mit seiner kurzen, festen Nadel und dem blankgewichsten Faden ausholte und in das Leder einstach, stetig und unaufhaltsam, als wäre er durch ein Uhrwerk aufgezogen und könnte erst aufhören, wenn dieses abgelaufen sei.
»Ja, ja, ja!« sagte der Beutler und schaute während seiner Arbeit mit einem freundlichen Blick zu den Mädchen auf, die neben ihm standen und zusahen. »Für wen wird denn die Lederhose?« fragte Röse, die es für nötig fand, etwas zu reden.
»Die ist auf Vorrat, Röschen,« erwiderte der Beutler, ohne innezuhalten.
»Ja, was ist denn das?« rief mit einem Male die Beutlersfrau und trat ans Fenster. »Kinder, kommt schnell einmal her!« Den Ratsmädchen aber wurde es angst und bange; da hatten sie die Bescherung. Unten vor der Thüre der dicken Nanni waren die Müller mit samt den Eseln angelangt; die Jungfer war eben auch schon aus dem Hause getreten, und der Lärm ging los. Die Nachbarsleute rissen die Fenster auf, wer auf der Straße war, kam zugelaufen; es sammelte sich von allen Seiten, und Müller und Esel waren bald eingeschlossen von neugierigen Gaffern, mitten unter ihnen die dicke Nanni. Sie hatte ein weißes Linnen über dem Arme hängen, und die große Haube saß ihr schief auf dem Ohre.
Die war in Rage; der Tausend, das ging wie Semmelbacken! Da hatte, wer nur den Mund aufthat, ohne daß er ausgesprochen, seine Antwort und zwar eine doppelt gesalzene und gepfefferte. Die Meisterin öffnete jetzt das Fenster und drängte die Mädchen, damit sie ja alles sehen sollten, ganz vorne hin. Der Meister machte sich auch in die Höhe und stellte sich mit eingestemmten Armen hinter die Frau. So waren die Ratsmädchen gefangen und mußten, sie mochten wollen oder nicht, mit ansehen, was sie angerichtet hatten. Sie hätten es sich noch vor zwei Stunden nicht besser wünschen können. Jetzt aber hätten sie sich am liebsten verkriechen mögen. Die Herzen waren ihnen ganz gehörig schwer; denn so einen Straßenlärm veranlaßt zu haben, das ist keine Kleinigkeit. Aber so viel hörten sie aus all dem Zank unten heraus, daß die Jüdin sich von den Müllern selbst zum besten gehalten glaubte; sie hatte kein gutes Gewissen gegen die Müller. Diese mochten noch so sehr auf ihrem Rechte bestehen, sie hörte nicht darauf, sondern, nachdem sie ihrem Herzen Luft gemacht, stemmte sie den linken Arm in die Seite, schaffte sich, wie es ihre Art war, tüchtig Platz, verschwand in ihrem Hause und warf die Thüre hinter sich zu. Nun räsonnierten die Müller noch eine Weile untereinander, und erst nach und nach wurde der Menschenknäuel unter dem Fenster lichter; die Müller mit ihren Eseln zogen ab, und alles verlief sich.
»Da geht auch Budang!« sagte Marie schüchtern zu Röse.
»Ja!« sagte Röse.
Als die Mädchen miteinander die Treppe hinuntergingen, um nach Hause zu laufen, da stand, als sie aus der Thüre traten, Budang da, trat auf sie zu und sagte: »Das seid Ihr gewesen! Ich habe Euch wohl gesehen! Jetzt hier am Fenster und vorhin. Schämen solltet Ihr Euch!« Jetzt trat er ihnen noch einen Schritt näher. »Wenn Ihr Jungens wär't,« sagte er mit zorniger, leiser Stimme, »da setzte es jetzt etwas; darauf könnt Ihr Euch verlassen!«
Damit ließ Budang sie stehen. Er sah nur noch, daß Marien die Thränen in den Augen standen, und es auch Röse schon um den Mund zuckte, aber was ging ihn das an.
Die Mädchen waren sehr betroffen, es hätte ihnen gar nichts Schlimmeres passieren können, denn Budang stand hoch in ihrer Meinung, und sie hatten nur immer ihren Ärger gehabt, daß er es nicht mit ihnen hielt. Sie waren ganz zerknirscht von Budangs offenbarer Verachtung, wie er sie gegen sie gezeigt hatte.
In einem trostlosen, reuevollen Zustande kamen sie zu Hause an; der wurde ihnen ganz unerträglich, so daß sie am liebsten laut geweint hätten, als bei Tische die Brüder von der Eselgeschichte erzählten und ihren Spaß daran hatten. Die Brüder bekamen aber von dem Vater einen starken Verweis. Er wolle nicht, daß seine Söhne sich an solchen Rüpeleien vergnügten, sagte er, und so etwas von Scham und Ärger, wie die Mädchen jetzt fühlten, war noch nie in ihnen aufgestiegen. So früh es nur anging, schlichen sie sich hinauf in ihre Kammer. Den andern Tag sollten sie zur Jungfer Loisette in die Mühle gehen und würden Budang begegnen; das stand ihnen mit Entsetzen den ganzen Abend vor der Seele. Sie konnten darüber nicht zum Einschlafen kommen, und Marie kroch vor lauter Angst zu Rösen ins Bette, legte den Arm um die Schwester, und so schliefen die beiden Schelme, als sie trotz aller Sorge und Not gar zu müde wurden, ein und schliefen bis in den hellen Morgen.
Das war eine schwere Stunde, als sie am anderen Tage nach der Vesperzeit, von der Mutter jede mit einer Näharbeit ausgerüstet, zu der Jungfer Loisette geschickt wurden. Als sie vor der Gassenmühle standen und sich nicht hineinwagten, hofften sie von Minute zu Minute, daß etwas geschehen würde, um sie zu retten. Röse hatte vor lauter Angst und Scham grausame Ideen, daß es ihr z. B. recht gewesen, wenn die Mühle mitsamt der Jungfer und Budang so vor ihnen in die Erde hineingerutscht wäre. -- Aber was half's; sie mußten sich entschließen. Zaghaft gingen sie durch das kleine Höfchen. Über das mächtige Rad rauschte der kalte, klare Mühlbach, und sie hörten das Mahlwerk klopfen und hämmern. Als sie in die Mühle traten, fühlten sie, wie die Dielen leise zitterten, denn alle Räder waren in Arbeit, und aus dem Mehlraum drang es wie feiner Staub, und das ganze Haus roch kräftig nach frischem, trockenem Mehl. Alles war rein und sauber, die Treppen schneeweiß, und die Mehl- und Kornsäcke lagen rings an den Wänden in Reih und Glied aufgeschichtet. Mit klopfendem Herzen stiegen sie die blanke Treppe zum ersten Stock hinauf, wo die Müllersleute wohnten. Röse faßte Mut und klopfte. »Herein!« rief es. Röse öffnete, und sie traten beide in eine große, niedere Stube. Da kam ihnen die Mamsell Concordia Loisette entgegen; sie war ein feines Persönchen, sehr klein und schmächtig. Röse war fast schon größer, als sie. Die Mamsell Concordia hatte ein frisches Gesicht und lebhafte graue Augen.
»Nun, da kommt Ihr,« sagte sie, »da wollen wir einmal sehen, wie es um Eure Näherei steht!« Die Ratsmädchen aber achteten kaum auf das, was die Mamsell sagte, denn in der großen Stube am Ofen saß Budang an einem Tischchen und drehte ihnen den Rücken zu. Er nahm keinerlei Notiz von ihrem Eintreten.
Die Jungfer Concordia sah sich die beiden Ratsmädchen, die demütig und geduckt nebeneinander standen, lächelnd an und sagte, indem sie sich an Röse wendete: »Nun, wie ist es denn gekommen, daß sie Euch so Hals über Kopf hierher geschickt haben? Ihr habt es wohl ein bißchen arg getrieben?«
Da wurden die beiden rot bis hinter die Ohren und erwiderten nichts. Concordia hatte sie in einem scherzenden, lustigen Tone gefragt, der ihnen gut gefiel, und sie bekamen gleich eine gute Meinung von der Jungfer.
Concordia deckte den Tisch und setzte hübsche, bunte Tassen darauf, die große Kaffeekanne und ein Stück selbstgebackenen Kuchen.
»Das ist zum Schulanfang,« sagte sie.
Daß es so zugehen könne, hatten die beiden armen Sünderlein sich nicht vorgestellt. Dann nahm Concordia noch ein Glas mit drei frischen Rosen, das im Fenster stand, und setzte es neben den Kuchen auf das weiße Tuch.
Den Mädchen wurde es ganz feierlich zu Mute.
Alle nahmen ihre Stühle, auch Budang, und setzten sich um den Tisch. Als die Jungfer eben eingießen wollte, da fiel eine von den drei Rosen aus. Sie hatte daran gestoßen, und die schönen rosa Blättchen lagen auf dem weißen Linnen. Die Jungfer nahm ein paar davon und streute sie in Rösens und Mariens Tassen, that ein Stückchen Zucker dazu, goß Milch darauf und sagte: »Das ist etwas sehr Gutes, dergleichen bekommt man nicht alle Tage. Nehmt Ihr auch ein Tröpfchen Kaffee dazu?« Da nickten die beiden, und es gefiel ihnen trotz der Verlegenheit, in der sie sich befanden, außerordentlich.
Als Budang sah, daß seine liebe Tante Concordia so sehr freundlich mit den Mädchen war, stimmte ihn das gegen die Rangen auch milder, und er rückte ihnen die Kuchenschüssel hin. Da sahen sie ihn bedenklich an und wurden rot. Sie trauten ihm nicht recht. Die Jungfer aber, der diese Feier unversehens zu groß geworden war, sagte: »Eure Lehrer sollen ja recht unzufrieden mit Euch sein. Die Jungfer Veit sagte mir, daß ihr die Schule schwänzt und am faulsten von allen seid --? Ist das wahr?«
Da nickte Marie, und der gute Bissen blieb ihr im Munde stecken. »Nun, ich will Euch einmal etwas sagen,« begann die Jungfer nach einer Weile und hatte eine Stimme, so hell, wie ein Glöckchen, »das geht nicht mehr, daß Ihr so faul seid; denn sehr bald werdet Ihr ganz große Mädchen. Zeigt doch dem Heinrich manchmal Eure Arbeiten; der weiß, ob sie schlecht sind oder gut. -- Nicht, Heinrich?« wendete sie sich an ihn. »Das thätest Du? Du siehst den beiden ihre Sachen manchmal nach?« Da fühlte Heinrich sich geehrt und sagte: »Ja!«, machte aber eine kühle und gleichgültige Miene dazu.
Nun saßen sie mit der Lehrmeisterin über der Arbeit, und Budang war hinausgegangen, und sie hatten allerlei verfängliche Fragen betreffs des französischen Unterrichts, den sie bei der Jungfer beginnen sollten, zu bestehen. Als die Stunde zu Ende war und sie die Treppe hinuntergingen, da rief ihnen die Jungfer Concordia nach: »Geht nur, und laßt Euch von Heinrich sein Marmottchen zeigen; er wartet unten im Eselstalle.«
Richtig, da stand Budang und sagte ziemlich mürrisch: »Kommt nur herein, da ist etwas!« Schüchtern folgten ihm die Mädchen. Das war eine Herrlichkeit in dem Eselstalle. Sechs Esel und ein kleines Eselchen mit einem lockigen, dicken Kopf, das ihnen über alle Maßen verrückt und fidel entgegensprang. -- Was war doch der Budang für ein glücklicher Junge!
»Da seht die Esel,« sagte er etwas spitzig und sah die Mädchen leicht spöttisch von der Seite an.
»Budang,« begann Röse und nahm sich zusammen, »wir waren's.«
Budang antwortete nichts. Das war den Ratsmädchen eigentlich sehr rätselhaft und etwas unheimlich. Aber er zeigte ihnen einen lebenden Hamster, den er im Eselstall in einer Kiste hatte und den er das »Marmottchen« nannte und sagte ihnen, das sei ein französischer Name und hieße auf deutsch das »Murmeltier«. Er ließ sich das Hamsterchen in den Ärmel kriechen, aber er erlaubte nicht, daß Marie und Röse das Tier anfaßten, und alle drei machten im Eselstalle miteinander ab, daß Röse und Marie den nächsten Aufsatz mit Budang zusammen arbeiten wollten und bestimmten die Stunde dazu. Und wirklich half ihnen Budang so treulich dabei, daß Röse, die nebenbei gesagt, eine miserable Schrift hatte, vom Lehrer darunter gesetzt bekam: »Gut gedacht, aber schlecht geschrieben.« Das war ihr nicht ganz angenehm, denn sie mußte Budang die Unterschrift zeigen. Budang lachte aber darüber.
So saßen die dreie, des Müllers Heinrich und die Ratsmädchen, wie es sich gerade traf, oben bei Rats im Dachstübchen, oder in der großen Stube bei der Jungfer Loisette miteinander und arbeiteten. Das ging anders wie früher, wo den Mädchen die Schule und alles, was damit zusammenhing, ein rechtes Ärgernis war. Budang hatte eine außerordentliche Lust zum Arbeiten, es ging ihm leicht von der Hand, und es machte Rösen und Marien den Eindruck, als vergnüge er sich damit. Nie war er schlechter Laune dabei und immer eigentümlich liebenswürdig. Die Ratsmädchen waren über diese Erfahrung erstaunt und sahen in Budang eine Merkwürdigkeit, von der sie nicht recht wußten, was sie davon halten sollten.
Einmal, als die Mädchen mit Budang über dem Arbeiten saßen, betrachtete sich Röse den Freund, der sich mit seinem Lockenkopf über das Buch gebeugt hatte, ernsthaft und kaute an der Feder. Budang saß ihr gegenüber, da fuhr sie mit ihrem Finger leise in sein dickes, blondes Haar, so daß er mitten in seinem Eifer aufblickte. »Budang,« sagte sie noch immer nachdenklich, »Du willst wohl so ein großes Tier werden, wie wir hier so viele haben?« Damit meinte Röse, die sich mit Vorliebe schlecht auszudrücken pflegte, die weltberühmten Dichter, von denen ich im Anfang erzählt habe und die zu jener Zeit in der Stadt wohnten. Budang verstand sie, denn er war an derlei Redensarten von ihr gewöhnt und sagte ernsthaft: »Ja, wer das könnte! -- So dumm zu fragen. Du fragst doch manchmal wirklich dumm. -- Ich werde Arzt!« fügte er hinzu; und er wurde es später auch. »So?« sagten die Mädchen, und wieder einmal erschien ihnen der Freund in einem anderen Lichte und außerordentlich verständig, daß er schon mit aller Ernsthaftigkeit vorsorgte und über Dinge bestimmt hatte, die ihn heute und auch morgen noch nichts angingen.
Budang war den Mädchen ein guter Lehrmeister, denn da er kaum älter war, als sie, trat ihnen sein Ernst, seine Güte, sein heitrer Fleiß recht nahe, und es kam ihnen vor, als wenn sich diese Dinge gut mit ihren Jahren vertrügen, denn bis jetzt hatten sie gemeint, mit ernster Arbeit und was damit zusammenhängt, habe es bei ihnen noch völlig Zeit. Von Budang hatten sie, ohne daß sie es recht wußten, mehr gelernt, als ihr lebelang vorher, und sie waren jetzt bald daran, aus zwei wilden, faulen Nichtsnutzen ein paar allerliebste Mädchen zu werden.
So ging der Sommer hin.
Anfang August wurde in Weimar, wie wohl auch anderwärts, ein Volksfest gefeiert, das Schützenfest. Auf einer Wiese vor der Stadt da waren Schaubuden errichtet, und in jeder war etwas Merkwürdiges und Närrisches zu sehen. Schon wochenlang vorher hatten die Herrlichkeiten, die es zu betrachten geben würde, die Gedanken der Ratsmädchen beschäftigt. Als endlich der Tag herankam, da holten sie die frisch gewaschenen weißen Kleider aus dem Schrank, die Mutter half ihnen bei dem Anziehen, und statt ihrer schwarzen Lederschuhe setzte sie ihnen grüne nagelneue Stiefelchen auf den Tisch und flocht ihnen in die langen Zöpfe grüne seidene Bänder.
So aufgeputzt stolzierten sie miteinander über den Markt, zunächst der Gassenmühle zu, mit der sie sich längst ausgesöhnt hatten. Budang guckte schon zum Fenster heraus und rief ihnen entgegen: »Kommt rasch herauf zur Tante Concordia, rasch! -- Und Ihr habt ja grüne Bänder und habt auch grüne Schuhe!« Da lachten die beiden über das ganze Gesicht, denn sie wußten gar wohl, weshalb die gute Mutter sie mit dem schönen Schuhwerk überrascht hatte. Es war ihnen sehr wohl und fröhlich ums Herz, und sie sprangen die Treppe hinauf. Oben stand Concordia und hielt zwei Kränze in die Höhe, die waren prächtig voll gebunden aus schönen rosa Malven.
Da rief Röse auf den ersten Blick: »Die Malven hat der Budang stibitzt! Ich weiß auch, wo er sie her hat. Über Goethes Garten, da stehen welche.«
»Dummes Zeug!« sagte Jungfer Concordia. -- Aber ich glaube beinahe, es war etwas Wahres daran, denn der Budang guckte so schlau. -- Die Jungfer führte sie vor den Spiegel und drückte ihnen die Kränze fest in die Stirne und sagte mit ihrer glockenhellen Stimme: »Ihr seid doch prächtige Mädel, Ihr Ratsmädchen, und nun macht, daß Ihr auf das Schützenfest kommt!«
Auf der Vogelwiese war ein Gedränge, es schnurrte, lärmte und schrie von allen Seiten und schon von weitem. Wie sie mit Budang die breite Allee hinaufgingen und noch nicht recht wußten, wo sie ihren Groschen anbringen sollten, da sahen sie zwei Männer kommen: der eine, klein und untersetzt, auf der Brust einen prächtigen Stern, der andere von mächtiger Gestalt, stattlich im langen blauen Gehrock. Und alles machte den Männern ehrerbietig Platz. Budang und die Ratsmädchen wußten gar wohl, wer ihnen da entgegenkam. Der kleine war Karl August, der gute und weise Fürst, Großherzog von Weimar; der andere Goethe, der Dichter. Budang zog die Mütze und sagte: »Da kommen sie!«
Und da waren sie auch schon ganz nahe, und die Mädchen standen und knixten, und Budang wußte nicht, was für ein Gesicht er machen sollte, als Karl August Röse und Marie an die Hand faßte und sagte: »Ei, da seid Ihr ja auch, Ihr Mädchens. Kommt einmal mit! Und Du kannst auch mitkommen!« wendete er sich an Budang, dem das Blut zu Gesichte stieg. Am Wege unter den Bäumen stand die kleine, grüne Jagddroschke von Karl August, die jedermann kannte. Der Großherzog rief den Kutscher und ließ die Kinder sich hineinsetzen, hob selbst die zierliche Röse in den Wagen und nickte ihr zu. »Nun zu!« rief er. »Nun fahr Er die Bälge einmal tüchtig in die Runde und schaffe Er sie wieder hierher!« Ganz so sagte er und nichts anders. Jetzt fuhren die dreie in der berühmten Droschke über die Vogelwiese und waren gar zufrieden mit sich und aller Welt; und die Mädchen freuten sich, daß Budang mit ihnen war; denn sie hatten ihn lieb und wußten, daß er es gut mit ihnen meinte. Und alle dreie hielten sich an den Händen, so halb aus Freude und halb, weil es sie verlegen machte, mitten durch die vielen Leute zu fahren, und sie saßen geputzt nebeneinander, und die Sonne schien, und alle schauten ihnen nach. Das war ein herrlicher Tag.
Die dreie aber blieben in guter Freundschaft ihr lebelang und gedachten der glücklichen Jugend, als sie miteinander alt geworden waren.
Und das alles hat mir meine Großmutter erzählt, und da ist kein Wort hinzugesetzt. Sie hat das alles miterlebt, denn das Ratsmädel, die Röse, ist meine liebe, gute Großmama.
Zweite Geschichte.
Es geschehen Dinge, über die man sich in unsern Tagen verwundern würde.
Das war eine schöne, urwüchsige Zeit, in der man zu Weimar lebte. Von allen vier Windseiten ging Frische, die ganz Deutschland durchwehte, auch über das kleine Nest.
Es war kurze Zeit nach Beendigung des Freiheitskrieges, kurze Zeit nach des großen Napoleons Sturz, und die Befriedigung, etwas erreicht und errungen zu haben, lag wie eine gute, gesunde Luft, die jeder zu seinem Wohl, zur Stärkung seiner Menschenwürde und Kraft einatmen konnte, über den Landen ausgebreitet. Den Gemütern, die jahrelang unter Druck und Not gelitten, die um ihr Hab und Gut und ihre Sicherheit sich geängstigt hatten, war in dieser Zeit, von der ich rede, auch der Rausch des Befreitseins und der Begeisterung geschwunden und hatte sich in das Gefühl einer allgemeinen Genesung umgewandelt. Und welche Frische, welche Hoffnungskraft erhebt sich in einem Menschen, der nach langer Trübsal, nach schwerem Drucke gesundend aufatmet! und ein ganzes Volk, das zu Leben wieder erwacht, welcher Reichtum, welche Überfülle an Freude, an Heiterkeit, an Leichtsinn entfaltet sich da!
Der Ausdruck von Elend, von Aufruhr, der einstimmig aus den Völkern sich erhebt, ist die gewaltige Sprache, die das Menschengeschlecht mit dem Schicksale spricht. Kein Donner der Elemente ist so großartig drohend, wie die einige Stimme des murrenden und in Elend gesunkenen Volkes. Und kein Ausdruck der Freude ist so mächtig, so herzerquickend, wie das Aufleben des zu neuem Behagen erwachenden Volkes.
Kein Sonnentag gleicht der heiteren, lebendigen Ruhe, die nach Angst und Kampf über Dörfern und Städten liegt; das Unbedeutendste ist in solcher Zeit Träger und Verkünder einer großen Errungenschaft.
Jede frohe Scene zeigt uns das Gedeihen von Generationen, zeigt uns, daß die alte, bewährte, auf hohe Ziele deutende Kraft des Menschengeschlechts wieder siegreich durchgedrungen ist.
In der kleinen Stadt Weimar aber hatte diese Kraft gerade in den Jahren der Bedrängnis ihre höchste Offenbarung gegeben; ungestört von den tiefgreifenden Unruhen ihrer Nation lebten in den Mauern des Städtchens die hervorragenden Menschen, die durch ihr Leben und ihr Wirken verkündeten, daß die Sterblichen Schöpfermacht in sich tragen, daß sie dem, was wir göttlich nennen, verwandt sind.
Aber nicht jene Großen sind es, von denen ich erzählen will, sondern denen wende ich mich von neuem zu, die, während die Gewaltigen für Ewigkeit und Ruhm lebten, unscheinbar sich ihres unscheinbaren Daseins freuten; denen neige ich mich zu, die vergessen sind; denen, deren Lieblichkeit, Hoffen und Träumen wie Blütenregen niedersank, im Niederfallen schon vergehend. Die beiden »Ratsmädel« sind es, die Röse und Marie, mit den dicken Zöpfen, die aus jener vergangenen Zeit wieder auftauchen sollen, die beiden schelmischen Kinder, die in den Kriegsunruhen aufgewachsen sind, die in ihrer Kindheit, in der Wünschengasse, vor ihrem Hause die Franzosen haben kampieren sehen, die mit dem Kosacken, der bei ihnen im Quartier lag, in seiner Kibitka über die guten deutschen Felder in Weimars Umgebung geflogen, gesaust und gerasselt sind, denen die Plünderung des Städtchens zu allerlei merkwürdigen Erlebnissen verhalf -- die beiden Mädchen, die in der unruhigen, sorgenvollen Zeit eine überschwänglich lustige, freie Kindheit erlebt hatten, die das Glück genossen, weniger, als es in ruhigeren Jahren der Fall gewesen wäre, erzogen, beobachtet und gebildet worden zu sein.
Zu welch einer fröhlichen, gesegneten Generation gehörten die beiden Ratsmädel, die mit ihren Kameraden und Kameradinnen ein sorgenloses, unbedrücktes Leben führten!
In aller Harmlosigkeit schwänzten sie die Schule und trieben ihren Schabernack, wie wir wissen, mit Nachbarn und Nachbarinnen.
Wie bedrückt und unfrei erscheint die Jugend in unseren Tagen, der das Harmloseste als Vergehen, jeder Freiheitsdrang, der sie einmal von ihrem ehrbaren Wege ablenkt, als schwer strafbar gekennzeichnet wird.