Part 11
Frau Rat hatte ihnen vom Nebenzimmer aus zugehört. Als sie eintrat, sagte sie ruhig: »Was fällt Euch ein, Ihr Mädchens?« Sie sahen ganz verwildert aus, und Röse rief: »Die Marie hat einen Liebesbrief im Schränkchen!«
»Herrgott!« rief Marie ganz aufgebracht und schluchzend, »die Klatsche! Die hat auch einen!«
»So,« sagte Frau Rat, »zeigt sie mir.«
Da brachten sie beide ihre Schränkchen gutwillig angeschleppt. »So, nun schließt sie auf.«
Sie schlossen sie auf, und jede nahm aus ihrer Bonbonschachtel den Liebesbrief und überreichte ihn der Mutter.
Diese gebot Rösen, ein brennendes Licht zu holen und that keinen Blick in die Zettel, die sie in der Hand hielt.
Sie war ganz ruhig und freundlich, strich Marien über die Wangen, die ihr von der Zänkerei glühend rot geworden waren.
Als Röse wieder mit dem brennenden Licht zaghaft eintrat und es auf den Tisch stellte, hielt die Mutter, ruhig lächelnd, die Briefchen über die Flamme.
Die beiden Mädchen schauten nun still zu, wie so merkwürdige Dinger verbrannten. -- Und als die Mutter das verkohlte Papier auf den Tisch fallen ließ, und die Funken noch daran knisterten, betrachtete Röse und Marie die kleinen, verkohlten Haufen sehr interessiert, und als das letzte Fünkchen verlosch, sagte Röse: »Jetzt ist das Schulmeisterlein hinausgegangen.«
Es war bei ihnen ein beliebtes Spiel, Funken in einem verkohlten Papierknäuel verlöschen zu sehen.
Die munteren Fünkchen, welche sprühten und knisterten und vergingen, das waren die Schulkinder, die nach Hause liefen, und der letzte Funke war eben -- »das Schulmeisterlein«.
Frau Rat lachte hell auf bei Röses Bemerkung, schloß das Kind in die Arme und küßte es, und alle drei waren seelenvergnügt. --
Um diese Zeit begab es sich, daß der Großherzog Karl August aus Wien von dem großen Kongreß, der den verworrenen Streit der Völker schlichten sollte, zurückkehrte.
Empfangsfeierlichkeiten wurden vorbereitet. Die Weimaraner schmückten ihre Häuser, Ehrenpforten wurden gebaut. Die Schützengilde, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen, alles beriet sich. Es war ein so wichtiges und emsiges Treiben im Städtchen, als sollten die Schützengilde, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen das Wohl des ganzen Reiches schaffen und erwägen.
Der Bürgermeister, unserer Ratsmädel Vater, hatte alle Hände voll zu thun. Frau Rat nähte für die beiden Kinder neue, weiße Kleider. Ihre Mädchen waren dazu ausersehen, dem heimkehrenden Fürsten in Gesellschaft noch anderer hübscher Geschöpfe Blumen und Lorbeerkränze von einer niederen Estrade aus auf den Weg zu streuen, während er vorüberritt.
Die Stadtverordneten, die Schützengilden, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen hatten die Bestimmung getroffen, daß die weißgekleideten Mädchen mit offenem Haar und in Kränzen den Fürsten begrüßen sollten. Die Ratsmädchen, weil sie so gut zu einander paßten und so hübsch nebeneinander aussahen, sollten ganz vornan stehen. Und Röse war das Amt überkommen, einen wunderschönen Lorbeerkranz Karl August gerad auf den Degengriff zu werfen, oder doch wenigstens auf sein Pferd, wenn es ihr mit dem Degen zu schwer würde.
Es war eine außerordentliche Ehre für sie, das sah sie selbst ein und that sich etwas zu gute darauf. Das Wetter am Einzugstage war schön und klar, die Luft kräftig und frisch, die Fahnen wehten in der Sonne, vom Winde bewegt. Es duftete nach Tannen und Grün von allen Häusern herab, vor jeder Thür. Musikbanden zogen durch die Gassen nach den verschiedenen Versammlungsorten des Einholungszuges. Es pfiff, trommelte, schrie, schimpfte, lachte, sang auf allen Straßen, daß es eine wahre Freude war. Die weißgekleideten Mädchen versammelten sich wie Züge weißer Tauben in der Esplanade. Die frische, sonnige Luft schien, wie sie die Fahnen regte, auch die Gemüter munter zu bewegen. Man war so lustig, so ganz feiertäglich und erwartungsvoll gestimmt.
Die Mädchen kletterten auf ihre Estrade, der Wind wehte in blondem, braunem Haar, in weißen, duftigen Falten, wehte über der hübschen Schar hin, wie über ein blühendes Feld, etwa wie über ein Mohnfeld, das in weißen, rosigen Farbentönen steht.
Alle Glocken begannen zu läuten, voll und schön. Die weimarischen Glocken sind von einem seltenen Wohlklang. Die eine haben sie im Dreißigjährigen Kriege gestohlen, von irgendwo ganz Besonderem her. Freudenschüsse klangen dumpf dazwischen. Da näherte sich der Zug. Den Mädchen auf der Estrade klopfte das Herz, denn der Augenblick war sehr feierlich.
Die Musik erklang, so eine recht herzhafte Musik.
Und als Karl August auf seinem Pferde von ferne zu sehen war, da reckten sich alle Hälse. »Du, Marie,« rief Röse, »da reitet ja der Ottokar Thon neben ihm, -- gucke, gucke! Marie, sieh doch!« rief Röse, ganz bewegt von allem Festjubel, »das ist er! Du kannst Dich darauf verlassen. Er ist jetzt Adjutant, das muß er sein. Den haben wir aber in Jahren nicht gesehen! Er soll ja ganz etwas Besonderes geworden sein, ist Lützowscher Jäger, -- Du weißt doch?« --
»Ja, ja,« sagte die Schwester etwas gedankenlos.
»Höre, Marie,« rief Röse wieder, als die beiden Reiter herangekommen waren, »ich werfe dem Adjutanten meinen Kranz zu, das sollst Du sehen.«
»Du bist verrückt,« sagte Marie, »da könntest Du in eine schöne Bredouille kommen -- der Lorbeer ist für den Herzog.«
»I gar,« sagte Röse.
Da ritt der Herzog eben der Estrade zu, und die Mädchen jubelten hoch auf, und der ganze Zug jubelte, und aus allen Fenstern ringsumher schrieen und riefen sie. Der Wind wehte Rösen und Marien das lange Haar, das sie so einhüllte, daß man nur ein Streifchen ihrer weißen Kleider sah, wie goldene Fahnen über die Schultern, dem Herzog entgegen, ganz, als hätte es sich der Wind so ausgedacht.
Das mochte ein sonderbar hübscher Anblick sein; denn Karl August schaute lächelnd und nickte zu den Mädchen hinauf, hielt sein Pferd an und sprach ein paar Worte zu seinem Adjutanten.
In dem Augenblick flog Rösens Lorbeerkranz auf Karl August zu und richtig, verfehlte ihn, weil ihr die Haarsträhnen über das Gesicht geflogen waren, daß sie nicht recht sehen konnte, und der Kranz blieb an dem Degenknauf des jungen Adjutanten hängen.
Da lächelte Karl August noch einmal, und als der junge Offizier den Kranz loslösen wollte, um ihn dem zu überreichen, dem er bestimmt war, da machte der Herzog eine Bewegung, die zu bedeuten schien: »Da, wo er ankam, laßt ihn nur.«
Der Adjutant war augenscheinlich verwirrt und wußte nicht, was er mit dem Kranze anfangen sollte; seine Blicke trafen die Spenderin der schönen Ehre. Er lächelte ihr zu und schaute sie an -- und erkannte sie, die er, als sie ein kleines Mädchen war, in der Wünschengasse oft gesehen hatte.
Seine Eltern hatten Rats eine Zeit lang gegenüber gewohnt, und er erinnerte sich Rösens und Mariens wieder.
»Herrjeh,« sagte Röse ganz glücklich. »Nun seht nur, jetzt reitet er mit meinem Kranz davon. Das war ja wirklich Ottokar Thon!«
»Na freilich,« bestätigte Marie.
»Und wie er aussah! -- nein, wie er aussah! -- Früher haben wir ihn gar nicht groß angesehen, ich glaube, nicht einmal gegrüßt. Hast Du bemerkt, wie er rot wurde, als der Kranz auf ihn fiel; das hat er sich nicht träumen lassen, daß er so einen großen Lorbeer bekommen würde. Und hast Du auch gesehen, Karl August hat ihm den Kranz geschenkt!«
»Ja, ja!« sagte Marie ganz lustig. »Du hast gut getroffen!«
»Höre, Marie,« begann Röse wieder, während sie noch den beiden Reitern, dem Herzog und seinem Adjutanten, nachschauten. »So, wie der Ottokar Thon, als er wie im Traum auf den Kranz sah und dann auf uns, so gut hat mir noch nie ein Mensch gefallen, noch nie,« wiederholte sie ernst. »Er gehört zu den Lützowschen Jägern,« sagte sie noch einmal -- »weißt Du? Aber wie streng er aussah.«
Sonnenklar wußte Röse, wer ihr gefiel und wer nicht, und war gewohnt, den ersten Eindruck, den sie von jemandem empfing, Marien sofort mitzuteilen.
Diesmal war aber der Eindruck glückverheißend, bedeutungsvoller, als sie sich vorstellte, denn jener junge Adjutant, der neben seinem Herrn bei dem Einzug dahinritt, der die Zeit des Kongresses mit ihm in Wien gelebt hatte, wurde Jahre darauf Rösens Gatte.
Sie war ein Glückskind; die erste Bewegung ihres jungen Herzens, das erste Sichhinneigen einem anderen Leben zu, war die Ankündigung einer schönen Zukunft. Und der erste Blick, mit dem sie der Geliebte angesehen, erschien ihr bis ins hohe Alter wie ein Wunder; »denn damals«, sagte sie, »wußte ich so klar wie das, daß er mir besser, als jeder Mensch bisher gefiel, auch das, daß wir einmal zu einander gehören würden.« Davon erfahren wir aber erst Näheres und Breiteres im zweiten Bande.
Der ruhige Ernst, der auf den Zügen des jungen Mannes lag, als er unter Glockengeläut mit seinem Fürsten einritt, hatte seinen Ursprung in einer tiefen und klaren Liebe, die dieser junge, einfache Soldat zu seinem Vaterlande fühlte. Er hatte in Wien mit Trauer gesehen, wie weit der Weg noch sein mußte, ehe Deutschland würdig und groß dastehen konnte.
Er hatte in dem reichen Leben, den Reden und Versammlungen, den Festen und Feiern, den Plänen, wie ein Geheimnis, das man nicht verrät, um es nicht zu entweihen, seine Gedanken über die Möglichkeit, wie Deutschland erhoben werden könne, niedergeschrieben.
Lange Jahre nach seinem frühen Tode ist jene Niederschrift bekannt geworden, und staunend mußte man die Klarheit und Sicherheit dieses jungen, kräftigen Geistes erkennen, der damals in Dunkelheit klar und sicher Deutschland den Weg zur Größe vorschrieb, den es jetzt gegangen ist.
Ein Geschichtsschreiber, Heinrich von Treitschke, hat dem früh Gestorbenen ein Denkmal in seinem Werke gesetzt.
Er hat des jungen Adjutanten Tapferkeit, seine Klarheit und Sicherheit, seine geniale Voraussicht im Gegensatz zu der großen, allgemeinen Verworrenheit gepriesen und schließt die Worte, die er der Erinnerung an jenen kühnen, jungen Denker weiht, mit dem Ausspruche: »Wie unheimlich erscheint doch die schwerflüssige Langsamkeit der nationalen Entwicklung neben dem raschen Gedanken der kurzlebigen Einzelmenschen.«
Welche Fülle von Hoffenden, Denkenden und Strebenden geht über die Erde hin, scheinbar, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wir sehen es oft mit Trauer und Staunen. Und dennoch wirkt ein jeder; die Natur hält mit ihren Kräften haus.
Denke man sich einen schönen, mächtigen Wald, unübersehbar; göttliche Frische lebt in ihm. Es ist eine Welt für sich, eine herrliche Erscheinung, und er hat sich gebildet dadurch, daß unzählige große und kräftige und geringe Bäume, ungezählte Daseinskräfte, mächtige und zarte, sich zu einem Ganzen hier zusammenthaten, zu einem einzigen Begriff, der alles einzelne in sich begräbt.
So ist es auch im menschlichen Leben: um einen Begriff, eine Erfahrung zu schaffen, gehören Millionen, die diese Erfahrung an sich erprobten, die diesen Begriff durch ihr Aufgehen in demselben bildeten.
Wie ein Baum uns nie die Erscheinung eines Waldes geben kann, so würde der erste Tugendhafte uns nie den Begriff der Tugend geben können, der erste Leidende nicht den des Leidens, der erste Glückliche nicht den des Glückes, der erste junge Mensch nicht den der Jugend.
Ungezählte mußten gelitten haben, ehe die Welt von Leiden reden konnte; Millionen mußten glücklich gewesen sein, ehe das Bild des Glückes, Millionen mußten sündigen, ehe das Bild der Sünde entstand.
Ein Begriff ist der große Wald, in dem das einzelne aufgeht, um ein Ganzes bilden zu helfen. Und ich sage hier noch: Ungezählte mußten in Jugend erblühen und wieder dahinwelken, ehe wir von Jugend als von einer Glückseligkeit reden konnten.
Das Wort, der Begriff »Jugend« ist das Grab, in das Jugend aus Jahrtausenden sank und ihr seliges Erbteil dem Worte überließ, so daß es Kraft hat, den, der es recht ausspricht, mit Wonne, Wehmut und allem Wundervollen, das je gefühlt ist, zu überschütten.
Und diese Zeilen, diese munteren, harmlosen Geschichtchen haben weiter kein Ziel, als das: dem reichgeschmückten Worte, an dessen Pracht und Zauber die Geschlechter der Erde von Anbeginn an wirkten, noch ein schimmerndes Flitterchen mehr anzufügen.
Letzte Geschichte.
Das Gomelchen.
Es sind viele, viele Jahre vergangen; unsere Ratsmädel sind alte Mütterchen. Ihre lustigen Spießgesellen sind alle dahin!
Beide Schwestern sind miteinander alt geworden, beide sind glücklich verheiratet gewesen, beide hatten Kinder und Enkel; Marie aber ist nun auch schon heimgegangen, nur Röse erlebt es, daß ihr die Urenkel in die sonnige Stube kommen und sich bei ihr erlustigen.
Ich habe schon, da Röse und Marie noch als lebensfrohe Dinger in Weimar ihr Wesen trieben, in diese Zeiten vorausgeschaut an dem Abend, als der junge Arthur Schopenhauer mitten in ihre Jugendpracht hinein sagte: »Hört einmal, Ihr Haareulen, denkt an das alte Weib; glaubt nicht, daß es so fortgeht; werdet gütig und mitleidig; schwätzt nicht; seid fleißig und sparsam, damit es später nicht allzu übel um Euch stehe.«
Ich habe auch erzählt, daß Röse vollkommen damit einverstanden war und das Benehmen des jungen, düsteren, närrischen Philosophen nicht gerade abgeschmackt fand. »Abgeschmackt« war ein Lieblingsausdruck der Ratsmädel, mit dem sie sonst recht freigebig waren. Ist nun Schopenhauer, der viel Geschmähte, viel Verehrte und Mißverstandene, daran schuld, daß zwei so freundliche, kluge Altchen auf Erden lebten, so soll er gelobt sein -- hat dies die Natur ohne sein Zureden auch zu stande gebracht, so soll sie ebenso gelobt sein; denn sie that etwas, wofür man ihr Dank schuldig ist. Sie hat gezeigt, daß dem Alter der Stachel genommen werden kann. Sie hat gezeigt, daß es so übel mit dem Altwerden nicht ist; daß das Alter anmutig sein kann; daß es Freunde, Heiterkeit und Lebensfreude einbringt, wie man es sonst nur der lieben, grünen Jugend zutraut. Der Name »Gomelchen« ist der alten Frau, die früher das Ratsmädel war, wie eine weiche Federflocke angeflogen und an ihr haften geblieben. Aus Großmama wurde Gomama, aus Gomama Gomo -- Gomelchen. Von den Lippen ihres ältesten Enkelkindes hat sie ihn zuerst gehört, und es war beinahe das erste Wörtchen, das dies Enkelkind sprechen konnte, war Name und Schmeichelname zugleich. Und so ist er geblieben, dieser Name -- ein Leben lang immer in Liebe, immer in Zärtlichkeit ausgesprochen.
Ich bleibe bei dem Namen und meine, es sei genug, zu sagen und immer wieder zu sagen, daß sie Gomelchen heißt -- und vergesse ganz, daß dieser Name für andere gar keinen Klang hat und das nicht sagt, was er mir sagt.
Mir selbst ist es, wenn ich ihn mir vorspreche, als glitte eine weiche Welle über mein Herz hin, als würde es behaglicher, wärmer im Zimmer; einen zarten Duft von Thee und schöner Sahne und Reseda und Hyacinthen meine ich zu spüren, einen Duft, der die Seele mit Wehmut und Erinnerung erfüllt. Es legt sich mir eine leichte, wohlthuende Hand auf die Stirn, ihre Hand. Die Fremde ist mir nicht mehr so fremd; Thränen treten mir in die Augen, und mein ganzes Herz will sich in Sehnsucht auflösen.
Wie lange ist es nun schon her, daß ich sie nicht sah, daß ich nicht mit ihr plauderte, wie lange! Und Gott mag es wissen, wann das Leben mich wieder zu ihr führt. Aber ich will von ihr erzählen, nicht von ihr träumen.
Ich will von ihr erzählen, darum, weil ich von den lustigen Jugendstreichen, den sonnigen Kindertagen berichtete, und weil es nichts Schöneres, Erfreulicheres, Hoffnungssichereres giebt, als zu sehen, wie das Schicksal es freundlich zuläßt, daß einer glückseligen Jugend ein kräftiges, gutes Dasein und ein lebensfreudiges Alter folgen kann.
Es wäre doch wirklich schade, wenn einer oder der andere annehmen könnte, daß aus meinen beiden prächtigen Ratsmädeln ein paar verkümmerte oder geschwätzige oder sonst unliebenswürdige, alte Weiber geworden wären -- oder wenn es schöner klingt: »alte Damen«. Denn wie selten stehen Jugend und Alter im Einklang. Wie oft könnte man sich entsetzen, würde man das Zukunftsbild eines hübschen Mädchens voraussehen!
Um gut und würdig und schön zu altern, muß man schon etwas an sich haben, was man genial nennt. Ich weiß, was ich damit sagen will. Man muß ein großes Teil Liebe und Güte besitzen, ein so großes Teil, daß, wenn es vermessen werden könnte, vernünftige Leute meinen müßten, es wäre ein sträflicher Aufwand vom lieben Herrgott, einen unbekannten, unberühmten Menschen, der auf der Gotteswelt nichts Besonderes gethan hat, so üppig auszurüsten, und gar ein Weib -- das wäre genug, um einen Fürsten auszustaffieren, der etwas Ordentliches, Nützliches damit hätte stiften können, Hospitäler, Besserungshäuser, Waisenhäuser, Vereine aller Art, Witwenkassen, Pensionen, Zuchthäuser, Nachtherbergen, Kaffee- und Theestuben und Armenküchen.
Um ein Menschenherz ganz mit Liebe zu beleben, daß es sein Lebtag alle Schicksalsschläge, alles, was das Dasein mit sich bringt, ohne Bitterkeit, Ungeduld und Härte über sich ergehen läßt, braucht es so viel an Liebe und Güte, daß Tausende sonst vortrefflicher Leute, die sich mit einem gebräuchlichen Anteil von Liebe begnügen, daran genug hätten.
Ein ganz guter, ganz liebevoller Mensch ist so selten wie ein großer Dichter oder Künstler, so selten wie ein großer Philosoph. Die Natur hat sich, wenn man die Legionen der Geschöpfe überschaut, die erwähnte Verschwendung nicht allzuoft zu Schulden kommen lassen, sonst würde die Welt ein anderes Ansehen haben. Ihr meint dennoch, daß es nicht in der Ordnung sei, wenn mit einer so großen Begabung an Liebe und Wohlwollen, die das so ausgezeichnete Geschöpf in die Reihe der Genies stellt, nicht weiter erreicht wird, als würdig, gut und freundlich zu altern. Das ist scheinbar sehr wenig und ist doch viel; traurig ist, daß die große Masse der Menschheit mit verkrüppelten, verhärteten Herzen Abschied von der Erde nimmt. Die Freundlichen, die Heiteren, die Gutes und Böses weichherzig ohne Sträuben aufnehmen, das sind die wahren Helden, nicht die, die dem Leben eckig und sparrig gegenüberstehen.
Nun kurz und gut. -- Als unser Ratsmädel, die Röse, eine alte Frau geworden war, da wohnte sie und wohnt noch im Hause ihrer Tochter und hat da den oberen Stock inne. Ein Stübchen besonders, das ist so hell und freundlich, wie es wenige giebt. Durch ein großes Fenster scheint die Morgensonne herein und durch zwei Fenster die Mittagssonne. Blumen gedeihen da oben und Blatt- und Schlingpflanzen wie in einem Gewächshaus, und jahraus jahrein funkelt es hell auf glänzenden Blüten und Knospen. In diesem warmen, sonnigen Nest sitzt unser Ratsmädel, das Gomelchen, seit das Alter über sie gekommen ist, und wenn man sie sitzen sieht, ist nichts als Heiterkeit und Behagen zu spüren. Und was eigentlich heißt alt sein, sehr alt sein? Es heißt in tausend und millionen Fällen wohl nur: müde und mürbe gerüttelt sein vom Leben, abgestumpft von den tausendfachen Schmerzen, gewöhnt an die Eingriffe des Todes, gewöhnt an alles und jedes. Die Schauspiele, die hier auf Erden dargestellt werden, sind für die Alten gar zu oft gegeben worden; die jammervollsten rühren nicht mehr, die heiteren erfreuen nicht mehr, die komischen machen nicht mehr lachen. Und die Alten denken wohl alle wie jener, der kurz vor seinem Tode sagte: »Es wäre nun Zeit, daß die Welt unterginge!«
Sehr alt sein heißt, ganz vereinsamt sein, ganz in der Fremde leben. Alle guten Freunde, die von uns wußten, wie schön, wie jung, wie lebensvoll wir waren, die von uns wußten, wie wir litten und was uns Gutes geschah, sind abgefallen, ins Grab gesunken. Es ist niemand mehr da, der uns wirklich kennt; was haben die jungen, leichtsinnigen Geschlechter mit uns zu thun? -- Sie meinen, die vor ihnen waren, die gälten nichts, die bedeuteten soviel wie Schatten und Träume. Ach, sie sehen ja nichts, was war, was gewesen! -- Das sieht der Alte ganz allein -- ganz allein, wie einer einen Geist erblickt, den die übrigen nicht gewahr werden.
Der Alte ist vereinsamt und bleibt vereinsamt; in seinem Herzen sitzt Sehnsucht und Wehmut. Was lohnt es sich, zu reden, denkt er; es versteht Dich doch keiner, es ist jeder mit sich und seiner Zeit vollauf beschäftigt. Nur im Traume sieht der Alte seine Zeitgenossen, -- lauter Verstorbene. Es ist ein schwerer Stand, das hohe Alter.
Körperliches Leiden und körperlicher Verfall, Stumpfsinn und Bitterkeit bedrücken die Lebenskräfte; Verschlossenheit und Übellaunigkeit bringt es ein, und die Kluft, die den Alten von den neuen Geschlechtern trennt, wird immer weiter und weiter.
Von alledem aber, was hier steht und was ganz natürlich und unvermeidlich zu sein scheint, wie das Alter selbst und der Tod, ist bei dem Gomelchen, wie ich schon sagte, nichts zu finden.
Sie hat es nicht einmal zu dem gebracht, was man »Würde« nennen möchte, die zusammengesetzt ist aus etwas vornehmer Steifheit, Unnahbarkeit, aus dem Unvermögen, sich lebendig zu rühren, aus dem Bewußtsein der eigenen Vortrefflichkeit, der reich gesammelten Erfahrung; nicht einmal zu _der_ Würde hat sie es gebracht, die wie eine weich gepolsterte, schwerfällige Kutsche für die alten Leute bereit steht, in der sie sich bequem niederlassen und umherfahren können, und auf der zuvorderst ein kleiner Postillon sitzt und in sein Hörnchen bläst: »Vor dem grauen Haupte sollst Du aufstehen und das Alter ehren.« Nicht einmal dazu hat sie es gebracht. Wenn im Haus etwas fehlt, ist sie die erste, die bereit ist, es zu schaffen.
»Laßt das nur, laßt das nur, das besorge ich; ich springe hinüber und bringe es in Ordnung!« Dabei schaut sie nicht nach Wind und Wetter aus, langt nach ihrem Schlüsselbund, der unzertrennlich von ihr ist und mit dem sie wie mit einem Glockenspiel zu klingen versteht, -- ehe man ihr Kommen merkt, hört man ihr Glöckchen schon -- hat sie den Schlüsselbund, so schlägt sie ein Tuch um die Schulter, nicht etwa einen schönen Pelzsammetmantel, wie es eigentlich einer Frau Geheimrätin ziemte, den läßt sie hängen, wo er hängt -- und macht so im Mützchen und Umschlagetuch ihre Verhandlung bei irgend einem Herrn Nachbar.
Sie ist eben immer noch das Ratsmädel; so wenig es der jungen, lustigen Röse in den Kopf gekommen wäre, eine Sammetmantille umzuhängen, um zu Madame Ortelli, die Bürgermeisters schräg gegenüber wohnte, zu laufen, so wenig fällt dies auch dem Gomelchen ein. Bis in die Fingerspitzen pulsierte Leben in ihr; wie sie ein Kommodenfach zuschiebt, wie sie näht und häkelt, wie sie die Hand giebt und einem über Wangen und Stirn streicht und wie sie die Treppen hinabläuft, das ist alles so lebendig, so leicht, so beweglich. Niemand auf Erden, glaube ich, versteht es, so zu bewillkommnen, wie sie.
Wenn wir Kinder verreist waren und zurückkamen, und der Wagen unten vor der Thür hielt, da schaute von oben aus dem zweiten Stock ihr Kopf heraus, mit einem Spitzenhäubchen umgeben und bräunlich blonden, aufgesteckten Locken an den Seiten. Im Nu war der Kopf verschwunden, und ehe wir aus dem Wagen gestiegen und zur Hausthür eingetreten waren, da stand das Gomelchen schon auf dem untersten Treppenabsatz mit ausgebreiteten Armen, als wenn sie zwei Flügel hätte und damit flatterte -- so blieb sie stehen, und solche liebevoll glückselige Küsse und zärtliches Streicheln haben wenige Menschen im Leben gespürt, wie die, die dann auf dem Treppenabsatz bewillkommt wurden.
Wenn ich daran denke, daß ich wieder so von ihr empfangen werden könnte, so wird es mir, als freute ich mich auf einen ganz bestimmten, wunderschönen Frühlingstag. Soviel ich weiß, habe ich sie nie mißlaunig, nie unbereit zu helfen gesehen und immer fleißig und beschäftigt. Ich weiß auch nicht, daß sie je müde und angegriffen sich gezeigt hätte. Krank war sie manches Mal, schwer krank; aber kaum, daß die Krankheit gehoben, so kam sie auch wieder zu voller Lebensfreudigkeit und Anspruchslosigkeit.