Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten
Part 9
»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein, als es ihr immer unheimlicher wurde unter ihren Gästen. Und als der Rat endlich kam, da war der Höhepunkt der unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da erhoben sich die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten sie gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und mit Schopenhauers brachen alle plötzlich auf -- und fort waren sie. Apothekers gingen auch mit, denn eins zieht nun einmal das andre nach sich.
Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch der Rat, die ganz verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau.
* * * * *
So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht nur im Garten. Der Rat, die Rätin und Kathrine lebten mit einem Mal im Haus am Markt wie auf einer einsamen Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr tugendhaft. Die Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig vor Grübeln. Der Rat aber ging jetzt unbehelligt in seinen Garten und wirtschaftete dort wieder im Flausrock. Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß er bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich aus dem Weg gingen.
Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal aber hatte er auch auf einer Seite, wo er sonst immer Niederlagen erlitt, Triumphe gefeiert, und außerdem sah und hörte er nichts weiter.
Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die Kummerfelden in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen Salatköpfe auf den Komposthaufen und ordnete alles, was seine gute Idee angerichtet hatte.
* * * * *
Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich. Das Haus am Markt wurde so stille wie ein Grab; seine Frau saß in sich gekehrt, war stumm und bedrückt zu jeder Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten immer fragend die Wände an.
Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus, die ihn ganz eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie wieder Appetit hätte. Der Rat aber machte lange Schritte und schüttelte sich in der Erinnerung an die Strapazen, die er durchgemacht hatte.
Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer bänger. Er fand jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen. Sie war ganz hilflos, ganz verwirrt. Im Herrn Rat regte sich etwas -- er wußte selbst nicht recht was, etwas Unbequemes, Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen Gartens gar nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit dem er diese Einsamkeit erkauft hatte, verdient hätte; er saß mit etwas Aehnlichem, wie einem schlechten Gewissen, oben in der Studierstube, und wie ihn früher der Lärm gestört hatte, so störte ihn jetzt die Stille.
Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das Vertreibungsmittel hatte ganz niederträchtig gewirkt.
Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es und Madame Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz betreten entgegen. Und Madame Kummerfelden kam feierlich, setzte sich aufs Kanapee und fragte nach dem Ergehen und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf Frau Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig mitleidig an, wie damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt den Rücken hinunterlief -- und dann kam die ganze Pastete von Anfang bis zu Ende -- alles, was geschehen und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war, mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten -- und daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins Haus setze und daß die junge Frau Egidi gesagt habe, ihr Mann werde ihn fordern, und daß er selbst die harmlosen Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld erzählt hätten -- und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt habe auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht für Küssen gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in den Mühlbach habe werfen wollen, und daß er tollwütig geworden sei -- und daß die Rätin es sich nicht allzusehr zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild zu gewärtigen habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie sei, es möge sich stellen, wie es wolle -- und daß sie, die Kummerfelden, von den Mannsbildern überhaupt nichts halte, was sie auch trieben.
Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas im Wege, Zeugen haben sie die Hülle und Fülle, und das sei in solchem Fall von größtem Wert.
Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen, denn die Muskulusen hatte die ganze Zeit über niemand gesprochen, die hatte sich mit ihren Liebesgefühlen in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte davon noch gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern zu teilen hatte.
»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. -- Mein Gott, für die Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten sollen, so ein gescheiter, gelehrter Mann! -- Es ist wie ein böser Traum.«
Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und die arme Rätin saß ganz bewegungslos da, starr und steif, und ihre großen runden Augen fragten die Wände um Aufklärung. Sie verstand nichts recht, sie war ganz auseinander -- ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen, als würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte Fleisch- und Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen, -- und in diese Situation trat völlig unvermutet, leidlich harmlos der Herr Rat -- und wurde von der Kummerfelden wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt -- und von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt -- und zum erstenmal in ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!« über ihre Lippen. Sie war verstummt. Und so saßen und standen sich die drei gegenüber.
Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele, als er in die richtenden Augen der Kummerfelden gesehen hatte. -- Das waren Augen, wie sie nur auf einem ganz Gesunkenen ruhen konnten -- und da die Kummerfelden eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles Gesagte und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los. --
»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das aber doch gar nicht!« rang es sich protestierend aus der Kehle des Herrn Rats los -- und nun fing der Rat an zu erklären -- und predigte erst tauben Ohren -- aber so nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung auf und sie schaute den Rat an -- und in ihren alten lustigen Augen blitzte es auf. Das waren wieder die Augen der Kummerfelden, die Kirchenfenster, mit denen sie den verworfenen Rat angeschaut hatte, mochten nur so eine Art Kraftleistung gewesen sein. --
»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt -- haben gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben -- na ja -- gewissermaßen in gewissen Fällen schon. Freilich, wenn Sie sie alle so geküßt haben wie mich -- dann glaub' ich's schon eher -- dann schon. Aber wer küßt denn auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen kann so ein gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen -- wundert mich.«
Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune.
»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich alte Gans!« rief sie ein Mal über das andre Mal, »daß ich mit den andern Weibsbildern Ach und Weh geschrieen habe! Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!«
Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte die blinkende Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller und Kuchen und Tassen und das Zuckerdöschen.
Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer gewesen, urgemütlich, und auch die Erstarrung der armen niedergedrückten Rätin löste sich -- und das erste Zeichen eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz unglaublich betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam. -- Und darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich, wie nur sie lachen konnte.
Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte, auf welche Weise der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich gekauften Garten hatte vertreiben wollen, kam ganz gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof erzählt und bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall. -- Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu würdigen, der Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen Leute hatten überhaupt Vertrauen zu ihm und ließen sich nun bei jeder Gelegenheit von ihm beraten, brachten ihm ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne werden lassen sollten.
Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und weshalb der Herr Rat die Frauenzimmer geküßt hatte, herumgekommen war, seinen Spaziergang machte, der ging hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten Freunde und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und in den Garten, um zu zeigen, daß sie in keiner Weise etwas gegen den Herrn Rat hätten, und in dem alten Garten, ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend vorausgesehen hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende statt -- Versöhnungsfeste.
Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter Mann sein und doch dem Leben gegenüber ein rechter Esel bleiben könne -- und daß selbst dem gescheitesten Manne die Frauenzimmer immer über sind und über sein werden, denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts -- nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius.
Wie die Enkelin der Ratsmädel zum Blaustrumpf wurde.
Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott und die Menschen, fühlte weder Unruh' noch Erregung, weder Hoffnung noch Verzagen, aber hatte eine Art Zuversicht und wußte wohl weshalb. Ein günstiges Schicksal umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen.
An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber, dessen Kern fürs erste auch nicht verraten wird, denn, wer weiß, vielleicht steht sie noch unter dessen Schutz -- und Schweigen ist eben bei jedem Zauber die Hauptsache.
Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst, ließ ich es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten gedruckt wurden; hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb versucht, ein Zufall brachte es zuwege, ein Zufall machte mich zum Blaustrumpf. Von der schwerwiegenden, wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte ich nichts -- nicht das Geringste.
Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen!
Ich fühlte mich so froh -- so unbedacht!
Was ich that, das war gethan -- das stand mit dem, was andre thaten, in keiner Verbindung. Ich empfand mich als Wesen für sich und verglich mich ein für allemal nicht mit andern.
Ich las über meine in die Welt geschickten Träume viel Gutes -- und wunderte mich.
Unzufriedenes natürlich auch, -- selbstverständlich.
Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das stärkt die Persönlichkeit.
Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie mir in irgend etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten; als ich aber sah, welcher Wirrwarr daraus entstehen würde, wenn ich auf alle hören wollte, da kein Urteil mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes und Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man hören? Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der andre sagt, gewöhnlich wieder auf mit dem Gegenteil, und der Dritte wieder, was der Zweite sagt. Und was ist nun das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von dem man sich überzeugen lassen soll?
In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde eines eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend gewürdigt.
Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem Sessel zwischen ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten Gesellschaft einen Vortrag hält.
Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein Marabustorch, das Symbol der Weisheit.
Was aber haben seine langen Beine und der spitze Schnabel dem Marabu genutzt? Gar nichts.
Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele des Künstlers vertieft und hat gefunden, daß der Künstler mit einem vortrefflichen, sachgemäßen Humor eine Löffelgans hinter diese weibliche Wissenschaft gesetzt hat.
Was konnte er Besseres tun?
Wie stimmt das alles!
Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden! Wissenschaft personifiziert als weibliche Figur! Lehrend! Was wird sie lehren? Die Löffelgans hinter ihr gibt die Würdigung dessen, was sie lehrt.
Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in die Intentionen des Künstlers hinein.
Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie der Künstler sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans begnügt hat, die ja vollkommen genügt hätte, den Wert eines Frauenzimmers auszudrücken. Durch des Kritikers Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge. Er nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«, Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. -- Solches beweist, daß dem Marabu seine langen Beine und sein spitzer Schnabel nichts nutzen, wenn der Kritiker seine Augen und sein Verständnis schon auf die Löffelgans gespitzt hat.
Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der Täuschung, sein Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen den sich nichts sagen läßt, und der nichts zu wünschen übrig läßt.
Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und eine Löffelgans dickgedrungen und kurzbeinig.
Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige Marabu ist eine kurzbeinige Löffelgans.
»Marabu,« sagt der Künstler.
»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält natürlich in den Augen aller Einsichtigen recht.
»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker weiter, »ist leider verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten, der Schnabel zu spitz, so daß sie eine gewisse Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.«
»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!«
»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.«
Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn der Klügere nicht nachgäbe.
Und es geschehen noch ganz andere Dinge.
Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen lassen? soll nach dem würdigen Schelten oder Loben seinem Marabu, den die Kritik zur Gans umzaubert, künftighin kürzere Beine machen, soll betroffen und zerknirscht sein und sich bessern?
Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll, so oft überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde, kluge Kritiker es wohl wünschen möchten!
Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker und Krittler verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr übel mitgespielt worden; denn an nichts glaubt man so gern und so fest als an das Schlimme, das einer von sich selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber unverdientermaßen gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von sich sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich windig aus; aber unverdient gut ergangen ist ein grenzenloser Spielraum für alles Wünschenswerte.
Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis oft wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen hab' ich kennen gelernt!
Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben dieser Person etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist es mir, als säße ich in einem bequemen Wagen und führe leicht und behaglich dieselbe Strecke, die ich einst mühsam und beschwerlich zurücklegte.
Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir mit warmem Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert hielten zu sagen: Sei unsres Mitgefühls sicher, wir halten zu dir! Wir haben dich verstanden.
Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe bekannt sind, mit deren Schicksal ich mich mehr, als es gut ist, beschäftigte.
Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre Leute ungeschoren lassen.
Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als ob die Welt nicht Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung und Unsinn, Krankheit, Thorheit, Lug und Trug, Lachen, Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und Haß, solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden es nicht genug!
Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben, glauben, es sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst, wenn sie sich zu den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig auf Erden sinnverwirrend durcheinander wimmeln, noch welche hinzuträumen, hinzuklügeln.
Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen zu Grunde geht, stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel, das genügt ihnen nicht; sie schaffen mit Mühe, Begeisterung, Qual und Glück, mit ihrem Herzblut Hirngespinste und sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen, die sie zu sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze, die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen als außerordentlich wichtige Personen.
Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen vernünftigen, weitherzigen Menschen.
Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen sie leiden, beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie dies nicht gerecht, sachgemäß und vernünftig betreiben oder gar vergessen haben, über ihre Käuze ein vollgerüttelt Maß zeitgemäßer Moral auszuschütten.
Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben -- tödlich ernst -- das ganze Glück der wunderlichen Schöpfer hängt an dieser großen Thorheit.
Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist der Urheber dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet, gebrochen, -- und wenn es noch so ein gesunder, guter, braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen und Armen.
Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« -- aber was auf Erden ist nicht Wahn? Was auf der Welt thun wir, wobei uns nicht die Sinne umnebelt und verwirrt sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem?
Sehen wir in irgend einem Ding klar?
Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges beurteilen? Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel! Uns braucht es nicht zu kümmern. Wer einmal zu den Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und was zwischen Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst.
Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, mag es offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein, füllt das Leben der Generationen aus, führt sie ihren Weg bis zum Vergehen, und keine Thorheit ist Thorheit genug, daß sie nicht ein Menschenleben würdig beschäftigen könnte, eins oder das Leben von Millionen.
Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens, der durch das Leben führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil und Verwirrung den Takt geben, einen ruhigen, praktischen Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den nämlich: »Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was Wert hat.«
Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren ist, mögen gelten.
Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen er nun einmal, halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern möchte, wenn er diesen Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe steckt.
Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes zu thun, seine Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger. Ich bin jetzt scheinbar weit abgekommen.
Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach allen Seiten und sehe überall Leute, die mir sehr bekannt sind, was niemand nach dem eben Gesagten Wunder nehmen wird, denn diese Leute sind meine geliebten Käuze -- meine selbstgeschaffenen Gestalten, würde ein ästhetisch Gebildeter sagen.
Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die Patsche, ein gutes Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme Nase, oder vielleicht hat er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen. Sein Herz kann das Böse auf der Welt nicht ertragen, er wird davon zu mächtig gepackt. Salin Kaliske habe ich ihn genannt.
Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig seines Weges gehen lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch -- solch ein Kind, wie unser Erlöser eines war.
Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders krummen Nase ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen Geldgier? Weshalb bin ich sparsam verfahren mit der Zuteilung der allbekannten Attribute?
Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich die Ansicht, daß wir in dem lobenswerten Streben nach Wahrheit uns allzusehr mit dem gröbsten Aeußerlichen begnügen, und mehr als je das Beste und Wertvollste achtlos beiseite lassen.
Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben. Ein kräftiger, lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort, ein düsterer, grober Geselle, der in der Todesstunde sich mächtig verliebt und sterbend den guten Freund um die Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen.
Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel und ein liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht begreifen kann, daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen muß, der über seine unglückliche Liebe tobt.
Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er möchte etwas leisten und schaffen, seiner unerwiderten Liebe ein Denkmal setzen; doch ist er unbegabt.
Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und nichts mehr. Aber er schafft etwas in heiliger Einfalt aus sich selbst, aus seiner eigenen Schönheit.
In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein am hohen Kreuz hängt die göttliche Gestalt des Erlösers, lebenatmend, geisterhaft. Davor in angstvollem Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das zitternd und erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht.
Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen hab' ich auf die Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit Sünde. Mit diesem für diese Welt sehr thörichten Abzeichen müssen sie umherlaufen.
Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel, die voller munteren Streiche stecken, die ihr Wesen in Weimar treiben, zu Goethes Zeit, und hinter ihnen her ziehen allerlei Personen aus Weimars goldenen Tagen, die Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute aus der Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen Töchtern, die eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde der Welt auf sich nehmen, mit eigenem Leid fremdes heilen, diese stille, große Anne! Und ihr braver Bräutigam! Welche Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit! Das sind nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen.
Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft, schwachsinnig vor Behagen. Das sind die verspielten Leute!
Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in ihrer Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht, flachen und wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles mit ihrer wattenen Herzensgüte -- das sind die rechten, schlimmer wie Raubtiere; wohlversorgt leben sie, essen gut, trinken gut, sind gesund und wohlgestellt -- Ehrenmänner -- Ehrenfrauen -- aber aufgepaßt!
Hütet euch vor ihnen!
Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar. Der alte Apotheker mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche Apothekergehilfe, der jeden Todesfall voraus weiß. Sperbers, die Gutsbesitzer in ihrer köstlichen Hülle und Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom Nachtwächter schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der Nachtwächter nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten.