Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten

Part 7

Chapter 73,796 wordsPublic domain

Aber heute! -- Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt und schlürfte in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr eifrig auf und nieder.

Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und kramte unten und oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk stand, und auf dem, wo Hüte und Kappen lagen und wo ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß. Dem nickte er zu und sagte: »Du wirst was erleben!«

Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen und den gestickten Westen herum, und ein paar weiße, mächtige Halsbinden fielen oben vom Brett, wo sie neben dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf. Es knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu hinterst im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß in einer, und die hatte eine Mechanik und schnappte.

Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen und den gestickten Westen -- und sah nach, was angebissen hatte.

»Ei -- ei -- ei -- ei!« sagte er betroffen und gedachte seiner Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig, trotzdem er sie bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen -- und kramte weiter.

Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm von einem alten Flausrock hervor, einen hellen Flausrock, der ihm von oben bis unten ging. Er schien, nach dem Zustand zu urteilen, in dem er sich befand, der Vater von dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat gerade anhatte -- oder auch der Großvater davon. Er war so eine Art Schlafrockheiligtum.

»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet vor sich hin und schaute den schäbigen Gesellen pfiffig an und schaute auf die Rutschpartieen von altbekannten Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien, wo er die Feder jahrelang ausgewischt hatte, so daß glänzende Krusten entstanden waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und unbestimmbare Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines vergangenen Lebens.

Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte ihn sorgfältig und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden band er ein paar große Latschen darauf, schob dann das Paket in eine Ecke und stellte einen Lehnstuhl davor und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine ganze Weile, schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er vorsichtig zur Thür hinaus. Es war still, ganz still -- Kathrine mußte auch fort sein.

Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht des Rats. Er legte die Hände über sein spitzes Bäuchlein, das sich unvermittelt wie ein Schwalbennest an der hagern Figur angehängt hatte, und wandelte so weiter. Diesmal aber pfiff er nicht.

Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, wie in der Kirche, wenn er seinen Choral absang -- aber ein gutes, herzerfreuendes Lied war es, kein Choral. Und nur die erste Strophe davon -- weiter nicht. Er sang so schüchtern, als wollte er einer schönen Dame eine Liebeserklärung singend vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck über seinem Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber kannte und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.

Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen auf die gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß es golden glänzte, und die Strahlen, die in das große Becken des Marktbrunnens plätscherten, ließ sie wie lebendiges Silber glänzen.

»Wenn einer einen Garten hat.«

Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.

Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung, eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz schleicht, die das ganze Leben vergessen läßt und uns in die liebe, gute Jugend versetzt, denn der Herr Rat hatte alles, nur keinen Garten, und er sang genau so, als hätte er einen, nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht erinnerungsselig, sondern triumphierend -- wirklich triumphierend. Und er schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn auf seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit wir's kurz sagen: er hatte wirklich einen Garten. Er hatte einen Garten gekauft -- für sich selbst einen Garten, kein Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch der Stadt nichts vermacht. Gott bewahre!

Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig dichter wurde, mit seinem Flausrock unterm Arme in sein neu erworbenes Eigentum zu wandern.

Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten würdige Idee gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es sollte so lang als möglich niemand etwas davon erfahren, und deshalb wartete er auf die Dämmerung und sang das Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die Kathrine ausgegangen war.

Und endlich -- endlich war es so weit. Der Rat schlüpfte in seinen Rock, nahm Stock und Hut, legte über den Flausrock und über die alten Latschen ein zerknittertes Fetzchen blaues Papier, das er aus einem Fache seines Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu jener Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo man einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem in ein einziges Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. Man dachte an eine solche papierne Flut, wie sie uns heute überschwemmt hat, noch nicht im Traume damals.

Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen Zeitung, wie die »Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, denn er zupfte und reckte und strich an seinem blauen festen alten Papierchen, das gar nichts decken wollte, sondern nur wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich nahm er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft in die Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das Frauenzimmer mit den Bürsten ebensowenig daheim war als die Gattin mit der Puderquaste und der Puderschachtel.

Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte er sich nun einmal angewöhnt.

Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, als es sich irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch die Wünschengasse unter dem Wittumspalais hin, die alte ausgetretene Treppe, die zur Esplanade führt, hinauf; da, unter den alten Linden, war es schon recht dämmerig. Für den Flausrock war das gut, weniger für den Garten; aber diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in dem Garten glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, wie er den Flausrock dort aufhängen würde, damit er künftig alle Herrlichkeit in seinem Garten auch ganz kommod genießen könnte, denn im Staatsrock und in Lederstiefeln, das hätte ihm nicht gepaßt.

Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das schien ihm ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem Partiechen, hörten und sahen nichts, das kannte er. So ging er weiter und hinter dem Theater noch ein Stückchen Erfurterstraße, bis ans Erfurter Chausseehäuschen, dann ging die Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin -- Garten an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur Wallendorfer Mühle.

Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, mit zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges langweiliges Strählchen Wasser, mit langweiligen runden und dreieckigen Beeten, auf denen wohlgeordnete Blumen von gleicher Höhe und gleicher Farbe wachsen, mit dünnem Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen winzigen Grasfleckchen -- keine so blechernen Gärten, in denen die Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, Gärten, wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren urwüchsige Gärten, gesegnete Gärten.

Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit von der Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle aus, den hatte der Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem Liebchen schlich er an den Gartenzäunen hin. Die Hand hielt er in der Tasche und faßte den Schlüssel darin fest, mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.

Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete zwischen den Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend etwas anging -- und jetzt stand er vor seiner Thür -- seiner Thür, einer Thür aus zart silberglänzenden, verwitterten Latten, und durch den Bretterzaun steckten Himbeerbüsche ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der Garten wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun quoll der Duft aus dem vollen grünen Garten -- und der Duft gehörte dem Herrn Rat. Ehe er wirklich aufschloß, schnaufte er ein paarmal tief.

So ein Duft aus dem eigenen Garten!

Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen zuführte, standen die Sommerblumen schon in dicken Knospen, und die Pfingstrosen blühten in ganzen Ballen, und Irisblumen, blaue und gelbe. Die Aepfel- und Birnen- und Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.

Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste Dach der Lottenmühle beschatteten, schützten den Garten von Norden und hüllten ihn in einen dichten grünen Mantel. Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und quoll und blühte und knospte und duftete.

Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und die großen Bündel des gestreiften Bandgrases raschelten und wisperten ganz fein im Winde wie Schilf -- nur weicher.

Und alles war so weich, so voll, so lebendig -- Farben lugten aus der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer dicker, flossen immer mehr zusammen, und es war feierlich im Garten des Herrn Tiburtsius.

Der stand immer noch mit dem zusammengerollten Flausrock mitten auf dem Weg, ohne sich zu regen.

Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich zu rühren. Kein Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich befand und wie er sich befand, und er kam sich vor wie ein Vogel in einem grünen versteckten Nest, den keines Menschen Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er das Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:

»Wenn einer einen Garten hat.«

Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der eigenen, in dem weichen, vollen Garten erschreckt.

Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im dumpfen dunklen Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, trockenem Laub, alten Weidenkörben und etwas moderig roch, aufgehängt. Der Rat mußte mit den Händen nach einem Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem ein paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.

Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den Gemüsebeeten hin und her, bückte sich und befühlte die Salatpflanzen, die sich schon zu Köpfen ballten. So zart und elastisch waren sie und fühlten sich etwas fettig an. Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend Schlupfwinkeln so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die Finger.

Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte man die Grillen zirpen, und die Luft war voll Laubduft. Und manchmal trug ein Windchen den unaussprechlich zarten Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen durch die Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle her kamen ganze Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, so vielgestaltet; bald empfand der Rat diesen wundervollen Duft wie Vanille, bald wie alle schönen bekannten und unbekannten Düfte zusammengebraut.

Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und das Klappern und Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf, und die Birken und Eschen rauschten dazu. -- Die Dunkelheit sank immer tiefer herab, und der Herr Rat tastete sich aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete, blieb er noch lange ganz versunken stehen und atmete den schönen Gartenfrieden ein, und die Dunkelheit verbarg ihn mit allen seinen Schätzen vor aller Welt, ihn mit seinen Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen, seinen knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln, Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem Gurkenkraut, seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden und den hundertfach knospenden Centifolienbüschen.

Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der Stadt zuging, da kam er wirklich wie von seiner Liebsten -- und zu Hause ließ er kein Wörtchen verlauten.

Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der Schopenhauern zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten« bei seinen alten Herren gewesen. -- Und unter denen ging es das eine Mal so zu wie das andre Mal, da war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem alten Ehepaar.

Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er sich wieder auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es schnatterte bis in sein Studierzimmer, und in der Küche wurde gebacken und geklappert. Es war großer Damenthee.

Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und arbeitete im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse und saß vor dem Gartenhäuschen und paffte aus seiner Pfeife, schaute in den blauen Himmel, hörte auf eine Lerche, die draußen in den Feldern aufstieg, schnaufte tief den Duft seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte sich mit den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife.

Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der alte Bretterzaun war hoch, und von den Nachbargärten war er auch nicht ohne weiteres zu belauschen. Dieser Umstand hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat zum Ankauf dieses Grundstückes zu bestimmen.

Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie sangen:

»Es fuhr ein Bauer ins Holz, Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz, Ki -- ka -- Kirmsenholz, Es fuhr ein Bauer ins Holz.«

Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt alles Spaß.

Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein Lächeln, wie es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin war, seine Muskeln niemals inkommodiert hatte.

Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause zu sein. Darüber mußte er nun wieder lächeln, denn so ganz geheuer kam es ihm doch nicht vor, und er dachte an den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit, als er die Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch sehen, wer Herr im Hause ist!«

So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen -- aber -- aber.

Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht heraus hatten, war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder durch den Kopf. Wirklich, das war ein seltener Glücksfall. Eigentlich nicht zu glauben. Der Zinngießer Lange, mit dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte wirklich so weit reinen Mund gehalten haben.

Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier Wochen lang schlüpfte er nun schon wie der Fuchs in seinen Bau, und es war ihm, als stände er unter ganz besonderer göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch frech und unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar Porreestauden und Dill und Gurkenkraut, was zu einem ordentlichen Salat gehört.

Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, denn es war durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. Der Salat aber war vortrefflich.

Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für die Heimlichkeiten des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin genoß mit ihren Bekanntinnen und Bekannten den Sommer mit einer erstaunlichen Energie.

Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, lief Kathrine mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor Ortelli und brachte ihr den Beutel ganz appetitlich gefüllt wieder mit heim. Und die Frau Rätin nahm ihn dann, setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte darauf von seinem Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in der Nähe des »Elefanten«, der dem Hause des Herrn Rat gerade gegenüber lag, postierte und wie eine Schildwache auf und nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn sie war eine pünktliche Frau -- dann gesellten sich allerlei Personen zu ihr und gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse kamen verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit der Adele und den Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und die Ratsmädchen; gewöhnlich auch die Begleiter der beiden Mädchen, die guten Freunde, und auch Bekannte von den Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, und die kleine Muskulusen kam angerannt und manchmal auch die Kummerfelden mit einigen Schülerinnen, manchmal auch mit allen, wie es sich gerade traf.

Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und alten Weimaranern und Weimaranerinnen lachte und schnatterte und setzte sich endlich in Bewegung. Entweder nach Tieffurth zu oder nach Belvedere oder Ettersburg oder Tröbsdorf, nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert« nannten, nach Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen sind, nach Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und nach Nora.

So genoß man damals den Sommer, wo noch keine Menschenseele daran dachte, eine Badereise zu machen oder in die Sommerfrische zu gehen.

Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. Jeder alte Weimarsche Garten hatte seinen kleinen Herd im Freien, einen gemauerten Herd, auf dem ein Rost stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so recht Altäre der Geselligkeit.

Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie herrlich es war, wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen aufstiegen, die Würste sich auf dem heißen Roste wanden, dann platzten und rauchig dufteten, und die Leute im Garten bei einander saßen mit Weißbroten und Bier, hauseingelegtem Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und Gesang.

Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen:

»Wenn einer einen Garten hat.«

und ähnliche Lieder.

In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch so ein Bratwurstherd, und es war ihm mehrmals schon das Wasser im Munde zusammengelaufen, wenn er davor gestanden hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben, als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine Wurst begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte.

Nein -- nein -- lieber keine Wurst!

Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer müßigen Stunde das Gelüste gekommen, sich ganz allein ein Paar Würste zu braten -- das wäre gegangen, aber der Rauch! Den hätten sie in allen Gärten geschnuppert. -- Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht gewesen; aber verlockt hatte es ihn -- sehr verlockt.

Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren Kern die Frau Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf bewegt hatte, ging er wieder in den Garten. Es wurde ihm jetzt schon gar nicht leicht, sich mit Amtsgeschäften auszureden, wenn die Rätin ihn fragte: »Aber Gustävchen, heute kommst du doch nach -- kommst uns wenigstens entgegen?« Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau Rätin und schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und wie er diesmal im Garten war, fiel es ihm auf die Seele, daß es eigentlich so nicht fortgehen könne, und das stimmte ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als wäre der schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er dachte aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's auch weiter gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's auch vielleicht noch lang niemand,« und beruhigte sich damit und goß seinen Salat und die Radieschen und alles, was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der Herr Rat ernten sollte.

Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all dem Gemüse hin sollte -- und wenn das Obst reifte -- die Kirschen glühten schon zwischen den grünen Zweigen: ja, was sollte er mit all den Dingen machen? -- hm -- das wußte er nicht recht.

Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt. Allerlei wollte sich eindrängen, was ihm nicht paßte. Es lag so in der Luft, war schwül und trüb heute. Der Garten war so dicht und grün und voll, so sommerlich und still, und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf und dröhnend.

Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg, vor Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen auf und trat behutsam hinaus, schaute nach links: da war die Luft sauber, keine Menschenseele zu bemerken -- schaute nach rechts -- und stand wie vom Blitz gerührt. -- Ja, wo hatte er denn seine Ohren gehabt? -- Drei Gartenthüren von ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da kam es angerückt. -- Ihm schien es wie Tausende von Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden Armen, Tausende von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen auch geschwenkt wurde. -- Das war die Lawine, die doch heute in Tröbsdorf hätte sein sollen. Und mit welchem Lärm kam diese Lawine an! Dem armen Rat schwindelte.

»Ja -- ja -- ja -- was ist denn das?« riefen aus dem Gewirre verschiedene Stimmen zugleich.

»Aber Gustävchen -- Gustävchen!« -- Das war die Stimme der Rätin. -- Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß er die Hand noch am Schlüssel hatte, um ihn abzuziehen -- das hatte die ganze Lawine gesehen, da war nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb regungslos -- und da waren sie schon alle um ihn.

»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker.

Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den Herrn Rat mit ihren großen, runden Augen an.

»Aber Gustävchen! -- Aber Gustävchen!« Das war wieder die knarrende Stimme der kleinen Rätin. »Was ist denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst du denn her? Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich alle um ihn wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den Kindern auf Weimars Gassen sehr beliebt war und noch ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des Wickelkloses steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden. Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und sagte: »Das ist mein Garten. -- Ich komme -- ich habe -- ich komme aus meinem Garten -- ich habe mir nämlich einen Garten gekauft.«

»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin.

Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte. Aber die Frau Rätin, die kleine, fette Frau, war Meisterin darin, in das einzige »Aber Gustävchen!« ganz unglaublich viel zu verpacken.

Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt ihren ganzen Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert Variationen. Sie konnte auf dieser einen Violinsaite ganze Lieder und Musikstücke spielen.

Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter Regimentsgaul.

»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie ein kleines vollgeladenes Gewitterchen.

Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der Bühne und spräche zum Publikum gewendet: »Einen Garten hat er also gekauft, und kein Pferd und kein Kütschchen.«

Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine Gite! -- Du meine Gite!«

»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk lachte. -- Und sie riefen alle durcheinander alles mögliche in Weimarscher Ursprache.

»Ne aber!« -- »Herr Jemine!« -- »Herr Jes!« und machten ein arges Geschrei damit.

Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n mer uns doch aber auch einmal den Garten ansehen.« -- Und gesagt gethan. Die Thür ging auf.

Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste dazu, und nun strömte es hinein und riß den armen Rat mit sich.

Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn Rat ein wenig beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte Miene aufgesetzt mit so viel Grandezza, als womit sie ihre Hüte und Hauben aufzusetzen pflegte. Und diejenigen, welche dem Paar am nächsten standen, hörten verschiedene scharf betonte »Aber Gustävchen!«

So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte und so viel Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten mit den vielen lustigen Leuten und dem vielen Gemüse, dem Obst und den Sommerblumen und den pflückreifen Kirschen und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und dem Beerenobst doch auch an.

Und alle waren in der besten Stimmung; der arme Rat mußte wahrhaft Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr Mütchen an ihm und hänselten ihn und zeckten und neckten ohne Aufhören.