Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten

Part 5

Chapter 53,519 wordsPublic domain

Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen, welche Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den Weimaranern ihr geliebtes Deutsch in einigermaßen richtigen Lauten beizubringen.

Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte es sich um hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll Seine Excellenz sich in der Verzweiflung mit einem Kuß geholfen haben, von dem er wohl hoffen mochte, daß er begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten O und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde.

Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp auf die Beine zu bringen!

Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat; aber niemand verstand ihn zu tragen.

Einzig und allein Seine Excellenz selbst.

An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu, es wird schon gehen!« wie es schließlich dann immer heißt und heißen muß. --

Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll zu thun, -- und that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen. Sie befand sich wohl, wie eine Amsel im April. Sie wußte zwar kein Wort ihres Anbeters, das direkt von Liebe gehandelt hätte, -- aber wozu?

Der Klang seiner Stimme, -- die Art, wie er alles sagte, wie er ihr die Hand gab, -- das sprach so eine nie gekannte Sprache. Sie wußte sich geliebt! -- Ja, sie wußte es!

Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend, so unbestimmt, beängstigend.

War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? -- Nein, -- nein, -- nein! Gewiß nicht!

So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen.

Und sie nähte dabei mit fliegender Eile.

Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause hoch her.

So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren; so etwas Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara, als wäre sie in eine andere Welt versetzt, zum erstenmal in den Sonnenschein.

Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren und hatte auch etwas zu sagen, große, getragene Worte, die sie feierlich und ruhig zu sprechen verstand.

Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht, bis das Ganze tadellos gelang.

Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie von der Schönheit ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die jungen, weißen, vollen Glieder, das schneeweiße Gewand, das herrliche Gesichtchen, die lebendigen Augen, die schöngezeichneten Augenbrauen, die ihr so etwas Vornehmes, Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die Kniee fiel und sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte und um die kindliche Stirn. Es war ein so anmutiges Haar!

Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer Schwester gleich gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen vor, war aber auch, wie Marie, eingewickelt in ihre bräunliche Haarflut.

Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern.

Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben, daß du nicht mitkannst! Wie jammerschade!«

In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen, lustigen Wünsche zu regen.

Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen!

Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie alle Herrlichkeiten, die es zu sehen geben würde, zusammen genießen! --

Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der aus man in den großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr Beschützer war schon da und hatte in der vordersten Reihe, neben sich, ihr einen Platz gegen die andrängenden Neugierigen verteidigt.

Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie.

In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von den Hunderten von Wachskerzen, und sie sahen von ihren dämmerig beleuchteten Plätzen in einen schwarzen Abgrund hinab; aber die Waben und ihr Begleiter unterhielten sich vortrefflich miteinander, wie sich das leicht denken läßt. Die Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen.

Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der Kerzenanzünder gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit auftauchten, und wie die Flammen an den Zündschnürchen, was das Neueste war, von Licht zu Licht hüpften und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer Viertelstunde alles glänzte und funkelte, ein ganzes Meer von Licht!

Personen schritten geschäftig hin und her durch den Saal, anordnend oder Umschau haltend.

Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt. »Der Oberhofmarschall!« hieß es, -- »da, -- -- da, -- -- da! Da ging er eben!«

Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die Hälse wurden gereckt. -- Jeder Lakai wurde angestarrt.

Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. -- Sie blühte neben ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach langem trüben Regenwetter, wenn ihn ein paar Stunden warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie offen sie sprach! Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor ihm ausgebreitet.

Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte das auch nicht. Sie hatte nichts zu geben und mitzuteilen als ihre Vergangenheit, -- gar nichts weiter, -- und diese Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. -- Er fragte, und sie antwortete. Sie vertraute. -- Jubelnd empfand sie zum erstenmal, daß sie wirklich lebe.

Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin, dachte besonnen, daß sie eine gute, kommode Frau abgeben würde, und erwog dies hin und her, während sie eifrig schwatzte.

»Aus guter Familie ist sie, -- mitbekommen thut sie sicher auch etwas. -- Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich unschuldig, ein durchaus bequemer Charakter.«

So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen geht und Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat.

Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war er erst in Weimar angelangt, war hier zu einer guten Stellung gekommen, und seine Absicht ging dahin, sich mit einer alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu verschwägern.

Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem blanken Parkett des riesigen Saales wie in einem stillen See.

Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere, helle Saal hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte Gäste gekommen. Oben auf der Galerie reckten sich abermals die Hälse. Es wurde wieder eifrig getuschelt. Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je mehr es sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte und farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe mit griechisch aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder Art, auf hohe, schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße Hälse und Arme, enge Kleider mit langen Schleppen, Fräcke und Uniformen, Lakaien und hohe Würdenträger, -- ein schillerndes, bewegliches Durcheinander.

Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar parfümiertes Lüftchen nach oben.

Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen Saal war gelblich warm.

Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, -- etwas Berauschendes.

Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem weißen Saal gar nicht genug wundern.

Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die fremden Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte Ceremoniell, -- die große Feierlichkeit, die große Vornehmheit!

Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte Geschichte hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so etwas wirklich noch existierte! Ein bißchen komisch erschien es ihr, -- ein bißchen ernsthaft, -- ein bißchen schaurig, aber hauptsächlich sehr amüsant. Die einzelnen Personen interessierten sie gar nicht, nur das Ganze. Sie hörte kaum darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute bezeichnete.

Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war der weimarische Pomp wirklich auf die Beine gebracht! Da lag die weimarische Glorienzeit wirklich wie eine duftende Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft feierliche Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende Musik und große Worte, und ein Schimmern und Auftauchen und Ziehen und Kommen und Verweilen, -- eine Pracht und Herrlichkeit sondergleichen.

Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem großen, feierlichen Pomp am Schlafittchen nehmen lassen. Sie gehörten sich nicht mehr selbst. Es war etwas in sie gefahren, was sie begeisterte.

Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner, sie sprachen nicht mehr wie die Weimaraner. Es war etwas Außerordentliches.

Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem Aermel. »Meine Schwester! Meine Schwester!« sagte eine weiche, leise Stimme ganz erregt. »Sehen Sie, meine Schwester!«

Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt gerade vor der Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die Goetheschen Worte; das gute Ratsmädel leuchtete dabei wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit. Sie bewegte sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne Gesicht und die Arme und der Hals und das weiße Gewand strahlten.

Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit, der Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes. Es lag etwas Heiteres, etwas Frohlockendes über die Gestalt gebreitet. -- Aller Augen sahen auf sie.

»Das ist Ihre Schwester?«

Die Waben lächelte.

»Die verlobte?« fragte er.

»Nein!«

»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des jungen Mannes wie ein Seufzer.

Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick seiner Augen sich an ihre Schwester heftete.

Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte, so männlich und gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen.

Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie nieder. Es war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas anderes, -- etwas Schwereres.

Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas Schreckliches schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es war ihr, als wenn ihr Blut aufhörte zu fließen, als wenn eine Spange sich ihr fest um den Hals legte, als wenn das Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte, weiter zu schlagen.

Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig, so arm. Wie hatte sie nur denken können, -- daß ...

Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen Gedanken. Wie große, graue, schwere Steinplatten kamen sie ihr vor, die langsam auf sie drückten und sie tief in den Boden hineinpreßten, ganz langsam und schmerzlos, -- aber entsetzlich.

Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer Schwester. Sie wartete, daß er sie wieder anreden würde, und sie schaute alles im voraus.

Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon geschehen.

Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig klingen würde. Sie sah und verstand das alles so tief, so klar, so anders, als sie sonst nie verstand und begriff.

Ja, -- und so kam es denn auch, ganz so! --

Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, -- aber wie ausgelöscht. Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles so grau, so fahl, -- alles so gleichgültig, -- so erstickend, -- so weh! -- Sie wollte gehen. Sie hatte genug gesehen; aber er redete ihr zu, zu bleiben.

Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren beiden Schwestern. Er war außerordentlich gnädig und schien an den beiden schönen Mädchen großes Gefallen zu finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen, von ihrem gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause; von der Schaukelei auf der schmiedeeisernen Thür an der Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen Theaterbesuchen, von der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf dem Vogelschießen, was ich alles ausführlich berichtet habe.

Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher großes Wohlgefallen aneinander gehabt.

»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich aus!« sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt und ganz versunken, nur Augen für das wunderschöne Mädchen unten im Saale behaltend.

Das war nun ein trauriges Nachhausegehen.

Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat war noch auf und sagte: »Warte, mein armes Bärbelchen, du sollst mir nicht immer Zuschauerin bleiben! Glaube das nicht.«

Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und schlief wie betäubt ein und wachte auf, als lägen noch immer die schweren Steine auf ihr.

Und so blieb es.

* * * * *

Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen am Zug bei der Oberhofmeisterin.

Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern aus indischer Seide, die sie von Röses künftiger Schwiegermutter bekommen hatten. Dazu trugen sie goldene Gürtel und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen Haar.

Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten köstlich herab. Die Waben half ihren beiden Schwestern beim Anziehen.

Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner als gestern.«

Und das waren sie auch.

Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen selbst ganz feierlich gestimmt, wie die eine die andre so ansah.

Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den Zug nicht mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen anzuschauen. Die Lichter unter dem grünen Seidenschirm waren angesteckt, und die beiden Mädchen gingen im Zimmer umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit.

Die Kameraden verhielten sich einsilbig.

Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas so Bekanntes, Vertrauliches, süß Freundschaftliches, -- und doch so Entrücktes.

Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer beengend auf dem Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl zu Mute.

* * * * *

Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe spät zum Frühstück kamen, schenkte die Waben ihnen ihre Milch ein.

Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn bei Kirstens irgend etwas Besonderes los war, einen Kuchen geschickt, und in diesen Kuchen aßen Röse und Marie sich in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief ein, wie ein paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben ihre Erlebnisse.

Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange die Welt steht, zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende Dinge, die das Geschöpf triumphieren lassen im glückseligen Machtgefühle.

Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und fischten nach den Rosinen darin.

Und während sie im besten Plaudern waren, brachte die Magd einen vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz Unbegreifliches zu dieser Winterszeit, und sagte: »Eine schöne Empfehlung an Fräulein Marie.«

Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen.

Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen das Wunder in Empfang.

»Ach Marie!« jubelte Röse auf.

Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, -- ein paar Lippen zitterten wie in namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt ging unhörbar zur Thür hinaus, ohne daß jemand darauf geachtet hätte.

Das war von +ihm+!

Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das hatten sie ja schon erzählt. Wie war er denn nur hingekommen? Er hatte es eben möglich gemacht, dachte die Waben dumpf.

Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, -- das war es, -- das erst hatte ihr schneidend weh gethan!

»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt der alte Paracelsus.

Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen bei verschlossener Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz zwischen den zitternden Fingern und hatte sich das Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl gelehnt und hielt Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen Gottesdienst.

Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen Orgelbrausen in ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen der Geistlichen bei der großen Messe; sie sehnte sich nach den prachtvollen Meßgewändern, klangvollen Worten und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und den gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden Gewölben.

Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf Orgelbrausen und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter Gottes zu Füßen gestürmt. Aber so, in dieser Kahlheit hier, da hob der Schmerz sich nicht zum Himmelsflug, sondern drückte und drückte und wurde wieder zur grauen, schweren Steinplatte, die sie ganz begrub.

Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen, stillen, dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus und schluchzte laut. --

Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen selbst gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der Schwestern erkundigt. Das Befinden war vortrefflich. Sie waren lustig und guter Dinge. Röses Bräutigam erschien auch, und die beiden schönen Paare standen auf ihrer Lebenshöhe, denn auch Marie war ganz entzückt von dem begeisterten, wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in sie verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem Kirstenschen Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne Menschen in voller Jugend, die nur von den besten, schönsten Dingen sprachen und dachten und träumten, die Feste beredeten und Ausflüge und allerhand Vergnügungen und Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen.

Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher Freund sie, leicht befangen, als alte Bekannte, -- that es aber mit gutem Gewissen, denn das große Liebesfeuer, das jetzt in ihm brannte, hatte das kleine, bedächtige Flämmchen, das für die zarte Waben geglommen hatte, vollständig verschlungen.

Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens gesagt, gethan und geblickt hatte, davon wußte er wohl nichts mehr.

»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester.

»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig.

Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer schon wieder hell empor. --

Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen, wie dunkles Wasser.

Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.

Sie liebte ihn so sehr!

Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter den glücklichen Menschen vor.

Das ging so ein paar Tage fort, -- so hilflos, so über Bord geworfen fühlte sie sich! -- Dann hatte sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich ein Herz und bat: »Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur Beichte fahre?«

Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte. Es faßte sie wie die Sehnsucht nach einer alles verstehenden Mutter, die durch und durch sieht, alles weiß und voller Hilfe und Liebe ist.

Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen Postkutsche, und der Postillon blies ein Stückchen, das zu Herzen ging; so ein echtes, rechtes Postillonstück, das die alte lederne Kutsche zu einem lebendigen Ding macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen auszieht und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen durch die dunklen Straßen fährt -- und die Schläfer weckt -- und ihnen das Herz bewegt.

* * * * *

In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, heitern Bergen umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest hockt, mit spitzen grauen Giebeln und spitzen Dächern, da fand sie in der kleinen, uralten, geheimnisvollen Kirche, die zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das Orgelbrausen, die Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, -- das Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da durfte sie auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh anvertrauen. Und die Weihrauchwolken und die Orgeltöne waren wie breite Flügel, auf die sie ihren Jammer niederlegte, und die mit ihm höher flogen, und höher und höher, immer höher.

Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und einem alten, ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und beschuldigte sich.

Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende mit dieser Liebe kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte und glücklich sein wollte.

Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte sie. Er sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; er sprach von der Seligkeit des großen Ueberwindens, von der reinen Freiheit der freien, ruhigen Seele, die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen gönnend, -- nichts wollend selig.

Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, ascetischen Worte zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt hatte gegen das »Ueber Bord Geworfensein«, die genießen und leben wollte.

Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos gedemütigt. -- Sie wollte nur Hilfe und streckte die Hände aus und nahm, was man ihr gab: die große, schwere, ernste Gabe.

Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete sich auf, und sie empfing die Absolution ihrer Sünden.

Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in Weimar wieder ein; der Postillon blies und weckte die Schläfer.

Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes Wesen und ging durch enge Gassen und Straßen.

Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus in der Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen Schwestern stand und die beiden Mädchen fest schlafen sah, kniete sie nieder und faltete die Hände, und es war ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen langsam in das tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas so unsagbar Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes. Und es ward ihr weich und weit ums Herz, so frühlingshaft, so werdend, als wenn von einem großen, wunderbaren Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das Beste auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es gibt noch etwas, etwas so geheimnisvoll Unergründliches, was größer als Glück und Unglück ist, was über allem steht, -- etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt einzig und allein im Herzen entsagender Menschen.

Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner Größe erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle Glückseligkeiten.

So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig beleuchtete Stube drei Bräute: zwei glückselige, schlafende, irdische Bräute, -- und eine süße, kleine Himmelsbraut, mit lichtem, klarem Herzen; eine Himmelsbraut, auch wenn sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern hier zu bleiben gedachte, in diesem glücklichen Hause.

Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, -- nichts wollend selig.

Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare!

Kußwirkungen.

Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus gegenüber liegt, da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel mit allerlei Schwänken in der Wünschengasse ihr Wesen trieben, und Apothekers von ihrem Erker, den ein buckliges steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach den Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können, und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke und mit dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die Fabianen und die Kummerfelden und die Kameraden der Ratsmädchen, Budang, Horny und Schillers Aeltester vorüberwanderten, und es überhaupt von all den alten Weimaranern, von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und weiser Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner Gemahlin, einer kleinen statiösen Dame, und seiner Haushälterin.