Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten
Part 4
Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von ihnen verlangte, und waren des besten Willens voll.
* * * * *
So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten konnten. Ist sie groß oder klein, braun oder blond? Das waren die Fragen, die sie nicht beantworten konnten, denn die Großmutter hatte nie von Barbaras Aussehen ein Wörtchen geschrieben.
Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.
Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein Mädchen zu erwarten.
Er wollte es so.
Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch gedeckt, und ein Riesennapfkuchen stand mitten unter den Tassen, wie ein Berg.
Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen.
Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen, aber die Mutter verbot es ihnen.
»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!«
Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten Bäumen, die sich ihrer Farben, ungestört von Regen und Nebel, freuen konnten.
In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober zur Seltenheit; gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen, ehe sie abfallen. Dies Jahr aber war auch ein vortrefflicher Zwetschgenherbst. Die Zweige bogen sich unter der blauen Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur standen heuer acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen aufmarschiert zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die Magd und Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder.
Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und tags darauf das Rühren und Kochen im Waschkessel, von früh morgens bis spät in die Nacht. -- Ein Hauptfest, an dem geschwelgt und geschleckt wurde.
In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte auf der Treppe überhört.
Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich bring' sie euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht.
Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, aber reizend, -- flachsblond. Sie steckte in einem schwarzen, engen Kleid und trug einen großen, schwarzen Holländerhut.
Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. -- »So ein Geschöpfchen! So ein Püppchen!« dachten sie.
Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, und jetzt gab sie den Schwestern die Hand und bot ihnen den feinen Mund zum Kuß.
Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte Händchen nachdenklich zaghaft in der ihren. »Was für Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein Rebhuhn.«
Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, zierlich aufgesteckt.
»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die Mutter; und die beiden waren doch gar nicht übermäßig groß. Sie schaute lächelnd auf ihre Mädchen, die ziemlich verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben der neuen Schwester standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die Schelme, die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen. Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, den sternklaren, dunkel bewimperten Augen, mit den um Stirn und Nacken ganz fein geringelten Härchen, die das Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit den runden Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, aber feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen Röcken so deutlich daherschritten.
Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.
Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu thun, rückten ihr den Stuhl, und Marie führte sie an den Tisch. Die Schwester bat, ob sie sich erst die Hände waschen dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und fragte dringlich nach einem Stück Mandelseife.
Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.
»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife geben!« sagte Marie leise.
Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen Schwester wanderten sie beide hinauf in die Dachstube.
Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken.
Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und Marie nötigten sie gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der Vater hielt auch mit.
»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit diesen beiden großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er auf Marie und Röse, »mußt du nun auskommen.«
Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal.
Und der Vater hatte recht!
Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen und den guten Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen lassend, ließ sich gar nichts Treffenderes von ihnen sagen.
»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen, »von eurer Wohnung aus konnte man die Alpen doch wohl nicht sehen?«
»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.«
»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu gleicher Zeit. »Wie sehen die denn aus?«
Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von zackigen Bergen; auch manchmal wie Wolken und manchmal schneeweiß, wie aus lauter Eis, und manchmal himmelblau. Aber nur bei schönem Wetter kann man sie sehen.«
»So? Warst du auch einmal wirklich dort?«
»Nein, das ist zu weit.«
Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester hatte so eine sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht, und manchmal »halt«, -- das gefiel ihnen; aber sie sprach nur, wenn man sie fragte.
»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was heilen, das wissen wir,« sagte Röse.
Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter die flachsblonden Härchen.
»Bst!« machte die Mutter leise.
* * * * *
Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um sich von der langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen Budang, Ernst von Schiller und Horny voller Neugier und Teilnahme, und die Ratsmädchen lieferten ihnen eine Beschreibung der neuen Schwester.
»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. »Ich sag' euch, so zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! Gehen hört sie kein Mensch; weißt du, ihre Großmutter hat sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und -- komisch! -- einmal hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder ›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. Ihre alte Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«
»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse beschämt. Die Orthographie war auch ihre und Maries stärkste Seite nicht.
Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube schlichen, schauten sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre Schwester in tiefem Schlafe lag.
»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.
»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« meinte Röse.
Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den Schlaf der Gerechten schliefen, wusch und kämmte sich die sanfte, fremde Schwester lautlos.
Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie eine Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, betete ihr Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür und begab sich geradenwegs in die Küche.
Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen wollte, fand sie die Magd und ihre neue Tochter schon in voller Arbeit.
»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach deiner Reise!«
»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen freundlich.
Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, ohne zu fragen, immer etwas zu thun.
Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm das stille Mädchen die erste Stelle ein. Röse und Marie aber sahen die ganze Muskocherei für einen ausbündigen Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen während der Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten sich auf ihre Art.
Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und Zeitvertreib bei der Arbeit.
Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen ihren Hausgeist »benamset« hatte. Es war auch, als wäre bei Rats wirklich so ein Seelchen eingezogen.
Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich groß, wenn man bedachte, daß die von dem zierlichen blonden Mädchen ausging.
Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde viel weniger im ganzem Hause gerufen und verlangt.
Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist sauber aufgeräumt zu finden, wenn sie nach dem Frühstück in ihre Stube kamen, um ihre Betten zu machen. Und nicht nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die allersorgsamste Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und wie sie nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit, gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.
Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren Gang.
Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete freundlich, wenn es gefragt wurde, war immer gleichmäßig liebenswürdig, hatte aber ein ganz undurchdringliches Wesen.
»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach einigen Wochen kaum bekannter mit ihr, als am ersten Tag, und wurden doch von ihr verwöhnt, daß es eine Art hatte.
Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke, lange Haar, was bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte ihnen die Kleider, half ihnen nähen und schneidern und saß bis an die Ohren und mit einem rührenden Eifer in Röses Ausstattungsarbeiten.
Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander durch den Park.
Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts von dir. -- Wir haben dich doch lieb, -- erzähl doch!«
Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an. »Wie denn? -- Was denn?« fragte sie.
»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel älter als wir; warst du denn nie verliebt?«
»Nein.«
»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?«
»Nein.«
»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast du denn nie getanzt?«
»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon mitgegangen; aber ich wollt' halt net. Ich hatte Angst, daß die Großmutter sich verderben könnt'.«
»Aber sonst hättst du's gemocht?«
»O ja, warum net?«
»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse.
»Ja.«
Da war die Unterhaltung wieder aus.
»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten sie nach einer Weile.
»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren, und jeden Tag durfte ich in die Messe gehen.«
Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen Frauenkirche, den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen, dem wundervollen Gesang, der mächtigen Orgel, den vielen Menschen, dem Weihrauchduft und den vielen, vielen Grabkugeln am Karsamstag.
»Ja, das war wunderschön!« sagte sie.
»Sehnst du dich danach?«
»Manchmal.«
»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn nicht traurig darüber?«
»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete sie kurz.
»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen die Menschen einen trösten. Uns wenigstens kannst du alles sagen. Wir sagen auch alles.«
»Bist du nicht einmal in München in der Komödie gewesen?« forschte Marie.
»Ja, einmal.«
»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?«
»Passabel.«
»Und was sahst du denn?«
»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar nimmer.«
»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar nicht!« meinten sie verwundert.
»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander einmal in die Komödie, wir und Budang und die andern, da wirst du sehen, daß es hier nicht nur ›passabel‹ ist.«
Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren Streichen: wie sie mit Budang, Ernst von Schiller und Horny aller Nasenlang durchs Hinterpförtchen ins Theater geschlüpft seien, -- und wie herrlich das war. Sie berichteten ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August, wie der sie beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei ihrer Schwester kein besonderes Verständnis.
Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich gehabt habe, trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr gute Frau gewesen sein mußte. Die Schwester that ihnen leid.
Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen, sagten sie ihm: »Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie die Schwester, weil ihnen das gefiel, »ist eigentlich wie ein altes Weibchen aufgewachsen. Sie versteht uns gar nicht, das arme Ding. -- Und so verschlossen wie sie ist! Weißt du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch sehr mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders »nett« mit ihr zu sein.
Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen gemacht, als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit als etwas ganz extra Mitleiderregendes hingestellt hatten.
»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter aus als wir.«
»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei Waben zu machen.«
»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er konnte sich's doch nicht verbeißen.
Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie glaubten an ihn.
In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten sich alle, es der fremden Schwester recht ans Herz zu legen, was sie schön fanden. Sie hatten sie in die »Zauberflöte« geführt.
Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben während der Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt.
»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse stieß ihre Schwester leicht an.
»Du schläfst ja!«
»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.«
Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah nur nieder.
Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst du denn nicht auf die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester, der da singt.«
»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres, als die Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!«
Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang zu, der hinter ihnen saß.
Und Budang nickte dazu.
Er sprach dann in der Pause mit Waben über die Musik. Sie sagte ihm: »Ich wollte, die Großmutter hätte die Musik bei ihrem Tode hören können, -- das wär' eine Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!«
Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen.
»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse und Marie haben's erzählt.«
»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. -- »Da gibt's kein Wort dafür! Wer das mit angesehen hat, den freut nichts mehr.«
Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf ließ, seit sie von daheim fort war.
Das hatte die Musik gethan.
»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang.
»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten, und ich soll net mal dran denken können? Hier wird's einem, als wär's erst gestern geschehen, -- und das ist gut. -- Die armen Seelen brauchen unser Mitleid. Sie werden überall zu schnell vergessen.«
Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der Abgeschiedenen.
Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die armen Seelen«, das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie aus einem uralten Märchen. Ueberhaupt, obwohl die Waben ein tüchtiges und zuverlässiges Hausmütterchen war, würden sich die Ratsmädel nicht gewundert haben, wenn es sich herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist sei, ein armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen immer fremder.
Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie bedrückt und kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl.
Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle Klosterspitzen nach einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht hatte.
»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?« fragte Röse.
»Wär' net übel,« war die Antwort.
Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers Adele eingeladen und kam so in den Kreis der geistreichen jungen Damen, die alle um einige Jahre älter als die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen ihrer Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie aber alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen Wittumstreppe indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt, Liebesbriefe waren es auch im eigentlichen Sinne des Wortes nicht, sondern vielmehr sprachen die jungen Damen sich gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen Episteln aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen, das größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die Treulosigkeit der beiden Schelme.
Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte dieser jungen Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge; die Waben war nur durch die größten Ueberredungskünste ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles Kränzchen zu besuchen.
Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu gehen. Die langen Zuredereien und das Drängen hörte von selbst auf. Sie ging still und kam still, sprach über nichts, was sie dort in der Gesellschaft erfahren hatte, -- aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen gekommen zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei Rats ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter meinte: »Laßt sie -- fragt nicht!«
Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig diensteifrig.
Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes Kind; wie ein Sonnenstrahl, so still und gut!«
Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen.
Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre aus dem jungen, pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen geworden. Sie blühte wahrhaft auf und wurde jeden Tag reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf- und hinablaufen. Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und Röse und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das Haar machte.
Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie dazumal, als ihre Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen hatten, zum erstenmal im März ganz unvermutet im dunklen Bauer die ersten leisen Töne hören ließ.
Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern, die aus der dunklen Ecke kamen, erbebt.
Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte.
So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu Schopenhauers gegangen, und spät abends bei Mondenschein und Winterkälte wandelte sie über hartgefrorenen Schnee am Arm eines jungen Mannes, der sie von Schopenhauers heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der Esplanade zur inneren Stadt führt.
Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte das schon öfter so gethan; es war ihm zu einer angenehmen Gewohnheit geworden, das liebliche Geschöpf heimzubegleiten. Sie hatten keinen besonders weiten Weg vor sich, aber sie verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch nie so viel hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke, die zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern lag, -- und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Bei dem hellen Mondlichte war zu konstatieren, daß die Waben einen durchaus nicht ungefährlichen Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem prächtigen Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken; dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und galant in der Art, wie er mit dem kleinen Persönchen sprach, sich zu ihr neigte und ihr Geplauder anhörte.
Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel.
»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen sein! Ich fühle Ihren Arm nicht mehr als eine Feder.«
»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl klein; aber da ist nun nichts zu machen.«
»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß genug sein,« erwiderte er.
»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem Mädel doch Respekt haben, und sie soll ordentlich arbeiten können. Ich bin freilich viel stärker, als ich ausseh', gottlob! Sonst könnt' ich mir das Salz zum Brot net verdienen.«
»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?«
»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim schlafen und essen, wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's verdient? Was denken Sie denn? Halten Sie uns Mädel für Tagediebe? Oder für was denn?«
»Sie sind so tapfer, -- so tüchtig, -- so anders, als die Mädchen gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein wirkliches Menschenkind, Sie Elfchen?« sagte er zärtlich.
»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine Schwestern nicht?«
»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit vier Wochen hier, aber Ihre Schwestern hab' ich nun noch immer nicht kennen gelernt.«
»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide so fleißig und tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen Tag zu lachen gibt, -- und so wunderschön! Wissen Sie, sie sind das Schönste und Beste, was es auf Erden gibt.«
»Die eine ist verlobt?« fragte er.
»Ja, die Röse. -- Sie glauben nicht, wie gut sie mit mir waren, vom ersten Augenblick an, wie große Kinder. Sie sind so freundlich, wie halt eben nur Kinder sind.«
»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen. Sie erlauben mir, Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern meine Aufwartung mache?«
Die Wangen des Mädchens glühten.
»Gewiß!« sagte sie.
Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte sie. An seinem Arme wußte sie das nie. Er sprach so zärtlich. Das war wie himmlische Musik. Gott, daß es solches Glück auf Erden gab!
Jetzt standen sie an der Hausthür.
»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus im Schlosse. Sie sind mit bei dem großen Aufzug.«
»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen wir uns die Schwestern doch miteinander anschauen. Sie finden mich auch auf der Galerie; ich beschütze Sie, und ich verteidige einen Platz für Sie.«
Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz.
»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er.
»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.«
»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes Mädchen! Sie sind so gleichmütig!«
»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie lächelnd und schloß dabei die Thür auf.
Er wollte etwas darauf entgegnen.
»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand zum Abschiede. »Man muß der Wahrheit die Ehre geben. Ich bin schon ein bisserl langweilig.«
»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.
»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«
Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, dunklen Hausflur und hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.
* * * * *
Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben im Kirstenschen Hause und in der ganzen Stadt Weimar, denn es war der große Tag, an dem abends im Schlosse der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der Kaiserin-Mutter, Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.
Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, nichts weiter gehört und gesehen, als Vorbereitungen zu diesem großen Feste. Allen schönen und weniger schönen Mädchen und Frauen aus der weimarischen Gesellschaft war das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer Kaiserin sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem Pathos in jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, ohne Ende dasselbe, immer wieder von Anfang an; unermüdlich, zum Haarausraufen. Jeder und jede war wochenlang von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden bedeutenden Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, wie von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren gab eine gewisse Beruhigung.
Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von den Proben, die Goethe selbst überwachte.
Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm gespreiztes Ansehen bekommen, wie noch nie etwas derartiges zu stande gekommen war. Die weimarische Glorienzeit sollte darüber liegen wie eine schwere, duftende Weihrauchwolke; die Weimaraner sollten in ihrer eigenen Herrlichkeit wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.
Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des Riesenreiches produzieren!
Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete, was für Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm ausgebrütet worden war.
Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen, ungeschickten Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen.
Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug daran gewesen sein, die Hoffnung und die Geduld zu verlieren; denn was die Weimaraner thaten, und wie sie sprachen, war natürlicherweise himmelweit von seinem Ideal entfernt.