Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten
Part 3
Da mit einemmal ein Zappeln, ein Strampfen, ein Bocken und Stampfen, und wie aus einer Trompete, ein urweltlicher, scheußlicher Ton, und -- ein Gelächter! Budang war's, der lachte.
Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet und beleuchtete -- ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt auf vier hohen, sparrigen Beinen stand und seinen Riesenkopf mit seinen Riesenohren vor sich hin streckte und horchte.
»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst.
Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge Scheusal hopsend und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit vorgestrecktem Kopf in die Nacht und in den Park hinein.
»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine ›Muffel‹, der ist dem Pächter entwischt!«
Sie blieben alle still und betreten, also müsse noch was kommen; zu einem wirklichen herzhaften Gelächter brachten sie es nicht. Es lag etwas in der Luft, so etwas Rauschendes, Werdendes, -- so etwas Banges, Wehes. -- Auf Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall an, an die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die Gräber, -- denn es war heilige Osternacht, wo die Toten auferstehen!
Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen, -- Käuzchen, -- verliebtes Nachtgetier.
Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die Schritte waren unhörbar auf dem moosigen Rasenboden. Eine moderige Feuchtigkeit stieg auf.
Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand.
»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor Goethes Gartenhaus alle Morgen gekehrt wurde? Daß ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt hat? -- Glaubt ihr das?«
Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht der stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen.
Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst einmal gesehen; die Schopenhauern hat's erzählt, und die weiß auch, wer's gewesen ist. Beim ersten Morgenschimmer hat er das Mädchen getroffen, wie sie gekehrt hat, -- und da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele und ist zusammengesunken wie ein Wisch; und eine alte Frau, die wie ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat etwas gemurmelt, wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig is!‹ Dann sind sie nie wieder gekommen, und das Kehren war aus!«
Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben. -- »Ja, wißt ihr denn das nicht?« rief Marie unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern gesagt, daß das nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit saß, hat es sich ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt, -- so wie ein Kätzchen, -- oder wie ein Mädchen, das ihn lieb hatte und für ihn gestorben ist. Einmal hat er auch, als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm gesehen, der sich über seine Brust spannte, -- nur einen Arm und eine Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten ging, da soll etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes. Es haben's auch andre Leute gesehen und sind davor erschrocken. Ja, es war oft jemand unsichtbar um ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist und ihn so übermannt hat, wie der Schauer, wenn das Wundersame bei ihm gewesen sei. Und an dem Morgen, an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen hat, da soll er ganz verstört gewesen sein!«
Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit zu haben; alle unterhielten sich weiter über geheimnisvolle Dinge. Jeder hatte etwas zu erzählen.
Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim Umzug als Feder nachfliegt und im neuen Hause wieder mit einzieht; die Beutlersleute, die über Kirstens wohnten, kannten einen in ihrer Familie, der auf Spinnenbeinen ging und eine Zipfelmütze trug. -- Im alten Rattenneste Weimar spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab es keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht irgend etwas nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein altes Haus, in dem es ganz einfach geheuer war, und keine adelige Familie, die nicht gerade so wie ihr altes Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß. Das heißt, auf den Familienspuk war bei weitem sicherer, als auf das Familiensilber zu rechnen.
Und so strichen unsre Fünf im nächtlichen Grauen auf den einsamen Parkwiesen hin und her und betraten nun mit abermals klopfendem Herzen die dunkelsten, geheimnisvollsten, überwachsenen, feuchten Wege an der Ilm, um trotz allem der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade dort, hieß es allgemein, sollte sie spuken.
Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung ziemlich von oben herab von diesen Dingen, waren aber wiederum um nichts weniger eifrig und weniger erregt, als unsre Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die Borkenbrücke und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und Büschen bestandenen Abhange hin, und kaum waren sie hier eine Strecke in tiefem Schweigen geschlichen, -- denn es war eine so feuchte, monddurchschienene Einsamkeit, als wäre jahrhundertelang hier niemand gegangen, -- da standen sie alle mit einem Schlage wie gebannt!
Nahe, -- in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand aufgestöhnt, und sie hatten alle deutlich gehört, wie etwas, das in den Büschen steckte, so recht verbissen und verzweifelt zwischen den Zähnen »verdammt!« gezischt hatte. »Verdammt!« deutlich »verdammt!« nichts weiter, und dann wieder tiefe, tiefe Stille auf allen Seiten.
»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd.
Alle hielten den Atem an und horchten.
Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen schien indessen auch zu horchen.
Totenstille!
Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen würde, -- denn da war etwas, -- das war sicher!
Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen wie die Bildsäulen so starr, -- ganz Erwartung! Dasjenige, das in den Büschen auf so sonderbare Weise »verdammt!« gesagt hatte, mußte sicherlich in Verwunderung geraten sein, was mit den vielen Schritten, die es doch kommen gehört hatte, geworden sei.
Jetzt aber, -- was war das? -- Ein Fiepen, ein jämmerliches, sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel, oder quietsche ein Wägelchen, oder auch als wimmere ein Hund unter ganz besonderen Umständen!
Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es durchaus nicht unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie fiepe, oder wie durch eine Flasche rede, hatten sie ja gewußt!
Das war das Entsetzliche!
Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das, was im Gebüsch steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte.
Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer gepackt, mahnte Röse: »So kommt doch!« Und sie war's, die sich wieder auf die Beine machte, ohne auf die andern zu achten, die ihr schleichend folgten.
So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige Schritte, mit klopfendem Herzen und stockendem Atem. -- Dann ein gewaltiges Rascheln im dichten Gebüsch, -- ein furchtbarer Schrei, -- ein Springen, -- ein heiserer Laut, -- und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem großen, dunklen Mantel umfangen wurde. -- Ein ungeheurer Schreck! -- Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles!
Marie schrie verzweifelt auf.
»Ruhig, -- ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was macht ihr denn hier? Röse, um Gottes willen, wie kommst du hierher?«
Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien zu flüstern und war immer noch in dem großen Mantel verschwunden. Und jetzt, -- ein zarter, zarter Frühlingslaut, -- so süß, so wunderlich, -- ein Laut wie ein Kuß!
»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt. »Der lag hier auf der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße Wort hatte sich ihr im Schreck und in der Ueberraschung gebildet.
Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Aerger und in der Erregung über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte, die ihm den Fuchs verscheuchten, die Schnauze zugehalten hatte, wedelnd an Marie in die Höhe.
»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt, erschüttert, doch auch unwillig aus dem großen, dunklen Mantel heraus. -- »Was fällt euch denn ein?«
»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten, »daß wir ausgerissen sind.«
»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise, »sie sind ja mit +uns+; -- und wenn +wir+ dabei sind, dürfen sie alles! -- Frau Rat hat es ihnen ein für allemal erlaubt.«
Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die die beiden Mädchen hatten, lächeln.
In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine überzeugende Vortrefflichkeit, -- so eine unantastbare Treuherzigkeit, -- daß jedes weitere Wort, jeder Unwille und jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der Adjutant schüttelte Budang die Hand und begrüßte die beiden andern, währenddem er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ.
»Also die Göchhausen wolltest du sehen? -- Für so etwas hattest du also doch noch Raum?«
»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft -- »lagen da doch des Fuchses wegen?«
»Ja, mein Herz, -- weil ich's daheim nicht aushalten konnte. -- Was denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!«
»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.«
Und nun gingen sie alle miteinander und brachten die leichtsinnigen Dinger, die Ratsmädchen, heim in die Wünschengasse.
Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren Kameraden, -- wie gut sie immer wären, wie lustig, wie treu, und was sie alles von ihnen gelernt hätte, besonders von Budang.
Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus, das voller Liebe und Freundschaft war, voller Anhänglichkeit, -- und erzählte alle möglichen dummen und lustigen Streiche.
Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn, auch ihre Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so klug! Solche gibt's nicht wieder!« rief sie.
Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu.
Das war Frühlingsreinheit, -- Frühlingszartheit, -- Frühlingswonne!
Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell.
* * * * *
Viele, viele Jahre sind vergangen. -- Die Jugend vieler Millionen Menschen ist verweht. -- Es ist alles anders geworden.
Röse ist nun eine alte Frau. -- Was das Leben ihr gab, hat es ihr längst wieder genommen. Sie hat alle Freuden genossen und alle Freuden mit Leiden gezahlt -- nach Menschenart. Sie ist unendlich geduldig geworden. Sie kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich wiederholen sehen, immer von neuem. -- Sie ist gut, still und heiter und lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die schöne, alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch, -- sonst nirgends!
Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von fremden Dingen, die sie nichts angehen.
Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift sie oft, -- aber da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, was geschieht.
Geduldig werden, -- geduldig werden, -- geduldig werden! darauf läuft's hinaus.
Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird sie gepflegt. Ihre Enkelin sitzt bei ihr am Bette.
Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher Sturm, der breit durch die Straßen fährt.
Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.
Da, -- was ist das?
Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch munteren Pfiff zu ihrem Fenster herauf; ganz wie damals in der Wünschengasse, als sie beim Fasanenessen saßen.
»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise bewegt zu ihrer Enkelin, -- »das ist Budang!« Und wie ein milder Glanz geht es über das Gesicht der Greisin. -- »Das ist er!« nickte sie träumerisch.
»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er uns abholen wollte; so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob der Vater nicht mehr daheim sei, und ob er mit den beiden andern heraufkommen dürfe!«
Da thut sich die Thür auf. Ein schöner, kleiner, alter Mann tritt ein, in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; so tadellos, daß es sofort wie etwas Besonderes auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf mit lebendigen, geistvollen Augen, -- und seine silberweißen, dichten Locken liegen ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. -- Er hat eine Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.
»Wie geht's der Röse?« fragt er.
Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.
»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Thränen im Auge, »du kannst ja noch deinen Pfiff!«
»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den »Budang« nannten, »das freut dich?«
Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten und machten miteinander einen weiten, -- weiten Ausflug in die gute alte Zeit.
Und das war die beste Medizin.
Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner alten Freundin in Sorgen und Bangen kam; -- aber zuletzt, da hatte er's gefunden, was ihr wohl that.
»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, -- du treuer Mensch!«
Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, -- treu in großer, wahrer, seltener, starker Freundschaft.
Das dritte Ratsmädel.
Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester, die sie wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon als Kinder oft in der Dämmerung sich von ihr unterhalten, wenn der Schnee fiel, und sie daheim still in der Familienstube stecken mußten. -- So eine unbekannte Schwester zu haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch etwas höchst Merkwürdiges!
Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester gesprochen; es war ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten sie sich Märchen.
Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee fallen! -- Sie mußten in der Dämmerung sitzen, und niemand durfte sie beachten; dann kam die Schwester dran, und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl aussehen könne.
Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die Tochter aus des Vaters erster Ehe, und nach ihrer Mutter Tode von ihrer Großmutter mit nach München genommen worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete, hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten.
Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester Barbara schreiben gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst aus dem fernen München alle Weihnachten an den Herrn Vater und die Frau Mutter nach Weimar.
Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit wunderlichem Schauer.
Einmal schrieb auch die Großmutter.
»Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn!
Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht, woraus ich sah, daß es Ihn und der Frau und den guten Kindern wohl und gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man wird ein alts Möbel, das heißt, um von mir zu reden. -- Waberl wird groß. Sie tritt die Kindsschuh aus. -- Kurios, was für ein ruhiges Mädel sie immer war. Grad als wenn meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre alte Mutter in Voraussicht so geboren hätte.
Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das müßt' ich lügen.
Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit Jahresfrist jetzt unser Quartier.
So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt.
Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf dem kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹
Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber es ißt doch gut wohnen. -- Fünf Fenster in Front, drei Fenster die große Stub und zwei Fenster die Schlafstub, dazu Alkoven, ein kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und Speicher. Kurz alles, was der Mensch braucht -- und das Glockengeläute obendrein.
Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das ißt ein Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht.
Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind.
Herr Sohn mögen mir nit zürnen.
Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm geraten. Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust. Die Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche Sach und wäre dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich bietet, wie ißt Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind, und ein Gang zu guten Freunden, und ein gut Obst und ein gut Bier. Gottes Gaben sind verschiedenerlei.
Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich ißt gut.‹
Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt. Und eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel zu schiegen und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der Herr Gott sie in seiner Laune gemacht hat.
Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau daß Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen, damit es ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das Bildnis der heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den Hals, was bedeutet, daß sie besonders dem Schutz der heiligen Jungfrau anvertraut ißt.
Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen sie unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen, aber ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie den weltlichen Dingen entrückt.
Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine Gabe an sich, die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie hat eine gesegnete Hand. Und das ißt so gekommen: Ein Kindel in unserm Haus hatte die Fraisen und war gottserbärmlich geplagt. Zufällig hat die Waben das Kindel in die Arme bekommen und hat's umhertragen un gestreichelt un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und wenn's wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst nach der Waben geschickt -- dann hat's sich rumgeredet und es sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf hatte, und Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch das Mäderl ißt gesund worden.
Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder Wäsche flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und es kommt eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter und will sich von der Waben kurieren lassen.
Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von Uebel sein?
Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, -- wenn's so still und brav dahinlebt.
Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich hab' Ihm von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen, wie's in die Höh gewachsen ißt, -- und damit Sie, wenn ich das Zeitliche gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu sich zu rufen.
Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang des freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie von uns alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die liebe Frau und die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens verbleib'
dero
Großmutter.«
Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen wie ein Märchen wirkte.
Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das von einer Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu haben, die eine Mutter Gottes am Halse trug, eine katholische Schwester! Sie sprachen von dem fürchterlich lauten Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und daß sie mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen.
Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen mußte!
Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst, der waren sie auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn sie erwarteten immer etwas Merkwürdiges von ihr. Den Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in ihr Gebetbuch geschaut, -- und sie hatte ihnen einmal das »Heilig« vorgesungen, -- etwas ganz Außerordentliches.
Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck. -- Häulig! -- Häulig! -- Häulig! kam es wie aus einem tiefen Keller herauf.
Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe.
Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten Keller -- und so fort. So sang es die Magd ihnen vor, und sie selbst hatten es bei Spaziergängen oft zu singen versucht.
Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt worden.
Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die Weimaraner zu jener Zeit hatten von »dem Katholischen« keine rechte Idee.
In Weimar gab es auch keine katholische Kirche, und die Magd mußte jährlich einmal nach Jena wandern zur großen Osterbeichte. Da kam sie ihnen vor, wie eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben; und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu beichten.
Sie beneideten sie.
Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande sei's gesagt, dann ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres als eine Predigt schienen ihnen auf der Welt nicht zu existieren.
Das war das Längste.
Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten ihnen zum Trost, wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige Blumenbouquetchen zum Mitnehmen, oder Budang schnitt ihnen ihre Namen besonders kunstvoll aus, oder auch gaben sie ihnen Malzbonbons mit.
Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres: zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten; dann war es ein großes Fest neben dem Fest, denn da gingen sie alle miteinander.
Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief der Großmutter erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse und Marie lasen auch diesen. Das war auch ein sehr merkwürdiger Brief. Die Großmutter schrieb:
»Hochverehrend libswertester Herr Sohn!
Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir.
Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges Engerl zu sein, das arme Mädel.
Herr Sohn, -- 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's gehört, wenn der Herr Gott ein End machen will.
Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer, der mir und dem Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt. -- Um meinet und Ihres Willen mög's nun genug sein. Sie pflegt mich wie eine heilige Nonn -- Gott sei's geklagt.
Da gibt's nix. -- Ungeduld kennt's scheint's nit -- und wenn ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz.
Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich, geschweige vor ein menschlich Wesen.
Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig Jahr -- und so mög' es dem Herrn gefallen, mich baldn zu erlösen, das wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere und stehn ihr die Ohren voll Tag und Nacht.
Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches halten im Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter. Das walte Gott.
Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr Sohn und die lieb Frau und die Kinder
In Todesnot und Jammer
Die Großmutter.«
Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen!
Und sie würden nun zu »drei« sein!
Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über alles Maß außerordentlich.
Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren Bräutigam Ottokar Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach mit dem Großherzog war und auch noch bleiben mußte, zu Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude.
Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem. Sein Hauswesen sollte wie am Schnürchen gehen.
Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit Bangen entgegen.
Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich mein',« sagte der älteste, »wir hätten Weibsleute genug. Röse und Marie zählen doppelt.«
Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber auch sie sah dem fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde es ihr bei ihnen gefallen? Würde sie mit ihren Kindern Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine gute Mutter sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen haben? Auch die katholische Religion machte sie besorgt. Es war alles gar zu fremd.
Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, keinerlei Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also du machst ja wohl alles und richtest es ein.« Das war das einzige, was er über diese Angelegenheit zu seiner Frau sagte.
Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten das ganze Haus, vom Keller bis zum Boden, und richteten miteinander das Bett der neuen Schwester in der großen Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.
»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die Mutter. »Sie muß bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, daß sie Schweres durchgemacht hat, und die traurigen Gedanken kommen über Nacht.«