Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten

Part 10

Chapter 103,769 wordsPublic domain

Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten, in ihren köstlichen Gärten! O, welches Behagen! Ich denke an den alten Doktor Tiburtsius in den Kußwirkungen, der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen runden, kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem duftenden, Grün strotzenden Garten verbringt -- und wie er dann später entdeckt wird! Und daß ich es nicht vergesse, Goethe und Karl August sind auch dabei unter diesen alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut auch, und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der Kummerfelden, ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt.

Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch anmarschiert, und Franz Horny und Schillers Sohn, die Kameraden der wilden Ratsmädel, die der alten Jüdin alle weimarischen Esel über den Hals gejagt haben -- und das dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit kommt, das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten Leben neidlos steht -- und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling, der seine schauervolle Johannisnacht mit seinem süßen Bräutchen, dem würdigen katholischen Geistlichen, den glotzenden Hausleuten und dem Tod oben unter dem Dachraum des uralten Hauses zu Ende feiert.

Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof« heißt, seh' ich dort -- und ich rufe: O, du meine arme kleine Olly! Du weißt es, wie bitter schwer das Weib zu tragen hat, wenn es mit ganzer Seele die Kunst liebt -- und jung ist und leben möchte -- und aus einem Zärtlichkeitstraum, aus so einem weichen, weichen Traum in der Ehe erwacht.

Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei dir daheim sonderbar zu! Mit welchem Lärm und Getöse rangierten die hyperästhetischen Naturen, die aus der Kunst doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein und feurig geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem Haushalt!

Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben!

Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht und Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen Herzen!

Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen, am Besten hier auf Erden teilzunehmen!

Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet mir -- Dorothea in »Reines Herzens schuldig«. Sie ist so ganz in Liebe erwacht, in heißer Liebe -- und muß in einem Leben verschmachten, das ihr nichts bietet, kein Glück, auch nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte.

Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und hoffte, dies Buch würde von guten Menschen gelesen, die sich mit dem Gedanken trügen, wie man den Vernachlässigten, Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein die arme Dorothea Zeugnis gibt, helfen könnte.

Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu meiner größten Freude erfahren -- und ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht ein wenig prahlen soll, weshalb ich nicht ein paar von jenen Briefen und Zeilen hier wiedergeben soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten und sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten ins Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen Lebensabriß lesen, doch auch eine Ahnung bekommen, was für ein glückliches Menschenkind ich bin.

»Berlin ... Reichstag.

Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes gar nicht. Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal hintereinander. Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht. Sie sprechen einmal: ›Wenn du den Dichter findest, dem es gelungen ist, das tiefste Leiden versöhnend darzustellen, den halte fest wie einen Freund.‹

Möge Ihnen -- in Leben und Kunst -- das hohe Ziel zu teil werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und eines Mozart!«

Ein andrer Brief:

»Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch. Ich habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe von Ihnen. Jedes Wort eines Dichters, das mir seine Seele offenbart, nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares Geschenk entgegen. Nicht viele geben so viel wie Sie. Eines Abends, wenige Tage vor dem Fest, las ich Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr übermächtiges Empfinden riß mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle auszusprechen, begeisterte mich. Zugleich dachte ich mit Bangen an das Schicksal dieser Bücher; mir war's, als sähe ich sie schutzlos in der Welt umherirren; ich wünschte innigst, daß sie zarte Finger und warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch Ihre Dorothea wird nicht oft verstanden werden; die freie Menschlichkeit hat so wenig Raum in dieser verschnörkelten Welt.«

Und noch ein +dritter+ Brief von einem Arzt.

»An die Schriftstellerin Helene Böhlau.

Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen, wie Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte im Bunde sein; auf mich ist von dem Glücke übergegangen, das zwischen den beiden erstehen durfte. -- Das will ich nicht vergessen und Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich zu den zwei Menschen führten, bei denen ich rein und gut sein konnte.«

So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende gebracht und könnte noch ein ganzes Weilchen fortfahren, doch möchte ich nicht, daß jemand meine Skizzen unmutig aus der Hand legte, und ich will mir meine Freunde erhalten.

Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht zu den trübseligen. Ich habe sie ausgespickt mit allerlei lustigem, freundlichem und thörichtem Volk. Da ist ein Herr von Bublitz, ein fetter Schlingel, der dem Wohlthätigkeitssport obliegt, da ist ein prächtiger lustiger Onkel, schöne Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche Hochzeitsgesellschaft, die des Guten zu viel gethan hat.

Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus Stambul, wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner Umgebung, alles wächst und blüht und duftet und leuchtet, und die Menschen wachsen und blühen mit und werden freudig und gesund. Es sind gar liebe Leute, die »im frischen Wasser«.

Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den andern, dem guten Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit seiner kleinen überspannten Käthe.

Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden miteinander. Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen Herrn ein Lebtag im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im Alter zu einem Landhaus und köstlichen Garten, so daß das schwärmerische Persönchen in einer Glücksfülle steckt, die sich ganz wunderlich ausnimmt. Ein widerwärtiger, langbeiniger Ladenjunge schleicht hinter der kleinen Alten her, trägt ein Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als Buchzeichen steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal.

Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«, Leute, die mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind. Laßt es euch sagen, vom alten Kutscher Jermak, wie er über seine Herrin denkt, über ihr Kindchen, wie er von den verlassenen Mädchen spricht, von Gott und der Welt, den Popen, den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der Schwester Jekatherina, spricht.

Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt, diese herbe, vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine Frau, in der der Geist mächtig wurde, eine Herrin des Lebens. -- Und Christine, du Reine, auf dich kam die größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der gebildeten Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach hat noch jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. -- Dich nicht!

Frei hältst du dein Kindchen im Arm.

Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen über dir; aber in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf sonnig klar geworden. Auch du bist Herrin geworden, dein Kind ein Königskind -- das Kind des freien, ungebeugten Weibes.

Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden hast? dem Manne aus dem Volk, dessen Gesicht immer zur Erde gekehrt ist, und doch so heiter blickt wie der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir, dem armen gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk den Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. -- Nicht wahr, er hat dich und dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern, in seinem Haus warst du frei und unbescholten?

Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren menschlicher. -- Bei ihnen hatte das Weib schon gesiegt.

Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen anempfehlen. Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu verstehen. Sie sagen auch viel mehr, als es auf den ersten Blick scheinen möchte -- viel mehr. --

All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind der Ausdruck eines so überaus reichen, lebendigen Lebens, der Ausdruck einer Seele, die durch Schweres ging, die Schweres kannte und fühlte, die aber im tiefsten Grunde glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste Glück zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der in seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem Wissen und seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer wunderbaren Fülle sie belehrte, dem sie alles dankt -- auch alles Glück auf Erden, Freund, Lehrer, Gemahl zugleich -- und jede Stunde segnet sie, die sie beisammen sind.

Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so glücklichem Leben, mich mit solchem Volk zu befassen?

Ich begreife es heut noch nicht.

Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe solch ein Kauz sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken sollen, -- denn ich war so faul, so wundervoll faul!

Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück, denn sie war charaktervoll diese Faulheit -- sie war etwas! -- Da gab es nichts auf Erden, was mich hätte zu irgend einem Fleiß anspornen können.

Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt werden sollte, sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel zu klein,« und blieb bei dieser Meinung und lernte keine Verslein wie andre brave Kinder.

Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen Kindern während ein paar Vormittagsstunden das Spielen gelehrt wird, auf Kommando in Reih und Glied; ich sollte alles genießen, was die Zeit einem jungen Menschlein bietet. Aber diese ernste Spielmaschine erschien mir abschreckend; ich empfand eine Scheu vor den schon abgerichteten Kindern, die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu singen, die es verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt und getadelt wurden. Das alles geschah in einem dämmerigen, staubigen Raum, es war mir, als würden da schreckliche Dinge getrieben.

Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen, die mich beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen Eindruck. Sie drückten mir eine Puppe in die Arme, eine fremde, mir sehr widerliche Puppe in einem Ballkleid mit einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie ich sie mir nicht dummer vorstellen konnte.

Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde und sagte, daß man nur Kinder tragen könne, keine großen Leute, die Puppe wäre eine alte Frau.

Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in einen Kreis treten, den die Spielschüler bildeten, und solle so thun, als grübe ich im Sande und pflanzte eine Blume, dann solle ich mich anstellen, als nähme ich einen Rechen, damit der Sand wieder geglättet werden könnte. Die Kinder würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles ausführen, ich hätte es nur nachzumachen.

Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir, die Kinder erschienen mir immer unheimlicher, das ganze Thun immer sinnloser, die Stube immer düsterer; da sah ich eine Thür offen, lief schreiend hinaus, die Treppe hinab, hinter mir her die Lehrerin; ich war aber flinker.

Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen brachte niemand es dahin, mich zu einem zweiten Besuch dieses unheimlichen Instituts zu bewegen.

Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich war ein zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte mit meinen zwei Schwestern den ganzen Tag in unserm hübschen Garten, hatte meine wundervolle dunkle Ecke unter einem Holundergebüsch, in die verkroch ich mich, und stundenlang harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es mir da unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase, ein Löwe oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging mir die Zeit aufs angenehmste.

Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß es unmöglich sein würde, aus der Schule auszureißen. Das war mir schrecklich zu hören.

»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der Kindergarten lebte mir in düsterster Erinnerung. Und ich kam in die Schule. Der Lehrer verkündete mir, daß ich ihn »Sie« zu nennen hätte.

Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte nach, weshalb ich dies thun sollte, und vergaß es darüber; ich konnte mich auch in die Schule nicht hineinfinden.

Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch nicht im geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in den untersten Klassen benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«, machte mir Spaß, da war ich dabei.

Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste.

Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es, wenn der Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren Weg durch die Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche Langeweile, ich hätte weinen mögen. Da kam ich auf einen glücklichen Gedanken: ich stellte mir vor, in unserm Garten in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt auf der Schulbank, stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im Grünen in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue Luft blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam, wußte er natürlich nichts, wie es auch einem guten Hasen zukommt, und das erwies sich als sehr übel für seinen Ruf. Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme Hase sollte sagen, aus was der Mensch besteht -- und blieb die Antwort schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und keck um ihn her in die Höh', ein ganzes Feld, und nickten und schnickten, und die Bravste sagte im schulgemäßen Ton: »Aus Leib und Seele.«

»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte hinzu: »aber die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten alle, und der Lehrer verwies mir solch dummes Zeug.

»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer unwahr.«

Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem Lehrer eine längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte wissen, was die Seele ist, wollte erfahren, woher man weiß, daß man eine hat, wollte wissen, weshalb die Märchengeschichten unwahr und die biblischen wahr sind.

»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin.

»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer freilich so dumm ist, wie du, hat keine.«

Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar nicht weshalb; aber es war mir angenehmer, zu denken, daß ich keine Seele habe. Es schien mir einfacher und besser, und gerade weil die andern alle eine hatten, gefiel es mir, keine zu haben.

Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte mich wieder in den Hasen.

Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte, mich über die Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen, erging es mir oft übel.

Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz desperat an den Schultern, um mich in die Ecke zu stellen. Ich aber, wild, bös und wütend, fahre mit beiden Händen in das Tintenfaß, das in die Bank eingelassen war, halte mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich nicht an, rühr mich nicht an!«

Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte nicht Lust haben, nähere Bekanntschaft mit meinen beiden schwarzen Tintenhänden zu machen -- und ließ mich unangefochten sitzen. Die Mädchen aber flüsterten untereinander: »Die ist klug, die ist doch schlau.«

Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus dem Munde der Kameradinnen mir sehr wohl that.

»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie nichts einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte, daß man mit Hochachtung mir behilflich war, die Spuren meines siegreichen Kampfes unschädlich zu machen.

Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen Schullaufbahn.

Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich mit mir; in der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine sanftere Art mit mir zu sprechen angenommen, als mit den andern Mädchen; aber es war nicht das Rechte. Ich war und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg aufzuweisen. Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd zurück.

Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es sah so unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte in erschreckender Weise vor.

Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen mußte, und der Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann dir's nicht erlassen, du mußt mit dableiben.« Ich beschwor ihn, ich bat ihn, ich küßte seine Hand.

Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.« Und so blieb es.

Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte mich zerbrochen, fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu tragen, so tausendfach ich sie verdient hatte. Als ich nach Haus kam, stand meine Mutter an der Treppe und reichte mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte mich kommen sehen.

Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich -- ich zitterte; ich hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen; -- aber es ging nicht, ich brachte mein Unglück nicht über die Lippen. Die Güte meiner Mutter rührte mich unbeschreiblich -- und ich nahm die Himbeeren, mit denen sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen und verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten. Ja, hätte ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt, nachdem ich das Gute genossen -- das erschien mir abscheulich, trotzdem alles in Angst und Verwirrung geschehen war, ohne daß ich recht wußte wie.

Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die schlimmen Angelegenheiten für immer zu verschweigen.

Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht darunter. Ich grämte mich -- aber ich konnte nicht reden -- ich wurde kränklich -- krank und bekam nach einiger Zeit ein Nervenfieber.

Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen Eindruck, der sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte. Ich sah einen kleinen Holzschnitt; durch Zufall kam er in meine Hände. Auf diesem Holzschnitt war der Tod als Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer schritt. Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte ihn an.

Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden; ich fiel bewußtlos zusammen.

Es war niemand zugegen, als mir dies geschah -- und niemand, als ich wieder zu mir kam; ich konnte mich vor Grauen, Furcht und Schwäche nicht erheben. Das schreckliche Bild war wie eingebrannt in meine Seele.

Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen. Die ganze Welt erschien mir unheimlich und entsetzlich.

Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man da leben? Wie konnten die Leute noch lachen?

Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht. -- Nun aber hatte ich ihn gesehen.

Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung verwandelt.

Und wieder mußte ich schweigen -- ich konnte nicht reden, fürchtete mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen. Mir war, als müßte dann die abscheuliche Gestalt sogleich ins Zimmer treten.

So hatte mein armes Herz viel zu tragen.

Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder, und das Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der Tod ist, vernichtete mich fast.

Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben, nur weiß ich, daß, als ich wieder aufgestanden war und nicht mehr gehen konnte, ich mich darüber verwunderte und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen.

In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam bei einem guten, freundlichen Manne Unterricht mit noch einem Mädchen. Unser Lehrer hieß Herr Bräunlich.

Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war ein behaglicher Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel in Form kleiner, netter Geschichten vorzuführen; aber immer noch schlief mein Lerneifer und war auf keine Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz.

Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern Stunden teil, vortreffliche Schülerinnen, klug und weise. Ich blieb mit aller Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb sollte ich es ihnen gleichthun? Ich sah den Zweck nicht ein.

Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig. Die Mädchen wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer am glänzendsten beweisen sollten. Wir hatten frei, uns die Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu wählen. Da überboten sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen. Kein Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für sie geschaffen -- die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts lang genug sein.

Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu traurige Lieder.

Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie hatten nicht unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich liebte diese kurzen, traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom Tode kannte und die schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll empfunden hatte, erschien mir das Leben nicht mehr harmlos und heiter. Ich liebte es nicht mehr, allein zu sein, ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging -- die Träume brachten mir schlimme Erscheinungen -- und das Bild des Todes stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene oder gedruckte Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern bringen.

»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich wieder einmal ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich gefunden und leidlich gelernt hatte.

Ich führte ein freies Leben -- täglich nur eine Unterrichtsstunde und diese wurde zur Sommerszeit im Garten gehalten. Herr Bräunlich verschmähte es nicht, als wir zur Heuzeit ihm einen großen Haufen Heu aufgestapelt hatten, auf diesem Platz zu nehmen und so seinen Unterricht zu erteilen.

Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte Zigeuner- und Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem Kasten das tollste Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte, Säbel, Decken, Mützen mit wallenden Hahnenfedern; wir besaßen prächtige Dinge. Wie in den Unterrichtsstunden, spielte ich auch bei den Spielen eine sehr untergeordnete Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin sein, oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es zufrieden und strebte nicht nach Höherem. Ich wußte auch, ich taugte zu nichts.

Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten, bevor der Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr dankbar und machte keine weiteren Ansprüche.

Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im Eifer drängte sich die Kammerjungfer oder der Hund vor, und that sich wichtig.

Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu vortrefflich, als daß ich mich ihnen hätte anschließen können. Sie kamen mir mehr oder weniger selbst wie Schulmeister vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl vor ihnen los.

Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause machten mir einen vertrauenerweckenderen Eindruck und waren auch samt und sonders meine Freunde, mit denen ich mich bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters und sommers. Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann, Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den Verfolgern um die Häuser huschen, das war etwas! Und wenn mich ein Mädel mit zu ihrer Mutter nahm und ich im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend essen durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein und warm!

Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig lehrte, war zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer, ein Würdiger kommen, einer, der uns in die höheren Wissenschaften einzuführen hatte.